Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.
Nr. |5D.
Verantwortlich tüt den ceOauionelkn Teil: Dr. Kramer, = für die Anzngen: Z. Parzeiler-Fulda. r Rotationsdruck u. D«lag der Fuldaer Ackiendruckerei in Fulda, ^ernlpcechrr Nr. 9. Telegr.-Adrelst: Fuldaer Zeitung
Montag, 4. Juli
Bezugspreis: Monatlich 3F0 Mk. ohne Zustellgebühr. InFuwa bei unsabgeholt3,15 M. Anzeigenpreis: DieKlrinzeilr itolonelmaB) 60 pfg, ». 10*n Zuschlag, die Reklamezeile (Textbreite) 1.80 2TIL. u. 10*-'. Zuschlag. Bel Wiederhol. Rabatt.
48. Zahrg.
ein, in der keine wesentlichen Gesichtspunkte erörtert werden. ।
^Nächste Sitzung Montag: Kleine Vorlagen.
Hu$ dem besetzten Gebiet.
* Da; Sranlltweinmdvopal. Unter Beteiligung bei Reichlinrnlsterr für bte besetzten rheinischen Gebiete haben in diesen Tagen in Koblenz zwischen dem Lokal- tomitee der intetnUitcrten Rheinlandskommission und der Reichrmonopolverwaltung für Branntwein über die Wiederherstellung der deutschen Alkoholmonopolhoheit iin besetzten Gebiete Verhandlungen begonnen.
* Wieder ein lledergriff der vesatzusgrtrsppen. In Oberhausen penet der Polizeiassiuent ^elg'ntreger mit belgischen Soldaten in Streit. Die Soldaten schafften den Polizeiassistenten nach Meiderich. All et seiner Festnahme Widerstand entgegensetzte, schossen die Belgier und verletzten ihn schwer durch Lungen- schuß und brachten ihm mehrere Bajonettstiche der.
Rote„Kknderdeisorrstration.
Gegen den „Schwmdel von
Gott und einer Obrigkeit".
Die zur Zeit statksinbende international« kommunistische Ar bei terkin der w o che fand in Berlin mit einer .Demonstration" der kommunistischen Kinder auf dem Schloßplatz ihren Abschluß. Einige hundert Kinder jeden Alter! halten sich unter Führung einiger Erwachsener versammelt. Sie führten viele rote Fahnen und Tafeln, auf denen die „Abschaffung der rohen Prügel st rafe" und die Einführung der weltlichen Schule gefordert wurde. Nach dem gemeinsamen Gesang revolutionärer Lieder sprachen einige sehr junge Redner im Aller von 10 dir 17 Jahren, bte die kommunistische Jugend $um Kampfe gegen die „reaktionäre Lehrerschaft' aufforderten und sie ermahnien, nicht an den „Schwindel von Gott und einer Obrigkeit" zu glauben. Nachdem wieder einige revolutionäre Lieder gesungen worden waren, löste sich die Demonstration in einzelne Züge auf.
Deutscher Reich.
* Berlin, 4. Juli. Die vereinigten deutschen Parteien und Gewerkschaften Oberfchlesrens haben gegen d« Amnestie, die von der Interalliierten Kommission ausgesprochen worden ist, scharfen Protest eingelegt und sie als die Quelle eines vierten Aufstandes in Oberschlesien bezeichnet. — Der „Temps" dementiert di- Berliner Meldung bet „Information", nach der die Verbündeten von der deut- scheu Regierung die Zulassung eines „französischen Kontrollbeamten" beim Finanzmini- ministcrmm und dem Statistischen Amt verlangt haben sollten. — 3m Hauptausschuß des Landtages wurde der nnabhängige Antrag auf eine baldige Vorlegung des Gesetzes über die Sozialisierung des deutschen Bergbaues nach dem Dorschloy der Sczialifierungskommission gegen die Stimmen der sozialistischen Gruppen abgelehnt.
* StetchSkanzlerreb« tm ReichswirtschaftSrat. Der Reichskanzler wird seine bereits mehrfach angekün- dicht und immer wieder verschobene Steuer-Rede im Reparations-Ausschuß der ReichSwirtschastSrateS nunmehr bestimmt am Mittwoch, den 6. Juli, halten.
