Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 165.
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Donnerstag, 2L Zutt )92L
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48. Zahrg.
8ranz Hitze, der Altmeister der Sozialpolitik, f.
In Bad Nauheim ist der ReichstazSadg. Prof. Dr. Hitze nach längerer Krankheit, getroster durch em außerordentlich warmherziges Segcnsichrerben des Hl. Vaters, rm 7L Lebensjahr gestorben.
Am 16. Mürz d. 3. hat das katholische Dctusch. tmi> den 70. Geburtstag Prof. Dr. Hitzes gefeiert- Damals sprach auch die „Fuld. Ztg" in chrcm Ge- ^urtstagsaufsatz für den Altmeister christlicher Sozial« tolitif den im ganzen katholischen Deutsch!om> ßPtol* ten Wunsch aus, daß Hitzes unersetzliche Arbettskros- )em Vmerlande und der Partei noch recht lange Erhalten bleiben möge. Dieser Wunsch ist nicht m Er- Mung gegangen, Franz Hitze ist nicht mehr, grälich wird sein Name, sein Gedächtnis weiter leben im katholischen Volke, verbunden mit der Erinnermrg an die anderen großen katholischen Sozialpolitiker, deren Gedanken er verwirklichen half.
Franz Hitze war am 16. März 1851 zu Haucmicke, Rr. Olpe in Westfalen, geboren. Er besuch« das Gymnasium zu Paderborn, studierte in Würzburg Theologie und Philosophie, trat dann in das dortige Priestersemirrar ein und wurde 1878 zum Priester geweiht. Von Herbst 1878 bis 1880 war Hitze Kaplim am deutschen Campo Santo in Rom, seit 1880 Generalsekretär des Verbandes katholischer Lichustrieller und Arbeiterfreunde „Arbeiterwohl" in M.-lÄadbach. 1893 ernannte ihn die Mächteniche kachelisch-theologische Fakultät zum Ehrendoktor, Michaelis desselben Jahres erhielt er in Münster eine außerordentliche Professur mit dem Lchraustrag für christliche Gesellschastsichre unter besonderer Berücksichtigung der praktischen Seelsorge. 1903 erfolgte seine Ernennung zum ordentlichen Professor; bis zum 1. Oktober v. I. bchielt er dieses Lehramt bei. Die philosophische und naturwissenschaftliche Fakultät der Univcrsllät Münster und die juristische der Universität Löwen hatten ihn zum Ehrendoktor ernannt. Kirch- lichersetts waren seine Hohen Derdianste durch die Verleihung der Würtu eines Apo st. Protonolar s anerfamti worden. Bon 1882—1912 war er Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis M.-Gladbach und fest 1884 Mitglied des Reichstages für den Wahlkreis Geilenkirchen« Heinsberg-Erkelenz. 1919 wurde er in die Deutsche Ratioimlversammlung gcwähst und 1920 wiederum in den Reichstag gewählt; nahezu vier Jahr- -chnte hat er demnach als Parlamentarier gewirkt.
Sein Lebensideal, im Dienste Gottes dem Wohle dos Volkes zu dienen, besonders die Lage des arbeitenden Standes zu verbessern, fichrte Hitze schon als Student auf das Gcbl>?t der sozialen Tätigkeit. Sein erstes Werk „Die soziale Frage und die Bestrebungen zu ihrer Lösung" (Paderborn 1877) war aus Vorträgen entstanden, die er im Studen- lenveroin Unitas in Würzburg gehalten hatte. Während seines Aufenthaltes in Rom schrieb er fein bekanntes Buch „Kapital und Arbeit und Reorganisation der Gesellschaft" (Paderborn 1880). Diese Schriften stellten einen Versuch dar, ein katholischsoziales Programm wissenschaftlich zu entwickckn. Sie fanden viel Beachtung in sozialpolitischen Kreisen. Nachdem er 1881 als Generalsekretär die Leitung des im Jahre vorher von Franz Brandts gegründüen Verbandes „Arbeiterwvhl" übernommen hatte, widmete Franz Hitze sich seiner sozialen Aufgab« mit Hingebung.
Ein Hauptaugenmerk richte Hitze schon frühzeitig auf die Gründung von kath. Arbeitervereinen, für die er 1881 Grundzüge verfaßte. 3m gleichen Jahre befürwortete er auf der Katholikenversammlung in Amberg den Antrag zur Gründung von falt).
Der Sänsebub.
