Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 164»
LeronlworUich für Öen reöauionellen Teil: Dr. Kramer, - für die Anze,gen: I. Parzelter-Fulb-u - sRotattonsbrutf u. Verlag der Fuldaer Slcticndruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Abreß'e: Fuldaer Zeitung
Mittwoch, 20. Zuli 1921.
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48. Zahrg.
Der mißglückte sozialdemokratische Sturmangriff gegen Stegerwald.
In ter vergangenen Woche suchte die Sozialdemokratie aller Schattierungen dem Minis'.rium Steger- toalü den Garaus zu machen. Zunächst lehnte die Sozialdemokratie den Notetat ab, der einen Aus- iug aus dem von dem seinerzeitigen sozialdemokratischen Finanzminister Lüdemann aufgestellten Haupt- ptat darstellte. Dann veröffentlichte der ehemalige Kultusminister Haen, sch im „Vorwärts" zwei lange prtikrl, die dahin ausklangen: das Ministerium Ste- gerwald müsse aus vaterländischen Gründen so bald als möglich beseitigt werden, weil es eine pationalc Gefahr darstelle". Schließlich hielt der tlbg. Hellmann im Landtag eine dreistündige Rede, in der der preußische Staat unter Führung stegeru»lds iols ter Inbegriff der größten Reaktion hmgestellt wurde.
Steg»rwald antwortete, daß die gl e i ch e Rede vor zwei Jahren die Unabhängigen gegen das Ministerium Hirsch und die Kommun,- ften im vorigen Jahre gegen das Kabinett Braun gehalten hätten. Es hab-: also nur ein Tausch der Rollen stattgefunden. Zur Charakteristik des so- tzialdemokratischen Verhaltens von früher und heute chislt fobamt Stegerwald dem Abg. Hellmann eine Reihe Tatsachen entgegen, die verdienen, festgehalten zu werden.
Al- im Juli 1917 das Kriegsernährung s- amt umgebildet wurde, schrieb das Hauptorgan der sozialdemokratischen Gewerkschaften, das „Korrespondenzblatt der Genrralkommission der Gewerkschaften Deräschlands" in seiner Nr. 35 vom 1. September 1917 folgenden Satz: „Erwünscht wäre es auch vom Standpunkt der Vertretung der Arbeiterinteressen, daß Herr A. Stegerwald dem Amte erhalten bleibt, da seine gründliche Kenntnis der Arbeiterverhültmsse. seine unermüdliche Arbeitskraft und seine Festigkeit als Arbeitervertreter ihn fast unentbehrlich gemacht haben." 3m Oktober 1917 wurde Stegerwald ins Hnrenhaus berufen. Damals schrieb die Kölner „Rheinische Zeitung", also dos sozialdemokratische Blatt aus dem ehemaligen Wirkungsort Stegerwald«: „Der General- 'fefretär des Gesamtverbandes christlicher Gewerkschaften, Adam Stegerwald, ist ins Herrenhaus berufen Morden. Er ist damit der erste Arbeitervertreter in dieser Kammer. Wenn Stegerwald auch immer in den gruntckgenden Fragen der Weltanschauung unser Gegner gewesen ist, so hindert uns das nicht, anzuerkennen, daß er die Inderessen der Arbeiterschaft, besonders als Mitglied des Kriegsernähnmgsamts, charaktervoll zu wahren wußte und sich m seinem Handeln von einem ausgeprägten proletarischen Empfinden feiten läßt. Es ist zu wünschen und zu hoffen, Laß er unter den Erlauchten und Edlen nicht bloß Statist bleibt, sondern daß er auch hier mit Entschiedenheit auftritt" Als nach der Revolution 'm Weimar die erste Reichsregierung gebildet wurde, waren es sozialdemokratische Führer, die Stegerwald als Reichsminister vorschlugen. Stegerwald lehnte damals ab. Als im März 1919, nach der Revolution, die erste preußische Regierung gebildet wurde, waren es wieder Sozialdemokraten, die Stegerwald zuerst zum Leiter des neuzulnlden- den Wöhlfahrtsministeriums in Vorschlag gebracht haben Nach dem Kapp-Putsch schiffte die Mehrhnts- sozialdemokratie ihre eigenen Minister Hirsch, Herne mü» Südekum aus. Neben dem Sozialdemokraten Braun war damals Stegerwald der einzige preußische Minister, der aus dm Kreisen ter Mehrheitssozialdemokratie keine Anfechtung erfuhr. Als Stegerwald Ende 1919 die preußische Höchstmietenverordmmg erließ und dicserhalb em Riesensturm aus Hausbesitzerkreisen gegen ihn einsetzte, Stegerwald ater trotzdem festblieb, kamen zahlreiche Vertreter oller soozialdemo-
Der GänfebuK
Fränkischer Dorfroman von Dina Ern st berge r.
