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JE 185.

SamStag, 13. August 192L

• Fuldaer Eieitung

Druck der Fuldaer 2 c

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Trimborns Vermächtnis an die deutsche Zentrumspariei. Heute, da unser verewigter Irimbom nicht mehr unter uns weilt, wissen wir erst recht, was wir an chm vertoren haben. In ihm ist ein Mann dahinge- gangen, der besser als irgend einer wußte, wie ernst die Lage unseres Vaterlandes und Volkes ist, und welche außerordentliche Bedeutung eine einheitliche Führung der Zentrumspartei auf ihrer alten Grund­lage hat. Trimborn wußte sich als Hüter der Zentrums ideale, wie sie ihm von den Vätern unterer Bewegung überkommen waren, aber er be­trachtete sie nicht als etwas Starres, sondern als le­bendige Größen, die der jeweiligen Wirklichkeit und Notwendigkeit angepaßt werden muffen. Wie tief er in den Gedankenkreisen des Zentrums aber wurzelte, hat besonders ergreifend sein letzter Aufsatz im „Zen­trum" (Nr. 4 vom 1. Juli d. 3.) bewiesen. Er sagt da u. a.:

„Unsere Politik ist auf lange Sicht eingestellt. Dabei vergessen wir aber nicht die praktischen Ausgaben des nüch- Tages Gerade dadurch, daß wir Schritt für Schritt um die politische und rechtliche Erhaltung der christlichen Kul­turgüter kämpfen, fördern wir den organischen Gefim- dungsprvzeß, sichern wir vor allem die christliche Familie, die Keimzelle der lebensfähigen deutschen Volksgemein­schaft. Je mehr aber christlicher Geist unser ganzes öf­fentliches, nationales und internationales Leben durch­dringt, desto mehr wird die opferbereite Arbeit, die gegen­seitige Verstöndigungsmöglichkert und die reibungslose Ent­wicklung gefördert. Das aber bedeutet weiterhin Einkehr von Frieden und Gluck, vor allen Dingen von einer weit- gehenden Beruhigung in unser deutsches Familienleben. . Gerade auch die Sorge für die N e u b e l e b u n g der guten deutschen Familie liegt uns in aller unserer po­litischen Arbeit zunächst am Herzen. Wst wissen, daß wir damit eine Wechselbeziehung wieder herstellen, die recht eigentlich deutsch ist, und unter deren segensreichen Folgen Deutschland groß geworden ist. Die Strafte des Ewigen befruchten dös heimatliche Familienleben und auf dem Grunde des reinen deutschen Familienglücks gedeihen am besten die Kräfte des Ewigen."

