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Mittwoch, 1. Zuni 1921

Nr. 123

Entente die Vornahn» von Abstimmmrgen über den Anschluß energisch bekämpft hat.

Die Wirkung deS polnische» Aufstandes.

Der Reichskohlenkommissar ersuchte dir Berliner Straßenbahn und die Hoch- und Unter­grundbahn um die Einschränkung ihrer Betriebe um 50 Prozent, da wegen der geringen Kohlen- zufuhr aus Oberschlesien nicht genügend elektrischer Strom geliefert werden könne.

Deutsches Reich.

* Berlin, 1. Juni. Die Geschäfte der deutschen Friedensdelegation in Paris werden am 1. Juni von der Botschaft übernommen. Ge­stern fand eine Sitzung tret Finanzminister der einzelnen Länder unter dem Vorsitz des Reichskanz­lers statt. Der neue amerikanische Botschafter für Berlin David Janne Hill ist auf dem Wege nach Berlin in Paris eingetroffen. Der Belagerungszu­stand über die preußischen Gebietsteile Groß-Hamburg ist mifgehaben worden. Die Aufhebung des Belage­rungszustandes in Mitteldeutschlarrd und Ostpreußrs dürste in kürzester Zeit bevorstehen.

* Die neue Geschäftsordnung deS preußische» Landtages. Die erste Lesung des GeschäftsordnungS- ausschusses des preußischen Landtages ist beendet. Hebet die Wahl des Ministerpräsidenten wurden neue Bestimmungen eingefügt, die denen über die Wahl des Landtagspräsidenten analog gestaltet sind. In Zukunft soll die Wahl mit verdeckten Stimmzetteln erfolgen und dem Präsidenten sollen größere Machtmittel zur Verfügung ge­stellt werden, um die Ruhe und Ordnung im Haufe aufrechlerhalten zu können.

* Der Braunschweiger Berfafsungrskreik. Die erste Sitzung der Landesversammlung mußte wegen Beschlußunsähigkeit vertagt werden, da die Fraktion des Landesverbandes nicht er­schienen war. Danach scheint es, daß der Landesver­band, der die Rechtsbeständigkeit der gegenwärtigen Landesversammlung nicht anerfermt, mit der ange­kündigten Obstruktion beginnt.

* Abtransport unerwünschter Gäste. Ter Ab­transport der in Deutschland internierten rus­sischen Sowjetarmee aus dem russisch-pol­nischen Krieg ging bisher sehr glatt von statten. Seit Anfang Mai wurden auf dem Landwege von Altdamm nach Riga und auf dem Seewege von Stettin nach Narva und seit dem 25. Mai auch nach Petersburg rund 30000 Internierte befördert. Den weiteren ungestörten Verlauf vorausgesetzt wird diese Mitte Juni beendet fein.

5e$ WWW sei MmgimA.

Am Dienstaa, am Vorabend der großen politischen Debatte im Reicks.ag, fand eine Kad inetts sitzunll statt. ES hat sich hier volle Einmütigkeit ergebe" über die Erklärung, die der Reichskanzler heute im Reichstag abgeben wird. Eine Entscheidung über die einzelnen Steuerprojekte und sonstigen Mittel zur Aufbringung der Reparations- lasten fei jedoch noch nicht getroffen worden, son­dern es fei nur die allgemeine Richtung der Arbeit des Kabinetts auf diesem Gebier feftgeiegt worden.

V Die Regierungsbildung abgeschlossen.

Laut Vorwärts hat die Sozialdemokratische Reichstagsfraktion beschloffen, auf den ihr als vierten im Kabinett angebotenen Minister ohne Portefeuille zu verzichten. Da Dr. Wir- j als Reichskanzler das Reichsfinanzministerium beibehält, ist die Rearerungsbildung im Reiche abgeschlossen.

Die Aufgaben des Mederaufbcmrmmsters.

Reichskanzler Dr. W i r t h hat gestern den Wieder - laufbamninifter Dr. Rat Henau in fein Amt ein- gefuhrt. In längerer Ansprache an die Beamten des Ministeriums wies der Reichskanzler auf die besondere Bedeutung hin, die dem Wiederaufbauministerium nach der Annahme des Ultimatums zu- komme. Minister R a t h e n a u dankte für das ihm geschenkte Vertrauen und erklärte, er sehe in der Stuf« pade des Wiederaufbauministeriums nicht nur die des Wiederaufbaus Deutschlands, sondern auch der vollkommen in Zerrüttung geratenen europäi­schen Wirtschaftsmaschine.

