Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadl Fulda.
Nr. 18$.
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Dienstag, 9. fluguft )92t
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48. Zahrg.
Zegm her Pariser Kilisereiiz.
Worum handelt e§ sich?
Zu Beginn der Pariser Konferenz wird in der ausländischen Presse mehrfach ausgeführt, daß es sich um einen Kampf um die Vorherrschaft in Europa handele, nämlich zwischen England und Frankreich. Es wird auf die geschichtliche Entwicklung zurückgrgriffen, 'nach der England stets in Gegensatz getreten sei zu der jeweiligen stärksten Macht auf dem Festlande und die Rivalen der Reihe nach zu Boden gedrückt habe: bald Frankreich, bald die Niederlande, bald wieder Frank- reich und im letzten Weltkrieg Deutschland.
Das ist sehr spannend zu lesen und auch lehrvnch. Offenbar würde Lloyd George, wenn er am Schlüsse dieser Konerenz wieder einmal Umfallen sollte, nicht bloß das Ansehen, sondern auch die wichtigsten Le- densinlemssen Englands preisgeben und den Franzosen eine verhängnisvolle Uebermacht in militärischer. Politischer und wirtschaftlicher Hinsicht emräumen. Als Folge solcher Nachgiebigkeit müßte sich schließlich aus dcr gegenwärtigen diplomatischen Reiberei zwischen den beiden Siegerstaalen eine Kraftprobe mit Sen Waffen entwickeln.
Aber das ist Zukunftsmusik und wir Deutschen werden gut daran tun, die nächsten Folgen eines solchen Ausganges der Beratungen im Auge zu be- hÄten. Es steht doch vorläufig etwas mehr aus dem Spiel, als die englische oder französische Herrschaft in Europa, nämlich Sein oder Nichtsein des Deutschen Reiches, Genesung oder Tod unserer eigenen Nation.
Der Gegensatz zwischen der englischen und sranzö- sischen Politik spitzt sich gegenwärtig dahin zu daß die Engländer Deutschland leben lassen, die Franzosen aber Deutschland vernichten wollen. Wenn es den Pariser Staalskünstlern gelingt, uns Oberjchlesien zu entreißen, so haben sie ihren Vernichtungsseidzug so gut wie gewonnen. Ohne dir oberschlesischen Kohlen imd Erze können wir die deutsche Volkswirtschaft nicht ,' 0rdernlich in Gang halten, und wenn unsere Volks» wirtschaft? in Verwirrung kommt, so können wir den auferlegten Tribut nicht leisten, und wenn wir mit unseren Leistungen in Rückstand bleiben, so haben die Franzosen den längst ersehnten Borwand, muh das Ruhrgebiet mit seinen unentbehrlichen Boden- und ^abrikschätzen uns zu entreißen. Dann bleibt von Deutschland nur ein lebensunfähiger Rest übrig, der das Schicksal des hungernden Rußland teilen mag.
Die französischen Hetzer sagen, Oberschlesien würde eine „Waffenschmiede" Deutschlands frin, und der Industriebezirk an der Ruhr sei ebenfalls eine Waffenschmieds, Alle unsere Versicherungen, daß wir an einen Rachekrieg nicht dächten und nicht denken tonnten, helfen uns nichts gegenüber diesen Gegnern, die weder in ihrem Hatz noch in ihrer Furcht Maß zu halten misten. Die Pariser Machthaber gleichen dem alten Cato von Rom, der nach der Besiegung der Punäer jede Rede mit dem Rufe schloß: Karthago muß zerstört werden.
Das Schicksal von Karthago ist jotzi Deutschland zugedacht, und es läßt sich nur aufhalten, wenn dritte Mächte eingreifen, um der grausamen und gemeingefährlichen Bernichtungspolitik von Paris Halt zu gebieten.
Dazu ist vor allem England berufen. Nicht etwa aus Mitleid, was ja in der heutigen Realpolitik keine Bedeutung mehr hat, sondern in Erkenntnis feines eigenen Interesses. Frankreich will die deutsche Kuh zerstückeln, England möchte sie melken.
