Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda._________________
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Berantwonlich füt den ceOaaioneUtn Teil: Dr. Kramer
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: (Jo lonel je Ile 70 pfg.; für mehrspaltige ^O. JUIJ l g KuicklSoe. Reklame,eile (Tertbreite^ 2.50 Alk.
Montag, l8. ZuN 1921
für die Anzeigen: I. Parzeller-Fulda. »druck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei i
Nr. 162
in ijUlda.
verantwortlich. Daß er die Versenkung al3 unzulässig empfand, geht daraus hervor, daß er sie nicht nur ins Schiffstagebuch nicht eintrug, sondern dah er sogar zu einer Fälschung der Wegekarte gegriffen hat.
Was die Rettungsboote anbetnfft, hat der Senat angenommen, dah drei Boote von dem sinkenden Schiff abgekommen sind, und dah diese Boote absicht, lich vom U-Boot aus beschossen worden sind. ES könne überhaupt keinem Zweifel unterliegen, dah die Bcschiehung den Besc .gen der ReltungSboote gegolten hat und dah durch das Schietzen Menschenleben ver- nichtet worden sind.
An dem Verbrechen der Tötung waren die Ange, klagten beteiligt. Sie hätten gegen die Bcschiehung unbedingt Widersvruch erheben und mit Anzeige bei der vorgesetzten Behörde drohen muffen. Das haben sie nicht getan. So wahrscheinlich eß auch ist, dah die Tötung von Menschenleben mit Ueberlegung ans. geführt ist, so konnte der Senat doch nicht den Beweis für eine überlegte Tötung als erbracht ansehen.
Bei Bemessung der Strafe war zu berü-tsichtigen, dah es sich um eine sehr schwere Straftat handelt und dah durch das Verbrechen das Ansehen der deutschen Marine und vor allen Dingen das völkerrechtliche Ansehen des U-Boot.KriegeS aufs schwerste geschädigt worden ist. Der Senat hat deshalb eine Gefängnisstrafe von vier Jahren als angemeffen erachtet.
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^ernlprecher Nr. 9. Teleqr.-Adresse: Fuldaer Zeitung
Das Urteil gegen die U-Voot-GWere.
Das Reichsgericht verurteilte die Oberleutnants Boldt und Tithmar wegen Beihilfe zum Totschlag z n je vier Jahren Gefängnis. Gegen den noch der Reichsmarine angehörigen Oberleutnant Dithmar wurde auheroem auf Dienstentlassung erkannt. Der ReichL- anwalt hatte bekanntlich 4 Jahre Zucht Haus beantragt.
In der Urteilsbegründung heitzt eS: Der Senat hat als erwiesen angesehen, dah das Lazarettschiff völkerrechtswidrig torpediert worden ist. Für die Torpedierung ist allein der Kommandant Patzig
Dfcettolefiens h i n a u s zu s ch iebe n, ai ' einen neue n Verschteppungsoersuch darstellt. 2>tc|e Sen« denz gehe auch ganz klar aus der S t e 11 u n g n a h m e der französischen Presse hervor; man scheint n Paris die Hoffnung zu hegen, bei einer Derfchie- bung des Zusammentritts des Obersten Rates die andern Alliierten für die französischen Pläne gewinnen zu können. Bisher hat sich noch kein Vertreter der andern alliierten Mächte dem Schritt des ftanzösi- chen Botschafters angeschloffen.
