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Fuldaer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Skadk Fulda.

Sie MW Ma Kales.

Ein rcompromitz.

Rach Lloyd Georges Vorschlag sind die Erttente- fachverständigen mit den drei Mitgliedern der Inter­alliierten Kommisiion sofort zusammengetreten, um eine Lösung des oberschlesischen Problems zu finden. Sie berieten den ganzen Dienstag nachmittag und traten Mittwoch früh nochmals zusammen. Wie aus den sich Widersprechenden Berichten ein offizieller Bericht ist bisher weder vom Obersten Rat noch von den Sach- verständ'gensitznngen ausgegeben worden hervor' geht, scheinen sich die Sachverständigen beträchtlich näher gekommen zu sein, immer aber stehen sich noch zwei heterogene 2luffasiungen gegenüber. Es handett sich bei diesem Streit nur noch um dos eigentliche Sn« dustr'egebiet, das Schicksal der übrigen Teile Ober« fchlesiens ist demnach scheinbar schon so gut wie ent« schieden.

Wie dieFranks. Zig." meldet, wird der Oberste Rat nicht auseinandergehen, ohne die oderschlesische Frage geregelt zu haben. Der Weg M einer Ver­ständigung ist gefunden. Welcher Art sie fein wird, diese Frage wird erst der Verlauf der gest­rigen Sitzung beantworten. Sie Grundlage der JBer= stöndiaung ist die, daß man auf englischer Seite das Prinzip der Unteilbarkeit des Indu­striegebietes aufgegeben hat, während Frankreich den englischen Standpunkt angenom­men hat, daß die städtischen Industriezen­tren des Zentralreviers, die sich in ihrer Mehrheit für Deutschland ausgesprochen haben, dem Deut­schen Reiche zugesprochen werden müßten und daß, um steme Enklaven entstehen zu laßen, ein Teil des sie umgebenden Gebietes trotz der polnischen Mehr» heit diesem Industriegebiet ungegliedert werden Aiüsse. Die Einzelheiten dieser Regelung wuszuarbeiten N den Sachverständigen über [allen worden. Der Be­schluß des Obersten Rates, der ihre Aufgabe umgrenzt, hat folgenden Wortlaut:

3n Anbetracht der Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, daß in dem Zentrum des Abstimmungsgebietes, unter dem Namen Lndustrierevier bekannt ist, städ- Wd)f Gemeinden mit stärkeren deutschen Mehrheiten und ländliche Gemeinden mit polnischen Mehrheiten dicht bei­einander liegen, in Anbetracht ferner der Notwendigk'it, tiefe Situation nach Möglichkeit in Einklang zu bringen mit den Bestimmungen des Friedensvertrages, wird die durch die drei Plebi szitkvmmissare verstärkte Kommission der Sachverständigen gebeten, die Frage nochmals zu prüfen und einen Bericht auszuar- beitcn, der erkennen läßt, welche Gemeinden aus topo­graphischen und wirtschaftlichen Gründen von den oben­erwähnten großen städtischen Industriezentren nicht ab­getrennt werden können. Der Bericht soll ferner an­geben, welche Eisenbahnlinien für die wirt­schaftliche Eristenz und für das Gedeihen dieser Gegend notwendig sind."

Tie .Franks. Zeitung' meint, daß bei diesem Kompromiß eine wesentliche zugunsten Deutsch­lands verbesserte Ssorz«-Linie herauS- kommt, die zum mindesten die städtischen Industrie» bezirke, soweit sie sich in ihrer Mehrheit für Deutschland ausgesprochen haben, samt ihrem näheren Umkreis und den erforderlichen Verbindungswegen bei Deutschland beläßt.

DerPeilt Parisien" sagt. Zum ersten Male habe man einen Weg eingeschlagen, der rasch zu einem Ab­kommen führen könne. Das Dogma, das von britischer Sette verteidigt worden sei, Hobe darin bestanden, daß das oberschlesische Industriegebiet unteilbar fei. Dieses Dogma habe Lloyd George in seiner Rede, deren Inhalt vielleicht glücklicher gewesen sei als ihre Form, aufgegeben. Da man von diesem fünft- sichen Hindernis befreit sei, hatten die Sachverständigen sofort auf ihrem Weg voranfchrÄten können.

