Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stabt Fulda.
Nr. 189.
Verantwortlich füt den ceoauionellenTeil i. B.: Ll-Wehler. s für die Biyetgen: I. Parze'ler-Fulda. = Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Attiendruckerei in Fulda, rtennprecher Nr. 9. Telegr.-Adresfe: Fuldaer Zeitung.
Freitag, 19. August 1921.
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48. Zahrg.
welche Wendung
durch Sötte; Fügung!
So kann man auch ausrufm, um man die Re- Oen liest, die bei der am Somttag stattgefurLenen Geier des 40jährigen Bischofsjubiläums des Bischofs Dr. Korum von Trier zwischen dem preußischen Kultusminister und dem Jubilar- bischof gevNchselt wurden. Nachdem Kardinal Schulte das Hoch auf Papst Benedikt XV. und auf den Bischof begründet und ausgebracht hatte, ergriff im Auftrage des preußischen Staatemimsteriums Kultusminister Dr. Becker (früher Professor an der llnirvrsität Bonn) das Wort und berührte das durch die neue Reichsverfafsung völlig geänLerte Derhältnisoon StaatundKirche. Um dem Staat festen Hatt zu flcfen, der wie früher rin Erziehungsstaat sein soll, bedarf es neuer Autoritäten, neuer Festigkeiten. „Unb weil wir diese suchen, können wir es als freudiges Symbol uni) als ein Zeichen innerer Kraft begrüßen, wenn unter dem kirchlichen S&mnnr ein derartiger Zu- fammenklang der Seelen sich vollzieht, wie es zu Ehren unseres Jubrlarbifchofs sich gezeigt hat . . . Bei meine: jüngsten Reffe nach Franken und den dortigen Bischofsstädten Bamberg und Würzburg habe ich im alten Schloß Banz, dem jetzigen Zffterzienserkloster, dm Spmch gefunden: fit benMctus quasi stella ma- tutina et ignis effulgens. Der Trierer Diözese gegenüber waren Eurer Bischöflichen Gnaden stets die „stella tatiutina" (Morgenstern); wenn es aber galt, die 3n« terrsien der Diözese dem Staate gegenütar zu vertreten, waren Sie immer ein „ignis effulgens" (auf- leuchtende Feuer). In diesem Gedattkengang brachte der Kultusminister ein Hoch auf den Jubilar aus. Der stürmische Beifall, der in der Versammlung folgte, wird ihm gezeigt haben, daß er durch seine mutigen Worte als Sprecher der preußischen Regierung manches gut gemacht hat, was diese in all den vergangenen Jahren bis zum Ausbruch, des Krieges an dem „streit- daren Bischof" in Trier gefehlt hat.
Auch Staatssekretär Dr. Brügger gab km Namm der Reichsregierung der gerechten Würdigung der Persönlichkeit des Jubilarbifchofs warm empfundenen Ausdruck. „Sie haberr" so sagte er u. o. in seiner Ansprache, „in die Tat umgesetzt den alten Spruch: Stellte extinguere spiritum (Löschet mir den vAhten Geist nicht aus). Diesen rechten Gefft habm Euer Bischöflichen Gnaden gehegt und gepflegt, dm Geist der Liebe und Anhänglichkeit zur Kirche, den (Seift der Ehrfurcht, den Geist christlicher Familiengesinnung und Nicht zuletzt den Geist vaterländischer Gesinnung . . . Der gestrige Tag hat uns gezeigt, was Sie Taufendm geworden sind und was Sie ihnen sind. Dafür gebührt Ihnen der Dank des Vaterlandes und des Reiches. Als kleines Zeichen dieses Denkens und als ein Ausdruck der hohen Verehrung diu die Reichsrogierung.Ihnen gegenüber beseelt" überreichte er einen prachtvollen Blumenkorb. Die Rede, mit der Bischof Komm auf die Ansprachen antwortete, verdient, wie die „Köln. Dolksztg." schreibt, von der gan. fien Presse wirdergegeberr zu werden. Sie bedeutet einen Markstein für die Kennzeichnung der staatlichen und kirchlichen Beziehungen einst und jetzt. Die in denkwürdigem AugenÄick, vor so vielen Vertretern der staatlichm Behörden gesprochene und von der gro- fjen Frische und Güstesmacht Bischof Stenums jeugm&t Rede mag manchem Kirchenfeind aus alten Tagen die Augen öffnen.