Die drei Forderungen, die der französische Vertreter in Berlin übermittelt hat, sind nach der „Franks. Ztg." bereits Gegenstand von Erörterungen m Reichskabinett gewesen. Soweit sie van Deutschland Maßnahmen verlangen, deren Durchführung in seiner Macht steht, dürfte kaum ein Grund <;itr Weigerung vorhanden fein — umsoweniger, als Deutschland kein Interesse daran hat, den Franzosen zu Scheinargumenten zu verhelfen, mit denen sie ihre Verschleppungspolitik den andern Alliierten gegenüber rechtfertigen könnten. Es wird vor allem durch die zuständigen Reichsrefforts nachzuprüfen sein, wie weit ne französischen Behauptungen über Selbstschutz- und Freikorpsorganisatiomm den Tatsachen entsprechen, und gegebenenfalls für Abhilfe zu sorgen; auch bezüglich der Mitwirkung tfner neuen französischen Division im Abstimmungsgebiet wird von daitscher Seite kaum Widerstand gegen die Erfüllung der Deutschland im Friedensvertrag zugewiesenen Pflichtet erwartet werden können. Das Wichtigste aber ist, dah innerhalb des Abstimmungsgebiets die amtierten selbst und namentlich die Franzosen der Verantwortung genügen, fcM sie im Friedensvertrag übernommen haben, indem sie alles tuend und nichts Untertanen, die volle Ordnung und Sicherheit wiederherzustellen und den polnischen Störungsversuchen mit aller gebotenen Energie entgegenzutreten. Wenn die Alliierten ohne Parteimchme dieser Brrpflichtung nachkommen, wird auch der Oberste Rat ohne Verzögerung seine Entscheidung über die Zukunft des Landes fällen können, ohne befürchten zu müffen, daß sie durch bewaffnete Aktionen von der einen oder der andern Seite in Frage gestellt wird.
Vorsicht und Ruhe.
Don unserer Seite muß besonders beachtet^ werden, daß die Franzosen auf neue „Zwischenfälle" spekulieren. Deutschland hat wahrlich von seiner Ge- duld und Selbstbeherrschung schon übermäßig viel Proben geben müffen. Je länger die Entscheidung hinausgeschleppt wird, desto schlimmer ist die Gefahr, daß störende Zwischenfälle provoziert werden, sei es in Oberschiesien von dm Polenbanden, fei es im Westen von der rücksichtslosen Soldateska. Wie auch kleinliche Demonstrationen bei einer Ansammlung auf der Straße zu hochpolitischen Zwecken ausgebeutet werden, haben wir ja soeben noch erlebt bei der Aus- bauschung der paar Rufe vor dem Gerichtsgebäude in Leipzig. Wer sein Vaterland lieb hat, enthält sich vorläufig jeder Kundgebung, die von den lau- ernden Gegnern verwertet werden könnte, — mögen die drängenden Gefühle auch noch so berechtigt sein.
Diese Mahnung gilt vor allem den Anhängern der Rechtsparteien; denn die französische Preffe spricht es deutlich aus, daß sie jede Entfaltung der schwarz-weiß-roten Fahne begrüßen würde.
Wie kann nun vorgegangen werden, um eine mögliche gerechte Regelung der Angelegenhüt zu erzielen Theoretisch kann man an verschiedene Möglichkeiten denken. So könnte man daran beuten, die Friedenswerte der Realien ftstzusetzen, um auf dieser ©runblage einen wirklichen Goldwert zu berechnen. Von diesem Goldwert wäre dann ein bestimmter Steuersatz sestzusetzen als Steuerbemes- ungsgnmblagc. Dieser Steuersatz müßte dann je- weils mit dem entsprechenden Gsldentroertmigssakwr multipliziert werden.
Ein Beispiel soll zeigen, wie sich eine solche Regelung gestalten würde. Angenommen ein Fabrik- grundstück Hütte einen Friedenswert von 100 000 Mk., also 100 000 Goldmark. Die jährliche Belastung sei 1 Prozent von dieser Summe, das fei die Steuerverhältniszahl. Angenommen weiter, die Geldentweyung n dem betreffenden Jahre fei 1 zu 10. Dann würden die Steuer betragen 1000 mal 10 ----- 10 000 Papier- mark. Würde in einem anderen Jahre der Entwertungsfaktor des Geldes 7 {ein, fo wären 7000 Mark Steuer zu zahlen usw. Diese Regelung ist zwar theoretisch denkbar, hätte aber praktffch doch mancherlei Schwierigkeiten. Die größte Schwierigkeit würde batin liegen, daß ein Teil der Realwerte in der Preisentwicklung durch gesetzliche Maßnahmen gehemmt ist. Würde man aber dvese gesetzlichen Maßnahmen aufheben (z. D. Höchstmietenordnung), so würde die Mieterschaft einen großen Teil der Ästen zu tragen haben.
