Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Skadl Fulda.
Nr. 190.
Serontroonlitt) für den ceOauionetlen Zeil i. V.: A. Weßler. 2 für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulbo. n Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Attiendruckerei in Fulda, ^ernlprecher Nr. 9. Telegr^Sldresse: Fu Idaer Zeitung.
Somstag, 20. August 1921.
Bezugspreis: Monatlich 3,50 ZRL ohne Bestellgeld. Post- r bezug 4,10 Mk. Abgeholt 3,75 M. a
Anzeiger»: Coloneizeile 70 pfa.; für mehrspaltige Anzeigen Zuschläge. Reklomezeile (Zertbrerte) 250 Mk.
48. Zahrg.
Eduard Burlage f
Orr Zenlrumsaogeordnele, Reichs- gerichisroi Eduard Rurlage, der zweite Vorsitzende der Reichskagsfrsklion ist gestern früh an einer Rippeu- und Brustfellentzündung sanft entschlafen.
Bon neuem wird die deutsche Zentrumspartei und die Zenlrmnsfraktion des Reichstages von tiefer, schmerzlicher Trauer heimgesucht. Noch stchsn wir «rschütdrrt an den offenen Gräbern unserer unvergeßlichen Führer Samborn und Hitze, da greift neue unfaßbare Trauerkunde an unser Herz, Eduard Burlage, Mch Trimborns allzufrühem Heimgänge vertretender Vorsitzender der Partei unb Fraktion, ist in der Früh: des 19. August einem schweren Leiden, dem er lange mit Mannesmut und christlicher Geduld standhielt, im Elisabeth-Stift zu Berlin erlegen. Den beiden zu früh »ort uns gerissenen Führern Trimbom und Hitze ist durch Gottes unerforfchlichen Ratschluß nun auch derjenige in die Ewigkeit gefolgt, aus den sich die Hoffnungen der Partei richteten. Fast gemeinsam hat drei .unserer Besten der uncrbittliche Tod hinweggerafft — drei Lücken find gerissen, die nur schwer aussüllbar -sind. Denn Eduard Burlage, der lautere und vornehme Charakter, desien reiche Kenntnisse und Erfahrungen, dessen ruhiges unb sachliches Urteil und dessen unermüdliche nur aufs beste gerichtete Arbeit dem Dater- lande, dem Volke und der Partei irr restlosem Eifer ge- chörten, wird mit Recht in die Reihe der Zentrumsführer gestellt. Bis zum letzten Tage hat sich Burlage um das Wohl und Wehe der ihm anoertrauten Partei jgeforgt, noch am Mittwoch hat er sich an feinem Krankenlager eingehend Vortrag holten lassen über wichtige Fragen der Partei. Mitten aus der Arbeit ist Mch er dahingegangen.
Eduard Burlage wurde am 25. November 1857 zu Huckelrieden bei Lönningen geboren. Er besuchte Volksschule und Bürgerschule seines Heimatdorfes, um bann auf das Gymnasium zu Vechta überzugehen. In Tübingen, Leipzig und Göttingen studierte er die Rechtes 1884 wurde er Auditor, er war von 1887 bis 1898 Amtsrichter in Friesoyde Oberstein (Birkenfeld) und Jever, von 1898 bis 1903 Landgerichtsrat, von 1903—1907 Oberlandesgnüchtsrat in Oldenburg, seit 1907 Reichsgerichtsrat. Von 1896—1907 war er Mitglied des Oldenburgifchen Landtags. Während dieser Zeit hat er mit ernster Hingabe für dos Wohl feiner oldenburgifchen Heimat gearbeitet, bis ihn seine Wahl in den Reichstag vor umfassendere und größere Aufgaben stellte. Dem Reichstage gehörte er in der Legislaturperiode von 1903 bis 1907 an. Nach dem Zusammenbruch wurde er von seinem Heimatkreise in die Deutsche Nationalversammlung gewähll. Im gegenwärtigen Reichstag war er Abgeordneter des Wahlkreises 16 (Weser-Ems). Sn der Zentrumspartei beneidete er das Amt des stellvertretenden Vorsitzenden, in der Zentrumsfraktion des Reichstages das des dritten Vorsitzenden. Er war ftänbig Sprecher des Zentrums, wenn es sich darum handelte, Fragen von juristischer Feinheit zu erörtern. Sein sachliche Ur- teil wurde stets gchört, die ruhige Vornehmheit, mit ber er feinen Standpunkt von der Tribüne des Hauses Bu vertreten pflegte, fand das willige Ohr und die Beachtung auch der AndersgesilMten. Eine Red- von Burlage war stets ein Gewinn für alle. Aus ihm sprach der klar denkende Surist, der sich von seinem Temperament nur fetten hinreißen laßt und der uner- fdjüttert und fest um den Meinungsstrnt seine Sache mit Anstand zu verfechten weiß.