Anspielend auf die Ausführungen der Minister sagte der bischöflich« Redner:
Eines hat mich besonders berührt: Die Sprache, die 6er Staat jetzt anschlägt. (Stürmischer Beifall.) Das ist eine andere Sprache, als sie früher erklang. Auch die früheren Herren sind ja alle liebenswürdige Vertreter des Staates gewesen. Auch die früheren fierten waren uns gewiß zugetan, und ich habe nie an ihrem guten Willen gezweifelt. Wer solche Reden habe ich damals nie gehört. Vielleicht war es ihnen nicht gestattet, so zu reden, wie heule. Jedenfalls hat es mein altes Herz wieder verjüngt, als ich hörte, daß ich ein so
eaasza
Der SLusebub.
Fränkischer Dorftoman von Dina Ernstberger.
28: __________
Ein Teller knusperiger, einladender Krapfen stand auf dem Tische; die Flickschusterin saß erwartungsvoll wn Fenster und warf hi» und wieder ungeduldig einen Slitf auf das bunte Zifferblatt der alten Schwarzwälder llhr.
Auf einmal sprang sie empor und horchte gespannt auf. Ein fernes, unmelodisches Blasen war vcrnchm- "tr- ®rreSt verließ sie das Häuschen und blickte die vorfftratze hinab. Das waren des Posthorns Klänge! _ ™ Dorflinde standen Gruppen neugieriger Menschen: Peter mit feiner jungen Braut mitten unter tljnen. Auch die hoffnungsvolle Dorfjugend hatte sich sehr ausgiebig versammelt.
. wirft der Flickschusterseppl Geld a aus?"
fragte der kleine Schnejderspcter. Ihm schien die Ankunft des Schusterseppl ein Festtag für das ganze Dorf, well alles so erwartungsvoll der alten Postkutsche ent= g^atfak Gine tfeftlicfjtetf ohne Ecldauswerfen konnte sich aber der Leute Schneiderspeter eben gar nicht vor- stellen.
„ öie Schneiderin infolge einer sehr anregenden Unterhaltung mtt den Nachbarsfrauen nicht Zeit fand, dem kleinen Geldgrerigen zu antworten nahm der Pe- lerle dies als etn be.ahendes Zeichen von feiten seiner Mutter und weihte sofort zwei feiner intimsten Freunde <n das Geheimnis ein. Aber von was das fierz voll ist, da läuft der Mund über; die Kleinen konnten die Reuig, teil nicht bei sich behalten.
Bald sprach man in den Reihe« der Dorffugend von inchts anderem mehr, als von dem bevorstehenden Geld, »egen des Flickfchusterjofephs, und als bald hernach die Postkutsche die Dorfstraße langsam herauf gewackelt kam stellte sich jeder der Kleinen stramm in Positur, bereit 8um Kampf auf Leben und Tod. Schon hielt der Omnibus bei der Linde an, die Neugierigen hatten sich schon wenig nach dem Hintergrund zurückgezogen- Peter
■eine Braut an der fianb führend, trat heran. ~
streitbarer Bischof gewesen sei. Heute sehen sie die Flamme des Feuers, bas ich damals angefacht habe, freudig lodern. Das ist doch früher nie anerkannt worden. Ich möchte heute nicht kritisieren. Wenn ich Kijer zu meinem Bedauern zu einem streitbaren Bi.