Verantwortlich für den reoauloneflen Teil: Dr. Kramer, ~ für die Anzeigen: I. Parze!ter-Felda. z Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendnickerei in Fulda. Setnfpredier Nr. 9. Telegr.-Ädresse: Fuldaer Zeitung.

Ser Sbmöfll la MlWWea.

Während die Ententediplomaten mit List und Ver­schlagenheit in der oberfchlesischen Frage um die Durch- Hetzung der verschiedenen politischen Ziele untereinander Lingen, dauern die chaotischen Zustände im oberschlesi- ifchcn Aufruhrgebiet an. Ob das allmähliche Eintreffen Wößerer englischer Streitkräfte andere Zustände her- beifirhron wird, ist noch nicht erkennbar. Die bisherige englische Leitung in Oderfchlesien scheint jedenfalls er- HÄlich versagt zu haben. Der englische Oberst Percival ist nämüchaus Gesundheitsrücksichten" von seinem Posten in der Interalliierten Plebiszit- kommrssicm für Oberschlesien zurückgetreten. Den Poften soll Sir Harald Stuart übernehmen, der früher britischer Kommissar in der Rheinlandkommission ge­wesen ist.

Deutschland hat sich in der oberschlefischen Angelegenheit jedenfalls durchaus korrekt verhallen. Wie von zuständiger Stelle mit geteilt wird, hat im Auftrage der Reichs- und Staatsregierung der Siaats- kekretär Dr. Freund aus dem preußischen Mini­sterium des Innern vom Mittwoch bis Freitag die oberschlefifche Grenze abgefahren und dabei festgestellt, daß, soweit es mit den .zur Verfügung stehenden, un- gulänglich bewaffneten Polizcikrästen möglich war, olles gefchehen ist, um den Forderungen der Alliierten nachzukommen. Er hat insbesondere festgestellt, daß die hermetische Abschließung der Grenze durchgesührt wurde, und hat sich ferner davon überzeugen können, daß die aus Oberschlesien hemuskommendcn F reiwilkigensormatk o - nen entwaffnet und keinerlei Muni- t i o ns s e n d u n g e n nach Oberschlesien mehr hereingelassen werden.

polnische Gewalttaten.

Rach Blättermeldungen aus Oppeln b_,.. . ;.i dir ?oten sich im Kreise Gr. Strehlitz z ur ück z u z ie« cn. Sie zerstörten planmäßig das gc- ",amte Gebiet. Der Rest des von ihnen cmgezim- «trn Schlosses Studendorf und die zum Gute ge­hörige Brennerei sowie die Kalkwerke in Gr.-Stein wurden von ihnen gesprengt. Der Co feier Oder­hafen ist nach zuverlässigsn Nachrichten vollständig unterminiert und soll bei einem wetteren Rück­zug der Polen gesprengt werden.

Wie derVerl. Lokalanz." aus Gleiwitz meldet, explodierte in Peikretscham die Lokomotive eines polmschen Par-zcrzuges, die von einem War­schauer Lokomotivführer bedient wurde, der scheinbar mit dem Mechanismus nicht vertraut war. Der Loko- VStv-sührer wurde sd)we.- vexhrauyt

Deutscher Reichstag.

Vie bevorstehende Programmrede des Kanzlers.

Nach der Psingstpause trat der deutsche Reichstag am Dienstag, 31. Mai, zum ersten Mal wieder zusammen. Die Sitzung selbst war nur von kurzer Dauer; denn dem Hause lagen neben einer Anzahl von Anfragen nur kleinere Gesetzentwürfe vor.

Die Einleitung zu den großen Ausgaben, die dem Reichstage infolge der Annahme des Ultimatums zur Erledigung obliegen, wird erst am Mittwoch mit einer Regierungserklärung erfolgen, an die sich dann die große politische Aussprache der Parteien schließen wird.

Zu Beginn der Dienstagssitzung gedachte der Präsi. dem bt der üblichen Form der verstorbenen Abgg. Tuch (5D. 23p.) und Dr. Wiebel (Dntl.).

Präsident Lobe: Lebhafte Empörung Hervorrufen muß die Mitteilung, daß die polnischen Insur­genten den Abg,. Dr. Hartmann gefangen genommen und an einen unbekannten Ort ver­schleppt haben. Ich habe mich sofort mit dem Aus- wärttgen Amt verständigt, damit die Interalliierte Korn. Mission auf diesen Gewaüstreich hingewiesen wird, und damit sofort Anstalten getroffen werden, um den Abg. Hartmann zu befreien. i

Der Präsident gedenkt des 75. Geburtstages des ASg. Spahn (Ztr.), der 87 Jahre dem Hause angehört, und spricht ihm die Glückwünsche des Reichstages aus.

