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Fuld aer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.

Nr. 187.

Verantwortlich für ben redauionellen Teil i. B.: Ä. Weßler. = _ M die Anzeigen: I. Parzeller-Fuida. u Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Aclirndruckeret in Fulda. Ferniprecher Nr. it. Teleqr.-Abresse: Fuldaer Zeitung.

Mittwoch. 17. fluguft 1921.

Bezugspreis: Monatlich 3,50 AU. ohne Bestellgeld. Post- = bezug 4,10 AU. Abgeholt 3,75 2RL -

Anzeigen: C olonelzeile 70 pfg.; für mehrspaltige Anzeigen Zuschläge. Reklomezeile (lepbreite) 2L0 Aik.

48. Zahrg.

Nie erste Ausgabe des Völkerbundes.

Durch den Derlegenheitsbeschluß der Pariser Kon­ferenz ist der Völkerbund oder zunächst teffen Rat in «n Mittelpunkt des politischen Getriebes gerückt wor­den. Es gibt Leute, die von diesem Beschluß eine Neu­belebung des bisher kümmerlich vegetierenden Dölker- bundes erwarten und besten Entfaltung zu einer wirk- 6chen. Friedsnsliga jetzt als gesichert mischen, trotz der hartnäckigen Gegnerschaft der Bereinigten Staaten.

Kann man wirklich die Variation des Schillerschen Spruches amvenden:Es wächst der Buick> mit seinen größeren Zwecken"? Oder ist es bester, erst abzuwar- ten, was schließlich der Sache herauskommen wird?

Zunächst ist fchzuhchten, daß die Herren vom Obersten Rat nicht etwa aus Begeisterung für den Völ- kerbuntegrdanken oder aus vertrauensvoller Verehrung für den Dölkerbundsrat chren Entschluß gefaßt haben, sondern nur mrs der Verlegenheit, weil sie keinen anderen Ausweg aus der Sackgasse zu finden wußten.

Darum bleibt es auch nach wie vor unklar, ob und Inwieweit sich die überweisenden Mächte an den Be­schluß des Dölkerbundsrates gebunden erachten werden. One völkerrechtliche Verpflichtung zur Anerkennung des Schiedsspruches liegt nicht vor. Was der Völker- bandsrat beschließt, wird immer ein Gutachten, ein Ratschlag bleiben, der cm sich keine Rechtskraft hat, son­dern erst dadurch wirksam werden kann, daß der Oberste Rat gemäß feiner Vollmacht ans dem Friedensver­trage dem Gutachten zustinmrt.

Ob diese Zustimmung erfolgen wird, ist noch kei­neswegs ausgemacht. Frankreich kann auch nachher noch Einwendungen machen und Bedingungen stellen, insbesondere auch in gewohnter Weise seineSicher- heit" als unveräußerliche Staatsnotwendigkeit in die Wagschale werfen. Nun sagt man freilich, Frankreich werde dann noch ärgerisoliert" fern wie jetzt, da es alsdann nicht bloß England und Italien, sondern auch die'anderen Mächte, die im Völkerkmndsrat vertreten sind, gegen sich haben würde. Auf die Gefühle von Brasilien und China werden die robusten Staatskünstler an der Seine wenig geben. DieIsolierung" ist nur dann bedenklich, wenn England fest entschlossen bleibt. Vermutlich rechnen die Franzosen darauf, daß in der l^nffchenzeit sich etwas ereignen könnte, was Herrn Lloyd George mürbe mcuht. Es kommt ferner in Be­tracht, daß die Franzosen auf die Rückendeckung durch Nordamerika spekulieren. Die neue Regierung der Vereinigten Staaten würde aber gewiß nicht in Ent­rüstung geraten, wenn Frankreich nachträglich sich gegen die Entscheidung des Völkerbundsrats ausbäumt, da Präsident Harding und seine Kongreßmehrheit gerade von diesem Stück der Wiksonschen Erbschaft nichts wis­sen wollen.