Der Sänfebub.

fränkischer Dorfromcm von Dina Ernstberger.

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Hoch aufgerichtet stand Joseph vor ihr. Aus dem blassen Gesichte schauten sie finster, fast drohend, zwei dunkle Augen an, als wollten sie auf dem Grunde ihrer Seele die Wahrheit lesen. Sein forschender Blick brachte sie saft außer Fassung.

»Ich sehe Sie hier beute zum ersten Male," ant­wortete sie etwas unsicher.

Da atmete Joseph auf. Der finstere Ausdruck schwand. Fast weich klang gleich darauf der Ian seiner Stimme, als er sprach:

»2ch wußte es. Verleugnet, zurückgestohen hatten Die mich nicht, Fräulein Lore," fuhr er in noch weiche, rem Tone fort.Sie ließen einst den tölpelhaften Bau­ernjungen glauben, daß Sie ihn liebten. Um dieser Liebe willen verließ er Elternhaus und Heimat und suchte unter Fremden den Bauernjungen abzustreifen und sich die Bildung besierer Stände anzueignen. Ein­setzend seine ganzx Manneskraft, suchte er im wilden Lebenskämpfe sich_ einen Platz zu erringen, der Ihrer, Fräulein Lore, würdig ist.Werde erst reich und groß, die Lore wird sich schon linden lassen!" Die Worte, die Sie damals sprachen, sind sein Verhängnis geworden; sie führten ihn Zum Glück vielleicht auch zum Ver­derben."

Bis hierher hatte Lore ruhig zugehört. Keine Spur von Erregung zeigte sich in ihren Zügen, nur der Saum Ihres Kleides war in steter Bewegung, denn die Spitze ihres zierlichen Fußes trat beständig das weiche dichte Gewebe des Teppichs auf dem sie stand.

Ich erinnere mich dieser Worte nicht! Und hätte ich sie auch gesprochen, Sie legten einen falschen Sinn dann wohl hinein."

In ihrem Antsitz war jetzt wieder derselbe unnah­bare Stolz zu lesen, der ihn bei seinem Eintritt er. schreckte. i

»Ich habe Sie ganz recht verstanden, Fräulein Lore; "Hn mehr noch, als bjet» Worte tagte mt- beim Abschied

Ur. 183.

LerantworUich für den redcwionellenTeil L 83.: A. Wehl er. - für dir Anzeigen: Z. Parzen er-FuIda. - Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. -rerniprecher Nr. 9. Teleqr.-Adresle: Fuldaer Zeitung

Donnerstag, August 1921.

Bezugspreis: Monatlich 3,5a Mk. ohne Bestellgeld. Post» - bezug 4,10 Mk. Abgeholt 3,75 ZUL -

Anzeigen: E oionelzeile 70 Psg.; für mehrspaltige Anzeigen Zuschläge. Reklomezeil» (Tepdrette» 253 ziif.

48. Zcchrg.

GLerschlefien wartet

In Oberschlesien erwartet alles in fieberhaf­ter Spannung die Entscheidung des Obersten Ra­tes. Die Stimmung der deutschen Bevölkerung ist auf das höchste erregt, aber dabei durchaus passiv. Die Stimmungen auf der Maischen Sette gehen ausein­ander. Charakteristisch für die Haltung der arbeitet- schäft in dem überwiegend polnischen Teil der Gruben­bezirke sind einige neue Betriebsratswahlen m politischen Hochburgen, wie in der Ferdinandgrube des Kattowitz und in dm staatlichen GrrLen bei Krmrz. Diese Betriebsratswahlen hattm überraschenden Erfolg für die deutsche freigewerkschaftliche Liste, die bei dm letzten Wahlen in den beiden Bezirken feinen nennens­werten Anhang gefunden hatte.