Nach einer kurzen, von den Kommunisten veranlaß­ten Geschäftsordnungsdebatte werden die kleinen Anfra' gen erledigt. Da, Gesetz über den Volksentscheid geht an den Rechtsausschuß.

Nachdem noch ein Regierungsvertreter mitgeteilt hat, daß im Auswärtigen Amt noch kein Anttag der Inter­alliierten Kommission im Fall Dr. Hartmann elngetrof. fen ist, vertagt sich das Haus auf Mittwoch. Tages» orbnung: Entgegennahme einer Erklärung der Reichs, regierung.__

Proteststreik der österreichischen Sierzte.

Ain Dienstag mittag 12 Uhr trat die Aerzteschaft ganz Oesterreichs ineincnSstündigenStreik als Protestkundgebung gegen eine Anzahl in letzter Zeit erlassener Gesetze und Verfügungen auf dem Ge­biete der Heilkunde, in denen die Aerste eine Bevor­zugung des Kurpfuschertums zum Scha- den der Volksgesundheit erblicken und durch die sie sich in ihrem Beruf und sozialen Stellung zurückgesetzt und schwer geschädigt fühlen.

Nus dem besetzten Gebiet.

Der sranjösiscke Lriegsminlsker In Mainz. Der KttegsmiMster Barthou traf zu einer Inspektionsreise durch die besetzten RheiiÄande in Mainz ein tme) nahm kurz nach seiner Ankunft eine Parade über die Mainzer Garnison ab.

» Die Folgen der Santfionea Im besetzten Gebiet. 5m besetzten Gebiet haben zahlreiche rheinische Fabriken ihren Betrieb einschränken nüisien. So besonders die chemischen Werke, die Metallindustrie, die Kunstwoll- und Tuchfabrllen, die Schaumweinindustrie und die Zigaret- tensabriken. Infolge der Absatzstockung und der Zufuhr von Rohmaterialien sind sogar einige Betriebe zur Arbeiterentlassung gezwungen worden.

* harte Strafe wegen Befetbigung. Rechtsanwalt Priem wurde zu einem Monat Gefängnis und 10 000 =-K Geldstrafe verurteilt, weil er sich eine Be­leidigung gegen einen Vertreter der Be» satzungsbc Hörden hat zu schulden kommen lassen. Außerdem wurde seine Ausweisung versügt.

Äurland.

* Tie Kosten des Völkerbundes. Eine Kom­mission von Sachverständigen hat soeben an die ver­schiedenen Völkerbund- Regierungen ein Memoran­dum gerichtet, worin festgestellt wird, daß der Völkerbund zuviel Geld kostet, öffentliche Gelder vergeude, seine Beamten zu hoch bezahle und sie ihre Befugnisse überschreiten läßt. Es wird em­pfohlen, eine gemeinsame Kasse zu gründen, aus der die Beamten des Völkerbundes bezahlt werden sollen. Die für den Generalsekretär Sir Eric Drum­mond ausgeworfenen 6000 Pfd. Sterl. Repräsen- tationsgelder sollen auf 2500 Pfd. herabgesetzt werden, während das ihm zugestandene Gehalt von 4000 Pfd. Sterling unverändert weiter gezahlt werden soll. Der Sitz des Völkerbundes soll von Genf nach Brüstet, Fontainbleau, Turin oder Wien verlegt werden, da die Kosten der Lebenshaltung fonst zu hoch sind. Dagegen sollen die Sachverständigen-Zusammenkünfte des Völkerbundes in Genf abgehalten werden, wegen der zentralen Lage dieser Stadt.

* Levins Wirtschaftspolitik. Laut Nachrichten aus Sowjet-Rußl and beabsichtigt Lenin eine Reihe von Dekreten zu erlassen über die Zurückgabe der Fabriken und Unternehmungen mit weniger als 300 Arbeitern an die Besitzer. Die Eirmahmen sol­len durch den Staat kontrolliert ererben. Ferner ist beabsichtigt, alle örtlichen Berwaltungsbehörden dem Doikskommiffariat des Innern und alle außerordent­lichen Kommissionen dem obersten Tribunal zu unter­stellen.

x Einnahme von Dlodiwoslok durch anlibolsche- wistische Truppe». Wie aus Tokio gemeldet wird, ha­ben bolschewistenfemdliche Streitkräfte unter General Kappel Wladiwostok kampflos eingenom- RlBs M ZajMer yerhielsim sich neu-rei

Preußischer Landtag.