>f gezwungen worden bin und wenn dann damals das Feuer, das ich entfachte. nicht gerne gesehen worden ist, dann war es eben, weil man nicht einsah, daß dieses Feuer die Herzen der anderen gewinnen sollte, daß es alle vereinen sollte in treuer brüderlicher Hingabe zu dem Verlangen, daß wir alle für unser Vaterland ein» stehen. (Stürmischer, minutenlanger Beifall) Heute, in bitterster schweiffter Zeit, versteht man es, daß es notwendig ist, Herz und Geist einzusetzen und dem Vaterland zu helfen, belfere Zeiten herbeizuführen und unterer Pflicht immerbar eingeb ent zu bleiben.“
Nicht mit Unrecht bezeichnet die „Köln. Dolksztg." mit Rücksicht aus diese Redm das Trierer Mschofsjubi- läum ais ein kirchenpokitifches Ereignis. Die neue Zr i t hat doch auch ihr Gutes, sir hat der Kirche eine Freiheit gebracht» wie man sie fricher in deutschen Saitbm vergebens gesucht hat. Jedenfalls ist es höchst ungemcht, an der Weimarer Verfassung herumzunörgein, rote es leider auch irr unseren Kreisen hier und da geschieht. Wer hätte im November 1918, als die Revolution vas Land durchtobte und ein Adolf Hoffmann den Ton engab, eine Feier wie die oben geschilderte für uieguch gehalten? Seien wir dankbar unserer Zcntrumssraklicn in der Nationalversammlung, beten klugen Taktik allein rote das Erreichte rardanken. An den Verhältnissen der Dergongenhett ge- messen, ist es ein gewaltiger Fortschritt, bst Weimar uns gebracht hat. Die Trierer Feier hat das aufs Neue bestätigt. -t.
Der Zusammentritt
des völkerbundsrats.
Wie btt Agentur Havas mitteilt, soll Baron Jshi, nachdem in de« letzten Tagen ein lebhafter Meinungsaustausch staltgefunden habe und hauptsächlich infolge der am 17. August zwischen den Mitgliedern des DölkerbundsrateS in Paris abgehaltenen Besprechung beschlossen haben, die ursprünglich auf den 1. September festgesetzte Session des Völkerbundsrates auf einige Tage früher zu verlege«. Der Rat soll in Ge n f gegen den 25. August zusammentreten. Auf der Tagesordnung wird in erster Linie die Prüfung der oberschlesischeu Frage stehen.
(Seffern ist tue amtliche Mitteilung über die Einberufung einer Sondersitzung des Völkerbundsrats f ü r den 29. 21 u g u ft nach Genf, roo die oberschlesische Frage behandelt werden soll, ergangen. In den Kreisen, die dem Völkerbund nohestehen, erklärt man dazu, daß die Gründe ,die den Baron I s h i i an einer früheren (Einberufung des Rates verhindert hätten, folgende seien: Die auf den 1. September einberufene ordentliche Sitzung des Rats konnte nicht ausfallen, weil sie die Arbeiten der Völterbundsverfammttmg, die am 15. September beginnen, vorbereiten soll. Es war ober uÄnschenswert, die Sondersitzung des Rates so nahe als möglich an die ordentliche Sitzung heranzulogen. Die sachlichen Vorteile einer solchen Zusam- meniegung feien klar. Es komme hinzu, daß verschiedene Mttglieder des Völkerbundsrats noch in ziemllch weiter Ferne abwesend sind. Uebrigens hübe die Prüfung der oberfchlesifchen Frage im Schoße des Döl- kerlmndes bereits begonnen. Bourgeois, der in Evian in Sammerfr'fche war, habe z. B. Gelegenhe'tt gehabt, mit Balfour in St. Gervais zusammemu- kommen. Auch in Paris hätten Besprechungen zwischen verschiedenen Mitgliedern des Völkerbundsrats stottge- ftmden. Mm fei sich einig in dem Gedanken, daß die oberschlesische Frage außerordentlich wichtig und daß vor allem eine Einigung des französischen und englischen Delegierten wünschenswert sei. Man glaubt, daß der
Da standen aber wie eine feste Mauer die Kleinen trennend zwischen Peter und dem Omnibus. Peter sah, wie sich die Türe des Postwagens öffnete und derselben ein eleganter, junger Mann entstieg. Noch ehe er imstande war, die lebende Mauer der Kleinen zu durchbrechen, erscholl aus den jugendlichen Kehlen der Kinder ein erschütterndes „do rüber! do rüber 1", und als Joseph, um dem wilden Gebrüll Einhalt zu tun, abwehrend seine Hände hob, lag auch schon um ihn herum ein lebender, unentwirrbarer Knäuel von menschlichen Gliedmaßen, der sich da wild am Boden herumwälzte.
