Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Julda
48. Zahrg
Donnerstag, 2. Juni 1921
Iss PlMM des Milletts Müh
“‘an sich auf die Schaffung einer neutralen Zone zwischen Deutschen und Polen geeinigt, wobei zedoch von englischer Seite die Bedingung gestellt und von den Franzosen nach anfänglich heftigem Widerstand angenommen wurde, daß der beut tot Selbstschutz die von ihm gegenwärtig gehaltene Linie besetzt halten darf.
England und Frankreich
gegen die bayerischen Wehre«.
Der englische Botschaftsrat Seeds gab in Abwesenheit des bayerischen Ministerpräsidenten, besten Stellvertreter, dem Kultusminister, folgeirde Erklärung ab: .Ich bin beauftragt, kategorisch $u erklären, baß die Anwendung von Sanktionen nur ver» mieden werden kann, wenn die von Bayern int Ultimatum geforderten Bedingungen r e st l o s erfüllt werden. Die Bedingungen enthalten die Forderung sowohl b-r Entwaffnung, als auch der Auflösung der Einwohnerwehr." Der frait- zösische Gesandte gab bereits amt Montag eine ähnliche Erklärung ab. -
Oberschlesien.
Lerond erkennt den deutschen Selbstschutz an.
Zuschüsse für Lebensmittel.
Der C. P. C. wird geschrieben: Die Zuschüsse zu den Lebensmitteln, die du,ch die außerwdenllicb« Teuerung seiner Zeil veranlaßt routben, sind eine außerordentliche Belassung der Reichs- kasse. Sie haben in Deutschland, als mehrere Arten von Lebensmitteln auf diese Weise „verbilligt" wurden, eine sehr stattliche Höre erreich! und für die Reichskasse eine sehr starke Belastung ouSgemacht. Noch viel schlimmer liegen die Verhältnisse in Oesterreich. Aus einer Mitteilung des Bundesamtes für Bolksernä^rung in Oesterreich erfährt man
Zur Vorgeschichte des Krieges.
Die Bedeutung der russischen Mobilmachung.
Von dem in den nächsten Tag-n erscheinenden Weißbuch deS ersten Unteraus chusseS deS Unter« suchungsousschnsieS des Reichstages .Zur Vorgeschichte des Weltkrieges, 2. Heft" liegen zwei Bogen des VorabzugeS vor. Die Bogen enthalten den Bericht des Generals der Infanterie, Grafen Max Montgelas, eint-5 der militärilchen Sachverständigen des Untersuchungsausschusses, über „Die Bedeutung der allgemeinen russischen Mobilmachung." DaS Weißbuch selbst ist vom 2. Juni an im Buchhandel (Verlag Reimar Hobbtng, Berlin) käuflich. K
Graf MontgelaS kommt nach enter durch wichtige Aktenstücke belegten Ausführung über die Bedeutung der russischen allgemeinen Mobilmachung zu folgender
Schlußfolgerung:
.Man braucht den im vorstehenden dargeleaten eng' llschen, französischen u. russischen Urteile über die Beveu- tuns einer allgemeinen Mobilmachung nicht zuzustimmen Man kann sie für durchaus irrig halten. Aber man kann nicht länger mehr behaupten, daß die tn den kritischen Tagen deS Jahre» 1914 matzaebende deutsche Auffassung anderwärts nicht geteilt worden fei.
Man wird jerner die ungeheure Verantwortung nicht übernehmen dürfen, die sich für die deutsche politische Leitung daraus ergab, datz Rntzland für seine Kriegsvorbereitungen schon einen Vorsprung von einer Woche gewonnen hatte, und datz bei weiterem Zuwarten eine Lage eintreten mutzte, in der die gewal- tlge Uebcrmacbt von 209 Divisionen nicht nur gleich- zeitig, sondern früher Operation; bereit war al» die zur Abwehr verfügbare Minderzahl von 135 Divisionen.
Niemand hat die ungeheure Schuld, die Rutzland mit der allgemeinen Mobilmachung auf sich nahm, klarer erkannt als Zar Nikolaus II., der nach der Er- zühlung PalSologueS am Nachmittag des 30. Juli dem ihm den Befehl abpresienden Autzenminifter Eassonow .bläh und mH zugefchnürter Kehle" antwortete: .Denken Sie an die Verantwortung, die Sie mit raten, auf mich zu nehmen I Denken Sie daran, datz eS sich darum handelt, Tausende und aber Tausende in bar Tod zu schicken."
