FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.
fit. |68.
LeraMworlliH tür den ceüauionellen Teil: Dr. Kramer. - für die Anze,gen: I. Parzeiler-Fulda. - Rot allons druck u. Lerlag der Fuldaer Acliendnrckerei in Fulda, ^ermmecker Nr. U. Teleor.-Adreffe: Fu Idaer Zeitung
Montag, 25. Zuli )92|.
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48. Zahrg.
Was können wir dabei tun?
Während Frankreich und England sich streiten, steht Deutschland als duldendes Opfer da. Es handelt sich bei diesem diplomatischen Turnier um Deutschlands Zukunft, und wir haben keine Machtmittel, die wir in die Wagschale des Schicksals werfen könnten.
Kein Mittel der Macht! Aber bleibt unS sonst gar keine Möglichkeit zur eigenen Rettung etwas gu tun?
Um die Antwort auf diese Frage zu finden, muffen wir uns klar werden, durch welche Mittel es uns bisher gelungen ist, das schlimmste Verderben abzuwehren.
Die Gewaltpolitik, die von Briand und seinen Genosien jetzt mit einer gewissen Verwegenheit betrieben wird, ist im Grunde nichts neues, sondern die folgerichtige Fortsetzung des Vernichtungsfeld- zuges, den die Franzosen seit Abschluß des Waffen- stillstandes eingeleitet hatten gemäß dem drastischen Ausspruch von Clemenceau, es gebe 20 Millionen Deutsche zu viel auf der Welt. Um diese lästige Ueberzahl zu vermindern, setzten die Franzosen in dem sog. Friedensvertrage von Versailles so beträchtliche Verstümmelungen Deutschlands und so roeit- gehende Okkupationen durch, wie sich die Verbündeten nur ab-rotzen und ab listen ließen.
Ob er sch les i en und das Ruhrgebiet hätten sie gar zu gern sofort ampnsiert; aber dieses Doppelziel ließ sich nur auf Umwegen erreichen. Für Oberschlesien mußte man die Volksabstimmung vorsehen; doch wurde diese Abstimmung so verklausuliert und durch eine andauernde Okkupation mit vorwiegend französischen Truppen so vorbereitet, daß die Franzosen und ihre polnischen Günstlinge ans eine Niederlage der Deutschen rechneten. Das Ergebnis der Abstimmung war eine Enttäuschung, aber dennoch wurde der Versuch fortgesetzt, die oberschlesische Industrie dem deutschen Mrttterland zu entreißen. Der dritte Aufstand sollte diesem Zweck dienen und als auch der Terror nicht ausreichte, warfen sich die französischen Staatskünstler auf die Verschleppungstaktik, die jetzt in der Reibung mit England ausläuft. Mit allen möglichen Kniffen und Pfiffen soll die Entscheidung verzögert werden, bis die Verbündeten für die politische Lösung würdig gemacht sind.
Deutschland soll keine Kohlen- und Eisenfelder behalten, weder im Westen noch im Osten. Daher daS stetige Bestreben der Franzosen, einen Vorwand für die Besetzung des Ruhrgebietes zu finden. Als die Londoner Konferenz verkracht war, schien der geeignete Zeitpunkt für diese Eroberung gekommen zu sein. Bei Düsseldorf wurde die Einleitung gemacht. Aber aus Rücksicht auf die Verbündeten mußte man erst noch ein Ultimatum einschieben. Und da war es für die marschbereiten Franzosen eine unangenehme Wendung, daß die deutsche Regie- Sng sofort das Ultimatum glatt annahm und dann
! Verpflichtungen aus dem Ultimatum prompt erfüllte. Deshalb wurden jedoch die französischen Sanktionen am Rhein keineswegs rückgängig gemacht; sie werden auch heute noch aufrecht erhalten in der Hoffnung, daß die Fortsetzung folgen kann und zur vollen Okkupation des Ruhrgebietes sich ein Anlaß finden wird.
Daher die planmäßige Reizung der deutschen Geduld und die Spekulatwu auf einen .Zwischenfall", der sich am Rhein oder an der Oder zu Ungunsten Deutschlands ausbeuten ließe. Bisher hat sich weder das deutsche Volk zu einer Unbesonnenheit hinreißen, noch sich die Regierung auf einer Versäumnis ertappen lassen. Also widersetzt sich Frankreich mit allen diplomatischen Kräften der sofortigen Regelung der schwebenden Fragen, sogar auf die Gefahr eines Biuches mit den Verbündeten hin.
