M 138, esamstae. 18. Juni 1921.
Fuldaer Heilung
Druck der Fuldaer Netieudrnckerr: itt sZulda
Die Mffionsaufgaben
der deutichen lkatholiken.
Unter diesem Titel veröffentlicht die „Köln. 93jig." Nr. 345 einen beachtenswerten Artikel des hoch verdienten Vorsitzenden des Missionsausschusses der Katholiken Deuischtands, des Für st en Löwen st ein, der in sachlichster Weise die Frage erörtert, wie die deutschen Katholiken angesichts ber gleichfalls dringenden kirchlichen Aufgaben in der Heimat sich zu der Fortführung ihrer auswärtigen Missionen stellen sollen.
„Ich glaube nicht", sagt Fürst zu Löwenstein, „daß irgend ein anderes Volk unter gleichen Umständen zur größten Befriedigung seiner Feinde seine eigenen Missionen im Stich lassen, sondern vielmehr alles daran setzen und sich empfindliche Opfer auferlegen würde, um diejenigen seiner Missionen, die von der feindlichen Politik nicht betroffen wurden, vor dem Untergang zu bewahren. Man darf wohl oertraeuen, daß auch die deutschen Katholiken, nachdem die Entente ihnen etwa die Hälfte ihrer Misfionsgebiete entrissen hat, ihr Aeußerstes tun werden, um den Rest ihrer Missionen aus der Höhe zu halten und auch unsere heimatlichen Missionshäuser vor dem Eingehen zu bewahren.".....Bei einer sachlichen Betrachtung
der verschiedenen kirchlichen Aufgaben," so sagt der Artikel weiter, „darf man nicht übersehen, daß die heimatlichen Probleme zu allen Zetten so umfangreich sein werden, daß sie an sich alle oerfüabaren Kräfte in Anspruch nehmen könnten. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern ebensost^r auch für die romanischen Länder, zumal für Frankreich mit seinen vielen Millionen, bie der Kirche entfremdet sind, nicht minder für Nordamerika mit seiner riesigen Diaspora. Wollten die Katholiken dieser Länder mit der Heidenmission sich erst dann befasien, wenn die inneren Aufgaben der Heimatkirche annähernd erfüllt wären, oder würde die Kirche die verfügbaren Missionskräste zunächst auf die ungeheueren Kolonistenmisstonen Südamerikas vorwiegend konzentrieren, dann würde man überhaupt n i e M einer kraftvollen Missionstätigkeit unter den Heiden kommen. Dann wäre Paulus nie der große Weltapostel geworden und Bonifatius nie nach Deutschland gekommen. Augenscheinlich ist es der Wille Gottes, daß die Kirche ihre Glieder so mit dem Geiste des Welt- erlosers erfüllt, daß sie immer williger werden, sowohl die heimatlichen wie auch die Mission«aufgaben mit gleicher Treue zu umfassen und zu ersüllen. Hierfür zu arbeiten und den Geist des ersten Pfingsten für uns alle zu erbitten, das dürfte der beste Dienst sein, den man der Diaspora wie der Heidemnission leisten kann. Durch die militärische Einziehung während des Krieges find gerade die französischen Missionskräste, die in» folge_ der Ordensverfolgung ohnehin bedenklich ge» schwächt waren, noch mehr zurückssegangen. Unter diesen Umständen können die deutschen Missionsanstalten durch di« Ausbildung zahlreicher und tüchtiger Missionare und Schwestern ganz unentbehrliche Hilfe leisten. Das ist gleichfalls dringend erforderlich im Hinblick auf die unvermeidliche Auswanderung von Millionen deutscher Landsleute, die im Auslande, besonders in Südamerika, sich eine neue Heimat suchen müssen und dort deutscher Seelsorge bebürfen. Die Bedeutung und Notwendig- kett unserer heimatlichen Ordens- und Misstowssemi- nare, die schon bisher auch für die Kolonistenmissionen Hervorragendes leisteten, tritt unter diesem Gesichts- purckt in neues Licht. Auch die hocherfreuliche Zahl der Missionsberufe darf wohl als Zeichen angesehen werden, daß die Vorsehung uns Deutschen noch besondere Missionsaufgaben zugedacht hat, für die wir uns in Dankbarkeit und Treue vorbe- retten wollen. Im vergangenen Winter hatte ich Gelegenheit, in mchreren Universitätsstädten vor den MitgliÄ»ern der akademischen Missionsvereirre Vorträge zu halten, in denen ich betonte, daß wir auch in den schwierigen Verhältnissen der Gegenwart den Missionsgedanken praktisch hochhalten und durch unsere Opfer für die Heidenmisstonen dos Ideal selbstloser Liebe pflegen müssen, ohne dessen siegreiche Geltendmachung unser armes Vaterland und die von den finsteren Machten des Egoismus bedrohte Welt vor dem Untergänge nicht zu retten ist. Ich betonte, daß darum auch Mission und Diasporafürsorge als zwei verschiedene Seiten der einen Aufgabe der Seelenrettung in gegenseitiger Liebe und Wertschätzung ihren hohen Zielen dienen sollten. Heute kann ich diese Bitte nur wieder-'
Rheinischer Reissbries.