Die Anrufung des Völkerbundsrats bietet also Seine Gewähr für die Zukunft, sondern hat nur ine Wirkung, daß für den Augenblick der Bruch zwischen Engllmd und Frankreich vermieden worden ist. Es ist Zeit gewonnen, das ist alles.

Es ist Zest gewonnen für weitere Verhandlungen, für weitere diplomatische Schochzuge, auch für weitere Versuche, vollendete Tatsachen zu schassen. Korfanty fff schon nach Oberschlesien zurückgekehrt; General Le Rand soll, wie jetzt berichtet wird, auch auf seinen Posten zuruckkehnm. Da können unsere Freunde in Oberschlesten und auch wir selbst uns aus weitere Ueber- raschungen gefaßt machen.

Wenn nun der Bruch m der Entente für den Augenblick vermieden worden ist, darf man das als einen Triumph des Völkerbundsgedankens hinftel- len? Als der Oberste Rat in Verlegenheit war, hat er den vorhandenen Välkerbundsrcrt als Mittel zum Zeitgewinn benutzt. Wäre diese Einrichtung nicht schon vorhanden gewesen, so würde man gewiß ein anderes Auskunftsmittel gesucht und gefunden haben.

Der Sänsebud.

Fränkischer Dorfroman von Dina Ern st berge r.

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Jetzt ging er oft durch die Straße, wo Lore gewohnt hatte, und sah zu den Fenstern empor, hinter denen er einst so Schmerzliches erlebte.

In dem Vorgärtchen spielten jetzt häufig Kinder; er­staunt schauten ihn die Kleine» an, als er einmal ganz nahe an das Gitter herantrat und die Wohnungstafeln las; es waren lauter fremde Namen.

So waren also auch Lores Mama und Marianne fortgezogen

Warum ihn dies alles eigentlich nur fo seltsam be­rührte? Gerade, als ob er ihr Fortgehen zu beklagen hätte; als fühlle er sich dadurch verlassener, einsamer, fremder in der großen Stadt.

Er hatte fest gehofft, Lores Verrat hätte die alten, süßen Erinnerungen, die sich aus seiner frühesten Kna-' benzeit bis in dos Mannesalter hinüberspannen, ausge­merzt aus feinem Herzen, und nun ertappte er sich, oft träumend durch die Sttaße, in der sie gewohnt hatte, gehend, und fühlte aufs neue den alten Schmerz um sie, erstorben, erstickt von jenem gewaltigen Gefühl der Bitterkeit, die ganz und gar fein Inneres erfüllte. Da hatte nur noch ein Gedanke Raum in feiner Seele er wollte, er mußte sich emporringen bis zu jener Höhe, °°n der Lore fo verächtlich auf den dummen Bauern- jungen herabsah. Mit eiserner Kraft wollte er es ver. suchen, die gleiche Stufe zu erglimmen, auf der sie stand. Es sollte eine Zeit kommen, wo der arme Bauernschuster von einst die tief einschneidende Demütigung der stolzen Lore heimzahlte. Mit starker Faust wollte er das Schick­sal nach feinem Willen umgestallen.

Sein Herr war in letzter Zeit immer kränklich. Da log die Führung des Geschäftes oft ganz allein in seiner Hand. Das Hotel hob sich unter seiner Leitung zusehends; bald las man in ben Blättern unter den Fremden, die hort verkehrten, die ersten Namen.

Als der Besitzer des Hotels bald starb, erwarb er ®°n den Erben den Besitz. Hochgestellte Persönlichkeiten stellten ihm als seine Finanzen zum Ankauf nicht aus-