Der Gänfebub.
Fränkischer Dorfroman von Dino Ern st berge r.
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-Nein, nein! Ich will gewiß nicht mehr von Verstorbenen reden."
»Warum denn von Verstorbenen?"
-Das ist Ihnen ja verhaßt, weil das sentimental is." Lore lachte laut auf.
-Man kann über Verstorbene sprechen und braucht deshalb doch nicht sentimental zu sein. Unter sentimental versteht man übertriebene Empfindelei; allzu viel Gefühl. Verstehen Sie mich nun, Joseph?"
.Ja, und ich will immer nur Lustiges reden, damit Sie recht lange im Dorfe bleiben.“
„Möchten Sie das gern?"
.Ich hab' mich jahrelang danach g'sehnt."
„Aber wir können ja doch beide nicht mehr die Gänse hüten wie damals."
„Nein! Mutier hoi auch gar keine Gänse mehr: aber ich darf vielleicht manchmal mit Ihnen gehn und Ihnen schöne Spazierwege zeigen."
„Sieh da mal einer den Herrn Joseph an," neckte Lore lachend. „Er weiß sich $u helfen Nun gut! Wir erwählen Sie feierlichst 5U unserem Führer und Be- gleitex während unseres Hierseins. ®Sie können gleich morgen abend ihr neues Amr antreten. Nun tragen Sie ober Ihren Bierkrug heim, auf den vielleicht 'chon lange bierdurstige Seelen mit Sehnsucht warten. Mor- gen bann sehen wir uns wieder."
Wie im Traume kam sich Joseph vor, als er mit dem Bterfrug daheim in die •Stube trat.
.Das hat lang’ dauert Joseph! Bist wo aufg'halten worden?" fragte ihn die Mutter.
.Ang'stochen is worden." erwiderte Io'eph stockend ’ und warf einen forschenden Blick in den kleinen erblin. ■ beten Spiegel an der Wand. Unmutig über 'ein Spte- 1 getbilb. setzte er sich schweigend neben den $-uher auf die Dank am Tisch und begann langsam einen dampfen, den Kartoffel zu Wjaie-i. i
AuS dem Rückblick und Umblick erg bt sich für uns, daß wir in derselben Haltung verbleiben müssen, die uns bisher vor den geplanten Beraubungen bewahrt hat. Wenn wir das Ultimatum nicht in Wort und Tat angenommen hätten, so wäre gewiß Oberschlesien schon heute polnisch und das Ruhrgebiet von den schwarzen und weißen Soldaten des Marschalls Fach be etzt. Wenn das deutsche VolkdieGeduldverlieren oder eine Negierungskrisis die Erfüllung des Ultimatums stören sollte, so würden die Franzosen das als einen Triumph begrüßen und ihren alten Plan du>Hetzen, Deutschland seiner beiden großen Quellen von Kohle und Eisen zu berauben, die beutidje Volkswirtschaft lahm zu legen, den besiegten Nachbarn vollständig niederzuwerfen und zum Verderben in Elend und Not zu verurteilen.
Daraus ergibt sich die zweifache Nutzanwendung: Erstens müssen wir die Geduld, die Selbstbeherrschung bewahren, wenn es uns auch noch so schwer gemacht wird.
Zweitens müffen wir uns um die Regierung schaaren und bereitwillig dieerforderlichenOpfer bringen, damit keine Unterbrechung in den übernommenen Leistungen eintritt.
Opfer sind erforderlich, und zwar nicht bloß Opfer an Steuern, sondern auch Opfer in der persönlichen Haltung rtnd in der parteipolitischen Betätigung. Die strengste Selbstzucht ist gegenwärtig die zwingendste Bürgerpflicht, denn jede Uebereilung und zeder Seitensprung könne zum Verderben des ganzen deutschen Volkes und zum Triumph der Nachfolger Clemenceaus ausschlagen.
Die französische Truppensenönng nach Oberschlefien.
Frage und Aniwork zwischen Laurenl und Dr. Rosen.
Der französische Botschafter hat den Reichsmmister des Auswärtigen Dr. Rosen gefragt, ob die deutsche Regierung erklären wolle, daß sie bereit fei, die nötigen Vorkehrungen für den Transport einerfranzösischen Division zu treffen, die die französische Regierung nach Oberschlesien zu senden beabsichtige.
