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uld aer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadl Fulda.

Ur. 135.

jjeranlworiltch für den rtoauionellen Stil: Dr. Kramer, - für dir Lnzergen: I. Par ze 11er-Fulüa. 2 Rotarionsörud u. Verlag der guldaer Acltendruckeref in Fulda. sternipi«b*r Nr. 9. leleqr.-Adrese: Fuldaer Zeitung

Mittwoch, 15. Juni 1921.

Bezugspreis: Monatlich Z.00 ttlk.ohne Zusteilgevuhr. In Fu.So bei unsabgeholt3,15 2RL Anzeigenpreis: DieKieinzeiie Colonelmas) 60 JJfg, u. 10« Zuschlag, die Retlamezeilr (5erfhrfite> 1.80 Nlk^ u. 10-« Zujchlaq. Bei Wiederhol. Rabatt.

48. Zahrg.

Deutschland und Zrankreich.

Die Wiesbadener wiederaufbauverhandlungen.

Dom23nl Lokalanz.' zufolge befaßte sich das deutsche Reichskabinett m seiner gestrigen Sitzung in Anwesenheit des Wiederaufbauministers Rathenau mit den Wiesbadener Verhandlungen über die Wiederaufbaufrage. Der Londoner Berichterstatter desBert Tagebl." erfährt, daß der Oberste Rat auf das Ersuchen Loucheurs wahrscheinlich R a t h e- nau einladen werde, seinen Plan persönlich oder durch einen Vertreter in der nächsten Sitzung des Obersten Rates zu erörtern.

Das Echo in Paris.

Im französischen Ministerrat berichtete Minister L 0 u ch e u r über seine Zusammenkunft mit Minister Rathenau in Wiesbaden. Zwischen den beiden Mi- nistern wurde vereinbart, daß sich Sachverständige a m 2 4. Juni in Paris treffen, um über ein end­gültiges Wiederaufbauprogramm zu beraten. Lou» cheur war von der Konferenz sehr befriedigt. Die Zahlung in Natura werde uxchrscheinlich ein Fünf­zehntel der Zahlung in Geld nicht überschreiten. Sou- cheur habe Rathenau verschiedene Fragen vorgelvgt, über - d«e er bei Wiederaufnahme der Verhandlungen antworten werde.

Das oberschlesische Hindernis.

SterManchester Guardian" schreibt zur Zusam­menkunft zwischen Rathenau und Loucheur: Stenn das furchtbareHindernis Oberschlesien nicht wäre, dann könne man erklären, daß sich Frank­reich zum erstenmale seit dem Kriege in der Richtung eines wirklichen Friedens mit Deutschland bewege.

Dag Ergebnis der Reparallousgesetzes.

Im englischen llnterhause wurde mitgeteiü, daß das deutsche Reparationsgesetz bis zum 11. Juni 48 0 0 0 Dsund Ster ling erbrachte. Die Mit- teilimg wurde mit ironischen Zurufen ausge- nommen.____

Die Abstimmung über die amerikanische zriedenrresoluti.'n.

Wie wir gestern schon meldeten, wurde die Reso­lution Porter im amerikanischen Repräsentan­tenhaus angenommen, während der amerikanische Senat an einer anderen Fassung der Resolution festhält. Stet der Abstimmung waren von der Oppo- sitton 49 Demokraten für und von der Regierungspar­tei ein Republikaner gegen die Resolution Porter. Einer der Unterschiede zwischen der Resolution Por­ter und der Resolution Knox ist der, daß letztere den Vereinigten Staaten ausdrücklich alle Rechte vor- behält, die sie auf Grund des Waffenstillstandes er­warben, und bestimmt, das beschlagnahmte deutsche und österreichische Eigentum solle beschlagnahmt bleiben, bis die Verträge in beiden Ländern ratifiziert feien. Depeschen aus Washington besagen, es werde geraunte Zeit dauern, bis der Verhandlungsausschuß beider Häuser sich über die endgültige Faflung der Friedensresolution geeinigt hat.