Die bisherigen Verhandlungen und Beschlußfassungen des Obersten Rates bildeten nur ein Vorspiel.
steht die durchschlagende Entscheidung bevor. Wenn 'Lloyd George sich zum ftanzösisch-polnischen Raubplan
Der GänfebuK
Fränkischer Dorfroman von Dina Ernstberger. 15 ] ________
So kam es, daß Joseph schon am zweiten Tage In ^m^otel um die Kost als Stiefelputzer Anstellung
Er war vorläufig damit zufrieden; hatte er doch Kost e’n Obdach umsonst. Seit seiner Flucht aus dem ruternhause hatte er keinen warmen Bissen mehr gegeben; nur um einen Nickel Schwarzbrot hatte er sich gejrattet, wenn ihn der Hunger gar zu sehr quälte.
^ts **nMe Tage vorüber waren und er mit den Hotelangestellten nach und nach bekannter wurde fragte er einmal einen, wo denn hier eine Profestorswitwe wohne, die eine erwachsene Tochter namens Lore hätte. 2a hotte man, ihn verlacht und gesagt, daß diese Pro. ressorswitwe für ihr, unauffindbar sei, wenn er keinen Slamen wußte. Und Namen wußte er keinen; im Dorfe fagte man nur die Professors-Lore — So wartete er benn geduldig bis zu seinem ersten Ausgang. Da kaufte er sich zuerst in einem Laden eine Postkarre und schrieb an feine Mutter, daß eg ihm sehr gut geh» und er hätte auch in einem Hotel eine sehr gute Anstellung erhalten. Er wäre Kellner, denn da seien die besten Aussichten, sich rasch ein Vermögen- zu verdienen. Als er nur feinem Schreiben zu Ende war. überlas er nochmals die großen, steilen Schriftzüge, und als er an die Stelle kam, wo es hieß: Daß es ihm ganz gut ginge und er sich schon eingewöhnt hätte, fiel eine große, schwere Träne aus die Sorte und verwischte diese Worte bis zur Unlcserltchkeit.
Run rannte er von einer Straße In die andere und forschte, wo er eine Mädchengestalt erblickte, die nur im entferntesten der Lore ähnlich sehen konnte — er hatte sich aber immer getäuscht. Einmal glaubte er ganz sicher, Lore zu sehen. Dasselbe Haar, derselbe Gang, dieselbe Größe! «Fräul'n Lore! Sore!“ rief er laut
in Oberschlesien hermnkriegen läßt, so wird die Der- nichtung Deutschlands nach allen Regeln der unerbiU- lichen Gewaltpolitik in Gang gebracht.
Das wäre eine Fortsetzung des Krieges mit den schwersten Greueln der Verwüstung und den schrecklichsten Ausbrüchen der Verzweiflung, wobei der Friede und die Wohlfahrt von Europa und vielleicht der ganzen Well dem Verderben ausgeliefert würden. Wenn England das zuläßt, hat das britische Weltreich abgewirtschaftet.
Es ist ein jämmerlicher Zustand, daß Deulschland in dieser Schicksalssttmde, die über sein Dasein ent- scheidet, in feiner Ohnmacht sich nicht selber zu helfen vermag, sondern auf die Vernunft von dritten Mächten angewiesen ist.
Sollte die Vernunft nicht vielleicht doch noch zum Durchbruch kommen, ehe Deulschland verdorben und vernichtet ist?
Unser Recht auf Gberlchlefien.
Eine letzte Mahnung des Reichskanzlers.
Reichskanzler Wirth gewährte einem italienischen Pressevertreter eine Unterredung, in bet er sich über die ober chlestsche Arage äußerte. Nachdem er in warmen Worten bte gerechte und korrekte Haltung der italienischen Besatzungstruppen gewürdigt und anerkannt hatte, knüpfte er daran die Hoffnung, daß durch solche Friedensgesinnung die Erkenntnis der europäischen Schickialsgemeinschaft gefördert und sich allmählich zur emopmschen Solidarität aus- wachsen werde.
