Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stadt Julda.
Nr. 1257
Lerantwortlild für den redallionellen Teil: Sr. Kramer, » für die Anzeigen: I. Porzeller-Fulda. n Rotationsdruck u. Sier leg der Kuldaer Artiendrucrerei in Fulda. ftemlpreÄer Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung.
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Freitag, 3. Juni 192) ♦
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48. Zahrg.
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MM im leime um im Staate.
Die Franzosm haben einen Einheitsstaat und da- viit den Vorteil, daß sie über den Geldbedarf ihres Haushalts sich nur einmal Sorgen und Aergcr zu »nachen brauchen. Deutschland ist rin Bundesstaat: »Iso haben wir alle Lahre einen Haushaltsplan für das Reich und ebenso einen Haushaltsplan für unsere Ein- ßelstaaten auszustcckcn. und da unter den heutigen Der- hültnissen an beiden Stellen die Ausgaben noch stärker vxichftn wie die Einnahmen, so haben wir zweimal über die Deckung der Fehlbeträge uns den Kopf zu Zerbrechen.
Soeben hat der Reichskanzler uns dargelegt, daß wir zur Erfüllung der Reichsverbindlichkeiton alle wertschaffenden und steuerzahlenden Kräfte bis auf das «äußerste anspanncn müssen. Und nun kommt gleich darauf der preußische Finanzminister mit seiner Etotsrete, die nichts Geringeres mifwcist, als einen FeWetrag von 2360 Millionen, also über 2% Milliarden. Die Deckung für diesen kolossalen Betrag ist Noch zu suchen.
Durch die neue Reichsverfassung und durch die Abgabenordnung, die auf Grund derselben ergangen ist, hat die Finanzwirtschaft der Einzelstaaten den größten Teil ihrer Selbstherrlichkeit verloren. Sie ist wesentlich angewiesen auf den Anteil an den Rcichs- einnahmeir, der den Ländern und den Gemeinden zugewiesen wird. Die Ausschreibung von besonderen Landesabgaben ist auf einen engen Kreis von Rral- steuern beschränkt. Um so mehr sind die Einzelstaatcn abhängig von den Einnahmen aus staatlichen Betrieben und Besitzungen. Wenn auch diese Einnahmequellen versagen, so bleibt nur die allergrößte Sparsamkeit als letztes Hilfsmittel. Der preußische Fmanzminister hat demgemäß auch seinem Parlament empfohlen, sich mehr an die Ausgabeseitc als an die Einnahmeseite des Voranschlages zu halten, d. h. auf die Verminderung der Staatsausgaben hinzuwirken.
Das Gebot der peinlichsten Sparsamkeit gilt für das Reich ebenso sehr wie für Preußen, und auch der Reickskanzler hat in seiner Programmrete schon darauf hingewiesen. Wenn nun der Reichskanzler mit den Finonzministrrn der Länder sich an den Beratungs- lisch setzt, so werden sie sofort einig sein in dem Wunsche, die Ausgaben zu beschränken, aber sie werden sich nicht so schnell einig werten, welche Ausgaben sich beschneiden lassen. Das- nächstliegende ist der Gedanke, die riesig cmgcwachsenen Vermal- tnngskosten herabzudrücken. Das setzt die 58er- einfadjimg des Beamtenapparates voraus, und wie soll man dazu kommen, wenn fortwährend neue Behörden eingerichtet oder bestehende erweitert werden, wenn immerzu tei Zahl ter Beamten u. die Summen ihrer Gehälter cmwachsen, ater die Leistungen der chnzolnen Beamten sich nicht steigern lasien wollen? Wenn in dieser Hinsicht etwas erreicht werden soll, so muß mit einer starken und zähen Hand eingegriffen werten, um den ganzen Verwoltungsapparat zu vereinfachen und durch die Qualität zu ersehen, was an der Quantität aufgegeben wird. Das läßt sich nicht im Handumdrehen durchführen und ist nur einer Re- pienmg möglich, die sich fest im Sattel fühlt und eine Reform non langer Hand zu unternehmen vermag.