Der Reichsminister des Auswärtigen hat dem französischen Botschafter die nachstehende Antwort erteilt:
Herr Botschafter, bei unserem heutigen Gespräche hoben Sie mir mitgeteilt, daß Me französische Regierung entschlossen sei, eine Division Hrftstruppen durch Deutschland nach Oberschlesim zn schicken, und haben hieran die Anfrage geknüpft, ob die deutsche Regierung bereit fei, die nötigen Vorkehrungen für den raschen Transport dieser Truppen durch Deutschland zu treffen.
Nach Rücksprache mit dem Herrn Reichskanzler Wirth beehre ich mich hierauf mitzuteilen, daß die deutsche Re- gierung bereit ist, bezüglich der Transporte von Truppen der alliierten und assoziierten Mächte den Bestimmungen des Versailler Vertrags in jeder Weise nachzukommen. Indessen kann nach ihrer Auffosiung ein Ersuchen um Beförderung von Truppen nach Oberschlesien nicht von einer her drei Mächte, hn eigenen Namen, sondern nur im Namen der Gesamtheit der drei Mächte, welche die Besetzung Oberschlesiens ausführen, gestellt werden. Ich darf Euere Exzellenz daher um eine geneigte Mitteilung darüber bitten, ob das Ersuchen in diesem Falle im Namen der drei Okkupationsmächte gestellt ist.
Die deutsche Antwortnote.
Gleichzeitig mit obigem Schreiben des Reichsrnini- sters des Aeußern ist dem französischen Botschafter die Antwort der deutschen Regierung auf die Rote
Die Mutter beobachtete ihn über den Tisch herüber von der Seite,
„Warum bist denn so still, Joseph?" sprach sie endlich, „weißt denn gar nix zu erzählen? Sind Dir viel, leicht a paar ihre Stiefel schuldig blieben?"
„Wa! Ich hab' ganz b’rauf vergessen, daß ich Dir das Geld geben hab'. Da is — alle haben's zahlt!"
Er griff in die Hosentasche und zählte vor die Mutter das Geld hin auf die Tischplatte.
„Warum bist denn so still; js Dir net gut?" forschte die Mutter weiter.
„A net! Ich hab' nix! — Doch halt — drunten im Wirtshaus sind Fremde kommen und die soll ich morgen schöne Spazierweg' führen. Muß ich halt in der Früh' a bleie eher aufstehen, daß ich kei Arbeit net versäume."
„Warum sollst Du denn grab’ die fremden Leut' rumführen. Beim Wirt habens Kinder g'nug dazu und soll's o Großes tun, so gibt's a noch andere Leut' wie Dich. Deswegen brauchst Dir ka Gedanken machen, Io. seph. Du führst sie eben einfach net rum."
„Ich hab's schon versprochen, Mutter."
„Dann soll's der Peter tun; der versäumt net so viel."
So verschwenderisch viel Seife wie an diesem Morgen Hatto er in feinem ganzen Leben noch nicht verbraucht, und die Haare waren gescheitelt und gekämmt — so egal und hübsch, als hätte bex erste Friseur baran mühevoll gearbeitet
Als bie Mutter ungewaschen unb ungekämmt bar. fuß in schweren Holzpantoffeln, aus ihrer Kammer trat, war sie nicht wenig überrascht, ihren Aeltest.-n schon im Sonntagsstaat pfeifend vor der Türe stehen zu sehen.
„Is schon so weit? So viel hab' ich verschlafen? Warum hast mich denn net g'weckt?" rief sie erschreck!.
„Es is ja noch net spät. Ich bin nur heut' eher auf. g'standen; ich hab net gut gWafen."
„©eU! Ich hab's gestern schon g'merkt, baß Dir was Is. Wirst boch net krank werben!"
„Krank? Na! Aber a blßle frische Luft könnt' nix schade'!. Ich geh' c hißte durch- Dorf, Wutt-r
der französischen Regierung vom 16.