Zu erwähnen ist auch die Tatsache, daß alle Auf- fordetungm zum Generalstreif m den letzten Tagen, besonders in dem südlichen JnÄustriebezirk und in dm Kreisen Pleß and Rybn'ck, die von polnischer Sette erneut vorbereitet wurden, durchaus er­folglos geblieben sind. Die Stimmung In der polnifchgesimtten Arbeiterschaft ist ebenfalls pasiiv. Die polnische Presse bemüht sich allerdings, die Stimmung unter ihren Lesern aufzuputschm, indem sie die Ber- handlungen des Obersten Rates außerordentl'ch pessi­mistisch und ironisch behandelt und das Ergebnis von vornherein als eine DeryewaWgung des polnischen Volfsteiles bezeigtet.

Bezeichnend für die Stimmung eines großen Teiles der oberfchlefischen Polen ist auch die T a t s a ch e, daß ein großer Teil der polnischen Bevölkert rn-g des KrÄses Tarnowitz einen Protest gegen die Zutei­lung ihres Kreises an Polen an den Obersten Rat gerWet hat, der durch Gmeral Hermecker, bezw. besten Wsuianim weitergeleitet wurde.

Die fyskenuttischen Pukschvorbereikungen in Dolen, gehen deswegen aber writer. In zahlreichen Polen- versammlungen, die in den letzten Tagen in dem Grenzgebiet stattfanden, würbe daraus aufmerksam ge- macht, daß die militärischen Stellen in Sosnowice ein bestmimÄrs, sechsmal sich wiederholendes Lichtsignal als das Zeichen >der einsetzenden Aktion geben wür­den, das von Bog-utfchütz mkfgefangen und von dessen Kirchturm dann roeitergeleitet werden soll. Bei Rosen- berg kam es sogar zu einem Gesecht zwischen Engländern und Polen. Starke polnische Banden waren dort über dir Grrrrze gedrungen. Deutsche Apo-Deamte und Engländer stellten sich den Polm entgegen und trieben sie nach einem größeren Gefecht über die Grenze zurück. Wie verlcmtet, haben r»e Engländer Verluste Arhabt. Die Oppelner Apo-Demnlen blieben in höchster Alarmbereitschaft.

In Polen selbst wird, wie aus Sosnowice berrch- fet wird, mit Hochdruck Propaganda für einen Krieg mit Deutschland getrieben. In Anschlägen und öffent­lichen Aufrufen wird darauf hingewiesen, daß augen­blicklich die Pariser Entscheidung über Oberschlesim vorbereitet wird, die zu Gunsten Polens ausfallen müsse. Sollte dies nicht der Fall fein, so müsse Gewalt angewender werden, um das zu nehmen, worauf Polen einen rechtlichen Anspruch habe. Den Schluß der Aufrufe bildet die Aufforderung gier Eroberung und Befreiung Oberschlesiens oom preußischen Joche.

Dritter Sitzungrlag.

Die Orleakfrage.

Paris, 10. Äug. Der Oberste Rat beschloß in seiner heutigen kurzen Sitzung, die Diskussion der oberschlest. scheu Frage zunächst auszusetzen. Briand teilte mit, daß die Sachverständigen spätestens bis heute abend ihre Arbeiten beendet haben würden. Der Oberste Rat nahm sodann die Beratung der Orientfrage auf. Die noch keineswegs abgeschlosiene Entwicklung der Dinge im nahen Orient und die Ungewißheit über den Ausgang der enbgfiltlaen Entscheidung in dem Ringen zwischen Türken und Griechen, das sich nach Ansicht der

Ihr Blick. Warum nur wollen Sie es nicht eingestehen? Sie nannten mir den Kampfpreis Ihrer Liebe; ich fühl' in mir die Kraft und gärt* es auch, berghohe Hindernifse zu überwinden, diefelde zu erringen."

Joseph war näher an Lore herangetreten; in inniger Liebe sahen sie feine treuen Augen an. als er bittend sprach:

Quälen Sie mich nicht länger, Fräulein Lore. Nur das Versprechen macht' ich, daß ich Sie dann, wenn ich den Preis erkämpft, auch frei noch finde. Ich schwör's. Sie sollen gar nicht lange warten müssen."

