Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 191.
Verantwortlich für den redauionellen Teil: Dr. Kramer, = . die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. -
Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer rlctlendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 8. Telegr.-Adrefse: Fuldaer Zeitung
Montag, 22. Kugust 11921.
Bezugspreis: Monatlich 3,50 Mk. ohne Bestellgeld. Post- - bezug 4,10 IM. Abgeholl 3,75 M. -
Anzeigen: Colonelzeiie 70 pfg.; für mehrspaltige Anzeigen Zuschläge. Reklamezeile (Textbieste) 2.50 Ult.
48. Zahrg.
Sie neuen Steuervorlage».
Nach der großen FincmzrÄe des Reichskanzlers Dr. Wirch, die ex kurz vor Dsginn der Sommerpause im Reichstage htelt, sowie nach den bisher erfolgten amtlichen Ankündigungen konnte man bereits mutmaßen, nach welcher Richtung hin sich im Grundprinzip die geplanten umfassenden Steuurmaßnahmen der Reichsregierung bewegen würden. Es war nicht an eine Steuerreform im Sinne einer grundlegenden Neugestaltung oder einer völligen Umwälzung in unserem Steuerwepn gedacht, sondern an eine Umgestaltung einzelner Säuergesetze sei es in der Art des weiteren Ausbaues, der Veredelung oder der Neuuni- formieruug. Auf tiefe Weise findet man in den neuen Vorlagen über die am Samstag hier schon kurz berichtet wurde, vor allem alte und bewahrte Steuern neben manchen neuen Maßnahmen in ergi» bigere Quellen umgewandelt. Es find im ganzen 12 neue Vorlagen, die der Gesamtheit des Volkes vorgeiegt werden. Es wäre überstürzt, bei der immerhin beträchtlichen Zahl der Vorlagen und der Fülle des beigegebenen Materials unverzüglich in eine eingehende Einzelerörterung einzutvrten. Es kann zu- nächst nur unsere Aufgabe sein, sie in ihrem Gesamtumfange darzustellen und zu würdigen. Weder eine leichte noch eine angenhme Aufgabe mag es für die Regierung sein, dem deutschen Volke in seiner schweren Lage noch neue nicht unbeträchtliche Lasten aufzubür- den. Aber sie kann sich dieser Notwendigkeit mm einmal nicht entziehen. Denn das Anziehen der Steuerschraube ist ein nicht unbedeutender Teil des Frnanz- programms, das zur Ableistung der Reparationspflichten dienen soll. Darin liegt die Bedeutung der kommenden Masse und darin liegt auch dir Berechtigung der Regierung, sich an die Gesamtheit des deutschen Volkes zu wenden. Die Regierung sieht sich zu diesem Steuerappell um so mehr genötigt und berechtigt, als sie nicht allein durch die von ihr übernommene Verpflichtung sich für gebunden hält, sondern auch aus dem Gesichtspunkt heraus, der von der Rsgierungsbank immer oertreten worden ist, daß es neben dem Beweis Des guten Wülens auch ein Gebot von politisch er Tragweite fei, wenn dem Gegner unsere Leistungsfähigkeit zum Bewußtsein gebracht wird. Dieser Weg soll und kann zu einer Revision von Versailles und London führen. Damit aber erhält die neue Steuergesetzgebung das Gesicht der politischen Notwendigkeit.
Zu ihrer Lösung und praktischen Durchführung bedarf es der willigen imd tatkräftigen Hilfe des ge - famten Volkes. Dann das Reich muß sich an alle feine Glieder wenden, um von ihnen wenigstens einen Teil der Mittel zu erhallen, die zur Erfüllung nicht zu umgehender Verpflichtungen notwendig sind. Es wird darum in der Hauptsache an Hand der neuen Steuergesetze nachzuprüfen sein, ob das Ziel der gieichmäßigen Belastmig oller Volksschichten nach ihren geldlichen Fähigkeiten durch die Gesetzgebung im Einzelnen erreicht wird. Dabei ist es zweifellos unwesentlich, ob sich hier und da vielleicht einmal eine glücklichem For- mulierung oder glücklichere Wendung hätte finden lassen. Die Entwürfe selbst kamt man im wesentlichen in drei große Abteilungen zerlegen: in Steuern auf den Verbrauch, in solche aus den Vermehr und die Versicherungen und schlißlich in Kapitalsteuern. Damit ergeben sich folgende Vorlagen:
1. Der Entwurf eines Vermögenssteuer- ge setz es,
2. eines Der Mögenszuwachsgesetzes, 3. eines Gesetzes über die Abgabe vom Vermögenszuwachs aus der Nachkriegszeit,
4. eines Gesetzes zur Aenderung des Körperschaftssteuergesetzes.