Gberschlesie».

Die interallierte Kommission stellte die Söuberungsaktion in Oberschlesien e i n. Als Grund hierfür gab sie den politischen Par- feien an. daß derdeutscheSelb st schütz sich wei­gert, vor Niederschlagung des Aufstandes die durch

ihn befreiten und beschützten Gegenden zu räumen. Die deutschen Parteien vertreten den Standpunkt, daß es Aufgabe der interalliierten Kommission ist, endlich einmal gegen die Insurgenten vorzugehen, nicht aber gegen den Selbstschutz, der sich mtt Beendi­gung des Aufstandes selbst aufiöst. Die Bevölkerung kann sich den von ihr selbst geschaffenen Schutz nicht nehmen lassen, bevor sie durch Taten der Kommission eine Gewähr für die volle Sicherheit erhält.

Jnleruationde Gewerkschaftsführer in Oberschlefien.

Die Delegatton des internationalen Gewerkschafts- bundes bestehend aus Jouhaux und Fimmen, ist in Begleitung eines bcutjujen und eiifes polnischen Gewerkschmftssekretärs in Oppeln ein getroffen und be­gibt sich von dort ins oberfchtesifche Industriegebiet.

Aerzlestreik in Oppeln.

Nach einer Bekanntmachung des Oppel­ner Aerzte Vereins wurde der Arzt Dr. Fremd in der Nacht zum 11. Juni von einem Mitgliede der französischen Kommission ohne ausreichenden Grund verhaftet, beschimpft und auf einer französischen Wache in Gegenwart eines französischen Offiziers schwer mißhandelt. Infolge dieses Vorfalles erklären die Oppelner Aerzte, daß sie den Mitgliedern der Entente-Kommission jede ärztliche Hilfe solange verweigern, bis eine ausreichende Ge­nugtuung vorliegt.

Die Lage in Rußland.

Ein aus Rußland zurückgekehrter simrischer Jndu- strieller erklärte, die Rusten hätten in Moskau und Petersburg große Mengen von Exportwa­ren aufgestapelt, namentlich Hans, Leder, häute usw. Produktive Arbett werde nur in geringem Maße ge­leistet, da der ungeheure Brotmangel die industrielle Arbeit unmöglich mache. Die Aufhebung de» Handelsverbotes habe jetzt eine Erleichte­rung geschaffen. Die kleinen Fabriken bis zu 30 Arbeitern feien freigegeben. Auch die Verkehrs- verhältniste haben sich gebessert. Die Ausfuhr von Waren muffe in fremder Währung oder Gold bezahlt werden.

Zum Mord des Abg. Garer-.

Stets Verbrechen an Gareis ist trotz aller Gerüchte und 2termuiungen noch unaufgeklärt Unrichtig ist, daß der Begleiter des Abg. Gareis «r- haftet worden fd.

Die Unabhängigen brachten in der bayerischen Kammer eine Interpellation ein, in der sie die Staatsregierung fragen, was sie zu tun gedenke, um das Treiben der terroristischen Grup- pen, ine seit längerer Zeit Attentate auf bayerische Landtagsabgeordnete verüben, zu unterbinden.

Macht des Abgeordneten Schalem?

Der preußische Landtag hatte am 2. Juni be­schlossen, der StaarsanwaUschaft dir Erlaubnis zu ge­ben, den kommunistischen Abg. Schalem we­gen Hochverrats zu verhaften. Der Haftbefehl ist auch durch die Staaisanwaltschast erlaflen worden, es ist jedoch bisher nicht gelungen, Schalem aufzufinden. Es wird angenommen, daß er bereits Anfang Juni nach Sowjet-Rußland geflüchtet ist. Hoffentlich kommt er nicht wieder!

Ein Zwischenfall im Prozeß Hölz.

