FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stabt Fulda.
Nr. 177.
tieramroorititt; tut Oeu u-uauionelkn teil: Dr. Äi omer, - , fül öt* Anzeigen: I. r-orze-'er-Auiüa. =
iRoiationsörud u. Ükrlafl öet tfulöa« »dienbruderei in Fulda :ermneffiei Jh. 9 Tele<it.«»löre if Fulda er 31 i l u n n
Donnerstag, 4. August 192L
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48. Zahrg.
Reue französische verschleppungrkünfte.
Dir Konferenz ist freilich auf nächsten Montag anberaumt. aber die Franzosen belrtiben ihre Taktik der Verschleppung trotzdem weittr Es müßde wunderlich zugehen, wenn die Engländer es durchfetzten, daß der Oberste Rat jetzt zu einer Entscheidung über die ober* schlesische Grenzlinie gelangt.
Die Franzosen haben zwei Bremsklötze zur Der- kügung. Einerseits rönnen sie sich darauf berufen, oag die „©odjoerftäiibigen* nicht zur Einigung »der einen Grenzvorschtag gc-mngt seien. Wenn die französischen Sachverständigen hartnäckig auf der Begünstigung der Polen testehen, kann natürlich kein gemeinsamer Vorschlag zustande kommen, da die Engländer und (seit tem Minist.rwcchsei) auch die Italiener doch noch etwas Sinn für die Valksaibstlrnmung und für die wirtschaftliche Vernunft haben.
Ein noch brauchbareres 3'remsmitiJd ist die Trup- penverslärkung. Es kommt gerade so, wie wir befürchtet haben. Die Franzosen bleiben steif und fest dabei, daß mmdrstens eine weitere Division zur Erhaltung der Ordnung in Oberfchiesien nötig fei. Darauf hat Lloyd George soweit nachgegeben, daß er die Frage des Truppennachschubs auf die Tagesordnung der Konferenz gefetzt hat. Sinn sagen wieder die Franzosen: Was helfen die neuen Truppen, wenn sie in der kritischen Stunde nicht da sirld'? Also wird gefolgert, die Grenzlinie dürfe erst dann gezogen werden, wenn die fraglichen Truppen an Ort und Stelle sind. Wenn nun auch die Transporte auf dem schnellsten Wege durch Deutschland erfolgen, so werden sie nach französischer Berechnung doch zwei Wochen in Anspruch nehmen Das mag schon stimmen, und wir finden es nur bezeichnend, daß ae französischen Sachverständigen diesmal Rücksicht auf den innerdeutschen Verkehr nehmen, rrtibum sie unfern Eisenbahnen keine höhe« B lastung als drei Züge
Der gemeinsame bchritr -er Botschafter.
Die Frage der Tnippensendungeu nach Oberschlesien.
Sen Sonntag erwartete rr.cn in Berlin das Er- Seinen ter Vertreter von England, Frankreich und ölten mit der angr kündigten Rote wegen der Sendung von weiteren Truppen nach Ob.rjchlesien. Am gestrigen Mittwoch ist nun diese erwartete Demarche erfolgt. Es erschienen bei dem Reichsmimstr des Auswärtigen der französische Botschafter, der englische Bostchaster und der italienische C> schäftsträgcr und überreichten ihm nachstrhenve von den drei genannten Vertretern unterzeichnete Rote:
.Berim, 3. August. Der Botschafter Frankreichs bet Botschafter Englands und der GeschäslSiräger Italiens beehren sich, im Auftrage ihrer Regierungen bre deutsche Regelung za ersuchen, die nötigen Vorkehrungen zu treffen, um durch alle möglichen Mitteln den Lransport alliierter Truppen durch Deutsch- land zu erleichtern, den die Lage in Oberschlesten in "jedem Au enolick nötig machen formte.“
Es wurde mündlich noch hinzugefügt, daß es sich hierbei nicht um ein Ersuchen handle, schon jetzt Truppen zu befördern, sondern um die g r u n d s ä tz l ich e Aereiterklärung Deutschlands, dies auf eine spezielle Aufforderung der drei Mächte hin zu tun.
