Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Aulda.
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Nr. 172.
Lecamworllich tüt öen .eOauionellen Teil: Dr. Kromer, - iüi die Anzeigen: I. Parzener-Fuioa. ~ «Rotatlonsörud u. Verlag der Fuldaer Sldienbrurferet in Buioa. -rernwre»er Nr. 9. Telegr.-A breffe: Fuldaer Zeitung
Sreitag, 29. Zu» 1921.
Bezugspreis: liionaiitcb 3.5.) Bit. oijnt Beilellgeld. Post- z bezug 4,10 M. Abgehalt 3,73 Nit.
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48. Zahrg.
Schließt die Reihen!
Gedanken am Grabe nuferer Führer.
Der Dank für den verewigten Führer bekundet sich zunächst in den Herzen, dann auch in den ehrenvollen und liebevollen Worten. Das ist gut und schön: aber die Verstorbenen haben uns durch ihre rastlose Arbeit, ihre segensreichen Taten beglückt, und daher müssen wir ihnen den Zoll der Banfbarfett in derselben vollwichtigen Währung zahlen: durch das treue Handeln nach ihrer Lehre und noch ihrem Vovblld.
Wenn auf dem Schlachtselde d'e Führer von oer LMchen Kugel getroffen werden, so gerät die brave Truppe nicht in Verwirrung oder gar in Verzweiflung, sondern sie hat nur den heißen Drang: "Nun gerade! Jetzt wollen wir erst recht zeigen, was wir können. Das erste fft, daß sie alle in strengster Zu ch t denselben folgen, di« an die Stelle der Gefallenen treten, und das zweite fft die innere Auffrischung jedes wackeren Mannes, der sich bewußt wirb, daß er nunmehr feine ganze Kraft bis zum letzten Rest em« setzen muß,' um die Scharte auswetzen zu helfen.
„Schließt die Reihen!" Je schwieriger die Lage wird, desto enger muß der Zusammenschluß sem und desto größer die Tatkraft des Einzelnen, bis zum letzten Mann hinunter.
Für die richtigen Nachfolger aus den er- erfebigten Posten werden dis berufenen Fraktionen schon sorgen. Wir haben glücklicherweise noch tüchtige Kräfte. Den neuen Leitern der Sozialpolitik und der G-samt- pÄitik dürfen wir das vollste Vertrauen entgegenbrm- gen; denn sie werden nur berufen auf Grund der be- «its abgeleoteu Proben ihrer Befähigung.
Die Hauptsache fft, daß die Partei selbst gesund, dbensfrffch und leistungsfähig bleibt, und dazu kann jeder Gesinnungsgenoffe sein Schcrflem beitragen. Auch wenn es nur als ein kleines Scherflein erscheint, die Masse wirkt großes. ■
Wo für die politische, soziale und wirtschaftliche Zest- koae etwas Verständnis herrscht, da muß sich jetzt in allen Köpfen und Herzen der Gedanke regen: Das Da- terlar.d braucht zu seiner Rettung gerade .jetzt eine starke Zentrumspartei als den Kern ter einzig möglichen Politik der gememschütlichen Ar- dest, und zur Erhaltung des Zentrums ist der engste Zusammenschluß aller Wähler unseres Dolksteits jetzt dringender geboten, als jemals zuvor.
Trimborn und Hitze waren Muster in bet Organisation. Sie standen an der Jftge oder an der Spitze des großartigen „Volksvereins" 'und der reich aufgeblähten Standesvereine. Willst du den Verewigten Ehre und Dank erweisen, fo schließe.dich dem Volksverem an, und gehörst du zum ArbeZterstande, iso darfst du nicht fehlen in den katholischen Arbeiterivereinen und in den christlichen Gewerkschaften. Du brauchst dich auch nicht mit der Einschreibung deines Namens und der Zahlung des Beitrags zu begnügen, ifondern du kannst und sollst dich beteiligen an b en iDereinsarbeiten und m de'nem Kreise werben für die Verstärkung der heilsamen sozialen Vereine.
