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Fuld aer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadl Aulda.

Nr. 199

Mittwoch, 31. fluguft 1921

LerantwnttNch für den reoauionellen Zeil t.23.: A.Weßler, L , .. wr die An,e,gen: I. ParzeUer-Fuida. :: Rorattonsdrucku. Verlag der Kukdaer Acliendruckerei in Fulda, ii. Te'ear.-Adreise: Fuldaer Zeitung

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48. Zahrg.

61. GkiiMl-BeOWlMg der

JMWds.

Dierter Tag.

Jranffurf a. 2ttM den 30. Au-g. 1921.

Der letzre Tag dieser unvergeßlichen Frankfurter Rathclikentagung, das Ende dieser herrlichen Trost­stunden in lvildbeioegter Zeit, ist nun gekommen. Der letzte Tag war nicht anders als der erste: Maffen- andrang zu ollen Veranstaltungen, Ueberfüllung der Festraume, Roden, die auf Herz und Verstand den tiefsten Eindruck machten und schließlich immer wieder Begeisterung und stürmische Beifallskundgebungen aus* lösten.

Frankfurt a. M., die regsame Großstadt, stand auch äußerlich viel zu sehr unter dem Eindruck des Katho­likentages mit feinen Tausenden von auswärtigen Teil, nehmern. als daß nicht die allgemeine Aufmerk­samkeit sich auf ihn gerichtet hätte. Ueberall hörte man auch die Andersgläubigen von der Tagung reden. Biel- tausendköpfiae Massen umlagerten stundenlang die Ein- gonge zum Schumanntheater, um die führenden Män- «er der Tagung von Angesicht zu sehen. Mochten die verschiedenen Beurteiler aus den anderen Lagern noch fo krit'sch und abfällig über die katholische Sache an sich sprechen: alle gestanden, daß man die Wucht dieser Kundgebung des katholischen Volkes b e d i n • gun gslos anerkennen muffe. . Das Gefühl stolzer Freude hat m Frankfurt das katholische Herz erfüllen dürfen. Allerdings wurde man sich auch immer wieder der gewaltigen Aufgaben bewußt, die den deutschen Katholiken fetzt zugefallen sind, zu- aefallen in dem Augenblick, in dem Deutschland um 'ein Leben bangt.

Die Begeisterung, die aus den Augen der Tausen­den der Versammelten leuchtete, gibt uns Hoffnuna und Vertrauen. Begeisterung war wieder das Kennzeichen der D'enstagsvsranstaltungen. Sowohl die Volks­vereinsversammlung am Vormittag als auch die anschließende aeschloffen« Hippodromversammlung waren überfüllt. Sie brachten ausgezeichnete Referate, deren reichen Gedankeninhalt leider kein Bericht auch mir andeutungsweise vermitteln kann.

Den Schluß- und einen abermaligen Glanzpunkt der Taguim war ine lebte Versammlung im Schumann- theater. Wieder sind 20 000 Personen zur Stelle: bis auf den obersten .Kranz des Amphitheaters hinauf drängen sich die Waffen. Wieder werden dis Hochw. Herren, darunter auch Bffchoi Joseph Damian von Fulda, jubelnd begrüßt. • Die Redner d'eses Nach­mittags aber bildeten die Elite unter den Männern und Frauen, dir in Frankfurt das Wort erareifen durf­ten. Pfarrer Dr. V i o n t e k-Kösffn warb um das In­teresse der Katholiken Deutschlands für d's Diaspora­not. besprach die Mittel und Wege, schwankende und entfremdete Glaubensgenoffen wiederzugewinnen. Aus der praktffchen Seefforae heraus gab er Hinweise, die niibt nur praktisch, heilsam, sondern auch herzergreifend wirkten.

