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FuldaerZeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

Nr. 197.

Berautworriich für den ceüallionellen Teil i-D-: A.Wehler, z für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actienüruckerei in Fulda, ^erniprecher Nr. 8. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung.

Montag, 29. Kugust 192).

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48. Zahrg.

61. Genml-VerskmUg der WsliKen JesWtts.

Erster Tag.

Frankfurt a. M., 27. August 1921.

Viele Jahre haben wir Katholiken den Trost der glanzvollen, erfrischenden Tagung der deutschen Katholrken entbehren müssen. Durfte man nach dem Elend der Kriegs- und der Nachkriegszeit überhaupt hoffen, daß eine allgemeine Versammlung der Katho­liken, wie sie vor dem Kriege in so imposanter .Weise alljährlich stattgefunden hatte, noch einmal smöglich sein würde, daß es schon im Jahre 1921 ^wieder möglich sein würde? Auch wer diese Fragen mit dem zuversichtlichen I a beantwortet hätte, würde Heute in staunender Bewunderung dastehen, da in .'Frankfurt a. M. die Generalversammlung der Katho- fifeit Deutschlands im herrlichsten, ungeahnten Glanze ihre Auferstehung gefeiert hat.

Dem eingehenden Bericht über die Tagung sei in diesem Vorwort aus dem frischen Gefühl des Miterlebens heraus eine kurze Darstellung der Höhe­punkte vorausgeschickt. Der Eilzug, der am Sams­tag um 1 Uhr Fulda verläßt, war mit Fuldaer Katholikentagsbesuchern, Geistlichen und Laien reich­lich befrachtet. Frankfurt a. M. nahm die Gäste, die in den Abendstunden von allen Seiten her heran- skamen, mit großer Freundlichkeit auf. Ueberall Fahnenschmuck, Blumen, freundliche Begrüßung. Um 6 Uhr abends erscholl feierliches Fe stg eläut e von den katholischen' Kirchen über die Großstadt. Erschütternd stand man am Fuße des flaggengeschmück- ten Domturmes, der in ewiger Ruhe und Schön­heit auf das wirre Straßentreiben herunterschout.

Der Begrüßungsabend fand im Palmen- «arten, an Lieser herMrragenden Repräsentationsstätte Frankfurts, statt. Die Frankfurter halten bei der Aus­wahl des Festraumes offenbar mit einer weit geringe­ren Teilnehmerzahl gerechnet. Schon um 7 Uhr konnte niemand mehr den PalmenMrtenfaal betreten. Die ^zahlreichen Männer und Frauen, die später kamen, sammelten sich auf der wunderbaren Terrasse des Pcck- «nmgctiens, wo eine Parallelversammlung abgehalten wurde. Drinnen und draußen gingen die Wogen der Begeisterung hoch als ReichskanMr Dr. Wirth, Ministerpräsident Stegerwald und triefe andere .führende Männer des katholischen Deutschland er­schienen, um ihre Zugehörigkeit zum katholischen Volke Deutschlands zu bekunden. Laut erbrausten die Hoch­rufe auf den hl. Vater, mächtig erklang die Papst­hymne und pflanzte sich fort durch dm festlich beleuch­teten Garten. Begeisternde Worte aus katholischen Herzen wurden gesprochen. Auch Vertreter des Aus­landes kamen zu Wort und unvergeßlich wird mir der schlichte Ordensgeistüche bleiben, der, umringt von einem tausenköpfigen, bunten Großstadtpublikum m spanischer Sprache von der Terrasse mit leiden­schaftlicher Beredsamkeit das hehre Gute des gemein­samen katholischen Glaubens pries.