Trimborn hat sich besonders verdient gemocht durch die kommunalpolitische OrganisatZon im Ge- tiet der Zentrumspartei. An seinem Grade erforsche dein Gewiflen, ob du als @emeinbebürger deine Pflicht getan host und wie du in Zukunft sie noch beffer tun kannst. Bedenke besonders, daß die hochwichtige Schul frage in den Gemeinden die folgenschwersten Entscheidungen herbeisühren wird. Wer lässig ist in kommunalpositischen AngÄegenheiten, macht sich mitschuldig an einem Schaden für die religiöse Erziehung der Kinder.
Mit viel Geschick und rastloser A^Ät Hai Trim» dorn auch durchgesetzt, daß die gesamte Zentrumspartei eine strammere Gliederung, einen standhaften Austum vom Fundament bis zur Dachfvitze erh'elt. Jetzt
Der SÄnsebub.
Fränkischer Dorfroman von Dina Ern ft berge r.
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„Mutter, die feine Fräulein konnna g'rad und bringa Stiefel zum Flicken", stammelte er endlich ganz blaß — tt hörte schon Lores Helles Lachen im Hofe.
Einen Moment stand die Mutter sprachlos vor Er. staunen da: sie sah durch den Türspalt die zwei Damen auf das Haus zukommen.
»O lieb's Herrgala! Ich laß mich net leh'n; ich versteck mich hinten im Stall!" rief sie Joseph zu und verschwand rasch.
In demselben Augenblick traten Lore und Marianne über die Schwelle. Joseph war fo verwirrt, daß er die ganze Begrüßungsansprache. die er nachts im Bette einstndiert hatte, vergaß. K in Sterbenswörtchen tarn ibm davon in den Sinn. Erst als Lore ihm die Hand bietend „Guten Morgen" wün'ch'e. gab er die Hoffnung auf, doch noch eine Begrüßungsrede fertig zu bringen.
„®ut n Margen miteinander!" erwiderte er Der. legen und riß die Nebentür sperrangelweit auf.
„6t, da ist es ja recht nett*, riet Lore und t-at in bie Mitte der Stube. „Und das schöne weiße Tischtuch! Geschah das wohl mir zur Ehre?" Reckch beugte ste sich über den Schustertisch, um das Lochen zu verstecken, das sie kaum unterdrücken konnte. Das Ti'chtuch zeigte bedeutende geflickte Stellen und mitten darauf hatte der Gockel während der Begrüßung seine Visitenkarte gelegt.
Joseph hatte dies noch gar nicht bemerkt. Er führte Lore hin an die Wand, wo ihr Bildchen hing.
„Da schau n S'. F'äulein Lore, wie ich S'e in Ehren halt'. Das Blldla is mir mehr roert wie m?i ganz' Häusla."
„Wer ist dies Kind?" fragte Lrre und hob da, Bild von der Wand. Ein fr lches H"ckenröschgn, das darüber hing, fiel herab auf den Boden.
Lächelnd stand Joseph '-?n ihr.
„Mein Himmel! Das ! :a ich!" riff st? p'ötz'ich ML „Na, Sie haben wirklich treue ^eunbichak be-
fft es für uns alle Ehrenpflicht und Gcwiffenspfsicht. die Organisation auszufüllen und wirksam zu machen. Bfft du eingeschriebenes Mitglied der Zentrumspartei? Bfft du auch em tätiges Mitglied, das in feinem Bezirk an den Parteiversammlungen teilnimmt und das dem Zentrum aus dem Kre'fe seiner Angehörigen mÄ Bekannten Rekruten zuführt?
Die verewigten Führer waren in der P r e s s e tätig wid haben für die Preffe eifrig gewirkt. Hältst du dem Parteiblatt? Sorgst du dafür, daß deine Kinder und sonstigen Pflegtinge die richtige Zeitung lesen und heilsame Bücher erhalten?