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„3a, da könntest Du ja nimmer da im Dorfe bleiben: da müßtest Du fort auf die Schulen. Ach, das wär' fad, wenn Du nicht mehr da wärst, wenn ich im Sommer mit Papa hierher komme. Dann könnte ich ja «immer Gäus hüten und das ist doch schön!"
„Kommst Du immer im Sommer Core?"
„Immer!"
-Alle Jahr?"
„Jedes Jahr."
„Und treibst dann immer mit mir ui; Sans aus?"
-Freilich! das tu ich ja so gern."
, Ich schtudier net Core. Ich bleib hzt und bann WJt Ämmer Gans mit mir,, gelt Core?"
Jegt gab Cores großer Hut durch heftig: Bewegung hie gewünschte bejahende Antwort.
So lange sich Joseph zu erinnern vermochte, tarn Core immer schon im Sommer einige Wochen in das Dors. Früher war auch ihre Mama und ein Kindermädchen dabei gewesen: seit Core größer geworden, mar sie nur von ihrem Papa begleitet und das war Joseph sehr angenehm, denn Cores Mama war eine stbr stolze Frau dre es gar nicht gerne sah, wenn Core mit den Dorftmdern verkehrte.
3m vergangenen Sommer kam Core zum ersten Male allein , mit ihrem Papa zum Aufenthalte. Mit scheuer Ehrfurcht hatte Joseph immer die weiß ge. fteibete niedliche Gestalt der kleinen Core betrachtet. So. dachte er, müßten die Engel aussehen die da, wie die Mutter erzählle, im Himmel droben auf den Wol- ken herumsitzen und herunter sehen, ob die Kinder hübsch teav und fleißig sind.
Einmal war es gewesen, da war ein großer Hund bellend unter feine Gänseschar auf ber Wiese draußen gesprungen und hatte eine seiner Schutzbefohlenen so am Flügel verletzt, daß derselbe ganz lahm herunter hing. Herzbrechend hatte er damals auf dem Wiesen, anger geweint. Da ging eben Core mit ihrem Pater vorüber
kratischcn Schattierungen zu ihm und erklärten, daß sie zu ihm größeres Vertrauen hätten als zu allen so- zialdemokratischcn Mimstern zusammengenommen. 3m Wc hlfohrtsmimsterium liegen zahlreiche Telegramme aus sozialdemokratischen Mieterkreisen, die Stegerwald das Vertrauen aussprechen und ihn bitten, unter keinen Umständen als Wohlfahrtsminister zurück- zMieten. In neuerer Zeit erklärten zudem auch die ehemaligen schärfsten Gegner der preußischen Höchst- mietenverordnung aus Haustesttzerkreisen, daß dieser Verordnung ein großer Gedanke zugrunde liege, indem sie den städtischen Grundbesitz gebunden und damtt einer willkürlichen Spekulation, die einer großen Zerrüttung des gesamten städttschen Grundbesitzes hätte enden müssen, v o r - gebeugt habe. Wenn eine befriedigmdc Lösung der Reparatursrage gefunden, so erklären diese Kreise, wenn einige sonstige kjeine Veränderungen <m der preußischen Höchstmietenverordnung oorgenommen würden, sei diese auch dem soliden Hausbesitz lieber als der Reichsgesetzentwurf über die Mietzinsbildung.
Stegerwald hielt daher den Sozialdemokraten im preußischen Landtag entgegen, daß, nachdem er 25 Jahre im öffentlichen Leben stehe, zwei Jahre in einem Ministerium unter sozialdemokratischer Führung gearbeitet habe, zahlreiche sozialdemokratische Vertrauensbeweise ihm entgegengebracht worden seien, niemand daran glauben könne, daß er in den letzten dvri Monaten, sell seiner Mimsterpräsidentschaft, plötzlich ein ganz anderer Mensch mit völlig veränderter Gesinnung geworden sei. Davon könne gar keine Rede sein.