Eine andere Möglichkeit, eine dem schwankenden Geldwert« entsprechende Veranlagung durchzuführen, ließe sich erzielen durch die Einführung einer lau« senden Vermögenssteuer, bie; alle Jahre oder wenigstens all« drei Jahre neu zu veranlagen wävr. Eine solche Vermögenssteuer neben dem Reichsnotopfer ist wohl aber nicht durchführbar. Ihre Sätze müßten sehr klein sein. Dann würde sie nicht in das geschaffene Steuersystem hineinpaffen.
Am einfachsten und klarsten erscheint folgende Lö- fung: Man gestaltet das Reichsnotopfer entsprechend den veränderten Derhältniffen u m. Es muß eine Neuveranlagung stattfinden, wobei auch die neu- gebilbeten Vermögen erfaßt werden. Es müßten weiter die Sachwerte veranlagt werden zu ihrem heutigen gemeinen Werte. Dann wird auch bei den Sachwerten der tatsächliche Papierwert als Ausgangspunkt für die Steuer gewählt, und der große Unterschied zwischen dem Geld- und Sachwerten fällt weg. Dir Beanlagung muß unter Berücksichtigung der Gegenwartswerte erfolgen. Damit aber eine künftige Steigerung des Geldwertes keine Schwierigkeiten schafft, ist dafür zu sorgen, daß die Veranlagung von drei zu drei Jahren wiederholt wird, wenn man mcht eine jährliche Veranlagung durchführen will. Die letztere würde sich nickst empfchlen, weil sie zu viel Arbeit für bte Verwaltung machen würde. Dagegen fft die dreijährige NeuvaranLagung des DermögMS von größter Wichtigkeit. Auf diese Weise würde es gelingen, bei steigendem Geldwerte die Veranlagung zu berücksichtigen und die Härten auszuschließen. Dornst ist der elastische Faktor, der in dem Reichsnotopfer leider fehlt, gegeben.
Das Reichsnotopfer wird viel ertragreicher, die {»genannten Goldwerte sind dann besteuert, und der Besitz wird auf diese Weift in einer gerechten und volkswirtschaftlich erträglichen Form zu den Lasten des Reiches herangezogen. In Verbindung damit aber wäre zu erstreben eine Verkürzung der Zeit, in« nerhalb welcher das Reichsnotopfer gezahlt werden muß.
Eine solche Lösung b?r bereits zu einem Zankapfel gewordenen Angelegenheit der Goldwertbe- fteuerung würde natürlich fein. Sie würde gerecht fein und würde vollkommen im Rahmen der bisherigen Steuergesetzgebung liegen. Das System der direkten Besteuerung würde auf solche Weise nicht geändert, sondern lediKich der
Frankreich droht!
Eine neue Wendung in der oberfchlcflschen Frage.
Briand hat ganz unerwartet, nachdem nrit der Entscheidenden Stellungnahme der Entente zu Ober- schlesien in aller Kürze gevechnet wurde, den Wagen wieder gänzlich herumgeworfen und betreibt wieder eine ausgesprochene Verschleppungstaktik mtt gefährlichen Begleitumständen.
Di« französische Rote.