Emen wesentlichen Teil unserer Arbeit, man bars wohl sagen, das Herz derselben, hat Trimborn seiner Partei mit schönen und tiefen Worten noch einmal vor Augen geführt. Trimborn, der in Wort und Schrift den Stil zu meistern verstand, hat nur selten Zeit ge­habt, die Feder zu fuhren. Im Vordergrund seiner Pflichten standen die Fragen der Organisation. Auf diesem Gebiet liegt sein Hauptvermächt­nis an die deutsche Zentrmnspartei. Bas, Reichs­generalsekretariat ger deutschen Zentrumspartei, das er von seinem Vorgänger, dem Abg. Gröber übernahm, hat er in mustergültiger Weise ausgebaut. Aus kleinen Anfängen ist ein schlagfertiger Apparat _baraus_ ge­worden, der sich gerade jetzt erst recht bewähren dürfte» da Trimborn nicht mehr ist. Unter Trimborn, ist an die Spitze des Reichsgeneralsekretariats Dr. jur. et pW. Katzenberger berufen worden. Alsbald wurde ein besonderes Dezernat für Akademiker- und Iugend- frogen geschaffen. Dies wurde dem Dr. rer. pol. Dackel übertragen. In überraschend kurzer Zeit lebten und blühten die Akademikergruppen und die Windthorst- bunde auf. Auch für die evangelischen Interessen nn Zentrum wußte Trimborn zu sorgen. Evangelische gab es in unserer Partei seit deren Gründung. Auch Ab­geordnete dieser Konfession hatten wir zu allen Zeiten. Wenn nunmehr cm evangelisches D e zernat geschaffen wurde, fa geschah es wegen des leidenfchaft- sichen Kampfes, gerade um diesen Zweig unserer ar­beit von feiten unserer Gegner. Dies Dezernat erhielt bekanntlich Otto Timmermann, der seitdem m Wort und Schrift unermüdlich die evangelischen Interessen tm Zentrum vertreten hat. Timmermann wurde zu­gleich der Hcmptschriftleiter am „Zentrum". In dieser hervorragenden Halbmonatsschrift dürste Trimborn dem Zentrum sein bestes Vermächtnis gegeben haben. Sowohl von hervorragenden Mitarbeitern als awh von den Lesern aller Kreise und Parteien sand diese neue Halbmonatsschrift für politische Bildung vom eisten Tage an steigende Anerkennung und wachsende Beachtung. Endlich sei die jüngste Schöpfung Trim­borns, das Frauendezernat nicht vergessen. Es ist bekannt, wie sehr der Ausbau der Arbeit nach die­ser Richtung unserm Trimborn am Herzen lag.

Unvergeßlich aber wird allen Teilnehmern die letzte Zusammenkunft führender Zentrumsabgeordneter und -Politiker sein, die Trimborn zu Ausgang der Reichs- tagssesiion in Berlin noch einmal herbeiführte. Da legte er besonderen Wert darauf, daß die Abgeordneten untereinander künftig Gelegenheit haben möchten, ge- sellschaftliche und freundschaftliche Bande zu pflegen. Was Trimborn dabei im Auge hatte, konnte mir zu- nächst eine Anregung bleiben. Aber wer Trimborn kennt, weiß, daß es sich hier um einen Lieblingsge- banken unseres Parteiführers Handelle, dem nicht zum geringsten auch eine große politische Bedeutung beizu­messen ist.

Es ist keine Frage, daß das Zentrum jetzt erst recht bestrebt sein wirb, diesen letzten und höchsten Wunsch Trimborns in ErMung gehen zu lasten.. Ein Mittelpunkt, in welchem sich das gesamte Parteileben konzentrieren kann, das wäre das schönste Vermächtnis unseres Trimborn.

Aus Anlaß des Ablebens des Abg. Trimborn tau­fen bei der Zentrumsfraktion des Reichstages noch fortgesetzt Belleidskundgebur.gm aus allen Teilen des Reiches ein. So ist u ,a. ein Beileidsschreiben ein­gelaufen vom Rabinat des Vereins für die jü- dischenInterefsendes Rheinlandes, in welchem gesagt wirb: „Wir hatten häufig Gelegenheit, mit unseren religiösen Angelegenheiten ihm näher zu treten ,sei es gelegentlich lokaler Verordnungen ober beabsichtigter Gesetzesnovellen im Reich. Wir haben bei dieser Gelegenheit stets ein offenes Ohr beim ihm gefunden und mehr als das, eine von tiefer Religiosität getragene Herzensgüte, verbunden mit einem warmen Verständnis für die religiösen Bedürfnisse Anders­gläubiger. Insbesondere lieh er gern der Minorität der Strenggläubigen privatim und offiziell seinen starken Arm, sodaß sie unbehindert den Anforderungen des jüdischen Religionsgesetzes leben dursten. Wir werden sein Andenken stets in Ehren halten und ihm eine dankbare Gesinnung bewahren." — Ferner ein Beileidsschreiben des Generaldirektors der Thyssen- schen Werke Gilles: „Indem ich mir gestatte, zu diesem traurigen Ereignis der vorehelichen Zentrums- frattion meine herzliche Teilnahme auszusprechen, er­laube ich mir gleichzeitig der Hoffnung Ausdruck zu geben, daß an Stelle der Verblichenen neue tüchtige Männer auferstehen mögen und insbesondere auch die Fraktion und Partei einen Vorsitzenden wählen mögen, der die Zentrumssahne hochhält und die Politik nach den bewährten alten Grundsätzen unserer Partei auch weiterhin letten möge, voll bewußt der großen Ver­antwortung, die unsere Partei durch chre Stellung int öffentlichen und besonders im Parlamentsleben für unser Vaterland wahrzunehmen berufen ist."