Stegerwald hat sich im April ernsthaft bemüht, die Mehrheitssoztaldemckratie zur preußischen Regierung heranzuziehen, er steht haute noch und, seitdem die Mehrheitssozialdemokratie wieder der Reichsregie- rung angehört, verstärkt auf dem Standpunkt, daß die Einbeziehung ter Mehrheitssozialtemskratio in die preußische Regierung eine politische Notwendigkeit sei. Was er lediglich ablehnt, ist, daß er nach den Erfahrungen vom März und April d. I. zurücktisitt, bevor fcftsteht, was nachher werten soll. Eine Umbildung ter preußischen Regierung ist nicht Sache des jeigen, sondern des künftigen Ministerpräsidenten. Sobald diese Person und eilte parlamentarische Mehrheit für ihn feststeht, sind die Hindernisse für die Umbildung ter preußischen Regierung beseitigt. Der ewige "Hinweis ter sozialdemokratischen Presse, daß das Kabinett Stagerwald teirie Re-chtsregre- rung sei, well die Rechtsparteien es unterstützten, besagt gar nichts. Der preußischen Regierung gchört nicht ein Minister an, ter von rechtsher belastet tst. Dir Rechtsparteien betrachten Stegerwald im Begleich zur Führung des preußischen Staates durch einen Sozialdemokraten, lediglich als das kleinere U e be l. Der fchakfcn Opposition ter Mchrheitsfozial- demokratie fehlt jeder ausreichende sachliche Boten.
Die Mchrheitssozialdemokratie ist oerärgert, weil Stegerwald nach wochenlangen ergebnislosen Bemühungen ein Ministerium ohne Sozialdemokratie gebildet hat und damit bewies, daß man sich auch in Preußen nicht unter allen Umständen einsm sozialdemokratischen Diktat zu beugen hat. Wenn die sozialdemokratische Landtagsfraktion Politik gemacht, anstatt bloße Agitatton betrieben hätte, hätte sich die Spannung zwischen ihr und Stegerwald nicht hercms- bilden können. Das Sfegerwaldsche Verhalten ist daher unangreifbar. Der sozialdemokratische Sturm der letzten Woche, ter zudem glänzend abgeschlagen routte, konnte an dieser Tatsache nichts ätttem.
Dir oberschlesische Frage.
Die englische Regierung hat noch keine Antwort auf die französische oberschlesische Note erteilt. Sie soll aitch durchaus nicht geneigt sein, Verstärkungen nach Oberschlesien zu entsenden.
Teilnehmend hatte der gutmütige Mann den Klagen- den nach der Ursache seines lauten Schmerzes gefragt und da hat Joseph ihm den ganzen Jammer feines Herzens geoffenbart.
„Wem gehörst Du denn, Kleiner?" fragte er den kleinen Unglücklichen am Schlüsse feiner traurigen Erzählung, und Joseph antwortete ihm: „Mein Vatern!"
„Und wie heißt denn Dein Vater bann?"
„No, halt Vater "
Da hatte Cores Papa laut aufgelacht und aus ter Tasche seine Geldbörse gezogen. Für den lahmen Flügel der Gans konnte der gute Mann zwar nicht mehr helfen, er blieb lahm; aber Joseph gab er so viel ttingente Silbermünzen zur Beruhigung feines Wehs in die Hand, daß feine Mutter meinte, als er ihr in strahlender Freude das viele Geld für den lahmen Gansflügel gab: „Schad', daß der Tyras nur eine biff’n hat. Wär' des a Glück g'wes'n, wenn er die andern Gäns aderwischt hätf."
Core kam bann einige Tage nach diesem Vorfall über die Wiese gesprungen und erkundigte sich nach der flügellahmen Patientin und von da an kam sie öfter und öfter auf den Hüteanger. Sie fand Freude am Gänfe- hüten und auch an ber Unterhaltung mit Joseph, ber ihr in allem und überall recht gab unb sich samt seinen gefieberten Lieblingen mit Freuden von ber feinen verständigen Core nach allen Richtungen hin tyrannisieren ließ. Er war froh unb stolz barauf, wenn sie nut mit ihm sprach.
Eines Tages war bann Core auf einmal ausgcblie- ben. Früher wie sonst trieb Joseph feine Gänse heim. Die Mutter schalt darob; Joseph setzte sich still vor die Haustüre unb sah angelegentlich in sein Schulbuch, als ob er lernte. Kaum war bie Mutter raicber still unb im Hause beschäftigt, schlich sich Joseph leise weg von ber Haustüre unb lief die Dorsstraße hinab, direkt vor bas Wirtshaus.