Gelder z» niederem Zinsfuß zur BerjüDnza

Darum wollen wir uns durch diesen Verlegercheits- bojchluß nicht irre machen lasten in der kühlen Be- trochttmg und in der aLwartenden Stellung gegenüber dem Völkerbund. Dem Beschluß des Obersten Rates liegt ja ein schöner Gedanke, eine herrliche Idee zu­grunde, doch was bisher von der Ausprägung dieses Gedankens, von der llterwirktichung der Ides zutage getreten ist, kann wahrlich keine Hoffnungen erwecken. Der Völkerbund in seiner gegenwärtigen Verfassung ist tatsächlich nur eine Veranstaltung der En­tente. Daher ist es auch wohl zu begreifen, daß der Oberste Rat sich dieses Völkerbundes oder seines Rates zu bedienen sucht. Weniger verständsich wäre es, wenn Deutschland sich jetzt Mm Eintritt in den Brmd drängen wollte. Erst muß die ganze Organi­sation umgestaltet werden, und zwar unter dem leiten­den Gesichtspunkte; Gerechtigkeit und Schutz den Schwachen I

3m iwrigeu wollen wir abwarten, ob der Völker- bmchsrat in der oberschlesischen Frage etwas Besseres leistet, wie in der Frage von Eupen-Malmeüy, wo er das schreiende Unrecht Belgiens kaltlächelnü geneh­migte. Man soll den Tag nicht vor dem Wend loben!

Oberschlesten.

Trotz der großen Enttäuschung, die die Beschlüsse des Obersten Rates gebracht haben, ist die oberschlesi­sche Bevölkerung, auch die polnisch sprechende, sehr ruhig. Dagegen sind die merftrns aus Kongreßpolen he rüber gekommenen Insurgenten bemüht, auf jede Weise Unruhen hervorzubringen und die deutsche wie die polnische Bevölkerung cmszureizen. So versuchten sie m den letzten Tagen einen Urberfall auf Beuthen. Insurgentendanden, unterstützt von Mannschaften der Gememdewache Hohenlinden, unter» nahmen einen vergeblichen Vorstoß gegen die Stadt, wobei zwei Deutsche verwundet wurden, darunter einer sehr schwer. Den Apoteamtm gelang es, sechs Insur­genten zu ermitteln und zu verhaften.

Am selben Abend wurde eine vor dem Waldplatz in Dombrawa bei Beuthen auf die Straßenbahn war­tende etwa lOOföpfigc Menschenmenge von etwa 30 bis 40 Banditen plötzlich umzingelt, mit Stöcken geschlagen und mit Waffen bÄwoht. Mehrere Männer und Frauen wurden durch Stockschläge blutig verletzt. Ein KaufmmN aus Beuthen wurde mit einem Gummiknüppel derart geschlagen^ daß er ins Kranken­haus geschafft werden mußte. Als Polizeibeamte her­beieilten, ergriffen die Banditen die Flucht und ent­kamen unerkannt:

Die Engländer, die jetzt scharf lmrchgreiftn und da- für gesorgt haben, daß in den metften Kreisen jetzt Ruhe herrscht, sind bei den polnischen Hetzern natürlich besonders verhaßt. Marr stellt ihnen jetzt genau so nach wie den Heimattreuen. So entging der englisch Kontrvlloffizier Major Cressy nur mit Mühe einem polnischen Attentat. Der wegen seiner Unparteilichkeit und Tatkraft in der deutsche Kreis­bevölkerung beliebte Offizier, der bei dem Mai-Auf- stcmd in Kreuzburg stationiert war, war dieser Tage als Kontrolloffizier nach Rosenberg versetzt worden. Als er am fpäten Abend des 11. August von einer Fahrt zurückkehrte, wurde er auf der starken Weg- fteigung zwischen Kirchplatz und Ring eine Eierhand­granate gegen das Auto geworfen, die zwar explo- diete, aber keinen Schaden arrrichtete.

Aufruf -er Regierung.

Der Reichspräsident und die Reichsregierung haben am die Bevölkerung Oberschlesiens folgenden Aufruf erlassen:

Die EntschÄüung über Oberschlesten ist wider Erwarten nicht gefallen, ter Spruch stt vertagt worden. Die 2d« denszeit des oberfchlesifchen Volkes hat ihr Ende noch nicht

Me guten Erfolge seines Unternehmens spornten ihn im. mer mehr an zu neuen Taten, und die damit verbun­denen Aufregungen drängten seine Gedanken in ganz andere Bahnen. Oft erfaßte ihn wilde Lustigkeit, wenn er sah. wie die anderen Geschäftsleute mit neidischen Blicken seine Unternehmungen bekrittelten und bespöt­telten. Er ließ umfangreiche Bauten aufiühren und richtete alles der Neuzeit entsprechend ein; bis auf den letzten Pfennig steckte er seine Barmittel in das Ge. schäft. Seine Konkurrenten hatten recht; er spielte ein gewagtes Spiel. Er setzte auf einen Einsatz oft alles, ober gerade das reizte ihn.