Burlage war ein erster und stiller Mann, der es nidft liebte, in der Oeffentlichkeit besonders hervorzu- treten, der aber durch seine stille Arbeit der Partei
Der Sänsebub.
Fränkischer Dorfroman von Dina Ernstberger. 24] __________
Da erschallten im Dorf Schüsse. Sofort sprangen *der und seine Braut in die Höhe — der Sammer, (ein Wagen mit den verschiedenen bänderge. Mmuckren Sachen, die die Braut mit in das Haus ihres "°utig°ms brachte) war unterwegs. Peter trat mit ’ Braut hinaus in den Hof. Joseph und seine fXiu :“aren an das Fenster getreten. Schritt für IVlv der hochgeladene Wagen die Dorfstraße her- , . 7lrr der Pferde war mit bunten Bändern ver-
o6cn ro°r das federnstrotzende Brautbett auf« Ä Tk 'b-nfalls über und über mit Bändern ver. die Patin h«.n»r bem Srautbett f°6 auf einem Seflel m- Cr. ®raut in der malerischen Tracht der frön- S m® '>“>« »-b-» » -'n--
dl, r„ „„ z,i, z,i, dl, b« t^ar bli 8 umkreisende Dorfjugend warf. Wil- xuaeaanaen Empfang am Omnibus auch nicht
G £ SS S»«|o„ näftcrte M b.r hinaus in den ^QU,C: 9in9 auch die Mutter
Hintertür das Äs £\naber Der!^. Ieife durch die " nnr b-m Noien^^ die Felder; auf einmal stand Hüteang^ Vom Doft ^en auf dem großen Sch°»-l b,58? A& 4*“** Aufregung gebracht zu haben. uuimugtn
Hier außen war es still und r»»,. m der Runde. - Daß sie doch im^ trauten Bilder einstiger schöner Zeit- dost ^die^Ert'nne^ rang doch gar nicht sterben will und stete non neuem wteber tue alte Wunde blutet. Das wark ja was bte Heimat meiden ließ die langen Jahre- L muftte es wohl: wer in der Seele nicht den Friedel ®Iüd, der soll nicht Orte suchen, wo er einst so reckt von ganzem Herzen froh und glücklich war Er wird sein bitteres Weh verdoppelt dort empfinden und alter
unentbehrlich war. Auch der Weltkrieg hat über ihn Shtmmer und Schmerz gebracht. Hart traf ihn das Schicksal, da er einen seiner Söhne auf dem Felde der Ehre verlor. Nun ist er mit diesem seinem Sohne vereinigt.