Im Prozeß Hölz in Berlin kam es gestern zu einem schweren Zusammenstoß zwischen dem Verteidiger von Hölz und dem Vorsitzenden, da letzterer nicht zulasten wollte, daß sich Hölz mit feinen Ausführungen an

Der Bing der Nuramaja.

Roman von Käte van Beeker.

2h) ----------

Er verneigte sich. Es war ihm nicht ganz recht, er hätte gern noch einmal das reizende Gesicht und in die sanften, braunen Augen geschaut, vielleicht wäre ihm dann die schattenhafte Erinnerung klarer geworden; aber natürlich mußte er ihrer Aufforderung Folge leisten, be­sonders da er sah, wie sich unter der Berührung ihrer schlanken, auffallend schönen und ihn wieder seltsam bekannt anmutende» Hand die verzerrten Gesichtszüge des Knaben glätteten und die hochgezogenen Lider sich lenkten. ,

Er wandte sich und setzte seinen Weg fort, und dabei «ar in und über ihm ein Gefühl von Kraft, Frische und Lebensfreude, wie er es noch nie empfunden zu ha­ben meinte, auch vor feiner Krankheit nicht. War dar die oft gerühmte Stimmung in der Genesung? "Oder er lächelte bei dem Gedanken vor sich hin hatte diese schöne Hand auch auf ihn gewirkt und selbst mit ihrer flüchtigen Berührung einen so starken Einfluß auf ihn ausgeübt, daß darunter seine schlummernd? ß -bens» kraft aufwachte und sich jubelnd empörteste9 So stark, so ft ah fühlte er sich, und war kurz vorher noch so müde und schwach gewesen! Konnten Genesunaskräfte so urplötzlich erwachen? Kaum cs mußte doch wohl ein besonderer Einfluß gewesen sein, der so belebend auf ihn gewirft hatte!

Unwillkürlich wandte er sich und spähte nach dem zurückgebliebenen Kinderwagen. <£r war verschwunden, nirgends mehr eirte Spur von ihm zu sehen, und nun stieg der Aerger in ihm auf, daß er so widerstandslos dem Wunsch der jungen Dame gefolgt war. Er hätte wenigstens langsamer gehen, sich eher umsehen und ohne aufdringlich zu wirken, doch auf irgendeine Art^vcr. suchen können, die beiden im Auge zu behalten. Viel­leicht hätte er ihr doch zur Seite stehen und ihr helfen, und wenn auch das nicht, so wenigstens ihr- Spur cer« folgen und sich die Möglichkeit eines Wiederfindcns sichern können.

Es war da etwas an dieser ganz fremben, jungen ' Person, das ihn beunruhigte und zugleich doch auch wie- i der berubtate: ein ganz besonderer ur.erttärli&er Ein.

fluß, den er vielleicht gut tat, zu suchen, da er augen­scheinlich erfrischend und belebend auf ihn wirkte. Und bei diesen seltsam auf ihn einstürmenden Gedanken machte er kehrt und eilte hastig rückwärts! Vielleicht holte er sie noch ein und konnte die eben angefponnene Beziehung auf zarte und taktvolle Weise weiterführen. Aber so angestrengt er auch nach rechts und nach links sah, von dem Wagen und seiner Führerin war nicht» mehr zu bemerken. Statt besten sah er in der Entfer. nung Karin von Klingenstur neben einem großen, dun­kelhaarigen Mann schreiten, und da Überfiel ihn seine vorherige Abspannung und Ermüdigung plötzlich wieder mit solcher Gewalt, daß er rasch einen nach seinem Gast, hause führenden Seitenweg einschlug und, in seinem Z m- mer angelangt, vollkommen erschöpft auf bas Ruhebett sank.---