3m ersten Augenblick war Joseph gmz sprachlos über den sonderbaren Empfang, dann sah er lächelnd auf die kleinen Kampflustigen nieder. — Er kannte dies! War er doch einst der Wildesten einer bei solchen Kämpfen. Deruhigend wollte er auf die Kleinen einsprechen; seine Worte verhallten in dem Lärm des wilden Tumultes. Peter, der bisher wie gelähmt vor Ueberra. schung und Schreck dagestanden batte, fing plötzlich an, die verschiedenen zappelnden Arme und Beine heraus- zufangen, um ihnen Vernunft beizubringen.
„Was fällt Euch ein. ihr Dmmerkeiler!" schrie er die Zappelnden an. „Geld ausg'worfen wird erscht rnorg'n bei der Hochzett. Da könnt ihr dann trappeln, etzt aber macht ihr gleich, daß ihr weiierkommt oder ich hol' mein Peiisch'nstcck'n."
Nach und nach stand einer um den anderen wieder auf den Seinen, nur der Schneiderspeterle konnte feine Ruhe finden; er wälzte sich noch immer suchend im Staube umher.
Die Blicke der anderen waren erwartungsvoll auf 3oseph gerichtet.
„Geht alle hinunter zum Krämer und ein jedes läßt sich für 20 Pfennig Gutes geben und sagt nur, der Schu- st r.Joseph kommt schon und bezahlt." So redete er etzt die Aufgeregten an. Im Nu war nun der Platz oar dem Omnibus leer. 3m wilden Lauf stürzten die Kleinen fort, um sich beim Krämer das Versprochene zu holen.
Nun erst konnte Joseph den Bruder und seine fünf, ftiac Schwägerin begrüßen. Mer war etwas beklpm- 1
Rat im Laufe des Monats SeptemberseinGut- achten über die oberschlesische Frage roerbe abgeben tonnen.
Nach dem „Temps" nimmt man an, daß die Besprechung des Völkerbundsrats über Obersch l e s i e n zunächst nur einen Tag dauern wird. Man habe sich zunächst über das Verfahren und dann über die (Ernennung eines Berichterstatters zu eini- gen. Dieser Berichterstatter würde atsbann während der Tagung des VAkerbundes in Genf feine Arbeiten fortfetzen. Man nimmt cm, daß er bis Ende Septem- ber mtt fernen Arbeiten so weit fein werde, daß ine Angelcsenhett vor dem Rat besprochen werden könnte, der diesesmal in die Materie hineingehen wird. Man kann also vernünftigerweise erft für Mitte D Höbet bie endgültige Lösung in der oberfchlesifchen Frage erwarten und dann auch nur dann, wenn der Völkerbund über die Angelegenheit fetbst urteilt und sie nicht Schiedsrichtern überträgt
„Ruhe und Zuversicht".
Das ist die Parole, die von den deutschen Parteien und Gewerkschaften in Oburschlesien ausgegeben wird auf Grund der Abmachungen, die mit den polnischen Vertretern ber Parteien und Gewerkschaften getroffen worden sind.
