Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadl Aulda.
Hr. 184.
verantwortlich für den redantonellen Teil i. D.: A. W e ß l e r. - für die Anzeigen: I. Parzeller-FuU>a. n Rotationsdruck u. Derlag der Fuldaer Actlendruckerel in Fulda. irernlprecher Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung
Zreitag, 12. August 1921.
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48. Zahrg.'
Um Gberschlefien.
Was wird bei der Konferenz heraurkommen?
Rach den bisherigen Nachrichten müssen wir darauf gefaßt sein, daß der Oberste Rat entweder eine unhaltbare Halbheit bchchließt oder die Ent- scheidung wieder hinausschiebt.
Lloyd George ist noch nickt umgefallen, aber er yat alsbald nach seiner fulminanten Antrittsrede einen Schritt rückwärts gemacht, wobei er den festen Boden unter den Füßen verlor. ,
Dieser feste Boden war der Satz von der Unteilbarkeit des Jndustriebezirks. Als Lloyd George darein willigte, daß die „Sachverständigen" neuerdings wieder Untersuchungen machten über den Zusammenhang der Gemeinden im Jndustriedreieck, da bekam die französische Taktik wieder Oberwasser. Fängt man dort erst mit der Ziehung von Kreide» strichen an, so stößt man auf eine Unmasse von Bedenken und Schwierigkeiten, die sich in den wenigen Tagen einer Konferenz nicht beheben lassen. Die natürliche Folge dieser verfehlten „Untersuchung" ist das immer stärker auflretende Gerücht, daß die Entscheidung vertagt werden sollte bis zu einer neuen Konferenz im September.
Die deutsche Regierung hat einen festen Standpunkt, indem sie die Unteilbarkeit von ganz Oberschlesien verkündet. Lloyd George schien auch einen festen Standpunkt zu haben, indem er wenigstens den Industrie bezirk als unteilbar erkannte, was j« auch nicht bloß der Gerechtigkeit, sondern auch her wirtschaftlichen Vernunft entspricht. Nur auf diesem Boden hätte sich eine erträgliche haltbare Lösung finden lasten. Sobald man aber dem Gedanken Raum gibt, daß sich eine durch tausend Lebensadern verknüpfte Einheit durch einen politischen Gewaltstreich halbieren laste, wird die Erinnerung geweckt an den Rechtshandel vor dem König Salomo. Die döse Frau wollte, daß das strittige Kind geteilt werden sollte, obschon sie wußte, daß sie nur die Hälfte von einem Leichnam erhalten würde. Ter weise König Salomo ließ sich aber nicht beirren. Er folgerte aus dem grausamen Wunsch der Halbierung, daß sie nicht die rechte Mutter sei. Lloyd George könnte ebenfalls den Ruhm der Gerechtigkeit und Weisheit erringen, wenn er nach dem Vorbilde Salomos an seinem ersten richtigen Erkenntnis festhielte und sagte: Der ^ndustriebezirk kann nicht geteilt werden, weil der Schnitt ihn tödlich treffen würde; deshalb muß er ganz an Deutschland fallen, das seine wahre Mutter ist.
Doch leider scheint es, daß diese Konferenz, obschon ibr Vorspiel besondere Hoffnung erweckte, zum Schluß ebenso verlaufen wird, wie die früheren Konferenzen des Obersten Rates. England gibt um des Ententefriedens willen in der Hauptsache nach und Frankreich setzt unter einigen scheinbaren Zu» geständnisten in Nebensachen seinen Willen durch.
Auch die Verschiebung der Entscheidung ist ein Sieg Frankreichs und eine Niederlage für England. Denn Frankreich hat ja seit langem ziel- bewußt die Verzögerungstaktik betrieben. Die Pariser Staatskünstler rechnen darauf, daß sich in der gewonnenen Zeit etwas ereignen werde, was sich zugunsten der Polen und gegen Deutschland ausbeuten laste. Die Geduld der Deutschen, sowohl der Oberschlesier, als der Gesamtdeutschen, toiti) auf die denkbar schwerste und längste Probe gestellt. Zugleich wird den Polen Zeit und Raum gegeben, um ihren Terrorismus werter auszuüben. Diese Taktik kann sogar nach einer Entscheidung des Obersten Rates noch Vorteil versprechen. Denn wenn der Oberste Rat eine Halbheit beschlossen hat, so kann man an Ort und Stelle die „Bewegung" so leiten,
Der Gänfebub.