Alle Mächte — so sagte der Kanzler weiter — ob Sieger ober Besiegte, muffen mit allen Kräften an dieser Aufgabe arbeiten, wenn das schwere Werk gelingen soll. Man kann aber die von uns verlangten ungeheueren Leistungen nicht erwarten, wenn man uns die Hand ab schlägt, uns Oberschlesien nimmt. Die Zuteilung Oberschlesiens an Deutsch, land ist unabweisbar, wenn nicht das Selbst, bestimmungsrecht der Völker, wie es in der Abstimmung zum Ausdruck gekommen ist, zum Hohn werden soll. Der Uebergang der oberschlesischen Wirtschaft an Polen würde bedeuten, daß sie verurteilt wäre, in den Zu- sammenbruch der- polnischen Wirtschaft hineinbezogen zu werden. Ein deutsches Ober» schtesien dagegen wird berufen fein, in friedlicher Arbeit den Wiederaufbau Europas zu fördern. Die deutsche Regierung hat sich schon mehrmals bereit erklärt, Polen unter vorzu.iSweifen Besinguni en die für seine Wirtschaft etwa noch erforderlichen Kohlen und fonftiae Erzeugnisse zu liefern, solange das an Bodenschätzen überaus reiche polnische Gebiet noch nicht erschlaffen ist sie hat sich weiterhin bereit erklärt, weitgehende Hilfe bei der Erschließung der polnischen Bodenschätze zu lei- sten. Sie hofft auf diese Weise enge wirtschaft- liche Bande zwischen Deutschland und Polen zu knüpfen, die auch eine Grundbedingung für den Bestand des polnischen Staates sind. Sie hat aber aus Warschau nur Spott und Hohn gebärt sie hat erleben muffen, wie die polnische Regierung' den dritten blutigen Aufstand in das oberschlcsische Land trug, und sie muß jeden Tag noch erleben, rote der deutsche Äbstim- mungejicn öuraj un|aat>ere juet^oben vei taucht tutro. Wir können und wollen mit solchen Waffen nicht kämpfen, wir wollen Frieden, Arbeit und Recht. Aber wir verlangen das Gleiche von der Geienseite und muffen fordern, daß sie aufhört, nach unrechtmäßigen Zielen zu stieben und daß sie auf alle Mittel der Gewalt Verzichter.
Zum Schluß wandte sich der Kanzler gegen jede provisorische Lösung, bte er als völlig unannehmbar de;eichnete. Sie wider preche bem klaren Worte des Friedensvertrages vr.b würde den Keim zu battet üben Konflikten im Osten legen. Teutichlanb warte auf den Spruch des Obetiien Rakes. Dieser Spruch wirs bte Entscheidung sein für die Zukunft Mitteleuropas. Deutschland her« und rannte wie toll hinter ihr drein. Als er schon ganz nafte herangekommen war, wandte sich die Angerufene ihm zu und mit Schrecken sah er, daß es eine ganz andere war rote seine Sore, die ihm da erstaunt ihr Angesicht zuroandte. Dieser Dorfall machte ihn etwas vor» Wiger bei seinen weiteren Versuchen, Lore aufzufin- den. So trieb er es erfolglos Monate lang bei jedem Ausgang.
, Mittlerweile war er vom Stiefelputzer zum Kellner avanciett. Sein Herr fand Gefallen an dem willigen, fleißigen Burschen und ließ ihm aus einer eigenen Tasche einen schwarzen Anzug anfertigen. Joseph war übet« glücklich. Er dankte dies durch doppelten Eifer und chien unermüdlich, wenn es galt, die Zufriedenheit fei. nes Herrn zu erringen. Es gab auch tüchtig Trinkgelder. Er konnte jede Woche seiner Mutter mehr Geld heimfchicken, als er sonst einen ganzen Monat hindurch auf dem Schusterstuhl verdiente. 3m Dorfe galt er bereits als reicher Mann. Der Bader wußte jeden Sonntag beim Bier was anderes von ihm zu erzählen und alle Mitteilungen gipfelten in dem Nachsatz: „Ja, dazu hat ihn mein Bruder, der Herr Tailleur — Kleideriabri. kant, gemacht. Das ist ein arg berühmter, großer Mann drinnen in der Stadt. Der verkehrt nur in den höchsten Kreisen. Besonders befreundet ist er mit den Herren vom Magistrat, die verkehren immer bei ihm.“ In Wirklichkeit war ein Freund des Herrn Tailleur Magistratsdiener.
Joseph sehnte sich nun nicht mehr zurück in die alten Verhältnisse des Dorfes; er strebte weiter und weiter.
„Werde erst reich und groß!“ Wie Flammenschrift brannten die Worte in seinem Herzen und spornten Ihn an, unermüdet Stufe um Stufe emporzuklimmen Aufmerksam beobachtete er alles bel den Fremden. Wie er es bei Gebildeten sah, so machte er es nach. Angeborene Intelligenz und Klugheit halfen ihm dazu, daß bald aus dem unbeholfenen Bauernschuster ein ganz netter, ge. wanbter Herr wurde.
Mit der zunehmenden Bildung kamen auch andere Anlchammgen über ihn. Oft stellten sich jetzt Zweifel «n
traue fest daraus, daß der Spruch im Sinne deS Rechts aussallen wird, das allein den so nötigen Fiieden und Wiederaufbau Europas ermöglichen und gewährleisten kann.