Von K. Freckmann.
Wohl zu keiner Zeit des Jahres wird Fulda stärker als geisttger Mittelpunkt eines größeren Gebietes empfunden als in den Tagen der Bonifattuswoche, da jeden Morgen neue Scharen in feierlicher Prozession zum Grabe des großen Heiligen pilgern. Mögen auch heute Teile dieses Gebietes polittsch zu Thüringen, andere zu Bayern und zu Hessen gehören und der Hauptteil preußisch sein, — kulturell ist die Einheit unverkennbar. wie sie tn den Grenzen des allen geistlichen Für- stentums Fulda zum Ausdruck kommt: etwa von Butt, lar im Norden bis Brückenau, ja, Hammelburg im Süden, von der Linie Dermbach—Zella tat Osten bis tief in den Vogelsberg hinauf im Westen. Als religiöse» Mittelpunkt verehrt dies schöne Land den Dom zu Fulda mit seinem kostbaren Grab, und künstlerisch wie. herum find die Ausstrahlungen der Metropole bis zum letzten Bildstock auf den Höhen der Rhön nachweisbar und verleihen ihm die wunderbar einheitliche Prägung, die wir tat wesentlichen dem 18. Jahrhundert verdanken.
Aus diesem geschlossenen Kulturkreis, aus dieser heroischen Landschaft kommend fühlt man sich am Nie- derrhein zunächst mittelpunkttos, hilflos preisgegeben der weiten Ebene mtt ihren vielen dichtbevölkerten Städten, die nirgends ein einheitliches Gepräge erkennen lassen, in denen das moderne Leben so stark pul. fiert, daß ganz Mitteldeutschland dagegen leite verträumt erscheint. Und am wenigsten von allen Epochen hat hier die Barockzeit bleibende Spuren hinterlassen. Der erste Eindruck empfindet das Fremde am stärksten: den holländisch-flämischen Eharakter der Landschaft und vieler Städtcbilder. Da sind die niedrigen, ro'vtoletten Bocksteinhäuschen mit dem weiß und grün gestrichenen Fensterwerk, da sind kleine, baumbestandene Plätze, wie wir sie in Douai oder Gent oder Tourna, sahen, da gehe« stille Wasser, in denen sich stumpf abgeschnittene Kirchtürme und Windmühlen spiegeln, da klingen Straßen an, lang und schmal, mit kleinen Reihenhäusern und hohen Mauern, wie wir sie von den Bildern mo. derner Belgier her kennen. Die alten Patrizierhäuser zeigen vielfach den nordischen Giebel mit Sandstein- gllederungcn und Valuten: holländische Spätrcnais- sance. Doch unvermittelt und überall werden diese Stödtebilder von großen, neuen Industriebauten unterbrochen, so sehr man diesen Zwiespalt auch an manchem einst stimmungsvollen Platze bedauern mag. Aber die Industrie bringt dem Lande den verhältnismäßig gro-
holen und empfehlen, das eine zu tun und das andere nicht zu unterlassen. Soweit die Hridenmifsion in Betracht kommt, muß es unser Ziel sein, das Bestehende nach besten Kräften zu erhalten und darum sowohl die Missionsgesellschaften und ihre Missionen, als auch die Missicnsvoreine, die ihrer Unterstützung dienen, noch wie vor mit deutscher Treue und christlichem Glaub-ns- mut bis zu der besseren Zeit hindurchzuretten, die, wie wir hoffen, unserem Vaterland« noch einmal beschieden sein w.rd."