Der Reichsminister des Auswärtigen antwortete, daß dieses Verlangen dem seilens der deutschen Regierung in dieser Angelegenheit eingenommenen Standpunkt entspreche. Er eiferte sich bereit, in diesem Sinne mit dem Rcichsverkehrsministcr in Verbindung zu treten.
Der Särrsebub.
Fränkischer Dorsroman von Dina Ernst berget. 18] —--
Vielleicht wär' besser gewesen, er hätte nicht so viel <ns Licht geschaut — fein Herz wäre ruhiger, zusriede- ner auch. Unwiderstehlich zieht es ihm der Sonne nach: *r kann die alten Wege nicht mehr roieberftneen; wo einstmals in der Heimat traut unb mild die Sonne schien, da sieh, er nunmehr noch tiefe Sehnsucht dunkeln.
2lusseufzend trat Joseph vom Fenster weg, leise vffnetr er öjc x^re und lauschte angestrengt einen Mo.
^naus> °b die Mutter oder Peter nicht in der Kabe wären, dann kiiieie er nieder und zog unter der »ettlabe einen Bündel hervor. Er löste die Knoten, da» iie Sünbel zusammenhielien, und prüfte den Inhalt, eem ganzer Besitz ün Leibwäsche lag hier verborgen. f&U ”ia" 'a°r 9*1nj ncuf 'Stiefel; drei Stück frisch ge. kaufte, toone Pop,erfragen und ganz obenauf, forgfäl. | tig in i-aptei zehüiii, lag Lores Bild. Er faltete das Papier auseinander und betrachtete lange die geliebten 3^9^- versteckte fr plötzlich rasch das Bild
zwischen die -Lasch, unb fd)ob öas Bündel wieder weit unter die oeillaöe. — Die Mutter hatte nach ihm gerufen.
„Jtsteph wo bist denn? geh' doch runter, brob'n is 1° i° kalt. rief sie zum zweitenmal.
Jetzt öffnete Joseph die Kammertüre; „ich komm' schon, Mutter, ich hab rur was g'sucht," rief er zurück Wb ging hinunter.
Er empfand dre Kälte n;d)t. fein Kopf glühte wie im Fieber und feine Hande brannten. Still setzte er sich on den Schusterti ch D,e UR.itter sag auf der Bank n.ben dem marinen Koch.tosen und spann. Sie Dir. suchte es mehrmals, em Gespräch mit Jcheph anzuboh- nen. er antwortete ihr aber so cmfitbzg unb zerstreut, baß sie allmählich ihre Absicht aufgub. g;, Bas Schnurren des Spiimrädchens mischte sich dir lauie Schlag der alten Schwarzwälder Uhr, dir die fünfte Nachm.llags- stundc kündete. Joseph Iprai.g empor.
-Mutier. Du siehst doch nix mehr, es is schon fünf l Uhr. Ich muh aushör'n. - 's schon ganz buntd." *
täglich zumuten wollen. Sie sind sonst nicht so bescheiden, die außerortentlicte Schonung erklärt sich nur dadurch, daß Frankreich es diesmal nicht eilig hat, sondern die langsame Fahrt für vorteilhaft erachtet.