Währenddessen hatte Ebbas mißmutige Stimmung eine kleine, hoffnungsvoll belebtere Schwenkung ge. macht. Eie war dem dunkeläugigen Amerikaner Mister Macleton begegnet, besten Bekanntschaft beide Schwe. stern vorgestern gemacht hatten. Dieser Herr hatte sich den beiden Schwestern mit gleicher nichtssagender und unbeeinflußter weltmännischer Höflichkeit gewidmet, so. weit sich bei seinem schweigsamen und anscheinend etwas schwerfälligen Wesen überhaupt von Widmung reden ließ. Karin hotte sich daher auch bald gelangwellt und heimlich verletzt von dem geringen Eindruck, den ihre Schönheit bet ihm zu machen schien, von ihm geroanbt

, Ebbo ging mit dem jungen Amerikaner, von dem sie erfahren hatte, daß er sehr reich und aus guter Familie fei. Da ihr Begleiter mit seiner Unterhaltung sich in den mäßigsten Grenzen hielt und jeder Anregung zu einem lebhafteren Meinungsaustausch kaum mehr als ein: ,D ja,'gewiß',fo meine ich auch', ent- gegenbrachte, immer mit einer höflichen Kopfneigung, ohne sie anzujchen, verlor sie endlich die Geduld.

Gewiß, er sah tadellos aus, gut gewachsen, ein bunt, les, leidlich hübsches Gesicht, auch nicht dumm, aber ent- schieden teilnahmslos und schwer beweglich. Natürlich, sonst wäre er ja gleich wieder van Karin hingeristen ge. wesen das wollte sie ihm also nicht als Fehler an- rechnen, aber Leute, die überhaupt unbeweglich sind, mochte sie auch nicht. Sie sah drohe'nd mißvergnügt ihren Begleiter an. Eben streifte ü- Blick, nickt

die Zuhörer wende. Hölz war ober nicht zum Schweigen zu bringen und griff, unterstützt von seinem Verteidiger, den Gerichtshof heftig an. 3m Zuhörer- raum entstand große Unruhe. Der - Vorsitzende mußte schließlich die Sitzung schließen und den Saal räumen lasten. _________________

Preußen; politische Lage

mb nächste Ausgabe».

DieGermania* veröffentlicht in ihrer Dienstag- Abendausgabe eine Unterredung, die ihr Chefredakteur Dr. Hommerich mit dem preußischen Ministerprä­sidenten Stegerwald gehabt hat und die sich nicht nur mit der augenblicklichen politischen Lage Preußens befaßte, sondern die auch in ziemlich eingehender Weise über die nächsten Ausgaben in Preußen Aufschluß gibt.

Es ist bekannt, daß die Mehrheitsfozial- demokratie, die sich scheinbar über ihre eigene ungeschickte Taktik bei der Regierungsbildung in Preußen nicht beruhigen kann, und durchaus nach einem Sündenbock sucht, um sich vor sich selbst zu entschuldi­gen, seit einiger Zett eine scharfe und ungerechtfertigte Atlabe gegen den preußischen Ministerpräsidenten Stegerwald reitet. Umsomehr ist es jetzt zu begrüßen, daß Stegerwald mit erfreulicher Offenheit dem Chef­redakteur derGermania" gegenüber Auskunft über den Stand der Singe gegeben hat.

Nach einer kurzen Skizzierung der durch das Ulti­matum geschaffenen Loge und der sich daraus ergeben­den Folgerungen für die Aufbringung der von uns verlangten Summen kommt Stegerwald schließlich auf die Frage der Umbildung der preußi- Regierung. Nach seiner Meinung ringen zwei Anschauungen mit einander: Von der einen Seite wer­ben mehr die Staatsnotwendigkeiten in den Mittel- punkt der inneren Politik gestellt, auf der anderen Seite werden mehr die parteipolitischen Strömungen als Ausgangspunkt der dmerpreußischen Politik angesehen. Die letzigenannte Seite geht von einer formalistisch, demokratischen Denkweise aus, die andere von den tat« ächlich politischen Realitäten und Möglichkeiten. Mit armaliskischen Begriffen sei bei der Kompliziertheit >es politischen Lebens in Deutschland keine Politik zu treiben. In Würdigung der politischen Realitäten habe dir jetzige preußische Regierung nocheine stär­ker« Stellung als eine Regierung auf dem Boden der alten Koalition. Steger­wald erklärt ausdrücklich, daß er für eine Regierung mit einer noch stärkeren Position in jedem Augenblick zu haben sei, für eine Regierung aber, die bei den anormalen Verhältnissen der Gegenwart noch mehr wie die jetzige auf politischen Stelzen gehen müsse, gebe er sich persönlich unter keinen Umständen her.