Steuergesetzgebung und presse.

Eine Wechte Presse hätten die Steuerpläne der Regierung, sagt man. Das ist weder zum Verwundern noch zum Erschrecken. Denn jede Steuerreform, bie scharf und weit eingreift, ruft anfänglich mehr Gegner, als Freunde auf den Plan. Diejenigen, die von den neuen Lasten betroffen werden, und chre Parteifreunde erheben Einfpruch und wenn ein Steuerplan, wie der vorliegende, wegen bet ausgleichenden Gerechtigkeit zugleich die direkte und die indirekte Schraube stärker anziehen will, so gerät er in ein Kreuzfeuer, da von rechtsher die Besitzsteuem und von linksher die 23er- brauchssteuern angegriffen werden und jeder Teil übet ungebührliche Belastung und 23erletzung von ehrwürdi­gen Grundsätzen klagt.

Das Aufbäumen gegen die drohende Belastung muß in den Kauf genommen werden. In Dolksver- sammlungen wird noch manches scharfe Wort fallen, und im Reichstag wird es scharfe Kämpfe wegen dieser ober jener Steuerart geben. Aber nach und nach wird sich die Erkenntnis der unabweislichen Not wen­dig k e i t der Steuererhöhung burcfjringen und bei den arbeitswilligen Parteien im Reichstag wird sich das Gebot durchsetzen: Wer eins von den Steuerprojekten ablehnt, bet muß einen ausreichenden Ersatz Vor­schlägen, damit das Reich zu dem unbedingt notwendi­gen ®efamtertrage kommt.

Dis diese erzieherische Wirkung sich einstellt, hat steilich die Regierung einen sehr schwierigen Stand. Die gegenwärtige Regierung sogar in außerordentlichem Maße. Denn erstens muß sie unter dem Drucke des Ultimatums ganz kolossale Anforderungen an die Steuerzahler stellen und zweitens hat sie keine fest- geschlostene Reichstagsmehrheit hinter sich. $ßenn sie trotzdem mit 15 Gesetzentwürfen und der Ankündigung von bedeutenden Nachträgen kühn in bie Bresche springt, so zeigt sie damit klar, daß sie nur vom Pflichtgefühl geleitet wird und nicht von irgendwelchen persönlichen Interessen.

Kann die ^Regierung über die Steuergesetze zu Fall kommen? Die Möglichkeit ist nicht zu leugnen, doch eine solche Gefahr darf die erklärte „Politik der Er­füllung" nicht aufhalten. Eine neue Regierung, bie ohne entscheidende Steuergesetze auskommen könnte, vermag man sich nicht vorzustellen. Eine Krisis im Reich würde nicht bloß bie Reichskaste um Milliarden schädigen, sondern auch die wirtschastliche Genesung stören und vielleicht sogar den Bestand Deutschlands in Frage stellen. Dieser Erwägung werden sich auch diejenigen nicht verschließen dürfen, bie an dem Steuer­bukett kein Wohlgefallen finden können.