Nach dem Ausscheiden von Gröber, Hitze und Trim- harn war der Abgeordnete Burlage einer der hoffnungsvollen Ersatzmänner. Er hatte freilich bisher ine Aufmerksamkeit der großen Masie weniger auf sich gezogen; aber im Kreise seiner Genossen und bei den Sachkennern aus allen Parteien war er als eine Kraft ersten Ranges anerkannt und hochgeschätzt. Das D:m- perament zur flammenden Beredheit war ihm freilich nicht gegeben, aber dafür ein überaus scharfer Ver- stand, eine unbeirrbare Urteilskraft und eine unermüd- siche Tatkraft. Er stand erst im 64. Lebensjahre und machte den Eindruck einer kerngesunden Frisch« und Energie. Man durste von ihm noch bedeutende Leistungen an führender Stelle erhoffen. Umfo mehr, als er sich durch dieselben Vorzüge auszeichnete, die Freund und Feind an den vorhergegangenen Führern unserer Partei loben durften oder anerkennen mußten einerseits durch die vollkommene Selbstlosigkeit, die sich ganz und gar der guten Sache zum Opfer bringt, und andererseits durch das hochachtungsvolle V e r t r a u at, das die edle Persönlichkeit bei alben ehrlichen Leuten ohne Unterschied der Parteien findet.
Burlage war im engeren Berufe Jurist, und durch die hervorragende Tüchtigkeit m fernem Fach stieg er bis zum Ruichsgerichtsrat empor. Seiner Tatkraft uni) ferner Liebe zum Volk genügte aber die eifrige juristische Tätigkeit noch nicht. Er wurde Volksvertreter in feinem Heimatlande und dann im Reiche, und als solcher sowie in der Vereinsarbeit entfaltete er eine segensreiche Wirksamkeit, die ihm ein dauerndes An- benten sichert. Auch in feiner politischen Tätigtest entfaltete er dieselben Tugenden, die ihn als Juristen aus» zeichneten. Die strenge Sachlichkeit, di« peinliche Ge- wifsenhaftigkeit in der Erforschung der Wahrheit und in der Abwägung des Urteils, die Beherrschung der Gefühlswallungen und die unbestechliche Gerechtigkeit auch gegenüber den Andersdenkenden.
Bei Burlage zeigte sich ebenso wie bei den vorher- geschiedenen Führern des Zentrums, welch eine sittliche und politische Straft ausgeht von dem religiösen Glauben unb der katholischen Frömmigkeit. Die alle Phrase, daß Leute dieser Art „nicht in bte Welt passen", ist durchschlagend Lüge gestraft. Unsere Vorkämpfer und Führer paßten gerade deshalb in bte ver- merrene Welt, weil sie Licht und Kraft aus jenen überirdischen Höhen schöpften, mit denen die echte Religion die Verbindung herstellt.
Letzt richten wir alle die flehentliche Bitte zum Himmel, daß der Allgütige der grausamen Hand des Todes Einhast gebieten unb uns bte verbliebenen Kräfte noch recht lange erhalten möge.
An den Gräbern, je mehr sie sich häufen, muffen wir zugleich den immer festeren Entschluß fassen durch treue, tapfere unb opferwillige Arbeit die schwer heimgcsuchte Partei zu stärken, soviel es durch die ge* meinschastliche Entfaltung der Volkskräfte möglich ist.
Schließt die Reihen! Das ist die rechte Parole im verlustreiche Kampf. Den neuen Führern wird ihre Aufgabe wesentlich erleichtert, wenn alle Genossen mit frischer Spannkraft auf dem Posten fmb.
Der nächste Gedanke ist, daß wir ben bevorstehenden Katholikentag in Frankfurt durch die weiteste Beteiligung recht imposant und fruchtbar machen. Daran muß sich ein allgemeinem Bestreben schließen, die BstjckMsse und Anregungen^ die von dort ober von der politischen Zentrale cmsgchen, auf allen Gebieten in die Tat zu übersetzen.