Die Eröffnungssitzung.
Die erste Sitzung des Obersten Rates, die aus Montag vormittag 11 Uhr anberaumt war, mußte wegen der verspäteten Ankunft des italienischen Premierministers aus nachmittags 3- Uhr verschoben wer- dm.
AIS Verhandlunasronm dient der llbrenfaal im Ministerium des Auswärtigen, bei auch die letzten Pariser Tagungen des Obersten Rates beherbergt hat und 'm bem am 10. Januar 1920 der Austausch der Ratifikationsurkunden zum Beitrag von Versailles Ihr.tgefunden hat. Briand führt den Vorsitz. Die Tagesordnung erfährt nur insofern eine Aenverung, als vor der »vra^e der militärischen Verstärkungen die der Grenz- festsetzung beraten wird.
Als Ausgangspunkt für bte Diskussion über die Teilung des Abstimmungsgebietes soll der Bericht dienen, den die Sachverständigenkonferenz ftftgelsgt hat. In diesem Bericht haben die Experten die Gesichtspunkte medergefegt, auf die sie sich zu einigen vermocht haben. Es sind folgende drei Thesen: 1. Der Beitrag non Versailles schreibt vor, daß das Abstimmungs- gebiet zwischen Deutschlanb und Polen zu teilen ist. Das schließt nicht aus, daß eine Partei unter Berufung auf Me in der Gesamtheit des Gebietes erzielte ©tim- menmehrhcit die Zuteilung von ganz Oberschlesien für sich beanspruch!; 2. der Vertrag schreibt vor, baß bei der Festlegung der deutsch-polnischen Grenze in erster Li- nie den durch die Abstimmung ausgedrückten Wünschen der Bevölkerung und dann erst den geographischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten Rechnung zu tragen ist; 3. die Abstimmung nach Gemeinden soll bei der Ziehung der Grenze ausschlaggebend sein. Der Bericht teilt ferner mit, daß die Sachverständigen sich auf keinen der ihnen vorliegenden Anträge haben einigen können.
Nach Eintritt in die Tagesordnung schläft Briand vor, zunächst die Ansichten der einzelnen Delegationen zur Kenntnis zu nehmen. Dieser Vorschlag wird an» genommen.
AIS erster erhält Fromageot, der juristische Bei- rat der französischen Delegation das Wort. Seine Ausführungen sind rein prinzipieller Natur. In lieber» einstimmung mit den Sachverständigen setzt er ausein. ander, daß das Abstimmungsgebiet geteilt werden und daß dabei das Ergebnis nach Gemeinden berücksichtigt werden müffe. Für die Engländer spricht sodann Sir Cecil Hurst. Er vertritt mit Nachdruck den Standpunkt, daß die industrielle Zone u n. teilbar fei, und entwickelt die Gründe, die die englische Regierung bestimmten, dte Zuteilung dieses Gebietes an Deutschland zu fordern.
Auch der Vertreter Frankreichs erkenne zunächst die Unteilbarkeit des Industriegebietes an, verlangt aber mit der Begründung, daß die Bezirke Pletz und Rhbnik einen unablösbaren Bestandteil dieser Zone bildeten und daß in der Gesamtheit dieses Gebietes die Polen die Mehrheit erhalten hätten, die Zuteilung an Polen. Im Verlauf der Diskussion läßt die französische Delegation diesen Standpunkt jedoch fallen und erklärt sich bereit, eine Teilung de» Industriegebietes ins Auge zu fassen, wobei sie im wesentlichen die bau S so r za vor geschlagene Linie akzeptieren 1018, jedoch mit der Aendcrnng, daß auch Königshütte den Polen zugesprochen werden soll.
Schließlich macht die italienische Delegation einen VermittlungSoorschiag, über den nun morgen beraten werden soll; sein Inhalt ist zur Stunde noch nicht bekannt.
Die E:öffnungSsitzunz dauerte bis nach 6 Uhr. Die nächste Sitzung beginnt morgen vormittag 11 Uhr.
wtb paris, 8. August. Mimst, rprästvetu Sri« and hat zuerst L 0 u ch e u r empfangen, alsdann
Lores wirklicher Liebe zu dem dummen, ungebildeten Bauernburschen ein. Wär es möglich, daß sie mit seinem heißen Empfinden nur ein luftig Spiel getrieben hätte*
Dann gedachte er wieder jenes Abschiedsblickes, den sie ihm zuwarf; nein, fo konnte kein Auge lügen!