5. eines Kapitalverkehrs - Steuergesetzes. Diese soll erhoben werden:
Der Gänfebub.
Fränkischer Dorstoman von Dina Ern st berge r. 25] __________
3m Dorfe wurde es nun nach und nach lebendig, ^chon fielen wieder vereinzelte Schufte; ututen in der ®tu6e hörte er Peter mit der Mutter sprechm. Er sah eUr b*e ühr — es war Zeit, daß er Toilette machte, aum war er fertig, so kam auch schon Peter, ihn abzu- ~1 " öurn Gang in das Haus der Braut. Aus allen m ^gten neugierige Köpfe hervor, als Joseph ging *n Festtagskleidern die Dorfstraße hinab-
schnell bind' a frisch'n Schürz' um und stell' 3Är. Der Flickschuster-3oseph kommt das ^ef die Bürgermeisterin ganz atemlos wie ihr Jähf* ^tt°lten zu, und Kundl tat schnell, °m Hause vorüber kam, stand Kundl schon m, h JL ® ’m’* liebenswürdigem Lächeln den breiten °hren und schaute in scheuer Erwar. Ä °n. Die Frau Bürgermeisterin
! $ . v. @ Inster; setzt, glaubte sie, würde Joseph
dok -Ommen und sie begrüßen, und als ; b„6 !men kurzen, freundlichen Gruß als ^>r7 * 9-rUflUnn h„ 94nU?Cnb hielt, öffnete sie schnell und geräuschvoll das Fenster.
„Meine herzlichste Gratulation!“ rief sie den beiden pudern zu, und. zu Joseph gewendet, fuhr sie fort: SJkT Ä bec Herr Vetter ° amol bie M’n “ 3 23 1 mtrb uns doch a a bißle auf.
kam nun näher und versprach, vor seiner Abre.se di- Fr°u Burgermc.sterin besuchen. Er £ £ r ; °uf einmal in d.e
«me Flickschustersfamll.e so. reiche, vornehme Der- wandte kamen.
3rn Hause der Braut wurde er zuerst vom Herrn Bader begrüßt. Der ehrwürdige Zylinderhut und die schon gewichsten Glace verfehllen ihren Eindruck nicht Wie ein Fürst kam er sich unter den Bauern mit ihren langen Röcken und den breiten Hüten vor Mit vor-
a) für Rechtsvorgange, die Gesellschaften betref- fi:nb (Eesellschaftssteuer),
b) für den ersten Erwerb von Vermögensrechten des Kapitalverkehrs (Wert papiersteuer),
c) für Abschaffungsgeschäfte des Börsenverkehrs (Börsenumsatzsteuer),
d) für die Gewährung von Vergütungen an Mitglieder ties Aufsichtsrates von Kapitatgefell- fchaften (Aussichtsratssteuer),
e) für den Erwerb von Vermögensgegenständen zu gewerblichen Zwecken (Gewerooanschaf- fungssteuer).
6 . eines Gesetzes über Erhöhung von Zöllen.
7 .eines Gesetzes betreffend Erhöhung ein- Seiner Verbrauchssteuern. Diese sind: Leuchtmittelsteuer, Zündwarensteuer, Biersteuer, Mineralwassersteuer, Tabaksteuer.
8 .eines Gesetzes betreffend Abänderung des Um- fatzsteuergefetzes.