Ihm folgte auf dem Rednerpult der erste katho­lische Fachmann für Preffefraaen, Dr. Eberl e-Wien, der über die katholische Presse der Genen- mart sprach. Er fesselte seine Hörer in seltenem Maße. In gespannter Aufmerksamkeit verfolgte man die gefft- vollen, kenntnisreichen Ausführungen und unterstrich mit jubelndem Beisall die Aufforderung: allgemeine Mitarbeit zur Stärkung der kacholffiffen Preff«, damit sie so werde, wie es der Stärke und Größe der katho­lischen Sache entspricht. Als letzter Redner erschien ^schließlich die sympathische Gestalt des Bischofs .Ottokar Prohaczha aus Stublweißen- burg (Ungarn) auf der Bühne. Im Ramen Un- g a r n s dankte er dem ganzen deutschen Volke für die mit Gut und Blut bewährten Freundschaft. Minuten­lange KunN-gebungen dankten dem Redner für die Ver- sichenmg von der unverbrüchlichen Dankbarkeit Ungarns für das bewunderte Deutschland. Dem eigenartigen Reiz, den ungarischen Kirchenfürstm zu hören, der die Deutfdje Sprache fließend, aber doch mit besonderem Tonfall handhabt, konnte sich niemand entziehen. Mit einer Beredsamkeit von so natürlicher Gewalt, daß das einzelne Wort gor nichts mehr für den Eindruck aus­machte, pries er die hl. Kirche als d^n Hort der Auto­rität, als das Bollwerk gegen den Untergang des Abendlandes. Mit schneidender Schärfe rechnete er ab mit den irrigen Ideen unserer Zeit. Der Beifall dauerte fast ununterbrochen, als er die Stellung der Katholiken Mr Demokratie darlegte und auseinander­setzt«, daß wir die richtige, die christliche Demokratie freudig begrüßen, von der Demokratie des Geldsackes, der Prositgier, der Korruption aber nicht dos geringste wissen wollen. Mit prophetischem Schwung zeichnete er zmn Schluß das Bild der deutschen Zu­kunft im Zeichen des christlichen Glaubens: Deutsch, land träat die Ideale der ganzen Welt auf den Schul- tern. Wie der dl. Ebrsstophorus, der das Iefuskindlein trug, so w'rd Deutschland durch Armut und Rot hin­durch das sichere Gestade des Sieges erreichen. Diese Rede war ein kostbarer Edelstein. Abgesehen von ein­zelnen Wendungen, die nur vom ungarischen Stand­punkt aus verstanden werden konnten, fanden olle Ausführungen die jubelnde Zustimmung der Versamm­lung. Zum Schluß durchbrausten Hochrufe minuten- fana das Haus.

D'e Schlußrededes Präsidenten gab der berechtigten Freude über den herrlichen Derlauf der TaMng Ausdruck. Er würdigte den Besuch des Nun­tius, der Bischöfe, des Reichskanzlers, der Mnifter, her Parlamentarier, aller Stände des Volkes: einig in dem Willen, sich ’-um katholischen Deutschland zu bekennen. Mit dem Gruße: Gelobt fei Jesus Christus wurde die unvergeßliche Tagung geschlossen. Nach der Schlußrede des Präsidenten richtete der Hochw. Herr Bischof von Fulda noch einige Abschiedsworte an die Versammlung und erteilte den bischöflichen Segen. Dr. K.

Drill« geschlossene Versammlung.

Fast unmittelbar nach Schluß der Generalvcr- sammlung des Volksvereins, über die wir morgen berichten werden, nahm die dritte geschiof- fene Generalversammlung b:r Katholiken Deutschlands im Hippodrom unter dem Vorsitz des Gchsimrats Held ihren Anfang.

Um 7¥s Uhr morgens war für die verstorbenen Mitglieder der GeneralversamMungcn tot Dome ein Requiem abgehatten worden.

Es wird sofort in die Tagesordnmrg eingetrsten. Unioersitätsprofessor Dr. Georg Briefs-Freiburg sprach zu dem Thema:

Die Geltung deS christlrchen Sittengesetzes in der Wirtschaftsordnung.