Am Samstag besuchte der ftanzösische Botschafter Laurent den Außenminister Dr. Rosen, um ihm hn Namen seiner Regierung eine Reihe Eröffnungen zu machen. Er beklagte sich heftig über tätliche Angriffe, die in Oberschlesien gegen Franzosen oerubt worden seien, und zwar, wie er es darstellte, von A «- gehörigen des deutschen Selbstschutz. Dieser Selbstschutz sei nicht restlos aufgelöst, sondern werde, so sagt der französische Vertreter, fortw^rend vermehrt. Dte Verantwortlichkeit der deutschen Regierungen bleibe ebenso wie bisher voll bestehen, weil sie die Rekrutierung, den Transport und die Bewaffnung der Selbstschütztruppen, sowie chre Zusammenziehung und ihren Fortbestand in Oberschtesien dulde. Unter diesen Umständen könne angesichts des Druckes der deutschen Bedrohung die französische Regierung rächt daran denken — und sie fei überzeugt, daß die Werten ebenso wenig daran denken —, nach einer Oberflächlichen Prüfung von einigen Tagen durch eine Sachverständigenkommission eine endgültige 28- Ung der oberschlesischen Frage zu tref-
, die unmittelbar den Angriff einer wirklichen aus filufständischen gebildeten deutschen Armee Hervorrufen und lchne Zweifel durch eine Abwehraktion der Polen beantwortet werden würde. Die Verbündeten Regierungen würden sich dann in Kriegs- ereignifje hereingezogen sehen; sie würden näm- sich nicht zulassen können, daß der Vertrag von Versailles verletzt und ihre Entscheidung mißachtet werde. Die französffche Regierung, die auf Wunsch ihrer Verbündeten durch die Zahl der Truppen und Beamten, die sie nach Oberschlesien entsandt und durch den Vorsitz in der 3. A. K. in erster Linie dte Verantwortung trage, habe mst Rücksicht auf die schwere Deutsche Bedrohung Vorkehrung getroffen, um unverzüglich eine Division zur Verstärkung nach Oberschlesien zu senden, um die Ordnung aufrecht zu erhalten, und der drohenden Ge- sichr zu begegnen.
Französische Forderungen.
Im Anschluß an diese Eröffnungen stellte ter fron- zöstfche Botschafter an die deutsche Regierung folgende Forderungen:
1. Es wird von Deutschland jede notwendige Maßregel verlangt, um die Selbstschutz- und Freikorps- vrganisationen zu entwaffnen, aufzulösen und von der Grenze Oberschlesiens zu entfernen.
2. Deutschland wird aufgefordert, alle notwendigen Maßregeln zu treffen, damit die Entscheidungen der alliierten Mächte unb dte Ausführung des Friedens- Vertrages in Oberschlesien keinen Widerstand finben.
3. Deutschland hat alle Maßregeln zu treffen für dte schnelle Herbeischasfung von Verstärkungen^ welche evtl, nach Oberschlesien gesandt werden sollen.
Der deutsche Außenminister erwiderte sofort gegen die französische Auffaffung und behielt sich dte endgültige Stellungnahme der deuffchen Regierung auf Grund eingehender Prüfung aller in der Eröffnung des französischen Botschafters enthaltenen Punkte vor.
Die Berliner Preffe, die sich erst zum Teil über dm französischen Schritt geäußert hat, stellt fest, daß Driands Vorgehen offenbar nur dazu dienen soll, die Entscheidung des Obersten Rates über das Schicksal
Das Problem der Erfassung der Realwerte.
von besonderer Seite wird uns geschrieben:
Die ungerechtfertigte Härte, die in unserer Steuergesetzgebung dadurch entstanden ist, daß die Realwerte nicht mit ihrem Papiergeldpveis, sondern mit einem dem Friedenswert sehr nahestehenden Preise fci der Steuerveranlagung eingesetzt wurden, ist aus Grün- den der steuerlichen Gerechtigkeit zu bffeitrgen. Wenn der Rentner mit seinem Papierwertbesitz, der Hand- und Geistesarbeiter mit seinem Papiereinkommen zur Steuer herangezogen wird, so muß logifcherweise auch der Besitzer von Realien mit dem Papterwert derselben herangezoge.t werden. Wer Anspruch macht auf Ehrlichkeit und Objektivität des Urteils, wird diesen Grundsatz anerkennen müffen.
