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Fuld aer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Fulda.

Nr. 173.

Veramwonttch iiu Öen itoauioneQen Teil: Dr. Kramer. 2 für dir Anzeigen: I. Parreiier-Fulda. - gtotationeörurf u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fvlda. .^emipKäwr 'Jlx. ll. Teleiir.-äöreffe: Fuldaer Zeit» ng

Samstag, 30» Juli 1921.

Bezugspreis: Monailiw 3,53 211L ohne Bestellgelb. Poft- - bezug 4,10 Ulf. AbgehoU 3.75 2IU. -

Aazeiyen: Q. oiontl jtilc 73 p|g.; für mehrspaltige Anzeigen Zuschläge. Rekiomezell» (ÜtF breite* 253 Ulk.

48. Zahrg.

Die Welt=flnftauung

der Deutsch-Nationalen.

Glossen eines Konservative» zum deutsch-nationalen Lcbensideal.

In der Südd. Kons. Korrespondenz vom 25. Juli kommt deren Herausgeber A. Röder aufdas neue deutichnattonale und völkische Lebensideal" zu sprechen. Es ist bekannt, daß die deutschnationale Partei nach dem eigenen Bekenntnis ihrer Anhänger einSammel» decken" ist. A..er schildert nun die Versuche, in diesem Sammelbecken ein gemeinsames Lebens- id al au'zustellen. Soien wir ihn selber:

Es herrscht ein trostloser Zustand geistig er Verwilderung und Verödung bet den rechtsstehenden Parteien, insonderheit jo weit es sich um die Fragen des Weltanschauungsmäßigen handelt. Zeigte sich bei der alten konservativen Partei eine Ent­wicklung des Weltanschouungsmäßigen auf oct: Lime zur stärkeren Betonung 'des positiven Christentum, das Programm von 1892, an dem wirJungen" mitarbeiteten, setzte das Bekennmis zur christlichen Weltanschauung an bte erste Stelle der Satzungen so ist seit Ausbruch der Revolution der kVeltanschouungswirrwarr immer größer, geworden. Der ftiniutritt kompakter Schichten des Liberalis. »n u s, der Alldeutschen, der R a s s e n a n t i s e - miten, der Rur.Völkischen zu dar neuen deutsch-nationalen Dolkspartei, als Nachfolgerin der Konservativen, bat das fefte Gehege der einst christlich, konservativen Partei völlig zermürbt und durchbrochen und an die Stelle fester Richtpunkte setzte sich eine aro- teske geistige Zerfahrenheit, in der sich plumpster Ma. terlalismus mit geistiger Unbildung um den Vorrang streiten. Diese Zersetzung der religiös-weltanschou. ungsmäßigen Ideale der konservativen Partei begann schon während des Krieges, als der blöde 6bau. vinism us der Alldeutschen immer mehr das Heft in die Aanb bekam und die sittlich» Denkart des deutschen Volkes verkrüppelte. Diese Verkrüppelung Ist der wahreDolchstoß von hinten", von hem die ehe­mals liberalen Redakteure und Genernlsekreiäre meist Zöglinge des Kadettenhauses mit einigen alldeutsch inlluierten Geheimen Oberkirchenräten zu er. zählen wißen.

Zu }ener Zelt schoß der W o t a n s k u l t in die Halme, daneb-n das reine Heidentum, das andere wie­der durch ein Bekenntnis zumdeutschen Gott" und zumdeutschen Christentum" unter gleichzeitiger Schmähung des Alten Testaments zu mildern suchten. Eine vollständige Verwirrung der Geister war schon 1916 eingetreten.

. . . Die Philosophen des neuen nationalen Kon. fervatismus schossen wie Pilze aus der Erde. Nichts tst ewig, denn das Volk; nichts ist heilig als reines, unvermischtes Blut das war die neue WeltaMchau- ring die als konservativ gepredigt wurde. Gott. Un. sterblichkeit. Ewigkeit, Erlösung. Sünde. Buße, Gnade dos olles war zum Schemen pietistischer Hinter- wäldlerei verblaßt; im Sonnenglanz des Idealen focht nur noch derHerrnsmus". als letzte- Requ'sit einer meist idealistischen Weltanschauung. Viel reiner von dieser innerlichen Seelenverwüstung hielt si b der Ka­tholizismus. obwohl es auch in ihm bis zum heutigen Tag. nicht an Leuten fehlt, die sich über den Verlust an materiellen Gütern, an Herrschafts- und Vorrechten kaum hinwegsetzen können.