Den großartigen Auftakt am Samstag abend über­trafen noch weit die Veranstaltungen des Sonntages. Schon das Pontifikalamt im Dom und die überfüllfe erste geschlossene Versammlung übertrafen alle Erwartungen. Tränen der Rührung aber stiegen einem in die Augen, als die gewaltigen Massen von Glaubensgenoffen am Mittag im Schumcmntheater sich zu wuchtigen Kundgebungen immer wieder zusam- menfanden. In dem gewaltigen Amphitheater rausch­ten immer wieder neue Beifallsstürme auf: als der Reichskanzler und der preußische Ministerpräsident er- schiMM, als der päpstliche Nuntius Pacelli den Saal betrat, als dann der Präsident, Geheimrat Held-Re­gensburg, in glänzender Begrüßungsrede alle aktuelle Fragen anschnitt, die das Herz des deutschen Kacholi- ken jetzt bewegen. Auch der Nachruf für Erzberger wurde nm eindrucksvoller Kundgebung ausgenommen. Die Liebe der deutschen Katholiken zum deutschen Va­terlands kam unzweideutig zum Ausdruck. Endlose Jubelstürmo erfolgten, als der Vertreter des hl. Vaters, Nuntius P a c e l l i, in deutscher Sprache die Verfamm- lmig begrüßte und liebevolle Worte für das schwer leidende deutsche Volk fand. Ws et den päpstlichen Segen erteilt hatte, setzte eine Kundgebung für den Vertreter Papst Benedikts ein, die minutenlang den Raum, in dem wohl 15 bis 20 000 Menschen ver­sammelt waren, machtvoll durchflutete. Em weiterer Höhepunkt war die folgende Rede des Bischofs von Limburg. Beifall, Händeklatschen, Bravo­rufe, unterbrachen häufig die kraftvollen Ausführungen, so z. B. als er gegen die Hetzereien desReichsboten" MMk den Nuntius Protest erhob. Der Begeisterung war kein Ende. Sie wurde durch die gediegenen Re­ferate noch weiter gehoben. Das herrlich- Sommer­wetter, festlicher Sonnenglanz, gab der Tagung die rechte Feierstimmung. Durch einim Umzug der Unab- hängrgen Sozialdemokraten, die angeblich wegen der Anwesenheit ungarischer Vertreter dm Kathcriikentag sprengen wollten, wurde die Versammlung nicht ge- sto^. Man wußte, daß eure Hundertschaft grüner SWorheitspolizei, die mit Handgranaten und sonstigen Nahkampssmittuln in einem Seitenhof des Schumann- theaters aufmarschiert war, die Ordnung gewährleisten wu^e. Gleichzeitig mit der Tagung im Schumann- Mater fanden mehrere Paralleloersammlungen statt. An der Versammlung im Hypodrvin nahm auch der hochw Herr Bischof von Fulda teil, der schon

Pontifikalamt am Vormittag beigewohnt hatte. m ... Dr. K.

Begeutzungsabaud.

Am Vorstandstische bemerkte man neben einer V°lhe von geistlichen Würdenträgern, wie den Bischof ^r. Ktlian von Ltmburg, Bischof Dr. Schmitt von FMda, den Domdekan Htlpisch, den apostolischen Aar HennemanmLtmbutg u. a. Reichskanzler S? Wirth, den preußischen Ministel Präsidenten ^reaerwald. Den Fürsten von Löwensteüt, Minister

v. Brentano-Darmstadt, sowie die Abgg. Dr. Porsch, Herold, Held und Leicht.

Die Eröffnungsversammlung im Palmengarten fand eine würdige Einleitung durch den Chorgesang Die Himmel rühmen", an den sich ein von Mathieu Pfeil vom Schauspielhause meisterhaft vorgetragener Prolog und Schuberts Allmacht schlossen, gesungen von Emma Holl von der Frankfurter Oper.

Hierauf wurde die Versammlung von dem Vor­sitzenden des Lokalromitees, Landgerichtsrat D r. Ser­vatius, begrüßt. Mit dem altehrwürdigen katholischen GrußGelobt sei Jesus Christus!" erinnerte der Redner daran, daß seit der Generalversammlung in Metz nach achtjähriger Pause die Katholiken Deutschlands zum ersten Male wieder sich zu ihrer Heerschau zusammen» gefunden hätten. Er gedachte mit Wehmut der ver­storbenen hervorragenden Mitstreiter, wie Münzen, berget, von Bodmann, Haffner, Heinrich, Lieber, Windt- borst usw., die an den früheren Tagungen in Frankfurt 1863 und 1882 teilgenommen haben. Wie vieles habe sich seitdem geändert; aber geblieben seien die alten Bürgertugenden der Stadt und vor allem der glaubens­starke, treue und opferwillige Gerst, der schon zu Zeiten der früheren Generalversammlungen die katholische Be­völkerung Frankfurts ausgezeichnet habe. (Beifall). Der Redner sprach allen denen seinen Dank aus, die an der Vorbereitung dieser glänzenden Tagung mitgewirkt hätten. Rettung und Wiederaufbau unseres Vater­landes und Gesundung des Volkes seien nur durch das Christentum mit seiner Gotteskraft möglich. Wenn Gott nicht das Haus baue, so arbeiteten die Bauleute vergeblich. Redner begrüßte schließlich mit besonderer Freude die Frauen, die zum ersten Male als gleich­berechtigte Mitglieder an dieser Tagung teilnehmen könnten, und schloß unter lebhaftem Beifall: Mit neuem Mut und frischer Zuversicht wollen wir unS um die Kreuzesfahne scharen! In hoc signo vinces! (In diesem Zeichen wirst du siegen!) In daS auf den Papst aus­gebrachte Hoch stimmte die Versammlung mit Begeiste­rung ein, worauf von der Versammlung die Papst» Hymne ongestimmt wurde.