In der Praxis fvrilich ist die Auswirkung dieses Grundsatz« mit verhältnismäßig großen Schmie- rlgteiten verknüpft. Die Dinge liegen nämlich fo, daß alle Sachgüter in gleicher Weife im Preise gestiegen sind, wie das Geld stet. 3m allgemeinen kann man sagen, daß die innere Entwertung des Geldes wie 1 zu 10 sich stellt. Doch gibt es ksi den ver- schiebenen Sachgütern wesentliche Unterschiede, dte z. T. bedingt sind durch gesetzliche Maßnahmen. So kann man bei den Wohnhäusern zweifellos nicht von einer Verzehnfachung des Preises sprechen, auch nicht von einer Verfünffachung, wenn gleich bei Verkäufen vielfach das Fünf-, Sechs- und Mehrfache des Friedenswertes bezahlt wird, unb die neuen Häuser gar das Zwölffache bis Fünfzehnfache des Frie- denspreifes kosten. Bei den Wohnhäusern ist die Preisentwicklung eben gehemmt worden durch die Mietsordnung. Aber hier ist es auch tricht am Platze, daß das Reich entsprechend hohe Steuern von den Verkehrswerten erhebt, weil durch die Mietoer- ordnung schon eine soziale Abgabe in indirekter Form erhoben wird, indem nämlich dte Mietspreise künstlich niedrig gehaüen werden. Nur kommt triefe soziale Auflage tn keinem Budget in bte Erscheinung. Eine andere Schwierigkeit ist die, daß man die zukünftigen Preise und dte Gestaltung des Geldwertes in der Zukunft nicht genügend klar rorausfeljen kann. Veranlag man die Realwerte zu dem heutigen Papiergeldpreise, so kann es geschchen, daß bei einer Erhöhung des Geldwertes eine rmgevechte Belastung der Realwerte eintritt. Auch darauf ist bei der Regelung der Fragte größtes Gewicht legen.
Der Gänfebub«.
Fränkischer Dorfroman von Dina Ern st berge r.
1: ------------
1. Kapitel.
„Vater, muß ich auch Schuster werd'«, wie Du?" „Freili, Seppele, freili! Des war bei Groß- unb Urgroßvater a, also wirst Du a einer werd'« woll'n."
»Ich mag keiner werb'«, Vater; ich macht' werd'«, was der Lore ihr Vater is."
„A Schtudierter? Des kannst nie net werd'«, dum. V*er Bub; des kost Geld."
.hab'« wir denn fei Dell)?"
»Woher denn? Frag net so dumm. Wir hab'« unter Auskomma und {en g'funt).
»3<b möcht aber doch a Geld, Vater."
»SSas tatst denn mit?"
»Ich kaufet mir Bücher wie's die Lore har und — und — ich fchtudieret dann und werd' fo a g'fcheiter Herr, wie der Lore ihr Vater und der Herr Schullehrer is."
„Und wenn ich gleich taufend Mark hätt', Du müßt doch a Schuster werd'«. Wer fein' ehrlich'« Stand net ehrt, der is nix wert. Wie's uns unser' Eltern und Groß- und Urgroßeltern vorg'macht hab'«, so müss'n wirs nachmach'«, wenn wir an Segen hab'n woll'n. Siebenhundert Mark warn Schuld'« auf’n Häusle, wie ich's vom Großvater übernomma hab', unb fo kriegst Du's amal wieder; ta Pfennig kommt dazu unb kaner weg. Des Fenster i« der Küch'n drauß'n war schon z'broch'n wie heut', da war ich noch a kleiner Bub, und die Haustür hat schon damals grab so g'wackelt unb war so z'sprunga wie heut'. Ich hab' nichts g’änbert an bem, was mir mej Eltern hinterlassen hab'n, und Du foUft’s amal grab fo wieder krieg'« unb wieder übergeb'n. Siehst, Seppele, da liegt Segen drauf, wenn ma an Eltern ihr geerbt's Gut acht und ehrt — mir is bis jetzt immer gut ganga; unser Herrgott hat immer g'holf'n. Werd' a ehrlicher Schustermaster wie Dei Vater, es wird bann a Dir net schlecht gehn, so wen'g wir mir."