Während des Waffenkrieges haben auch wir uns oftmals gesagt: Di« Zeit arbeitet für uns. Dieser Trostspruch zur Stärkurw der Geduld hat sich leider bei uns nicht tewährt. Die französischen Politiker sind nachträglich zu dem Glauben gekommen, daß die Zeit für sie arbeitet, und man kann leider nicht leugnen, daß die Verschleppungstaktik ihnen schon viel eingebracht hat. In ter Verhängung ter Sanktionen am Rhem waren sie sehr flink; die Aufhebung tersilben wifseti fte aber aus dir längste Bank zu schieben. In Oberfchiesien haben die Franzosen unb die Polen in verständnisinniger Zusammenarbeit dafür gesorgt, daß zunächst die 2lbftimi:rung selbst und dann die Auswertung der Abstimmung immer wieder verschoben und in der Zwischenzeit die Vorbedingungen für eim? gedeihliche Losung immer weiter verfchlech- tert wurden. Lberfchlesicn sollte durchcms „reif" gemacht werden für die französisch-polnische Raubpolitik, und da sich bisher diese „Reife" noch nicht ganz ein» gestellt hat, wird die dilatorische Taktik weiter betrieben. .
Ob die Geduld der gequälten Oberschlester und ihrer deutschen Brüder auf eine grausame und gemein- schädliche Probe gestellt wird, rührt die Herren nicht. Sie denken sogar, das großmütige England Herumzukriegen, warum sollten sie durch Mitleid oder Scham sich stören lasten!
Wenn den gegenüber Lloyd George die Einberufung b-t Konferenz auf den 8. August durchgesetzt hat, so ist das nur ein scheinbarer Erfolg, solange die Franzosen in ihren Berschleppungskünstrn beharren. Er muß sich zu einem durchschlgaenden Machtgebot aufschwingen: sonst wird er schließlich mürbe gemacht und von Briand, dem diplomatischen Fabius Cunctator, übers Ohr gehauen.
Der Kampf gegen die
neuen Steuervorlagen hat in der Preste der Oppositionsparteien schon seit einiger Zeit mit voller Wucht eingesetzt. Im be on« deren ist es die beutichnati on ale Presse, welche mit allen Mitteln gegen die Heranziehung deS Besitzes zue Aufbringung der Steuerlasten hetzt. Wir wollen uns an d eser Stelle mit di->sem Verhalten der Deutschnalionalen nickt des Nälieren befasien. Tas aber mögen sich die Temschnauonalen ge agt fein lassem, daß idr Verhalten alles andere als deutsch national ist. Die Deut chnationalen wissen sehr gut, daß infolge des verlorenen Krieges ungeheuere Lasten vom deutschen Volke getragen werden wüsten und sie wissen auch, daß diese Lasten unmöglich durch indirekte Steuern aufgebracht werden können. Wenn sie tiotzdem m ihrer Hetze gegen das Stenerpro- gromm der Regierung foi tfahren, so leisten sie dem Vaterlands im deutsch nationalen- Sinne nicht nur keinen Dienst, sondern sie schädigen das Interesse des Vaterlandes aufs schwerste.
Bedauerlich ist, daß der »Vorwärts, der sich wiederholt entschieden durch die Bekämpfung dieser deutschnalionalen Hetze hervoigetan hat, seinerseits in denselben Fehler verfällt, nur mit dem Unterschied, daß er den Kampf $cg en die Heranziehung indirekter Steuern führt. Der .Vorwärts^ weiß io gut wie wir, daß die Reichs- legierung und imbeio roeren der Reichsfiiiauzmmist.-r nicht ent'eutt da-an denkt, einen. Abbau der Besitzsteuern vo 511 nehmen, dah im ksieoentetl eine noch härtere Heranziehung deS Besitzes, als es bisher tckon der Fall war, t-eabfirbtirt ist; der .Vorwärts'
»Zum Spinnen brauch' ich net. so genau seh n, des hab' ich in der Hand. S)ab' ja vsn Jugend auf fchon g’fponnen unb etzt bin ich alt und steig' schon bald ins Grab"
„Red' net vom Grab, vom Qierb'n!“ Rasch war Joseph auf sie zugetreten unb setzte sich dicht neben sie auf die Bank. Seine Hand streifte leise über den weihen Scheitel der alten Frau.
Ueberrascht sah ihn die Mutter cm, das Rädchen stockte und ihre Hände legten sich feiernd in den Schoß.
.Is Dir was, Joseph?" fragte fie schnell. „Du kommst mir so eigenmmlich vor. Hast Du mir was zu sag'n vielleicht?"