Einlösung ver Reparalionsverpflichtrrngen
Die Reparationskommisiion in Parts gibt in einer Note bekannt, daß der Artikel 5 deS Zahlungsplanes, bet die Zahlung einer Milliarde Goldmark innerhalb 25 lagen durch Deutschland vorsiebt, vorschriftsmäßig auSgeführt worden ist. Die Reparationskommission nimmt hiervon Kenntnis und drückt ihre Genugtuung über die prompte (Erfüllung aus. _______________________
Don der französischen Rhelmmnee.
Laut „Petit Parisien" wird Me .fliegende Kavallerie-Division" der Rheinarmee, die aus Abteilungm der Garnisonen von Paris, Lyon und Meaur besteht, mrnmchr nach Frankreich_ 3u- rückbefördert, um die Einheiten aufzufüllen, denen sie entnommen wurde. _
Hcwas bestätigt die schon früher erfolgte Mitteilung, daß die Soldaten der Iahresklasie 1919, die oerheiratet sind oder sonstwie Familienangehörige zu unterstützen haben, entlassen werden.
In der Sitzung der französischen Kammer hat Finanzminister D 0 u m e r auf Anfrage erklärt, die Kosten für die Mobilisierung der Iah- resklasse 1919 fielen Deutschland zu. Die Frag« könne nicht einmal gestallt werden, da kein Zweifel bestehe, daß die Besatzungskosten als bevorrechtigte Ansprüche zu gelten hätten.
unsere Einfuhr auf das nötige nnb nützliche beschränken.
Zur Ausfuhr keine Schleuderwaren, sondern nur Qualitätserzeugnisse! Bei der Einfuhr Verzicht auf die LuxusartikÄ.
Mr mästen allzumal m unserer Lebensführung den Bedürfnissen des Vaterlandes uns anpassen. Dann kann der Wiederaufbau gelingen, den die Negierung mit löblicher Energie und Umsicht anbahnen will.
Die Stetoi Itt Wien.
Larü „Voss. Ztg." sind geftem unmittelbar nach der Rede des Reichskanzlers die Fraktionen zusammengetreten, um zu der Regienmf-sertlärung Stellung zu nehmen.
Die Fraktion der Deutschen Volks- partei hat noch keine bindenden Beschlüsse gefaßt. Das Blatt glaubt aber aus dem Umstande, daß sie auf dem Standpunkt steht, daß das einmal unterschriebene Ultimatum auch loyal durchgeführt werden müsse, die Möglichkeit einer Unterstützung des Regie- rungsprogramms durch die Deutsche Äolkspariei schließen zu dürfen. Mit Rücksicht auf die Deutsche Bolks- partei habe man innerhalb der Koalitionsparteien auf die Einbringung eines ausdrücklichen Der- trauensvotums verzichtet und sich auf eine formet geeinigt, die ungefähr dahin laute, daß der Reichstag die Erklärungen der Regierung zur Kennt- nis nehme und sich damit einverstanden erkläre, daß die Regierung alles daran fetzt, um die übernommenen Pffichten zu erfüllen.
Me bas Blatt glaubt, dürsten für diefe F0r- mel auch die Unabhängigen ftimmen. Es scheine also eine Mchchrit für das Regierungsprogramm gesichert zu fein.
Die Prefie zur RegierungSerttarimg.
Die gestrige' Programmrede des Reickiskanzfers Wirth findet die uneingeschränkte Zustimmung der Koalitionspresse. „Germania' betont, man habe durch die Red? den überzeugten Eindruck von der ehrlichen Energie gewonnen, mit der die Regierung des 10. 5. an die Einlösung ihres Wortes h?rangeht, und hofft, datz sich im deutschen Volke eine Mehrheit findet, di« der Vernunft und damit dem Sßatertcnbe zu dem Erfolge verhilft, mit dem wir uns nun einmal auf absehbare Zeit zufrieden geben müsien.
Dar .Verl. Tageblatt sagt: Die Rede des Kanzlers Ist ein Bekenntnis zur Tat. zur Bereitwillig, kett, in systematisch aufbauender Arbeit Deutschland stark zu machen, um Generationen hindurch die Wiedergut- maämngsschuld abtragen zu können.