Die Skeuernoi der Gemeinden.

Am 31. Mai, nachmittags 2 Uhr, nahm der Landtag nach co. dreiwöchentlicher Unterbrechung feine Arbeiten wieder auf. Die Tagesordnung enthielt zunächst nicht weniger als 7 kleine Anfragen, die die verfchle- densten Gebiete des politischen Lebens berührten und von den Vertretern der Staatsregierung beantwortet wurden. Der 8. Punkt der Tagesordnung war eine große Anfrage der Abgg. Otter, Heinzelmann und Ge­nossen über das Unglück auf Zcche Konstantin der Große, die aber auf Anttag der Antragsteller von der heutigen Tagesordnung abgesetzt wurde. Es folgte bann die Beratung des Anttages Altegoer und Genoflen

über die Realst euer»

und ihre Erhebung durch die Gemeinden.

Abg. Müller-Hameln (Soz.) begründet die Anfrage dar Sozialdemokraten, in der Vorlegung einer R o° velle zum Kommunal., Kreis- und Pro­vinzialabgabengesetz verlangt wird. Den Ge­meinden ist durch die Reichssteuer das finanzielle Rück­grat genommen. Eine gründliche Reform ist sehr nötig. Mit Klavier- und Dienstbotensteuer ist es nicht getan, ebensowenig wie mit Bewilligung von Nachtragserhe­bungen durch die Gemeinden.

Abg. Altegoer (Ztr.) begründet die in der Beratung verbundenen Anträge auf weitere Erhebung der Real steuern durch die Gemeinden. Die Ge- meinden müffm in die Lage gesetzt werden, ihre Ein- nahlmn den ins ungewisse gestiegenen Ausgaben anzu- vasien. Es sollte ihnen also das ausschließliche Recht ber Gewerbe-, der Grund- und der Gebäudesteuer wei­ter belasten bleiben. Zuschläge zu den Realsteuern dür­fen nur genehmigt werden, wenn die Lebensfähigkeit der bedrohten Erwerbskreise nicht gefährdet erscheint. Die Reichsregierung sollte den unterstellten Steuerbe­hörden entsprechend« Anweisung geben.

Ein Rcgieningsoertteter: Eine schärfere Heran- ziehung der Realsteuern erscheint unmöglich. Ge­rade in den Städten ist der Haus, und Grundbesitz an­gesichts der Zwangswirtschaft in großen Schwierigkeiten. Rur durch Erschließung neuer ©teuerquel- len kommen wir zur finanziellen Sicherheit. Die G e= meinden müssen die Durchführung iihrer Aufgaben einschränken. Ohne Abgrenzung der Steuern für Reich, Staat und Gemeinden ist eine syste­matische Regelung nicht durchführbar. Bis dahin mästen wir mit abschließenden Programmen warten. Eine Nvelle zur Kommunalabgabe wird dem Staats. Ministerium in nächster Zeit zugehen und nach Begut­achtung durch den Staatsrat in Kürze auch dem Landtag vorliegen. Den Gemeinden soll die Verminderung ihrer B«wallMa 'M ihrer anderen Ski5a'*~- ileMect wo»

Fuld aer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.

M to ömskkm ooo Booloooe.

Die Frage, warm die von England bringenb vor- beschlagens Befprechung der oberschlesi- schrn Angelegenheit in Boulogne stattsindeir fall, steht immer noch im Mittelpunkt des Meinungs- vustaufches unb Notenwechsels zwischen England und Frankreich. In der letzten Antwort der französischen Regierung auf eine entsprechende englische Note wird erklärt, daß sie dem foforiigat Zusammentritt des Oberster Rabes abgene igt fei. Sie führt dies in erster Linie auf Schwierigkeiten praktischer unb per­sönlicher Art zurück. DK französische Negierung Hobe den Eindruck, daß der Zusammentritt des Obersten Rates ehre Erregung der öffentliche »Mei­nung Hervorrufen würbe, die der Ruhe wenig günstig sei. Die Wiederherstelllmg ber Orbnung in Oberschlr- sien muffe deshalb als Vorbedingung für eine Zu­sammenkunft der Regierungschefs" betrachtet werden.