Doch di. Versuche b'friebic n nicht:

Die Wotans, unddeutsche Gott"-Sp!elerel genügt« aber auf die Dauer nicht und man suchte sich ^och etwas faßsicher im philosophischen einzurichten. So oerfiet man auf Fichte. Eine Zeitlang war er der deutsch, nationalistische Modephilofoph. Auch die Dümmsten und Ungebildetsten hatten so schon etwas von F chtesReden an bte deutsche Naiion" aus der Zeit der Befreiungs. kriege gehört und so war es nicht gerade fchver, baf Berliner politischen Kanzelredner als den Philosophen de, Rationa'Isrnus herzurichten.

Aber der Schwung hielt nicht lange an Die typische llnwisienheit bet neuenrechtsstehenden" Kreile. die Nichts wußten von der Tatsache, daß Fich'e ein Repu­blikaner und Demokrat, im wirtschaftlichen Sozialist ttnb

Der Sänsebub.

Fränkischer Dorfroman von Dina Ernstbergchr.

9] _____

Gut denn! Bitte die Nadel!"

Mit herzlichem Lachen steckte sie dieselbe an die be­schädigte Stelle ihres Kleides.

Sind Sie denn nun zufrieden?"

"2a, aber Sie müssen mir die Nadel später mi üwr. geb'n,"

Auch dies geschehe. Liegt Ihnen denn so viel an, mit mir nicht bös zu werden?"

Joseph mußte momentan nicht, wie er daraus, ant- morten «ollte; ihm war das Herz zu voll er nickte « nut W»I8 mit dem Kopse und sagte chrifach: 3a!

Sie waren nun angenommen am Rosenbrtßh; er hing itnCT" noch voll rosiger Blüten. Ohne Weiteres setzte sich Lore hier in das Gras.

Sie wüsten sich hierher setzen. Joseph", sptvch sie, ih,n den Diatz neben sich anweisend.Wir wollen nochmal etn genau fo, wi- als Kinder. 'Jli/r schade, ba& die Ganse tehlen. Es ist heute der letzte Abend; wer weiß, ob wir uns je wiederseh'n."

Wcjd; hob Joseph den Kops und lckaute sie trau, rtg an.

?ie wo-lten nie. nie mehr gi-rh-r fomneen?"

Piclletcht, Vielleicht auch nicht' Dock -a, zu Ihrer will ich kommen, wenn Sie mi« einlaöer.

*'erben vorausgesetzt."

Ich heirat' net."

ftarum nich, gar. Es gibt In hübsche Mädchen im Dorfe, da wird schon eine bte Erwählte fejn *

Dom Dorfe? Nie!"

Deshalb?"

Sie sind zu dumm."

Ei ja! Da muh es dann was Letz-res sein?"

Wär ich ein großer, reicher Herr; ich wüßte mir schon eine."

Wer will bestreiten, daß der Herr Joseph nicht einmal protz und reich wird?'

Im Sinne der alt.ibealen Schule durchaus Kosmovolit war konnte auf di- Dauer nicht verschwiegen werden; die Gegner foreten schon dafür, daß die Bekenntnisse, Sprüche und Lehren Fichtes bekannt wurden. So wurde Fichte allmählich. ganz im Stillen, von feinem Postament als Philosoph des deutschen Nationalismus herabgeholt. Aber wen hinaufsetzen? Ein deutscher Gymnasiallehrer Dr. Eollischonn hat Ersatz geschafft. Im führenden Blatt der Deutsch-Nationalen, der Deut- scheu Zeitung, die jetzt von dem Normativ-Charakter deuttcher Trete und Grundsätzlichkeit, dem Herrn Mau- renbrecher ein positiver Theologe, bann nativ, nol-sozial, dann Marxist unt jetzt deutsch.national redigiert mh», gibt Herr Professor Collischonn seine große Entdeckung kund: Arthur Schopenhauer st's, in dessen Philosophie die deutsche Jugend einge. ührt werden mutz und zwarfeiner Deutschheit wegen, einer Geschfvssenheit. feines nicht zu großen Umfanges, einer KlakfM seines Stils wegen".

Nun traut Nooer l.acy, wie die deutschnationalen Sucher bet Schopenhauer ebenfo sehr oder noch mehr hereinfalle», als bei Fichte. Wenn man verächtliche Urteile über Flauen und Deutsche hören null, darf man bekanntlich nur Schopenhaueriche Schriften auf­schlagen. Und gerade auf ihn will die Deutsche Zlg. ihr national völkisches Lebensideal gründen.