Eine beträchtliche Ersparnis könnte gemocht werten, wenn sich die Geldleistungen für die Arbeitslosen beseitigen ließen. Das ist aber nur möglich, wenn wir den Arbeitslosen eine Beschäftigung geben, die etwas einbringt. Der Reichskanzler hat auch in dieser Hinsicht schon wichtige Anteutungen gemacht. Die Urbarmachung von Oedläntereien, ter Ausbau von Kanälen und anderen gemeinnützigen Arbeiten können den Erwerbslosen eine produktive Beschäftigung geben, so daß fortan die Gelter für ihren Unterhalt nicht mehr auf Nimmerwiedersehen aus dem Fenster geworfen zu werten brauchen. Eine solche Organisation ter Arbeit ist aber wiederum nicht von heute auf morgen durchzuführen, sondern kann nur von einer festen und dauerhaften Regierung unternommen werden.
So führt schließlich auch die Sparsamkeitsfrage zu derselben Schlußfolgerung, wie die ganze übrige Sorge wegen ter Fehlbeträge und sonstigen Wirtschaftsnöte: Wir dürfen uns ten Luxus eines häufigen Wechsels ber Minister und ter Koalitionen nicht mehr gestatten.
Wmer leimst«.
Die Besprechung ter Regierungserklärung.
Am Donnerstag hatten im Reichstag di? Parteien das Wort. Das Haus war nicht mehr so gut besucht wie am Vortage bei der großen Proarammrede des Reichskanzlers. Erst im Verlaufe der Aussprache steigerte sich das Interesse, vornehmlich als der neue ernannte Wiedelaufbauminister Sr. Walter Rathe - neu in längeren Ausführungen feine Stellung zu den Zeitproblemen, seine Auffassung über die ihm obliegenden Pflichten und seine Rechtfertigung über den Eintritt ins Kabinett vor den Soltsoertrctern in feiner stilisier, ter Rhetorik entwickelte.
3m allgemeinen aber, abgesehen von den üblichen Zwischenrufen, nahm die Sitzung ihren gewöhnlichen Lauf. Die Materie wurde mit Sachlichkeit behandelt, neue Gesichtspunkte allerdings nicht herausgeftellt.
Don einer starken politischen Gegensätzlichkeit, aie fb sonst hei großen politischen Debatten besonders stark hervorzutreten vllegt, war nur wenig m bemerken. Man gab sich Mühe, mit rein parteipolitischen Erörterungen nach Möglichkeit »urückzubaltcn. Allein der
Wir müssen für Stetigkeit sorgen in ter Regie- <ung und in ter Gesetzgebung, damit die großen Heilmittel, welche die kranke Zeit verlangt, auch wirklich zur Anwendung kommen und zur vollen Auswirkung durch geführt werden.
Wenn jetzt in den Fraktionszimmern des Reichstages schon wieder herumgestritten wird über Partei- politische Vorurteile oder Sonderwünsche wegen einzelner Persönlichkeiten oder wegen einzelner Worte in dem Vertrauensvotum, so ist das leider ein Zeichen, baß es außer dem finanziellen auch noch einen moralischen Fehlbetrag gibt, ter leider noch Deckung warten muß.