Manchmal kam es dann wieder vor, daß er ganz in sich zusammen fiel. Dann starrte er vor sich hin und tagte sich: 3a, weshalb denn dies aufreibende Hasten und Gelderjagen? Was helfen Dir Deine Millionen, wenn Du sie erwirbst? Fühlst Du Dich glücklich dann oder zufrieden? Muh unter diesem ständigen Wühlen und Hasten nicht der Körper leiden? Was hast Du von all den Schätzen und Ehren, wenn Du alt und krank wirst? Da war er dann oft Tage lang recht kleinmütig und verstimmt.

Besonders war dies der Fall, wenn Briefe aus der Heimat für ihn tarnen. Dann gedachte er in stiller Weh­mut seiner Kinderjahre, wo er sich hungernd oft ins Bett legte und mit der Mutter im Winter durch Eis und Schnee schwere Bündel dürren Holzes heim vom Walde trug. Wenn dann am Abend im großen alten Kachel­ofen das Feuer prasielte und er mit seinem Bruder und den Eltern um den Tisch auf der Ofenbank saß und vor ihnen die ftisch gekochten Kartoffeln als Abendimbiß dampften, bann schien ihm alles so traut, er fühlte sich o glücklich und geborgen und die Kartoffeln schmeckten ihm so gut. Und wenn nun gar der Baier noch er- zählte, was er alles wußte; was er als Knabe von fei­nen Großeltern alles gehört; wie die Franzosen und die Russen und die Schweden im Dorfe gehaust wie sie geplündert und gemordet und die letzte Kuh Mitnahmen und in den Kellern die Zapfen aus den Fässern schlugen, daß das Bier wie Wasserbäche floß.

Und wenn er von der großen Hungersnot erzählte, wie seine Ellern die Kartoffeln non den reichen Bauern betteln mußten, oder wenn der Baier es geschah dies wffi ftsten gar über HexenAefSiAep. kam, bau#

gefunden. Es gilt in zäher Ausdauer weiter aus- zuharren.

Oberfchlester! Unsere Sache ist gerecht. Die Gerech­tigkeit wird und muß siegen, wenn das SeDsttefftMmmngs- recht der Bölter Geltung hoben soll. Ihr habt Euch mit überwältigender Mehrheit für Deutschland ausgesprochen. Euer und des Reiches Wohlergehen hängt davon ob, daß Oberschlesien beim Reiche verbleibt.

Oberschlester! Ihr hobt bisher trotz schwerster Heraus­forderungen musterhafte Ruhe und Ordnung bewahrt. Die berechtigte Abwehr der Gewalttaten polnischer Insurgenten hat Euch die Welt nicht verargt. Bewahrt auch weitechin die Selbstzucht, die Euch bisher ausgezeichnet hat! Laßt die kühle Uebeilegung nicht schwinden und laßt Euch durch nichts zu unüberlegten Handlungen ver­leiten, die (Eurer gerechten Sache nur Schaden bringen würden.

Mit Euch hofft das ganze deutsche Volk, daß der Tag nicht fern ist, an dem die Schranken zwischen Euch und dem Mutterlande wieder fallen, an dem das SÄbstbestmi- nmngsrecht der Bölter in der Wiedervereinigung Ober* Westens mit Deutschland, dem es seit sieben Jahrhunderten angchört hot, Anerkennung fintet, zum Besten Oderschle- stens, des Deutschen Reiches, des wirtschaftlichen Wieder­aufbaues Europas und des Friedens der Welt.

Die polnische Rote an die Alliierten.