.Nein! Mir is nix Ich — ich — Du hast mich hast erschreckt da mit dem Stestb'n", antwortete nach sekundenlanger Pause Joseph stockend.
»Des darf Dich net erschreckt, schau! Des kommt. Hab' Gnad' g’nug g'habt vom lieben Gott, daß ich euch groß zieh'n hab' bürf’n Siehst, des nm möchi' ich noch erleb'n, daß Du versorgt wärst, Joseph, d'rum hab' ich vorhin das mit der Nany g’fagt Gelt, des versprichst mir, daß Du Dein Peter net verläßt, wenn ich amal nimmer bin."
„Mutter, Du tust mir weh, wenn Du so reb’ft; Du bärfft net fterb’n, nur etzt net. Mutter Nur a paar Jahr noch muß Dir unser Herrgott ichenk'n." Leiden, schasilich drückte er ihre Hand, feine Stimme hatte einen ganz fremden Klang.
„Da läßt sich unser Herrgott nix vorschreib'n. Er weiß alles am best'n. und ich folg' ruhig fei’m Ruf. wenn er mich zu sich hott. Ich kenn' Dich, Bu, unb weiß, wenn wir uns amal dort drob' wiederfeh'n — ich bin mir Dir zufried'n. Dir übertrag' ich auch die i Sorg' um Sein Bruder, wenn ich amai nimmer bin* j
„Sei ruhig, Mutter!" Gequält wie ein Schrei kam 1 es von Josephs Lippen, bann neigte sich sein Haupt auf die Achse! der Mutter und heft gcs Schluchzen erschü^t-rte den jungen Körper. Zwisch n den beiden mar es mo» menian lautlos still. Da erhob endlich die Mutter lang, (am Josephs geneigtes Haupt empor und sah ihm sor> schcvd ins Gesicht.
„Und Du host doch was, Joseph. Sag's! vertrau' Dich Seiner Mutte-," bat sie stehend.
weiß aber anderer eits auch, daß Besitzsteuern allein nicht aus,eichen, die gewaltigen Lasten des Reiches aurvibtingen.
Wir brauchen den .Vorwärts' nur daran zu er- innem, daß verschiedene namhafte Führer Der Sozialisten die Rotivendigketl der Hcran- z'e nng auch indirekter Steuern durchaus anerkannt haben.
Zur Vorbereitung -er neuen weltrevolntion
fordert ein Ausruf der Exekutio: der kommunistischen ymeniationde den die „Rote Fahne" veröffentlicht, das deutsche Prosttoriat aus.
Dieser Aufruf soll offenbar den Abschluß der zu Ente gegangenen Dritten internationale (kommunistischen D. Red) in Moskau darstellcn. Zu derselben A.stt. in welcher Hunderitausende von Menschen als Opfer des Kommunismus der Hungersnot und dr Cholera zum Opfer fallen, versteigt sich dir Exekutive der Tritten Internationale zu der Frechheit. deutsche Arbeiter in dasselbe Unhell hineinzuhetzen. Der Ausruf strotzt von verlogenem und bom» baskischem Phrasenschwall. Er sordert die deutschen Arbeiter auf, für die Dritte Internationale zu werben, sich gegen d ie sozialdemokratischen „De r- röter" zu wehren, und ihre Reihen von Elementen rein zu halten, „die imstande sind, bte Kampsesuoral und die Kampsesdisziplin der Stoßtruppe des Wett- prol tariats der kommunistischen Parteien zu zersetzen". An einer Stelle b'9 Aufrufs heißt es: „Der Kapitalismus hat sich bisher als unfähig erwiesen, der Wett auch nur das Maß der Ordnung zu sichern, die vor dem letzten Kriege existierte, denn was er jetzt unternimmt, da» kann keine Konsolidierung, kein- Nruord- nung bringen, (entern es bringt nur die Verlang-- rung eurer Leiten, dir Verlängerung des Absdrbe- prozesses des Kapitalismus. Die Wel.revolution marschiert vorwärts . . . Neuen großen Kämpfen gehen wir emgegen, rüstet euch für neue Schlachten! Richtet bre allgnneins Konpfsront des Proletariats auf." Der Ausruf schließt: „Cs lebe die kommunistische Internationale! Es lebe die Weltrevolution! An die Arbeit zur Vorbereitung und Organisierung unseres Sieges!"