Die vielgenannte Missionsrede des Fürsten Löwenstein auf dem Katholikentage zu Breslau 1909 bildet ein wichtige- Glied in der Entwicklung, btt das deutsche Missirnswesen seitdem genommen Hot. Mögen die besonnenen Worte des bewährten Fichrers auch heute im ganzen katholischen Deutschland beherzigt werden.
Eine Pflicht -er deutschen grau.
Daß wir, wenn es uns gelingen soll, die Forderungen der Entente zu befriedigen, durch vermehrte Arbeit unsere Produktion erhöhen müssen, weiß heute jedermann. Ebenso wichtig ist es aber, daß wrr durch sorgfältige Sparsamkeit die Ausgaben so viel wie möglich beschränken. Deutschland ist arm, das müssen wir uns immer wieder sagen, und em armes Volk darf keinen Luxus treiben. Diese Forderung muß an jeden Deutschen, ob Monn ob Frau, gestellt werden.
Durch die Hände unserer Frauen als Verwalterinnen des Hauses gehen gewaltige Summen des Volkseinkommens; die Frauen sind imstande, große Werte zu sparen, wenn sie wohl überlegen, ehe sie einen Einkauf machen, ob er für ihren Haushalt nötig, ob er im Jnieresse des Vaterlandes erlaubt ist. Ganz besonders gilt diese Mahnung beim Einkauf von Waren aus dem Ausland. Wir wissen, daß die Franzosen deutsche Kleider zurückweisen, sollten wir nicht den Vorsatz durchführen können, nur deutsche Kleidung zu tragen? Ist eS nicht beschämend, daß in kurzen 4 Monaten 58 Mill. Maik für Seidenstoffe und Tüllgewebe nach Frank- reich gezahlt wurden?
Im Jahre 1920 zahlten wir über 40 Millionen Mark für Seifen und Parfümerien, 80 Mill. Mark für Konserven, 390 Millionen Mark für Weine und Liköre ans Ausland. Wieviel mögen wir für Schuhe, Teppiche, Hitte, Porzellan, für Schokolade, Zigarren, Zigaretten gezahlt haben! Die genannten Zahlen sollien jede Frau zur Besinnung bringen und sie veranlassen, soviel irgend möglich nur deutsche Waren zu kaufen, ausländische Luxuswaren aber ganz zu vermeiden. Wiederauf- bauminister Rathenau sagte schon im Januar: „Es steht nicht mehr jedem einzelnen frei, zu Lasten der Volksmirischaft im Auslande so viel Güter zu kaufen, als ihm beliebt. — Ein armes Land muß so viel wie möglich erzeugen und ausführen, so wenig wie möglich einführen und verbrauchen." Deutsche Frauen, folgt diesem ernsten Mahner!