Zum Schluß stellt Röder die boshafte Frage: und *nun genug damit. Den Deutsch-Notionalen aber möchte ich empfehlen, statt daß sie auf Philosophen hin- und herfahnden, die ihnen eine Weltanschauung vermitteln sollen ob sie eS denn nicht einmal mit dem positiven Christentum des Evan- geliumS versuchen möchten?

Röd?r hat Recht mit seiner Frage. Aber warum versuchet» sie eS nicht? Weil sie dann auseinander­sallen würden. Zusammengehalten werden sie nicht durch positive sondern nur durch negative Kräfte. Katholiken, die sich der Werte und Bedeutung ihre- Glaubens tat ächlich bewußt sind, können sich niemals in dasSammelbecken" verirren.

würdige Ruhe in der

Entscheidung: stunde.

Ein Aufruf der Regierung vor der Entscheidung über' Oberschlesien.

Nus Anlaß der bevorstehenden Entscheidung über daL. Schicksal Oberschlesiens erläßt die Reichsregierung in Berlin im Veretn mit der preußischen Re gier u n g einen Aufruf, in dem die Bewohner Oberschlesiens aufaeforbett werden, sich auch ferner­bin die größte Zurückhaltung aufzuerlegen. Der WM müsse ein Beispiel gegeben werden, wie ein Bolk durch seine Selbstbeherrschung der sachliche» Lösung einer Frage von so großer Tragweite den West ebne. Das deutsche Volk müsse ruhiges Blut bewahren und sich seiner hoben Verantwortung bewußt bleiben. Jeoe unbesonnene Hand­lung-de die sachliche und gerechte Lösung der Frage gefährden.

Dar hin und her zwisch n Aankrelch und England.

Loch Hcrrd'nge, der englische Botschafter in Paris, überreichte Vrrand die Antwort seiner Regierung auf die letzte französische No t e. Die Unterredung dauerte brerorertel Stunden.

Reuter zufolge ist die brit'slhe Antwortnote an Frankreich in versöhnlichem, older gleich,zeitig entschiedenem Tone gehalten. Die Note bringt die Ueberraschung zum Ausdruck, die die brit'sche Re­gierung bei der Aenderung der Haltung Frankreichs empfunden hat und erinnert daran, daß nach der B e- setzung von Frankfurt im narren Jahre Frankreich zugesichert habe, keine isolierten Maßnahmen mehr zu treffen. Der offensichtlich

Seine gefühlvolle Herzensst'mmung reizte sie zum Hebermut, zudem dachte sie: es ist wohl zum letzten Male, daß sie mit ihm b-ifamrnen sei. Da kann sie es wohl wagen, ein klein wenig mit ihm zu scherzen.

Und wer wäre denn dann wohl die Glückliche, die sich Ihre Erwählte nennen dürfte", fuhr sie im anschei, nenb ernsten Tone fort.

Etwas unsicher sah Joseph erst die Sprechende an. als aber Lore ernst blieb, sprach er, purpurrot werdend, sie mühf genau so ausseh'n wie Sie und auch Lore helß'n."

Na, da sehen Sie doch, daß Sie bald groß und reich werden; die Lore wird sich bann schon finden losten", scherzte sie mutwillig weiter.

Joseph, Kops senkte sich tief herab auf die Brust: er wagte es nicht, sie anzusehen, während er sprach: Wenn ich des wüßf, g'wiß müßt', Fröul'n Lore, ich setzte bann mein Leb'n dafür ein, daß ich noch groß und reich roerbn müßt'. Ein felsenfester Willln und Gottvertrou'n kann Berg' versetzen, steht in der Le. genb. War bas Ihr Ernst, wirklich Ihr Ernst, daß sich die Lore bann schon sind'n läßt?"

Scheint Ihnen denn so unglaubwürdig, wo? ich sage?" antwortete Lore ausweichend. Sein großer Ernst wachte sie nun doch etwas ängstlich. Schnell sprang sie auf, als sich jetzt feine Hand in krampfhaftem Druck auf die ihre legte und versuchte, sie an sich zu ziehen. Ihre Stimme zitterte, so sehr hatte sie dieser momentane Gefühlsausbruch erschreckt.

Das Ist verfrüht, mein Freund", rief sie abweh­rend,noch sind wir ja nicht so groß und reich. Bis dorthin heißt es noch vernünftig (ein. Herr Joseph."

In namenloser Verlegenheit stand Joseph nach dieser Zurechtweisung da; er getraute sich gar nicht mehr, etwas zu sagen.