„Core! Core!" rief er, wie er es immer getan, zum Fenster hinauf. Statt Cores dunklem Cockenköpfchen erschien am Fenster aber die Frau Mama
Sie war am Tage vorher gegen Abend gekommen, «un für einige läge hier Lu bleiben, Sofe^** wußte
Die neuerdings austretenden Gerüchte, daß das Reichskabinett m Berkin, zum Rücktritt entschlossen sei, sind unzutreffend.
Reue Schießereien in Gleiwitz.
Nach einer Meldung des „Berl. Tagebl." haben in den letzten Tagen in eiuzcknen Gegenden bei Gleiwitz neue Schießereien der Insurgenten staltgefunden. In Peiskretscham richteten polnische Banden durch Handgranaten großen Schaden an.
5chuldfragenpropaganda.
Zum ersten Male ist es gelungen, Politiker aller Parteien zusammenzuschließen zur gemeinsamen Bearbeitung ter Frage des Kriegsausbruches. Bekanntlich behauptet der § 231 des Srietensoertrages, daß Deutsch- land ber Alleinschuldige am Kriegsausbruch sei. In dem 'lltimatum vom 16. Juni 1919 wird Deutschland vorgeworfen, jahrzehntelang bewußt auf den Krieg hingearbeitet zu haben; Deutschland habe das größte Verbrechen der Weltgeschichte begangen und fei deshalb allein zur Wiedergutmachung verpflichtet. Diese Behauptung verteidigt bre Entente weiterhin; auf ber Con- Soner Konferenz sagte Cloyd George, bie Entente betrachte die Schuldfrage als eine entschiedene Sache und lasse eine Diskussion über diese Grundlage des ganzen Versailler Frieüensdiltates nicht zu.
Desgleichen sagte Poincarö: Wenn die Derantwor- tuug geteilt wäre, müßten auch die Kosten geteilt werden, Deutschlands moralische Verpflichtung zur Reparation ent» springe aus der Tatsache, daß es ber Alleinverantwort- litte am Ausbruch des Krieges sei. Man sieht also, daß bie Bearbeitung der Schuldfrage keine müßige Frage ist. Weist Deutschland nach, daß die Behauptung von der Alleinschuld Deutschlands sich vor ter scharfen Kritik der Geschichtsforschung nicht aufrecht erhalten läßt, so ist der entscheidende Stoß gegen die Grundlage des Friedensdiktates geführt; dann ist der Weg frei zur Revision dieses gangen ungeheuerlichen Werkes.
Es genügt natürlich nicht, bie geschichtliche Wahrheit zu ergrünten, sondern im In- unb Auslände muß eine tatkräftige Propaganda die Wahrheit verkünden und der Lügenpropaganda unserer Feinde entgegen treten. Der Deutsche neigt zur Zersplitterung und Eigenbrötelei, die gerade hier von Verhängnis wäre und auch schon viel geschadet hat. Umso freudiger ist es zu begrüßen, daß sich im „Parlament der Verbände" so angesehene Organisationen wie bie Liga zum Schutze ber deutschen Kultur, die Arbeitsgemeinschast für vaterländische Aufklärung, ter Deutsche Schutzbund (Grenzmarkenverein) der Deutsche Earitasbund, ter Reichsbürgerrat, die Arbeitsstätte für sachliche Politik u. a. m. zur gemeinsamen Erledigung dieser deutschen Geben sfr age zusmnmengeschlossen haben. Es hat sich ein Arbeitsausschuß gebildet, dem so namhafte Politiker wie Frhr. v. ßersner, Prof. Dr. Iäckh, Professor Dr. Stein, Erwin Barth, Dr. v. Coebell angeboren.
In den nächsten Tagen erscheinen zwei Schriften über bie Schuldfrage: „Unser gutes Recht" und eine Sondernummer der Cigazeitschrist „Zur Schuldfrage". Beide sind als Material für Dortragsredner gedacht. Mitarbeiter sind Minister a. D. Südekum, General Graf Mont- gelas, Oberst Schwertfeger, Prof. Hans Delbrück und der Schweizer Prof. Sauer bett. Beide Hefte sind durch die Zentral« ter Liga zum Schutze ber deutschen Kultur, Candesgruppe Hesien-Naffau in Gießen, Stephanstr. 9, zu beziehen.
Es wird an alle diejenigen Verbände. Vereinigungen, Politiker und Wissenschaftler, die an dieser Arbeit mit* schaffen wollen, die dringende Bitte gerichtet, sich an bie oben genannte Stelle zu wenden, die alles Weitere ver- mitteti. Die oben genannten Namen verbürgen eine völlig parteipolitische Neutralität. Ein erfreuliches Zei- chei», daß sich «Mich einmal von rechts bis links Politiker finden, die das Trennende zurückstellen. Hoffentlich geht es auf diesem Wege weiter vorwärts! K. L.
