Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stabt Fulda.
Nr. 155.
Lerrmtworllich für Den leoauioneüen Seil: Dr. Kramer, z für bk Anzeigen: T Parzeller-Futda. 2 Jtotationsbrud u. Verlag bet Kulbaer Sldlenhruderei in Fulda. SemipteAet Nr. 0. lelegr.-Sbrefie: Fuldaer Zeit»n«
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Samstag, 9. Juli >921-
Bezugspreis; Monatlich 3,00 Mt. ohne Zustellgebühr. gn Qulbo bei unsabgehoU3,15 ZHL Anzeigenpreis: DieKleinzeile So'oneimaß) 60 Pfg„ u. 10*l, Zuschlag, die Reklame zeile (lepbreite) 1.80 2Hf„ u. 106/e Zuschlag. Bei Wiederhol.Rabatt.
48. Zahrg
DK Sranjojen
Mb die Leipziger Prozesse.
der ftanzösischen Vertreter. — Düsseldorf soll für Leipzig bfi&en.
Die französische Delegation bei den Leipziger Prozessen hat dem Senatspräfidenten mitgeteiit, daß fit von ihrer Regierung Befehl zur sofortigen Rückkehr nach Pari» erhalten habe utib bah sämtliche französische Zeugen ebenfalls zur Rückrvise aufgefocbert worben seien. Die Abreise er- folgte gestern abend. Die Prozeffe werbm weiter geführt.
Die französische Regierung hat ihre Vertreter bei ben Gecichtsoerhcmdlungkn in Leipzig abberufen. Das konnte man nach den AnkündiguiMN in der französischen Presse erwarten. Sie soll ferner die verbündeten Regierungen aufgesordert haben, das- selbe zu tun. Dav wäre eine Agitation, die nach mehr al» einer Richtung hin anstößig erscheint. Aber wenn nun die offiziöse Presse in Paris meldet, daß wegen der Leipziger Urtetlssprüche die Besetz- nng von Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort fortdauern soll, so muh man den Kopf schütteln ob solcher Logik.
Dir Verhandlungen in Leipzig haben den rach:» durstigen Franzosen bittere Enttäuschungen gebracht. insbesondere bre Freisprechung des Generals Stenger, der den oielbeschrisnen Brigadebefehl über dir Ermordung der Gefangenen erlassen hadm sollte. Der Aerger ist begreiflich, aber er richtet sich an die falsche Adrsse, wenn er den Gerichtshof an- &Di» schmerzliche Enttäuschung haben die sich selber zuzuschreiben. Sir haben zu irtlfl an die Greuelmärchen geglaubt, die während des Krieges zur Verhetzung aufgebracht wurden, und ihre Behörden sind zu un- vorsichtig gewesen bei der Einschätzung bar Zeugen- aussagen und des sonstigen „Beweismaterials"', das sie selbst doch nach Leipzig schickten. Zum wenigsten hätte man doch für den angeblichen Bri- gadebefehl, mit dem in Wort und Bild sieben Jahre lang in der ganzen Welt eine heillose Hetze getrieben worden war. einen stichhaltigen Urkunden- oder Zeugennachweis aufbieten müssen. Abe: es tarn weder das Original zum Dor- schein, noch ein zuverlässiges Zeugnis für die Existenz des Befehls. Es wurde nur ein wirres Gerede fest- gestellt, und dabei leider auch die Tatsache, daß zwei deutsche Offiziere an die Existenz des Befehls geglaubt haben, ohne sich btt innere Unwahrscheinlichkeit klar zu machen und ohne die gehörigen Erkundigungen einzvziehen. Der Ueberlebende von diesen unbesonnenen Ossizieren tst für seine verhängnisvolle Fahrlässigkeit vom Leipziger Gericht gebührend bestraft worden. Den beschuldigten General aber mußte jeder ehrliche Gerichtshof freifprechen, da der Beweis seiner Schuldlosigkeit durchgeführt war. Wer gegen diesen Freispruch aufbegehrt, verläßt den Weg der Gerechtigkeit und Sachlichkeit.