Es ist gewiß sehr erfvrulich, daß die vernünftigen Oberschlesier beider Richtungen zu einer gemeinsamen Beratung sich zufammengefrmden haben, um ihre Heimat vor weiteren Gewalttätigkeiten zu schützen und „die nationalen Gegensätze m friedlicher und gerechter Arbeit zu überbrücken!" Auf deutscher Seite wird diesen Bestrebungen gewiß kein Widerstand geleistet und nicht einmal Abbruch getan werden. Aber da die bischerigen drei Putsch: von polnischer Seite ausgegangen sind, so muß man zunächst abwarten, ob die polnischen Parteien und Gewerkschaften in Oberschlesien die nötige Stärke und Festigtest habm, um den Anhängern von S'orfarüg die Stang: zu hatten. Es handelt sich nicht bloß um eine Bändigung der einheimischen Ruhestörer, sondern auch um die Abwehr ber Banditen, die mit ober ohne Uniform aus Kongreßpolen herüberkommen. Die „parstättschen, von Vertretern beider Nationalitäten zusammengesetzten Ausschüsse" werben eine sehr schwere Aufgabe haben, namentlich überall da, wo die Truppen des General Le Rand die Gegend beherrschen. Aber wir wollen biefem gewerkschaftlichen Selbstschutz von Herzen Erfolg wünschen, wenn er getreulich die Erhaltung der Ordnung anstrebt, wofür fiü- her der militärische Selbstschutz sich einsetzte.
Der Auftus der deutschm Parteien sagt, die neuer« bings entstandene Verzögerung müsse man ertragen mtt Ruhe und mit Zuversicht auf eine gerechte Entscheitemg.
Die Mahnung zur R u h e kann nicht kräftig gmug unterstrichen werden. Sie güt für a U e Deutsch«! im ganzen Reiche.
Es gibt ja bei uns zu Lande immer noch Leute, die in großen Worten und fulminanten Demonstrationen herrliche Heldentaten entwickeln wollen. Sie werfen z. B. der Reichsregierung Schwäche vor, wenn die in ihren amtlichen und halbamtlichen Auslassungen sich einer bedächtigen, streng sachlichen Sprache bedient, rote cs unter den gespannten hcx^olitischnr Derhiillms- fen die Klugheit gebietet. Für jeden, ber etwas politischen Sinn Hai, liegt es doch auf der fianb, daß unseren geschworenen Feinden in Frankreich nichts erwünschter man:, als roenn die deutsche Regierung sich hinreißen ließe, M ftgendwelchsn Worten oder fianblungen, die als friedensfeindlich, rechtswidrig imb bedrohlich aus* gebeutet werden könnten. Alles Derartige könnte sie Herrn Lloyd George unter die Nase r<ibm, und eine solche Hetzerei würde noch besser wirken, als die verschmitzten Advokatercheredsamkett der französischen Minister.
Aichniich würde jede wörtliche ober tatsächliche Ausschreitung von feiten deutscher Bürger gegen uns ausgebeutet werden. Am meisten natürlich ein Aus-
men. So verändert hatte er sich Joseph nicht gedacht. Er wußte gar nicht recht, ob er Du zu ihm sagen sollte; seine Braut aber getraute sich gar nicht die Augen auf- zuschlagen. Alle an sie gestellten Fragen ihres Herrn Schwagers, beantwortete sie nur mit einem halblauten „3a* ober „Nein".
Ganz am Ende des Dorfes, wo der Weg zum FNck. schusterhaus einbog, lehnte an einem Baumstamm ein altes Weib und sah dem Kommenden entgegen. Hin und wieder wischte sie mit ihrer neuen blauen Schürze die feuchten Augen aus; ihre Hände zitterten und ihre Augen öffneten sich weit in namenloser Erwartung und Ueberrafchung, als sie ihres Aeltesten ansichtig wurde. War dieser feine, schöne Mann ihr Joseph? Sie wollte ihm entgegen eiten — ihre Füße waren wie gelähmt.