Fränkischer Dorfroman von Dina Ern st berge r.
3) * ----------
So verging der Sommeraufenthalt der kleinen Lore, «md als sie eines Tages von Joseph Abschied nahm, ge. fchah es mit der Versicherung, daß sie im nächsten Jahre wieder mitsammen auf dem Weidcanger Gänse hüten wollten. Beim Abschied bekam Joseph von Lores Papa dos Bild seiner kleinen Freundin zum Andenken. Dies Bildchen bildete von nun an Josephs ganzen Besitz.
Der erste und letzte Gedanke des Tages galt ihm.
In der Stube an der Wand, direkt neben dem kleien Hausaltärchen, hing die verblaßte Photographie ^«ner verstorbenen reichen Base. Si.e hatte sich einst auf ihrem Sterbebette des arme,, Flickschustervetters erinnert und ihm aus ihrem Nachlaße ganze fünfzig Mark vermacht. Man hielt das Bild der großmütigen Spenderin in hohen Ehren. So wenig als die Erinnerung an diese Erbschaft in der Familie des Flickschusters er. löschen konnte, ebenso wenig sollte die Base je vergesien werden. Zu jeder Mahlzeit, beim Morgen- und Abend» sauten wurde ihrer im Gebete gedacht.
Joseph besaß Schönheitssinn! Schon lange hatte er sich gedacht, daß es doch eigentlich viel hübscher wäre, wenn neben der Base noch ein Bild hinge; im ganzen Familienbesitze fand sich aber fejn Gegenstück. So ost er nun Lores Bild betrachtete, mußte er der leeren Stelle in der Wand neben dem Bilde der Erbbaie gedenken.
Wenn er doch nur wüßte, wie er es anfangen sollte, nm in den Besitz von so und so viel Geld zu kommen, Lores Bild beim Glaser so rahmen zu lassen a“ bas ,ber Base gerahmt worden war. Vergebens zerbrach er sich deshalb oft stundenlang den Kopf. Er interessierte sich nunmehr nur noch für Hochzeiten und Kindstaufen; Ine einzigen Gelegenheiten, wo er sich Geld zu verdienen wußte. Stand irgendwo ein derartiger Verdienst für ihn in Aussicht, so wich und wankte er nicht vom Platze, bis der ersehnte Geldregen niederfiel. Die ein Wilder kämpfte er da utfi seine Beute. An der Stelle, wo sein Icharfer Blick die meisten Geldstücke zur Erde fallen sah.
Arbeitervereinen. Innerhalb dreier Jahre entstanden dann auf feine Anregung ungefähr 100 Arbeitervereine, deren Präsides er mit Rat und Tat zur Hand ging. Damit war der Grund gelegt zu der starken, heute einen ganz Deutschland umspannenden Verband bildenden Arbeiter- und Arbesterinnenaerenisk-we»- gung. Auf dem so vorbereiteten Boden entwickelten sich nach kurzer Zeit die ch r i st l. Gewerkschaften. Hitze trat als Befürworter der christl. Gewerk- schösten in der Öffentlichkeit auf. Er wurde bald nach der Gründung des Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter in dessen Ehrenrat berufen und hielt als solcher im Jahre 1895 in Essen eine Rede über die Notwendigkeit der christl. Gewerkschaften, die von programmatischer Bedeutung war für d»: spatere Entwicklung derselben. Bis zu seinem Tode ist Hitze ein warmer Freund und Förderer der christl. Gewerkschaften ge- blieben.
Wie Hitz: bahnbrechend wirkte für die soziale Wohlfahrtspflege und die Organisation der christlichen Sir- beiter, so verdankt ihm nicht minder unsere ganze gesetzliche soziale Reform Anregung und prak- tische Förderung. Hier liegt eigentlich feine Lebensarbeit. Bei Beginn feiner politischen Tätigkeit Im Jahre 1882 war die Arbeiteroersicherung erst in ihrem Werden begriffen; er hat an ihrem Ausbau und chrer Vollendung unausgesetzt und erfolgreich gearbeitet. In Anerkennung seiner Verdienste wurde Hitze 1890 von Kaiser Wilhelm H. in den Staatsrat berufen, wodurch er die Gelegenheit erhielt, der ersten internationalen Arbeiterschutzkonferenz in Berlin dcizuwohnen und hier der Berater des Vertreters des Papstes, des Kardinals Kopp, zu fein. Seit dieser Zeit lebte Hitze fast mir noch für die soziale Reform, und dabei beschrankte sich seine Tätigkeit nicht auf die Fürsorge für die Arbeiter, sondern erstreckte sich auch auf die Jnteressen der Handwerker, des Mittelstandes und der Landwirtschaft. Namentlich an der Handwerkergefetzgebung mit ihren se- gensreichen Orgrniisationsvorfchristen hat Hitze hervorragend mitgewirkt, wie ja überhaupt die ©enterbe» gesetzgebung fein Spezialgebiet war.