Fränkischer Dorfroman von Dina Ern st berge r. 18’ -------
Dies kleine, unterhaltende Spiel hat mich mein Le- »ensglück gekostet."
»Sie werden den kurzen Traum vergeffen und verschmerzen lernen."
„Verschmerzen wohl! Was lernte auch der Mensch verschmerzen nicht, wenn er vertrauend der Zeit die Hei- bmg überläßt und nicht in Ungeduld und Schmerz den Lebensfaden selber reißt. Vergeßen aber, was wir tief, 61 tiefster Seele je empfinden, lehrt selbst die Zeit nicht." _ 8*”* zahlte jetzt aufmerksam die Schläge der kleinen stwernen Wanduhr, die ihren Schreibtisch zierte.
. "^tawa wird gleich wiederkommen," unterbrach sie
Hcheph, „ich mächre nicht, daß sie von Ihrem Bc. f erfJ^m<15 roe*^- Richt wahr, Herr Berger, Sie ver- spre^n mir da», niemandem etwas von unserer frühe- egegnnng zn sagen. Und sollte ein Zufall irgendwo uns cmmal begegnen lasten, dann — nun ja, es geht in metrter Stellung hier einmal nicht anders, dann —"
.Der Sorge spreche ich Sie frei. Wir sehen uns nur als Fremde wieder-, uns trennt für immer die Bergan. 8Cnr; , fcic Zukunft für Sie glücklich sein!"
ei01,3 wars Joseph den Kopf in den Nacken: ein Ste- chen ging durch ,eine,. Körper. Gin letzter, langer Blick umfaßte nochmals Lores zierliche Gestalt — dann war Sore allem. Uls Joseph wieder unten auf der Stein- trepp« des Kaufes stand, fuhr er mit der Hand über Etn» und »ugen Träumte er denn? War all dies schreckliche Wutlrch.ei!' (finnj wirr schaute er einen Moment um sich, dann verließ er langsam das Borgärtchen, das das Gebäude von der Straße trennte.
Draußen schritt er infolge der großen Aufregung rasch aus. Gr schlug die ttrefte Richtung ein nach Hause, in fein Hotel. 2.!s er um die nächste Straßenecke biegen wollte, kreuzten zwei Damen feinen Weg. In feiner Aufregung bemerkte er es nicht, wie die jüngere der beiden plötzlich überrascht den Schritt anhielt. Erst als er seinen Namen hörte, sah er auf — Dor i$)m ftanö Maruume
daß Deutschland auch nicht einmal die ihm zugesprochene Hälfte zu erlangen vermöchte.
Ein besseres Bild von der Lage dürfen wir uns gegenwärtig nicht machen, um uns nicht bitteren Enttäuschungen auszusetzen. Wir wollen noch nicht verzweifeln, weil das letzte Wort noch aussteht und allenfalls noch die Möglichkeit besteht, Lloyd George könnte schließlich mal wieder eine Schwenkung nach der richtigen Seite hin machen. Aber am gestrigen Jahrestage der neuen deuffchen Verfassung wollen wir uns nicht verhehle», daß das deutsche Volk alle seine moralische und politische Kraft zusammennehmen muß, um diese schwerste oller Krisen zu überstehen.
Der Pariser Disput, ob Lloyd Georges R»che in der Presse richtig wiedergegeben worden sei, wird durch eine offiziöse kategorische Londoner Erklärung über die vollständige Richtigkeit beendet. Dies bezieht sich besonders auf Lloyd Grovges drei Prinzipien. Offenbar hat jedoch Briond zimächst nur zwei dieser Ermrdsätze angenommen, während der dritte, wonach die industrielle Einheit, insoweit das StimmverhAtnis von zwei zu eins besteht, Deutschland zufallcn soll, in der Schwebe blieb. Dieser zweite Grundsatz bedeutete, wie „Daily Telegraph" sagt, nach englischer Meinung, daß die wichtigen Städte des In- dustrirdreiecks Glenoitz, Beuthen, Hindenburg. Königs- Hütte, Kattowitz Deutschland zufielen.