Der .Vorwärts' bezeichnet als einheitlichen Ge. danken der R»be, datz die Annahme des Ultimatums viel mehr sein müsse als eine bloße Geste, datz Leistungen vollbracht werten müßten, die leben Zweifel an Deuvch' lande gutem Willen, seinen Verpflichtungen nachzukommen in der Welt ausrotten. Das Blatt stwmt bief m Grundgedanken zu und sagt: Seine energische Ausftist. runq ist die Voraussetzung aller weiteren Politik. Für lange Zeit hinaus wird keine deuffche Reaierimq von ihm abweichen können, ohne das Land, dessen Geschicke ihr antiertraut sind, in allerschwerstes Unheil zu stürzen.
lieber die Stellung der beiden Randvar- teien der Reglerungskoalition, der Deut- fchen Volkspartei ttnb ber Unabhängigen, auf bereu Unterstützung bie Mmberheftsregierung angewiesen ist, geben sowohl die beiben volksparteilich-n Organe, bie „Deutsche Allgemeine Zeitung' unb „-Tägliche Rund» schau' als auch bie unabhängige „Freiheit feinen Aufschluß.' Das letztere Blatt erklärt, baß bas Regierungs. proOTomm wohl manches richtige unb zutreffende enthalte baß es stboch weit hinter dem zurückbleibe, was bie Unabhängigen als Tlinbeftprogramm formuliert ha- &Ct,Dle beutsch-nati anale Presse lehnt bcn Tesi ber Rebe, ber sich auf bie Erfüllung bes Ultimatums bezieht, schroff ab unb ftnbrt nur zustimmende Worte für bie Ausführungen über Oberschlesien.
Dem ILer-AnSichuß ber deutschen Parteien gab General Le Rond die Erklärung ab, daß die alliierte Kommisiion den deutschen Selbstschutz nicht als Jnsurgententruppe betrachte.
Die militärischen Operationen der Engländer haben begonnen. Eine kogibinierte englische Kampfabteilung hat den Vormarsch nach Groß-Strehlitz angetreten. Es ist deshalb innerhalb der interalliierten Kommission zu scharsen Auseinandersetzungen gekommen. Im Prinzip hat * fein,
folgendes: ... ,
.Das BundrSschatzamt leistet gepentoarhg auf bie nach wie vor rationierten Lebensrnittel Mehl, Brot, Rindfleisch, Fett unb Konbensmilch, bie verbilligt abge- peben werben, folgende Zuschüsse: Mehl (Preis 10 R.) Bl Kronen je Kilo; Brot (Preis 9 R., ber nicht einmal die Backkosten deckt!. 47 Kronen je Laib; Rindfleisch (Preis 80 K.) 164 Kronen je Kilo; Fett (Preis 100 R.) 148 Kronen je Kilo; Kondensmilch (Preis 42 R.) 94 Kronen je Dose. Die Belastung deS Bundesschatzamte» aus der Versorgung ber Bevölkerung mit Mehl und Brot im März belief sich auf 2,1 Milliarden Kronen. Diese Lebensmittelzuschüffe soll nun der Staat auf Geheiß deS Völkerbunde» abbauen.'
ES ist klar, daß ein Siaatswel'en auf die Dauer bei io gewaltigen Zuschüssen seine Finanzen nicht in Olbnung bringen kann. Zn TeutiÄland haben wir auch noch Zuschüsse in sehr beträchtlicher Dohr, aber wir dürfen doch darauf binroenen, datz sie m keinem Vergleich stehen zu den österreichischen Ziffern und, was besonders zu betonen ist, daß die RerchS- zuschüsse auch schon wesentlich abg ebaut sind Sie bestehen zurzeit nur noch für Brot, wahrend mit der Freigabe des Fleisches und FerteS die Zu» schüffe deS Reiches geschwunden und bannt wesentliche Ausgaben für das Reich fortgefallen sind. Auch hier zeigt sich ein erheblicher Vorteil deS planmäßigen Abbaues de r ;>man gSwrrt- ,chaft für Lebensmittel. Grundsätzlich wird man den Standpunkt einnehmen müssen, daß die Zuschüsse deS Reiches zu den Lebensmitteln nicht vertretbar sind, einmal weil sie kem Volke ein falsches Bild von den Verhältnissen geben, und dann weil die Reichsfinanzen sie nicht tragen können. Aber nachdem sie unter dem Zwange ‘'et Verhalt- nisse eingeführt sind, sind sie tben:o planmäßig abzubauen, wie die Zwangswirtschaft selbst.