9 . eines Versichvttungsstsuergesetzes.
11.eines Kraftfahrzeug . Steuergesetzes und
12. eines Rennwettgesetzes.
Unter bett Verbrauchssteuern ragt besonders hervor die Koh len steuer. Der neue Entwurf besteht in einer Abänderung les Kohlerrst-i-uergesetzes vom 8. April 1917 bezw. vom 27. Juni 1921. Die grundlegende Bestimmung enthüll der 8 6 Abs. 1: danach beträgt die Steuer 30 v. H. des Wertes der gelieferten oder sonst abgegebenen ober der Verwendung im eigenen Betrieb oder dem eigenen Verbraucher zugeführten oder der eingeführten Kohle. Der Reichsminister der Finanzen soll jedoch ermüchttgt sein, mit Zustimmung des Reichskohlenrats und des Reichsrats, diesen Steuersatz bis auf 25 v. H. zu ermäßigen oder nach einer Ermäßigung wieder bis auf 30 v. H. zu erhöhen. Bisher betrug die Kohlensteuer 20 Prozent vom Wert. Für die Hausbrandkohle wird die Verteuerung durch die neue Steuer auf 3,85 v. H. berechnet. Hierzu dürfte eine Aeußermig des Berliner Hauptorgans der Mehrheits-Sozialdemokratie, des „L o r w ä r t s", von Interesse (ein, er sagt nämlich:
»die Erhöhung der Kohlensteuer aber wird nicht ganz umgangen werden können, da auch die bisherigen Sätze nicht verhindern konnten, daß die Kohlenpreise sich fortgesetzt aufwärts bewegten und sich den Weltmarktpreisen gegen früher merklich genähert haben, wenn auch die Spannung heute nod) so sehr groß ist. liian kann e6 verstehen, wenn das Reich an den steigenden Preisen sich einen Anteil sichern und damit zugleich verhüten will, daß die Reparationskohle zu einem Bruchteile ihres richtigen Wertes nur auf Wiedergutmachung angerechnet wird, während wir für Einfuhrkohlen den vollen Weltmarktpreis zahlen müffen.*
Durch ein weiteres Gesetz werden eine ganze Reihe von Verbrauchssteuern erhöht: verdoppelt wird die Steuer auf die Leuchtmittel und die Zündwaren, die Biersteuer wird vervierfacht, allerdings wird dabei der Unterschied zwischen der Bcla- Btg der Groß- und der Kleinbetriebe beträchtlich er-
t. Dadurch sollen dir kleinen Brauereien bei dieser teuerung geschont werden. Verdoppelt wird auch die Mineralwassersteuer. Bei ifcr Tabaksteuer soll eine Erhöhung dadurch erzielt werden, daß alle bisher gestatteten Ermäßigungen in Wegfall kommen; neu gestaffelt werden die Steuerklassen für feingeschnittenen Rauchtabak, Pfeifentabak, Kau- und Schmlpstabak. Dadurch fall der Ertrag der Tabaksteuer von 1—8 Milliarden Mark auf 2—7 Milliarden Mark gesteigert werden. Die vorhin erwähnte Kohlensteuer soll 9,25 Milliarden Mk., also eine Erhöhung um rund 4,5 Milliarden Mark bringen.
Unter den Besitz steuern ragt das Vermögelrs- steucrgesetz hervor. Dieses sieht eine jährliche Vermögenssteuer vom 1. April 1923 ab vor. Dem Reichsnotopfer gegenüber, als deffen Fortbildung und Der- edelung es wohl anzufohen ist, enthält es 2 grundle-
nehmer Herablassung, so wie er es während feiner Lehrjahre in der Stadt von hohen Herren manchmal gesehen, unterhielt er sich da und dort huldvoll mit einem oder dem andern, bis Joseph in Sicht kam. Kaum hatte er ihn entdeckt, stürzte er wie ein Wilder hinaus in den Hof, um ihn zu begrüßen.