mehrheitssozialistische Redner, der Abg. Wels, widmete parteipolitischen Auseinandersetzungen im letzten Teil seiner Ausführungen breiteren Raum, als er nämlich auf die Regierungsbildung und auf das Verhalten der Deutschen Volkspartei des näheren einging. Dabei haben wir allerdings die Empfindung, als ob er der gemeinsamen Sache, die doch jetzt geführt wird, einen förderlichen Dienst nicht gerade geleistet hat. Denn seine Ausführungen der Deutschen Volks, partei gegenüber legten eine Schärfe an den Tag. die nicht immer frei war von rein parteitaktischer Einstellung und mitunter den Eindruck erwecken mußte, als ob auf die andern Koalitionsparteien ein gewisser Druck ausgeübt worden solle. Zur Erfüllung des Ultimatums — das weiß Herr Wels ebenso gut wie mir — gehört aber zweifellos die tätige Mitarbeit aller wirtschaftlichen und finanziellen Kräfte, die im deutschen Volk überhaupt wirksam sind. Im übrigen stellt Wels noch ein. mal fest, daß auch der sozialdemokratischen Partei die Zustimmung zum Ultimatum diner von den schwersten Entschlüssen gewesen ist, die sie jemals gefaßt hat, zumal dies in einer Zeit geschehen mußte, wo der Bevölkerung gerade das Notwendigste ermangele. Vom Kabinett erwartet er die rücksichtslose Durchführung der Entwaffnung; denn andernfalls drohe ein Bürgertrieg. Er erwartet weiter die strikte Durchführung der übernommenen Verpflichtungen und verspricht die Hilfe der werktätigen Massen, wünscht aber gleichzeitig, daß die Ausnahmegerichtsbarkeit möglichst rasch beseitigt werbe. Einen unnötigen Ausbau der indirekten Steuern möge man vermeiden. Alles im allem ist die Mehrheitssozialdemokratie bereit, im neuen Kabinett unter eigener Mitverantmortung an den kommenden Aufgaben mitzuarbeiten.
Vom Zentrum spricht der Abg. Decker-Arnsberg. Er bringt noch einmal zum Ausdruck, daß das Zentrum gewillt fei, rückhaltlos aus dem Ultimatum alle Kaufe, guenzen zu ziehen und die Opfer zu bringen und zu verlangen, die feine Durchführung erfordern. Mit vollem Recht aber fordert der Zentrumsredner, daß nunmehr die Entente die bereits durchgeführten Sanktionen außer Kraft fetze, da sie durch nichts mehr gerechtfertigt werden. Mit dem Steuerprogramm der Regierung erklärt er sich ein. verstanden. Vor allem wünscht er rücksichtsloseste Durchführung der Luxus steuern. Das Prinzip der Sparsamkeit muß unbedingt durchgeführt werden. Er fchlleßt seine Ausführungen mit einer Bewunderung für den heroiscken Patriotismus des oberschkefifchen Volkes und sieht darin einen der Hellen Sterne an unserem Zukunftshimmel. Das deutsche Volk muß die Selbstzerfleischung aufgeben und sich über den Hader hinweg die Hand retten, um aus feiner unglücklichen Lage herauszukommen.
Was nun folgt, ist die übliche Opposition«, rede der Deutschnationalen. Diesmal haben sie den Prästdenten des Reichswirtschaftsrates, den Abg. Edler von Braun vorgefchickt. Es ist schon zu einer gewöhnlichen Erscheinung geworden, dgß die Rechte sich eben zu allen Dingen oppositionell einfteltt. Das einzige Novum bestand allein darin, daß dieses Mal nicht der sonst doch immer unentbehrliche Herr Helsferich ober das Haupt der Partei. Herr Hergt, ihre Belehrungen über das deutsche Dolksparlament ergehen ließen.