Im übrigen wirb eine Krisis wegen der Meinungs­verschiedenheiten über die Besteuerung nicht so schnell eintreten. Die Regierung hat sich vernünftigerweise durchaus nicht so festgelegt, daß sie wegen einzelner Schwierigkeiten alsbald ins Wanken geraten türme. Sie versteift sich nicht auf alle die Formen und Sätze, sondern stellt das, was sie ausgearbeitet hat, zur Prü­fung und Verbesserung und Ergänzung, lieber die Mittel und Wege kann diskutiert werden, wenn nur das Ziel, die Deckung der Verbindlichkeiten, nicht in Frage gestellt wird. Die Entwürfe sollen die Grund- fage bilden für die Verhandlungen zwischen den Sach- oerftänbigen der Regierung und den Sachverständigen im Reichstag und im Reichsrat, wobei die Sachver­ständigen aus den verschiÄrenen Volksschichten auch ihr Gehör finden werden.

Wie wenig die Regierung an ein Diktat oder über­haupt an em Zwangsverfahren denkt, ersieht man schon daraus, daß sie selber noch an der Ergänzung des Steuerplanes arbeitet. Es wird im Kabinett noch eifrig darüber beraten, wie man die Sachwerte noch besser ausnutzen form für die Reichsbedürfnisse. Der Ge­danke, durch Hypotheken oder auf einem anderen Wege der teilweisen Uebertragung des Eigentums das Reich zum Mitbesitzer und Nutznießer am produktiven Ver­mögen zu machen, scheint wegen der politischen und praktischen Schwierigketten aufgegeben zu werben, aber in Erwägung sind, soweit sich üb»rsehen läßt, noch zwei Pläne, ©nerfeits die Kapitalisierung der Kor- perschaftssteuer, sodaß durch Genußschein oder eine andere Form das Reich schon jetzt bie Verfügung erlangen würde über die steuerpflichtigen Gewinne bet Aktiengesellschaften, Genossenschaften ufw. Andererseits eine Zwangsanleihe, die zwar das Renten­kapital verschonen, aber alle Besitzer von werben­dem Kapitell, auch die Banken, Sparkasten ufw. nach ihrer Leistungsfähigkeit heranziehen würbe.

Diese beiden Pläne würden eigentlich keine neuen Steuern darstellen, sondern vielmehr die Flüssig­machung von tünftigen Steuereinnahmen zur Deckung des außerordentlich großen Gegenwartsbedarfs, namentlich der Reparationskosten.

Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen wor­ben von der Regierung, noch von der Volksvertretung und den vorläufigen Meinungsaustausch muß man mit Gelaffenhett betrachten. Aus dem schäumenden Most tarnt noch em ruhiger Wein werben, wenn es auch ein Säuerling ist.

Hus dem Nachbargebiet.

Das Rochussest zu Kämmerzell.

Die Zustände in Deutschland sind in jeder Hinsicht, vor allem in sittlicher und religiöser, überaus traurig. Die schon so lange anhallende Dürre und Trockenheit kann sehr schlimme Folgen nach sich ziehen. Diele Gebete werden zum Himmel gesandt zur Erflehung des so not- wendigen Regens.

Zur Zeit der Not hat unter anderen Heiligen den be. drängten Brüdern auf Erden die göttliche Hilfe erfleh der hl. Rochus, dessen Fest in besonderer Weise am IE August in der Rochuskapelle bei Kämmerzell gefeiert wird.

Mögen recht viele von nah und fern zur Rochus- kapelle an diesem Festtage oder an einem anderen Tage der Festoktav pilgern und sich unter den besonderen Schutz dieses Heiligen stellen.

Wenn ein solcher PUgergang, zumal in diesem heißen Sommer, auch mit manchen Opfern verbunden ist, desto gesegneter und erfolgreicher wird er sein. Die Prozes. sion am Feste des hl. Rochus zu der ihm geweihten Ka­pelle macht einen gewalligen Eindruck.