Der Vortrag ging von der Taffache aus, daß die mo- derne Wirtschafts- und Gesellschaftsoerfaffung vom christ­lichen Gesellschafts- und Wirffchaftsideal weit abgerückt fei. Die Blüte dieser modernen Wirtschaft vor dem Kriege habe manchen darin irre gemacht, daß das christliche Sittengesetz auch für die Wirtschaft Geltung hoben müsse. Heute, noch Krieg, Revolution und Friede sei ein gründlicher Szenen- wandel eingetreten. Ueberall höre man das Wort von der notwendigen Versittltchung der Wirt­schaft, vom Gemeinschaftsgeist und der Verantwortung auch im Wirtschaftsleben. In der Härte der furchtbaren Erlebnisse der letzten sieben Jahre ist dieser neue Geist aufgewacht, der wieder Sinn habe für ewige Wahrheiten und für objektive sittliche Werte. Der Redner behandelt dann in kurzen Ausführungen am Beispiel der mittel, olterlichen Wirtschaftsverfassung die christliche Wirffchasts- «doe und schildert, aus welchen Gründen sie allmählich in Verfall kam. Auf chren Verfall folgte die sogenannte individualistische Wirtschaft und in chrem Gefolge eine neue Wirtschaftsmoral und des skrupulösen Erfolges, die dann mit erschreckender Schnelligkeit die alte Sozialmoral obbaute und ein ganz neues Weltbild herauffühtte, dessen Gipfelpunkt« die Gedanken von Darwin tmb Marx darstellten. Diese neue Wirffchaftswelt löst die Einheit der Völker in Interessen auf, die sich wütend bekämpfen: Der Klassenkampf ist die charakteristische Erscheinung des gangen Zeitalters. Der Redner schildert dann die kritischen Punkte der modernen Wirtschaftsverfaffmig; er sieht sie darin, daß die Verfügung Über die wirtschaftlichen Dasemsgrundlogen des Voltes in die Hände weniger kapi- talgewaltiger Magnaten gelegt sei, bk nicht nach den Ge­sichtspunkten der Volkswohlfahtt, sondern nach prioatwirt» fchaftlichen Lnteressenerwägrmgen Verfügung treffen. Da­mit treffen sie gleichzeitig Verfügung über das Lebens­geschick ganzer Berufsstände. Aus den modernen Arbeits- und Wirtschaftsmethoden wachsen Gefahren für Lebens­und Kulturwerte hervor, aus dem unkontrollierten Entfett- wngsdrong der Wirtschaft Gefahren für den sozialen und politischen Frieden der Völker. Die katholische Sittenlehre und Sozialphilosophie hat von scher schwerste Einwendun­gen gegen die individualistische Gesellschafts- und Wirt- schastsversassung erhoben. Das letzte große Dokument war die Enzyklika Rerum Rovarum von Leo XIII. Für diese auf christlichem Boden erwachsenen Gesichtspunkte ha­ben die Völker Europas erst Verständnis bekommen, als es zu spät war. Umsomehr gift es, heute beim Aufbau einer neuen Welt dem christlichen Gedanken bestimmenden Cmfluß zu verschaffen. Unsere Verantwor­tung ruft uns zur Mitarbeit an dem neuen Dau von Wirtschaft und Gesellschaft, in dem noch ungeborene Ge- schlechter leben sollen. Gerade wir, die wir die hohe 3tee einer dos ganze Corpus chrfftnmum umfassenden solida­rischen Verantwortung anerkennen, dürfen uns der Ver­antwortung für die kommenden Geschlechter am aller­wenigsten entziehen. Das gehört mft zu jenen Pflichten, die das Wort Christi ausdrückt: „Gebt Gott, was Gottes, und dem Kaiser, was des Kaisers ift."

Dis Resolution, der der Katholikentag unter dem fefen Eindruck dieser Rede zuftimmte, bat fotoenben Wortlaut:

Angesichts der im ganzen Geistesleben unserer Zeit vom Rationalismus herbeigeführten Auflösung alles organischen Gemeinschaftslebens geht durch alle Kreise unseres Volkes eine tiefe Sehnsucht nach neuer Lebensgemeinschaft. Sie reicht bis in die Kreise derjenigen, die sich von der Kirche abgewandt haben.

Die Generalversammlung der Katholiken Deutschlands betrachtet es als eine Aufgabe der deutschen Katholiken, an dieser Erscheinung nicht achtlos vorüberzugehen, sondern in ernster Selb st Prüfung darüber sich klar zu wer­den, wie weit auch sie der Entfrenchung von der lebendigen Lebensgemeinschaft verfallen waren. Ihnen war das Ge­fühl für die unverbrüchliche Heiligkeit des Familienlebens unb des über feine engen Schranken hinausgehenden Ge­meinschaftslebens der bürgerlichen Gemeinde, der arbeite- und Berufsgemeinschaft der Stande und der Schicksals- gemeinschast des Volkes abhanden gekommen. Sie müsse erkennen, daß der Sozialismus die letzte Folge die­ser Zersetzung des Gemeinschaftslebens mar. der an die Stelle ter naturgewachsenen Gemeinschaftsordnung einen künstlich gemachten Gesellschaftsmechanismus setzen sollte, daß aber anderseits die aus ter Menschennatur emportrei- benden Lebenskräfte nach neuer Gemeinschastsbildung hin­drängen, die jedes Zugeständnis an den Individualismus des kapitalistischen Zeitalters leitenschaftlich abweisen.