„Mein lieber Freund Joseph!" rief er so laut, daß es noch die Bürgermeisters-Kundl hören konnte, „ich heiße Dich im Namen der ganzen Gemeinde willkom. men. Möchte es Dir in den heimatlichen Gefilden ge- fatten! Uns allen wird der Tag Seiner Rückkehr un. sterblich bleiben.“
Er war im besten Zuge, seine Ansprache möglichst lange auszudehnen, als er hinter sich deutlich einen Ge- lodenen leise murmeln hörte: „No, Leut' und Sinnet, chaut ner, was der Bader an sein schöna Spenzer na» bracht hat. Der iS ja ganz flecket, grab' wie mei Schwarz, checkla.“
Da swckte plötzlich des Herrn Dorfbaders wohlstudierte Rede; jäh brach er ab. Im Eifer der Sache hatte der Redekünsller es gar nicht bemerkt, daß er sich in die Sonne gestellt hatte, die die zahlreichen, mit Tinte übersttichenen Schmutzflecken beschien. Der Schrecken hatte ihn ganz aus dem Konzept gebracht; kaum konnte er noch seine vornehme Haltung bewahren. So rasch, als es der Anstand erlaubte, trat er in das Haus zurück. Beim Kirchgang'war alles erstaunt ob der ungewohnten Bescheidenheit des Herrn Baders — er ließ es sich absolut nicht nehmen, den letzten im Zuge zu machen. So blieben die großen Tintenflecke auf dem Rücken des Festredners selbst den krittschsten Augen verborgen.
Bei Tisch entfaltete sich nochmals sein großes Red. nertalent. Leider fand aber seine glänzende Unterhaltungsgabe nicht die verdiente Anerkennung und Bewunderung. Im Gegenteil! Der Schmidbauer schri-b ihr ogor böse Wirkung zu. Als derselbe nämlich von einem plötzlichen Unwohlsein befallen wurde, frug er kopfschüttelnd feinen Nachbarn:
»Du, Hanni, wird's dir net a schlecht? Denn der Kerl sein Maul net hält, muß ich naus, mir wird spei, übel.“
Er aber, dem der Vorwurf galt, ahnte nichts von diesem schwarzen Undank. Als letzter verließ er hoch-
gende Aendenmgen, die nicht gering angeschlagen werden dürfen. Zunächst soll der feste Stichtag aufgege- ben werden, der bisehr aus den 31. Dezember 1919 lautete. Dadurch wird einmal ermöglicht alle neugebildeten Vermögen zu erfaßen. Weiterhin soll die Steuer in Zeitabständen von höchstens 3 zu 3 Jahren veranlagt werden, damll Wertsteigerungen und Wertminderungen Rechnung getragen werden tarnt. Zum zweiten bringt dieser neue Entwurf dem Reichsnotopfer gegenüber eine Aenderung der Bewertungsgrundsätze. Als oberster Grundsatz für die Einschätzung wird nunmehr dergemeineWert proklamiert unb nicht mehr der Ertragswert wie es früher der Fall war. Auch die Vermögensfubftanz soll nicht unberührt bleiben, darum sieht der Entwurf für die Dauer von 15 Jahren einen Zuschlag zur Vermögenssteuer vor: für Physische Personen 300 Prozent, für nicht physische Personen 150 Prozent der Vermögenssteuer. Die Begünstigungen des werbenden Vermögens werden beseitigt. Der Entwurf vermeidet aber, indem er den Zugriff als Vermögenssteuer ausbaut und Leistungen an das Reich in (Selb ablösbar macht, jeden unmittelbaren Zwang zur unwirtschaftlichen Abgabe von Teilen der Substanz. Es bleibt dem Steuerpflichtigen überlaßen, auf welche Weise er die regelmäßig nicht aus seinen Einkünften tragbare Steuerlast abbürden will.