Reber den fritzlarer Dom
schreibt Viktor Würth (Darmstadt) in der „Köln. Volksztg.": Mit der Neueinweihung des ganzen Kir- chengebaudeL und der Konsekration von sechs neuen Astärcn durch den Bischof von Fulda, Dr. Damian Schmitt, haben die Wieüerherstellungsarbeiten am Dome zu Fritzlar nunmehr ihren auch äußerlichen Abschluß gefunden. Die Restauration dieses altehrwürdigen Baues der kirchlichen Metropoledes alten Hessenlandes, wie man die Stiftskirche zu St. Peter in Fritzlar wohl nennen darf, am Orte der Mut- terkirche des christlichen Glaubens im Territorium des Chatteristammes stellt eine der wenigen umfassenderen kulturellen Aufgaben dar, die der Krieg und das wirtschaftliche Chaos der Nachkriegszeit nie gänzlich zu unterbrechen, nie vollkommen lahmzulegen vermochten. Freilich, die vö l l ige Neu- oder besser Wiedergeburt des Aeußern und Innern, auf die das ursprüngliche Absehen bei der Inangriffnahme der groß gemessenen Arbeit im Sommer 1913 ausging, war unter den jetzigen Verhältnissen nicht mehr zu leisten. Vieles, was im ursprünglichen Plane an Instandsetzungen und Neubeschaffungen vorgesehen war, mußte bei der Not der Zett unterbleiben und besseren Tagen vorbehalten werden.
ßen Wohlstand und fördert wieder Kunst und Handwerk. Oder wo gibt es sonst eine gleich großartige Organisation edelsten Mäzenatentums wie den Verein der Freunde rheinischer Kunstgeschichte, der sich aus Kreisen der Großindustrie zusammensetzt, wo wird sonst so viel gebaut wie hier in diesen Ländern am Niederrhein?
Um ihnen freilich künstlerisch gerecht zu werden, muß man an ihre Blüte im Mittelalter denken, an die Zeit der Hansa, muß sich in den Dorstellungskreis der großen iltiederländischen Maler versenken. Zur Einführung sehr geeignet war auch jener schöne Aufsatz über die Marienstadt Kempen in der „Kölnischen Volkszeitung" vom 29, Mai, Kempen, die Geburtsstätte des großen Lehrers der Nachfolge Christi, die Stadt, deren „innerster Geist, Mystik urt? IRarienuit", Stein geworden ist in dem uralten G'tteshause auf d m stillen P.-rtz Kempen hat viel Versonnenes, ferner scheint hier die Gegen, wart als etwa in Kevelaer, das sich eben herausputzt jum Empfang der zahlreichen PUger, die sich in diesem oafjre zuerst wieder auch von Holland und Belgien an» geweidet hoben. Die Gnadenkapelle erinnert sehr an feie von Telgte bei Münster, nur daß sie weit kostbarer mrszestattet ist. Sie haben ihre eigene Schönheit, diese Gnadenstätten der Gottesmutter, und man weiß nicht, weshalb sie so mild und tröstlich wirken. Fehlt auch hier der großartige landschaftliche Rahmen, in den z. B. der Fuldaer Frauenberg gefaßt ist und dessen Schönheit an einem stillen Iuniabend, wenn die Linden blühen und in der Kirche drinnen die letzten Orgeltöne der Abendandacht verklingen, besonders stark empfunden wird, so wirkt dafür um so ergreifender die Dotivkap-lle mit den Weiheschildern der vielen, vielen Orte und Pfarreien, die seit Jahrhunderten hierher gewallt sind. 2n der großen Kirche hat man den Hochaltar höher gefegt und die Ausmalung des Chors fast vollendet Interessant ist hier der Fortschritt in der Malweise gegenüber dem früher ausgemalten Querschiff, das ganz mit Bildern erzählenden Inhalts in matteren Farben ausgestattet ist, während der Chor eine rein dekorative Malerei zeigt, die durch ihre tiefen, leuchtenden Farben, durch eingelegte bunte Steine und vor allem durch den tarken Goldgrund ganz außerordentlich feierlich wirkt. — Durch das flache Land fahren wir nach Kleve. Links der Reichswald verdeckt die Niederungen der Maas, rechts säumen fruchtbare Felder mit kleinen blitzsaube- rn Gehöften den Blick. Ehe der alte Vater Rhein eine müden Wellen nach Holland trägt, muß er kurz vor der Grenze hier noch an zwei kleinen Hügeln vor. über. Don der einen Höhe links grüßt dis Schwanen-
3m Mittelalter die größte Städte, wirkt chr Anblick heute noch fo bezwingend Königin des reichen Lan-
Stätten sonst im Lande.