Inzwischen hatte infolge des andauernden An­dranges eine zweite Versammlung im Garten abge­halten werden müffen, die durch meisterhafte Dar­bietungen des katholischen Männergesangvereins erfreut wurde. Im Namen der Stadt Frankfurt begrüßte sodann Oberbürgermeister Voigt die Er­schienenen in der festen Zuversicht, daß die Versamm­lung, die schon zweimal in den Mauern Frankfurts getagt habe, zur friedlichen Aufwärtsentwickelung des ganzen deutschen Volkes förderlich und segensreich sein werde.

Oberbürgermeister Voigt bringt km Namen des Ma­gistrats und der Bürgerschaft Gruß und Dank für die Wahl Frankfurts als Tagungsort. Ein treu arbeitendes und ordnunglstbendos Drittel der Frankfurt« Bevölkerung sei katholisch, das Verhältnis zu den Mitbürgern ausge­zeichnet. Die fürsorgliche und vornehme Art der Geistlich- feit sei besonders zu rühmen. Frankfurt sei eine soziale Statt; die Bürgerschaft habe stark sozial-charttattve Ten- denM; das habe auf dir Stadtverwaltung bestimmend ein- gewirkt. Diese Tendenzen verbinde die ganze Stadt mit dem Katholikentag, der ja auch die Fragen des Arbeite» rechts, der Mittelftlmdssiirsonge und des Volkswohls mit Nachdruck behandle. Unter den positio-schöpferifchcn Kräf­ten in Deutschland dürfe die am Katholikentag zusammen- gesatzte Macht nicht schien. Mit einemherzlich Will­kommen!" schloß der Oberbürgermeister.

Dr. Servatius begrüßte dann die Ehrengäste. Reichs­kanzler Dr. Wirth wurde von einem elementaren, nicht endenwollenden Applaus empfangen, auch Ministerpräsi­dent Stegerwald, Arbeitsminister Dr. Brauns und der hessische Minister v. Brentano-Termezzo wur­den schr warm begrüßt. *

Kommerzienrat Hüfsaer aus M.-Gladbach, ein Senior des Katholikentages, sprach im Namen des Volksverbands des katholischen Deutschlands. Das Arbeitsziel fei die Ausgleichung der sozialen Gegensätze auf der Grundlage der christlichen Gerechtigkeit. Ergreifend war es, wie der Greis mit zitternder Stimme ans feinen eigenen Ersah - rmrgen die Legende von der deutschen Kriegs- schuld zu widerlegen suchte: er selbst habe im Juli 1914 in Paris auf dem eucharistischen Kongreß vom Frieden unter den Nationen gesprochen. Die letzte Frie­denskundgebung vor dem Krieg fei also von einem deut­schen Prlgerzug im fremden L-mrde ausgegangen.