Der erste Satz bekundet bereits den Inhalt besten, was nun kommen sollte. Er habe von einer Programm- rebc ein Programm erwartet, was nun kommen sollte. Er habe von einer Programmrebe ein Programm erwartet, einen S chükeraufsatz habe er an besten Stelle gehört. Unb so geht es fort und fort. Nicht ein einziges Mal würbe von btefer Seite, aber auch nicht einmal ber geringste Versuch gemacht, der außerordentlich schweren Sage der Regierung gerecht zu werden. Nun, die Regierung wird dies mit Würde zu ertragen wissen, aber das eine haben die Deutschnationalen durch diese maglsterhafte Rede wieder einmal dem deutschen Volk in aller Deutlichkeit gezeigt, daß ihr eigentliches Element die Verneinung aus Prinzip ist. Die Verkennung unserer jetzigen Buge zeigt genau denselben Manael an Verständnis für die Realitäten und für die Einschätzung der Kraft, wie sie seitens der konservativen Partei im ganzen Kriege in unglaublicher Weise vorgeherrscht hat. Was soll es z. B. heißen, wenn der Herr Edle von Braun mit Emphase ausruft: die deutsche Politik darf nicht immer die Politik der anderen fein, Deutschland darf nicht immer nur Objekt der internationalen Politik sein. Man könnte lachen, hätte man sich das Lachen nicht schon abgewöhnt — in einer solchen Sage eine solche Phrase; es wirkt rote Hohn. Auch der neue Wiederaufbauminister Dr. Rathenau wird heftig angegriffen.
Nakhenau antwortet sofort nach dem deutfchnationa- [cn Redner. Noch nicht ganz sicher auf dem Boden des politischen Parketts findet er sich jedoch halb hinein und operiert hier unb ba mit großem Geschick. Seine Aus. fübrungert sind neben ber Rechtfertigung ein Glaubens. Bekenntnis, bas au.smüntet in bem festen Willen, zum Wohle des Reiches mitzuarbeiten. Non politischer Bedeutung sind seine Ausführungen deshalb, weil er offen erklärte, daß er fein Amt nie und nimmer — man habe ihm van rechtsstehender Seite allzu voreilig aus feinem ihm eigenen wissenschaftlichen Wirtschaftssystem Absichten beigelegt, die er nicht hege — verquicken werde mit Dingen, die nicht zu feinen Aufgaben gehörten.
Der Reichskanzler Dr. Wirth sieht sich veranlaßt, ebenfalls sofort auf die Rede des teutfdjnationalen Sprechers zu antworten und gegen ihn erhobene Vorwürfe in aller Schärfe zurückzuweifen.
Ms der Unabhängige henke die Rednertribüne besteigt. um feine Weisheit leuchten zu lassen, erhebt sich eine allgemeine Flucht der Rechtsparteien.
Nach dieser Rede vertagte sich das Haus auf Freitag: Alt fragen, Interpellation Strefemann über ben Fortbestand der Sanktionen ttotz der Annahme des Ultimatums.
WWt Eimötag.
A'manzmimslcr Samisch über den preußischen Haushaltsplan.
3m preußischen Saeblag. ber am Donnerstag feine Sitzung um 12 Uhr aufnahm, erhiekt gleich nach Eröffnung das Wort ber Finanzminister Sämisch zu feiner Stets- rebc. In der Einleitung bemerkte ter Minister, daß der neue Haushaltsplan mit dem sehr erheblichen
Fehlbetrag von 2,3 Milliarden abschließt. Dos Problem der Deckung des preußischen Felstbetrages hüte nur einen Teil des allgemeinen deutschen Fnmnzproblcms. Es wüste also für di« künftige Gestaltung der deutscten Finanzwirtschaft ein einheitliches Finanz Programm oufgestellt werden, das m weitoehentem Maße auf die finanziellen Bedün- n-jje ber Sender und ter SommiwLieebänte Rücksicht
nimmt. Das Allheilmittel erblickt ber preußische Finanz- Minister in ber Steigerung ber Produktion und in ber Einschränkung unserer Ausgaben. Neben Zoll- und Steuermaßnah men mußte auf eine Einschränkung des vermeidbaren Verbrauchs hingewirkt werden. Im übrigen sei ter Haushaltsplan für 1921 von seinem Amtsoorgänger ausgestellt Worten und cs sei manches in dem Entwurf enthalten, das ber Minister nur auf Grund einer Zwangslage mit seinem Namen decken fönnc.