Nach einer Havas-Mellmng aus Warschau hat die polnische Regierung ben Vertvrtern der Mächte in Warschau eine Note überreicht, deren Text infolge der Entscheidung des Oberstm Rates be­züglich Oberschlesisens im Ministerrat beschloßen wor­den war. Der Wortlaut dieser Note sei noch nicht veröffentlicht; man wisse nur, daß die polnische Regie­rung darin erkläre, die unerwartete Entscheidung des Obersten Rates habe in Polen eine große Erregung heroorgerufett, weil sie eine neue Vertagung der Lösung des oberfchlesifchen Problems bedeute. Die polnische Regierung lenkt dir Aufmerksamkeü der interalliierten Mächte auf die möglichen Folgen der neuen Vertagung.

Vergebliche Ableugnung.

Die französische Botschaft in Rom stellt die Existenz eines franko-polnischen Abkommens über die Teilung Oberschlesiens in Abrede.

Erklärungen Lord Georger.

Auf eine Anfrage erklärte Lloyd George ttn Unterhause, der VölkerbundSrat sei gebeten morde«, sein Gutachten über die Grenzlinie zwischen Deutsch­land und Polen in Oberschlesien abzugeben, welche die alliierten und aflozkierten Hauptmächte festlegen sollen. Mit Rücksicht auf die Lage in Oberschlesien seien die im Völkerbundsrat vertretenen Mächte ge­beten worden, die Sache als sehr dringlich zu behandeln. Die Frage der Abhaltung der Tagung in nächster Zeit werde jetzt vom Völkerbunde erwogen. Auf die Frage, ob die Vertreter Po­lens und Deutschlands ersucht werden sollen, ihre Sache darzulegen, erklärte Lloyd George, er hege keinen Zweifel, daß den Beteiligten durchaus Gelegenheit gegeben werde, ihre Sache zu vertreten; indessen liege solches lediglich innerhalb der Befug« ntffe des Völkerbundes.

Gestern trat Lloyd George im Unterhause als An­walt der deutschen Sache auf. Er erklärte mit Bezug­nahme auf die letzte Tagung des Obersten Rates, es habe dort Fragen gegeben, die das Zusammenhalten der Entente bedroht hätten. Große ©nutflhmng habe es daher hsroorgerufen, daß gegen Ende der Zujern- menkunft die Entschließung gefaßt worden sei, nach der die Allianz nicht nur fortdauere, sondern gefestigter dasbche denn je. Dann ging der Premierminister auf die oberschlesische Frage ein und betonte, es gebe weite Kreise der öffentlichen Meinung in Frankreich, die

kroch er langsam auf beg Baters Schoß unb schmiegte lauschend ben Kopf an seine Brust bie niedere, kleine Stube unb bie Ofenbank, sie waren seiner Kindheit Pa- rabies. ;

Oft, wenn er nun im heißen Lebenskämpfe rang, bann tauchte plötzlich vor ihm bas kleine Heimatborf, bie kleine Hütte, barin er feinen 3ugenbtraum geträumt, unb machten tief in feinem Herzen weiche, fremb gewor­dene, säße Saiten klingen unb grüßten ihn aus ferner, glücklichfroher Zeit. ;

Als Heiner Knabe hatte ihn sein Vater einmal mit­genommen in bie Stabt, um Leber zu kaufen. Sie muß. ten zwei Stunden west gehen. Die Mutter hatte für zehn Pfennige Backsteinkäse beim Krämer gekauft und ein großes Stück Schwarzbrot dazu gewickelt; dies sollte mit einem Glas Bier drinnen in ber Stabt ihr Mittags, mahl sein. Ihm waren bie Einbrücke, bie damals fein Kinderherz empfing, stets unvergeßlich geblieben. Mit großen, erstaunten Augen begaffte er bie großen Häuser unb bie feinen Menschen; von den großen Schaufenster« brachte ihn sein Baier gar nicht mehr weg. Mit sehn, süchtigen Blicken betrachtete er die ausgestellten Sachen, die sein junges Herz hauptsächlich reizten, besonders die Kcmbitvrläben hatten es ihm angetan. Damals, ba fühlte er, baß Armsein mancherlei Entbehrung auferlegt. Mit neibischen Blicken sah er in ben Kaffeehäusern durch bie großen Fensterscheiben bie feinen Menschen sitzen; schmausenb, lachenb, um sie ein Berg von Süßigkeiten.

