Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 196.
LeranuoorNiq für den ceoautoneOen Teil: Dr. Kramer, - für die Sinnigen: I. Parzeiler-Fulda. s Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Arttendruckerei in Fulda. 5ernipred}et Nr. lt. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung.
Samstag, 27. August 1921.
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48. Zahrg,
Crzberger
wtb B«tH«, 26. Aug. (Tel.) Der Reichs- lagsadgeordnele Erzberger ist heule vormittag auf dem badischen Laiebis bei Dad Griesbach ermordel aufMfuoden worden. Der Leichnam wies 12 Revolverschüsse auf. Hebet die TSier ist noch nichts bekannt. Abg. Erzberger befand sich feit einigen Tagen mit seiner Familie zur Erholung in Bai) Griesbach, um von hier aus täglich Spaziergänge zu machen. Bermutlich ist er auf einem derselben erschossen worden. Der Leichnam wurde gegen 12 Uhr aufgefunden.
Aus Griesbach werden zur Ermordung des Abg. Lrzberger folgende Einzelheiten gemeldet: Erzberger befand sich heute vormittag 9 Uhr auf dem Wege von Bad Griesbach zur Alexander- Schanze am Kniebis; In feiner Begleitung war der Reichstagsabg. Diez. Es sollen zwei Burschen im Alter von 25 Jahren als Täter in Betracht kommen, welche die beiden Abgeordneten voneinander trennten und auf der Verfolgung den Abg. Erzberger durch mehrere Schüsse in den Kopf und in die Brust niederslrecklen. Der Abg. Diez wurde verwundet und liegt im Spital von Oppenau. Eine Gr- richlskommission hat sich mit Polizeihunden an den Tatort begeben. Der Vorgang spielte sich in der zehnten Morgenstunde ab. Mil Sicherheit konnte bereits festgestelll werden, daß kein Raubmord vorliegt.
Die Vorgänge bei der Mordtat.
lieber die Vorgänge, die sich bei der Ermordung des Reichstagsabgeorüneten Erzberger abgespielt haben, erfährt die „Franks. Ztg." folgendes:
Die beiden Reichstagsabgeordneten Erzberger und viez gingen in der Zeit zwischen 10 und 11 Uhr vor- mittags auf der von Griesbach nach Freudenstadt führenden Landstraße spazieren. In ziemlicher Entfernung folgten ihnen zwei Männer. Den beiden Abgeordneten wurde die Dache auffällig: sie machten Kehrt, um nach Griesbach zurückzukehren. Auch die beiden fremden Männer wandten sich nun um und gingen nahe an Erzberger und Diez heran. Ohne irgend ein Wort zu sagen, zog einer der Fremden plötzlich eine Schußwaffe und drückte los. Durch den Schuß wurde der Abgeordnete Diez an der Schulter verletzt und stürzte zu Boden. Erzberger fprang nun über die Böschung der Straße, um sich den beiden Unbekannten zu entziehen. Diese eilten ihm nach und feuerten mehrere Schüsse auf ihn ab. Auf der Verfolgung brach Eiberger zusammen und di« beiden Täter feuerten unausgesetzt auf ben am Boden liegenden Mann, der von zwölf Kugeln durchbohrt alsbald starb. In der Zwischenzeit war Diez wieder aufgeftaNden und hatte sich zu Erzberger begeben, der bereits verschieden war. Die beiden Täter standen in nicht allzu weiter Entfernung, wahrscheinlich, um sich zu überzeugen, ob Erzberger tot fei. Diez ließen sie nun unangefochten. Als sich Diez vom Tatort wrgbegab, um Hilfe zu holen, verschwanden bie beiden Täter. Die Leiche Erzbergers blieb den ganzen Nachmittag an Ort und ©tette. Der Tatort ift in weitem Umkreis von Gendarmerie umstellt und abgesperrt. Die Verfolgung der Täter wurde sofort aufgenommen. Diez konnte sofort eine eingehende Schilderung geben, wie sich di« Mordtat zugetragen hat. Allgemein ist man der Ansicht, daß es sich um einen politischen Mord handelt. Ein Raub an der Leiche Erzbergers wurde nicht ausgeführt. Die Staatsanwaltschaft und die Ge- richtsb «Hörden haben sich alsbald an den Tatort
Der Sünsebub.
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„Hanni! Schnell sollst zum „Ochs'n"»Wirt. Du muht m Handwerksbursch'n dort Derarretier’n."