Lore fiel es plötzlich ein, daß sie noch zu packen habe. Ziemlich einsilbig traten beide den Heimweg an. Vor dem Wirtshaus kam Lores Uebermut nochmal zum Durchbruch.

Mit ein-m bedeutungsvollen Bllck, der Joseph olles Blut zum Herzen trieb, legte sie das Buch, dos sie bis. her im Arm gehalten, in seine Hand.

Dies hier zum Abschied", sprach sie in möglichst weichem Tone, sekundenlang feine Hand umschließend.

unfreundliche Ton in der französischen Note an Ber­lin habe England sehr überrascht. Die Allianz, die durch so schreckliche Opfer zusammengekittet fei, könne nur durch gegenseitiges Ver­trauen weiterbestehen. England sei deshalb bereit, Frankreich Zugeständnisse zu machen, wenn es auf dem Laufenden gehalten werde. In der oberschlesischen Frage könne aber England unmöglich Ver­handlungen gutheißen, die die Grundlagen der Allianz erschüttern mußten. England muffe deshalb fragen, weiche Erklärungen die französische Regierung für ihr Verhalten geben wolle. Solange diese Frage nicht geklart sei, sei eine Forlsetzung der Zusammen» arbeit der Alliierten schwierig.

Ausammenlrill der alliierten Sachvcrständigenkonsereuz.

Die alliierte Sachoerständigenkonferenz zur Prü­fung der Frage der Aufteilung Oberschle­siens ist am Freitag in Paris zufammetige- treten. ___________ _____________

Um den Stillen Gzean.

Der Stille Ozean wird der Schauplatz künftiger Wettfragen und künftiger Weltentwicklung fein, diese Worte aus tarn Munde der Vertreter der englischen Dominions auf der briiiftfjen Reichstonjerenz zeigen nach Vollendung der europäischen Katastrophe die Himmelsrichtung an, in der die nächsteil Eirttvicklungs- phas n der Geschichte liegen werden.

Die britisch- Reichskonferenz in London ist nichts anderes als der Ausdruck dieser Verschiebung des Schwerpunktes im poliiifdjcn Gesichtskreis. Eine Frag: von höchster Tragweite eröffnet sich hier. Das englisch-japanische Bündnis, die ameri, konische Interessensphäre im Stillen Ozean und schließlich die zutage getretenen Bestre- bungen der dreiseitigen Schlichtung auf dem Dertragswege unter den drei 5>auptbeteiligten, alle diese Fragen tauchten plötzlich vor der britischen Reichs­konferenz auf. Da tritt biejenige Macht auf den Pan, die bei der Regelung dieser Fragen Hauptfoktor ist, Amerika. Präsident Harding ladet zur W a s h i n g- toner Konferenz unter dem Gesichtspunkt dr Abrüstungsfrage. Wer aber weitsichtig Um­schau hält, wie es mit dicher Frage bei ten sieghaften Völkern bestellt ist, der weiß, daß gut Ding gut Weile hat. Die Washingtoner Konferenz wird in der Frage bei den sieghaften Völkern bestellt ist, der weiß, daß gut Ding gut Weile hat. Die Washingtoner Konferenz der Abrüstung nicht viel erreichen, ihr eigent- liches Thema ist unter der Decknote der Abrüstung: die Auseinandersetzung übet den Stillen Ozean.

Fünf Staaten hat Präsident Harbin« geladen. Frankreich, Großbritannien, Italien, I a p a n und E h i n a. Die ersten drei Staaten ha­ben zugesagt, nur einer zögert: und das ist Japan. Warum zög>.'rt Japan, wenn sich Ihm doch eine Gele­genheit bieten kann, mit zwei mächtigen Staaten Han- beteeinig zu werden über die Teilung des Süllen Ozeans? Japan weiß, daß es im Stillen Ozean ein Handelsobjekt von größtem Werte gibt: China. Auch Japan kennt seine Mouroe-Doktrin. Es ist Ihm sicherlich lästig genug, eigene Angelegenheiten etwa dem Spruche Amerikas und Englands cinzuordnen. Japan hat sich stets mit China allein auseinandergesetzt. Es zö­gert, biete Frage einem größerem Gremium anzuver­trauen. Wenn man aber die Eintadung Hardlngs näher ins Auge faßt, dann kann man sich des Ein- drucks nicht erwehren, als ob er an die Möglichkeit eines Fünfmächte-Bündnisies zwischen Japan, Eng­land, Amerika. Frankreich und China glaubt.