Und dann Köln selbst! und stolzeste aller deutschen schon aus der Ferne auch schön, als ob man hier die
des vor sich sähe. Aus solchen Träumereien wird man im Menschengewühl der großen Dahichofshallen ziem- sich plötzlich in die leberÄigste Gegenwart hineingezerrt. Dann Bahnhof gleich links der Dom, aber man kommt gar nicht dazu, ihn auch nur eines längeren Blickes zu würdigen wegen der dauernden Gefahr des Ueberfcchren- werdens. Fahrzeuge, die zu ihrer Fortbewegung Pferde benötigen, scheinen hier nicht mehr zu existieren: der Straft» wagen in jeder Form und Größe beherrscht das Bild. Und ö wird man in die Hohsstraße hineingezogen, wo in großem Gedränge zu jeder Tageszett die Menschenmassen durcheinanderstaten. Moderne Warenhäuser größten Stils, in denen einfach alles zu Haden ist, waren ja vor dem Kriege auch schon da, aber eine solche Fülle des Verkehrs wie heute kannte das Köln von 1914 doch nicht. Es ist ein großartiges internationales Leben, man hört und lieft dir Sprachen aller Sultumationen, neue Bankniederlassungen und Gründungen fremder Handelskammern geben ebenso dem vertrauen des Auslandes auf deutsche Tatkraft
AuÄinrck wie sie Köln als Stadt fördern und vergrößern. Entfaltet sich doch hier eine Bautätigkeit, wie sie heute in Deutschland ihresgleichen nicht hat, wachsen doch hier nach Sprengung des Festungsgürtels, der die Entwicklung seit Jahrzehnten knebelte, ganze neue Stadtteile mit fast märchenhafter Schnelligkeit aus dem Boden.
Und nur ein paar Schritte seitwärts der belebtesten Geschäftsstraßen und du stehst in der Stille seltsamer Hallen: St. Maria im Kapitol umfängt dich mit der geheimnisvollen, dunkelglühenden Stimmung eines fast orientalischen Lebens. Oder du siehst in St Aposteln am Rsumarkt, wie schon die späte romanische Zeit Langbau und Zentralbau zu vermählen trachtete. Und wieder ein paar Straßen und St Gereon öffnet sein Portal, auf dunklem Gold .glänzt^überreicher Schmuck, und dein Mick versiert sich m ber Höhe des rätselhaften Rundbaues. Und alles überragend, die alten Kirchen und die neuen Warenhäuser und Dankgebäude, reckt sich steil aufwärts die wüchse Masse des Domes wie eine stete Mahnung zum Ueberfinnlichen, Ewigen. Ein unvergeßliches Bild bot hier die Fronleichnamsprozession, deren vierter Altar auf dem Platze vor dem Ouersch'ff und Domhotel aufgebaut war. Die Pro- Zession hatte geradezu riesenhafte Abmessungen; die Hohe- stvoße war wie ein Teppich von Eichenlaub: unter einem wundervollen Baldachin von Mauer Seide trug der Herr Kardinal-Erzbischof das Sanktifsimum, und das Zeitgemäße dieser herrlichen Kundgebung zeigte sich besonders m der starken S-eteUigung auch des modernen Köln.
Es gab eine Zeit, da Düsseldorf allen Ernstes Köln zu überflügeln suchte. Heute muß es sich vorsehen, nicht demnächst von Köln als Dorstadt emgemeindet zu werden. Es ist stiller in Düsseldorf, und wenn man an den warmen Nachmittagen über die Königsallee schlendert, die im Mai mit ihren vielen blühenden Kafianienbäumen sehr freundlich dreinschaute, wenn bann allmählich die ganze Welt zu einem großen Garten wird, darin ftöhliche und elegant» Menschen lustwandeln, glaubt man auch heute noch in einer hübschen kleinen Residenz zu sein und kann die große Industrie ringsum ganz vergessen. Don den älteren Bauten der Stadt interessierte uns besonders die Klosterkirche der Karmelitessen, ein Werk des holländischen Klassizismus, an verwandte Bauten im Münsterlande erinnernd, auch im Innern durchaus einhenlich auf der Grundlage eines griechischen Kreuzes ausgestaltet.