Wer sich rühmt, em Gesinnungsgenosse der großen Toten ,zu fern, der bewähre sich auch als ihr W e r k- genösse noch über das Grab hinaus. Was die Führer gefäet Hatzen, wollen wir alle pflegen helfen bis zur reichen Ernte.
Die Beisetzung Dr. Hitzes.
Am Mittwoch fand In dem kleinen Kirchdorf Rhode, Kr. Olpe, die Beisetzung de« Prälaten Dr. Hitze statt. Die von Bad Nauheim überführte Leiche war in der vom Verstorbenen int Heimatdorschen Hancmicke erbau, ifn Kapelle auf«? bahrt worden und wurde von dort zur Kirche und zum Kirchhof geleitet. Unterwegs schwoll der Leichenzug durch Zutritt der Körperschaften und Deputationen gewaltig an. Eingangs des Dorfes er. wartete ihn an der Spitze der Geistlichkeit D i ö z e - fanbifdjof Kaspar von Paderbo rn, ein Heimatfreund des Verstorbenen. Die Trauerpredigt hielt als Schüler des Verstorbenen Prälat Dr. Pieper (München.Gladbach), der ihn als Erben und Nachfolger des sozialen Bischofs von Ketteier feierte, als den guten Mann, der in 40jäl)rigcr Arbeit den Gemeinschaftsmenschen zu bilden suchte, der die praktische Tat der NächstenÜede nicht über dem Reden und Schreiben vergaß.
Die Beisetzung nahm der Bischof von Paderborn persönlich vor u gab an der offenen Gruft der Trauer des katholischen Deutschland Ausdruck, der Trauer des ganzen deutschen Volkes, dem der Verstör, bene mit ganzer Kraft gedient, und mahnte olle, dem Borbilde des Hingeschiedenen zu folgen. 3n diesem Sinne wandte sich der Bischof besonders an die zahlreich mit ihren Bannern erschienene Studentenschaft. Mini, fier Giesberts sprach bann für den Verein „Arbei. tcrwohl" und die Gesellschaft für soziale Reform. Dom. Prediger und Abg. Leicht (Bamberg) legte am Grobe einen Kranz nieder als Vertreter der Bayerischen Volkspartei und gab der Trauer des Volksvereins für das katholische Deutschland beredten Ausdruck. Der Oberprüsident von Westfalen widmete dem verstorbenen Westfalen, Sauevländer, Scz'alpolitiker und persönlichen Freunde herzliche Abschiedsworte: er bedauerte als Vertreter der Regierung den großen Ver. tust des Vaterlandes und der Provinz. Für das Zentrum sprach her Generalsekretär Dr. Klöckex (Berlin) Der Rektor der Universität Münster, Prof. Dr. Meipertz, nahm Abschied von dem Gelehrten und Kollegen, ebenso der Dekan der theologischen Fakultät Münster. U n i t a s-Würzburg ehrte ihren „Alten Herrn" und Lehrer, die Vertreter der kathol. Ar. beitervereine und Arbeiterinnenvereine und der christlichen Gewerkschaften beklagten den Heimgang ihres verdienten Vorkämpfers und Führers. Der Pfarrer von St. Lamberti (Münster) sprach namens des Carltasverbandes für das kathol. Deutschland. Ihm folgten die Vertreter der Zentrumspariei von Münster und München.Gladbach sowie die Vertreter der Unitas-Münster Besonders stark beteiligten sich die Arbeiterkresse der Umgegend an der Beerdigung.
Die oberlchlcsische zrage rmS England.