Die Iteberfebentew trauern, aber sie dürfen nicht verzagen. Sie müssen dankbar sein und dabei nicht vergessen, daß die Verewigten keinen besseren Dank
Schmerz, den er schon längst erstorben hielt, wird hier aufs neue wieder wach. ।
Träumerisch blickte Joseph auf den Rosenbusch nieder; er trug reichen Blütenschmuck — ganz so wie einst. Um feinen Fuß schlang sich eine blühende Ranke; mit bii. terem Lachen zertrat er die frischen, jungen Rosen. Er hielt daheim den Schmerz für eingeschlafen die Wunde fest vernarbt. Das einzige Gefühl, das ihn an jenen Traum dort manchmal noch erinnerte, war namenlose Bitterkeit. — Nun stand er ba, am Orte, wo er einst so glücklich war — vor ihm be#; Rosenbusch erzählte ihm von süßen Stunden unb plötzlich wurde es ihm klar, daß tief im Innersten seines Herzens noch die alte Liebe lebte. Wehmütig blickte fein Auge rings umher, so fried- lich, fo vereinsamt lag vor ihm sein Heimatdörfchen da im Abendfrieden. Ein leuchtend Abendrot tauchte das Firmament in purpurhelle Glut und Vöglein suchten zwitschernd ihre Nestchen auf. West drüben sah er, wie der Hirt mit seiner Herde langsam heimwärts zog; vom Dorfe her tönte feierlich der Klang der Abendglocke — er nahm den Hut vom Haupt und faltete, fromm betend wie einst als Knabe, die Hände.
Die Abendglocke war schon längst verhallt; im Dorfe krachten keine Schüffe mehr, es war ganz still und ruhig rings umher geworden. Joseph stand noch immer da und schaute träumen!) in die verlöschende Glut des Abendhimmüs. Auf einmal streckte sich der schlanke Körper; der weiche, träumerische Ausdruck schwand aus einen Zügen, dafür erschien zwischen den Brauen wie- der jene düstere Falte. — Mit festen Schritten verließ Joseph den Hüteanger und kehrte auf demselben Wege, den er gekommen war. ins Ellernhaus zurück.
Dort hatte man in der Stube schon das Licht ange. zündet; durch das Fenster sah er, daß außer Peter und der Mutter noch viele fremde Leute hier waren. Es war ihm jetzt unmöglich, da hineinzugehen und die Augen aller forschend auf sich ruhen zu lasten und die neugierigen Fragen zu beantworten. Fast bereute er es jetzt, hierher gekommen zu fein. Unschlüssig stand er eine Zeitlang unter der Türe, dann stieg er leise empor in seine Kammer.
wünschen, als bte treue Befolgung ihrer Lehren und ihres Beispiels, barnft die gute Sache, für bte sie sich aufgerieber. haben, zum vollen Erfolg gelange.
Beilerdskunögebungen.
Die Deutsche Zentrumspartei und die Zen- trumsfraktion des Deutschen Reichstages wib- men ihrem bahmgeschiebenen stellvertretenden Vorsitzenden Ebuarb Burlage folgenden Nachruf:
„Am Freitag den 19. August ist noch längerem Leiden sanft im Herrn entschlafen der Reichsgerichtsrat Eduard Burlage. Mitglied des Deutschen Reichstages, ftellvortre- tender Vorsitzender der Deutschen Zentrumspattei. Schmerzerfüllt stehen wir an der Bahre dieses edlen Menschen. Drei unserer Besten, drei Führer unserer Partei unb unserer Fraktion sind nun in der Ewigkeit vereinigt. Auch Burlage war uns stets mit seinem reichen Wissen und seinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn ein väterlicher Berater unb Führer, den wir schätzten unb ehrten. In Mer Arbeit hat er unermüdlich für die Partei und für bas Vaterland gewirkt. Möge Gott ihm ben Lohn für feine Muhen gebenI Wir werden ihm als einem unserer Dosten ein bleibendes Andenken bewahren. R. i. p.
Für die Deutsche Zentrumspartei: Dr. Porsch, für die Zentrumsfvaktion des Deutschen Reichstages: Becker- Arnsberg.
An bte Gattin des Verewigten sind im Trauechcmse lösende Belleidstelegramme eingelaufen: Bon der Deut- schon Zentrumspartei: .Ihnen und Ihren Ange- hörten zu dem schworen Verluste die aufrichtigste Teil- mlhme. Mögen Sie Trost finden in dem Gedanken, daß Gott ihm seine Treue lohnen wird. Mtt Ihnen trauern mir um den hohen Verstorbenen als einen unserer Besten. Wir werden chn nie vergessen. Die Deutsche Zentrums- Partei. Dr. Porsch."