Kurland.
* Ministerpriisideut Briand erhielt von der Kammer bei der Besprechung einer innerpolitischen Streitfrage mit 432 gegen 100 Stimmen wieder einmal ein Vertrauensvotum.
* Tie italienische Kabinettskrise. Nach einer Havasmeldung aus Rom versichert man, daß daS Ministerium Bonomi am heutigen Montag gebildet sein werde. Minister für auswärtige Angelegenheiten wird jedenfalls der augenblickliche italienische Gesandte in Wien, MarqurS della Torretta.
Amnestie und Sanvionen.
Zur Wochenwcnde wurden gleichzeitig zwei Neuigkeiten gemeldet. Aus Oberschlesien die Ankündigung der A m n e st i e von feiten ter interalliierten Kam- Mission, und aus Paris einige Zeitungsstimmen, die sich für Aushebung der Sanktionen am Rhein aussprechen.
Die Amestie kämmt den polnischen Insurgenten zugute: die Aushebung der Sanktionen würde für Deutschland sehr vorteilhaft sein. Der Unterschied ist freilich der, daß die Amnestie bereits von der maßgebenden Behörde offiziell verkündet worden ist, während irr der .Sanktionsfrage bisher nur unverbindliche Anregungen von privater Seite vorliegen.
Die Amnestie-Botschaft macht den Versuch, die Straflosigkeit auf die rein politischen Vergehen zu beschränken, indem sie Ausnahmen vorsieht zu Un- gunsten „solcher Handlungen, dir in gewinnsüchtiger Absicht oder aus persönlicher Rachsucht oder auch aus Grausamkeit begangen wurden. Wenn •Ms redlich durchgeführt wird, so wird eine sehr gr o ß e Zahl von polnischen Bandenhelden doch vor das Ge- richt kommen, denn es sind in einer Unmasse von Fällen Plünderungen, Quälereien und Mordtaten vor- Mfallen, die mit dem politischen Zwecke der Machter- greifur-g nicht zu bemänteln sind. Es hängt also von dem Ermeffen der Interalliierten Kommission als An- Uagcbehörde ab, inwieivett die Amnestie ausgedehnt wird und ob gemeine Gewalttaten straflos bleiben. Ein- weitere Ausnahme von der Straflosigkeit wird denjenigen Personen angedroht, „bte nach einem noch bekannt zu machenden Zeitpunkt in unbefugtem Besitz einer Schußwaffe oder von Sprengstoffen befunden werden. Schade, daß der Zeitpunkt nicht sofort bestimmt worden ist. Die freie Hand, die sich auch in tiefem Punkt die Kommission wahrt, wird das Mißtrauen der oberschlesischen Deutschen noch steigern, lleberhaupt wäre zu wünschen gewesen, daß die Kommission sofort gesagt hätte: die Amnestie gilt nur für die Handlungen, die bis zu dem und dem Tage begangen worden sind, während alle ungesetzlichen Handlungen nach diesem Termin ohne weiteres bfftraft IDerben. Die Aufrührer können sonst die Zwischen- zeit noch benützen, um sich neue Gewalttaten unter »dem politischen Deckmantel zu gestatten. Eine solche Gefahr liegt auch in den angeblich „geräumten" Bezirken vor, da sich dort schon Versuche gezeigt haben, den polnischen Terror hier und bori wieder eiiWführen.
Demgemäß ist es noch zweifelhaft, ob die Kom-- miision den angegebenen Zweck der Beruhigung und Milderung der Gegensätze auf diesem Wege erreicht. Bon der Ausführung wird es wesentlich abhängen, ob die eilige Amneftiebotschast auf die polnischen Freunde des Generals Le Rorrlr nicht vielleicht ermutigend wirkt. Also a b w a r t e n !