Ui, Baier, was gibt's ba viel reiche Leut'!" rief er bortmals erstaunt aus, unb als er sie alle so essen unb trinken sah unb habet an feinen Backsteinkös und das harte Brot in ber Tasche dachte, fügte er langsam bei: Wenn wir mir auch reich wären, Bater, bann könnt'n mir a in ber Stabt wohnen unb Kaffee trink'n unb Ku­chen essen!"

Dummer Bu!" hatte ihm sein Bater geantwortet, fei froh, daß b ber Schnsterfeple bist; ich möcht' mit keinem ba brtnna tausch'n, bie fenb oft ärmer als wie wir."

Er hatte sonst alles unumstößlich wahr unb ver. Künftig gefunben, was fein Bater sagte; heute kamen ihm zum erstenmal Zweifel über biefe väterliche, unan. tastbare Gescheitheit in ben Sinn. Was sprach er ba für Unsinn? Arm sollten wiche Menschen (ein? Er iah aus

glaubten, daß die Wegnahme der Kohlen und Eisenlager Deutschlands für dir Sicherheit Frankreichs wesentlich sei; er halte dies aber für einen Irrtum. Lloyd George hob hervor, daß Schlesien- keine polnische Provinz sei; oierFünftelderBe- völkerung seien deutsch, wenn auch mit einer recht beträchtlichen polnischen Beimischung nach der Grenze hin. Die Auseinandersetzung habe sich um bas bedeutende Industriedreieck gedreht, in dem die Städte deuffch, die Dörfer polnisch seien. Betrachte man aber das Gebiet als Ganzes, fo handle es sich in Wirklichkeit um eine deutsche Mehrheit. Die in- dustrielle Entwicklung, dos Kapital und die Bevölke­rung feien deutsch, sodaß nach dem PrinzipEin Mann eine Stimmte" bas Gebiet den Deutschen zufallen müsse.

Lloyd George erklärte weiter, es sei nicht seine Auf­gabe, dem VöKerbundsrat zu diktieren, w i e er sich mit dem Problem befassen solle. Es sei sehr wichtig, daß bevor irgend etwas unternommen werde, Frankreich, Salten und Japan sich verpflichteten, die Entscheidung dieser vom Völkerbundsrat ernannten Körperschaft an­zunehmen. Die Parteien wurden zweifellos vor dem vom Völkerbund ernannten Tribunal erscheinen, Frankreich hat aus das

falsche Pferd gewettet.

Die »Westminster Gazette' schreibt zur oberschle- fischen Frage, man sehe in Paris die französisch^ polnische Sache als verloren an. Es sei sq gut wie sicher, daß die Delegierten Englands, Ita­liens und Japans im Völkerbundsrate in der ober­schlesischen Frage denselben Standpunkt einnehmen werden wie Lloyd George. Anzeichen beuteten darauf hin, daß China unb Spanien und wahrscheinlich auch Brasilien den englischen Standpunkt vertreten werden. Es bestehe demnach Gefahr, daß die Iso­lierung Frankreichs noch deutlicher zutage treten werbe. Frankreich habe selbst dazu beige-- tragen, daß es in eine solche Lage kam, ba es feine europäische Politik auf einem militärischen unb poli­tischen Bündnis mit einem imperialistischen unb wie fast immer unfähigen Polen aufbaute. Der Zu­sammenbruch einer solchen Allianz werde ein harter Schlag für die französische Politik sein. Die fran­zösische Diplomatie habe seit dem Waffenstillstände und besonders in den letzten 18 Monaten immer auf das falsche Pferd gewettet.

Wie die Weltabrüstung ausfieht.