„Mutter!" leise, zärtlich burchzitterte der Ruf die Luft. Verlangend streckten sich die müden, welken Arme des alten Weibes dem Kommenden entgegen und Josephs volle Lippen drückten sich heiß auf die gefurchte Wange seiner Mutter. Bewegt sahen sie sich beide in die Augen; wie verklärt betrachtete die Flickschusterin ihren Sohn. Befriedigt sagte sie sich es leise: ihr Gebet war nicht umsonst gewesen.
Drinnen in der Stube saßen sie bann auf ber Ofenbank und um den Tisch beisammen. Josephs Blicke man» berfett umher; alles war noch wie einst. Alte Erinne. rungen begannen mächtig sich zu regen. Lächelnd betrachtete er den Schustertisch; er war heute zur Feier des Festes mit einem Tuch zugedeckt. Sein Blick man. bette weiter; er traf auch das kleine Hausaltärchen in ber Ecke und blieb am Bilde ber alten Erbtante haften- Sie hing jetzt wieder ganz allein unb vereinsamt ar. der Wand, die gute Tante. Das Bildchen mit dem netten Kinderköpschen fehlte. — Die ein leichter Schatten zog eg momentan verdüsternd über die von Wtederfthens- fteude ftohbewegten Züge Josephs. Das Mutterauge hatte den Blick ihres Kindes verfolgt; ihr war auch die plötzliche Veränderung seiner Züge nicht entgangen. Leise legte sich ihre fianb auf hie feine. Besorgt, in stummer Frage ruhte ihr Blick auf seinem Angesicht.
bruch der Ungeduld, der sich in Oberschtesien selbst ereignen würde. Jeder muß seine Zunge im Zaume halten und erst recht feine fianb, damit er nicht muoill- kürlich bas Vaterland in Schaden stürze. Es darf keine „Zwischenfälle" geben, denn die unerbittlicheq Gewaltpolitiker spekulieren auf solch: Zwischenfälle. ‘
Was nun die Zuversicht auf die gerechte Entscheidung angeht, so darf man ja feftstellett, daß nach der neuesten SRebe von Lloyd George sich die Aussichteri etwas giteffert haben. Wenn auch die Zuversicht noch nicht ganz sattelfest ist, so ist doch eine gewisse Hoffnung berechtigt. Und so lange noch etrvas Hoffnung bleibt, darf man sich nicht zur Taktik der Verzweiflung hin- reißen lassen. Sas würde die letzten Möglichkeiten eines günstigen Ausgangs vernichten. Wer Versuchungen $ur Ungeduld ober Waghalsigkeit verspürt, der muß als gewissenhafter Bürger sich intim gegenwärtig hat- ten, daß er leicht großes Verderben an richten kann.
Also auch tu denen, die keine große Zuversicht haben, muß das Pflichtgefühl Vorsicht und Ssibstbeherr- schung erzwingen.
Das Gebot der Ruhe darf sich übrigens nicht auf die hochpolitischen Angelegenheiten beschränken. Auch m der inneren Politik müssen wir uns in diesen schicksalsschweren Zeiten vor teidenschafrlichen Aufregungen hüten, weil sie auf die Gefamtlage ungünstig einroirten. Sogar die Steuerfragett erfordern eine ruhigere Verhandlung rote in normalen Zeiten.
Sehr unruhig ging es m den letzten Tagen an der Börse zu. 3m Zusammenhang mit den Schwankungen der Valuta, die von den Zahlungsleistungen des Reiches beeinflußt wurde» schien eine fieberhafte Bör- ferffpekutation sich zu entwickeln. Die Erregung des Publikums hat glücklicherweise schon wieder nachge- lasien. Möge sie nicht wiederkehren! Auf d4:fÄr Gebiete ist die Ruhe das Beste für Deutfchlrmd.
Zur Aushebung der Zollgrenze.