Ntm begann

Reichskanzler Dr. Mrth seine Rede, diettefe Wirkung cmsüdte. Em tiefer, schwerer Emst ist in jedem ferner Worte zu spuren; vieles von dem, was er sagt, spricht von einem ge­heimen und männlichen Ringen, deffen Widerschein hier unter seinen alten Freunden, unter denen er sich zu Haufe fühll, zum Durchbruch kommt. Er fuhrt etwa aus:

Schöne Erde, nun wache auf!" so sang uns der Chor. Wie einst der Dichter, so sind auch unsere Herzen ent­zückt von der Schönheit der deutschen Heimat. Sie ist unverschrt, eine gute Enste steht auf ihren Fluren. Trotz allem aber will uns der RufSchöne Erde!" nicht über die Lippen kommen. In den deutschen Gauen fließt n o ch B l u t. Ich werde morgen schon nach Berlin zu- rückfahren, um zu sehen, daß aus der Saat der letzten Tage kein neues Unheil wächst. Wir kamen zu Ihnen aus den Kämpfen der Politik, um jene Welt aufzufuchen, die leider heute von der Politik getrennt ist. Das letzte Jahr­hundert kannte keine Synthese: es hat die Welten des Siaois und der Kirche getrennt, bis aller Geist der Ver­antwortlichkeit erstorben war. 3m Kriege und seitdem triumphiert die neue Gewalt. Wir Politiker wollen hier Trost und Ermutigung für unsere schwere Arbeit bei un­seren deutschen Glaubensgenossen suchen. Wenn wir mor­gen im Dom vor Gott knien und dann wieder aufstehen, dann haben wir Kraft geschöpft für unser Ringen um Deutschlands Erhaltung. Was ist unser, der Katholiken Ziel? Wir erstreben nicht politische Macht. Wir wollen aber dabei sein, um das Rettung swerk in Deutsch­landzuunterstützen. Wir reichen allen die Hände. ! Wir müffen alle großen moralffchen Kräfte heranziehen, um Deutschland zu erhalten. 9lur ein Ziel kennen wir: Einheit des Reichs und Sicherung feiner Zukunft! Heute gärt es wieder in deutschen Landen. Eins tiefe, Gärung geht durch das werktätige Volk. Da braucht es eine stark- willige staatliche Macht, um den Schwierigkeiten die Spitze zu bieten. So verstehen wir unsere politische Mifsion.

Wir dürfen keinen fremden Träumen nachjagen. Die aus dem Osten kommende' rote Welle haben wir über­wunden. Im ungheuerlich starken Willen zum Leben hat sich das deutsche Volk die Weimarer Verfassung gegeben. Wir sind bereit und beweisen es in diesen Tagen in Wiesbaden auch an Frankreichs Wie­deraufbau teilzunehmen. Aber wir fordern auch dm uns gebührenden Platz auf Erben!

Unsere Grüße den tapferen deutschen Brüdern am Rhein. (Stürm. Beifall.) Auch den Brüdern im Osten, in Oberschlesien, zumeist unfern katholischen Glaubensbrü- dern, rufen wir zu: Haltet fest am deutschen Vaterland! Die Stimme des demokratischen Willens in Oberschlesien kann nicht ungehört verhallen, wenn die europäische Zivi­lisation nicht gänzlich zersallen soll. Das Selbstbeftim- mungsrecht der SB älter muß triumphieren.

Wenn die Grenzen unseres Vaterlands endlich feft= liegen, dann wollen wir alle zusammenstehen, um dm Staat der Freiheit ohne Diktatur zu errich­ten. Ich will Sie hier nicht für eine Richtung gewinnen. Auch unter uns Katholiken gibt es politische Meinungs­verschiedenheiten. Geben wir der Welt das Beispiel, sie in christlicher Liebe auszufechten! Hüten wir uns vor der gräßlichen Waffe des persönlichen Kampfs! Sie führt zum Mord! An dem offenen Grabe wollen wir deutschen Katholiken nur Gutes sprechen. Auch derer, die der parlamentarischen Arbest chr Leben opferten, Grö­ber, Trim born,Bur läge, wollen wir gedenken. Wir wollen an den Grabern niederkmen, doch dann wieder aus- schauen zu den Sternen des Glaubens, die uns feit der Kindheit leiten. In diesem Gerste wollen wir die Opfer der kommenden Zeiten bringen.

Ihre warme Begrüßung galt fa wohl in der Haupt­sache dem Kanzler, nicht dem Finanzmmffter. Das kann ich begreifen. Doch müssen wir im christlichen Geiste uns auch zu den schweren Opfern entschließen, lne unser Dateriand von uns fordert. Ich hoffe sicher, daß gewiffe Spannungen überroun&en werden, lieber uns allen steht das Ziel des großen, des einigen und. wie wir hoffen, des christlichen deutschen Vaterlands. (Stürm. Beifall.)