Dasselbe gilt von den Friedenstauben, die einige Pariser Journalisten in Sachen der Sanktionen «uffteigen lassen. Die dortige Regstrrung hast sich noch S-rütf. Rach ihren letzten amtlichen Auslassungen atte sie die Absicht, sowohl die Besetzung von Düssel- borf-Tuisburg-Ruhrort als auch die neue Zollinie «ffmcht zu erhalten, so lange nicht alle Forderungen wegen Reparation, Entwaffnng und Kriegsprozesse lückenlos erfüllt seien. Das würde praktisch nichts anderes bedeulen, als daß T^utschlcmd unter diesem Zwang und Schaden weiter leiden sollte, so lange es den Herren in Paris gefallen würde; denn Einwände gegen diu Leistungen Deutschlands lassen sich immer finden, so lange man sie sucht.
Die betteffenden Pariser Preßartikel kamt man höchstens betrachten als einen Versuch, die öffentliche Meinung in dem verhetzten Frarrkvrich darauf vorzu- bererten, daß die Sanktionen sich doch auf die Dauer nicht halten lassen werden. In bezeichnender Weise wird dabei betont, daß nicht bloß England und Italien die Aufhebung wünschen, sondern sogar Belgiern das sich durch die Abwanderung der deutschen Aussulft von Antwerpen nach unseren Nordseehäfen in seinen materiellen Interessen bedroht sieht.
Zu beachten ist ferner noch, daß sich gleichzeitig Stimmen erheben, die nichts geringeres verlangen, als fcfe Beschlagnahme der ganzen deutschen Zollcin- nafrren als „Sicherheit" für die Entente. Wenn das durchginge, so würde der Teufel durch Brlzebub abgelöst werden; aus der Zollinie am Rhein würde eine Handelsblockade am ganz Deutschland herum.
Trau, schau, wem?
Der Mde mit Amerika.
Die Unterschrift HardingS.
Präsident Harding unterzeichnete dieFriebens- t e i o l u t i on, die den Frieden mit Deutschland und Denuchösterreich bedeutet.
Man erwartet, daß am Montag Präsident Harding den Frieden mit Deutschland proklamieren wird.
Du griechjsch-tiirkische Krieg.
Die griechische Munitions- und Benzin- lager der Smyrna sind in die Lust geflogen. Viele Häuser m Der etabt und in der Umgebung wurden zerstört bezw. schwer beschädigt.
Noch der Besetzung Ismids sind die kemalistifchen Truppen jetzt bis an die von den Alliierten festgesetzt»: neutrale Zone notgedrungen. Sie haben überall der Beoölkcrung ^den Glaubens und jeder Ration völlige Sicherheit zugesagt. Im Gegensatz hierzu melden die Griechen, ratz die Deportationen in den von den Kemclister besetzten Gebieten anhiellen.
D»> griechische Gesandtschaft in Berlin berichtet, daß die Nachrichten aus Smyrna übereinstimmend von der Begeisterung und ber guten Moral der griechischknTruppen sprechen. Mini- sterpräsidem Eunaris hat eine Rede ychalten, in der er erklärte. Griechenland werde nichts von dem, was ihm im Vertrag non Sevres zugesprochen sei, po.is- 4>»b^ -4V öwfl.niÄ*
Deutscher Reichstag.
Das Grubenunglück aas Zeche Mont Cenis.
DaS furchtbare Grubenunglück aus Zeche Mont Genie war am Samstag Gegenstand der Aussprache »m Reichstage. Ehe sich jedoch daS Hau» bet Zentrums- interpellation über das Herner Unglück zu- wendet, werden noch einige andere Dorla e« erledigt. Die Interpellation der Unabhängigen und Kommunisten wegen der Aufhebung bei Schwerkriegsbeschädigten- LazarettS Charlotteuburg soll innerhalb der gesetzmäßigen Frist beantwortet werden. Annahme findet der Entwurf über die Anmeldung des gemäß dem griedensve trage beschlagnahmten Luftfahrzeuggerätes, während daS Altrentengesetz nach der L. Lesung einem Ausschuß überwiesen wird. Lln den RechtSausschutz geht die Vorlage über bie Gebühren der Rechtsanwälte und Gerichtsvollzieher. Das Patentgebührengesetz wird in allen 3 Lesungen genehmigt. Zum Gesetzentwurf über die Sicherung von gewerblichen Schutzrechien deutscher Reichsangehöriger im Ausland wird von-feiten de» AuSschuffe» unveränderte Annahme der Vorlage beantragt. Da» Haus stimmt dem ohne Aussprache zu. Auch da» Lohnsteuergesetz wirb in 2. und 3. Lesung genehmigt.