Rach einer Londoner Reutermeldung ist der fron- tzöstfche Vorschlag, einen Sachverständigen« Ausschuß zur Prüfung der oberschlesi» sschenFragszu ernennen, entgegen Pariser Blätter- tmelbungen noch nicht formell angenommen worden. Der letzte englische Vorschlag soll dahin lauten, Laß die nächste Zusammenkunft des Obersten Rates Mitte nächster Woche in Boulogne stattfindet. Die englische Regierung fei der Ansicht, daß zuerst der Oberste Rat zusammentreten müsse.

In der Frage der bayerischen Einwohnerwehr

Haier», wie bereits mitgeteilt, in den letzten Tagen Verhandlungen zwischen der Reichsregierung und der bayerischen Regierung stattgefunden, unb zwar haben bk Verhandlungen auf mündlichem Wege stattge- funben.

Nach ter vom bayerischen Ministerpräsidenten Kahr im bayerischen Landtag abgegebenen Erklärung formen bk Schwierigkeiten, die in der Frage der Entwaff- nvng ber bayerischen Einwohnerwehren bestanden, in­sofern als beseitigt gelten, als die maßgebenden Kreise bei bayerischen Regierung als auch bet Regierungs­parteien sich Haden überzeugen lassen, daß auf Grund des Ultimatums die Entwaffnung der baye- rifchen Einwohnerwehren erfolgen muß.

Gleichwohl ist dir Gefahr, die in dieser Frage liegt, nicht restlos behoben. Es macht sich jetzt die Tatsache geltend daß gewisse Kreise, di« am Fortbe­stand ber bayerischen Einwohnerwehr ein Interesse haben, sich dazu entscheiden, schärfsten Widerstand gegen die Entwasfmmgsaktton zu setzen. Cs handelt sich hier vielfach um Kreis«, die ein materielles Intercste cm dem Fortbestand der Einwohnerwehr haben. Wenn in Bayern bi® Auffas­sung weit verbreitet ist, daß England garnicht so scharf auf die Entwaffnung ber bayerischen Eimvohnerwehr bestehe wre Frankreich, so ist bas ein sehr großer Irr­tum. Wir können auf bas bestimmteste versichern, daß gerade England noch weit stärker als Frankreich mit aller Entschiedenheit auf der Entwaff­nung ber bsyerischM Einwohnerwehr besteht. Dafür dürfte übrigens Bayern in kürzester Zeit Grieaeichctt haben, sich aus dem Mund englischer mntticher Stellen zu überzeugen.

Auy darüber sollte man sich im bayerischen Dolke nicht im unklaren sein, daß man im übrigen Deutschland nicht das geringste Verständnis ho- den wird für eine solche Halsstarrigkeit in einer Frage, von ber das Wohl und Wehe des ganzen deutschen Reiches abhängt. Denn darüber kann kein Zweifel bestehen, Widerstand in der Entwaffmmgsfmge hat Me automatische Besetzung des Ruhrgebietes zur Folge. Es würde garnicht abzufehen sein, zu wel­chen inneren Gefahren eine solche Entwicklung führen würde.

Man kann daher nur dringend hoffen, daß di« Ein­sicht, die in den maßgebenden bayerischen Kreisen zur Geltung gekommen ist, sich endlich auch in den Kreisen Bahn bricht, die zum Teil aus Unterschätzung der Ge­fährlichkeit der Lage, teils ober auch aus persönlichen Gründen d»r Weiterbestand ber Einwohnerwehren mit allen Mitteln aufrcchterhalten wiffen wollen.

Die Auslösung der SclbstfchahorganisÄlooen.

Der interalliierten MilitSrkommis- sion in Berlin mürbe die geforderte Liste, auf der die ostpreußischen Grenzwehren, die bayerische Ein­wohnerwehr und dir Organisation Escherich bezeichnet sind, unterbreitet Gleichzeitig wurden den al­liierten Mächten die Gründe gegen die Auflösung, di« von den hauptbeteiligten Landesregrerungen geltend gemacht worben waren, zur Nachprüfung unterbreitet

den. Auch die Gewerbesteuern ertragen keine Steige­rung mehr, deshalb bedarf diese ebenfalls der Rege» Un|i6g. Wallraf (Dnatl.) beantragt Verweisung an den verstärkten Gemeindeausschuß. Reich, Staat unb Ge. meinden dürfen sich nicht als Fremdkörper gegenüber- stehen. Eine Abgrenzung Ist dringend erforderlich. An der Finanznot ist auch der parteipolitische Wetllauf und das Bewilligungssieber für Mehrausgaben schuld. Um Besitzsteuern wird man sich überhaupt nicht mehr zu küm- mern brauchen, weil es keinen Besitz mehr geben wird. Zurück zur alten Sparsamkeit, es kommt auf jeden Psen. nig an. k