Die jugendftische Musikkapelle von Kämmerzell be­gleitet zum ersten Male in diesem Jahre die kirchlichen Gesänge. Unter mächtig wiederhallenden Böllerschüssen zieht die wohlgeordnete Festprozession zum Rochusberge hinauf Unter einem kostbaren Baldachin wird das Aller- heiligste getragen. In der Mitte der Prozession erblickt man eine schöne seidene Kreuzessahne mit dem Bilde de? hl. Rochus. Ein später gefallener Krieger aus Kämmer, zell hat einem Kameraden aus Fulda im Schützengraben voll Begeisterung von der schönen Feier des Rochus- festes erzählt und bemerkt, man fühle sich in den Fimmel versetzt, wenn man an der schönen Festprozesiion am Rochustage teilnehme.

Auch Kämmerzeller, welche nach Amerika ausgewan. dort sind, reden gerne von der Feier des Rochusfestes, die in ihrer Jugend so viele Reize für sie gehabt hat.

Leider ist der Besuch des Kcimmerzeller Rochusfestes seitens fremder Pilger mit der Zeit zurückgegangen. Es scheint, als ob die neue Zeit nicht mehr günstig sei für alte religiöse Gewohnheiten.

Möge man aber wieder in Scharen wie in früheren Zeiten aus Fulda und Umgegend zur Rochuskapelle pil­gern. Die Teilnahme am schönen Rochusfeste wird er­hebend wirken, Trost und Mut dem niedergedrückten Ge- müte mitteiien und das religiöse Gesühl stärken.

Wer am Festtage selbst nicht kommen kann, besuche die Rochuskapelle am Sonntage darauf. An demselben findet nachmittags V»4 Uhr in der Rochuskapelle eine besondere Andacht mit Ansprache statt. Nach der Andacht wird der neugegründete Kärnrnerzeller Männer-Gesangverein unter der bewährten Leitung des Herrn Schulamtsbewerbers Klassert von Fulda zwei vierstimmige religiöse Liebe, Dorttagen. ________

„ Schlüchtern. Der Kreis Schlüchtern feien in biefem Jahre fein lOOjähriges Bestehen. Im Jahre 1821 wurde er von der kurhessiichen Regierung aus früheren hanauiichen, fuldaischen und hsinburgschen Gebietsteilen gebildet. Der westliche, Teil War anfangs als Kreis Salmünster eine eigene Verwaltungseinseit, bie erst später zu Schlüchtern hinzugefügt wurde. 1

mc. Hanau (Main). Das Flußbett des Maines wirb augenblicklich in der Nähe von Groß« Steinheim van ben Felsen, bie schon oft bie Schiff­fahrt gefährdeten, befreit. Die gebrochenen Steine finden fofort wieder bei den Uferbauten Verwendung.

mc. Höchst (Main). Die Mainwehre bei Okriftel, Flöisheirn, Kostheim und das untere Weh, in Frankfurt sollen nach einem neuen Plan ent­fernt und durch zwei große moderne Wehre bei Schwanheim und Eddersheim ersetzt werden, die gleichzeitig für die Erzeugung elektrischen Stromes dienen sollen. Für die Errichtung des Wehres bet Schwanheim interessiert sich insbesondere die «ladt Frankfurt sehr lebhaft, zumal auch die Schiffahrt durch die Neubauten erheblichen Nutzen hatte. _

-r- Worms. Der Riesenbranb in den Schilfrohr­beständen am Altrhein bei Eich, den größten Deutsch-^ lands konnte noch immer nicht eingedammt werden. Millionenwerie sind vernichten Man ver­sucht nun, durch breite Gräben den Riesenbrandherd einzudammen. .. ...

)( Oberzwehren. Nach siebeniahriger Ge- fangenschaf- kehrte dieser Tage unser Mitbürger Grebe aus Rußland zurück. Die Freude, der Ange­hörigen war desto größer, als Grebe seit fast fünf Jahren fein Lebenszeichen mehr von sich gegeben hatte.

mc. Kassel. Die Schuldenlast der Stadt be­tragt nach neuesten Ausstellungen 147 Millionen, jedoch befinden sich darunter 17 Millionen Schul-

Unpolitische Zeitläuse.

Von Fritz Nienkemper.

Berlin, 11. August 1921.