Nunmehr wendet sich das Hau» dem Hauptgegen- stand, den Grubenunglück von Mont Cent», zu. Man bemerkt neben dem ArbeitSminifter Dr. Braun» auch den preußischen HandeiSminlster Fischbeck, zu besten Ressort die Prüfung über die Ursachen des Unglücks von Seiten der preußischen Regierung gehört, auf der Regierungsbank. Das Plenum ist nur spärlich besetzt. Zwei Interpellationen sind eingebracht worben. Die eine vom Zentrum, die aodere von den Unadhängtgen.
Die erstgenannte wird vom ZentrumSabg. 3m' usch begründet. Er spricht den Hinterbliebenen und den Verletzten seine Sympathien aus und geht von einer Erwähnung ähnlicher Unfälle der jüngsten Zeit schließlich auf bcS Herner Unglück selbst über. Er nellt fest, daß die Kxplosionrflamme sowohl nach oben wie nach unten durch den Wetterschacht durchgeschlagen hat. Insgesamt seien 80 Personen getötet, 70 schwerverletzt worden. Längere Ausführungen widmet der Redner den Mitteln, die angewandt werden müssen, um solche Unglückösälle zu verhindern. Die Wetterführung tn den Gruden müsse so sein, daß die Ansammlung von Schlagwettern verhütet werde; rnsdesondere müsse vor dem Schießen der Kohlenstaub beseitigt werden. Fest« gestellt ist, daß e» sich bei diesem Unglück um eine gewaltige Kohlenstaubexplosion handele. Das habe der parlamentarische Untersuchungsausschuß fest- gestellt; er werde seine Arbeiten noch fortfetzen und auch die Möglichkeiten der Dorbeugung erwägen. In erster Linie ist nach seiner Auffassung erforderlich bie strikte Durchführung der Berieselung, solange die neuen Versuche mit dem Steinstaubverfahren noch nicht abgeschlossen sind. Für da» Schießen müssen Kontrollvorschriften erlassen werden. Werter fordert der Redner die Einbauung sogenannter Rettung »- kammern in den einzelnen Gruben, weiteren Ausbau de» Gruben-RettungSwesenS sowie Ausbau der Kontrol le.
Für die Unabhängigen begründet bie Interpellation der Abg. Pieper. Er leitet seine im Anfang sachlich gehaltenen Ausführungen gegen Ende seiner Rede auf das politische Gebiet über, er fordert vornehmlich, daß die Betriebsräte mehr Rechte erhalten müßten. Die Unab. hängigen können eben über keinen Gegenstand reden, ohne nicht irgendwelche politischen Forderungen hinein, zuverknüpfen.
Beantwortet wird die Interpellation vom Roichs- arbeitsminister Brauns. Er gibt der Trauer Ausdruck über die Opfer, die das Unglück gefordert habe; er spricht gleichzeitig allen denen den aufrichtigen Dank aus, die sich um die Opfer bemüht hoben und sich mit eigener Lebensgefahr am Nettungswerk beteiligten. Er hebt hervor. daß noch zwei Tage vor der Katastrophe die betref. sende Abteilung der Grube befahren worden sei; dabei sei nichts Gefahrdrohendes festgestellt worden. Aber auf der andern Seite bestehe kein Zweifel, daß infolge der nachteiligen Wirkungen des Krieges der technische Stand der Gruben im allgemeinen nicht mehr dem früheren entspräche. In gleicher Weise sei auch die Zusammensetzung und Selbstdisziplini-- rung der Belegschaften nicht mehr die frühere. Hier und da trete ein gewisser Leichtsinn g e. gen die Sicherheitsvorschriften hervor. In. sofern sei eine Erhöhung der Unfallgefahr leider nicht zu verkennrn. Man könne ihr vielleicht dadurch steuern, daß die Anzahl der Häuer in der Belegschaft erhöht würden. Dor ollem aber sei notwendig die gewissen, haste Befolaung der Vorschriften durch die Beamten wie durch die Bergleute. Eine wichtige Aufgabe der Betriebsräte sei es, auf die Belegschotten erziehlich einzuwirken und das Derantwortungsgesühl dos einzelnen zu starken.