Das beweist bte ©ntabung. die er auch an China hat ergehen lasten, d-as bishr immer nur Objekt der interessierten Völker, niemals aber Subjekt war!

Dann flüftrrte sie dem vor Glück halb betäubten Joseph noch zu, er möge feine kleine Lor« nur n'cht allzu rasch vergelten und schnell wie das Glück entschwand sie im Hausflur.

Er hörte nur noch die Treppe hinauf Ihren leichten, enteilenden Schritt. Ganz fastungslos stand er einen Moment noch da; er legte die Hand auf das Herz, die übergroße Freude machte feinen H'ezschlag stocken.

Die Straße kamen Leute daher, das brachte ihn zur Besinnung. Fest drückte er das teure Buch an sich und eilte heim in seine Kammer, wo er hastig die papierne Hülle sprengte.

Reisebeschreibungen mit reichen Illustrationen waren es, die er da entzückt betrachtete. Es fiel etwas zur Erde; rasch bückte er sich, es aufzuheben. Mit einem Freudenschrei hielt er Cores Bild in bet Hand. Lange saß er gedankenversunken vor dem B'lde; es begann nach und nach zu dunkeln; die Mutter kehrte vom Felde trim; mit Gewalt riß er sich endlich los aus seinen Träumen.

Da fiel es ihm ein die Nadel hafte sie nun doch behalten. Sr mußte sie wieder bekommen, daß sie nid)* verhängnisvoll für feine L ebe werden sollte.

Und dann er mußte ihr danken, mußte sie noch- mals sehen, ehe sie ging; noch einmal nur die Hand ihr reichen, Ihr ins Auge sehen.

Bevor noch die Mutter seine Anwesenheit merkte, schlich er sich leise wieder aus dem Hause und eilte vor das Wirtshaus. Die Fenster oben waren hell beleuchtet.

Lorel Fräulein Lore!" rief er bnauf. Ein Schat­ten hinter dem Fenster; Joseph glaubte Lore zu er­kennen. Dre Schattn verschwand rasch und Marianne öffnete da» Fenster.

Marianne, nur ein Nein' Aug'nblick, wenn Ich mit der Fröul'n Lore rebn könnt'. Die Nadel hat sie mir no<6 net geb'n "

Marianne verschwand, um sofort wieder am Fenster z« erscheinen.

Lore kann Sie heute nicht mehr sprechen- Die Nadel gibt sie Ihnen morgen."

Werd' ich Sie dann noch mal seh n? Wann fahrn's denn weg?"

Nochmal beugte sich Marianne sprechend in das Znn. 1 wer eurfirf:ßgre will erst am Sladuniita* reffe».1

Der Stille Ozean wird Schaubühne der neuen Welte gcschichte werden.

was geht in Rußland vor?

Politiken" meldet, daß auf einer Konferenz der Sowjetkommisfare-in Moskau Kamenow erhärt habe, die russische Regierung vermög« nicht fite die hungernden dreiundzwanzig Millionen die nötigen Lebensmittel zu schaffen, und könne auch nicht die Ver­pflegung der Armee im bisherigen Umfange sicherstÄ- len; somit wüste man mit gegenr edo l u tjonä- ren Erhebungen rechne». Dtefe Erklärungen' haben große Aufregung hervorgerufen.

Politiken" meidet ferner, daß ein menschewtsti» scher Aufruf erschienen sei, es fei jetzt nicht nur der Augenblick gekommen, um Brot zu schaffen und eine Hilfsaktion einzuleiten, sondern auch der M o m e n t des Handelns sei gekommen. Infolge dies«» Aufrufs sei der Belagerungszustand in ganz Rußland erklärt worden.

Zn der Nachricht, daß einige der Führer der rufst-' scheu Sozialrevolutionäre, dar Gegner der Bolschewisten, von Prag abgereist sind und sich an der russischen Grenze aufhallrn, wo sie den Fall des bol­schewistischen Regimes abroorten wollen, wird gentel-i bei, daß verläßlichen Insormalionan aus ben, Steifen der Sozialisten zufolge die Bolschewisten die S o z i al- revolutionäre ausgesorbcrt haben, ein Komitee zu bilden, das in dem Falle, daß sich die bolsche­wistische Position in Rußland als unhalt­bar erweisen wurde, die Regierung überneh­men könnte. Dte bolschewistisch* n Führer beteuern, baß sie das Land nicht im Zustande vollkommener An- arckite lasten wollen und daß sie deshalb schon jetzt nach einem Nachfolger Umschau halten, wofür die Dtelisch«- wisten in erster Reihe in Betracht kämen.