Doch die fünfte Blüte der Kunst des 18. Jahrhunderts am Rhein und zugleich eine der edelsten Schöpfungen des französischen Rokoko auf deutschem Boden ist Schloß Ben-
telalterlicher Wandmalereien unter den Deckenden und — sicher ohne Absicht, zugleich auch — schützenden Putz und der Tünche heroorgeholt, die ztt retten und wenigstens teilweise im ursprünglichen Zustand, der ja einzig von Denkmalswert, zu sixicren glücklich gelang. Nur verständnisvolle Zusammenarbeit von Denkmalpflege und kirchlicher Behörde konnte in allen Fällen den gangbaren Weg des Ausgleichs zwischen den entgegengesetzten beiderseitigen Forderungen eruieren. «
Die wertvollsten neu aufgefundenen Wandgemälde sind ein leider nicht sonderlich gut erhaltenes figurenreiches, architektonisch gegliedertes Marienleben von außerordentlichen Ausmaßen (6i£ auf 12 Meter) und ein wesentlich kleinerer, aber ebenso b'sser instand befindlicher St. Martin mit einem Bocticellikopf in Landschaft mit Bettler und Stifter, beides späigoti- scher Entstehung. Die Ausmalung dekorativer Natur des Innern ist in enger Anlehmmg an wieder aufgr- deckte Reste der frühgotischen Farbbehandlung der Pfeiler und Wandflächen, der Rippen und Gewölbe- kappen und Schlußsteine, die fast überall einwandfrei nachzuweisen war, vorsichtig und sparsam vorgenornmen worden.
Trotz der vielen ausgezwimgenen Einschränkungen darf so — nehmt alles nur in allem! — sicherlich festgkstellt werden, daß der Fritzlarer Dom nun wieder in einem seinem Alter und seiner Zwecklmstimmung würdigen Kleide sich zeigen kann. Denkmalpflege und Kirche dürfen stolz sein auf diese gemeinschaftliche Leistung, das neue Gewand, in dem St. P^ter ins zweite Iahttausend seiner Geschichte stolz und zuversichtlich hineinschreiten, wird als nun auch äußerlich wieder dis erste Kirche des Chattengaues.
। Eine ganze Reihe von Teilvorhaben, so di« Erstellung einer neuen Orgel, die Ausrüstung der gesamten Anlage mtt neuen Beleuchtungskörpern, die Vervollständigung des Fensterschmuckes durch farbige Vergla- sung — all das und vieles andere noch konnte in der Zeil eines machtpolitischen und wirtschafllichen Zusam- menbruchs ohnegleichen den mühsamen Weg von der kaufmännischen Kalkulation und der Ideenarbett des Künstlers, von Modell und Karton in die Wirklichkeit nicht mehr finden. Es muß bewundernswert genannt werden geradezu, was unter den so ungeheuerlich erschwerten Verhältnissen tatsächlich noch erreicht worden ist.
Die reich gegliederte, unregelmäßig malerische und in ihren Einzelhetten nach Stil und Entstehung den verschiedensten Seiten entstammende Baumasse ber heutigen Stiftskirche St. Peter ist im Kern noch die Anlage aus der Wend« des 12. Jahrhunderts, der spüt- romanijche Neubau der Jahre 1171 bis 1230. So wurde wenigstens bisher angenommen; Tradition und oberirdischer Befund hatten auch die Fachwissenschaft des Glaubens gelassen, daß es sich hier um eine im wesentlichen einheitliche Anlage des spätromanischen Stils Hand: le, der sich als eine kreuz- förmige gewölbt« Basilika des gebundenen Systems barstellte. Abweichungen vom strengen, ausgebildeten Schema in den Maßen usw. ließen sich zwanglos aus den örtlichen Gegebenheiten erklären und aus der Zwangslage, den neuen Bau des Langhauses vor allem zwischen die stehengebliebenen Teile des Vorgängers, ■ die Krypta und die zweitürmige Westfassade, die solchermaßen ein festes Gerüst bildeten, so gut wie eben angängig einzuspannen.