I u ti übergeben worden. . *
In der Note heißt es:
Die deutsche Regierung ist durch den Schritt des französischen Botschafters vom 16. Juli überrascht worben Die deutsche Regierung hält es für unmöglich, daß die erhöbe- nen Vorstellungen hätten erfolgen können, roenn_ bie französische Regierung über bie tatsächlichen Verhältnisse in Oberschlesien zutreffend unterrichtet gewesen wäre. Die Lage in Oberschlesien ist in keiner Welse durch das Verhalten der deutschen Bevölkerung bedroht. Die französische Aufzeichnung verweist auf angeblich „ungeheuerliche Aeußenmgen und unmittelbare Herausforderungen des Generals Höfer", welche die Schwere des in Oberschlesien vorbereiteten Angriffs bestätigen sollen. Die deutsche Regierung wäre dankbar, wenn sie hierüber nähere Informationen erhalten könnte. Die fron, zösische Aufzeichnung spricht weiterhin von deutschen Banden. Sollten mit dem Ausdruck „Bande" die früheren und inzwischen aufgelösten deuffchen Selbstschutzformationen gemeint sein, so muß diese für Verteidiger des Heimatbodens entwürdigende Bezeichnung mit Entschiedenheit zui-öck^ewiesen melden.
Die Aufzeichnung beschwert sich ferner über beut, fche Attentate, welche befonbers gegen franzöfflche Truppen unb Beamte gerichtet feien. Hierzu bemerkt die deutsche Note u. a.: Die Ermordung des Majors Montalegre ist nach den hier vorliegenden Nachrichten nicht von beuffcher Seite erfolgt. Die in bet französischen Aufzeichnung aufgestellten Behauptungen über bett beuffchen Selbstschutz sind nicht zutreffenb. D!e beutsche Reaierung muß bie Verantwortung für bett oberschkesischen Selbstschutz ab 1 ehnen. Die beut« sche Regierung hat bie in bas unbesetzte Deutschlanb übergetretenen Telle bes Selbstschutzes von ben aufie. stellten Schuszpolizeikommondos entwaffnen lasten. Die französische Auszeichnung behauvtet ferner, daß bie Oberleitung bes Selbstschutzes an Ort unb Stelle geblieben sei, unb baß General Höfer sich in Brieg be. fittbe. Dies ist nicht ber Fall. Während fotnit eine Gefährdung des Friedens von beuffcher Seite keines, wegs zu befürchten ist, besteht bie ernste Gefahr, daß von polnischer S ei te erneut versucht wirb, bas Ziel zu erreichen, das in drei Aufständen vergeblich angestrebt wurde. Die Räumung bes Gebietes burch bie Polen ist nur zum Schein erfolgt. Die Waffen finb versteckt, die infolge ber Amnestie straffrei oebliekenen polnischen Führer stehen auf ihren Posten. Die Mann- schäften, bie nach ihren eigenen Angaben nur auf einige Wochen beurlaubt sinb, warten nur auf ben Befehl zu neuem Losschlagen.
Auch bie SBerroaltungsbefugwtffe haben die Insurgenten nur zum Teil tmb auch bann m-chr nur zum Schein als in Wirklichkeit, an bie Interalliierte Kommission abgegeben. Wie sehr sich bie polnischen Insurgenten als Herren 8-s Laubes fühlen, zeigen in vielen Gegenden die Mißhandlungen unb Verschleppungen deutschgesinnter Leute. In Schmmimh besteht noch heute bas Hauptquartier Kor. fantrs in Gestalt einer (»genannten Hauptli. qutbattonsfomm:fiion. Die beutsche Regierung gibt sich der Hoffnung hin, daß die französisch? Reoieruna auf Gründ der obiaen mtsächlchen Richtigstellung zu ber Ueberzeugung gelangen wirb, baß von bet „Gefahr eines deutschen Aufstandes ober von »wer devtsrl en Drohung" n i ti) t gesprochen tnerben kann. Sie ist ferner ber Ansicht, daß die Vermehrung bet fron» züfffcken Streitkräfte schwerlich tau; beitragen würde, bie Lage in Oberschlesien zu beruhigen. Die beutsche Regierung hat baburch. baß sie das Ultimatum Mett nur angenommen hat, sondern auch in feiner Ausführung schon weit fortgeschritten ist. ben Beweis geliefert, daß ihre Orientierung aus Frieden und nickt auf kriegerische Abenteuer gerichtet Ist. Die beuffche Regierung wird nach wie vor in biefetn Bestreben sentfahren. Die Durchführung bes Friedensoertrages hängt aber u. a. davon ab, ob es gelingt, die Polen dazu zu bringen, ihrerseits den Friedensoertrag zu achten, von dem Streben nach unrechtmäßigen Zielen Abstand zu neh- men und auf die Anwendung aller Mittel ber Gewalt zu verzichten.
Die Franzosen toben.