Da» deutsche Hilfswerk für Rußland.

Wegen Uebcrnohme der Organisation ties. beul- scheu Hilfswerks für Rußland, das naturgemäß als ccdtatine Aktion der privaten gürforge überlasse» werden mußte, hat sich die deutsche ^Regierung sofort nach der Uebermlttlung des Hilferufs Mahirn Gorki» an das Rote Kreuz gewandt. Nachdem sich da» Rote Kreuz bereit erklärt hat, die Aufgabe zu überneh­men, ruht die weitere Ausführung ausschließlich i« seinen Händen, was nicht ausschließt, daß die Ruichs- regierung dem Werke jede nur denkbare Förderung an, gedeihen lasten wird.

Ende des kleinafiatifchen Krieges.

Das griechische Pressebüro veröffentlicht einen Be­richt. in dem es heißt, daß der türkische Wider­stand gebrochen sei. Es gelte setzt, das Räuber- tum zu unterdrücken. Da man di« Aktion nicht mehr weiter vorzutragen brauche, habe sie jetzt nur mehr einen reinen Polizeicharakter. Obs stimmt?

Die neuen Steuern.

Das Reichskabmett beschäftigte sich gestern mit bett neuen St«iewotlaoen. Nach demVorwärts" eirrgie man sich auf eine Vermögenszuwachs st eu er, eine Zuwachs st euer auf K riegsgewinne und ein« Umänderung des Umsatz- und Stem­pelabgabengesetzes. Wie derLokalan^" er­fährt. dürften bte Besprechungen über das Steuer» Problem mindestens noch zwei Kabinettssitzungen in Anspruch nehmen.

Die Erhöhung der Tabaksteuer.

In dem neuen Tabaksteuergesetz werden alle Steuerermäßigungen, di« bei großen Po-

Dann seh'n wir uns morgn nochmal wieder, und die Fräul'n Lore toll ja die Nadel nur net vergess»."

Als Joseph andern Tags mittag nach dem Wirte» hhaus ging, waren die fremden Gäste abgereift

4. Kapitel.

Frühzeitiger wie sonst war es Winter gcmorbeiL Aus düsterem Wolkenhimmel sielen schon um Aller, fielen kalte, große Schneeflocken nieder, des Spätherb­stes letzte blühende Pracht mit schneeigem Weiß um. hüllend. Eine einzige kalte Nacht zog über alles noch blühende Leben das große Leichentuch. Manch töricht Blümlein, das in den Strahlen der Herbstessonne noch gestern vom kommenden Lenz träumte, lag heute unter der dünnen, weißen Decke begraben. In den Sauern» Häusern rauchten die Kamine und die Bank um ben großen Kachelofen in den Stuben stand nirgends leer.

Joseph saß daheun in der Stube an seinem Schuster, tisch. Er legte die Arbeit aus der Hand. Obwohl der Zeiger der alten Schwaezwäldei Uhr erst halb fünf Uhr zeigte, konnte er doch schon »ich, mehr sehen. Im Ofen prasselte das Feuer und verbreitete eine angenehme Wärme, so angenehm, daß der Flickschusterin stolzer Gockelhki.,!, unter dem Ofen hervorkam und viohlbehag- lich in der Stube den A^endunbiß zusammenfuchte.

Joseph i«hrle den Kopf an das Fenster und blickte hinaus in die einsame, onfdi.cite Landschaft, über die »l? der Dämm'umg blau- schalten breiteten. Seine Gedanken schweiften weit ab von hier; sein Geist suchte und grüßte Lore.

Er konnte sie nicht verscheuchen bte Erinnerung an bas letzte Zusammensein mit ihr; sie folgte ihm wie ein Schatten; sie ist sein Glück unb sein Verhäng, nis. Bei der Arbeit, im Gebet, im Schlaf, überall ersteht vor ihm Lores liebes, herziges G-sichtchen mtt dem innigen Ausbruck im Blick, fo wie er es zurn^ letz­tenmal eglehen, unb eine Stimme hörte er staubig flüstern:Werde erst reich unb groß, bie Lore rou* sich dann fchon. finben lar'en."

Werbe erst groß unb reich!" Nächte hinburch beschäftigten diese inholtslchweren Worte feinen Geist, unb wenn er mübe und übernächtig morgens sein Lager verließ und im armseligen Stübchen auf dem uralten Scdusterstuhl terrifiene Stiesel flicken muhte, da»-