Auch bet dem Bioi wird ein dauernder Zuschuß, wie er heute gewährt wird, nicht möglich sein, andererseits wird aber auch eine plötzliche I Beseitigung des ReichszuschuffeS ebenso unmöglich 1 fein, weil mit dem Wegfall dieses Zuschusses der
sich bte „ErMung' abwickeln soll. Er nennt itt diesem Zusammenhänge auch
einige der geplanten Stauern.
Ueberraschungen gibt es dubei freilich nicht. Den stärksten Zugriff wird sich die Kohle gefallen lassen müssen. Daneben wird ein Ausbau der Erbschaft s st e u e r unb rin .starker". Ausbau der B ö r f e n st e u e r zum Zwecke der Erfassung der Speiiiiatimisgewiraie in Betracht kommen. Mit für dir wichtigste Aufgabe hält ber Kanzler die Durchfuhr u n g der bereits verabschiedeten Steuern. Man sttmmt dieser Aufkasfimg im Hause überwiegend zu, auf verschiedenen Bänken gibt es aber doch eine lebhafte Bewegung. Dr. Wrth stellte in diesem Zusammenhang fest, dich die Steuern in letzter Zeit in ihrem Eingang beträchtlich sich gebessert haben. Der Kanzler kündigt bann eine Erweiterung des Branntwein-Monopols, der Bier-, Zucker- und Süßstoff-Steuern an, zeigt sogar ein Raffinerie-Monopol, spricht von der Erhöhung der indire kten Steuern, von twsonderen Steuern auf ben ßujus und dergleichen. Sehr viel Bestall findet fein Wort, daß nach den Kriegs- und Revolutionsgewinnlern cs nun nicht auch noch Reparations-Gewinnler geben darf.
Das Wirtschafts Programm bringt der Kanzler auf die Formel: Erhöhung ter Produktion rmd national-wirtschaftliche Spcwfamckeit. Insbesondere muß auch die Landwirtschaft auf höchste Produktion eingestellt werden. Im Uebrigen gilt es, Qualitätsarbeit zu schaffen. Den sAiat-ethi- schen Teil seiner Ausführung stimmt Dr. Wirch auf Me Verteidigung eines gesunde n Dpti» tnismus ab. Eine Reform fälle nicht vom Himmel, sie müsse mit eisernem Fleiß durchgeführt werden.
Nach der Rede bes Kanzlers vertagte sich das Haus, und sofort traten die Fraktionen zur Stellungnahme zusammen. Es scheint aber jetzt schon festzü- stchen, daß der Kanzler und sein Kabinett eine bes» nächtliche Mehrheit für das Programm finden werden, da einerseits die Unabhängigen, andererseits die Deutschs Volkspartei zum minbeften nicht gegen ein Vertrauensvotum stimmen werden
Das neue Programm
und die alte« Programme.
Der wesentliche Unterschied stt der, datz die früheren Regierungen sich immer noch der Hoffnung hingeben konnten, die Belastung Deutschlands abzn- mindern, während die jetzige Regierung auf nichts anderes hinarbeiten tonn, afs auf die Erfüllung ber festgelegten Leistungen.
So ist die Aufgabe der Regierung schwieriger geworden. Sie muß ihrem Volke weiter direkte Lasten auferlegen unb kann die Druckstellen nicht mehr mft dem bisher iDsichen Del der Hoffnung auf Mü>e der Gegner einreiben.
Anerkennung verdient es, daß der Reichskanzler Dr. Wirth und jein Kabinett die schwierige Lage nicht zu bemänteln suchen, sondern von Ansang an dem Volke reinen Wein einschenken, mag auch dieser Wein sauer sein. Die Reichsregierung will nichts betreiben, was nach Halbheiten oder irgendwelchen Drückebergereien rmssshen könnte, sondern macht die tapfere und treue Erfüllung aller Verpflichtungen zu feiner ober- ften Richtschnur.
„Die Sache der Freiheit, so sagte der Reichs- kanzier m seiner Programmrede, „ist selbst mit den schwersten materiellen Opfern nicht zu teuer erkauft." Diesen Satz mögen sich alle gegenwärtig halten, Le etwas Schrecken spüren angesichts der roeitgreifenben Steuer- und Arbeitspläne. Es handelt sich wirklich um die Freiheit, um den Fortbestand des unabhängigen Deutschland. Wenn wir nicht leisten, was uns auserlegt ist, so rücken die Feinde ins Land. Dann haben wir keine deutsche Regierung unb Gesetzgebung mehr, sondern muffen nach dem Diktat der Sieger zahlen und arbeiten. Dann müssen wir unter der Sklavenpeitsche noch mehr leisten, als was uns die eigene Regierung zumutet, und verlieren auch die letzte Hoffnung der Erlösung.