Ganz abgesehen davon, daß geradedie Franzosen am allerwenigsten Ursache haben, m der Sache der Kriegsverbrechen das hohe Roß der Tugend und Moral vorzureiten! In Deutschland werden zurzeit überall Schriften verbreitet, die üer französische Greueltaten in Form der ®e- genrechnung berichten. Gewiß muß man diesen Darstellungen gegenüber ebenso vorsichtig sein, als unsere Feiiche es gegenüber den Darstellungen deutscher Greuritaten sein sollten. Aber bas eine ist doch wohl nicht zu bezweifeln: auch unsere Fsinbe, namentlich die Franzosen, haben in den Kriegssahren gar viel ausgeführt, was vor dem Forum der Menschlichkeit nicht bestehen kann. Hat es Zweck, diese Dinge setzt vor die Gerichte zu zerren und damit die Haßgefühle zwischen
Oer Bing der Nuramaja.
Roman von Ääte van Steter.
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Stein, fie konnte nicht! Keiner kann über seinen Schatten springen, keiner au» seiner Statur heran»: sie konnte nicht! Ungestüm riß sie die Fenster auf und atmete mit durstigen Zügen die kühl vom Meer herüberwehenbe Morgenluft ein. Es war noch ganz sttll auf den Ströhen. Da klangen die Glocken der naheliegenden katholl- fchen Kirche zu ihr herüber, voll, weich, beruhigend. Wenigsten» schien es ihr fo. Kirchenglocken. Heute fiel es ihr wie etwas lange Gesuchtes ins Herz. Sie wollte in die Kirche gehen, fie wollte beten, inbrünstig, gläubig enb um Ruhe und Straft flehen. In wenigen Minuten vor Karin auf dem Wege zur Kirche.
Der hastige Gang durch die Morgenluft hatte schon etwa» von dem Beruhigenden und Stärkenden, da» |te suchte; ihr wurde leichter und freier zumute. Aber Im Augenblick, ba sie in die dunkle, nur matt erleudjtere Kirche trat, überfiel fie wieder die ganze Wucht ihre» Leide», und wie unter dieser zusammenbrechend, sank mich fie vor einem sanft blickenden Madonnenbild in die Sniet und faltete die Hände zum Gebet.
Regungslos blieb fie auf ihren Knietn liegen, wie lange, wußte fie selbst nicht.
Plötzlich richtete fie sich kurz und energisch auf. Sie hatte sich wiedergefunden, die Schwäche dieser Stunde fiel von ihr ab, sie war wieder Karin Klingenstur, die sich ihren Lebensweg mit festem Willen vorgezeichnet hotte, sich selber und ihren Erfahrungen und Aufsastun. gen treu, und wenn fie daran zugrunde ging, so ging sie wie eine Klingenstur zugrunde, im Sinne ihrer Ahnen. Die waren olle nicht schwach gewesen, alle nicht, bis auf ihren Vater, der feige die Flucht ergriffen! Da» war einst ihr herbster Schmerz gewesen, der Schmerz, der sie für bas Leben hart machte und stählte. Sie würde nicht fliehen, sondern sich selbst überwinden und besiegen.
Als fie aus der Kirche trat, stand wie hingezaubert Tibar Revosce.no vor '.hr. 3m ersten Schreck taumelte sie zurück: aber schon in der nächsten Sekunde strafften sich ihr Körper und ihre Seele. Da war der Kampf, den sie bestehen muhte: er kam schneller, al» fie gedacht
den Völkern zu vertiefen? Auf bi« Anklagebank gehörten der Krieg al» solcher und alle seine Lvbredner, die noch nicht ausgestorben sinb, weder bei uns noch bei den Gegnern. Dieser Krieg, der alle Schrecken, alle Grausamkeiten, alle Scheußlichkeiten im Gefolge hat. Der naturnotwenbig bas zeitigt, was jetzt den »Kriegsverbrechern" als persönliche Schuld angekreidet wirb. Wer, wie der Schreiber dieser Zeilen, den Krieg vier Lohre lang an seinen schlimmsten Brennpunkten mit- erlebt hat, kann dafür zeugen, baß der Krieg der Boden für das Gedeihen jeder Schrecklichkeit und Verderbnis der Menschennatur ist. Dafür aber, daß di« deutschen Heer« diesem Verderben mehr ausgesetzt gewesen seien als die feindlichen, wird kein objek- tiverBeweiszu erbringen fein. Die Geschichte wird dieses Urteil gewiß einmal aussprechen: die Kriegsprozesie aber, die «inseitig Deutschlarü» aufge- zmlmgen worden sind, können in dieser Beziehung gar kein Gewicht verlangen.