Das englische Safrirrtt betjanbefte die oberschlesische Frage. Man rechnet dmmt, daß die Tagung des Ober st en Rates wieder etwas hinausgeschoben werden wird. Lord Curzon hatte wieder eine Unterredung mit dem französischen Botschafter.
v 2m Unterhause wurde die Beantwortung aller
wahrt. So viele Jahre hielten Sie das Bild in Ehr'n?" Fast gerührt, reichte sie ihm die Hand. „Ihre Treue soll belohnt werden", fuhr sie dann fort, „ich werde Ihnen ein hübschere« Bild, bevor ich abreife, geben "
Joseph strahlte vor Glück. Er dachte gar nicht mehr an die Mutter im Stall, wenn mir Lore recht lange bliebe. Jetzt zeigte er den beiden Besucherinnen auch noch die reiche Erbbose. Lores Gegenstück: da fiel sein Blick in den Spiegel und mit Schrecken nahm er wahr, daß er den Papierkragen in der Verwirrung anzuziehen vergessen. Schnell schmückte er sich damtt, was Lore und Marianne bewundernd anerkannten.
„Wer war die Frau, die auf das Haus gttqtng, als wir kamen?" fragte plötzlich Marianne. „War das Ihre Mutter?"
Joseph tat, als besänne er sich.
„Nein, ich weiß not, wer des g'wef'n wär'*, sprach er bann verlegen.
„Aber die muß doch Ins Haus gegangen sein: führt denn von hinten keine Tür in das Haus?" fragt Ma. Hanne weiter und trat dabei hinaus in die Tenne.
Jetzt wurde es Joseph schwül. Wmn sie die Türe öffnete zum Stall mb seine Mutter stünbe dort, was sollte er da sagen? Er folgte Marianne in die 2>nne, um solches zu verhüten. Da hörte man vom Stalle her ein heftiges Meckern.
„Ach, eine Ziege! Die müssen wir feh-nt" rief Lore und wollte nach der Richtung hingehcn, woher das Meckern kam. Schnell stürzte Jo'eph auf die Stalttüre 1 hin: „Da können S'e net bin, Fräulein Lore!" rief er j ängstllch. „da is zug'fperrt.*
! „Wirklich? Ach nein! Sie wollen uns bloß nicht i da hmeinlassen. Bille, bitte, wir möchten die Ziege | sehen "
Joseph stellte sich wie der Engel mit dcm Schwerte vor die verschlossene Türe. :
! „D lieb s Herraata, Joseph, mach' net auf", hörte er durch dos Schlüsselloch flüstern. Er wischte sich den
, Schweiß von der Stirn.
: „Die Geiß is recht bös: Ich kann Ihnen net nei»
' lass'n!" nahm er firf) abermals zur Ausrede.
Doch Josephs W verstand reiz'e Lore nur noch mehr. . Lachend legte sie die Hand auf den Drücker: da öffnete
Lberfchlcsicn betreffenden Fragen bis nächste Woche vertagt. Auch die erwariule Erklärung Lloyd Georges füll' nicht erfolgen.
Reuter zufolge foil die Auffassung der britischen Regierung in der ober schic fischen Frage jetzt dahin geben, das die gegenwärtigen Uebereinkommen auf- rechterhaffen ober den Wünschen Frankreichs gemäß geändert werden sollten.
Beratungen der ReichsLabinetts.
Gestern beschäftigte sich das Reichskabinett wiederum mit der oder schlesischen Frage. Heule wird das Kabinett über die neuen Steuern beraten.
Das Loch im westen.
Staatssekretär Hirsch teilte im Reparation»» ausschuß mit, daß bezüglich des sogen. „Loches im Westen" mit der Gegenseite demnächst V e r • Handlungen über gewisse Erleichterungen statt- slnden tverden.
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Rathenau über die Wiedergutmachungsleistnngen.