Die SchlMumme des Haushaltsplans ist gegenüber den früheren Jahren ganz außerordentlich cmgewachsen. Der Entwurf schließt in Einnahmen und Ausgaben mit 16,7 Milliarden ab. wogegen die Schlußsmnme des Vorjahres nur 9,6 Milliarden betrug, also eine Steigerung der Ausgaten um 7,1 Milliarden und der Einnahmen um rund 4,8 Milliarden. Weiterhin betonte der Minister Sämisch, daß ber Grund für die Steigerung der Ausgaben in ter allgemeinen Senkung des Geldwertes liege, der vor allem tei ber Beamten- und Lchrerbesoi- bung erheblich höhere Ziffern notwendig machte. Die Gesamtausgaben für die Beamten und Lehrer hätten die zehnfache Hohe des letzten FricSensetats erreicht. 3m Augenblick fei die Regierung noch nicht In der Sage, ein klar umrifscnes Steuerprogramm vorzulegen. Es fei eine reinliche Trennung auf bem Gebiete bes Steuerrechts zwischen Reich, ßänbein unb Gemeind «verbänden unumgänglich notwendig. x
Die Etattede mürbe von den IRegierungsparteten mit Beifall beantwortet. Die Aussprache über ben Etat soll erst Montag beginnen.
Nach einer kurzen Geschästsorbnungsdebatte kam hierauf die Jmmunitäät des Abg. Schalem, des Redakteurs der „Roten Fahne", zur Debatte. Der Kommunist Eberlein gab sich alle Mühe, feinen Freund vor der Verhaftung zu retten, aber das Haus ließ sich nicht von Scholems Unschuld überzeugen, der bekamllich während ber mitteldeutschen Unruhen in der gröblichsten Art gegen die Regierung hetzte. In namentlicher Abstimmung wurde ter Antrag des Gsschäftsordnungsausschustes auf Genehmigung zur Strafverfolgung des Abg. Schalem mit 189 gegen 123 Stimmen angenommen. (Minutenlanger, tosender Lärm bei den Kommunisten.)
Montag:' Etatsberatimg.
Sie smlmett null te AslM.
Französische Presfestimmen zur Reichskanzlerrebe.
Die Pariser Blatter beurteilen die Rede Wirths wenig günstig. „Temps" schreibt, trotzdem in Deutschland eine neue Regierung vorhanden sei, setze es, wie man aus ter Rete schließen könne, seine alte seit tem Waffenstillstand gewohnte Politik fort. „Li- berte" schreibt, für drei Wochen Unterwerfung verlange Deutschland ganz Oberschlesien, die Räumung von Ruhrort, Düsseldorf und Duisburg und die Unterdrückung ter Zölle am Rhein. Warum verlange es nicht auch die Zurückziehung ter Defatzmigstruppen? „Intrcmsigeant" faßt fein Urteil über die Rede dahin zusammen: Wirtschaftliche Derstänbigimg wohl, ober gefühlsmäßige Verständigung noch nicht. „Figaro" sagt, der Reichskanzler glaube, nach den Beweisen guten Willens müßten die Alliierten offenes Spiel spielen Es scheine, daß es ihm noch nicht genüge, daß die Allii«len ter Bankier Deutschlands seien. Jetzt solle man auch noch tem deutschen Botte das Dertrcmen aussprechen.
Die Ansicht der belgischen Regierung.
In der belgischen Kammer erklärte Außenminister Jqspar, Deutschland habe ten ersten Beweis seines guten Willens gegeben. Die Regie- rung Wirth fei durchaus entschlossen, die Verpflichtungen des Versailler Vertrages zu erfüllen, und die belgische Regierung werte ihr diese Aufgabe nicht erschweren. Ueber die Entente sagte ter Minister, Belgien trete enüfchlossen für einen westlichen Block ein, ter Frankreich, England, Italien und Belgien umschließen müsse, auf tem Belgiens Sicherheit beruhe. Er hoffe, daß eine belgisch-englische militärische Entente die belgifch-französische Entente vervollständigen werte.