Die Sternschnuppen schwirren heute am Himmel hemm, und die Herren vom OberstenRat sitzen m Paris zusammen.

Was haben denn diese Vagabunden der Sternen« weit und bie Exzellenzen der Erbenwelt miteinander zu schaffen?

Ich kann nicht dafür, daß sie in meinem Kopf zu- fammengeraten sind. Denn die Sternschnuppen er­innern mich daran, daß der Erdemnenfch nichts weiß mch nichts kann; aber der Oberste Rat soll doch als Inhaber der höchsten Weisheit und Macht gelten, wenn man auch an feinen Fruchten bisher nicht viel davon «einer kt hat.

Was sind denn das für Singer, die zu Laurentius wieder aufleuchten? Die Sternforscher sagen, es seien Trümmer von einem zerplatzten Wcmbefftern, die schwarmweise den allen Weg um die Mutter Sonne weiterfuchen und zum Test in den Dunstkreis der Erd« geraten, wenn die ihre Straße kreuzt. Kann schon fein. Aber warum und wieso ist der Wandelstern in Scherben gegangen? Das wissen wir nicht. Warum lausen die Trümmerstücke noch immer um die Sonne herum, obschon doch anscheinend gar kein Leben mehr auf ihnen ist, also bie mütterlichen Sonnenstrahlen ihnen nichts nützen können? Das wissen wir nicht. Aber wir sehen hoch sonst, daß in dem ungeheuren Heer der Sterne eine stramme Ordnung herrscht, damit die zahllosen Weltkörper trotz der fabelhaften Schnellig- kett ihrer Bewegung sich nicht gegenseitig m die Rip­pen fahren. Warum und wozu die Ausnahme von den vagabundierenden Sternschnuppen? Wir wissen es nicht.

Wir haben auch Kometen beobachtet, die um die Sonne sich herumgeschwenkt haben und dann wieder in die kalte und dunkle Weite des Himmelsraumes obgereift sind. Einzelne von ihnen kommen nach einer Rundreise von so unb so vielen Jahren wteber; anbere verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Wohin gehen sie? Bleiben sie ttgendwo hängen ober stürmen sie ewig weiter? Wir wissen es nicht.

Warum haben überhaupt bie gewaltigen Sterne eine so verblüffende Aehnsichkett mit den Radfahrern, vie auf ihrer Rennbahn immer im Kresse umherfahren unb bei aller Anstrengung doch auf denselben Punkt Mückkehren? Warum muß z. D. unsere Erbe jebes Lahr ben Umlauf um die Sonne machen? Der Wechsel

von Tag und Nacht und derWechsel bet Jahreszeiten ließen sich ja auch erreichen, wenn bie Erde still stände, sich in der bisherigen Weise täglich um ihre Achse drehte unb mit der Achse einige Schwenkungen machte wie ein ausladender Kreisel. Nach unseren Begriffen gäbe das eine einfachere Ordnung im Weltensystem unter geringerem Kraftverbrauch. Aber der Schöpfer hat eine andere Ordnung der kunstvollen Beweglichkeit ge­troffen. Zu welchem Zweck? Der Schöpfer weiß es, aber wir Menschen wissen es nicht.

Wir sind dumm trotz aller Forschungen und trotz oller gepriesenen Wissenschaft. Und ohnmächtig sind wir auch gegenüber den ungeheuren Naturkräften, die im Weltall den Willen des Allmächtigen betätigen.

Doch auf unserer Erde selbst, — haben wir da Weisheit und Macht? Ach, du fieber Himmel, da geht es uns wie dem Affen, der eine Taschenuhr fand. Er untersucht das rässelhofte Ding recht nachdrücklich: er rüeft und dreht, — bis das Uhrwerk stille steht. Was wir erforschen, sind lauter neue Rössel, unb was die menschliche Klugheft onftiftet, ist meistens Verwirrung, Schaben und Unglück.