lieber die Donnerstags-Beratungen der Sachver- stwchigen berichtet der „Matin", es seien acht Industriezentren nach der wirtschaftlichen Konstruktion Oberschlesiens und ohne Rücksicht auf die national,: Zugehörigkeit festgestellt worden, von denen sechs mit deutscher Mehrheit, und es sei wahr, daß die fünf Großstädte Beuthen, Königshütte, Kattowitz, Gleiwitz und Hindenburg dazu gehörten. Die anderen feien ausgesprochen polnisch. Die Soch- oerstcmdigm hätten sich dahin c ruf drehen, daß die Städte nicht die wahren Ätdustriezentren des Landes feiert, daß sie bevölkert seien von Beamten und Kaufleuten. — Die italienische Delegation hast noch immer den Vorschlag von Sforza für gerafft; die erste Ssorzaiinie laffe Polen Kattowitz und Beuthen, die zweite sei dem Industriegebiet angepaßt. Lloyd George werde Konzessiomv zu Gunsten der Polen machen; dadurch erhält Deutschland nicht nur die großen Städte, sondern auch neun Zehntel des Industriebezirkes. Das Industriebecken weise ratr 280 000 deutsche gegen 240 000 polnische Stimmen auf. Wenn man aber Platz und Rybnik hinzuziehe, so er gebe sich «ne polnische Mehrheit.
Pertinax, der sich im „Daily Telegraph" äußert, glaubt, daß die nördlichen und südlichen Bezirke Oberschlesiens nach Atrsicht der Experten von dem Deutschland zufallenden Zentrum abtrennbar seien und daß etwa 60 Prozent Oderschlesiens deutsch werde.
Der Pariser Äwrespondent des „Manchester lsiuar- dian" hält die Frage Oberschlefiens als im englischen Sinne erledigt tmd glaubt, daß die Experten das Problem lösen, indem sie Rybnik Deutschland zuweiserr und dafür die ®egeni> südlich von Beuthen Polen, sodaß die Gesamtlinie mehr nordsvdlich zieht. Der Korrespondent sagt, daß niemals in den vielen Konferenzen die französische Delegation so voll- kommen unter der Gefahr des Bruches der Entente von ihrem Standort herabgeklettert fei rote DrianÄ am Dienstag nachmittag. Er betrachtet Briands Stellung als erschüttert und das Problem Oberschlesien als ge* löst, wenn nicht in letzter Stunde Briand gezwungen werde, unnufalfen.
Das „Journal" macht sich zum Aerbreiter einer gestern vom „Intransigeant" wtedsrgegebenen Version, daß die Verkündigung des Beschlusses des ObersterrRates in ixet obrrschkesischen grage erst später nach Vorsichtsmaßnahmen im Abstim- nmngsgebtet, erfolgen werde. Am Quai d'Orsay habe man sich am Mittwoch zugefiüstert, daß die end-
Freundlich lächelnd, streckte sie ihm ihre Hand entgegen, während die andere Dame, in der Joseph Lores Mama vermutete, langsam weiter schritt.
„Wie nett, daß ich Sie treffe, Joseph!" rief sie er= freut. „Durch Lore hörte ich bereits, datz Sie hier seien."
„Dimh Lore? Wie wußte Fräulein Lore davon?"
„Sie hatte ja neulich auf der Straße eine Begegnung mit Ihnen, nicht? — Sie muffen sich bas nicht fo zu Herzen nehmen, daß Sie Lore da nicht kennen wollte." sprach sie. mitleidig ihre Hand aus seinen Arm legend, als sie die Wirkung ihrer Worte sah.
Joseph schwieg still, aber Marianne sah daß seine Hand, die in der ihren lag, bebte. Zwischen feinen Stauen vertiefte sich wieder die charakteristische Falte, die seinem Aussehen etwas Dusteres gab, und über feine Stirn zog sich wie ein Striemenhieb eine dicke Ader. Seine Haltung wurde plötzlich ftraffer; er sah Marianne an. ,
„Stellen Sie sich nicht hierher zu mir Fräulein Mariane," sprach er bitter, „Ihre Stellung möchte Schaden leiden. Was würde dazu Ihre Fräulln Kusine sagen?"
„Nicht so, Joseph," antwortete Marianne sanft. Lore ist halt nun mal etwas äußerlich; sie hat ja sonst ein gutes Herz. Sind Sie noch länger hier?"
„Ich denke — ja."
„Sann möchte ich Sie doch bald einmal wiederseh'n und länger sprechen. Ich möchte ja fo gerne wissen, wie das alles kam. Gs dünkt mich fast ein Traum, wenn ich Sie so vor mir sehe. Vor wenigen Monaten noch ein Bauer, ungelenk, unbeholfen, ohne alle Umgangsformen, dem städtischen Leben völlig fremd, und heute? — Nur Ihre Züge sind noch ganz dieselben, sonst findet sich an Ihnen nichts — wirklich nichts, was an den einstigen Dorfschuster erinnert. Was wird zu dieser Ser. änberung wohl Ihre Mutter sagen, wenn sie Sie wieder- sieht?"