Redner aus Schlesien, Danzig und O f ft er» reich überbrachten die Grüße der katholischen Volks­genossen. Großer Beifall lohnte ihre Versicherung, auch unter den schwierigsten Verhältnissen treu zu Deutsch­land zu stehen. Auch aus der Schweiz wurden Grüße gebracht.

Zweiter Tag.

Frankfurt a. M., 28. August 1921- Erste geschloffene Versammlung.

Die Vesammlung des Sonntags-Vormittags war genau so überfüllt wie die Begrüßungsverfammlung des Vorabends, obwohl sie als geschloffen bezeichnet war. Landgerichtsrat Dr. Servatius eröffnet die Ver­sammlung und verliest die Antwort des Heiligen Vaters auf daS Huldigungstelegramm der General­versammlung. Se. Heiligkeit wünscht der Tagung einen guten Verlauf und erteilt ihr den erbetenen apostolischen Segen. Die Versammlung stimmt nun ein dreifaches Hoch auf den Heiligen Vater an.

ES folgt die Wahl des Präsidiums. Dr.Ser» vatiuS bittet, einen Sohn der Frankfurter Diözese, Geheimrat Held, jetzt in Regensburg, zu wählen, der bekanntlich Vorsitzender der Bayerischen Volkspartei ist. Die Versammlung stimmte durch Beifallklatschen zu. Zum Ehrenpräsidenten wird der 90 jährige alte Führer Graf Droste von Vischering, zum Präsidenten der Parolellversammlungen ein Vertreter Oberschlesiens, Graf Henckel von DonerSmark, gewählt. Graf Henckel dankt für die Wahl, die in Oberschlesien große Freude erwecken werde; sie sei ein Zeichen, mit welcher Herzlichkeit die deutschen Katholiken der oberschlesischen Bevölkerung gedenken. Ein Vertreter des Rheinlands, Oberbürgermeister Farwick (Aachen), wird Vizepräsi­dent; zweiter Vizepräsident wird Frl. Dransfeld.

Fürst Löwenstein erstattet den Rechenschafts­bericht des Zentralkomitees. Der Redner gedenkt des zurückgetretenen Vorsitzenden Graf Droste und der toten Mitarbeiter, besonders Trimborns, des Unermüdlichen. Wertvolle Arbeit habe das Zentral­komitee für die Regelung der Schulfragc geleistet, von der die Zukunft Deutschlands abhänge. Was von der alten Regierung nie zu erreichen gewesen sei, die Aufhebung deS Jesuitengesetzes, habe man erreicht Der Redner schlägt Statutenänderungen vor, durch die die Deutschen der a6getrennten Gebiete, der österrei­chischen Nachbarstaaten und die trauen die Möglich­keit erhalten, vollberechtigte Mitglieder zu werden. Es erhebt sich kein Widerspruch.

Qufti^rat Dr. Porsch nimmt eine alte Tradition der Katholikentage auf: er spricht über die

römische Frage.

Es spiegelt sich unsere grundstürzende Zeit auch in der veränderten Behandlung dieses Problems, das praktisch ein anderes Gesicht gewonnen hat. Die theoretische Grundlage bleibt die gleiche: der Papst ist der einzige Souverän wahrhaft von Gottes Gnaden; seine Macht ist zwar eine geistliche, doch mutz er im Diesseits und für alle Völker wirken; er kann daher nicht Untertan irgend einer zeitlichen Staatsgewalt sein. Der Katholi­zismus muh also die Souveränität des heiligen Stuhles fordern. Praktrsch sieht sich heute alles anders an: in der ganzen Welt habe sich die lieber» zeugung von der Richtigkeit der katholischen Auffaffung in dieser Frage Bahn gebrochen. Die diplomatischen Vertretungen beim Vatikan seien von 15 auf 32 gestiegen; die öffentliche Meinung Italiens, vor allem auch seine liberale Presse, gebe den bisherigen Standpunkt preis. Die deutschen Katholiken könnten nur aufs wärmste die Beilegung des Gegensatzes wünschen; den Weg dazu müsse der Papst selbst bezeichnen. Eine entsprechende Resolution wurde einstimmig angenommen.