Diese Proben kommunistischen Phrasengchresches mögen pmügen. Sie ganze Aktion ist offenbar daraus berechnet, den Bolschewismus in Rußland zu stützen und zu stärken. Dem. um ihn ist es schlecht bestellt. Dieselbe „Rote Fahne", welche diesen Airsruf veröfsent- licht. erklärt in ter Nummer zuvor, „daß die Lage sich (in Rußland» zugefp'tz: hat durch Möglichkeit des Sturzes b?r Sowjet, egierung". Mete als alles untere beweist die Anerkennung dieser Tatsache die Gewissenlosigkeit ter kommunistischen Hetzer, die nicht davor zurückschrecken, zur Rettung des DoOfomTcn abgewirtschafteten Bolschewismus in Rußlarll) die eigenen Volksgenossen in dasselbe Elend hineinzutreiben, das über das russisch- Volk gekommen ift
zranzösische Zeugnisse zur Schul-srage.
Rach und nach kommt mehr Licht in die Borgänge in den verhängnisvollen Tagen vor dem 1. August 1914. Immer deutlicher wird es, daß das im § 231 des Frietensdiktates von Deutschland erzwungene Schuldbekenntnis sich nicht aufrecht erhalten läßt. Sehr wertvoll hierfür find die Erinnerungen des französischen Botschafters in P'ersburg Paleologue und des französischen Kriegsministers Messimy, di« vor kurzem erschienen. Bor allem kommt in ihnen ganz klar zum Ausdruck, daß Rußland und, Frankreich vor Deutschland mobil machten, sodaß man nicht von einem Angriff Deutschlands mehr sprechen kann.
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Abwehrend hob Joseph die Hände.
„Laß mich, mir fehlt nix! Nur Du — Du darfst etzt noch net fterb’n und — und — und verzeih' mir, wenn ich je Dich kränk'n sollt'."
Nochmal umschlang seine Hand im kräftigen Drucke die der Mutter, bann eilte er hinaus. Bestürzt sah ihm die Mutter nach und wischte sich mit der blauen, groben Schürze die nassen Augen aus.
„Was hat nur heut' der Bu? Cs steckt doch was in ihm. Schütz' ihn unb seg n ihn Du, Batet brob’n im Himmel!"
Nach dem Abendbrot saßen alle drei beisammen um den Tisch. Die Mutter drehte wieder emsig das Rad. chen; Joseph flickte Stiefel und Peter machte Späne die im Flickschusterhäuschen gar oft als Leuchte dienten. Peter erzählte die Dorsneuigkeiten alle, die er wußte. Er war von seinem Meister zum Gesellen gemacht worden und da bildete er sich gar Diel darauf ein. Jeden So in- tag leistete er sich seitdem eine Zigarre um vier Pfen. nige beim Krämer, und dann fetzte er sich rauchend in d'e Wtrtsstube zu feinen Kameraden und vertionk da wie ein Großer fein Sonntagsgeld — ganze zwanzig Pfennige. Wenn er io einen ganzen Sonntagnachmit. tag in der Wirtsstube verbracht hatte, dann brachte er Neuigkeiten für die ganze Woche heim, und während der langen Abende unterhielt er damit die Mutter und Joseph. Heute war erst Dienstag, da hatte er noch eine ganze Menge zu erzählen Sein Mund war so eifrig be- fchäftigt, daß er gar nicht merkte, wie furchtbar wenig Jnteresie heute seine Angehörigen für feine Erzählungen zeigten Einmal stockte bei ihm der Faden, da erst merkte et bann, daß außer ihm noch niemand sonst ein Sterbenswörtchen gesprochen hatte. Erstaunt schaute er beide eine Weile an:
„Warum leid Ähr denn beut’ so langweilig? Ich erzähl' euch alles und ich g'aub'. ihr mach! net amal zu- hor'n Habt ihr was g'hab, miteinander?"