Bleibt denn jetzt noch eine solche Hoffnung? D ja, und wir finden sie gerade begründet in der Tatsache, daß die Regierung mtt voller Gewissenhaftigkeit an die Lösung des gesamten Komplexes der finanziellen, wirtschaftlichen und moralischen Fragen herangcht und bei ihrer verantwortlichen Prüfung zu der lieber» zeugung kommt: das deutsche Volk kann sich retten, wenn es seine Kräfte vernünftig zusammennimmt.
Die Regierung Hal in der kurzen Frist, die Ihr gegeben war, noch keinen fertigen Gesetzentwurf ein- bringen können. Der Reichskanzler mußte sich also zunächst beschränken auf die Kennzeichnung der Pläne, die erwogen werden. Das Programm ist so mnfaffend Md inhaltsschwer, daß die Gesetzgeber Md die Der» nxiltungsbcamten Jahre lang zu tun haben werden mit der Durchführung. Doch das darf uns nicht schrecken. Die Gründlichkeit kann uns vielmehr bestärken m der lleberzeugung, daß jetzt wirklich ganze Arbeit geleistet wird, die auf Erfolg rechnen darf.
Es handelt sich nicht bloß um die Anbohrung von allen oder neuen Steuerquellen, sondern viel wichtiger ist die Einstellung der ganzen Wirtschaft, der m- dustriellen und landwirtschaftlichen, lauf Mehrleistungen und auf Sparsamkeit. Alle neuen Steuern sollen so geartet sein, daß sie keine Schädigung des Wirtschastskörpers herbeiführen, unb dieser Wirtschaftskörper soll so in Tätigkeit gesetzt werden, daß wir möglichst viel Güter apsMren und dagegen
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Die smimese im Belflstag.
Die deutsche Volksvcrtretmrg stand am Mittwoch , hi Erwartung eines Programms, von dem man sich in atten parlamentarischen Kreisen, ganz gleich, wie man zll der neuen Regierung Wirch steht, von vornherein Rechenschaft geben mutzte, daß mit ihm eine ganz ifteut Epoche deutscher Staats- und ^Wirtschaftspolitik eingeleitet werden muß. Zu einer für die Parlamerttsberattmgen im allgemeinen ungewöhnlichen Stunde — nachmittags 4 Uhr — war die Sitzung anberaumt. Den ganzen Vormittag über hatten die ^Beratungen im Kabinett über die Formulierung der Regierungserklärung an» gebmtert. Eine Stellungnahme zu Einzelheiten herbei- zuführen, hatte man von vornherein nicht tn Aussicht genommen. Es galt nur die großen Richtlinien festzu» legen. Es ist kein Geheimnis, daß die Fülle der Probleme unb Aufgaben auch innerhalb bas Kabinetts toielecliei Meinungsverschiedenheiten pufroirft.
Die Sitzung, welche die Programmrede des Reichskanzlers Dr. Wirth brachte, spielte sich in einem wvch- 1 tigen äußeren Rahmen ab. Sämtliche Tribünen waren bis zum RmÄe ihrer Aufnahmefähigkeit gefüllt und !iolle hielten trotz einer drückenden Hitze, die über dem Saale lagerte, bis zum letzten Augenblick aus. Die Besetzung der Abgeordneten-Blocks war Mgewöhnlich stark, kaum, daß es zwischen den Bänken die eine oder andere Lücke gab.
i Als die MitgliÄer der neuen Regierung erfchei- fnen, ist das ganze Haus gepfropft. Als letzter erscheint '-raschen Schrittes der RuichskcnPier W i rt h. Die -Reihenfolge seiner Mtarbeiter auf der Ministerbank M folgende: Vizekanzler Bauer, Außenminister Rosen, Iustizminister Schiffer, Imenmimster Gradnauer, Wirtschaftsmimstrr Schmidt, Ernährungsminister Hermes, Arbeitsminister Brauns, Wiederaufbaumimster R a t h e tt a u. Der Poftmimster Giesberts fft bekanntlich zur Kur in Bad Salzschlirf. Rur der Verkehrsminister Gröner, fehlt. Der frühere Reichskanzler Fehrenbach hat wie- der auf der Zrntnrmsbank Platz genommen.