Vom Reichsgeneralfekretariat der Deut- schon Zentrumspartei: „Ihnen zmn Tode Ihres hochverehrten Gemahls das innigste Beileid. Möge Gott Sie trösten. Wir trauern mit Ihnen und verehren in dem hohen Verstorbenen einen väterlichen Freund und Berater, der unsere Arbeit stets gefördert hat. Sein An- denken werden wir stets in Ehren hallen. Das Reichs- genemlsekretariat. Dr. Katzenberger."
Dom Reichsmband der Deutschen Windthorst- b u n d e: .Zu dem schweren Verluste unsere aufrichtige Zell nähme. Wir beten, daß Gott dem Verstorbenen fein Wirken lohnen möge. Uns bleibt der Entschlafene ein Borbilb, dem die Zentrumsjugend nachzueifern getobt Reichsverband der Wrndihorstbunde. Dr. j)öfie."
Die presse zum Tode Vurlager.
Das demokratische „Berl. Tageblatt" wib- met bem verschiedenen Zentrumsabgeorbneten Burlage in ihrer Abenbausagbe vom Freitag einige Worte bes ehrenden Angedenkens, indem sie schreibt: „Burlage war eine ruhige, fachlich abrvägenbe Natur, ein politi* fif)€s Temperament von hinreißender Rednergabe war er nicht. In ben eigentlichen parteipolitischen Kämpfen ist er nicht hervorgetreten. Er war weder dem rechten noch dem linken Zentrumsflügel zuzuzählen, nahm vielmehr eine ausgleichenbe vermfttelnbe Stellung ein. Das Zentrum unb bas Parlament verlieren in ihm einen aufrechten Mann, der stets bemütjt war, Politik vom Standpunkt leidenschaftsloser Vernunft zu machen. Als ausgezeichneten Sachkenner in allen Rechtsfragen wird ihn der Reichstag noch oft vermiflen. Bei der letzten Kanzlerkrisis wurde eine zeitlang auch fern Name in Verbindung mit bet Bildung des Kabinetts genannt.
Der rechtsstehende „Berk. Lok.-Anz." hebt in ferner Mitteilung vom Hinfcheiden des Reichstags» abgeorbneten Burlage besonders „feine vermittelnde, versöhnliche Art, die ihm viele Freunde auch in den anderen Parteien geworben habe", hervor.
Es war, als hätte die Flickschusterin unten feine Rück- kunfi geahnt. Leise klinkte plötzlich die Türe auf und sein Mütterlein trat herein.
„Warum gehst net hinunter in die Stub'n, Joseph," frag sie traurig. „Gelt, es g'fällt Dir halt nimmer da bei uns. Bist jetzt des arm’ Flickschusterhäuf'l nimmer g'wohnt. Ich verdenk' Dir's net, Bu, aber ich hab' halt mich gar fo g'jehnt nach Dir. Ich hätt' Dich hall gar so gern nochmal g'seh'n, bevor ich sterb'."
„Mutter, Du tust mir weh, wenn Du so sprichst," unterbrach sie Joseph. „Glaubst Du denn, die Fremde kann die Heimat, Elternhaus und Mutterlieb' ersetzen? Wohl dem, der diese drei besitzt und sie genießen kann — es gibt nichts Höheres, Teuereres im Leben. Glaub mir, ich weiß der Heimat süßes Glück zu schätzen; ich hab' mich Jahre lang danach gesehnt unb sie entbehrt."
„Du bist net glücklich, Bu, trotz — trotz Dei'm oiel'n Geld. „Ich hab' schon lang' das g'ahnt. Geh', sag' mir's, Joseph, gell, Du bist net z'sried'n?"