„Kann den« a Schuster net schtudier'n, Vater?" frag Joseph weiter — seinen Vater mit klugen Augen ansehenb.
„Das willst denn allwell mtt bem Schtudier'n!? Das kost viel Gelb, ich hab' Dirs schon g’fagt. 21 schtudierter Schuster, des mär’ ber richtig Master, Dünner nei! Treib' Dei Gäns' aus unb denk net allweil fo toll's Zeug."
Kräftig schlug der brave Flickschuster dabei die Nägel in ein Paar funkelnagelneuer, gewaltig großer Stiefel- sohlen, daß ber Schustertisch zitterte.
Joseph lehnte sinnend daneben; bas Gänsehüten eilte ihm heute offenbar nicht so sehr.
„Die Lore hat so a schön's Buch vom Schneewittchen und die sieben Zwerg', Vater, wenn ich nur a fo a Buch hätt'! Kost des viel Geld?"
„Sag' ichs net, mit ber Core wirst noch ganz ver- borb’n! Willst Du was les'«, so les' die Legend ober die Genoveva. Sonst is mei Lebtag «och ka Buch in mei Haus komma unb kommt a feine rei. In der Le. genb steht alles — alle andern Bücher tauch'n nix. Unb jetzt marsch! Hilf ber Mutter drauß'n ober treib Dei Gäns aus."
Seufzend wollte der kleine Neugierige eben die Stube verlasse«, als die Mutter unter ber Türe erschien.
„Schrei Dein Bruder rei zum Essen, Seppele," sprach sie freundlich, „wir woll'n etza eff'n, bann treibst Dei Gäns aus."
Eilig lief Joseph hinaus auf bie Straße unb rief seinen kleinen Bruder vom Spielplatz heim. Die Mut- ter nahm bas dunkelblau gewirkte grobe Tischtuch vom Geländer um den großen Kachelofen und breitete es auf. Dann brachte sie eine große Schüssel mit dampfenden frisch gekochten Kartoffel« und eine« Hafen voll But. termilch und stellte beides auf den gedeckten Tisch.
Als Joseph mit seinem Brüderchen von der Straße hereinkam, stand der Kater vom erhöhten Schustertisch auf, stellte sich mitten in die Stube neben die Mutter und begann das Tischgebet, in das Mutter und Kinder betend mit einstimmten.
„Hast Du Dei Schulaufgab' schon g'macht. Joseph?" •raminierte ber Vater, als sie alle um ben Tisch saßen.
jeber mit seinem Tönnchen Buttermilch vor sich unb einer geschälten Kartoffel in ber Hand.
„Noch net, Vater. Ich mach's später bei der Lore, die hilft mir dazu."
„Du sollst's allein mach'n; die Sore geht bald wie- der fort, bann weißt nix. Was haft denn auf?"
„Don die letzt'« Punkt der Erd'n muß ich schreib'«, was ich weiß."
„Vom letzt'» End' ber Welt? Da kannst net viel schreib'n, denn: „Den Tag unb die Stunde weih nie. mand, nicht einmal die Engel des Himmels", heißt es in der hl. Schrift," deklamierte der bibelfeste Flickschuster feinen aufhvrchenden Familienmitgliedern vor. Die Schusterin nickte Beifall und wischte sich mit der Schürze vor Rührung eine Träne aus dem Auge. Joseph sah zweifelnd den Vater an.