Als Politiker war Hitze, wie ihm die „Köln. Dolksztg." nachrühmt, ein Muster von Pflichttreue, Fleiß und Disziplin. Der Zentrumszxtrtsi und ihren Grundsätzen hing er mit großer Begeisterung an. Seinem Gerechtigkeitssinn und seiner Liebenswürdigkeit gelang es oft, in der Fraktion Gegensätze zu über- brücken und zu versöhnen. Widerstände zu überwinden. „Mehr als einmal ist dieser Hitze der Fels in der Brandung der Parteilkidenschaften auch im eigenen Lager und das gute Gewissen des Zentrums gewesen," schrieb von ihm anläßlich seines 70. Geburtstages der Abg. Trimborn. Aber nicht nur in der eigenen Fraktion, sondern auch in anderen Fraktionen guwß Hitze außerordentliche Achtung und Sympathie.
Uns jüngeren Anhängern der christlichen Sozialpolitik ist Franz Hitze, deflen größte Leistungen um die Jahrhundertwende schon zum Abschluß gekommen waren, von vornherein so bedeutend und bahnbrechend gegenüber getreten, daß jene Vertrautheit nicht mehr aufkommen konnte, die man als schönsten Reiz des Verhältnisses zu Männern empfindet, die im Gleichschritt mit uns selbst den Weg zu den hohen Zielen verfolgen. Bei näherem Züschen aber stellt sich heraus, daß doch schließlich Hitzes Grundgedanke, der Gedanke der Versöhnung der sozialen Schichten durch christliche Liebe, das ganze Geheimnis derer ist, die in der neueren Zeit auf sozialpolitischem Gebiete arbeiten. 9htr daß vielleicht der Glaube, durch Gesetzesbestimmungen könne die soziale Frage gelöst werden, verblaßt ist und sich die Ueberzcugttng durchgefetzt hat, daß Er z i e h u n g und Wille zum sozialen Empfinden in den Bahnen katholischer Glaubenslehre der Schlüssel zur Lösung der Frage darstellt. Dr. Karl Sonnenschein und seine Freunde haben so die Gedanken Hitzes in eine
warf er sich — alle Hindernisse blitzschnell aus dem Wege räumend — platt nieder und bedeckte vorerst, ohne sich zu rühren, den geldbestreuten Boden mit seinem Körper.
Oft türmten sich da auf ihm Berge von fremden Ar. men und Beinen auf; manchmal hätte er laut aufschreien mögen unter der Wucht der zappelnden Last; er rührte sich aber nicht von der Stelle und wäre er auch zerdrückt worben. Erst wenn sich endlich der unentwirrbar schei- nende Knäuel von menschlichen Gliedmaßen wieder ge. löst hatte, hob re langsam einen Körperteil um den an. dorn in bie Höhe, um die verborgenen Schätze in Sichre, heit zu bringen. Diese Methode hatte Joseph immer Segen gebracht, und ihr allein hatte er es zu danken, daß in nicht allzu langer Zeit Lores Bilbchen im fun. telnagclneucn Rahmen neben dem ber reichen Base prangte.
Wenn bie Eltern beim Abendläuten ffir bie verstör, bene Base beteten: „Herri gib ihr bie ewige Ruhe," dann setzte Joseph leise hinzu: „und ber Lore auch und laß sie bald wieder zum Gänshüten kommen, gelt, lieber Gott." —
Frühlingslüfte wehten! — Joseph erzählte baheim seinen jungen Gänschen unter bem warmen Ofen bereits von ihrer künftigen Herrin, und als er sie dann zum erstenmal zur Wiese trieb, erzählte er ihnen wieder von ihr und so machte er es Tag für Tag, bis allmählich aus den netten zitronengelben Tierchen große, weihe Gänse wurden. Ihre längst angekündigte Herrin war aber immer noch fern.