Die technisch« und bergpolizeilich« Prüfung des Unglücks lag in den Händen der preußischen Bergverwal. tung. Es war darum nur recht und billig, wenn auch die preußische Regierung ihren B-rireter beauftragt hatte, dem Reichstage die erforderlichen Mitteilungen Über das Unglück zu machen. In ihrem Auftrage sprach der preußische B-rgrot Hatzfeld, der di« technische Seite des Falle» eingehend behandelte. Zunächst gab er ein genaues Bild der Unfallstärte, sodann ging er des nähe, ren auf die Urlache der Explosion ein. Ein zweif ls. freier Schluß fei zurzeit noch nicht möglich und ob bie weitere Untersuchung zu näherer Aufhellung führen werde, stehe noch dahin. 3m übrigen gelten seine Aus. führungen allgemeinen Betrachtungen über die Maß. nahmen, die getroffen werden können, um ähnliche Unglücksfälle zu verhindern.
Die Debatte bringt keine neuen Gesichtspunkt. Allein dem Sozialist-n Ianschek bleibt es überlassen, die Schuld an dem Unglück der Bergverwaltunq zuzuschieben Man habe deshalb die Bergbeamten nicht bei der Unter, suchung haben wollen, weil sie es seien, die eigentlich auf die Anklagebank gehörten.
Gegen diese Dorwürfe wendet sich der prmßische Handelsminister A chbeck. Die Untersuchung fei noch nicht abgesch'ossen und deshalb solle man warten, ehe man solche Anschuldigungen erheben wolle.
Die Iiterpellations.verhandlung wird beendet.
In der Fortsetzung der zweiten Lesung des Rach, trag»etat, für 1921 werden dann noch der Haushalt der Reichsschuld, der Haushalt für die Aus. führung des Friedensv-rtrages. der Ha'rsbalt d-r allge. me'nen Finanzverwaltung und des Reichspostministe. rtumg nach den Vorschlägen de, Hauptausschuss s be. willigt. Rach vorwiegend polemischen Ausführungen wird auch die Besprechung zu dem Nachttazsetat für Ernährung und Lapdwirtschast beendet- Die Abstimmung hierüber wird auf Dienstag verschoben.
Darauf tritt das Haus noch in die Beratung des £außäfllt3- d— ReichseilenHs bst Verwaltung.
Heimat.
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Fulda, den 4. Juli 1921.
Der erste Juli-Zomtta-
exk hinsichtlich der Witterung nicht sondorsich gut geraten. War es auch im Freien verhältnismäßig warm, so fchlte doch die strolsiende 6ommerfonne, bte in der jetzigen Iah- reszckt nur ungern vermißt werd. Auch der gestrige Sonn- tag sah in Fulda wieder großen Verkehr. Mele kirchliche und weltliche DeranftÄtungen fonben statt. Im hohen Dome war bei fortgesetzt großer Beteiligung ewiges Gebet. Um S Uhr abends hielt der Hochw. Herr Bischof in ferorstcher Weffe die Schlußandacht mH Tebeurn. lieber all«», was sich sonst gestern in Fulda abspickte, wird im Folgenden ckngehenb berichtet.
Der verband der Vangenoffenschasten in Hessen N flau vnd Süddemschiand
hstlt am Samstag und Sonntag m Fulda feinen 13. Oer- banbstag ab. An den SerbortMungen, fcw en roten Sdcchffsck vor sich gingen, nahmen zahlreiche auswärtige Herr« teil. Don hier bemerkten wir den Landrat Frhr. v. Sägern, tüe Dovtreter bei Magistrats, Baurat Eber- lem, Stotouat Boebck und Laux, mehrere Stadtverordnete und andere am Bauwesen interessierte Herne«. Au» Kas- fck nxtien ar.ro oft nb die Geh. Bau rat Höpsner, die Landesräte Dr. Kuhving und Stöhr sowie Regierung»« und Bäumt Vogel; von Frankfurt a. M. Stabtrot Schmidt.