Die Stellungnahme der Reichstagsparteien.
Laut „Berl. Lok.-Anz." werten die Reichstags- fraktionen ter Regierungsparteien heute vormittag ten endgültigen Wortlaut ihrer Erklärung zu ter Programmrede des Reichskanzlers festsetzen. Die Erklärung wird voraussichtlich so formuliert werten, daß sowohl für die Deutsche Volkspartei als auch für die Unabhängigen keine Bedenken bestehen, für sie zu stimmen oder zum mindeften sich der Stimme zu enthalten.
Die Gesellschaft der Nationen.
Ein amerikanischer Plan.
Nach einem Kabrltelegramm aus Washington soll Präsident Harding die Absicht haben, die von ihm geplante Gesellschaft der Nationen auf dem Ober st en Rat der Alliierten aufzubauen, ter allmählich zu diesem Zweck umgewandelt unb mit einem internationalen Gerichtshof verbunden werten soll. Der Völkerbund soll in der neuen Gesellschaft aufgehen. Der wesentliche Unterschied zwischen beiten Bereinigungen bestehe darin, daß in ter neuen Gesellschaft Entscheidungen ohne die Zustimmung aller darin vertretenen Regierungen getroffen werden können.
Die deutschen Holzhäuser.
Zu der Lieferung deutscher Holzhäuser für Frankreickberichter der ,Temps', daß die französi'chen Sachverständigen die reinen Holzbauten vermutlich den Holzhäusern mit Steinunterbau vorziehen werden, ba ihnen daran liege, daß die Errichtung der Häuser möglichst schnell erfolgt. ES handelt sich bei der Bestellung um 15000—20000 Arbeiterhäuser, 6000 bis 7000 Steigerhäuser und 1000—1500 Häuser für Zngenieure. Französische Arbeiter werden in die deutschen Fabriken geschickt werden, um die Montieruna der Häuter dort kennen zn lernen, io
daß deutsches Personal nur in beschränktem Umfange nach Frankreich zu kommen braucht Man nimmt an, daß nur einige deutsche Ingenieur« zur Ueterwachung der Arbeiten erforderlich sei» werden. Der .Temps' stellt fest, daß die deutschen Häuser nach der Modellen durch,,E leganz,Solidität und Behaglichkeit" ausgezeichnet zu sein scheinen
Uebergabe ver Rheinflotte.
Die Uebergabe ter Rheinschiffe an Frankreich g r • maß des amerikanischen Schiedsspruchs, die in Artikel 357 tes Fricdensvertrages vorgesehen ist, wird jetzt vorgenommen. Das erste dieser Rheinschiffe ist unter französischer Flagge am 1. Juni in ten Hafen von Straßburg eingelaufen.
Die Lage in Oberschlefien.
Die Lage hat sich nicht wesentlich verändert. Die schweren Ausschreitungen ber Insurgenten im Kreise Rosenberg dauern an. Meldungen über die Fortsetzung bes englischen Vormarsches liegen bisher nicht vor. Der deutsche Bevollmächtigte in Oppeln wurde erneut bei ter interalliierten Kommission wegen ber Verschleppung öez Abgeordneten Hartmann vorstellig.
Eine Werbestelle für Oberschlefieu aufgehoben.
Wie ter „Vorwärts" aus Braunschweig meldet, wirrte dort m ten Räumen der studentischen Der- binbung „Germania" von ter Polizei eine Werbestelle für Oberschlefien ausgehoben. Der Leiter ter Werbestelle, ber frühere Reichswehrhauptmami Kutzen, wurde verhaftet.
Rückgang der Bevölkcrnngszifler in Frankreich.
Blättermeidungen aus Paris schätzt „Petit Po> risien" nach tem Ergebnis ter letzten Volkszählung die Bevölkerungsverminderung in Frankreich trotz des Zuwachses durch El» saß-Lothringen auf VA Millionen.