Bei dieser grundsätzlichen Stellunonahm« gegen die Protest« muß es um so mehr Entrüstung erregen, daß Ne Franzosen einen Ton gegen das Leipziger Gericht anschlogen, der alles Maß überschreitet und der deutlich politische Hintergedanken erkennen läßt. Wenn die un- geheuerstche Drohung verwirklicht würde, daß Frankreich tne Sanktionen in Düsteldorf wegen der Leipziger Ereignisse verlängert, so würde die ganze Häßlichkeit eines solchen Versuchs zur Einschüchterung oder Bestrafung von Richtern auf di« Urheber zurückfallen. Wenn Düsseldorf und Duisburg-Ruhrort darunter leiden müssen, so wisien die Einwohner, wem sie diese ungerechte und zwecklose Bedrängnis zu „verdanken" haben.
Wir aber fragen: Wo bleibt die Versöhnung der Bölker, wo bleibt die Annäherung der beiden großen Nachbarmächte auf dem Kontinent, wenn die Franzosen einige unerwünschte Gerichtsurteile von Leipzig mit der Drangsalierung von drei unschuldLgen Rheinstädten beantworten?
Es kann der Best« nicht in Frieden leben, warn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.
Der ZchM-UrmLa-prozeß.
Bor dem Reichsgericht begann am Freitag b«r Prozeß gegen den Generalleutnant a. D. Schack und den Generalmajor Kruska. Die Anklage behauptet, daß beide Offiziere den Ausbruch b«r Tnphusfeuche im Gefangenenlager R i «d er.Z w eh r en bei Kassel verfchuldet haben, wodurch französische Ge- fangen« den Tod erlitten haben. Zur Verhandlung find 11 deutsche und 10 ausländische Zeugen geloben, dazu drei Sachverständige.
Der Präsident Dr. Schmidt erklärt, daß zwar kein« förmliche Klage erhoben sei. daß aber auf Grund der Gesetze über die Beschuldigungen entschieden werden müsse. Die Anklage lautet aus Mord. 3m Zus am. menhang mit der oben angeführten Beschuldigung wird General Schack für den Tob non 3000 Gefangenen verantwortlich gemocht. Hygienische Maßnah. men sollen im Lager unterdrückt und die infizierten Gefangenen mit gesunden vermischt worden fein.
General v Schack sagt bei feine Vernehmung au» er fei niemals Gouverneur von Kastel gewesen. Das La. ger Rieder.Zwehren sei ihm vom September 1914 bis zum Januar 1915 unterstellt gewesen. Die Fleckfieber. Epidemie sei aber erst im Februar nach dem Eintreffen von 3000 oerlauften Russen aus. gebrochen. Er sagt aus, in sanitärer Hinsicht alles getan zu haben, was in feiner Macht stand. Die Gefundheits- verhältniste waren bester als in anderen Lagern. Das Esten war nicht schlechter als bas de» deutschen Militär».
Der Angeschuldigte General Kruska, der am 1. Oktober 1914 Lagerkommandant wurde und seinerzeit gesagt haben soll, er führe den Krieg auf seine Art, die anderen draußen mit den Kanonen, er mit Krank- Hellen. bestreitet die» auf bas entschiedenste und gibt eine Darstellung der Verhältnisse Im Lager. Der Epidemie find im ganzen 719 Franzosen erlegen. Zwei
hatte, aber ob heute ob morgen, er mußte durchgefochten werden. Sie roar gewappnet und gestählt vielleicht jetzt bester als später. «Ich habe Sie erwartet," sagte er, und feine Blicke brannten in die ihren, die kühl und streng sich auf fie richteten. „3d) sah Sie in der Kirche, und ich danke der Madonna, die Sie mir fo unbeobachtet und frei in den Weg führte. Sie misten, daß ich Sie sprechen mußte, wisten, wa» ich Ihnen zu sagen habe." — „Ich weiß gar nicht», Herr RevoscLny, als daß zwischen uns schon vor zwei Jahren alle» gesagt wurde, roa» wir uns zu sagen haben."