Seine Ausgänge galten nach wie vor immer ihrer Auffindung. Einmal stresste er wieder suchend durch die Straßen; er bog um eine Ecke, da kam eine Schar junger Damen lachend und plaudernd daher. Wie gebannt stand Joseph plötzlich sttlle und starrte sekundenlang wortlos ein blondes Mädchen an, um im nächsten Mo. ment mit dem Ruse: „Lore! Fräulein Lore!“ auf die- selbe zuzustürzen.
Erstaunt wichen die jungen Damen auseinander; Lore schaute mit großen, erschrockenen Augen Joseph an — er war ihr fremd geworden.
„Ich bin es! Der Schuster-Joscph ist es, Fräulein Lore. Wie haeb ich mich gesehnt. Sie roiederzuschen. Ich bin hier in der Stadt als Kellner im Hotel „Bellevue“ angestellt und ..."
„Was wollen Sie von mir mir? Ich kenne Sie nicht!“ Unsagbar stolz sprach Lore die harten Worte — ihr Ge- sichtchen war totenblaß.- Sie wendete sich wieder den Mädchen zu und schritt rasch weiter.
Wie von einem wuchtigen Schlage getroffen taumelte Joseph zurück; er lehnte sich an die harte Steinmauer des nächsten Hauses und starrte Lore nach. Als er die Mädchengruppe in eine andere Straße einbiegen sah, wo sie seinen Blicken ensschwand, raffte er sich plötzlich auf und stürzte nach. In weiter Entfernung folgte er den ooranfdjreitenben jungen Damen. Bor einem großen Haufe machten sie Halt; die Damen reitbtrn sich cerab- schiebend die Hände. Lores Gestalt löste sich aus der Gruppe und verschwand gleich darauf hntcr dem eifer- nen Gitter, bas ein Vorgärtchsn von der Straße trennte.
Langsam folgte Joseph. Er ließ das Haus nicht aus dem Auge. 2Hs er ganz nahe herangekommen war, trat er an das eiserne Gitter heran und las die Wohnungs- tatet, Frau Professor Falkner stand hier angcschcieben.
Marschall Fach, der von Gcrteiol.W e y g a n d begleitet war, darauf General Notier, den Vorsitzenden der Interalliierten KoMrollkommission in ’&rim, und schließlich General Le Rand, den Vorsitzenden der Interalliierten Kommission in Oppeln. Außerdem, empfing Briand den Ualienischen Außenminister btIto T 0 retta.
wtb paris, 8. August. Wie Havas mitteili, erklärt« Lloyd George einer Abordnung amerikanische« Journalisten, er werde sich ni cht nach Washington begeben, um England auf der Abrüstungskonferenz zu vertreten. Der engtifdje Premierminister gab übrigens nicht die Persönlichkeiten an, die England nun tat, sächlich auf der Konferenz vertreten sollen.
pariser pressestimmeu.
Ter „Temps" wünscht von ganzem Herzen, daß die Alliierten zu einem billigen Vergleich kommen: er glaubt, daß trotz der vorhandenen Meinungsverschiedenheiten eine Verständigung möglich ist. T« „Jnlransigeant" will wissen, daß die gestrige Aussprache zwischen Briand und Lloyd Georg- viel dazu beigetragen habe, dis Atmosphäre zu reinigen. Beide Staatsmänner n zu der Nebei zeugung gekommen, baß der Gegen ie der Auffassungen keineswegs so tief fei, baß ni-: >ine Brücke geschlagen werden tonnte. Die nationalistische Piesse glaubt auch heute noch die Zuteilung ocs gesamten Industriegebietes an Polen vertreten zu müssen. In einer Polemik gegen den englischen Standpunkt schreibt die „fitberte": Der englischen Regierung, die von der Idee beherrscht scheine, daß man unter keinen Umständen ein neues Elsaß-Lothrin- gen schaffen dürfe, habe Frankrttch zu antworten: Wenn ihr wirklich wollt, daß Deutschland nicht aus Revanche sinnt, so ist es heute bereits dafür zu spät. Dann hätte man ihm nicht seine Kolonien nehmen, dann hätte man es nicht um Danzig und Posen, um Deritfch-Oeslerreich, das deutsche Böhmen und das deutsche Südtirol bringen buffen! — Mit Genugtuung darf man davon Kenntnis nehmen, daß zum erstenmal ein französisches netto» nalisttsches Blatt den rein deutschen (Syarafiet de» genannten Gebiete anerkennt.