„23erarretier’n? An chandwerkobursch'n?" klang es kleinlaut zurück. „3s denn a Fremder?"
•'5a, sogar a Preuß'."
*rferch'? Alle gut'n Geister: des kann a schöna -troetf geb'n," rief Hanni ganz entsetzt zurück. Schon
r* er '$ön Ian6f°m das Fenster schließen, da beugte er stch noch einmal zu den unten Wartenden hinab „An
" 9°nn 'ch net allein Derarretier’n. Was glaubt c^r-tPr" $$ ^h' einstweil'n etzt heim und hol' mei Schlüsse zum Loch und ihr helft z'samm'n und bringt mir dann den Kund'« hin!"
Die Untenstehenden waren aber mit dem Vorschlag nicht einverstanden.
, Verarretier'n i5 Sei Sach', Hanni. Zu was ®e’ Eklichx, Mütz'n auf" protestierten sie.
Schon Schritt für Schritt, machte sich Hanni stehen"^ °U ben 5®t8‘ Unterwegs blieb er einigemalc
J? 6^Ie 9 llleiß'n in mein' Arm und kann den Kund n d rum net halt'«. Gelt, Kaspar und Du, Michel, Ihr fett schon so gut und tut den Preuß'n auf« Weg zum Loch mit fuhr n.“
Gine Zentnerlast fiel ihm vom Herzen, als die bei. sich b-rnt «klarten, Hannis ymt sbernehmen.
Beim Eintritt 'n die W.rtsstube überließ er feinen betben Helfern liebenswürdig den Bortritt Während die beiden auf etnen fremden, junge« Man« in zerrisse- Der Kleidung zugingen. blieb Hanni 0« ter Türe den Susgang bewachend, stehen. 3« &er Stube roar ein wildes Geschrei. „Der Saupreuß- uns Bauern, ramme! heiß'«: dem woll'n wir', jag'«. Schtiehst der Lump, der niederttächtig', der „Ochsen",Wirtin ihr schön' Stutz'«. Wart', etzt kriegst gleich a fein’, 8ogie " so hörte man von allen Seiten aufgeregt rufen. ' Ser Fremde verhielt sich ganz ruhig, nur als .Hannis Abgesandte ihn fasten wollten, setzte er sich zur Wehr und erklärte, daß niemand anders als der Herr dort mit der Dienstmütze das Recht habe, ihn zu «retteten. Allen
ermordet.
begeben. Die umfassendsten Maßnahmen zur Aufklärung des Mordes und zur Verfolgung der Täter sind bereite emgefeitet worden. Der General st aatsanwalt ist selbst mit der Kriminalpolizei von Karlsnche zmn Tatort abgereift.
*
Der Lebenslauf des Abg. Erzberger, der durch bedeutende Erfolge und schwere Schicksalsschläge so wechsÄvoll gestaltet war, hat mm plötzlich einen tragischen Abschluß gefunden durch eine Atörderhcmd.
Da Erzberger schon während des Prozesses in Berlin von einem parteipolitischen Fanittker angeschossen worden war, drängt sich bei der ersten Nachricht natürlich die Frage vor, ob dieser zweite und leider gelungene Morüanschlag auch aus politischer Leidenschaft hervorgegangen sei.
Ein erschütterndes Schicksal, wenn ein Mann, der im öffentlichen Leben eine so hervorragend« Rolle gespielt hat, und als Sechsundvierziger noch in der Vollkraft seines Körpers und seines Tatendranges stand, einem habgierigen Banditen zum Opfer fallen muß!
Matthias Erzberger gehörte nicht zu jenen Politikern, die von sich sagen konnten, sie hätten wohl Gegner, aber keine Feinde. Im Gegenteil: ihm gegenüber standen nicht bloß sachliche Gegner, sondern persönliche Feinde voll Haß und Vernichtungsunllon. Ob er zu dieser Feindseligkeit selber beigetragen hat durch schroffes Vorgehen und scharfe Worte, wollen wir an der Totenbahre wrerörtert lassen. Aber man darf auf jeden Fall wohl die Erwartung aussprechen, daß auch in den Reihen derjenigen, die den Abg. Erzberger verfolgt und beschimpft haben, das menschliche Mitgefühl sich wieder regt, und daß die besteren Elemente dieser Richtung sich überlegen, ob sie nicht in der Feindseligkeit gegen den Verstorbenen doch etwas zu weit gegangen waren.