Rach den Begrüßungsworten des Prof. Andre- Marburg hickt Archtett H u nb t-Fvcrnkfurt a. M. einen Vortrag übte das Thema: „Wie muß ehre Bangenossm- ..IHG bauest?" . LMt. bei Ä Bau£em$enföajten fek sa..
dafür cknzutreten, daß nur massive Häuser ge- baut würden. Dachwohnungen in Neubauten seien zu vermeiden. Jede Wohnung müsse außer den HauptrSumm «ich die erfordertich-n Zubehörräume haben. Ausführlich behanbckte Redner die Vorzüge der Ein- und Zwckfami- llenhäustr und betonte, daß bie solideste Arbeit die beste Arbeit fei. Aus eigenen Mitteln forme jedoch heute keine Baugenossenschaft Wohnungen bauen, auch nicht mit den knappen Zuschüssen des Reiches. Es müsse ange» strebt werde«, daß das Reich größere Mittel flüssig mache, andernfalls man immer tiefer in das Wohrnmgsckeiü» hin, einkomme.
Sodann hickt Staatsförster H. Stetn-Spangerrberj einen Vortrag über .Holz- und Boustofstieschaffung". Ei stellte sich vor al, Führer der Baugenossenschaft „Eigen» Scholle' m Spangenberg, bie in 1919 gegründet und mit Unterstützung der Siedlungsgckellschast „Hessische Heimat* dis heute 25 Einfamilienhäuser errichtet habe. Die Häm» fer haben 3 Zimmer unb 1 Küche unten, 1 Kammer intz ersten Stock, ferner StaHanbau für 3 Ziegen, 2 Schwein^ Gänse- unb Hühnerstall; außerdem Ackerland beim Haus. Als Bauweise habe sich „Eigene Scholle" die Lehmstein, bauwckse gewählt und dabei ganz gut abgeschiNtten. Ausführlich behanbckte er bie zum Bauen verwendeten Hilfs, mittet. Don großem Vorteil märe es besonders füi Siedlungserbauer, wenn sich Gemeinden entschließen würden, ihnen Sand, Steine, Lehm unb bergt, möglichst un« entgeltlich oder gegen Erstattung der Selbstkosten abzm geben und wenn Staat ober Gemeinben das benötigte Hotz für Sidttungstauien zunächst aus einige Jahre toftanfo, abgeben würden.
An beide Vorträge schloß sich «ine fange aursühr- liche Aussprache.
Die HauptversammLmg am Sonntag wurdo von Geheimrat Dr. Sdjröber-Kasfel geleitet und war mich von cknom Vertreter de» Rckchsoerkehrsministerürms, Direttor Bosch, besucht. Den Oberpräsident vertrat Beg.-Baumd Vogel-Kasiel.
Siabtbawrat Eberlein al» Sertreter des Magistrats imb des beurlaubten Herrn Oberbürgermeisters Dr. Antoni entbot den Teilnehmern dm Willkommengrutz, gleichzeitig betonend, daß bte Stadt Fulda die Baugenosienschaftem in weitgehendstor Weise unterstütze durch Abgabe der Bau- statten in Erbbou, Gewährung von hohen zinslosen Dar- lchm und Abgabe der Baumaterialien zum Selbstkosten, preis.
Bei der Borstandrwahl wurde an Stelle der misscheidendon Gcheimrats Heuser-Fmnkfurt, Gehckmra Pros. Andre-Mattnrrg für die Jahre 1921—24 zum erster Stelloerttcker und Sladtrat Benno Schmitt-Fraaffurt aü weiterer Stellvertreter gewählt.
Die Iahresrechnung für 1920, die in Einmchrn« 9 080,53 Mk. in Ausgabe 7441,39 Mk. und einen Bestand von 1639,14 Mk. aufweist, wurde gebilligt. Der H a u s- haltsanschiag für 1922, abschließend in Einnahme unb Ausgabe mit 6200 Mk., wurde anerkannt. Die Fest- ftfoung der Genossenschaftsbeiträge für 1921 soll anders geregelt unb Unterschiede gemacht werden zwischen Kredit-Genossenschaften tmb Baugenossenschaften. Der Vorstand wurde beauftragt, diese Frage eingehentz weiter zu behandeln und bie Beiträge dann festzusetzen, Die Festsetzung des Ortes für den nächsten VerdandstaH im Nassauischen bleibt dem Vorstand überlassen.