„Das wird ihr wenig Freud' bereiten. Sie säh mich lieber auf dem Schufterstuhl."
„Sie aber streben weiter, nicht wahr? Das eintönige Dorfleben konnte Ihren regen Geist nicht befriedigen — ich begreife dar." ♦
gültige Entscheidung in einer neuen Sitzung des Obersten Rates, die in Paris, London ober Boulogne stattfinde und die von sehr kurzer Dauer fein werde, mit« geteilt werde.
Keine Einigung der Sachverständigen.
Seit Mittwoch abend hat die Lage eine neue Verschärfung erfahren. Die Beratungen der Sachverstänbigen waren aufs neue auf außerordentliche Schwierigkeiten gestoßen, die die französische Presse vergeblich zu vertuschen versuchte. „L'Oeuore" teilte darüber mit, daß der englische Sachverständige Sir Cecil Hurst sich der vom Obersten Rat gutgeheihenen Teilung des Industriegebietes aufs energischste widersetze. Gestützt auf das Prinzip, daß auch die ländlichen Gebiete mit polnischer Mehrheit den Städtezentren anzugliedern seren, habe er mir die Angliederung eines schmalen Streifens im Süden des Industriegebietes cm die unzweifelhaft polnischen Distrikte Pleß und Rybnik zugestehen wollen, sodaß in Wirklichkeit nichts anderes herauskommen würde als eine kaum verbesserte Neuauflage der Percival-Linie. Dieser Widerstand des englischen Sachverständigen habe die Lösung, der man sich schon nahe geglaubt habe, aufs neue verzögert.
Inzwischen haben die Sachverständigen gestern Morgen die Verhandlungen nochmals ausgenommen und sie haben einen Bericht an den Obersten Rat ab- gefaßt, der, wie der „Temps" mittellt, sich darauf beschrankt, das Jndustriedreieck mit den Städten Königs- Hütte, Gleiwrtz, Beuthen tmd Kattowitz in nicht weniger als sechzehn angeblich geschloffene und von- einanber unabhängige Zonen zu zerlegen, die teils den Polen, teils den Deutschen zugeteilt werden könnten. Der Oberste Rat vermöge mit diesem Gutachten nichts anzufangen, denn die aus einem verhält- nismäßig kleinem ®e6iet herausgeschnittenen sechzehn Streifen auf die beiden Lander zu verteilen, ohne die natürlichen Verbindungslinien und Zusammenhänge zu zerschneiden, war eine völlig unlösbare Aufgabe. In der Erkenntnis, daß man auf diesem Wege abermals auf einen toten Punkt kommen müsse, sieß man darum gestern morgen die Sitzung des Obersten Rates anstatt e n, und die Pause benutzten Lloyd George und Briand, um zusammen mit ihren intimen Ratgebern, auf französischer Seite Laucheur, auf englischer Seite Lord Curzon, in einer Aussprache in engerem Kreise eine neue Basis für eine Verständigung zu suchen. Aber auch dieser Versuch Hot bisher zu keinem Ergebnis geführt. Die Besprechungen, ine über zweieinhalb Stunden dauerten und erst abgebwchen wurden, als es Zeit war zur Abfahrt nach Rombaillel, wo der Präsident der Republik die Mitglieder des Obersten Rates zmn Frühstück erwartete, scheinen teilweise außerordentlich heftigen Charakter angenommen $u haben; die Abendblätter berichten, daß die Stimmen Lloyd Georges und Briands zuweilen in den Gangen des Hotels Grillon, wo die Aussprache stattfand, zu vernehmen gewesen fein. Lloyd George und Briand erklärten beide, daß sie a n d e r ä u ß e rsten Grenze des Entgegenkommens an- gelangt feien; neue Zugeständnisse würden von beiden Seiten aus das entschiedenste abgelehnt. So zog sich die Unterredung bis gegen 11 Uhr hin, ohne daß der geringste Fortschritt erzielt worden wäre. Ms die Situation so kritisch geworden war, daß ein Bruch unvermeidlich schien, zogen sich Loucheur und Lord Curzon in ein Nebenzimmer zurück, um dort noch einen letzten Versuch zu machen, die boiderseittgen Stand- punkte einander naher zu bringen, aber auch dieser Versuch blieb erfolglos. Man fuhr nach Ramboillet, ohne sich verständigt zu haben, und die Stimmung daselbst scheint sehr gedrückt gewesen zu sein.