Erzberger, der kleine Volksschullehrer aus Buttenhausen in Württemberg, hatte es ats Abgeordneter und Minister zu hohen Würden und großer Macht gebracht. In dem Prozeß gegen Helfferich der zu einem Prozeß gegen Erzberger ausartete, blieben gewisse Schwächen und Fehler an ihm hängen, dir ihn vorläufig zur Zurückhaltung im öffentlichen Leben veranlaßten. Di« Nachstöße, die ihm sein- erbitterten Feinde durch die Beschuldigung wegen Meineids und Steuerhinterziehung zu versetzen suchten, versehllen ihren Zweck und Bten vielmehr dazu, daß sich das Ansehen des Verden wieder hob und ernste Zweifel entstanden, ob das Urteil in dem Helfferich-Pwzeß in allen Punkten stichhaltig sei. Jedenfalls wird Erzberger selbst in seiner HofsNMg, daß er mit der Zeit zur Rehabilitation gelangen werde, sich gestärkt gefühlt haben. Aller Hoffnung und aller Tatkraft hat nun die tückische Kugel des Wegelagerers ein Ende gemacht.
Die Sckflvächm und Fehler, die in dem scharfen Gerichtsurteil dem Verstorbenen angerechnet wurden, mag man noch so strenge kritisieren und bedauern, es bleibt jedoch die Tatsache bestehen, daß Erzberger sich durch eine große Begabung und einen eisernen Fleiß zu der hervorragenden Stellung hinaufgearbeitet hatte. Es muß ferner anerkannt werden, daß er mit außer- ordcntlichem Wagemut sich an sehr heikle Aufgaben heranmachte, die zum Wohl« des Vaterlandes gelöst werden mußten, aber für den Löfer keinen Dank in Aussicht stellen konnten. Es ist ihm vielfach zum Vorwurf Mmacht worden, daß er die V e r h a n d l u n g en mit Foch über den Waffenstillstand übernommen habe. Aber war ein besterer Unterhändler da? Und wenn ein Mann nach dem Herzen der Konservativen die Aufgabe übernommen hatte, würde der
anderen, die es wagen sollten, ihn abzuführen, drohte er mit der ganze« Strenge des Sttafgesetzbuches, Paragraph 3, Absatz 4, Seite 5. — Das machte Eindruck. Kaspar und Michael traten zurück. ’
"Hanni Dort Eing'sperrt muß er werd'», der Lumpt Vorwärts, Hanni! Stell' Dich net so saudumm her, pack an!" so riefen die tiefgekränkten Bauern ihrem ängstlichen Sicherheitsbeamten zu.
Auf die ermunternden Zurufe hin trat Hanni etwas tiefer in die Stube.
"Laßt doch den Herrn etzt geh'»," rief er beruhigend den aufgebrachten Landsleuten zu. „Er tut euch ja gar nix.'
Statt zu beschwichtige«, entfesselten diese Worte aber einen erneuten Sturm.
«Du bist zum letztenmal G'madiener g'west, mennft etzt net gleich den Kerl ins Loch neisteckst," fo drohte man ihm erbarmungslos, und höhnisch rief der Schmiedheina, der schon längst gern die amtliche Mütze des Gemeindedieners auf das eigene Haupt gedrückt hätte: „Hast allweil a G'schmarr und Sprecher ei, was Du für a wichtiger ang’fteöter Beamter bist und mennft Del Amt ausführ'« fällst, kannst an Dreck. Herrschaft, wenn ich G'madiener wär' — dem Preuß'n wollt' ich's fag'n."
Hanni kannte ben Heina schon längst als seinen Gegner und gefährlichen Rivalen. Dieser beißende Hohn traf ihn wie Meflerstiche, ihn packte wilder Zorn. Wütende Blicke sandte er dem frechen Spötter seiner amtlichen Tätigkeit zu, dann erfaßte ihn plötzlich helde«. Hafter Mut. Mochte nun passieren, was da wollte, er sah der drohenden Gefahr mutvoll in bas Auge. Ganz nahe trat er an ben Fremden heran.
„Sind's «er so gut und geh'« S’ a dißla mit mir, mei lieber Herr." sagte er mit möglichst leiser Stimme in freundschaftlichem Tone. „Ich kann ja nix dafür; as kost mich sonst mei Amt."
Der Fremde musterte ihn »st vom Kopf bis zum Fuß, bann mochte wohl ein menschliches Rühren mit der Not des höflichen Gemeindebieners über ihn gekommen fein — er stand plötzlich auf und verließ mit Hanni die Stube. Draußen atmete Hanni tief auf.