5m Reparakonsausschuß des Reichswirffchostsrats erklärte Minister Rathenau, daß die Verhandlungen mit Frankreich ununterbrochen fortgeführt werden. Bezüglich der Finanz ierung müßten Wege gefunden werden, um uns Stundungen zu ermöglichen, die dah-m ziehen, daß überschießende Beträge auf spätere Annuitätsleistungen angerechnet werden. Auch in der Preisfrage müsse man eine ausgleichende Grundlage zu finden suchen. 3m allgemeinen sei zu hoffen, daß man in nicht allzuferner Zeit zu einer grundlegenden Verständigung gelangen werde.
Der Wiederaufbau werde m Frankreich von den staatlichen Stellen energisch gefördert. Frankreich habe den Wunsch, den Wiederaufbau in einigen Jahren zu Ende $u führen. Für be deutsche Volkswirtschaft sei es deshalb von großer Bedeutung, wenn die Gold- lelftiungen in Sachleistungen umgewandelt werden könnten. Bei ben Leistungen müsse eine gleichmäßige Ver- teiJmug sowohl nach den Ländern wie nach Berufsständen erfolgen. Man müsse die Lefftungs- nerbänbe zu einem Selbstverwoltungskörper zusammenschließen, bei dem alle Aufträge zusam-menlaufen. Sm Uebrigen breche sich d'e Erkenntnis Bahn, daß die Abmachungen in irgend einer Form für uns trag&ar gemacht werden müssen, da dies die Ucberroinbimg der gegenwärtigen Produkt'wnskrffe und den gemeinsamen wÄschaftlichen Aufbau bedeute.
Die Sepiembertagung des Reichstages wird voraussichtlich nur von fehr kurzer Dauer fein. Wie vereinbart, soll der Reichstag am 6. Sept, zuscummwreten, um die Mitteilung der Regierung über die Steuergesetze entgegenzunehmen. Er sott jedoch mir bis zum 10. September tätig sein und sich dann roteber bis Mitte Oktober vertagen.
Man hofft, daß die e r st e Lesung der Steuergesetze in dieser Zeit bewältigt werden kann Der Steu er aus schuß wirb sich dann sofort eingehend mit dem Vorlagen zu befassen haben und sie in der Zwischen,zell bis zum Neuzusammentritt des Parlaments für die 2. Lesung vorbereiten.
Die Kommunisten befinden sich ob dieser Arbeitseinteilung in einer unbegreiflichen Aufregung. Die „Rc-te Fahne" ftreibt nämlich zu diesem Plane: „Mr Kommunisten werden zu diesen allzudurchsichtigen Plä
sich von innen bie Türe vm, selbst und freudig meckernd stürzte der Gersback heraus.
Mit lautem Schreckensschrei stoben bie Besucherinnen zum Haus hinaus, her Geisbock ihnen nach und diesen wieder folgte, immer laut „Hans! Hans!" rufend, Joseph. Doch Hans wollte die errungene Freiheit ge. nießen — ihn brachte kein Ruf zurück. So ging die wilde Jagd fort, bis Sore und Marianne das Wirtshaus glücklich erreicht hatten und hinter ihnen die Haustüre krachend in das Schloß fiel. Jetzt erst hörte der Missetäter Josephs verzweifelte Lockrufe und ließ sich heimführen.
Tränen standen Joseph im Auge, als er daheim in die Stube trat. Der neue, schöne Papierkragen war zerrissen: auf dem fr fdjcn, weißen Bettuch hatten die anderen Hühner nun auch gleich ihrem Hern, und Mei. fter ihre Karten hinterleg! und zu all dem halte nun all dies die Mutter gejehen. Er fürchtete Fragen, Vorwürfe, viell-icht sogar Zankworte; die Mutter aber i fragte bloß nach ben Stiefeln, bie die beiden Mädchen gebracht haben sollten, und als Joseph keine Auskunft ! darüber zu geben mußte, verließ sie schweigend die Stube und verlor kein Wort mehr über die ganze Sache.