„Des hat ber Herr Lehrer nek g'mant Dom End' der Welt geht's net Ich soll von bee zwei letzt'» Punkt'n der Erd'« schreib'n. Waßt so: sie heißen Pole. Der Nordpol unb der Südpol. An beide« Polen ist es sehr kalt unb leben keine Menschen. So hat's ber Herr Lehrer aus'n Buch vorg'les'n."
„So, von dem Zeug sollst was schreib'«. Des is was anders. Immer wieder kommt was Neu's und nix S'scheit's."
„Hat's des noch net geb'«, wie Du in die Schul' ganga bist?" fragte Joseph interessiert weiter.
„O gar! net an fo an Ding hat die Erd'n sellmal g'habt, viel weniger zwa."
„Der Nordpol und der Südpol; an beiden Polen ist es sehr kalt und leben keine Menschen."
„Wenn ka Mensch'n dort leb'«, woher waß man denn bann, baß dort die Welt an End' hat? Unb bes gibt’s a net, baß im Südpol falt ift. 3a, fonträr! Recht fürchterlich heiß roirb’s sein. Don Süd'n fommt ja alle Hitz'n her zu uns. Des hast ganz falsch verstand'«, Joseph."
Sinnend tauchte Joseph die frisch geschälte Kartoffel i« das Häuflein Salz, bas die Mutter auf bas Tischtuch gestreut hatte. „Da muß ich drum die Sore frag'n; die weiß am beft'n,“ meinte ex bann mit fester Heber, zeugung.
Kaum war bas Tischgebet beenbet unb der Vater auf seinen Schusterstuhl zurückgekehrt, trieb Joseph seine gefieberten Schützlinge durchs Dors auf die Weide. Vor bem Wirtshaus blieb er eine« Moment horchend stehen unb schaute wie gebannt zu einem halb geöffneten Fenster im Obergeschoß bes Hauses empor: „Corel Corel"
Im Fenster erschien das dunkle Lockenköpfchen eine« weiß gekleideten Mädchens. ®ortlos hob der kleine Gänsehirt de« Arm, und mit eingebogenem Zeigefinger winkend, bedeutete er ber Kleinen fein Begehren.
~eott ich mitkommen, Joseph?" rief die Kleine mi- glockenheller Stimme von oben herab.
Ein heftiges Nicken mit dem Kopf« war die Antwon von unten. Eilig kam Core nun die Treppe herab; in ber Hanb hielt sie einen mächtig großen Florentiner. Hut, ben sie sich, angekommen bei ihrem Spielgesähr. ten, schnell auf das Köpfchen setzte. Ohne weiter-, nahm sie die kleine Peitsche, womit sich Joseph bei feinen schnatternden Schutzbefohlenen Respekt zu verschaf. fen suchte, in die Hand, und im Gefühle ungewohnter angenehmer Pflichten trieb sie des armen Flickschusters ganzen Reichtum an Biehstand zum Dorfe hinaus.
Die Hände in beiden Hosentaschen, ging Joseph bar. fuß daneben her.
„Core, kost des viel Geld," fragte er plötzlich nach langem Stillschweigen.
„Was denn, Joseph?"
„Wenn ma so a schtudierter Herr wird wie D6 Vater "
„Wie Papa? Warum? Natürlich kostet dies Geld.'
„Kann a Schusterbub a schtudier'n, Core?" fragte Jo. seph nach einer kleinen Weile wieder.
„Freilich! studieren kann doch jeder, der die Schulen in der Stadt besucht."
„Da könnt' ich bann a werb'«, was Dei Vater is?*1
Hell auflachend, sah Core ben jungen Freund an. „Professor willst Du werden am Ende gar, Joseph?" rief sie bann laut unb lieh vor lleberrafdjung bie Peitsche sinken, mit ber sie eben eines naseweisen Gänserich, Fluchtversuche oertreiben wollte.
lFortjekung folgt?