Ganz fest und kalt fielen bi« Worte von Rärins Sippen, und ihr war auch, als wenn sie au» einem festen, kalten Herzen kämen, au» einem, ba» erstarkt war in be. wußtem Willen und eisiger Kälte. „3a, ich weiß noch alles, was Sie damals sagten, und ich habe seitdem vollkommen erkannt, daß es richtig war, was Sie meiner unbesonnenen Werbung damals entgegensetzten, sehr hart, sehr unbarmherzig, aber richtig. Sie konnten nicht anders, Karin: es war eine Vermessenheit, die nur meine unsinnige Liebe entschuldigen kann, Ihre goldene' herrliche Schönheit in die Kleinheit meiner damaligen Verhältnisse ziehen zu wollen. Aber ich liebte Sie, Karin, und Sie liebten mich —“
.Still, kein Wort mehr davonI Haben Sie noch immer nicht einsehen gelernt, daß ein Mädchen, das liebt, nicht so handelt, wie ich es damals tat?" fragte fie atem. los und herrisch. Er lächelte. „Rein, Karin, verleugnen Sie nicht sich selbst; damals haben Sie mich geliebt " — „So rühren Sie nicht an Vergessenem!" — „Es ist nicht nergefiene, Karin, Sie lieben mich noch!" — „Ich verbiete Ihnen, mich so vertraulich anzureden, Herr Re- vosc^ny; und ich verbiete Ihnen, Behauptungen auszu- stellen, die jeder Grundlage entbehren. Ich denke, wir enden dieses nutzlose und unerquittitfje Ge-präch."
Mit kurzem Ropfnetgen wollte fie an ihm Darüber, schreiten, aber er blieb an ihrer Seite; die mühsam auf- rechterhaltene Ruhe fiel von ihm ab. „Sie entgehen mir nicht, Karin; es ist alle» anders geworden, ich habe gearbeitet und gerungen in diesen zwei Jahren, immer mit dem Gedanken an Sie, immer nur für Sie, um Sie zu erringen, um Ihrer würdig zu werden, denn meine Siebe ist fo grenzenlos! Rein, lasten Sie mich ousrebeni Es mutz Klarheit zwischen uns werden!" Ihre
Franzosen sollen sich im Fieberwahn erhängt haben. Ferner starben eine Anzahl Russen sowie eine Reihe der behandelnden deutschen Aerzte, Unteroffiziere und Mannschaften. Ms die Seuche al» solche erkannt mar, wurden sofort entsprechende Mahre, geln dagegen getroffen. Auf eine Frage gibt General Kruska zu, daß Erkrankte und Tote auf Tischen transportiert worden find, weil die Tragbahren nicht ausreichten Es wird behauptet, daß auf den fo benutzten Tischen bann wieder Brot geschnitten wurde. Kruska hatte deshalb verboten, daß die Tische weiter als Transportmittel benutzt würden. Er ließ fie auch desinfizieren
Der als erster Zeuge vernommene Direktor P a s ch a l i aus Straßburg ist Elsaß-Lothringer und hat tat deutschen Heere gebient Er behauptet, daß, als di« Seuche ausgebrochen war, wochenlang nichts dagegen getan morde« fei. Der Zeuge Joseph Amern, Direftor der Beriitz-Schule in KastÄ, war Dolmetscher der Kommandantur kn (Befan- gewenlager. Er sagt, der Zeuge Paschati habe die Gefangenen ungünstig beeinflußt. Er habe Paschali fei- nerzest als Spion bezeichnet. Paschaii habe den fron- zösilchen Gefangene« Gehennbesehle überlasten. Die Weihnachtsansprache des Generals Kruska fei offenbar mißver- ftanbsn und ausgebauscht worden. Der Zeuge Paschall Der- wahrt sich