Nun haben aber die Ausgrabungen, die parallel dem Fortschreiten der Instandsetzungsarbeiten auf Anregung und unter Leitung Dr. Beckers, des Leiters der Restauration feit Oktober 1915, im Innern des Langhauses wie der Krypta und am Außenbau vom Herbst 1916 ab vorgenommen wurden, es sehr wahrscheinlich gemacht, daß die Bauarbeiten am Sius» gang des 12. Jahrhunderts nur als ein teilweiser Umbau gelten dürfen, als Umbauten an dem tatsächlich eigentlichen „Sern" der heutigen Kirche, einer flachgedeckten Basilika mtt plattem Chorschluß aus dem Anfang des 12. Jahrhunderts. Aber ein noch viel wichtigeres Ergebnis Hai die Arbett des Spatens im wahrhaften Sinne „zutage gefördert": es ist Dr. Beckers Grabungen im Langhaus gelungen, die älteste christliche Kirchenanlag ean dieser Stelle, die Kirche des von Bonifatius als ersten Abt des von ihm zu Frideslare begründeten Klosters eingesetzten Wigbert, in ihren Grundmauern festzu- stellen. Die Ueberreste dieses ohne weiteres als früh- mittelalterlich erkennbaren Mauerwerks aus Büraber- ger Sandstein, einem wenig festen Rotsandstein, der in ber_ Nähe Fritzlars, in den etwa 8 Klm. entfernten Brüchen des durch die Bistumsgründung des heiligen Bonifatius bekannten Büraberg gewonnen wird, gestatten, di« Wigbertkirche aus der Zeit um 732 in Grundriß und, im wesentlichen auch, imAuf- b a u zu rekonstmieren: Dies älteste Fritzlarer Gotteshaus, wesentlich kleiner als der Dom von 1100, war eine breischiffige Basilika, natürlich flach gedeckt, die vernmllich einen Westturm besessen httt; ob Querschiff und flachen oder runden Chorschluß, ist nicht mehr zu sagen Das sind Ergebnisse der Spatenarbeit, wie sie schöner nur von Vermessenheit zu erwarten wären und deren wissenschaftliche Bedeuttmg wett über lokal- historische Interessen hinausgehend auf die gesamte Erforschung der frühmittelalterlichen Architektur, die in den letzten Jahren einen so verheißungsvollen Aufschwung genommen fyü, befruchtend wirken müssen.
Dis eigentliche Wiedeich''rstelllmgsarbeit hat sich die weife Beschränkung auf erlegt, die heute von der gesamten Denkmalpflege als nichts anderes dcnn ein Tribut der Ehrfurcht vor dem „Erbe der Alten" gefordert wird, nichts neues zu geben, sondern das Bestehende zu erhalten, in feinem Bestand zu sichern und, wo es durch Eingriffe pietätloser Hand aus spa'erer Zeit gestört oder verdunkelt worden ist, es in seinem alten Gleny wieder an Tag zu bringen. So ging neben der Instandsetzung der gesamten Mauerflächen, der Ausbesserung der Dächer und Turmhelme, der Anlage von Entwässerungsgräben am Außenbau die Trockenlegung des Innern und die geschickte Anlage einer Wormwafser-LuftHeizung, der auch die Krypta angeschlossen ist, her. Sie Untersuchung der Innenwände hat eine ganze Reihe zum Teil hervorragender mit - !
bürg ins Land, die sich freilich nur in einem toten Rheinarm, Kermisdal genannt, spiegeln kann. Die Aussicht vorn hohen Turm auf die vielen Dacksteinhäus. chen und Pfannendächer der Stadt, auf den ausgedehnten Tiergarten und in die weiten Niederlande hinein ist prächttg. Der Schwanenritter Lohengrin, den die Her. zöge von Klcve als ihren Ahnherrn verehrten, möge es indessen dem Fremdling verzeihen, wenn er nur wenig an ihn denkt und noch weniger an den großen Kurfürsten, der hier plötzlich in Bronze auftaucht, sondern wenn ihn statt dessen angesichts des wohlhabenden Hollands in unserer valutakranken Zeit die letzten Notierungen des Guldens viel stärker interessieren.