„Ich hab' alles g'hört, Peter." beruhigte die Mutter, „mir hab'n Dich halt net ftör’n woll'n *
„Unb Du. Joleph» Warum lagst Du nix?"
„Ich hab' heut' rech: Kopiweh!"
„Schon wieder?" fast zu gleicher Zeit riefen es Peter und die Mutter —
Paleologue teilt mit, daß Rußland am 29. Juli abends die Mobilmachung von 13. Armeekorps befahl, ferner heimlich dke allgemeine Mobilmachung anordnete. Sn seinem jetzt ver- offentliästen Tagebuch erlaubt sich Monsieur Paleologue eine fletne Fälschung, intern er erzählt: „G.stern abend Hal die öst rreichische Regi>.'rung die allgemeine Mobilmachung befohlen." Run hat sich aber glücklicherweise Monsieur Paleologue schon selbst im Sahn: 1914 temen.iert, denn im französischen Ge.bduch steht unter Rr 100 seine D pesch? vom 29. Juli 1914, in der er mitteilt, daß die russischen Maßnahmen Der» aistaßi seten: „Einerseits durch die harwäckige Unnach- ciebigfett Oesterreichs, andererseits durch die Tatsache, daß acht österreichisch-ungarisch? Korps schon mobilisiert seien " Die allgemeine Mobilmachung Oesterreichs erfolgte aber erst am 31 Juli, 12 Uhr 33 Minuten nachmittags. Monsieur Paleologue bestätigt also die Tatsache, daß Rußland von allere Mächten zuerst die allgemeine Mobilmachung aussprach.
Frankreich behauptet, daß bb? französische Mobilmachung die Folge der deutschen f)?raueprberung gewesen set. Nun ist es außerordentlich inttt-essant. daß der damalige französische Kriegsmmister Messimy mitteilt, daß ter Ministerrat am 1. August, nachmittags 1 Uhr, schon die Mobilmachung beschloß, am dem Krigesminister noch freie Hand ließ, den Beseh» noch einige Stunden zurückzuhallen. Die deutsche Mobil- machungserklärung erging nachmitags um 5 Uhr. Ts »st also ein Märchen, daß die französische Mobilmachu>'q; von ter deutschen verursacht wurde.
Wir wissen, daß ter Zar, veranlaßt durch da» Telegramm Kaiser Wilhelms, versuchte, die russische Mobilmachung rückgängig zu machen. Man erklärte ihm, das sei unmöglich. Genau dieselbe Tragödie erleben wir jetzt in den Mitteilungen Messimys über Frankreich. Kurz vor 5 Uhr kam ter französische Ministerpräsident Diviani zu Messimy und fragte ihn, ob der Befehl noch aufzuhalten fei; eine Unterredung mit dem teulschen Botschafter veranlaßte Vivioni dazu. Messimy antwortete: „Es ist zu spät, ter Mechanismus ist ausgelöst."
Man kann auch nicht sagen, daß die Ententemacht- ffaber nickst mit ter Mobilmachung den Krveg wollten, daß sie nicht wußten, welche Folgen die Mobilmachung haben würde. Paleologue teilt mit, daß ter Zar Ssa- fonom, als er ihm den Mobilmachungsukas zum Unterzeichnen oorlegte, „ganz blaß und mit zusaimmen- geschnürter Kehle" erwiderte: „Denken Sie an die Berantwortlichbeif, die Sie auf mich zu nehmen mir raten! Denken Sie daran, daß es sich darum hantelt, Tausend und Abertausente von Menschen in den Tod zu schicken!"