Die Presse der Reichs Hauptstadt hält sich diesen Entwürfen gegenüber hn allgemeinen zurück; sie bringt die einzelnen Vorlagen ihren Lesern zur Kenntnis und vermeidet zunächst eine eingehendere Auseinandersetzung. Nur die Rechtspresse läßt erkennen, daß für sie das Vermögenssteuergefetz einen Stein des Anstoßes bedeutet und sich ihr Kampf wohl vomchmtich um diese Besitzsteuern konzentrieren wird. Es ist selbstverständlich, daß bei der grundsätzlich verschiedenen Einstellung unserer scharf gegensätzlichen Parteien es zu mehr oder weniger scharfen Auseinandersetzungen über die Steuervorlagen lammen wird, denn leider geht es ohne dies in unserem parlamentarischen Leben nun einmal nicht ab. Es wird auch niemand so töricht sein etwa eine Kritik ausschalten zu wollen. Aber darauf muß mit aller Entschiedenheit hingewiesen werden, daß die Steuergesetzgebung eine Materie ist, dte an sich mit dem Streit der Partelleidenschaft und agitationslust hierbei di« Triebfedern würden. Ein« sachliche Behandlung wird unseres Erachtens dem Steuerprogramm nicht schaden können, weil es die sachliche Kritik wohl aushalten dürfte. Zum mindesten wird niemand, der objektiv urteilt, der Regierung das Streben nach einer billigeren Lastenverteil ung ab« sprechen körnten, wenn man da? Gesamtbild aus sich wirken läßt.
Zum Code des Äbg. Vnrlage.
Aus Anlaß des plötzlichen Hinscheidens des stellvertretenden Vorsitzenden der Deutschen Zentrumspartei, des Reichstagsaibg. Burlage, sind herzliche Bei- leidstelegramms bet der Reichsparteileitung eingelaufen. Daß auch Edrmrd Burlage ebenso wie Trimborn und Hitze die Achtung seiner politischen Gegner genoß, beweisen die Kundgebungen aus den Kreisen der andern Parteien. So ist von der Reichstagsfraktion der Mchrheitssozialdemokratie nachstehendes Telegramm eingelaufen: „Zu dem herben Verlust, den die Zentrumspartei durch den Tod des allgemein verehrten Abgeordneten Burlage ertttten hat, spricht feine aufrichtige Teilnahme aus der Vorstand der Sozialdemokratischen Reichstagsftaktton. Wels." Don der Deutsch-Demokratischen Partei: „Zn dem Ableben des Herrn Abg. Burlage, in dem das deutsche Parlament em allseitig geschätztes und hochverehrtes Mftglied oer- liert, sprechen wir im Namen der Reichstagsfraktion der Deutschen Demokratischen Partei aufrichtiges Beileid aus. Petersen, Koch, Erkelenz.“ Von der Deut-
befriebigt das Hochzeitshaus unb daheim erzählte er noch lange Zeit seiner Gattin von seinen Triumphen.
„Weißt Du, Alte.“ meinte er, „bie Bauernlümmel hab'n toll g'schaut. wie sie da einen Vorgeschmack von meiner Bildung und meinem Wissen bekamen. Es mir6 alles brauchen, wenn sie mich nicht mit Gewalt bei der nächsten Wahl zu ihrem Bürgermeister machen wollen. Denen hab' ich heute Respekt beigebracht.“
Am andern Tage in aller Herrgottsfrüh' lief er zur Frau Bürgrmeisterin und teilte ihr im Vertrauen mit, daß fein Freund Joseph ganz ernste Absichten auf ihre Kundl hätte. „Ich habe ihn ein wenig auf die Schönheit der Jungfer Kundl aufmerkam gemacht, unb er war von meinem Plane gleich hochbegeistert. Die Jungfer Kunbl hat bie besten Aussichten auf meinen Freund Joseph. Er verläßt sich dabei viel auf mich unb ich weiß, wag ich zu sagen habe.“
Schmunzelnd holte die Frau Bürgermeisterin eine große Flasche Zwetschenschnaps und legte sie dem Bader in den Arm.
„Laßt ihn Euch gut schmecken, cs kommt scho mefjra noch. — Kundl!“ rief sie dann hinaus in die Küche, „hol' amol schnell die große Hartwurscht, bie drob'n in ber Kammer hangt. — So, bie bringen S' Ihrer Frau mit harn.“ fuhr sie fort, zum Bader gewendet.