Dann kommt schließlich Stegerwald auf die n ä ch- sten Aufgaben Preußens zu sprechen. Diese seien >m einzelnen folgende: 1) nachdrückliche Stei­gerung der Produktivität der Land- wirtschaft durch Verbesterung der Bodenverhält- niste, Vermehrung der Nutzflächen, Schaffung geeigne­ter 6i< befangen und allgemeine Hebung der Arbeits­lust und Arbeitsfrttüte. 2) Die Balanzierung des Staatshaushaltes. Dieses Ziel wird nicht erreichbar sein ot)ne eine ertragreiche Grundsteuer. 3) Die dritte große Aufgabe Preußens liegt in der Durchfüh­rung der Derwaltungsreform. Keine dieser drei Aufgaben laste sich bei den gegenwärtigen Ber- hältnisten in Preußen tmrchführen, gegen den geschlos­senen Widerstand der beiden Rechtsparteien.

Weiterhin erklärt der Ministerpräsident wörtlich: Ich bin seinerzeit gegen die Sozialdemokratie zum Ministerpräsidenten gewählt worden und kann, wenn ich auch in Zukunft als anständiger Mensch und Poli­tiker gelten will, jetzt nicht ohne neuen Wahlakt mit der

einmal absichtlich, nur über sie Hngleitenb, uninteressant nebensächlich, und blieb bann vor dem empörten Gegen, blick dieser ftrahlenben Augen erstaunt an ihren hängen. Nun?' fragte er ganz unwillkürlich. .Nun?' wieder­holte sie stirnrunzelnb.Ihre Redseligkeit ist wirklich erschöpfend."

Run erschrak sie doch Über ihre übtrfprubelnbe Auf. richtigkeit.Ich bin nicht gern unhöflich, nur manchmal kommt der wahre Jakob bei mir heraus. Aber Sie können wohl nicht soviel deutsch, um das zu verstehen, und es ist auch wirklich nicht salonmäßig gesagt man kann sich anders ausdrücken,' fetzte sie reumütig hinzu.

Nun lachte Mister Macleton belustigt auf.Ja, man kann, aber bitte, machen Sie sich keine solche Mühe. Ich bin ganz in Deutschland erzogen worden, meine Mur. ter war eine Deutsche. Ich verstehe die kühnsten und schmeichelhaftesten Vergleiche und verstehe auch de« wah. ren Jakob, ich fand ihn bis fetzt nur selten bei jungen Damen.'Ach, da können Sie bei mir aber was erlebenI' fiel sie lebhaft ein und erschrak dann wieder und seufzte. Cs war doch nichts mit der Nachtigal- Salonzunge, die sie noch vor wenigen Tagen vor der Mama gepriesen hatte.Ich bin nämlich der Schrecken meiner Familie, mein Spatzenschnabel geht immer mit mir durch. Es ist wirNich schlimm; aber ich selbst er. schrecke leider immer erst hinterher, wenn er schon durch- gegangen Ift."

Er sah prüfend in ihr Gesicht. Diese jungen Damen der guten Gesellschaft hatten so viele geschickt ausgevü. gelte Arten, um das Intereste der reichen Männerwell zu erregen, daß man keiner von ihnen trauen konnte. Der muntere Spatzenschnabel neben ihm, der übrigens in einem ganz anziehenden, von fugendlicher Frische reizvoll geschmückten Gesicht saß, war möglicherweise auch nur ein künstlich angeklebter. «Im Verkehr mit mir brauchen Sie nicht zu erschrecken, weder vor- noch nach­her; ich bin ganz wetterfest und kann auch die kecksten Spatzenschnäbel vertragen,' sagte er in einem halb Güter, sichen. halb kameradschaftlichen Ton.