Vierzehn Tage waren seitdem dahin. Lore und Marianne rüsteten sich zur Abreise. Tagtäglich war Jcbph mit ihae,, zwammen aewelen. Gr saß 'chon Ta. gesanbruch auf dem Schusterstuhl bei der Arbeit, um . für abends Zeit zum Besuche im Wirtshaus zu ge»
i roinnen.
- Die Muller fragte ihn nie mehr, wenn er von dort kam. Ein einziges Mal wollte sie wissen, wie lange
! die Mädchen noch bl eben, und als er es ihr gesagt hatte, war sie wieder still gewesen Heule sollte der letzte Abend fein. Joseph war bo Herz schwer — er , fühlte schon jetzt das Trennungs ■ h sich regen. Ge.
bankenversunken saß er bei her Arbeit. Ov wohl auch Lore seiner noch gedenkt, ist sie mal wieder fern; ob sie es ahnt, daß feine treue Freundschaft mehr al« Freundschaft ist?! Warum muß er ein armer Schuster (ein ■ und sie die stoize. schöne, reiche Lore! —
Sie trar besonders während der letzten Tage ans. nehmend lieb gegen ihn gewesen. Oft, wenn sie ihn
nen dcr Rcichsregieruug urD ihrer Trabanten auch noch ein gewichtig.'s Wörttcin mitzureden haben." Die Kommunisten hüllen cs nich! nölig gehabl, dies aus» driicklich zu betomn, tenn wir find dcr Meinung, es fei im deutschen Parlament imrrer fo gewesen, daß jede Partei ihr Wörtlcin mitg.'redet hat, und wenn sie sich dabei allein von sachlichen Gesichtspunkten leitm ließ dann ist man sicherlich um ein gut Stück vorwärts gekommen. Aber diese zynische Bemerkung des Leid- und Magcnorgans der kommunistischen Partei bedeutet ganz etwas anb.res, als den Ausdruck etwa des Wunsches einer objektiven Mitarbeit. Ties können sie überhaupt nicht, wcil es ihrer Natur wesensfremd ist. Haben sie doch felbst immer betont, daß sie ins Parlament gegangen sind, um der Parlamentsor- beit Knüppel in den Wog zu legen. Nun, die Herren Kvmmuniften mögen sich beruhigen. Man wird ihnen ihr „gcwichliges Wörllein" weder ab» schneiden noch übet nehmen.
Der soMdemokr. ProgrammeniNUy ein schwerer KehlHrlff.
Nicht nur von einigen wenigen Köpfen der mehr- heitssozicttdemokratischen Panei und nicht nur int links von der Mehrheitssozialdemokrati,- stehenden gegnerischen Lager ist der sozialistische Programmenlwurf einer scharfen Kritik unterzogen worden. Auch d i fl mehrheitssozialistischen D r g a n i (a t i o», nen im Lande haben die Vorlage fast alle, soweit sie dazu Stellung genommen habe, abgelchnt. Ob diese Kritik gerechtfertigt ist ober nicht, ist nicht unsere Aufgabe zu enischeiden. Die Mehrheitssozial, dernokratie hat sich jed-enfalls die Arbeit leichter gedacht, als sie in Wirklichkeit ist. Die vielen Widersprüche mögen ihr bewicsen haben, daß sie mit d e r Veröffentlichung des Parteiprogramms all» zu rasch bei der Hand gewesen mar. Und so sieht sich denn beispielsweise Max Quart! veranlaßt, in aller Offenheit den Programmcntwuef und seine allzuraiche Veröffentlichung in so eiliger und unserü- ger Gestalt als einen schweren Fehlgriff zu bezeichnen. Er ist der Ansicht, daß die Verständigung für dieses Jahr über das Programm wohl nicht mehr zustande kommen werde und er tröstet sich damit, daß dies bei einem Programm, das den W i e d e r Zusammenschluß befördernd und längere Zeit als Lenstem dienen soll, kein Schadm sei. Hier zeigt sich eins mi| Deutlichkeit: nicht allein formelle oder auch inhaltlickfq Bedenken sprechen mit bei der Kritik am soziaffstii schm Programm, die sich aus eigenen Kreisen erhebt, fonöem auch der Gedanke der Wiederver<( e i n i g u n g. Daß die „Freiheit" den Prograrnment- wurf in Grund und Boden verdonnert hat, scheint dem- nach auch nicht ganz ohne Einwirkung geblieben zu sein. Vor Görlitz wird cs also wohl nicht zu einer fruch'baren Beendigung dcr Diskussion ütrr das Programm kommen und damit sü-eint das Schicksal des Entwulfs zunächst besiegest. Er wird einem ander» weichen müssen.