Erste öffentliche Versammlungen

Nachmittags fanden öffentliche Versammlungen im Schumanntheater und im Hippodrom statt. Sie waren von einer unzähligen Menschenmenge besucht. Die jahr­tausendalte Weltanschauung, die in ruhiger Größe, hin­ter allen Reden steht, schlug Masten in ihren Bann. 3n ihrem Schatten löst sich alle Unruhe der Zeit.

Im Schumanntheater sprach zuerst Dr. Held. Er führte unter anderem aus: Krieg und Frieden haben uns vor ungeheure Ausgadn gestellt. Das heidnische ,,Dae victis!" muß der Katholizismus ableh. nen. Noch mehr als die wirtfchaflliche drückt uns die sittliche Not. 2ßir Katholiken müffen den Kampf gegen

Mammonismus und Materialismus aufnehmen. Dor uns stehen Pflichten und Rechte; wenn wir beide im Ange behalten, können wir den Gedanken des Klassen­kampfes überwinden. Der Präsident begrüßt den Reichs, kanzler und den preußischen Ministerpräsidenten, die die Versammlung mit dem gleichen stürmischen Beifall wie am Vortage empfängt. Dann gedenkt er, der Vorsitzende der Bayerischen Volkspartei, in sympathischen Worten der Toten, vor allem

Erzberger s:

Vorgestern ist Abgeordneter Erzberger der Kugel ruchloser Mörder zum Opfer gefallen. (Stürmisches Pfui!) Wir gedenken mit Abscheu des fluchwürdigen Verbrechens. Erzberger war ein Mann von hoher ©eiftesgabe und großer Arbeitskraft. Seiner Seelen­ruhe weihen wir in Trauer und in Dankbarkeit ein stilles Gebet. Nach meiner festen Ueberzeugung ist Erz­berger ein Opfer der grauenvollen Verwilderung unserer Kampsessitte geworden. Möchten alle Parteien zur Ab­wehr dieser Verrohung zufammentreten! Der Familie gilt unser Beileid." Der Rendner wendet sich nun an die Kaufleute und Studenten, die sich im christ­lichen Geiste zusammenschließen und den Gemeinschafts, geift pflegen soll. Den Frauen bringt er so seiner Rede eine gemütsoolle, warme Note gebend den Gruß seiner eigenen Frau, die bei seinen Kindern geblieben fei; er stellt ihnen im Gesundungsprozeß un­seres Volkes große Ausgaben. Nicht ohne Bitterkeit be- spricht der Präsident unser Verhältnis zu den früfjer feindlichen Staaten; wehmütig gedenkt er ehemaliger Bekenntnisse der Belgier zur katholischen Gemeinsam, kett; heute wolle man uns auf der anderen Seite nur bedingte Nächstenliebe und bedingte Gerechtigkett zutell werden lassen. Das katholische Prinzip fordere bedin. gungslafe Liebe zum Feind, wie viel mehr noch zu jenen, mit denen man Friede geschlossen habe. Der Versailler Vertrag verdiene allerdings nicht das heilige WortFriede". Held flicht hier, entsprechend der ganzen warm nationalen Tendenz des Katholikentages ein starkes, von der Derfammlung wiederholt von stür­mischem Beifall unterbrochenes Bekenntnis zum deut, schen Volk und Vaterland ein, das die deutschen Katho- liken mit der ganzen Glut ihres Herzens liebten. Den nationalistischen Geist aber lehne man ab. Er begrüßt den Jubilar, Bischof Kilian von Simburg, den Nuntius, und huldigt bann dem Papst deffen Bedeutung für die Welt heute nach dem Krieg größer sei als je zuvor. In der Siebe und Treue zum heiliger» Stuhl ließen sich die deuffchen Katholiken von der ganzen Welt nicht über- testen. (Stürmische Zustimmung.) Zum Schluß gedenkt der Redner der Bedeutung der Orden und ihres brüber. lichen Geistes für unsere Zeit der sozialen Gärungen.