Die ttnegzbeschul-igtm - Prozesse.
3m englischen Unterhause erklärte bet General- siaatsanwalt, daß die erste Reihe der Pvozesie vorläufig beendet sei und daß die Frage der weiter ern- zunehmenden Haltung van den Alliferten genau geprüft werden würde. Dies würbe baldmöglichst ge»
von ihrer Ankunft noch nichts. Erschrocken senkte er den Kopf vor dem stolzen, strengen Blick, ber ihn traf. Den Zeigefinger der einen Hand steckte er verlegen in den Mund, so weit es ging; bie anberc Hand ruhte tief verborgen in ber Hosentasche.
„Hast Du gerufen?" herrschte ihn barsch Cores Mutter an.
Das heftige Nicken seines dicken Flachskopfes sollte als Antwort gelten. Sprechen konnte Joseph nicht, benn ber Finger blieb noch immer tief in ben Mund versenkt.
„Was willst Du mit Core?"
Jetzt würbe langsam ber Finger aus bem Munb ge, zogen.
„Aus's Gänshuten soll's mit mirl"
Einen Moment schien sich die stolze Fron zu besinnen; sie hatte offenbar nicht verstanden, was Joseph eigentlich damit sagen wollte.
„Wie? Core?" kam es bann spöttisch von ihren Cip- ven. „Du hast keinen schlechten Geschmack, mein Junge, ich hätte Dir bas gar nicht zugetraut. Suche Dir eine anbere Spielgefährtin — Core kann es nicht sein!"
Tagelang blieb bann Core für Joseph unsichtbar.
Wenn er bie Gänse auf ben Anger treiben mußte, bann vermieb er es ängstlich, am Wirtshaus vorüberzugehen — auf weiten Umwegen suchte er mit seinen Schützlingen bas Ziel zu erreichen.
Joseph hatte sich beretts darein gesunden, die lieb gewordene Spielgefährtin zu entbehren, als er an einem sonnigen Nachmittage über die Wiese herüber Core direkt auf sich zukommen sah. Mit freudig klopfendem Herzen sah er die kleine Freundin näher kommen. Sonst war er ihr immer entgegen geeilt; heute blieb er ruhig im Grase sitzen.
„Warum treibst Du denn Deine Gänse nicht mehr bei mir vorbei, Joseph?" rief sie schon von weitem. „Ich habe gestern und heute schon den ganzen Nachmittag vergebens auf Dich gewartet."
Jetzt zog es aber Joseph doch mit Gewalt in die Höhe. Er stand auf und ging Lore langsam entgegen. Der Finger versenkte sich tief in die Mundhöhle; ein Zeichen, baß er mit der Antwort in Verlegenheit war.
schchen. Die Prozchkosten einschließlich der Reise, kosten würden von ü^utschland bezahlt.
Dar Programm des italienischen Ministerpräsidenten.
Am Montag führte der neue italienische Minister« Präsident Bonomi in der Kammer und im Senat baj neue Kabinett ein. Nach den Berichten über sein, große Rede erkennt man irr voller Deutlichkeit bte Der. meidung von allzu großen Schärfen. Man wird dabö berücksichtigen müßen, daß das von Bonomi gebildete fiabindt eine Koalition von verschiedenen ungleichartigen Parteien ist. Nach seinen Erklärungen; soll die allgemeine polittsche Richtung nicht geändert werden.
Eingehend wandte sich Bonomi den italienischen Ausgaben der A u ß en Politik zu, denen er wohl einen breiten Raum deshalb einräumte, weil bekannt- lich das Kabinett Giolitti seiner außenpolttischen Maßnahmen wegen gescheitert ist. Allgemein proklamierte Bonomi zunächst das Festhalten an den Allianzverpflichtungen und Freundschaften trr> den Mächten; denn die auswärtige Politik Italien sei durch das freiwillig übernommene Abkommen gebunden. Bonomi streift weiterhin die Stellung Stoßens zur Abrüstungskonferenz. Diese finde von Seiten Italiens warmherzige Zustimmung und dies umsomehr, als Italien bereits mit der Herabsetzung seines stehenden Heeres begonnen und im Völkerbundsrat schon einen ähnlichen Antrag eingebracht habe.