„Rehmen S* mtr’s halt net in liebel," begann er mit bebend» Stimme, „ich hab' ja net anders könnt, dar
bei dem unbeugfaimen Machtwillen der Franzosen etwas Besseves herausgeschlagen haben?
Aehnliche Vorwürfe, die gar nicht oder nur zu einem Bruchteile gerechtfertigt waren, hat Erzberger vielfach über sich ergehen lassm müssen. Don der Parteien GurH und Haß verwirkt, schwankte sein Charakter- bild in der Tagesgeschichte. Immerhin waren die geistigen Anlagen und die Tatkraft schätzbare Eigenschaften, die sich noch für das Vaterland hatten oer- werten lassen, wenn die reifere Erfahrung, die Schulung durch Schicksalsschläge und der gute Einfluß von weitsichtigen Freunden die rwrhaÄenen Schwächen ausgeglichen hätten.
Wir wollen an ter Bahre Erzbergers seiner guten Eigenschaften und ferner Verdienste gedenken, namentlich auch der Tatsache, daß Erzberger niemals versagt hat, wen es galt, der katholischen Sache seine Arbeitskraft zur Beifügung zu stellen.
*
Der Eindruck der Tat.
Die Nachricht von der Ermordung Erzbergers und der, erfreulicherweife nur leichten Verwundung des Abg. Diez (der übrigens in Fulda durch feine Tä- ttgkeit auf dem Herrleinfchen Gut in Margretenhaun vor etwa 20 Jahren manchen Bckamrten Heck) hat in den weitesten Streifen überaus großes Aufsehen erregt. Aufrichtiges Mitgefühl und Teilnahme wendet sich namentlich auch der Familie Erzbergers zu, der schwergeprüften Witwe, di>e im Kriege den einzigen Sohn verlor und die um das Leben des Gatten mehr als einmal gebangt hat.
Bezüglich der Frage, ob Eiberger das Opfer eines politischen Mordes geworden ist oder ob vielleicht ein gewöhnliches Derbrechen vor- liege, läßt sich ein« unbedingt sichere Antwort im Augenblick noch nicht geben. Die Berliner Blätter sprechen einstimmig ihre tiefste Entrüstung über den feigen Meuchelmord an Erzberger aus und furch- ten schwere Erschütterungen für das nicht zur Ruhe kommende deutsche Volk. Während in Beurteilung der Motive der Tat die Rechtspresse zur Vorsicht rät und di« endgültige Aufklärung des Anschlags abwarten will, sprechen die Blätter von der „Germania" bis zur „Roten Fahne" von einem politischen Mord. Die „Germania" schreibt: Erzberger wußte sett langem, daß ihm aus dem Lager der politischen Parteien nach dem Leben getrachtet wurde. Auch das „Berl. Tageblatt" erklärt, daß die Mordtat an den Rockschößen der Deutsch-Nationalen hängen bleibe, und fürchtet, daß di« Rückwirkung auf die linksgerichteten Massen nicht ausbleiben wird. Der „Vorw 8 rt s" schreibt: Die deutsche Arbesierschast wird sich gegen diesen Fascismus zur Wehr zu feen wissen. Die „Freiheit" fordert zum schärfsten Kampf gegen alle Faktoren auf, die den Mord an Erzberger auf dem Gewissen haben. #
(Eine BeileiöserMarnng des Reichs- Kanzlers.
Anläßlich des Attentates auf den ehemaligen Reichsfinanzminister Erzberger richtete der Reichskanzler folgendes Telegramm an Frau Paula Erz» beraer in Griesbach lBadeiri:
Ich erfahre soeben tn tiefstem Schmerz ben gewaltsame« Tod Ihres Herrn Gemahls. Zu dem grausam harten Schicksalsschlag, der Sie unb Ihre Familie in dem verabscheuungswürbigen feigen Meuchelmord an Ihrem Gatten betroffen hat, unterbreite ich Ihnen meine innigste Teilnahme. Gott möge Ihnen die Straft geben diesen schweren Schlag zu überwinden, der einem an beitsreichen. bem Dienste ber Allgemeinheit unermüdlich gewidmeten Leben ein jähes Ende bereitete.
An den Abg. Diez in Oppenau telegraphierte ber Reichskanzler: Die furchtbare Nachricht von dem fluch- Herr hat's ja selber g'seh'n Wo is denn der Vetter her?" frug er bann, langsam weiter gehend.