Ein hartes, hohnvolles Lachen ließ ihn erschreckt zu- sammenzucken. 1

Genug! Schon viel zu lange hab' ich Ihren Unsinn angehört" Wie abwehrend streckte sich ihre Hand ihm entgegen, während sie noch einige Schritte weiter 'n das Zimmer zurücktrat.

Mit weit geöffneten Augen starrte Joseph die schlanke, weiße Gestalt an, die noch immer befehlend die Hand gegen ihn streckte, als wollte sie ihm die Türe weifen. Jede Farbe war aus feinem Antlitz gewichen. Er fank momentan in sich zusammen. Schwer fiel feine Hand, als suchte sie eine Stütze, auf den kleinen, zierlichen Tisch, so daß die kostbaren Nippsachen, die denselben zierten, klirrend aneinander schlugen. Sekundenlang war es lautlos still zwischen den beiden. Joseph starrte noch immer Lore an, als hätte er falsch gehört.

Sie ließ zuletzt die Hand sinken; säst wollte es ihr leid um Joseph werden, als sie die Wirkung ihrer Worte sah.

Ich bedauere es, wenn ich Ihnen Weh bereiten muß, aber ich kann Sie dach nicht in dem Wahn lassen," sprach sie In milderem Tone.Wie kamen Sie auch nur dazu, sich solches einzubilden; das grenzt an Größenwahn. Kehren Sie wieder zurück in Ihre ländlichen Verhältnisse und beglücken Sie mit diesem Liebessehnen Ihresglei- chen. dort haben Sie mehr Glück wie hier. Was eine dralle Bauernmagd beglückt, gilt mir als Schmach Es treibt die Schamröte mir ins Gesicht, wenn ich an Ihren Antrag denke. Wüßte ich nicht, daß Unerfahrenheit und ländliche Dummheit Sie zu diesem Schritt verleitet, ich würde, ohne noch ein Wort zu sprechen, befehlend Ihne»

Militärfachverständigen noch Monate hinagsziehen kann, lassen die sehr erheblichen französischen und englischen Meinungsverschiedenheiten einstweilen in ber Schwebe.

Die Diskussion einiger prinzipieller Gesichtspunkte brachte Lloyd George einen unbestrittenen diplo­matischen Erfolg. Bei dem ersten Punkte der Aussprache, die die gegenseitige Verpflichtung zu strik- ter Neutralität zum Ziele hatte, handelt es sich bar um. daß Frankreich den Engländern vorwirst, sie hätten die Griechen sowohl finanziell als durch Liefe­rungen von Waffen, Munition und sonstigem friegeri. fchen Gerät unterstützt. Es wurde zu dieser Frage fol­gende Entschließung angenommen:

Die verbündeten Regierungen sind entschloßen, im griechisch-türkischen Krieg strikte Neutralität zu wahren. Sie haben beschloßen, sich in keiner Weife in den Kon­flikt cinzumischen, weder durch direkte Hilfeleistung, noch durch die Entsendung von Truppen. Waffenlieferungen usw. Die Freiheit des privaten Handels wird durch diese Bestimmung nicht berührt."

Don einigen Seiten war der Gedanke aufgeworfen worden, den türkifch.griechllchen Feindseligkeiten durch eine Vermittlung ein Ende zu machen. Durch Be- schluß wurde festgelegt, daß die Alliierten die Stunde noch nicht für gekommen halten, wo ein solcher Schritt Aussicht auf Erfolg haben könnte.

6nMidj wurde die Frage des Freiheit der Meer­enge und Konstantinopels beraten. Auch hier wußte Lloyd George den englischen Standpunkt zur Geltung zu bringen. Die Franzosen, die einen Angriff der Griechen auf Konstantinopel und die Meerenge befürchteten, wollten dem durch die Besetzung durch die Alliierten zuvorkommen. Llvyd George lehnte dies jedoch ab mit der Begründung, daß die Besetzung ber Meerenge starke mMtärische und maritime Kräfte erfordere und daß die englischen Steuer­zahler nicht geneigt seien, im gegenwärtigen Augenblick die Kosten einer netten Expedition zu bewilligen. Die Frage wurde an die Ml'.tärsachoerstänÄgen zurückvenoiesen.