Joseph wurde nun ungeduldig. Manchmal lies er zwanzigmal des Tages am Wirtshaus vorüber, alle Fenster un oberen Stockwerk mit feinem Blick durch, bohrend; oft lag er auf der Wiese draußen ttäumend im Grase, da sprang er plötzlich in bie Höhe, er glaubte» er hätte Lorrs weißes Oleib flattern sehen; aber all bas Warten unb Sehnen war umsonst. Der Herbst kam; bie Gänse mürben teuer verkauft und Lore war noch nicht gekommen.
Jetzt hielt es Joseph nicht länger aus. Er ging zum Wirtshaus hinunter, setzte sich direkt auf die Haustreppe hin und wartete dort, bis die Wirtin sichtbar wurde. Es dauerte auch nicht lange, [o kam sie heraus.
Bewegung unter den deutschen kath. Akademikern um gesetzt und die testen Kräfte in der Zemrumspartei betrachten gerade das als Krönung aller politischen Arbeit: den Geist der Versöhnung zwischen den so- zialen Schichten aufflammen zu lassen und den Geist des Klassenkampfes zu bannen.
Glühende Gottesliebe und Liede zu den Geschöpfen Gottes haben als Leitstern über dem rastlosen Ledens- werk Franz Hitzes gestanden. Sie haben ihm hinüber geleuchtet in die Ewigkeit, zum Throne desien, der dem treuen Sohne selige Ruhe schenken wird.
England besteht
ans der Ektscheidnsg.
Die Oberschleflrnkovferenz soll am 28. Juli ffalffinben.
Rach einem Pariser Telegramm vom 20. Juli überreichte dort der britische Botschafter Driand die Antwort seiner Regierung auf die französische Oberfchlesiemlote. England besteht darin nachdrücklich auf den Zusammentritt des Ober st en Rates in Boukogne am 2 8. Juli, ohne daß das Teilungsproblem vorher durch eine Sachoerstmtbigenkommisfion geprüft werde. Die Frage der Entscheidung von Verstärkungen soll dem Obersten Rat Vorbehalten bleiben. Der sranzö- sische Botschafter wird die Antwort am Donnerstag in London überreichen.
H-
Wie die Berliner Mütter von unterrichteter Seite erfahren, treffen die französischen Pressemeldungen über eine Unterstützung des französischen Schrittes in der oberschlesischen Frage durch den italienischen Botschafter in Berlin nicht zu. Weder der italienische noch der englische Botschafter schlossen sich dem Protaste ihres französischen Kollegen an.
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Demnach steht Frankreich mit seiner neuesten Aktion isoliert da. Das heißt, isoliert im Kreise der Entente. Allem Anschein nach rechnen die Franzosen darauf, daß sie im Bedarfsfälle doch noch einen Leidensgenossen und Helfer finden würden, nämlich den „großen Bruder" jenseits des Atlantischen Ozeans.
In der englischen Presse kommt immer deutlicher die Erkenntnis zum Durchbruch, daß Frankreich wirk- lich nicht mehr die gebührende Rücksicht nehme auf dir „alliierten" Regierungen, sondern sich in dem kecken Vorgehen auf eigene Faust gefalle und die Isolierung (das Alleinstehen) in feiner deutschfeindlichen Politik nicht mehr scheue.
In Frankreich hat man das Bewußtsein, daß die große Truppenmacht der Republik die Dorherrschast in Europa gewähre, und zwar auch noch über Deutschland hinaus bis nach KoMantinopel und m Kleinasien hinein. In diesem Größenwahn setzt man sich über dir englischen Wünsche und Interesten hinweg und riskiert eine isolierte Politik. Allerdings mit dem Hintergedanken, ^aß England an seiner vollen Krastenfaltung gehindert ist durch die Rücksicht auf das starke Nordamerika.
Die Franzosen verstehen es sehr gut, ihre Eigenmächtigkeit gegenüber England zu „begründen" mit der Sicherheit, die sie sich angeblich gegenüber dem Ohnmächtigen Deutschland verschaffen müffen. Sie sagen, der geplante Vertrag zum Schutze Frankreichs sei nicht zustande gekommen, deshalb müsse Frankreich selbst auf die Suche nach Sicherheiten gehen, also dem deutschen Feinde die „Kriegsursenale" ent« ziehen, d. h. die Kohlen- und Eisenwerke von Ober- schlesien und von der Ruhr. Mit derartigen „Sicherungen" läßt sich eine Vernichtung Deutschlands durchführen, wenn nicht England endlich ernstlich Einspruch erhebt gegen diese eigenmächtige und unersätt-
„3s die Sore net bä?" frug Nun Joseph schüchtern.