Der tfrembe nannte den Namen von einer Stadt, von ber Hanni noch nie in feinem Leben etwas gehört hatte.
„Hml" erwiderte er liebenswürdig. „Da war ich noch net, aber sonst war ich schon in der ganzen Wett. War'n Sie schon in N?" Er nannte dieselbe Stabt, in der Joseph wohnte.
„Det jlob ick wohl," antwortete der Fremde.
Darüber war Hanni hochersteut; hatte er nun doch einen Anknüpfungspunkt zur Unterhaltung gefunden. Seit er gesprochen, erschien ihm der Fremde auch gar nicht mehr so unheimlich. Jetzt standen sie beide vor dem Arrestlokal.
Als Hanni den roftigen Schlüssel in das alte Schloß ber Tür steckte unb dieselbe kreischend aufflog, wurde es ihm bang ums Herz. Seine Hand zitterte vor Auf. cegung. Er war nur froh, daß ihn auf diesem unfrei, willigen Spaziergang wenigstens die Dorfjugend bs- gleitet hatte, „Ich hab' an recht'« gut’n Freund da brinna in der Stabt," fuhr Hanni fort, eifrig bemüht, die große Bangigkeit zu verbergen. „Da bin ich öfter as ganz' Jahr dort. O, der is reich und hat a mortis Trum Haus," erzählte er weiter, hoffend, ber Fremde würde sich endlich zum (Eintritt in das gastliche Lokal bewogen fühlen.
„Wsnn's vielleicht a bißla nei geh'« woll'n," meinte er liebenswürdig, „ich schreib' Ihnen schnell die Adreß daheim auf. Wenn der Setter wieder nach N. kommt, bann tun’s an Joseph aufsuch'n und richt'ns an recht'« schön Gruß aus vo« mir. Da werd er Ihnen net schlecht aufroart’n; morbs Trum Freud' werd' sx bann hab'«, der Joseph."
Als ber Fremde noch immer fest vor der Türschwelle stehen blieb, wagte Hanni mit einem liebenswürdigen Lächeln eine einladende Bewegung mit der Hand. Dies schien jedoch der Fremde mißverstanden zu haben, denn Hanni fühlte sich ganz plötzlich am Arm gefaßt, und ehe er wußte, wie ihm geschah, lag er mitten auf dem Boden in feiner amtlichen Gaststube unb rasselnd drehte sich der Schlüsiel im Schloß Bon draußen härte man ein | höhnisches Lachen. ‘
„3d werde ben Iruß besorgen, Vetter! Mahlzeit!" sprach der Fremde durch bas kleine vergitterte Guckloch des Arrestlokals — bann war Hanni allein.
Ganz betäubt vor Schrecken blieb er noch eine Zeitlang regungslos am Soben liegen; bann wurde er sich allmählich feiner verzweifleten Lage bewußt. — Die sollte dies werden, wenn er die Nacht hier verbringen mußte? Er versuchte es, zum Guckloch emporzuklettern — da erschien ein Erfolg, sich mit ber Außenwelt in Verbindung fetzen zu können, völlig aussichtslos. Das Guckloch war von innen nicht zu erreichen. Wild rüttelte er an der schweren Tür; die war so fest verfchlos. sen, als sollte sie ben schwersten Verbrecher gefangen hatten. Wenn es nun buntel wurde, und er mußte hiex in diesem Loche bleiben, wo er sich schon bei Tag allein fürchtete! — Wie oft wurde es im Wirtehaus schon er. zählt, daß da um Mitternacht Geister umgingen! Nie war er ohne Scheu nachte vorübergegangen. Es schüt- tette ihn vor Angst und Aufregung, daß die Zähne an. einander schlugen. Und morgen wollte er ja die noch fälligen Umlagen einsammeln; die Neuigkeit mit der Flickschusterin ihrer Abreise sollte ihm diese schwere Mis. ston erleichtern. Morgen?! — Ja, wenn nur erst bis Nacht vorüber wäre! Mit offenem Munde horchte er angestrengt, ob nicht ein Ton von draußen in seine Einsamkeit dränge. Er glaubte Schritte zu hören; mit verzweifelter Anstrengung schlug er gegen die Türe, daß die Angeln krachten.
„Saupreuß', elendiger! Willst gleich still fein ode» net." So lautete die wenig hoffnungsvolle Antwort von draußen.
Mit Donnerstimme schrie er zurück: „Ich bin gar net der Preuß', ich bin der Hanni! Um Himmelswill'n laßt mich "raus." Sein Notschrei fand aber keine Erwiderung mehr.