Strahlend nahm ber Bader die Hartwurst in Emp- äng, sich nun schleunigst verabschiedend, um die seltenen Genüsse unter Verschluß und Riegel zu bringen.
Unter der Türe rief ihn die Frau Bürgermeisterin noch einmal zurück.
„Herr Bader, wie wär's denn, mögen S' denn net amol morg’n nachmittag Ihren Kaffee bei uns trinken? Vielleicht veracht' Ihr Freund Joseph a net a guta Schal'n Kaffee!“ ' '
Als ber Herr Bader am andern Tage morgens in das Flickschusterhäuschen hinaufging, um feinen Freund zu der Kafsee.Einladung zu überreden, faß bie Flick- chusterin mit tief gesenktem Haupte allein vor der Türe unb schälte Kartoffeln. Laut grüßenb eilte er auf sie zu, da hob sich langsam ihr Haupt. Ihr Gesicht war vom Weinen gerötet unb in ihren Augen glänzten Tränentropfen.
Joseph war abgereift
schen Volkspartei: „Ihre Fraktion hat durch den Tod des Kollegen Burlage abermals einen schmerzlichen Verlust erlitten. Namens der Fraktion der Deutsche» Volkspartei spreche ich Ihnen unsere herzlichste Teilnahme aus. Dr. Stresemann.“
Dte politische Presse aller Richtungen gedenkt des dahingeschiedenen Zentrumsabgeordneten Burlage in Achtung und Anerkenung seiner Verdienste, die er sich durch feine rastlose Arbeit und durch seine ruhige Sachlichkeit erworben hat. Auch dies ist ein Zeichen dafür, wie Burlages Arbeit weit über den Kreis seiner eigenen Partei hinaus anerkennend eingeschätzt wurde. So schreibt das Mehrheitssozialistische Organ, der „Vorwärt s":
„Ms eine juristische Autorität allgemein anerkannt, be- teifigte sich Burlage für bie Zentrumsfraktion im hervorragendem Maße an ben Ausschuß- unb Plenardebatten über bie neue Reichsverfasfimg. Burlage gehörte mit Wirch, Decker, Mesberts unb anderen zum linken Flügel ber Zentrumsfrattion. Sein Name wurde wiederholt, f» j. S. bei ber letzten Neubildung des Reichskabinetts, für ben Posten des ReichsjujLgmmisters genannt und bs- sonders bie SoziaDemokmiie hätte eine solche Srertenmmg lebhaft begrüßt. Denn Burlage erfreute sich in allen Koalitionsparteien durch fein aufrechtes unb bescheidenes Wesen einer besonderen Sympathie.“
Auch bas Hauptorgan der USPD., die Berliner „Freiheit“, widmet dem Entschlafenen anerken- nende Worte. Sie schreibt:
„Sie Zentrmnsfraktivn des Reichstages hat binnen kurzer Zeit zum brüten Male einen ernsten Verlust zu beklagen. Nach dem führenden christlichen Sozmlpoiitrker Dr. Hitze, dem ersten Vorsitzenden ber Partei, Dr. Irfan- borm, ist nun 6er Reichsgerichtsrat Eduard Burlage, ber zweite Vorsitzende ber Partei, gestorben. Mit ihm ist einer ber fleißigsten und gewissenhaftesten Volksvertreter dahin- gegangen, der sich deshalb bei allen Parteien großen An» sehens erfreute.“
Besonders seine Sachlichkeit weiß die deutschnationale „Kreuzzeitung“ in ehrendem Gedenken zu rühmen. Sie widmet ihm folgende Zeilen:
„Das Zentrum, das erst vor einigen Wochen seiner, ersten Vorsitzenden verloren hat, erleidet einen großen Verlust. Gleich dem verstorbenen Abg. Trimborn stand auch Eduard Burlage als Parlamentarier in hohem Ansehen. Wenn Trimborn ober Burlage am Rednerpult standen, bann folgten auch bie Gegner ben Darlegungen mit Aufmerksamkeit unb Interesse. Ruhige Sachlichkeit, bie bas Dolkswohl als oberstes Gesetz anerkennt — das war ber Ton, auf ben bie letzten Reden gestimmt waren, die ber Reichstag von dem verstorbenen verdienten Zen- trumsobgevrbneten gehört hat.“
Die sterblichen lleberreste des Abg. Burlage sind ams Samstag abend in aller Stille von Berlin nach Leipzig überführt worden. Die Beerdigung findet am Mittwoch den 24. August, nachmittags 3 Uhr, in Leipzig statt.