Einberufung des Reichstages?
£tn einigen Berliner Blättern wird mitprleilt, daß wan in parlamentarischen Kreisen die Einberufung des Reichstages sofort nach der En t s ch e i d u n g des Obersten Rates ütor die Zulunft Obcr- schlesiens für unbedingt erforderlich halte. Man sehe — so heißt es da — die Einberufung des Plenums befonbers deshalb als notwendig an, weil auf Grund der Entscheidung dcs Obersten Rates zahlreiche überaus wichtige Fragen akut würden, die vom Reichstag« besprochen werden müßten. Gegenüber der Absicht, nur den Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten cinzu- berufen, steh: man vielfach auf dem Standpunkt, daß angesichts der Bedeutung der zu erörternden Fragen eine Tagung des Plenums unbedingt vorgezogen mer» den müsse.
Es scheint sich bei dieser Nachricht um die Wünsch« bestimmter Kreise zu handeln. Amtlich ist von der Absicht einer Einberufung des Pariaments innerhalb acht Tagen nichts bekannt.
Dn Erfassung -er §ach- un-Gslöwerte.
In der Veröffentlichung der Steuerpläne deq Reichskabinetts wird bekanntlich ausdrücklich erklärt, ob und inwieweit es möglich fei, noch auf anöcrtnj Wege als dem der Besteuerung den Besitz zu den Lasten des Reiche heranzuziehen, daß dieses noch der ein, gehenden Prüfung des Kabinetts bedürfe. Man gktzj wohl nicht in der Annahme fehl, daß dabei in erstcg Linie an die Erfassung der sogenamilen Sach- itnty Goldwerte gedacht ist. 3n dieser Hinsicht liegen dem Kabinett zwei Vorschläge vor und zwar ein solcher des Reichsfinanzministeriums, und ein zweiter des Reichsminifters Schmidt. Eine Einigung im
Er beschaute sich nochmals genau das Haus von außen,! schrieb dann auf einen kleinen Zettel ben Straßennamen und kehrte in bas Hotel zurück. Den übrigen Teil feine«' Ausgehtages verbrachte er in feiner Kammer. — Nach einer schlaflosen Nacht ging er am anberen Morgen wieder an feine Arbeit; mißgelaunt, zerstreut, ein völlig anderer. Sein Herr beobachtete mehrmals kopfschüttelnd dies ungewohnte zerfahrene Tun.
„Sind Sie krank ober haben Sie unangenehme Botschaft von baheim erhalten?“ fragte er Joseph besorgt.
Joseph verneinte beibes unb nahm sich vor mit oer. doppeltem Esser seine Arbeiten zu verrichten und fo gut es ging, feine innere Stimmung zu verbergen. Wenn er dann nachts tobmüde ins Bett kam, lag er mit offene» Augen stundenlang ba unb hatte nur ben einzigen, fdjroe» ren Gebanken: was nun machen? Lore gleich, ohne si» nochmals gesprochen zu habcn, verloren geben unb i« bas Elternhaus zurückzukehren? Er fühlte es, bas oer- mochte er nicht. War denn jede Möglichkeit ausgefchlos. fen, daß sie ihn wirklich nicht erkannte? In dieser Siet- düng, so verändert, wie konnte sie in ihm den Bauern» jungen wiedererkennen? Sprach da nicht alles dafür, baß sie wirklich nicht wußte, momentan nicht mußte, roee er war? Wenn er auch feinen Namen ihr gesagt — ob sie ihn aber auch verstauben hatte? Sie war überrascht vielleicht sogar erschrocken — ba überhört man leicht, wenn anbere sprechen, unb er hatte wohl auch recht leis« gesprochen! —
Nach nächtelangem Sinnen und Ucbertegen faßte er schließlich den Entschluß, Lore um jeden Preis nochmals zu sprechen; er mußte Gewißheit haben; die ewigen Zweifel und Hoffnungen rieben seine Kraft auf. Beim nächsten Ausgehtag wollte er fick in die Straße stcllen dicht vor das Haus wo Lore wohnte- und fo tone warten, bis sich Gelegenheit bot, sie zu sehen und zu sprech en. Unb bann — bann mochte kommen, was wollte: hatte er nur mal erst Gewißheit über Lores E.npffn. ben!
Fortsetzung folat.)