Daraus ergibt sich für die deutschen Katholiken die Auf­gabe .nicht bloß 1. den Sozialismus mit verstantesmäßigen, wissenschaftlichen Beweisgründen zu widerlegen, sondern 2. durch den Geist echter Liebe und durch praktische De- tätigung ter christlichen Brüderlichkeitsgesinnung, die keinen Volksgenossen ausschließt, ein lebendiges Zeugnis für die ewige Wahrheit und die sieghafte Kraft der Religion Christi tn die zerrissene Welt ter Gegenwart hineinzustellen. Die­ses Zeugnis wird abgelegt von jedem, ter aus einem I ch - menschen zum Gemeinschaftsmenschen wurde und als solcher sich betätigt m Familie, in Beruf, Staat und Volksgemeinschaft.

Hierauf wendet sich die Generalversammlung zur Erledigung der vorliegenden

Anträge.

Zu den die Schul fragen betreffenden Anträgen wurde auch folgender Antrag angenommen:.

.Die G.-V. der Katholiken Deutschlands wendet sich gegen alle Bestrebungen, die darauf hinzielen, den weiblichen Einfluß in der öffentlichen Mädchen­bildung und Mädmenerziehung zu schmälern. Sie erhebt insbesondere Einspruch gegen die, Ver­drängung der Lehrerinnen von der Oberstufe der

Volksschule durch die Mischung der Geschlechter. Sic hält ferner allen Versuchen auf Einführung der ver­heiraten Lehrerin zum Trotz fest an dem alten kathc- tischen Ideal der Lehrerin, welche sich ihrem Berufe mit ungeteilter Hingabe in freigewählter Iungfräu- lichkeit widmet.-

Zu drn Anträgen zu Kulturfragen und speziell zur Frage der Bekämpfung der Schundfilms fordert Monsignore W a l ter b a ch - München eine schärfere Filmzensur. Es dürfe nicht alles nur nach Berliner Moralbegriffc-n beurteilt werden. Man müsse aber dem Unwesen der Schundfilme auch wsitiv mit eigenen einwandfreien Leistungen entgegen- reten. Pfarrer Braue r-Köln ermahnt als techni- cher Leiter dcr Kölner Lichtbildirerei zum Zusammen- chluß aller auf diesem Gebiet tätigen katholischen Or- ganisationen, der, wenn er wirkungsvoll werd«: solle, noch heute in Frankfurt erfolgen müsse.

Dftfe Anträge werden darauf ebenfalls emftimmig angenommen. Ebenso mit lebhaftem Beifall ohne Er­örterung diu Anträge über die Unterstützung der deutschen Katholiken in Südrußland, sowie über Bildungssragen, Presse und Erneue- rung des Gemeinschaftlebens.

Weiterhin gelangte ein Sammelantrag des General­sekretärs Prof. Dr. D o n d e r s unter großem Bei­fall zur einstimmigen Annahme. Er begrüßt die Mit- arbeit der sämtlichen katholischen Vereine am religiösen, sittlichen und wirtschaftlichen Aufbau unseres Vaterlan­des in schwerster Zeit. Der Katholikentag empfiehlt den Borromäusvrrein allen Gemeinden ange- legentlichst zur Einführung. Ferner lenkte er die Auf- merksamkoit der Katholiken auf den Albertus» Magnus-Verein und Hildegardisver- ein. Den katholischen Lehrern und Lehrerinnen arbührt der Dank des kathol. Volkes für ihre Tätig- keft im Dienst des kath. Schulideals. Den Frauen wird der Anschluß an den kathol. Frauenbund empstchlen. Die Versammlung begrüßt die segensreichen Arbeiten des Caritasverbandes für das katholische Deutschland.

Kardinal Faulhaber hat die nächstjährige Generalversammlung nach München ein- geladen. Die Einladung wird mit großem Beifall aus­genommen und das Zentralkomitee ermächtigt, evtl, seinerseits endgiltigr Bestimmung über die Wahl des Ortes zu treffen.