Na horch! Was stürmte da so laut die Straße he» auf?"
„Da nei hat er an Hanni g'sperrt." hörte der Dermste plötzlich Äinberftimmen rufen. Gottlob! Er atmete tief. Er wußte jetzt nahte die Erlösung. Die Kindei hatten die teuflisch böse Tat des Preußen mit angesehe, unb verraten.
Eortsetzung folgt) .
würdigen Verbreche«, das ein feiger Meuchler an unserem Parteikollegen beging, hat mich tief erschüttert. Daß nicht auch Sie ein Opfer der Mordbuben wurden, dazu beglückwünsche ich Sie unb wünsche Ihnen baldig» Oenefung.____
Eine Besprechung mit den Parteiführern.
Gestern nachmittag versammelten stch die Parteiführer beim Reichskanzler zu einer Besprechung über den Zusammentritt tes Reichstages, über di« oberschlesische Frage, die Steuerfrage und den deutsch, amerikanischen Friedensoertrag. Bei Eröffnung der Besprechungen ergriff Reichstagspräsident L ö b e das Wort zu einer Ansprache, in der er seiner Entrüstung über den feigen Mord an Erzberger Ausdruck gab und den Fraktionsfreunden des Ermordete« die herzlichste Teilnahme aussprach. Dm weiter» Verlauf der Besprechungm kündigte der Reichskanzlei eine Kundgebung der Regierung zu denf Mord an, sobald genauere Einzelheiten über die Tat vorliegen. ___
Die folgen der Teuerung.
Die neuen Teuerungszulagen.
Nach Abschluß der viertägigen Verhandlung^ zwischen der Reichsregierung und der Verhandlungs» kommission der Beamten und Arbeiter beriefen di» in Betracht kommenden Verbände ihre z u ft ä n ü i gen Körperschaften nach Berlin. Die Ta- glmgm müssen bis 30. August, abends 6 Uhr, beendet sein, weil die neuen Bezüge mit größter Beschleunigung zur Auszahlung kommen sollen. Die Ver^rndlun^. kommission erklärte sich einmütig bereit, den Mitgl:» dem ihrer Verbände die Vereinbarung zu- Annahme zu empfehlen.
Slreikdrohung der Eisenbahner.
Die im Deutschm Eisenbahnerverband organisier! ten Beamten und Arbeiter des Direktionsbezirks $ter» lin beschlossen in einer Versammlung, das Angebot ber Regierung abzulehnen und bei ihren Forderrn- gen zu beharren. Sie fotterten den Hauptvorstand auf, ber Regierung ein kurzfristiges Ultimatum zu fteflax, Sie beschlossen, everctl. in den Streik zu treten.
Wunsche der Kriegsbeschädigten.
Der Hauptvorstand des Zentralverbandes deutscher Kriegsbeschädigter unb Kriegshinterbliebenen tn Berlin übergab dem Reichsarbeitsminister Brau» eine Eingabe, in der die sofortige Erhöhung der Teuerungszulagen und eine besondere Wirtschafts bei Hilfe für die Kriegsopfer gesor« dert wird. Der Geschäftsführer des Verbandes drückte die Befürchtung aus, daß die zur Zeit schon große Notlage der Kriegsopfer bis zum Herbst sich ins Unerträgliche steigern wurde. Der Verband sand Verständnis beim Reichsarbeitsminister, der di« Meinung ausbrückte, daß versucht werden müsse, der Teuerung unter den Kriegsbeschädlgten und Kriegs- Hinterbliebenen in besonderem Maße entgegenzu- treten. Zu Beginn der nächsten Woche soll eint gemeinsame Beiprechung der Kriegsopferorganisalio- nen mit dem ReichsarbeitSmtnisterlum stattfinde«.
Demonffrafionen in München.
Die bayerischen Minister wurden auf die Nachricht hm, daß in ten nächsten Tagen Massendemonstrationen gegen die kommende Teuerung in München geplant sind, aus ihrem Urlaub zu einem dringenden M i n i st e r r a t nach München gerufen U'her die Beratungen wird folgender Bericht ausgegeben: Die Verteuerung des täglichen Lebens hat allmählich eine solche Schärfe angenommen und bedrückt alle Stände so schwer, daß mit Recht eine tiefgehende Mißstimmung und Beunruhigung di« mei« testen Kreise ergriffen hat. Die bayerische Regierung