Die Abendblätter bezeichn«! die Lage als sehr ernst undgespannt. Me Sitzung des Obersten Rates, die für gestern nachmittag 5 Uhr angesetzt war, ist gegen mittag abgesagt worden.
.cheimat ist Heimat — sie ist dem Herzen unersetzlich! Vielleicht mär’ es bester gewesen, ich hätt' der Mutter Rat gehört. Sie sah mich ungern in die Fremde zieh'n."
„Sie haben Heimweh? Ich merk' es wohl; es zieht Ihr Herz zur Heimat."
„Der Dörfler hängt an feiner Scholle fest. Und böte ihm die Fremde alles, es zieht ihn immer wieder an ben Ort. wo seine Wiege stand."
„Warum nur gingen Sie von dort? Was trieb Sie in die Fremde?"
Sinnend blickte Joseph eine Zeitlang vor sich hin, als überlege er, was er Marianne antworten sollte. Äks Marianne immer noch schwieg, sprach er ernst:
„Haben Sie von Irrlichtern noch nichts gehört, Fräulein Marianne, die trügerisch den Menschen auf ferne, ferne Pfade locken und, plötzlich bann erlöschend, den Arglosen, der sich täuschen ließ, in Nacht und Graus seinem Schicksal überlasten. Ich folgte eines Irrlichts trügerischem Licht."
Betroffen schaute Marianne einen Augenblick den Sprechenden an. dann verstand sie auf einmal feine Worte. Tiefes Mitleid spiegelte sich in ihren Zügen, als sie tröstend zu ihm sprach:
„Ich habe während unteres Landaufenthaltes wohl gemerkt, daß zwilchen Ihnen und Lore etwas vorging. Aber seien Sie doch vernünftig, Joseph, Sie konnten doch im Ernste nicht daran glauben, daß aus dieser Spielerei je etwas werden könnte. Niemals würde meine stolze Tante ihre Tinwilligung zur Verbindung ihrer Tochter mit Ihnen gegeben haben, selbst wenn Sie sehr reich wären und große Güter Ihr eigen nennen könnten. Merkten Sie dies denn nicht, daß Lore nur mit Ihnen spielte; daß sie nur scherzte, um eine kurzweilige Unterhaltung zu haben?"
„Ich weiß es fest einer Stunde "
„So ist die Kunde, daß sie sich demnächst verlobt, so- gar schon bis y Ihnen gedrungen?"
Joseph war noch einen Schatten bleicher geworden.
„Derlobt?"
„So wußten Sie es doch nicht?"
ffiWfctnug; Mr"'
Aeußerungen des Reichskanzlers.
Georges Blum, der Berichterstatter des „Journal", veröffnentiicht ein mit kritischen Bemerkungen durchsetztes Interview mit dem Reichskanzler Dr. Wu1h über die oberschlrsische Frage und die Sanktionen im Rheinland. Reichskanzler Dr. Wich gab zu, daß dm polttische Lage in Deutschland vottkonrmen beherrscht werde durch die Erwartung der Beschlüsse ies Obersten Rates über die beiden für Deutschland wichtigsten Fragen: das Schicksal von Oberschle'iert und dm Aus- rechterhalümg oder Aushebung der Sanktionen im Rheinland. Diese beiden Fragen seien in gewisser Beziehung der Maßstab für die politisch: Auffassung geworden. Für viele Deutsche hänge hi >rvon der Glauben an die Möglichkeit ab, in Europa wieder eine gesunde Lage zu schassen. Er glaube an die Zukunft der Demokratie. Das Ideal, das die Beziehungen der Völker untereinander regeln müsse, werde erschüttert werden durch die Annahme, daß das Vertrauen des deutschen Volkes in das Stedjt und die Gerechtigkeit endgültig getäuscht werden könne. Er könne versichern, daß die ung.heure Mehrheit tes deutschen Volkes vollkommen seine Politik billige. Die deutsche Demokratie habe den Willen, lterch ihre friedliche Arbeit • • dem Wiederaufbau Eurvvas und an der Ausfi'. des Friedensvertrages zu arbeiten. Sie fei von ft-.Hilgen Wunsche der Bersvhmmg und der Eintracht ,.n - v den Völkern beseelt. Ed« enttäuschende EnlschftdWg des Obersten Rates könne auf die politische Lage Deutschlands und selbst auf dir Europas eine vernichtende Rückwirkung avsüben.