Die Ausgabe der Sachverständigen.

Paris. 10. Aug. Die Sachverständigen, an deren Verhandlungen außer den drei Plebiszitkommiffaren nach einer Meldung desIrttnmsigoant" auch der fran­zösische Wiederausbaum-mster Laucheur teilnehmen soll, haben heute früh ihre Beratungen fortgesetzt. Die Aufgabe der Sachverständigen ist diesmal wesentlich enger gezogen als früher. Sie haben neue, ergänzende Instruktionen erhalten, in denen ihnen drei präzise Fragen zur Beantwortung gestellt sirtt):

1. Welches sind dleGemeinden ländlichen oder kleinstädtischen Charakters, die mit den einzelnen In­dustriezentren Zusammenhängen?

2. Welche Verbindung haben düse Zentren unter sich und welche mit den nördlich und südlich des Industrierevreres gelegenen Gebieten?

3. Welche Eisenbahnlinien sind notwendig zur Erhaltung der wirtschaftlichen Prvfperttät der In­dustriezentren?

Es ist keineswegs die Aufgabe Ser Sachverständigen, einen Vorschlag für die Festlegung der Grenze auszu­arbeiten. Alle polnischen Momente sind dadurch für die Sachverständigen ansgeschaltet. S'« Haden sich lediglich gutachtlich über die Zusammensetzung des In­dustriegebietes und die Zusammengehörigkeit seiner ein­zelnen Teile zu äußern. Die Entscheidung darüber, ob es möglich sein wird, b'efc einzelnen Bestandteile von einander zu trennen, bleibt dem Obersten Rat Vorbe­halten.

Wiederum Leine Einigung.

Paris, 10. Aug. Die Sachverständigen, die mich heute nachmittag ihre Arbeit fortsetzien, vermochten ihre Beratungen nicht zu Ende zu führen, wie dies Briand für heute abend angekündigt hatte. Da der Oberste Rat trotzdem morgen die Verhandlungen über Oberschlesien wieder aufnehmen wird, liegt die Ser« mutrnig nahe, daß es dm Sachverständigen wieder- um nicht gelungen ist, zu ein er Einigung zu kommen.

die Türe zeigen. Ich hoffe mich, daß Sic nie, nie mehr meine Wege kreuzen: ich müßte mir sonst mit energi­scheren Mitteln die Ruhe verschaffen."

In unveränderter Stellung hatte Iosepb Lore zu­gehört. Jetzt reckte sich auf einmal seine Gestalt; die Fäuste ballten sich, er biß die Zähne übereinander.

Sie haben recht! Ländliche Unerfahrmhett und Dummheit haben mich zu diesem Schritt verleitet," sprach er jetzt langsam. Er erschrak selbst über den fremden hohlen Klang seiner Stimme.Mir hat die Stadt heut viel gelernt; gar weise Lehr' erteilt. Ms Lehrgeld gab ich meinen Glauben an Treue, Ehrsichkeit und Wahrheit hin. Halten Sie denn den dummen Bauernjungen für fo wenig stolz, daß Sie sich gegen eine neue Annähe­rung durch Drohungen schützen zu müßen glauben? Was noch vor wenigen Minuten mir so begehrenswert erschim. erscheint mir jetzt verächtlich. Ländliche Dumm, heit schätzt die Ehre höher als den Stand und Reichtum und Ehrenhaftigkeit kennt ein Betragen wie das Ihrige nicht."

Lore wollte ausiahren. Er fuhr aber unbeirrt weiter, ohne sie zu Worte kommen zu laßen.