Der „Temps" bespricht in seinem Leitartikel die Verhandlungen, die in der letzten Woche sowohl m i t
Die Mutter schüttelte bedenklich den Kopf unb sah Joseph nach. „Was für a schöner, flotter Bursch ber Joseph is, wenn er sein Sonntagsstaat an hat. Kein Wunder, wenn ihm alle Möble nachloufen", bachte sie bei sich, tmb ausseufzcnb sprach sie laut: „Er wirb mir doch net krank werden, mei Buk er kommt mir so verändert vor!"
Joseph war die Dorfstraße hinabgegangen; beim Wirtshaus verlangsamte er feine Schritte. Sein Blick war zu den beiden verhängten Fenstern an der Giebel- feite bes Hauses emporgcrichtet. Es waren bi es bie Fenster, wo Lore als Kind immer ben Spielgefährten erwartet. Ob sie wohl hinter jenem verschlosienen Fenster noch fchlief?
In ber Wirtsstube waren alle Fenster offen; eine Magd kehrte bie Stube aus. Mit verschlafenen Augen starrte sie Joseph an, ber eben vorüberglng. Sonst würdigte Joseph bie schmutzige Magb ’ keines Blickes; heute rief er ihr von weitem recht laut unb vernehmbar „Guten Mor"-n!" zu. „Jesies, Joseph, hast mich aber erschreckt", kicherte fie geschmeichelt unb trat an bas Fenster. In ihrem Herzen jubelte es, sie glaubte, ber frühe Besuch Josephs könnte ihr gelten. Unb Joseph stellte sich bereitwillig zu ihr. Den Blick ständig auf bie beiden Fenster oben gerichtet, begann er sofort bes Gespräch auf ben fremden Besuch zu lenken. „Die hören net, was wir sagen, brauchst ka Angst net $' hab'n", sprach die Magb zu Joseph, sein Aufsehen zu ben Fenstern nach oben mißbeutend- „Die zwa stehen vor 8 Uhr net auf, bie schlafen fest."
Jetzt, ba Joseph wußte, daß Lore noch schlief, verabschiedete er sich auffallend rasch und kurz von ber gesprächigen Maib und ging wieder seiner Behausung zu. Die Zeit, bis bie Turmuhr enblich bie achte Stunde schlug, dünkte ihm eine Ewigkeit.
Noch einigemal ging er bann am Wirtshaus vorbei; mehrere Kameraden gesellten sich zu ihm — von Lore sah er keine Spur. Schon läuteten die Glocken zum Gottesdienst; die Straße belebte sich mit frommen Kir. chengängern; auch Joseph ging mit feinen Kameraden Aur Kirche.
der englischen als auch mit der deutschen Regierung in der oberschlesischen Frage gepflogen wurden. Deutschland erkläre, daß ber Selbstschutz von Oberschlesien in einem Bezirk operiere, der seiner Verwaltung entzogen fei. Die deutsche Regierung habe am gleichen Tage dem französischen Botschafter erklärt, sie weigere sich, eine französische Verstärkung sdivision zu transportieren. Sie verzögere, also oder verhindere eine Maßnahme, die dazu geeignet fei, die französischen Truppen in Oberschlesien zu sichern. Sie versperre also dem Gendarmen den Weg. das Deutsche Reich sei also von heute ab für alles das verantwortlich, was den französischen Soldaten in Oberschlesien zustcßen könne.
Das „Petit Journal" nennt die deutsche Antwor! eine Note, die schlechten Willen bekund« und die durch ihren unverschämten Ton an die schlimm- ften Erklärungen Bethmann Hollwegs und Kühlmanns erinnere. Man spekuliere in Berlin auf einen Konflikt zwischen London und Paris. Das fei ein psychologischer Irrtum.
Der rechtssozialistische „Bon Soir" schreibt: D:e unverschämte Antwort Verdeutschen Regierung erkläre sich aus der Verschiedenheil der Haltung von Frankreich und England. Aber Deutschland hab« noch einmal Unrecht, sich einzubilden, daß diese Meinungsverschiedenheiten in der oberschlesischen Frage eine endgültige Uneinigkeit bedeuteten. Die Er- flärung beweise, daß Deutschland bei derartigen Umständen falsch spekuliere. Der „Don Soir" hofft auch, daß die deuifche Antwort Lloyd George die Auge» öffnen werde.
weitere deutsche Zahlungen.
Der „Temps" erflärt, die deuifche Regierung hab« wissen laßen, daß fie in der Lage sei, zwei weitere Zahlungen im Betrage von 71 Millionen Gold mark in verschiedenen europäischen Währungen zi leisten. Hierdurch werde sich der Ende nächsten Mo nats fällige Betrag auf 654 Millionen Goldmart herab mindern.