Landesrot Gorlin g-Kassel hickt einen interessante» Vortrag über „Versicherung der Genoffenschaftshäuser gegen Brandschaden" unb empfahl die Annahme eines im Entwurf vorigetragenen Vertrages zu Ergan-zungs- und Branb- Versicherungen, der seitens der Hessischen- und auch ber Nassauischen Brandversicherungs-AnstaUen aufgestellt wurde. Landesrat Stohr-Kaffck, Direktor der Hessi- schm Bmndversicherungr-Anstalt Kaffck, empsahl ebenfalls Annahme des Vertrages. Bei dies« Aussprache teilte St. eine Entscheidung des Landes-Ausschusses mit, dahin geherw, daß die Leistungen der Hess. Branb« Versicherungsanstalt erweitert werde» sollen. Vorgesehen ist eine wesentliche Erweiterung bei der SchadewRegulierung und zwar sollen kleiner« Schäden bis ein Zwanzigstel der Versicherungssumme nun. mehr ganz evsetzt werden. Hinsichtlich der größere» Schäden sollen die Ergebnisse der Iahresschäden ab gewartet und nach Feststellung be» Reingewinns dieses prozentual aus größere Schäden zur Vertellung kommen.
Kus dem vorn Bertxmbsbirettor Landesrat Dr. Schrö» der-Kassck vorgetragenen Jahresbericht über 1920 ist zu erwähnen, daß m dm letzten zwei Jahren 8 neue Genossenschaften ausgenommen wurden, 8 cksaß-lothringische aus. gefchiedm und eine Genossenschaft (Steinbach-Halleicherch sich ausgcköst habe«. Der Verband umfaßt 45 Bereinigungen. Die Bautätigkeit hab« seither im großen und ganzen geruht, sei aber in letzter Zeit von 12 Batroeretni- gingen wieder ausgenommen. Sehr gefliegen seien die Geschäftsunkosten und Betmebskosten des Verbandes. G e»' warnt muss« werde« vor Neugründungen von. BarDenosimschaften^ deren finanzielle Lage nicht voll- ftänbig gesichert sei. Viele Sorgen bereite all«ovten die Höchskmeterwervrdmmg.
Nach ein« Aussprache referierte Geheim« Justizrat Dr. Albert USBiesbafcen üb« Togesfragm d« Baugenossenschaften, u. a. üb« ungesunde (SrünÄungen von Baugenossenschaften, allgemeine Teuerung, mangcknde BentobUHät d« Häuf«, Anwendung und Nichtanwendung des Höchstmietengesetzes, di« großen Schwierigkeiten bei Mickstckgerungen, Unlust zum Neubauen. Die vom Staat« versprochenen Hilfsmittel feien ganz unvollkommen. Dazu kommt, daß uns in tmfenem nun gänzlich verarmten Zustande schr viele Rohstoff« gänzlich fehlen. Hauptaufgabe muß jetzt sein, di« auflrctenöe Mutlosigkeit in den Baugenossenschaften zu bekämpfen und die groß« Wohnungsnot zu defeiligen. Doch nicht durch Baugenossenschaften all«» lasst sich die Wohnungsnot beseitigen. Erforderlich wäre es, daß das Mieterschutzgesrtz beseitigt, die Mieten um ein bedeutendes gesteigert werden. Diese Ausfühnmge» gaben Verantasfimg zu einer langen unb heftigen Debatte. Viele Redner roiefen daraus hin, welche schw«e Erschütte- rungm im gesamten Wirtschaftsleben alsdann eintreten würden, die Ausdehnung her Schuldenlast unausbleiblich sei unb Handel unb Industrie zum Stillstand ober gar aaa Rum längte Äm .äöhmn bis!« fcfcr Mvi«ig«