Reichskanzler Dr. Wirth wiederholte sodann ite« von ihm in Bremen ausgesprochene Verlangen und erklärte, die Bevölkerung von Oberschlesien habe sich mit einer großen Mehrheit für Deutschland ausgesprochen. Selbst der erkünsteltste Teilungsplan könne der wirtschaftlichen Notwendigketten Oberschlesiens nicht gerecht werden und wäre auch mit dem klar ausgesprochenen Willen des oberschlesischen Volkes nicht vereinbar. Eine provisorische Lösung könne nicht befriedigen.
Zur Lage.
Das in Warschau erscheinende Organ der Vereinigung der Freunde Polens veröffentlicht ein Interview mit dem polnischen Außenminister, das sich mtt derr polnischen Hoffnungen in bezug auf Oberschlesien befaßt. Der Minister betonte, daß Polens Außenpolitik sich auf den Vertrag von Versailles und das Äündnis mit Frankreich stütze. Er bestritt entschieden die ihm untergeschobene Absicht, eine andere Außenpolitik zu treiben wie seine Vorgänger. Weiter erklärte der Minister sich als entschiedener Gegner einer provisorischen Lösung der oberschlesischen Frage. Die Gerüchte über polnische Vorbereitungen an der Grenze nannte der Minister böswillige Verleumdungen.
Leider stimmen die schönen ftiedserttgen Worte des polnischen Ministers mit den Tatsachen keineswegs überein. Me aus Oppeln gemeldet wird, besichtigte General Haller dieser Tage die Insurgenten- Truppen. Er hielt eine Ansprache an die Truppen, in der er sie ermahnte, sich zum entscheidenden Kampf bereit zu halten. Diesmal würde di« ganze polnische Armee hinter den Insurgenten stehen, damit der einmal eroberte Boden nicht wieder aufge. geben zu werden brauche.
Die ßrage der deutschen tuftschiffahn.
Der Oberste Rat ist am Mittwoch nachmittag erneut zusammengetreten, um die aeronautische Abr-üstungsklausel des Vertrages von Versailles zu prüfen. Als militärische Sachverständige wohnten der Sitzung bei Marschall Fach, General Wehgand, der italienische General Marietti, der englische General Sachvill-West sowie der japanische General Watanabe. Tie Frage der Aufrechterhaltung der Kontrolle über die deutsche Luftschiffahrt ist an das interalliierte Militär» komitee in Versailles, dessen Vorsitz Marschall Fock führt, zurückverwiesen worden.
vle Konferenz der Biranzrninlfter.
Havas meldet: Die Finanzkonferenz befaßt sich zur Zeit mit der Priifmy der Bezahlung der Be» satznngskosten der Truppen am Rhein durch Deutschland. Die Frage war bisher nicht geregelt worden, well Deutschland bisher verschiedene ©odü* Thingen für diesen Zweck aufgebracht hock, deren Wert noch festzustellen ist, vor allem des Wertes der von Deutschland auf dem Seewege gelieferten Kohlen.
Kirch die Tschechen haben wünsche.
Der deutsche Ausschuß für Leobschütz hat an den Obersten Rat einen Mahnruf gerichtetz in dem daraus hingewiesen wird, daß sich der Kreis Leobschütz bei der Abstimmung mit 99,63 Prozent der Stimmen für Deutschland erklärt habe. Die Bevölkerung erwartet deshalb, daß der Kreis ungeteilt bei Sentfdjlanb verbleibt und protestiert auf das entschtedenste, daß auch nur cineOrtschaft tschechische u Wünschen geopfert »ixb, wie in den jüngsten Tagen tm Prager Parlament ausgesprochen wurde.
Italienische wünsche
3ur Ermöglichung größerer deutscher Zaytt-vg-n beantragt 3ta I i e n auf der Pariser Konferenz bb Besetzung Aöglichft einzuschränken, so» daß die Iayr-oausgabe dafür, einschließlich der Kost« für die ReparationskonMission, 240 MMoncn EoL>- marf nicht ödersteig? Außerdem üeansvrncht Italien non den Deismen 13* MAiorden (BoLtwmrf, außer den vertragliche «rn ^roj-wt, m»ch eine besondere Dittliardensumme in Schcknen der dritten Kategorie als Entschädigung für den Ausfall der Ssterreichffchen LMwoev