Diese französischen Zeugnisse werden wir als Waffe gegen die Weltlüge ter Alleinschuld Deutschlands zu verwenden wissen.
Die Helgoländer Denkschrift.
Wir haben vor einigen Tagen bereits auf tee Bestrebungen Helgolands nach Selbständigkeit hinge-' wicsen. Jetzt Hai die 62rr Kommission ter Insel Helgoland eine Denkschrift über die Grünte des Selb« ständigkeitswillens ter Insel Helgoland vorbereitet. Es werden zunächst bre Schwierigkeiten ter Helgoländer geschildert und Mschwerde geführt über das „Unverständnis und den Bürokratismus der Berliner Regierungsstellen".
Gewiß ist zuzugeben, daß beforiters die Helgoländer schwer unter dem Kriege und keinen Folgen gelitten haben Aber das all s rechtfertigt nicht bii? Art und Weise des Vorgehens ter Helgoländer, die sich in ter Denkschrift zu ganz unzweiteutigen Drohungen hitt- reißen lassen. Es heißt da u. a.: „Wer aus die Insel kommt, ist erstaunt über den Ilrfang der täglich an» wachsenden Erbitterung und Entfremdung gegenüber
„Gleich morg’n früh gehst zum Bader, Joseph", fuhr die Mutter fort. „3m Anfang sind die Uebei leichter z' heil'n, und der versteht die Krankheit."
„Der Hai Dir schon amal Dein Leb'n errett; weißt'» noch, sellmal, mit die Wickel, Joseph?" pflichtete Peter der Mutter bei. Joseph aber schwieg und arbeitete weiter. Als jedoch kurz hernach seine Mutter meinte, sie wollten heute wegen feines Kopfwehes eher als sonst Feierabend machen, legte er sogleich feine Arbeit weg und stand auf.
„Sieh nur, daß d' bald schlafn kannst und ruh' recht gut," sprach die Mutter, mit der Hand feine heiße Stirn streifend. Besorgt sah sie ihm in bas Gesicht; da schaute auch Joseph feine Mutter an. Langsam glitt fein Blick über die abgehärmten, welken Zuge der geliebten Frau, dann senkt- stch ein inniger, feuchter Strahl tie# in das besorgte Mutterauge.
„Güt' Nacht, Mutter'" sprach er weich, bann suchte er mit Peter leine Kammer auf. Dor der Kammertüre wendete er sich nochmals zurück und sprang die Trepp» hinunter.
„Halt Du net g’ruf'n"? fragte er. die Schlafkammer feiner Mutter öffnend. Ueberrascht iah sie ihr, an.
„Warum ? Hast was g'hört? Ich hab net g'ruf’n. Leg' Dich etzt nieder: Du bist recht aufg'regi, Bu."
„Dann hab' ich mich hat, täuscht. Gut' Nacht!"
Er faßt? habet die Hand seiner Mutter unö preßte sie krampfhaft zwi'chen 6er feinen. Im Htnausgehen wendete er sich nochmals zurück; der Mutter war es, als hätte sie in feinen Augen Tränen glänzen sehen. Sie schüttelte ernst ihr Haupt: so loiiderbar. so seilsaw war ihr der Joseph noch nie vorgekommen.
Am anderen Morgen, als sie aufgestanden war und in die Stube trat, lag auf d m Tito ein großer, weißer Zettel Erstaunt nahm sie ibn in die Hand und ms. m;l leisem Weh out lanf sie auf den nächsten Stuhl und ihr Haupt siel mit dumpfem Schlag schwer auf bte harte lischkante nieder. So ‘anfc sie später Peter — Ihre Hand hielt noch immer lest den w ißen Zeltet; es war Josephs Adlchredsgr'.'ß 'ür seine Mutter!
Die Stelle an der Land, wo seither Lores Bild ne» den dem der Erdbase gehangen hatte, war leer.
Eorljetzung folgt