„Die Lore? o na, Seppele! die wird a nimmer fern« ma, weil ihr Vater g'storb'n is," antwortete bie Frau ihm freundlich
Stillschweigend unb anscheinend teilnahmslos blieb Joseph noch eine Zeitlang auf der Treppe sitzen; als aber bie Wirtin roieber in bie Gaststube gegangen war, lief er schnell nach Hause unb versteckte sich unb fein Selb auf ben Heuboden. i
2. Kapitel.
Jahre gingen dahin. Joseph war aus ber Schule gekommen. Statt draußen im Freien bei seinen Gänsen, mußte er nun ben Tag neben bem Vater auf dem Schusterstuhl sitzen unb bie schmutzigen, zerrissenen Stiefel ber Bauern flicken. An Lore dachte er noch immer, wenn er sie auch schon längst nicht mehr erwartet. Er hatte nie mehr etwas von ihr gehört. Ihr Bildchen hing noch immer neben bem Hausattärchcn an ber Wand. Das lachende, sonnige Kindergesichtchen stach seltsam ab gegen die strengen scharfen Züge der Erbtante mit dem glatt gekämmten Scheitel.
„Unser Seppele is aber arg fromm, Alter," hörte er einmal In der Nebenkammer feine Mutter zum Vater sprechen. „Der schaut so oft unb so andächtig zum Altärle nauf. Haft's net a scho g'merkt?"
„O ja!" hatte der Pater darauf erwidert. „Des hat der Du von Dir, das Fromme; fällt mi net wundern, wenn der Kapuziner wer'n wollet."
Joseph lachte still für sich und nahm sich fest vor, weniger oft in Zukunft Lores Bild zu bettachten; er wollte keine grundlosen Hoffnungen im Herzen feiner Eltern erwecken.
Jeden Samstag trug Josephs Vater die fertigen Stiefel zu den Bauern im Dorf und kaufte um den Verdienst beim Krämer Sachen für die ganze Woche. Hatte er manchmal recht viel fortgetragen, fo fertige Arbeit, bann nahm er noch ben kleinen Peter und einen Bier- frug mit: er brachte bann immer ein Maß Ster nach Hause unb zwei weiße Semmeln. Aus ben Samstag freute sich deshalb bie Familie schon bie ganze Woche. Einmal ging ber Vater wieder mit Stiefeln fort. Der Peterle ging neben ihm her und trug den Bierkrug; da
fiche Politik des französischen Hasies. Sonst wird nicht bloß Deutschland geopfert, sondern auch England „isoliert".____________________________
Ole deutsche Gberschlefiennote.
Wie mehrere Blätter hören, war die deutsche Antwortnote an Frankreich über Oberschlesien gestern Gegenstand von Beratungen im Reichs- kabinett. Tie Note dürfte, wenn irgendmögltch, heule bem französischen Botschafter übergeben werben, odatz morgen ihre Verö ffentlichung erfolge» könnte.
Der Leidensweg der Oberfchlesier.
Wie die Blätter aus Deuthen melden, wurden dorr dis ersten Gefangenen aus der französischen Ka- erne freigclassen, dir nach der Erschießung des fron-, zösischen Majors Montalrgre von den Franzosen fest- Mommen worden waren. Die Flüchtlinge gäbe» nrdjtbare Schilderungen über ihre Behandlung durch >ie Franzosen während ihrer 15tägigcn_ Gefangenschaft. Die Freilassung erfolgte, da sich dir völlige Schuldlosigkeit der Feftgenommencn heraussttllte.
Dlättermeldungen aus Oberschlefien zufolge gehen dir französischen Truppen in rigoroser Weise gegen die aus den unter dem polnischen Terror stehen, den Landgemeinden in die Städte geflüchteten Deut- chen vor. Sn Gleiwitz wurden ganze Straßenzüge abgespurt und dir Häuser durchsucht. 64 Personen, die noch nicht in ihre Dörfer zurückgekehrt waren, w«! den verhaftet. Ein deutscher Flüchtling, der ge. zwangen worden war, in seinen Heimatort Godull« bei Rybnik zurückzukehren, wurde dort von den Pole» erschlagen.
Truppende rstärkungen.