„Warum sollt' ich denn nicht zufrieden sein? Ich hab' erreicht, was ich erstrebt."
„Der Mensch erreicht gar oft was er erstrebt, und wenn er's hat, dann sieht er, daß es fein Unglück war."
„Ist das denn Unglück, wenn man reich wird und geehrt? Hab' ich nicht alle«, was das Herz sich wünscht? ®e kommst Du nur dazu, zu glauben, daß ich nicht glücklich sei?"
„Das rechte Glück hängt net am hohen Anseh'n und net am Geld. Des kann a jeder hab'n, ob er a Bettler is ober a reicher Fürst! — Weißt Du das nimmer, wenn wir ost am Winterabend mlfn Vater selig um an Tisch rurng'sess'n sind. Der Vater hat erzählt unb Stiefln g'slickt unb ich hab' mit Euch Federn für die Dauern g'schliss'n. Weißt Du bas nimmer, wie wir da so froh und glücklich mitananber mar'n? Unb doch ist ba die Rot stets mit uns auch am Tisch dort g'sess'n. Siehst Du. da, war das Glück, was ich g'meint hab'; das echte, wahre Glück, das die G'nügfamkert unb Zufriedenheit ben Menschen gibt. — Du kannst hab'», was Dein Herz begehrt, und doch die bitterst' Rot im Innern leid'n."
„Die Falfn zwischen Deinen Aug'n, die g'fällt mir «et: die hab' ich bei Dein' Datei nur ganz felt'n g'seh'n
Die Vorarbeiten des Völkerbundes.
Zum Berichterstatter für Oberschlesieu ist der spanische Vertreter beim VölkerbundSrat Quinones de Leon berufen worden.
In französischen Kreisen hält man die Ernennung deS spanischen Delegierten für sehr wichtig, vor allem deshalb, weil dadurch der Beweis geliefert werde, daß der Völkerbund die Absicht habe, die Angelegenheit so wenig als möglich in die Länge zu ziehen. Plan verhehlt auch nicht seine Befriedigung über diese Ernennung, da Quinones de Leon große Sympathie besitzt und bezeichnet diese Ernennung ganz offen als ein bedeutungsvolles Ereignis. In der französischen Presse macht sich unterdessen, je näher der Tag deS Zusammentritts des Völkerbunds« rates rückt, unzweifelhaft eine gewiße Nervosität bemerkbar. Man ist weit davon entfernt, den Worte« BriandS „jetzt heißt es zu schweigen", Folge zu leisten, sondern bemüht sich, in das Rätselraten bezüglich deffen, was eigentlich werden wird, gewisse französische Wünsche in den Fordergrund zu schieben. So ipielt die Einstimmigkeit, mit der angeblich die Be« schlüffegefaßt werden müßten, eine besonders hervorrag. Rolle bei allen Eröterungen. Auch wendet man sich ziemlich einmütig gegen die Möglichkeit, daß der Rat die oberschlesische Sache einem juristischen Ausschuß ober einem einzelnen Schiedsrichter überweisen könnte. Jntereffant ist, daß mehrfach ein gewisser Pessimismus sich zeigt. In der Beziehung ist e8 besonders Löon Baildy im ,Jntransigeant', betj meint, Frankreich gehe einer neuen und noch schwereren Enttäuschung entgegen, wenn es damit rechne, daß der Völkerbund im Sinne der franzö Ischen Auffasiung entscheiden werde. Man solle sich die Angelegenheit gefälligst reiflich überlegen und sich entscheiden, ob die oberschlesische Angelegenheit wirklich jo sehr wichtig für Frankreich sei, denn der Tag sei nicht fern, wo Frankreich zu wählen haben werde zwischen seinen Bündnissen uyr den Preis gewiß ichwerer Opfer und einem neuen Gleichgewicht in Europa. Auf wen solle es sich aber in diesem Falle stützen? An Deutschlanb zu denken wäre denn doch! etwas früh. Amerika aber fet weit.
Uorfantq.