Drille öffentliche Versammlungen.

Präsident Geheimrat Held eröffnet die wieder sehr stark besuchte Versammlung um 5 Uhr nachmittags. Das Haus ist durch eine starke Polizeiwache geschützt, w?il dir Kommunisten angeblich dm dritten Redner, den ungarischen Bischof Prohazka, am Sprechen ver- hindem wollen. Es sind aber zunächst keinerlei An- samiM'lungen vor dem Gebäude zu bemerken.

Zunächst spricht Pfarrer Dr. Pionlek-Köslin über: Die Stärkung der wankenden, Sammlung der Entfremdeten.

In ter Diaspora ist die Zahl der hn Glauben Wanken- den und tetr Kirche Entfremdeten besonders groß. Der Redner empfahl nachdrücklich den Bonifatius-Der- e i n, ohne den ein engmaschiges Netz von Seelsorgstationen zur Rettung der Gefährdeten und Verlorenen nicht ge­schaffen werten könne. Er wandte sich an alle, die mit der Vorbildung unseres Klerus zu tun haben, und bat sie, den Kandidaten des Priestertums eine gründliche Kenntnis der Diaspora zu vermitteln, jeder Surat in den bayerischen Bergen, jeder Pfarrer hn Moseltale, jeder Kaplan im Münsterlante müsse wissen, welches die Nöten und Hilfs­mittel der Diaspora seien. Fenier bat der Redner die Katholiken ter Heimat, mit den in die Diaspora abgewan­derten in Verbindung zu bleiben, durch häufigen Briefwech- sei und gegenseitige Besuche. Warm empfahl er die Pflege des katholischen Vereinswefens. Jeter Katholik müsse Mne Zeit und feine Mittel zunächst den katholischen Vereinen widmen, und erst wenn dies geschehen, dürfe er erwögen, ob er sich auch noch einem religiös neutralen Verein anschließen solle. Durch die katholischen Vereine würde der Verkehr von Haus zu Haus, von Familie zu Familie angebahnt, und gerade dadurch würden die Ent- fremdeten wiedergewonnen, die Wankenden gefestigt. Den Akademikern legt« der Redner di« Pflege des katholischen Vereinswefens besonders ans Herz: durch chre Teilnahme könne das ganze Vereinsleben vertieft und veredelt wer­den. Endlich betonte ter Redner die Wichtigkeit des ka­tholischen Buches. Mr dürften uns nicht mit Büchern begnügen, die Mos einwandsfrei seien, sondern bewußt katholischeBücher täten uns not, um die Wankenden und Entfremdeten wiederzugewinnen. Solche Bücher müß- ten wir kaufen und lesen und unter unseren Bekannten verbreiten. Jeder solle es sich zum Grundsatz machen, zu Weihnachten, bei Namens- und Geburtstagen und ähnlichen Gelegenheiten nur ausgesprochen katholische Bücher zu schenken. Don ter Durchführung dieser Ratschläge erhofft der Redner ein neues AufMühen des (Bartens der katho­lischen Kirche Deuffchlands.

lieber das gleiche Tbema sprach in Hippodrom Pfarrer Dr. Konrad Gröber-Konstanz.

Wie ist es zurzeit um Me katholische Rekigicm inner­halb ter neuen deutschen Republik bestellt, welches sind die Gründe, derentwegen manches Schwanken und Danken, und mit welchen Mitteln können mir die Zweifelnden stär­ken und die Entfremdeten sammeln? Wir haben die Be­lastungsprobe als religiöse Gemeinschaft in den letzten Jahren imvergleichlich besser überstanden als andere, und doch treten auch bei uns Erscheinungen auf, die zu denken geben. Die kirchliche Statistik Deuffchlands belegt zahlen­mäßig, daß namentlich in den Städten eine wachsend« Menge dem Gottesdienst fern bleibt ober ihre Osterpflicht nicht erfüllt; daß die Ehescheidungen und Nur-Zivilehen sich mehren, die Mischehen immer noch einen Krebsschaden am katholischen Dolkskörper bitten, ja, daß die Austritt« aus der Kirche zumal in manchen Inbustri eg egenden be­ängstigend zunehmen. Die Statistik gibt uns unverzuckerte Wahrheit, die herb schmeckt, die aber tausendmal besser ist als eine verhängnisvolle Täuschung. Wo liegen die tie­feren Ursachen tes Bebens bet religiösen Seele oder gar der Zusammenbrüche? Der letzte Grund aller Glaubensschwierigkeiten erklärt sich aus dem Wesen des Glaubens. Nicht eis ob ter ©laufee Wider-