Es ist im höchsten Grade bezeichnend, daß im sel­ben Augenblicke, da die Presse aller Länder sich über die voraussichtlichen Ergebnisse der von dem Präsi- deuten ter Bereinigten Staaten einberufenen Washing- toner Abrüstungskonferenz beschäftigen, in allen Län--' tern, die auf dieser Konferenz vertreten sein sollen, neu-, zum Teil sehr erhebliche Ausgaben für Heeres- und Flottenvemnehrungen beschlossen worden sind.

EnglaiÄ hat dieser Tage eine ganz gewaltige Summe zur Verstärkung seiner Flotte mit den modern­sten Kriegsschiffen breitgestellt, und man hat bei der Bewilligung im Parlament ausdrücklich daraus hinge- wiesrn, daß die Erfahrungen im Weltkriege und na- meittlich bei ten kriegerischen Auseinandersetzunge« zur ©ce die Notwendigkeit ter Verstärkung unter An­passung an die moderne Technik ergeben hätten. Dazu kommt, daß die englische Sanbarmee gegenüber ihrem Stande vor dem Kriege beträchtlich erhöht ist, das gleiche ist auch für die indische Armee ter Fall. Gegen­über 400 000 sofort kriegsbereiten Soldaten hat Eng­land heute etwa 550 000 zur Verfügung.

Frankreichs schlagbereite Armee zählt einschl. ter in ten letzten Jahren bedeutend erhöhten farbigen fein geflicktes Höschen unb bie schweren, zerrissenen Stiesel, bie er als gemeinsames Gut mit Peter abwech-- selnb zusammen trug, unb bann betrachtete er bie Men. schon, bie ba burdj bie Straßen gingen nein, heute hatte seine Berounberung für bes Baters Weisheit eine« großen Stoß bekommen. Wie konnten biefe Leute är­mer fein als er?!

Jetzt hatte er alles, was bas Herz des Knaben einst fo heiß ersehnte, woran vertangenb seine Kinberseele hing, unb jetzt versteht er auch bes Baters Worte.

Umgeben vorn Glanze, von Reichtum unb Ehren, bentt er in Sehnsucht an die kleine heimatliche Hütte unb an bie Tage seiner Kinbheit zurück.

Die Lenti stnb ärmer oft wie wir." Jetzt weiß er. baß ber Bater wahr gesprochen. Das Leben lehrte ihn bie Worte nun begreifen. War er nicht glücklicher, ja, stieben« auch baheim als armer Teufel auf bem Schm- sterftuhl?

Er hat erreicht, was er erringen wollte; schon sieht er sich am Ziel! Biel hat bas Leben ihm gegeben; noch mehr hat er bem Schicksal abgetrotzt. Gern ruhte er jetzt aus, vorn ewigen Kampfe mübe; er schaut ben Weg zurück, ben er gegangen, unb sieht, baß et bas wahre Glück babei verlor! Was half ihm nun bies Ha­sten unb Erwerben, wenn ihm bie Ruhe unb ber Friede seiner Seele fehlten?

Mit aller Gewalt mußte sich oft Joseph solch fiein­mütigen Stimmungen entreißen. Er gedachte bann ber schmerzlichen, bemütigenben Stunde in Lores Salon. Da ballten sich seine Hänbe; bie alte Bitterkeit erwachte wieber; er knirschte mit ben Zähnen unb warf sich wil­der wie vorher in seine Geschäfte. Aufs neue erfaßte ihn bann wieber bas Arbejtsfieber; ohne aufreibend» Tätigkeit hiett er es nicht aus.

Er hatte nun Zutritt zu den feinsten Kreisen unb würbe er jetzt Lore verlangt haben, sie hätte ihn wohl ihrem jetzigen Gatten vorgezogen. Er erhielt häufig Einlabungen in bessere Familien; manch vornehmer Fa­milienvater hätte ruhig bas Glück seines Töchterleins in bie Hänbe bes energischen jungen Mannes gelegt; manch schönes Auge schaute ihn liebenswürbig an. Jo­seph aber bachie nicht barem, je einmal zu heiraten.

Koftlebung folgt.)