Wer hieß Sie denn, den Lebensweg des unerfahre. ne« Bauernjungen kreuzen? Rief ich Sie denn? Ohne mein Wollen und mein Tun drangen Sie in mein Le­ben und haben alle Fäden dort verwirrt. Der arme Bauernschuster mußte es sich zur Ehre schätzen, daß man ihn würdig hielt, mit seinen heiligstm Empsindungen ein unterhaltend, spottend Spiel zu treiben."

Welch unerhörte Frechheit! Doch ich verdiente das. Mich trifft nun Strafe, weil ich meinen Wert vergaß. Verdiente das fo böfen Lohn, daß ich die tiefe Kluft, die zwilchen uns herrscht, im kindlichen Uebermut leicht­sinnig übersprang und sie empor in . . ."

Das war ein luftiger Sprung, den Sie gewagt, nicht wahr? Mir hat er da» Genick gebrochen."

,chätt' Ick die heutige Stunde geahnt er wäre nie gefcheh'n. Das mußt' ich nicht, bei Goitk Doch dacht

| ich nicht, daß diefer harmlofe Verkehr fo abenteuerliche | Pläne zeitigen kann. Ich batte längst die MM-e Sache 1 schon ncraeßen."

Die Rons.renz der Knanzmimster.

Am Dienstag trat in Paris eine Konferenz der alliierten Fimmzimnister zusammen, die sich mit der Verteilung der deutschen Zahlungen, mit den Vorzugsforderungen einiger Staa-, ten und mit der ArwAhnung d:r Besatzungs- l'o ft en befassen soll. Auch hier stellt Frankreich plötz- l ich neue Forderungen aus, es will z. B die Besatzungs« kosten nicht aus die Reparationszahlungen anrechnen, ein Standpunkt, den man in England durchaus nicht teilt. So wird die Finanzkonferenz unter Umständen die Schwierigketten des Obersten Rates noch ver­größern.

Günstige Aufnahme der deutschen Steuerplane in England.

Wie die Telegraphen-Union aus London melden zu können glaubt, habcn die SieUerentwüife der deutschen Regierung in englischen offhtellen Kreisen günstigen Eindruck gemacht. Man stelle miv Genugtuung fest, daß die deutsche Regierung energische Versuche zu machen scheine, ihren Verpflichtungen nachzukommen.__________

Sozial sierrrng und Lirberterwohlsahrr.

Einen gehörigen Guß kalten Wassers in den Wein jener Soziaiisierungsschwärmer, die der Arbeiterschaft von einer Sozialisierung gleich goldene Berge verspre­chen, gießt in den in einem besonderen Band erschiene­nen Vorschlägen führenden Sozialisten zur Erneuerung des Programms der Sozialdemokratie der derzeitige Reichswirtfchaftsmin'ster, der Mehrheitssozialdsmokrat Rod. Schmidt.

Die meisten Genoßen haben", so bemerkt er,wohl in ber Vorstellung die gesteigerte Wohlfahrt in ihren Zirtunftshosfnunpen eingestellt, aber nicht die Vor­aussetzung der wachsenden Ertragsfähigkeit der Arbeit. Deshalb fehlt auch nicht die Cnttäujchrmg m den bisher fozttrlisiertcn Betrieben. Bei richtiger Wür- diMng der Darstellung im Programm kann es feinem Zweifel unterliegen, daß die Voraussetzung für die ge­steigerte Wohlfahrt die wachsende Ertraosfäh'gfeit der Arbeit erst nach geraumer Entwicklung in der sozialistischen Gesellschaftsordnung eintreten kann. Die Sozialisierung des einzelnen Betriebes ändert wenig cm dem Allgemein- zustcmd. Deshalb macht man sich auch von einer unmittel­baren Ueberfühnmg der kapitalistischen Produktion, für uni durch die Gesellschaft betrieben, eine durchaus irrige Borstellung über die ökonomische Wirkung auf dos gesell- schriftliche Wohlergehen; Mnal wenn die Ertragssähigkeck der Arbeit, wie gegenwärtig, sinkt . . . ."