Auf ber Rückreise verlassen wir halbwegs zwischen Neuß und Köln den Zug und gehen durch die einsame I Heide in die Rhetnwiesen hinab. Gell» blüht der Gin. I ster, während das Heidekraut noch von kommender I Blüte träumt Bald sehen wir vor uns Mauern und I Türme aufragen, riesige Backsteinmassen, mit Basalt. I bläffen durchsetzt und von Efeu wild überwuchert Das ist Zons, die tote Stabt mit ihrem Schloß Friedestrom unb ber umschließenden Mauer, im 14. Jahrhundert vom Kölner Erzbischof Friedrich dem III. angelegt als I Zollpsorte des Mittelalters fo stark erfüllt wie wenige
Üu§ dem Rachbargediet.
O Hanau. In der Stadtverordneten« f i tz u n g wurde unter langen Redekämpfen eine viele Punkte umfassende Tagesordnung erledigt. Das Handwerksamt Hanau, das feit Jahren einen städtischen Zuschuß erhält, hatte wiederum um eine Beihilfe gebeten. Der Finanzausschuß hatte beantragt, diesen Zuschuß mit 5000 Mark zu bemessen. Die Konmnmisten hatten beantragt, in Konsequenz dieses Antrages dem Arbeltersekretariat eine Beihilfe von 10 000 Mark zuzuwendrn. Der Antrag des Handwerksamtes wurde in die Kommission zurückverwiesen, worauf die Fraktion der Handwerker und Gewerbetreibenden den Sitzungssaal verließ. — Da die dem Stadt- und Landkreise Hanau gemeinsam gehörende Sammelwasenmelsterei iit der jetzigen Form unrentabel ist und die Betriebs- einrichiung auch erneuert werden muß, wurde der Verkauf der Sammelwasenmeisterei an die Tierkörperverwertungsgesellschaft m. b. H. Pasing zu 215 000 Mark beschlossen.
mc Frankfurt a. M Die Stadt Frankfurt hatte bisher auf dem Gelände des Sandhvfs in der Nähe des städtischen Krankenhauses eine eigene Metzgerei unterhalten, mit welcher sie hauptsächlich ihre Kranken- und Hilfsanstakten versorgt. Nunmehr soll der Betrieb eingestellt werden, nachdem sich herausgestellt hat, daß im freien Handel das Fleisch bis 3 M. billiger geliefert werden kann.
mc. Frankfurt a. M. lieber die Klatsch- und Verleumdungssucht in heutiger Zeit wird viel geklagt und die Gerichte sind überlaufen mit Beleidigungsklagen. Besonders charakteristisch für die Prozeßsucht zeigte ein Fall vor dem Schöffengericht, wo die Angeklagte behauptete, daß die Belastungszeugin an einem Tag nicht weniger ais 8 Vorladungen vor den Schiedsrichter wegen Beleidigung erholten hatte.
— Herchcnhain. Der weit über die Grenzen Hessens hinaus Mann e Herchenhainer Io« hannimarkt, verbunden mit Viehzuchtausstellung und großem Volksfest, findet zum ersten Male nach dem Kriege wieder statt vom 20.—22. Juni. Vom preußischen Gebiet ist der Kreis Gelnhausen zum Auftrieb zugelassen.
fpd. Aschaffenburg. Tas hiesige Schloß dürfte, nachdem der ehemalige König Ludwig III. auf fein Wohnrecht in ihm Verzicht geleistet haben toll, für städtische Zwecke, vielleicht als Rathaus, in die freie Verfügung der Stadtverwaltung übergehen. Enttprechende Verhandlungen mit ber Krongutver-