Ebba runzelte die Stirn und zog den Mund etwas geringschätzend.Das ist ja ganz nett von Ihnen, ent­schieden mehr, als man nach dem ersten Anschein er- warten durfte.'So?' unterbrach er sie belustigt. Wie wo» denn der erste Anschein? Was liest sich von

Sozialbemokratie bte Regierung bilden. Es bleibt, nachdem der politische Ka.ren so festgefahren ift, nichts anderes übrig, als daß von dritter Seite in der Fragt der preußischen Regierungsumbildung die Initiative ergriffen wird. Und diese Seite wird von mir durch Rat und Tat ihre Unterstützung finden."

Don Neuwahlen verspricht sich Stegerwald nichts, denn sie würden an der politischen Gesamt- situation im Reich und in Preußen nichts ändern. Er- zielt werden würde lediglich, daß das außenpolitisch einsetzendc Derttauen zu Deutschland wieder zurückge- drängt und innerpolitisch bas deutsche Volk anstatt ein» ander näher gebracht, durch den Wahlkampl sich gegenseitig nur noch mehr entfremdet würde. ___

Deutscher Reichstag.

Zur bett Deg des Ausgleichs in der Getreidewirtschaft.

Am Dienstag bett 14. Juni nahm der Reichstag seine Arbeiten wieder auf. Die Unabhängigen brachten gleich zu Beginn der Sitzung ihre Interpellation über die Ermordung des bayerischen Land» tagsabgeordneten Gareis ein. Sie wünsch« bei der von ihnen betonten Wichtigkeit des Gegenstandes eine möglichst beschleumate Antwort der Regierung. Reichsinnentninister Dr. Grabnauer verspricht baldige De- atttworttma, erklärt aber, daß erst mit den Ländern ein­geleitete Besprechungen abgewartet werden müßten, do ihr Resultat bei der Behandlung des Interpellationsstoffes notwendig sei. Man darf wohl damit rechnen, daß ine Interpellation frühestens am Donnerstag be­antwortet werden wird.

Den ersten Punkt der Tagesordnung bildet eine S e, rfe von 31 Anfragen. Das Geschäft der Deant. wortung dauert zwei Stunden. Der Reichstag weist wäh renb dieser Prozetn« eine gähnende Deere auf.

Danach tritt das Haus in die zweite Beratung des Gesetzentwurfes über die Regelung des Verkehrs mit Getreide ein. Dazu nimmt ass erster Reichs, ernährungsminister Dr. Hermes zu längeren eingehende» Ausführungen das Wort. Nach der Vorlage soll m Wirtschaftsjahr 1921/22 aus dem Inland 3 Millionen To. Getreide hn Wege der Umlage aufgebracht werden. Die Länder haben die Umlage nach ihrem durchschnitt­lichen Ernteertrag von 1906 bis 1920 aufzubringen. Von den Ländern ist die Umlage auf die Kommunalverbände und Gemeinden tmb von diesen auf die Erzeuger zu ver­teilen. Die Länder haften dem Reich für die rechtzeitige Lieferung. Die letztgenannte Bestimmung ist jedoch vo» Reichsrat gestrichen worden.