gegen den Dorwmf, ein Beträtet gewesen zu fein. Zeuge Roulon, Bolksschullehtet in Marigne im Departement Sarihe, erzählt von feuchtem Stroh und von den Läusen der eingetroffenen Rusten, die sich auch auf die Franzosen übertrugen. Der Beuge glaubt, daß die Des- imfiyertmg nicht in ausreichendem Maße vorgenommen worden sei. Der Sachverständige Geheimtat Prof. Gärtner ous Jena, der seinerzeit nach Niederzwehren berufen wurde, frMbert den Zustand der Zette und Baracken. Die Rusten, die m das Lager kamen, feien stark infiziert gerne fen, und zunächst wat es seht schwer, das F l e tf f l e b e r zu erkennen, weil in Deutschland diese Krankheit fest vielen Jahren nicht mehr vorgekommen war Man glaubte erst, es mit dot Grippe oder Bronchitis zu tun zu Haven. Ge. nera( Kruska habe alles, was Pros. Gärtner für notwendig hielt, sofort gebilligt und angeordnet. Die Kranken wurden möglichst Hofiert. General Kruska hat aber außerdem für Milch und Kakao für di« Kranken besorgt. Tägttch kamen 4000 Liter Milch in da» Lager. E» wurde in ganz energischerWeise gegen die Krankheit vorgegangen, aber eine Besserung wat nicht von heute auf morgen zu erreichen. Auch für die Erneue- rung der Kleidung wurde gesorgt. Pros. Gärtner stt der Ueherzeugung, daß olle» geschehen ist, wo» geschehen mußte und daß den General irgend ein verschulden nicht treffe. Das Verhalten Kruska» gegen die Gefangenen wat durchaus menschenfreundlich, bi« dem General zur Last gefegte Aeußerung hält der Sachverständige für unmöglich. Daß Kranke und Tote aus umgedrchten Tischen weggeschassf wurden, wat nicht zu umgehen. Es wurde aber sofort für die Beschaffung von Tragbahren gesorgt.
Im Augenblick, al» der Sachverständige seinen Bericht beendet, veriasten die französischen Bevollmächtigten auf Grund der oben erwähnten Benachrichtigung aus Paris den Sitzungssaal. Sie fordern die französischen Zeugen auf. gleichfalls fortzugehen. Da die deutschen Zeugen erst auf Samstag geladen sind, wird darauf die Bet- hcmdlung auf Samstag vertagt.
Oer Reichskanzler in Breslau.
Ein« machtvolle Kundgebung.
Bel dem Empfang der schlesischen Parteiführer und Pressevertreter durch den Reichskanzler wurden die schwebenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen ein» gehend erörtert. Bon zahlreichen Einzelabordmmqen der Gewerkschaften, BeamEeir- und Angestell ter»Or- ganisationen und anderen Vertretungen nahm der Reichskanzler die Wünsche und Klagen der Bevölkerung entgegen. Der Kanzler betonte in den Verhandlungen den festen Willen der Reichsregierung. zur Linderung der Rot mit allen verfügbaren Mitteln beizutragen.
Abends sprach der Reichskanzber in einer Volksversammlung in der Jahrhundert h a l l e, die etwa mit 10 000 Menschen angefüllt
abwehrend gehobene Hand hielt er mit leidenschaftlichem Druck in der seinen, die Augen flammten und blitzten, und seine Worte fielen wie heiße Tropfen in ihr Herz. Sie atmete schwer, aber sie war ganz bleich und kühl. „Lasten Sie meine Hand los, und dann sprechen Sie, damit e» zu End« kommt."