Gberschlefien.
Nach einer Havasmeldung haben sich die französische, die englifche und die stalienische Regierung über dieEntsendungvonjezweiBataillonen nach Oberschlesien geeinigt.
Um den Kreis Rosenberg.
Der Deutsche Ausschuß für Oberschlesien teilt mit: Der Bevölkerung des Kreises Rosenberg, die bei der Abstimmung mit über 80 Prozent für Deutschland gestimmt hat, hat sich große Sorge bemächtigt, weil nach dem Zeitungsbericht über die Verhandlungen des Obersten Rats in Paris Lloyd George von der Möglichkeit gesprochen haben soll, den Kreis Rosenberg oder Teile des Kreises Polen zuzusprechen als eine Art Austauschobjekt für Teile des Industriegebiets, das nach dem englischen Standpunkt ungeteiü bei Deutschland bleiben soll. Diese Sorg« der Bevölkerung des Kreises ist auch in Eingaben und Beschlüften zum Aus» druck gekommen, die in den Zeitungen veröffentlicht
7. Kapitel.
Schon sind mehrere Wochen seit Josephs Abreif« wieder dahin. Im Dorfe sprach man noch immer von dem Ereignis. Dielen Ide Josephs Besuch in ihrer Häuslichkeit erwartet hatten, sagten, das viele Geld hätte ihn stolz gemacht; die aber mit ihm in Berührung gekommen waren, ließen das nicht gelten. Sie meinten, von Hochmut hätte man gar nichts an ihm gemerkt, er wäre gegen alle recht lieb unb freunblitfj gewesen. Verschieben« wollten auch bestimmt wiften, daß das Kommen Josephs zur Hochzeit seines Bruders noch einer ganz besonderen Zweck gehabt hätte.
Der alte Gemeinbediener des Dorfes war vom Bür- germeifter beauftragt worden, fällige Gemeindeumlage« einzukaftieren. Das war immer eine böse Mission. Oft schlug man ihm die Türe vor der Rase zu oder man gab ihm bie derbsten Schimpfworte zu hören. Nie und nirgends aber hieß man ihn willkommen. Um den Zorn ber Bauern wenigstens einigermaßen von feinem Haupte abzuwenden, kam er oft auf bie abenteuerlichsten Gedanken. Er wußte aus Erfahrung, daß er am ehesten fein Ziel erreichte, wenn er sofort beim Eintritt in eine Stube mit einer Neuigkeit aufwarten konnte.
Dies mußte immer schon geschehen, bevor die Leute ben eigentlichen Zweck feines Besuches ahnten. Jo- sephs Anwesenheit unb die damit verbundene Aufre. gung im Bürgermeistershaus gaben ihm nun die gewünschte Gelegenheit.
„Leuf, ich könnt' euch a tüchtige Neuigkeit fag’n wenn ich halt müßt', daß Ihr Euer Maul halten könnt.“ So sagte er unmittelbar nach dem Gruß in jedem Hause, bas er auf feiner unliebsamen Wanderung mit seinem Besuche beglücken mußte.
Sofort erhellten sich da bie mißtrauischen, verdrösse, nen Mienen.
„No, Hanni, so hock' Dich ner a bißle zu uns. Wie kannst Du denn glaub'n, daß mir was fag’n. Was maßt denn na? Du bist halt doch a guter Kerl, läßt an andern a was wiss'n.“
Mit solchen Redensarten kam man ihm ba überall entgegen.
Fortsetzung folgt.)