Es war selbstverständlich, daß Reichsminister Dr. Her­mes diese Dinge eingehend behandelte. Er hob hervor, daß auch im Wirtschoftss.chr 1921/22 der verforgnngs- berechtsten Bevölkerung die bisheri« Mehl- und Brot­menge zu erfchwinalichen Preisen sicher ge­stellt werden muffe. Die Fortführung der Zwangs, wirtschaft biete dazu keinen geeignete« Weg. Sie wird von der. Landwirtschaft und den verarbeitenden Industrien und Gewerben sowie auch von einzelne« Derbrai-cherkreifen einmütig gboelehni. Außettdrm be­einträchtige sie die Freude des Landwirtes an der Stete gerimg der Getreideproduktion. Jedoch könne ein« völlige Freigabe der Geteeidebewirtschastung gegenwärtia noch nicht verantwortet werden. Denn bei der Freigabe der Wittschaft würde das Ziel, di« Sicherung des bteherigen Bedarfs zu erschwinglichen Trete sen, nicht erreicht werden. Der Preis für einheimisches Getreide würde sich nämlich m dielem Falle dem Welt­marktpreise anschliehm und der Mehl- und Brotpress würde sich nach den gegenwärtigen Cinstandsposten des aus­ländischen Preises auf das zwei- bi s zweiein­halbfache des bisherigen Preises erhöhen. Die Freigabe der Getreidewirtschaft könne erst erfolgen, wenn entweder bte Inlandserzeugung auf oder über den Friedensstand gehoben fei oder wenn es gesinnt, die Ein­fuhr der Fehlmengen aus dem Ausland zu sichern. Das fei noch nicht der Fall. Dorum miisie für die Drotver- forgnng das Steuer fest in der Hand behosten werden.

Man sei deshalb zum Umlagesystem gekom­men. Es biete die besten Aussichten auf Erfassung des dem erwarten?'Ahl' mochte sie mit einer kleinen, wegwerfenden Handbewegung.Ich glaube so etwas sagt man lieber doch nicht.'Das muß sehr anmutig fein, wenn Ihr Svahenschnäbelchen davor wohlerzogen Halt macht.'Bitte, nutzen Sie meine unbesonnene« Selbsterkenntnisse nicht so vertraulich aus."

Ebba runzelte wieder die Stirn.Ich bin achtzehn Jahre alt, und manchmal kann ich schon sehr besonne« und vernünftig sein. Der Spatzenschnabel, dessen Wei. tererwöhnung ich nicht mehr wünsche, gibt nur Gast­rollen, wenn ich stark gereizt werde.'

Mister Maeletons Gesicht hatte jetzt vollkommen feine Interesselosigkeit verloren. Ebbas frisches, unbefangenes Geplauder belustigte ihn ungemein. Wenn die Kleine eine Rolle spielte, so spielte sie sie wenigstens allerliebst und anregend, und nebenbei war sie wirklich eine rei- zonde Erscheinung. Er verbeugte sich lächelnd:Wie Eure achtzehnjährige Hoheit befehlen. Ich werde nie mehr den anstößigen Ausdruck erwähnen. Gedanken sind freilich zollfrei! Aber bitte, nun seien Sie auch ehrlich wie bisher und sagen Sie, was Sie nach dem ersten Anschein von mir erwarten dursten?'

Ebba sah mit spitzbübischem Lächeln zu ihm auf.Das märe vielleicht zu vertraulich; ich bleibe da lieber auch in den Grenzen der Gedanken, die zollfrei sind-' Dazu machte sie eine allerliebste kleine Schwenkung nach rück, roärts zu ihrer mit der Mutter nachfolgenden Schwester.

Mister Macleton sah ihr lächelnd nach. Durch seine Gedanken flog es flüchtig:Kleiner bunter Vogel. Dir werde ich fchon noch die Flügel stutzen.' Dann wandte er sich an Korin, und setzt durste sich diese nicht mehr über feine Langweiligkeit und den Mangel an Interesse beklagen.

Hans Heinrich von Sesenburg und Mister Macleton freundeten sich miteinander an. Wie Ebba boshaft sagte, fchlosien sie eine Pferdefreundschaft, da sie beide an derselben Deichsel gingen, beide an der Leine nun, wenn man es siebenswürdig ausdrücken wollte der Schwestern Klingenstur, richtiger gesagt, wie Ebba es tat, an der Karins, die ihren Platz als siegende Schön- heit und interesiante Persönlichkeit beiden gegenüber in vollem Glanze eingenommen hatte.

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