Die drei interalliierten Oberkommrssar^ in Oppeln wiesen in einer gemeinsamen Note an den Botschafterrat auf die Notwendigkeit hin, Set.' stärkungen für Oderschlesien abzusenden, um bte Ruhe sowohl gegenüber den Polen wie den Deut- scheu zu sichern. Die Entscheidung über die Teilung des Abstimmungsgebiets müsie baldmöglichst getrof fen werden.
Oie griechische Offensive.
Alle Meldungen berichten übereinstimmend von« einem bedeutenden Erfolg der Griechen.' Die wichtige Stadt Kutahia wurde genommen und 5000 Kernalisten gefangen. Die Türken zeigen! sich äußerst beunruhigt durch die nunmehr erfolgte. Bedrohung deS wichtigen Eisenbahnknotenpunktes von' Eskisheha. Man erwartet, daß es dort zur Entscheidungsschlacht kommen wird.
In Athen herrscht ungeheurer Jubel über diese. Erfolge. Eugland betont seine Neutralität; eS werde nur auf Wunsch der Parteien eine Vernutt-, lung zwischen beiden versuchen. Da aber die Kernalisten nicht auf Ostthrazien und auf das Gebiet von Smyrna verzichten wollen, wird Sontg Konstantin wahrscheinlich mit den eventuellen türkischen Zugeständnissen nicht einverstanden sein.
Belgiens Wiederaufbau.
Der Wiederaufbau in Belgien ist bereits Jo wett, vorgeschritten, daß schon der Zeitpunkt der Vollendung angegeben werden kann. Wie der Landwirtschasts«. rnimstcr Remtte erklärte, ist die völlige Wiederher-, stellung des Ackerbaulandes gegen Ende 1922 zu er«, warten. Der Wohnungsbau in Flandern wird innerhalb zweier Jahre vollendet sein. Der Minister wies die Behauptung zurück, daß der Wiederaufbau in Frankreich schneller vor sich gehe, als tnr Belgien. Nach dem Bericht eines Beamten, der Nord« frankreich bereift habe, gehr hervor, daß in bem zer»; stürzte^ plötzlich der brave, fleißige Flickschuster ohnmächtig mitten hin auf bie Straße.
Das ganze Dorf lief zusammen. Man brachte ben. Ohnmächtigen heim und legte ihn in die Kammer auf bas Bett. Der Bader tarn und setzte Blutegel und Schröpsköpse bem bfirren, schmächtigen Männlein in ben Nacken, und als ber Kranke immer noch nicht erwachen wollte, da ließ er ihn auch noch zur Ader. Aber alle Künste und Mittel des erprobten Dorfbaders versagten. Der Flickschuster erwachte nicht mehr zum Leben.
Als bie Tobesstarre eintrat, gab ber Bader endlich bt# Hoffnung auf.
„Entweber es hat ihn der Schlag gettoff'n ober et ist an was anberm plötzlich g'storb'n. Da kann man ni| mehr dran mach'n; ba is aus!“
So lautete bie Diagnose, bie er im Gefühle feinet verantwortungsvollen Amtes wichtig stellte, denn vor feinem Ausspruch hing in dieser Minute Leben und Tob des Flickschusters ab.
So kam es, daß Joseph schon sehr bald die Leitung des Gefchästes allein übernehmen mußte. Ms einziger Flickschuster im Dorfe hatte er ein sehr gutes Geschäft und war eine begehrte Persönlichkeit. Der einstige dickköpfige, schmutzige Sepperle hatte sich zum hübschen, flotten Burschen entwickelt, besten kluges, intelligentes Aus. sehen selbst von ben sprödesten Dorfschönen Anerkennung sand.
Gar manche prüfte eifrig ihre Stiefelsohlen, unb wenn sie bann ein Loch vorfand zog ein befriedigendes Lächeln über das Gesicht und man trug ohne Zöger» schnell ben verletzten Stiefel zur Reparatur hinaus, zum hübschen Flickschusterseppl.
Joseph aber ließen diese Huldigungen kalt. Oft sagt« die Mutter nach solchen Besuchen: „Joseph, merkst ncx? ;
„Nein, was denn?"
„No, mit dem Stiefel hätt's no net fo pressiert un» wenn! — dann HStf ihn a Magd a bringen tönncu Fiillt's Dir net auf, baß da so a stolze Bauerntochter selber ihre Stiefel zum Flickschuster ttägt! Merkst ben» netz baß ma Dir zu G fall'» geht?“
(Sortierung folgt,'