Augenblicklich ließ er ihre Hand fallen, und auch et atmete schwer. „Verzeihen Sie, wenn meine Aufregung mich fortrifi! Karin, ich bin ja nicht mehr Herr meiner Gedanken und Taten, seit ich Sie wiedersah! Es ist ja wieder in mir aufgebrannt mit einer Macht und Stärke, aus der ich entweder als der Phönix des Glücks empor» steigen, ober in ihr untergehen muß. Hör«n Sie mich an, Sie müssen mich anhörenI Ich habe damals, als Sie mich fo grausam von sich stießen, trotzdem Sie mich liebten — ich habe alles versucht, um Sie zu vergessen, alles, das Gute und bas Schlechte, und ich wäre in letzterem versunken, wenn meine Siebe nicht so gewaltig, so alles beherrschend, so leben, und todbezwingend ge- wesen wäre! Der Gedanke, Sie trotz aller Schwierigkeiten, trotz Ihres eigenen Widerstände», doch zu mei- rem Eigen zu machen, hat mich emporgerissen aus der Tiefe, hat meine Kräfte gestählt, mein Talent beflügelt und mir den Weg gebahnt. Roch bin ich nicht ganz auf der Höhe, aber ich werde sie erreichen! Die Sterne vom Himmel würde ich holen, Karin, um Dich zu erringen, um fie Dir als Diadem in bas goldene Haar zu stechtenl Geliebte, einzig Geliebte, nur eine kleine Hoffnung!"
Wie Flammen schlugen feine Worte zu ihr empor, und feine Augen glühten im dunklen Purpurschejn. Aber in ihr war alles erstarrt; wie tot ruhte ihr Herz in der Brust, erdrückt von der Gewalt Ihre» eisernen Willens. „Nttn, ich kann Ihnen keine Hoffnung g?ben, denn ich liebe Sie mcht." Automatenhasi fiel es von ihren Sippen,
Er sah sie fächelnd an, ganz unbeirrt und uner. schreckt. „Es ist nicht wahr, das können Sie nicht be. schwören. Karin, können Sie es beichwören?" — „Ich verweigere jede fernere Antwort, Herr Revoscenn, und erinnere Sie nur daran, baß ich Herrin meines Willens bin, und daß ich wünsche, meinen Weg jetzt allein fort, zusetzen." — „Wie Sie befehlen. Ich kann Ihren Wil. len recht zwingen; aber ich rechne auf Ihr eigenes Herz,
war. Er wie» darauf hin, daß heute beim Empfang von den Vertretern der Rechten betont wurde, jede» Mißtrauen und jeder Verdacht, man wolle den Selbst» chutz zum Sturze des demokratischen Volksstaat«» nißbrauchen, sei unbegründet. Der Reichskanzler prach dann über die S a n k t i o n e n. Er sei über» zeugt, daß diese Wunde am Rhein sich bald schließen müsse. Eine noch schmerzlicher« Wunde aber fei Oberschlesien, dos nach dem Recht der freien Selbstbestimmung ungeteilt bei Deutschland bleibet» mufft. Er sprach oon derKnechtungder Deutschen in Oberichlesien und der Unsähigtint bet Interalliierten Kommission deutsche» Gebiet zu verwalten. Wärmsten Dank sprach er den Verteidigern aus. Aber nicht an den Gräbern wollten wir enN« trauern, sondern weiter arbeiten, um wieder auszubauen. Da» Schicksal Oberjchlesien» fd das Schicksal Deutschland». Da» Ergebnis her Abstimmung könne nicht aus der Welt geschasst werden, solange der Gedanke der Freiheit in Oberschlesien lebe und er werde leben! Di« interalliierte Kommission sei der Treuhänder Oberschlesiens un6 die Geschichte werde einst {ragen, ob sie diese Pflicht erfüllt habe. Den Alliierten rufen wir zu: Gerechtigkeit auch für «in befiegfr:» Volk! Den Oberschl«, siern: Da» beutfefje Vaterland hofft auf Euch und reicht Euch die Hände!
Orgelspiel und Dorträge von Schlesierliedern bei vereinigten Gesangverein? umrahmten die Rede bei Kanzler». Oberbürgermeister Wagner schloß bh Versammlung, die eine machtvoll« Kundgebung für das Derbleiben Oberfchlrsiens bei Deutschland dar- stellte. Nachmittags besuchte der Reichskanzler bea Kardinalsürstbifchos Dr. Bertram.
Entlassung der Beuthener Geiseln.
Di« anläßlich der Vorgänge in Haft gehalten« Geiseln sind von den Engländern auS der Haft entlasten worden, bi» auf den ersten Bürgermeister Dr. Stephan, dem mitgeteilt wurde, daß er andern Abstimmung»gebiet entlasten werde. Die Geisel» mußten vor ihrer Entlastung eine Erklärung unterzeichnen, daß fie während der Haft human behandelt worden sind. Ein Teil der Geiseln hat die Unterzeichnung abgelehnt.