Zsziüles.
Zufammenfchluß der Arbeller- und Deamlenorganifakionen.
Die Verhcmdlunaen zwischen dem Allpemeinrn Deutschen Gewerkschoftsbunde. dem A f a • Bunde und dem Deutschen Beamt en Hunde über die BkÄrmg einer Einheitsfront der Arbeiter, Angestellten und Beamten führten zu einem Zusammenschluß her Verbän>de auf folcrender Gnumdlnge:
Die drei SpltzenoreLnffstEvnen verpflichten sich, in der Wastnm gier gemeinsamen Arbeiterinteressen zusammen» zuwlrken. Die beteiligten Verbände stchen auf dem Boden der demokratisch-republikanisch en Verfassung des Deutschen Reiches. Sie verpflichten sich, feder Verletzung dieser Verfassung im Reich uir.ä in
fo schelmisch angeläch'lt, war er versucht gewesen, Nn- mögliches zu glauben — zu glauben, daß sie fein Em. pfinden teile, bis sie bann, ihre Laune plötzlich wech. selnb, kalt und unnahbar stolz ihm wieder gegenüber, stand und er bie weite Kluft, dir zwischen ihnen uiu überbrückbar lag, nur allzu deutlich fühtte.
Diesen Abend wollte er mit Lore nochmal zum Ro. senbusch am Weideanger gehen.
Marianne war die letzten Tage oft lesend daheim geblieben. Es war dies Joseph immer lieb gewesen. Ihre ernste, ruhige Art flößte ihm Scheu und Unbe» Hagen ein. Eher als sonst legte er heute die Arbeit aus der Hand und sorgfältig prüfte er verstohlen nach, mal sich und seinen Anzug im Spiegel, bevor er ging.
Lore schaute schon zum Fenster herab und winkle Ihm zu. Mit einem Buche im Arm erschien sie gleich darauf unter der Tür und ließ sich von ihm zum Weide» anger führen. Marianne war nicht mitgefemmen. Lebhaft plaudernd, schritt Lore voraus, da blieb sie mit ihrem leichten Kleidchen an eiwr Hecke hängen — ein Teil des duftigen Gewebes blieb dort zurück. Er. schrecken besahen sich beide ben anc^r chtrtcn Schaden. „Haben Sie keine Stecknadel bei sich, Joseph?" fragt» Lore.
„Ich hab' schon eine, aber die will ich Ihnen nicht geben."
„Aber warum doch?"
„Die Leut' sag'n, wenn jemand von einem andern a Stecknadel nimmt, dann wird man ernstlich bös.* Lore lochte lau» auf.
„Aus diese Gefahr hin dürfen Sie m'r die Nadel neben; wir werden nie' bös, weil wir nicht roolleru Alfa, b-tte. Sie Klein icr — die Nadel."
„Ich geh' d>e Rodet , her!"
„A!> - da« ist doch zu butrm; bann muß ich h'im.* „B'eib-n S' i"o; ich will die Nadel hergeb n. Aber Sie müssen tcv-'n, wenn Ich Sie Ihnen in d'e Hand leg', und •tir siefelbe Nadel wieder zurückstell'n, wenn Sie heimfommen.“
„Das soll dann wohl dir Wirkung abschwächen?* „2a!"
(Fortsetzung folgt.)