Einen besonderen Abschnitt nahmen seine Ausfüh- rungen über die adiatische Frage ein. Sie sei in ihren wesentlichen Zügen gelöst mit dem Vertrage von Rapallo. Die Ehre Italiens gehe in der Innehaltung dieses Vertrages üb:r alle ehrgeizigen Be- strebungen. Das Problem von Fiume soll durch bie Herbeiführung einer gemeinsamen Hafenverwaltung nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten gelöst werden. Man weri>e den Weg der Besprechungen und Verhandlungen einschlagen.
Im übrigen galten seine Ausführungen der Stärkung der Finanzlage und der wirtschaftlichen Hebung des Landes. Die Arbeits- losigkeit will die Regierung durch umfassendes Programm bekämpfen und der Arbeiterfchast durch die Heranziehung des nationalen Gnverkschaftsrates zur sozialpolitischen Gesetzgebru^ entgegenkammen.
Im übrigen blieb bie Kammer kühl. Es scheint, als ob seine Ausführungen nur von der katholischen Dolkspartei mit wärmerer Sympathiekundgebung auf. genommen worden sind.
Lin türkischer Uriegrkreöit.
Die Nationalversammlung in Angora hat eine» Kredit von 100 Millionen Franken für bie na» tiorrale Verteidigung bewilligt.
Zum deutsch-amerikanischen Zrieden.
Zu einer Meldung der „Chicago Tribun:", wonach der ehemalige amerikanische Geschäftsträger Dresel gemäß direkter Auftrag: aus Washington Unterredungen mit dem Außenminister Dr. Roseitz über die Frieden sbedirtgun gen zwischen D e u t s ch l a n d und Amerika gehabt hätte, unb wonach die amerikanische Regierung Anregungen der deutschen Regierung zu haben wünsche, wie der Friede am wirksamsten gestaltet werden könnte, wir! von zuständiger Seite erklärt, daß zwar Unter» rebungen zwischen den beiden Herren stattgefunder haben, daß aber die Angaben des genannte» Blattes über deren Inhalt, n i cht zutrefien.
„Wie bist Du denn ba heraus gekommen, ohne bck^ Du bei mir vorüber muhtest?" »
Langsam unb bedächtig zog jetzt Joseph ben Finger aus dem Munb. „No, ba ob’n bin ich halt ’rumtrteb’n.“
„Ja, aber bas ist doch schrecklich weit um. Warum gehst Du benn nicht Deinen alten Weg burch bas Dorf?"
„Weil Sei' Mutter g'schänb hat," platzte nun Joseph heraus.
„Was hat Mama? Meinst Du damit, sie hat ge» zankt?"
Joseph begnügte sich damit, nur heftig zu nicker.
„Sie ist ja wieder fort; ba brauchst Du doch keine Angst mehr zu haben."
„Äommt’s net batb wieder?" fragte Joseph rascher, als es sonst feine Art war.
, „Nein, nein! Mama ist an bie See gegangen; sie ist nicht gern auf bem Cante."
„Unb kommt jetzt g'wiß net wieder her?"
„Für heuer nicht mehr. Papas Urlaub geht in vier, zehn Tagen zu Ende."
„Unb nächste Jahr kommst dann aber wieder, Core?" „Natürlich komme ich wieder. Papa geht ja nirgend» sonst wo hin!"
„Unb hilfst mit mir mei ©ans?"
„Ei freilich! was benn sonst."
„Dann muß bas Ehristkinble mir an Wcihna.h u at recht schön' Peitsch'nsteck'n mitbringe für Dich. Da if das Hüfn bann erscht schö. Wenn ner ber Winter schon vorüber wär'."
Von biefem Tage begleitete Core roicbcr tagtäglich Joseph unb feine Gänse hinaus auf ben Weibeanger.
Josephs Herzenswunsch hatte sich erfüllt; ber Winter war vorüber. Der neue Peitschenstiel vom Ehristkinl hing an ter Wand neben seinem Bett unb Core kam unb hütete bamit Josephs Gänse. Manchmal kam Cor^ sogar hinaus in die kleine Hütte des armen Flickschusters,' um sich Joseph zu holen, wenn ihr die Zei» zu lang wurde. Da war es benn schon einigemal vorgetommen, baß sie sich zu ben jungen Hühnchen in ber Schuster- ftube setzte unb für sie mit Joseph Futter bereitete, ober baß sie am schmutzigen Schuster tisch lehnend, mit Interesse die Kunst von Josephs Vater auf dem Schusterstuhl verfolgte (gort}, folgt.)