Sofort erhält der Reichskanzler zu einer mehr als Pinstündigen Rede das Wort. Resolut springt er von feinem Platze auf und eilt zur Rednertribüne, schlägt 'dort sein Manuskript auf, unb bringt die im Kabinett besprochenen Erklärungen mit lauter Stimme und । guter Betonung zum Vortrag. Er begnügt sich nicht tmtl dem nüchternen Abi ßsen der AufzeichbLmgen, sondern er versteht es, die Worte und Sätze durch toarnic Töne zu beleben. So hat der Kanzler von Anfang bis zu Ende bas Ohr des ganzen Hauses.
Es ist eine Rede, die durch die Menge und Größe ber ausgeworsenen Fragen die Geister geradezu rebel« lisch macht. An die Spitze dessen, was er als „Pro- Mamm" bezeichnete, stellte er die drei ztelweisenden Werte: Verständigung, Wiederaufbau .'unb Versöhnung! Hier schon unterbrechen die ■ KommMisten mit Woff Hoffmann unb dem ganz ra- tbiaten Höllern an der Spitze mit den Zurufen: „Und ,wo bleibt die Amnestie?' Im Laufe feiner Ausführungen muß Wirth noch mehr als ein Dutzend derartiger Unterbrechungen der Kommu- nisten über sich ergehen lassen, die ihm jede Gelegenheit erlauem, um in wilder Erregung fortgesetzt papagennäßig imb im Takte das Wort „Amnestie" zu rufen. Es hat wiederholt den Anschein, als wollten die Kommunisten den Kanzler überhaupt am Sprechen verhindern, wenn er nicht auf das Thema der Amnestie einginge. Der Präsident hat Mühe, dem Kanzler wieder das Wort zu verschaffen, die übrigen 'Abgeordneten, die immer unruhiger werden, quittier» ten die Amnestie-Rufe der Kommunisten mit den Ge- genrusen: „Kalt Wafler!" Auch als der Kanzler geendet hatte, schreit, nein brüllt der komrmrm'stische Block ihm die Amnestie-Forderung entgegen.
Der Kanzler ließ sich durch diese Iniermezzi^ keineswegs aus der Ruhe bringen; mit gutem Humor fertigte er die Schreier, die wiÄ>erholt zur Ordnung Berufen werden mußten, ab. Das ganz übrige Haus .lauscht mit Interesse, wenngleich auf den verschiedenen 'Seiten nicht immer in ungetrübter Freude dem Vortrag des in drei große Teile sich gitternden Programms der Regierung. Es baut sich auf dem Willen auf, bie übernommenen Verpflichtungen des Ultimatums gewissenhast zu er» füllen. So schildert der Sanier zunächst bas, was die Reichsregierung in Erfüllung des Ultimatums bis jetzt schon durchgeführt hat. Die Aufzählung diefer Punkte begegnet vielfachem Murren auf der rechten Seite, namentlich die Abgeordneten Helfferich und Gräfe zeigen sich sehr ungehalten. Den wirtschaftlichen Teil des Ultimatums stellt Dr. Wirth auf eine lange Eicht. Nach drei Richtungen soll gearbeitet werden: Sn finanzieller, wirtschaftlicher unb sozial-ethischer Hinsicht. Den Streit über das Maß unserer Leistungsfähigkeit will man nun ausschaften. Durch die Tat en mußten wir beweisen, wie groß unsere Leistungsfähigkeit ist. Der Reichskanzler betonte die Opfer, die aus der ErMung eines solchen Programms für das ganze Volk sich,ergeben mußten, mn daran die Bemerkung zu knüpfen, daß die Sache der Freiheit selbst mit den schwersten sinanziellen Opfern nicht zu teuer erkauft sei. Diese Worte wecken ein ironisches Gelächter auf Oer Rechten.
Der Kanzler steigt bann in die tausenderlei Gin» zelheilen des gewaltigen Problems ein, nicht allerdings in der Form ber Bekanntgabe aller einzelnen Mittel unb Wege, welche die Regierung für denkbar hält, sondern immer in der breitausladenden Zeich- ffg des gwßen allgemeinen Rahmens, in welchem
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