Der Magistrat der Stadt Beutben hat für bte Ergreifung be» Mörder» de» französischen Major» eint Belohnung von 15000 Mark auSgesetzt.
Regierung und parlamentarische Kontrolle.
Der Reichstag ist nach Art. 35 Abs. 2 be» Reichsverfassung befugt, einen ständigen AuSschuff zu bilden, dem e» obliegt, die Regierung i« bet Zeit der Vertagung deS Parlament», fd# wie bei Neuwahlen zu überwachen. Jene Der» fassungSbestimmung leitet sich von dem Grundsatz her, daß die Regierung der Volksvertretung verantwortlich ist, ihre Beschlüste auSzuführen hat und da# her auch während der parlamentslosen Zeit nicht ohne parlamentarische Kontrolle sein dürfe.
Der Ausschuß hielt am Mittwoch «ine Eitzun- ab. An die Stelle Dr. GradnauerS, der bekanntlich Minister deS Innern geworden ist, wurde der Mehr# heitSsozialist Dr. Meers«ld zum Vorsitzenden ge# wählt. 68 wurde beschlossen, daß während der Ber* tagung de» Reichstages der Vorsitzende den Ausschuß jederzeit zusammenberufen könne, wenn et dies« Maßnahme für notwendig halte und daß außerdem die Zujammenbrrufung erfolgen müsse, wenn mir# bestens zwei Mitglieder be» 15 Abgeordne>e zählen- den AusjchusteS dies beim Vorsitzenden beantragen-'
da» ihn zwingen wird. Ich bin zu diesem Zweck hergekommen, und ich werbe Gelegenheit haben, öfters mit Ihnen zusammen zu fein. Ich werde um Sie diene« und werben. Meine Liebe ist riefenftartl Solange Sie keinem anderen angehören, gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß meine Siebe den Sieg über Ihr Vorurteil d» vontragen wird.- Leben Sie wohl, Fräulein von ÄU- genftur, Karin, einzig Geliebte!"
(Er hatte einen heißen Kuß auf ihr« hastig ergriffen» Hand gedrückt, einen Kuß, unter dem sie, trotz aller Selbstbeherrs^ng, erbebte und errötete, und da lächelte er, zärtlich, stolz und ernst, ließ ihre Hand finken und verbeugte sich wortlos, ihr den Weg freigebend.
Wie gehetzt, eilte fie ihrer Wohnung zu. In Iforeie. Ohren klangen nur immer die Worte: „Solange Sifr keinem anderen angehören!" Gut, et hatte selbst de» Zeitpunkt angegeben, ihr selbst ba» Mittel gezeigt, a» ba» sich ihre Gedanken auch schon als letzte Rettung vor dieser unseligen Liebe geklammert hatten. Sie mußt» und würde einem anderen angehören, es war der ein# zige Schutz, der ihr vor sich selbst blieb.
(Fortsetzung folgt.)
— Dante und die Frauenmob«. Im 6. Kreil bet 2. Teil („ftegfeuet") der „Göttlichen Komödie" (Ausgabe Bernhard Schuler, München 1619) läßt Dante den Florentiner Floresio zu ihm lagen- „Wat soll ich süßer Bruder, dir noch sagen? Sch»» seh' ich in Florenz den Morgen grauen, nicht all« zusern mehr von unfrien Tagen, wo von bei Kanzeln man den frechen Frauen verbieten wird, da» Mieder auszuschneiden, zu tragen so zur Schau de» Fleisches Reize. Wo gaben (Siunb zur Straft je die Frauen der Sarazenen ober Heidenvölker, weil sie verschmähten, ehriam sich zu kleiden? Ja wenn die Schamvergrssenen wüßten, waS sich Sfammenballt für sie am Himmel, sie öffneten on jetzt den Mund zum Heulen." So also schon vor 600 Jahren, in der Blütezeit de« geistliche* MittelasteeS. Das Zitat verdient Weitergabe m der Zeit der Tantejeier auf der ganzen »vilisierte» Erd».