Aus dem besetzten Gebiet.
Der Lohnabbau lm Saargebiet. Der Ausschuß von Arbeitgebern und Arbeitnehmern ist zu folgender Einigung gekommen: Der Lohnabbau fall betragen im Juni 5 Prozent, im Juli weitere 5 Proz. und vom 1. August an 20 Prozent des Tarifstundenlohnes oder 15 Prozent bes Gesamtlohnes. Die von ben Arbeitgebern in Aus. sicht gestellte Erhöhung der Frauen- und Kinderzulage soll auch entsprechend staffelweife eintreten. Es soll nunmehr versucht werden, die Arbeiter unter diesen Bedingungen wieder in die Betriebe zu bringen. Gelingt die« innerhalb drei Tagen nicht, so halten sich die Arbeitgeber nicht mehr an ihr Angebot gebunden.
Schießereien in Eschweiler. Nach einer Meldung der „Kölnischen Zeitung" aus Eschweiler wurden nachts bei einer Schießcrch durch die B esa tzungs tr up. p en ein Zivilist und ein Polizeib eamt er g» tötet, eine zweite Zivilperson schwer verletzt.
Ein Berliner Buchdruckerstreik in Sicht
Die Generalversammlung des Vereins Berlin« Buchdmcker und Schriftgießer beschloß, von ten Ar- beitgebern eine wöchentliche Lohnzulage zu verlangen unb in den Betrieben über einen sofortigen Streikbeginn abstimmen zu lasien, falls dies« Lohnzulage iimerhalb 48 Stunden nicht bewilligt werten sollte.
Das Urteil im -ritten
Kriegsbeschnldigten-Prozetz gegen den Arbeiter Neumann aus Grabow wurde Donnerstag verkündet. Der Angeklagte Wurde Wegen Mißhandlung Untergebener in zwölf Fällen und wegen Beleidigung eines Untergebenen zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, im übrigen freigesprochen. Die erlittene Untersuchungshaft wurde auf die Strafe angerechnet. Der ReichSan- roalt hatte l1/’ Jahre beantragt.
Der vierte Kriegsbeschuldigtenprozetz beginnt am Samstag. Auf diesen Prozeß ist man besonders im Ausland gespannt, er richtet sich nämlich gegen ein U.-Bootskommandanten, ben Oberleutnant zur S. a. D. Neumann, der ein Lazarettschiff versenkt haben soll.
Die Ermordung Talaat Paschas.
Das gerichlliche Nachspiel.
Vor tem Schwurgericht des Landgerichts in Berlin begann am Donnerstag unter ungeheurem Andrang des Publikums die Verhandlung gegen den Mörder des ehemaligen türkischen Großwesirs Talaat Pascha, Stud. med. Teilirian. Als Zeugen erwecken besonderes Interesse die Witwe des Ermordeten und General Liman o. Sanders.
Der Angeklagte, ter ter deutschen Sprache nicht mächtig ist, gab auf Befragen tes Vorsitzenden zuerst einen ausführlichen Bericht über die armenischen Greuel, denen auch seine Angehörigen zum Opfer gefallen seien. Hierdurch sei in ihm, als er mä unsäglicher Mühe nach Europa entflohen sei, der Entschluß gereist, an Talaat Pascha, ter als Urheber der Greuel galt, Rache zu nehmen. Nach Verlesung des Erossnungsbesclftuflcs erklärt ter Angeklagte, daß er sich ter Tat nicht schuldig fühle. Die Bilder der armenischen Greuel hätten ihm stets vor Augen genanten und ter Geist seiner Mutter habe ihn angetrieben, an Talaat Pascha, dessen Anwesenheit in Berlin ihm bekannt gewesen sei, Roche zu nehmen. Daraufhin habe er ten Entschluß gefaßt, Talaat Pascha zu töten.
Die Verhandlung wird voraussichtlich einige Tage i» Anspruch nehmen.