Nuntius Pacelll (München) versichert, daß der Blick des Papstes mit innerlicher Anteilnahme auf Kämpfen und Leiden der deutschen Katholiken ruhe. Die einzigartige Arbeit der deutschen Katholikentage fei für alle Völker vor­bildlich. Der-Nuntius hofft, daß em Konkordat zu­stande komme, das die geistige Freiheit der kothosifchen Kirche sichert, und fordert ine Versammlung auf, em Wort der Versöhnung und Siche m die Welt hinauszurufen. Der Papst freue sich, wenn die deutschen Katholiken den Wie- beraufbau Deutschlands fördern. Pacelli spendet der Ver­sammlung den päpstlichen Segen.

Unter dem tiefen Eindruck ferner warmherzigen Worte versichert der nächste Redner, Bischof Lilftm von Limburg, rote wohl es einem deutschen Herzen getan habe, daß ein Gesandter des Papstes, ein hoher italienischer Prälat, in so liehen deutschen Worten zur Versammlung gesprochen habe. Er überbringt den Gruß der Fuldaer Bischofs- konserenz.Wir leben in einer Zett der Kompromisse, ohne sie können wir nicht roeitertommen. Wir müssen die Wegbestimmung den Parlamentariern unserer Wahl ver­trauensroll überlassen. Dabei hoffen wir, daß die katho- lischen Grundsätze nicht mißachtet werden. Bei der mensch­lichen Schwäche sind auch Irrtümer möglich. Wir müssen unser Gewissen hart erforschen: haben wir gefehlt, so müs­sen wir es uns sagen. Wir wollen uns nicht scheuen, es einzugestehen, wenn wir unseren ewigen Prinzipien nicht in allem gerecht geworden sind." Auf Vorschlag des Bi­schofs wird ein Ergebenheiisielegramm an den Papst ab' gesandt.

Staatsmmister a. D. van SeiMer (München) sprach im Schumanntheater über:

D outschlands Not und die deutschen Katholiken."

Redner führte aus: Dir leiden bittere Not. Don unse­ren karitativen Vereinen wiffen wir, in welcher Not sich zahllose deutsche Kinder infolge der lebensschwächenden Wirkungen der Entbchnmgen befinden, was mit ihnen die Frauen und Mütter infolge der Erschöpfung der Vorräte an Wäsche und Kleider und des unentrinnbaren Nieder­gangs des gesamten Haushaltes zu leiden haben, wie be­sonders für kinderreiche Familien das Wohnungs­elend und die Ausstattungsnot immer weit«: um sich greift, welch herzergreifende Not bei verschämten Armen infolge der Umwandlung ihres ehemaligen Ein­kommens in Gold zur Papierrente herrscht und wie hart geistige Arbeiter um ihre Existenz ringen. Aber nicht die Verarmung allein begründet die Not unserer Zeft. Man kann äußerarm und innerlich doch reich und stark fein. Erst das ist wahrhaft arm und verschwindet aus der 2 das sittlich darmederliegt. Nicht nur unser roirtn. . .l ches Leben, auch unser sittsiches Leben muß gefunden, wenn Deutschland gerettet werden will. Rein realpolittsche Erwägungen zeigen, wie die Verfeh­lungen gegen Gottes Gebot für die Völker zum Verderben gereichen. Die Not besteht nicht bei uns allein; Gottes Mühlen mahlen überall. Aber wir müffen vor allem bet uns Einkehr halten. Das erste der auf dem Sinai gegebe­nen GeboteIch bin der Herr dein Gott" ist für uns Urgrund aller staatlichen Autorität. Die ganze Weltge- schfthte hindurch hat als staatspolitischer Grundsatz gegolten, die Herrschergewalt vom Göttlichen herzuleiten. Erst die neue Zett hat diesen Standpunkt verlassen. Die stärkste Stütze der Autorität bietet das positive Christentum. Der Abfall von Gott, den die Bibel in der Anbetung des Gol­denen Kalbes darstellt, ist noch heute ein zutreffendes Gleichnis. Die matermlfftifche Auffassung überwog fett langem olles und drängte dos echifche zurück. Das dritte Gebot lautet nicht MirDu sollst den Feiertag heiligen", sondern auchSechs Tage sollst du arbeiten" eine der wichtigsten sozialen Ordnungen der Menschheft. Wir feb'n dagegen, roieviele im mühe- und arbeitslosen Erwerb den Roibett-ok «kW SoCt» Ausbeuten und erleben anirrer»