Cs gibt von Zett zu Zeit Leute, bie sich einbilden, sie konnten aus ihrem Hirn unb mit ihrer Hand eine neue Weltorbnung schaffen. Sie wollen der Vorsehung ins Handwerk pfuschen, und bas wirb eine elende Pfu­scherei. Die ganze Wellgeschichte ist voll von traurigen Proben der menschlichen Torheit, unb in der gegen­wärtigen Zeit häufen sie sich in der schrecklichsten Weise.

Wer darunter leiden muß, schiebt die Schuld gern auf die Bosheit der anderen. Aber ver­gessen wir nicht, daß neben der Bosheit die unuber- windliche Dummheit steht, und baß die Schuld nicht auf die Seite ausschließlich fällt. Auf beiden ©ei­ten stehen Menschen, und wo Menschen sind, da wirb gehrt, gefehlt, gefüntrigt. Damm müssen wir allzumal an bie Brust schlagen und bekennen: Meine Schuld, meine große Schuld: beim ich bin ein Kind von Adam und Eva, unb Adam und Eva waren dumm und frevelhaft: diese erbliche Belastung dauert fort sowohl im Privatleben w:e tm Zusammenleben der Völker.

Was ist bie Weltgeschichte? (Ich meine die Ge­schichte der Menschheit auf Erden, beim von bet wirf- sichen Weltgeschchte tm ganzen wissen wir ja so gut wie gar nichts) Diele Menschheitsgeschichte ist eigent­lich nur der weitschweifige Bericht von der Erzieh­ung eines Taugenichts. Der Taugenichts sst bie Nachkommenschaft von Adam und Eva: der Er­zieher ist ber liebe Gott. In seiner väterlichen Geduld hat er seit Tausenden von Jahren alle Mittel der Äüt« antz Gnade gmaBOKSL «u ist Menschheit auf

ben rechten Weg zu leiten: Offenbarung und Erlösung. Einige haben sich erziehen lassen: aber die Menschheit im großen und ganzen sträubte sich gegen Vernunft und Tugend; sie blieb hartnäckig in den Flegeljahren. Damm mußte bie Vorsehung zeitweilig zu strengen Straf» unb Zuchtmttteln greifen. Es ging nicht ohne die Rute.

Seit sieben Jahren haben wir nun die Rute sehr kräftig zu kosten bekommen. Wer darüber murrt, der zeigt mir, daß es ihm an Einsicht noch fehlt. Bei richtiger Erkenntnis muß er sich mitschuldig fühlen an den Dummheiten unb Freveln des Menschen­geschlechts. Er muß sich bedanken für bie gnädige Strafe, beim sie hätte noch schlimmer aussallen können, unb er muß gestehen, daß bie Vorsehung auch bann gütig ist, wenn sie Strenge walten läßt, da ber Vater da oben stets das Heil feiner Geschöpfe im Auge hat.

Die Welt war übermütig geworden. Aehnlich wie di« Vorfahren von Babylon glaubten sie einen Turm bauen zu können, ber in ben Himmel ragte unb den Thron Gottes überflüssig machte. Sie vermaßen sich, dos Paradies auf Erben aus eigener Weisheit und Kraft wiederherzustellen. Zur Ernüchterung dieser Himmelsstürmer kam das ungeheure Elend auf bie Welt. Je höher ein Verwegener fliegt, befto schreck­licher sst sein Fall. In ben Trümmern erkennen bie Ueberlebenben: Nichts ist die menschliche Weishett, nichts ift bie menschliche Kraft; alles ist eitet, außer Gott lieben unb ihm allein dienen.

Hat sich diese Bekehrung schon durchgesetzt? Noch nicht in ausreichendem Maße, und deshalb steht zu befürchten, baß ber große Erzieher da droben die Zucht- mte noch nicht einflecken kann.