fpruchsvolles enthalte, sondern, weil er eine übernatürlich? Tugend ist, die sich nicht allein auf der Erfahrung und dem forschenden Verstand aufbaut, sondern auf der Autorität Gottes und die freie Zustimmung des Willens erfordert. Andere Ursachen liegen mehr auf der Oberfläche. Wir sind Kinder unserer Zett unb den Strömungen ausgesetzt, di« aus dem Zeitcharakter quellen. Nun gibt es transzenden- täte über weltlich gerichtete Perioden, und andere mit mehr materieller Prägung. Der mittelalterliche Mensch z. B. war ein glaubensfreudiger Mensch. Er schaute über die Erd« hinaus zur Sonne und den Sternen, wie die betenden Dome, die mft ihren Kreuzblumen in den Himmel tauchen, uns umwogt ein anderes Leben. Während das Mittel- alter überall Gott und das Munter sah, sind wir geneigt, überall die Welt und die innerweltlichen Ursachen zu ent« tecken. Darum bis vor kurzem die Scheu vor jeder Meta­physik. Das steckt uns allen mehr ober minder im Blut, und nimmt uns jene kindliche kampflose Glaubensfreudig­keit und jene poesievolle Hingabe an das Unersorschliche. Dazu die nervös« Hast, die ständig noch Neuem drängt und dem Menschen selten Zeit läßt, sich über das Rene ernstlich Rechenschaft zu geben. Auch die Schule ist unter den Schuldigen zu nennen, die den Menschen religiös ins Wanken bringen. Der wahre Menschenbildner sieht im Kinde eine nach Blüte, Schönheit und Gluck ringende junge Menschmse^.e, ein Stück wertvoller Voikskraft und Dolkszukunft. Dem Hrstilichen Lehrer bedeutet das Kind noch west mehr, es erscheint ihm als Gotteskind und Erbe der Ewigkeit. Es gibt leider Schulmänner, di« es ver­schmähen, christliche Lehrer zu sein, ja darauf ausgehen, die Glaubcnsgrundsätze zu verwifchen und die Kinder zu modernen Menschen zu formen ohne Ausblick auf di« Ewigkeit. Was Wunder, wenn bann so manche zarte Seele erfriert unb verkümmert! Was bebeuten schließlich zwei Religionsstunben in rer Woche, wenn täglich ter Kamps irm bie Seele tobt? Oder, wenn es durch Schulordnung und Gesetz oerbofen ist, in Jugend- vereinen unb Kongregationen den religiösen Eifer unb bi« sittliche Kraft zu stärken? Auch die Gefahr von Seiten der Mftschüler dürfen wir umso weniger unterschätzen, als allem Anschein nach von einer gewissen Partei das Kind mit Absicht dazu benutzt wird, vor seinen noch unberührten Gefährten nicht nur die Autorität der Kirche, sondern auch das Dasein Gottes mit den Redensarten ter Alten abzu- leugnen. So werten die Wellanschauungskämpfe in die Schulbänke und auf die Spielplätze getragen. Und bann bie Flepeljahre mH ihrem unbändigen Unabhängigkeits- brang, bi« Pubertät mit ihren bittersüßen Kämpfen, die Atmosphäre so mancher Fabriken unb Werkstätten, Der- kcmsshäuser und Schreibstuben, die Gefahren ter glaubens- fremden Lektüre, für Diele endlich die schwere Belastungs­probe durch bie Hochschuljahre mit ihrer lockenden Freiheit, dem Sturz ins Leben, dem verheerenden Dei- fpstl der Kommilitonen, den so sicher vvrgetragenm alles Uebernatürliche zerstörenden Theorien! Nehmen Sie noch dazu, daß vor dem Kriege die gläubigen Katholiken von einer eigentlichen Karriere im Staatsdienst ausaefch'ossen waren, denken Sie an unsere ungläubigen Grftllschasts- freife, an die ungläubige Presse, bann begreifen Sie, daß mancher mit schwächerem religiösen Rückgrat zum Nomens« kotbolik wurde, falls nicht etwa die Ebe mit einer gut ka­tholischen Frau Rettung brachte. Und dann erst. die Diaspora! Wie vielen schaufelte sie das Grab ihrer Kirchlichkeit, wenn auch manche grade hier sich ihres Glau­bens wieder froh bewußt wurden unb sich unb ihre Kinder zum heldenhaften Opfermut erzogen.