Die polnische Preßagentur fteüt fest, daß Kor. fanty sich von Paris aus nach Warschau begeben habe unb sich dort noch aufhalte. — Wenn er doch ganz unb für immer dort bleiben wollte!
Die Bevölkerung bet Stadt Rosenberg, bte mehr als 90 v. H. deutsche Stimmen aufgebracht hatte, protestierte in einer großen Kundgebung gegen dort englischen Vorschlag, Rosenberg an Polen zu, geben: „Wir sind deutsch, und wollen beutsch bleiben.*
Lloyd George über dle
gbrüftungskonserenz.
Der englische Premierminister hat im Unterhause Erklärungen über die Aussichten der bevorstehenden Konferenz in Washington abgegeben und u. a. gesagt: DaS britische Reich, sowohl baS Mutterland wie die überseeischen, sich selbst regierenden Gebiete, sind sich darüber einig, daß jedes denkbare Hindernis für eine vollständige Freundschaft mit de» Bereinigten Staaten aus dem Wege geräumt werden muß. Uebereinftimmung zwischen den Vereinigten Staaten und dem britischen Reich über die allgemeinen Grundzüge bet Weltpolmk müsse die Grundlage für die vollkommene Verbürgung deS Weltfriedens bilden. Der erste Minister hoffe, daß eine solche Uebereinftimmung daS Resultat der Konferenz in Wajhington fein möge.
— nur wenn ihn Kummer oder Sorg'n hab'» nieder» drückt."
„Das kommt vom vielen Denken, von der Arbeit her. Ein solch' Geschäft macht Plag unb Sorgen."
„Sag’, Joseph, warum heirat'st Du denn net? L Frau könnt' Dir viel doch erleichtern. Schau, Du bekämst ba hier bte größt'n, reichst'n Bauertöchter."
„Sei doch vernünsttg, Mutter," unterbrach Joseph hesttg bte Worte der alten Frau.
„Du mußt net zornig werd'», Joseph wenn ich davon red'. Du meinst halt, weg'n ber Tracht da ging des net. Steck Du amal die Bürgermeisters-Kundl in herrische Kleider net, bann tätest staunen, was des für a feine Frau für Dich tät geb'n. Geld Hütt' f grab’ g’nug, unb bte verstund a was. . ."
„Ich heirat' nicht. Mach' Dir deshalb kein Kopfzerbrechen," unterbrach lächelnd Joseph zum zweiten Male den Redestrom seiner Mutter. „Komm jetzt, es wird Zeit, daß wir hinuntergeh'n; ich will die neuen Ber- wandten auch begrüßen."
Schnell ging er der Mutter voran, hinaus aus bet Kammer. Auf der Treppe hielt die Flickschusterin nochmals ihren Aeltesten am Anne fest.
»Du, Joseph, tu's halt doch noch überleg’» bes mit ber Äunbl. Es wär' Dein Glück," flüsterte sie nochmals eindringlich Joseph ins Ohr, bann stiegen sie beide bie Treppe vollends hinunter.
Am nächsten Tage wurde Joseph schon frühzeittg aus bem Schlummer geweckt Heftig erschrocken war er zusammengezuckt, als plötzlich klägliche Sammertöne störend sich in seine Träume mischten. Einzelne schrille, ohrenzerreißende Klänge, bie ganz plötzlich von Zeit zu Zeit grell bas klagenbe Gewimmer übertönten, ließen ihn entetzt aus dem Bette herausspringen. Er sah durchs Fenster; unten vor ber Haustüre stand die Dorfkapelle unb brachte bem Hochzeitshaus den Morgensegen. Erleichtert atmete er auf, als ber letzte roimmernbe To» aus bes langen Webermichels glänzender Trompete ent. lohen war unb ber sehr zweifelhafte Genuß des Frühkonzertes zu Ende ging. Jetzt war es mit dem Schlaf vorbei. — Joseph lehnte sich über das Fenster hinaus unb atmete die reine, irische Morgenluft. (Fortt. f-L