Gibt es einen „Medensvettrag" von Versailles?
Die obige Frage scheint aüf den ersten Blick außen ordentlich merkwürdig. Tatsächlich aber gibt es ken Werk, das den amtlichen Titel „Vertrag" fuhrt. Sit englischen und französischen Text des Friedensdiktates, die ja allein amtlich sind, heißt die Ueberfchri^ „conditions of peace" bezw. „condilions de paix" Be dingungen des Friedens! Das Kennzeichen eines Vertrags ist die gegenseitige Bindung, die auch den Schwächeren einen Rechtsschutz verleiht. Bei den Friedensdiklat ist davon keine Rede. Deuffchlanj werden die schwersten Verpflichtungen und Bedingun. gen auferlegt, die Entente behält sich völlig freie Hanj vor; es geht dies ganz klar aus den im Wortlaut jol, genden Artikeln hervor.
§ 241. Deutschland verpflichtet sich, alle Gesetze Bestimmungen und Verordnungen zu erlassen, zu ver künden Md in Kraft zu lassen, die etwa nötig sind um die vollständige Erfüllung der gegenwärtigen Ab machungen zu sichern.
Anhang II. § 10. Die interalliierte Wiedcrhcv stellungskommission prüft alle Beschwerden und gib der deutschen Regierung angemessene Gelegenheit, ge hört zu werden, ohne daß diese in irgendeiner Forn an den Entscheidung^ der Kommission teilnehme, dürfte.
Anhang II § 11. Die Kommission ist durch keine Gesetzgebung, durch kein besanderes Gesetzbuch uni durch keine Sonderbestimmung über Untersuchung unj Verfahren gebunden, sie soll sich leiten lassen von bei
Teilnahmslos sah er oben von ber Empore aus hinab in das kleine, armselige Kirchlein.
Plötzlich ging eine auffallende Bewegung durch bi» Reihen ber Andächtigen unten; alles reckte neugierig die Köpfe nach ber Türe hin. Auch Josephs Blicke folg, ten ber Richtung; Lore trat eben mit ihrer Gefährtin in bas Schiff ber Kirche. Stolz schritt sie mit Marianne vor bis zu ben Chorstühlen neben dem Altar unb nahm dort Platz — ganz an derselben Stelle, wo sie einst mit ihrem Papa immer kniete. Aller Augen folgten ben beiden hübschen Mäbchengestalten- Do„ der Empore herab blickte Joseph unverwandt auf bie buftige, weiß gekleibete Figur seiner ehemaligen Spielgefährtin. Alle Erinnerungen ber Jugendzeit stiegen auf vor feinem Geiste. Er sah sich wieder spielend auf dem Weidanger neben der kleinen Lore sitzen mitten unter seinen Gänsen; er fühlte die weiche, zarte Kinderhand, wie sie dir wirren Haare ihm oft aus der Stirne strich; er hörte sie wieder, |ene silberhelle, frohe Kinderstimme und da- übermütige Lachen. —
In heiterer Stimmung kam Joseph heim Sein erster Blick galt wieder dem ti inen SpiegU. Diesmal ent. lockte ihm sein Spiegelbild ein befriedigendes Lächeln. Die Muller kam aus der Küche mit einer Schüße! großer, dampfender Kartoffelklöße und einer winzigen Portion fetten Schweinefleisches in einer kleinen Pfanne. An den Werktagen gab es nie Fleisch; Klöße, Brei, Kartoffeln — dos waren da die täglichen Gerichts. Sonntags aber bekam ein jeder zur Feier des Tages noch ein Schnittchen Fleisch.
Peter saß bereits in froher (Erwartung des seltenen Genußes am Tisch und klapperte ungeduldig mit dem Löffel, als die Mutter mit dem ersehnten Fleischpsänn. chen in bie Stube trat. Wenn auch bas Fleiich ein gar kleiner Bißen war, ber Peter zufiel, bie Brühe zu ben Klößen schätzte er fast noch mehr. Da konnte man boch eßen, soviel man wollte.
Es war Sitte im Flickichusterhaus. daß während des Sonntagsdiners nochmal die Predigt burchzesprochen würbe. Auch heute wallte bie Mutter wißen, worüber ber Pfarrherr gesprochen hatte. Peter hatte bereits ben größten Kloß im Teller unb taute mit vollen Backen.