Wohl versprach ter Krieg einen wunderbaren Glau­bensfrühling, ein reines Gottesiahr. Aber dem Ueber- fchwall folgte eine Reaktion. Dazu kam die Lüge, daß die Kirche nichts tue, um all dem Elend Einhalt zu ge­bieten, daß sie den Mut nicht finde, den Mächtigen der Erde die Wahrheit zu sagen. Und nun flutete das ge­schlagene Heer heimwärts, und mancher brachte neben ter militärischen eine schwere sittliche Niederlage heim, unter ter fein Kirchenglaube sich bog oter zerbrach. Statt des Krieges hotten wir nun die Revolution und mit ihr die Antoritätslosiakeit. Manche jungen Leute aingen nach den Entbehrungen tes Krieges darauf aus, sich in einem Schieber- und Genießerimn zu entschädigen, das zur Derdirnung ter deutschen Seele führte._ Und nun setzt« noch die organisierte Agitation ein. begünstigt durch die unruhigen Zeitläuse, die Erregung der G-müter, die neue Reichsverfastuna. Ich erinnere an die Propaganda der Sekten, ein Stück Stmerrfanerhrm Hept darin, nüchter­ner Realismus, vereint mit der Auspeitschung des reli­giösen Gemüts dmch Sensation, durch das krankhafte innere Erlebnis, durch chiliastifchr Prophezeiungen. Aber auch der Unglaube regit sich auf der einen Seite unter dem Schlagwort „Religion ist Privatfache", auf ter ande­ren im Monistenbund und in den freireligiösen Organi- fationen.

Als Gegenwirkung müssen alle Kräfte feier Zusammenwirken, Priester und Laien. Mag die Kirche ihre Wahrheit und Schönheitsmacht entfalten, in Liturgie, Predigt und persönlicher Seelsorge! Allgemein« Seelsorge fft notwendig für die Besitzenden unb für bie Proletarier und für biefe erst recht. Aber doch keine Dro- fetorifierung ter Kirch«, kein Aufgehen im werktätigen Volk, kein Abstößen Einzelner, sondern ein Anziehen aller! Intensive Seelsorge muß auch auf dem Sa n b e grübt werden. Der Krieg, die Berührung mit dem Großstädter im Schützengraben und Lazarett Hot manche Fänlniskeime auch aufs Land hinousgeirogen .und ter neue Wohlstand zieht den Sinn von den ewtoen Gütern ab. Durchmiffio- itierung ist das bewährte Mittel. Die Orden lind heute nicht mehr gehemmt durch Postzeiftock unb Spitzeltum, nein, sie sinb frei, wie ter deutsche Bürger frei ist, nicht um den Stoatsbestonb stark zu gefährden, sondern um, ortt Aufbau des beuffchen Volkes zu arbeiten. Trost Meter schätzenswerten Stärkung scheinen mir die innerkirchlichen Organe nicht mehr zu genügen, sondern noch ter Laien- feilfe zu bcdürsen. Zusammenarbeit im Aposto­lat der Politik! Die Reliaton soll der Politik das Wertvollste geben, die höchsten Richffinien und Grundsätze und bas Verantwortunasoesühl vor Volk, Gewissen und Gott. Zusammenschluß im Apostolat bet ka- tholischen Wissenschaft! Die Kirche muß auch in Zukunft eine erste Kulturmacht fein. Auch die Kunst ist eine Führerin zu Gott und zur Kirche. Auch in bet heutigen Kirche ist ein Sehnen zu verspüren, das von der Materie hinweg zum Geiste drängt, das beten möchte unb nach Gott schreit. Die politische Bedeuiung der k a t h v- lifchen Presse fft längst erkannt, und in Sonntags» blättern und Femlletons ist auch bie telmiös« Aufgabe die» fer Presse zum Teil glänzend m Angriff genommen wor­ben, aber bie es am nötigsten hätten, lesen biefe Presst nicht. Darum muß irgend eine religiöse Publikation grat’« ins Haus. Was Sekten und Kommunisten können, muß