Nach dieser Richtung dürfte eine Besserung einge­treten sein. Grundsätzlich hat aber Schmidt nur j» sehr recht, rote ihm ein erfahrener Getverkfchaftler: A. E l l i n g e r, in der parteioffiziellen Wochenschrift Die Neue Zeit" (15. Juli 1921) in einem Aufsatz Neue Aufgaben der Gewerkschaften" bestätigt, rnbew er schreibt:

Die Besserung der Lebenshaltung der Arbeiterschaft, die die Gewerkschaften in der Vorkriegszeit erkämpft Ha­den, war zweifellos viel weniger auf eine Herabsetzung des kapitalistischen Profits als auch eine erheblich» Steigerung der Arbeitsergiebigkeit zurück­zuführen. Dtefe höhere Arbeitsergiebigkeit wurde sowohl durch eine größere IntensioitA der Arbeit, als auch durch betriebstechnische mtd andere Fortschritte erreicht."

Damit ist gezeigt, wo in Zukunft in e r st e r ß L nie cmgesetzt werden muß, wenn die Möglichkeit für eine erhöhte Arbettenvoh! fahrt geschaffen werden soll. Der Ort aber zur Seratrmg über die Möglichkeit von Steigerungen der Arbettsergiebigkeit sind für die Be­rufsgruppen die zentralen Arbeitsgemeinschaften und das einzelne Jöcrt die Betriebsräte. Wird doch unter den Aufgaben ber Betriebsräte vom Gesetz die Sorge füreinen möglichst hohen Stand und für mög­lichste Wirtschaftlichkeit der Betriebsleistungen" an erster Stelle genannt.

Mir iftts, als wär es gestern erst gewesen."

Wie träumenb sprach es Joseph vor sich hin; seine Stimme klang wieder rauh und verriet durch leises Be- den heftige innere Erregung.

Wie ein rosiger Faden hatte sich dieser Traum durch die ganze lange Jugendzeit gewunden und wenige Mi­nuten haben alles jetzt zerstört. So treue, tiefe Liebe findet sich wohl selten; sie hätte Besseres verdient als Spott und Hohn. Mag der droben Ihnen vergeben und mich vergeßen laßen. Vielleicht kommt noch einmal in Ihrem Leben eine Zeit, wo Sie es bester schätzen lerne", wie groß der Wert einer treuen Menschenseele ist. Weil ich arm war an Geld und Gut, wähnten Sie auch arm mein Fühlen. Wie kann ein derber Bauer von Empfin. den sprechen, nicht wahr? Hinter dieser eckigen Stirn kann kein anderer Gedanke sein, als Arbeit, Feld und Vieh; seelische Regungen, die sind ihm fremd. So dach- ten Sie, nicht wahr? Ihr frevles Tun damit enischul- digend, will ich dies glauben. Doch Mensch ist Mensch. Das Fühlen bleibt das gleiche. Der rauhe Bauernkittel birgt manch' edles treues Herz, manch' seelenvoll' Ge. müt, das unter dem Frack durch Formenzwang und Strebertum verkümmerte oder ganz verloren ging. Ge­rade in den niederen Hüften armer Bauerndörfer, da wohnt Barmherzigkeit, Religion und Nächstenliebe; drei Tugenden, die sehr für eine edle Seele sprechen."

Will ich dies denn bestreiten? Ich kenne bas Seelen­leben dieser Menschen nicht und spüre nach der heutigen Erfahrung auch nicht die leiseste Luft dazu, dasselbe zu studieren. Hab' ich im jugendlichen Uebermut gegen Sie gefehlt, verzeihen Sie es mir. Dies kurze, zweifelhafte Vergnügen hat stch bitter beut gerächt."

So ist es also wahr, ist's wirttich wahr: Sie haben mich trotz Ihrer heißen Blicke, trotz Der süßen, verhei- ßungsvollen Worte nie geliebt? Es war von Ihnen alles nur Berftellung, was mich monatelang so unaussprech­lich glücklich machte, was in mir eine Wett von mutigen Entschlüßen erstehen ließ."

Ich dachte es nicht, daß Sie dies kleine Spiel gleich so ernst nehmen."

(Fortsetzung folgt)