Während des Waffenkrieges dachten wft uns: das fei ein schnell vorübergehendes Gewitter, hinter dem bie Sonne um so schöner scheinen werde. Die bitterste Enttäuschung aber brachten uns die folgenden Jahre des sog. Frizens. Drei Jahre schon, und die Welt kommt aus der Not unb ber Angst nicht heraus, ob- schon bie selbstbewußten Staatsmänner eine Konferenz nach der anderen abhalten. Jede Konferenz kündigt herrliche Dinge an, unb jedesmal wirb die Sage schlimmer.

Sollte die schwebende Konferenz von Paris eine Ausnahme machen, so wollen wir sie loben und preisen. Aber erst sehen! Bis dahin fürchten wir, daß nur eine neue Probe geliefert wird von der Unzulänglichkeit der mensckMen Weisheit und Kraft.

Es kMnoch lange dauern, bis die Zeiten besser werben; oSm zuerst muß bie Menschheit besser werben toi Kops unb W Herzen und m den Händen, a.

Zur dritten deutschen Guickborntazung« Menschenbcust, wohl bist du tiefer Als des Berges tiefste Schlünde; Menschenherz, wohl rätselhafter Bist du als Die Meersabgründel

(Weber, Dreizehnlinden).

Ja, Abgründe finden Raum m dem kleinen Meid schonherzen, Abgründe voll Bosheit, aber auch von Liebe unb Güte. Hier sind die Wurzeln alles Ge­schehens, soweit es durch Menschen bewirkt ist, hier liegen die Ursachen der guten und schlechten Zeiten. Damm gibt es auch nur einen Weg zur Rettung der Menschen: Ordnung schaffen im Herzen, das Herz befreien von der Herrschaft der vergänglichen Güter, unb Freuden, ihm feine Stellung als König, aller Erbendinge zurückgeben. Doch Herr kann man nur sein über bas, was man auch zu entbehren weiß. Und nur beständiger Kampf mit uns selbst kann diese Herr­schaft, kann ben inneren Frieden sichern.

„Es gibt keinen Weg zum Leben und zum wahren inneren Frieden als ben Weg des hl, Kreuzes und der täglichen Slbtötungen." So Thomas von Kompis in der" Nachfolge Christi; unb „Nachfolge Christi" ist der kürzeste Ausbmck für bas, was Quickborn will. Darum gehl ber rechte Quickborner ben Weg der Ent­sagung. Durch Verzicht aus Erlaubtes will er bie sitt­liche Kraft unb Hebung erwerben, um in ben hoch­gehenden Wellen ber Leidenschaft, in den Stürmen der Versuchung bestehen zu tonnen. Unser trauriger Zu­sammenbruch, der auch die Jugend nicht verschont hat, gibt ihm recht. Wären unfcr Volk, unsere Jugend ge­übt im Entsagen, wüßten sie bie Würde ber Selbst­beherrschung über ben Genuß zu stellen, bann brauch­ten wir nicht so viel erbärmlid)e Willensschwäche, Ver­logenheit, Verwahrlosung aller sittlichen Anschauungen zu beklagen. Nie hätte der wahnsinnige Dergnügungs- taumel unser Volk in ben Augen der Wett ehrlos ge­macht. Gibt es da noch ein Hoffen auf bessere Tage? Wann wirst du kommen, o schöne Zeit, wo deutsch« Willenskraft, gepaart mit echt christlichem Geiste, den Aufbau unseres geliebten Vat erlandes voll führen? Noch hoffen wir: Es muß doch einmal Frühling wer­den! Und bie Werkleute, wer werten sie fein? Viele aus allen Gauen, allen Stänben, aus verschiedenen Lagern; alle bie noch über trennende Schranken hin» weg in jedem Menschen den Bruder zu sehen vermögen: aber wo es hei^r hergeht, wo mehr zu arbeiten unb zu opfern ist, ba wollen einmal bie Quickborner stehen, fre, bie bie aufgehende Sonne und bas von ihren Strahlen beleuchtete hochheilige Zeichen bes Kreuzes, das Zeichen des Entisaens unb des Sieges auf ihrem