Die „Franks. Ztg." hält die Befürchtungen, daß bte Bedingungen für die Aufhebung der wirt'schaftl.chen Sanktionen im Rheinland den bisherigen Schikanen einen neuen Weg öffnen Ginnten, für unbegründet. Auf Grund von Erkundigungen an autoritativer Stelle fei feftzustellen, daß die Kommission für die Prüfung der deutschen Zollpolitik nach englischer Ansicht dazu berufen sei, die Ausführung der Art. 264—267 des Friedensvertrages zu überwachen. Die Kommission werde Vertreter Englands, Frankreichs, Belgiens und Italiens enthalten und deutsche Vertreter konsultativ hinzuziehen. Der Sitz werde wahrscheinlich Koblenz fein. Bisher war die Tätigkeit dieser neuen Kommission eine Teilarbeit der Rheinlandkommission. Die englische Regierung erwartet davon keinerlei Unzuträgl'ch- keiten für Deutschland.
Die deutsch-amerikanischen
Aiedensverhandlungen.
Bei der Zusammenkunft zwilchen dem Reichskanzler Dr. Wirth und den Parteiführern sind auch die schwebenden deutsch-amerikanischen Verhandlungen über den Friedensschluß ausführlich erörtert tooroen. Diese Verhandlungen werden von Berlin zwischen dem amerikanischen Geschäftsträger D re sel und dem Auswärtigen Amt geführt, und es ist ein Uebereinkommen getroffen worden, daß über die einzelnen Phasen strenges Stillchweigen bewahrt werden möge, bis in allen Punkten ein endgültiges Ergebnis erzielt fei.
Em amerikanisches Blatt, die „Chicago Tribüne", wollte erfahren haben, daß der Abbruch der Verhandlungen zu befürchten sei, weil von ber Washingtoner Regierung gefordert worden wäre, daß in den Vertrag eine ausdrückliche Erklärung Deutschlands aufgenommen werde, dieses fei allein für den Krieg verantwortlich. Eine solche Forderung sei von deutscher Seite abgelehnt worden. Tatsächlich trifft es ober nicht z», daß Amerika von Deutschland einerneutes Schuldbekenntnis verlangt habe. Dem zufolge könne auch von unüberwindlichen Schwierigkeiten oder gar von einem Abbruch der Verhandlungen keineswegs die Rede fein. — Nichtsdestoweniger sind diese Verhandlungen langwierig, da eS nicht leicht ist, über einzelne amerikanische Bedingunge» eine Einigung herbeizuführen.
Ein engl. Verteidiger des Reichsgerichts.
Nach einer ergänzenden Reutermeldung sagte der Generalstaatsanwalt Vollock im Unterhaus üdev die Leipziger Prozesse, er sehe sich gezwungen zch erklären, daß die Art und Weise, wie der Präsident deS Reichsgerichts die Prozesse geführt habe, sicherlich den aufrichtigen Wunsch zeige, der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Heber die französischen und belgischen Fälle sei er nicht unterrichtet, aber es würde unfair von ihm sein, nicht zuzugeben, daß nach seinem Eindruck der Leipziger Gerichtshof entschlossen war, die Wahrheit an das Licht zu bringen. Wie die Urteile auch lauten mochten, die Aufrichtigkeit des Gerichts scheine über jeden Zweifel erhaben.
Gründung einer deutschen Zentral» organisation.
Im Warschauer Parlamenisgebäude fand eine Konferenz der Delegierten der deutschen Orgunita« tinuen aller Teilgebiete Polens statt, der 36 Delegierte beiwohnten. Das Thema der Beratungen war die Organisation der Deutschen in Polen. Man einigte sich, mit Zustimmung aller Teuischen in Polen dann, sich zwecks Verteidigung der Rechte, bte verfassungsmäßig den Deutschen zugestanden worden sind, zu organisieren. Es wurde beschlossen, eine gemeinsame oberste Leitung unter der Bez?ich- nung „Ha u p tv or stan d der d euts che n Ber- eintgu ng in Polen ins Leben zu rufen. Zu .tiefem Vorstand gehören bte buufchen Seünafene,