Abg. c. Eyncru (D. 83p.): Die Gemeinde hat am unmittelbarsten für die Bedürfnisse ber Bevölkerung zu sorgen. Ihr müssen die erforderlichen Steuerquellen zu- gewiesen werden. Das Kommunalabgabengesetz mutet wie ein Märchen aus alter Zeit an. Es war schon vor dem Kriege veraltet. Die äußere Grenze für die Erhe. bung der Realsteuern ist bereits von vielen Gemeinden überschritten worden. Die Gefahr einer Ueberfchuldung ist sehr groß. Bedauerlicherweise kommen wir nicht zu einer großen Reform, sondern ledizllch zu einem Provisorium. Die Forderung der Sparsamkett muß endlich verwirklicht werden.

Abg Katz (Komm.): Das Reich ist schuld an ber finanziellen Misere, nicht die Gemeinden. Der Kapita. lismus ist ebenso schuld. Die Steuerhoheit zwischen Reich, Staat und Gemeinden ist falsch abgegrenzt In Hannover hat ber Magistrat beschlossen, alle kommuna­len Abgaben, die den Hausbesitzern auferlegt werden, durch Mieten abzuwälzen. Das ist eine Stadt, wo Mehr­heitssozialisten herrschen. (Zwischenrufe: Es ist nicht wahr.) Man soll die kommunalen Abgaben nach der Steuer kraft der Zensiten staffeln.

Abg Brecour (Soz.): Landwirtschaftlicher unb städ­tischer Grundbesitz kann sich von der Einkommensteuer drücken, nur Arbeiter und Angestellte werden herange, zogen. Herr Katz schrie hier gegen den Hausbksitz los. im Ausschuß hat er über seine Not gejammert.

Mittwoch: Weiterberatung: Milchversorgung, kleinck Dorlagen.__

Der dritte Leipziger Prozeß.

Vor dem Reichsgericht hat am Dienstag bet dritte der sogenanntenKriegsoerbrecher"-Prozesfe begonnen. Die Anklage richtet sich gegen ben Arbeiter Robert Neumann aus Güstrow, dem Gescmgenenmißhcmd- lang cor geworfen wird. Es such 40 Zeugen, 15 deut­sche unb 25 englische geladen. Die Mglifche Kommff­sion fft witiK-T mit Ausnahme des rwch in London wettenden Solicitor General Pollock erschiekwn. Dies­mal sind auch zum eiftemnale Vertreter der franzö­sischen Reptormrg, zwei ftaryösische Advokaten und ein französischer Dolmetscher anwesend. (Ttrocn lieber- öl'ck über die Hohe der durch die Prozesse bem deut- schcnVolkeerwachseitdenKosten kamt man sich machen, wenn man erfährt, daß bis jetzt rund 800 000 Mark an die Ettgländer gezahlt worden sind.

Dem Angcllagten wird zur Last gelegt, durch 14 siibstönbige HaMmnyen in der Zeit vom 26. März bis 24. Dezember 1917 englische Kriegsgefangene gestoßen und geschlagen yt haben, und zwar unter Mßbrmich der Waffe.

Am nächsten Samstag soll die Verhand- bmg gegen den Oberleutnant zur See Neumann, dcn Konimmckanten des U-Bootes 67, wegen Versen­kung des englischen LazarettschiffesDover Castle" beginnen. >

Die ettgllschr Srilik der Leipziger Prozefje.

Während ein Tell der englischen Presse,Daily Mail" undDaily News", erneut scharfe Kritik an den in Leidig verhängten Strafen ubt, hebt der aus Leipzig zurückgekehrte General st aatsanwalt Sir Ernest Pollock, die Unparteilichkeit dcs Gerichtshofes hervor. Zahlreichen Unterhausmit­gliedern, die ihn über feine Emdrücke in Deutschland befragten und dir der Ansicht waren, daß die in Leip­zig gefällten Urteile vollkommen unzulänglich seien, sagte er, daß die Berhartdirmgen gerecht gfführt worben seien._____________

Rach Salzburg Steiermark.

Der steiermärkische Landtag in Graz hat bejchios- jen, daß die Anschlußabstimmung am 3. Juli ftattfinben soll. Politische Kreise in Wien glauben nun, daß durch diese EntfchcDung des steierischen Land­tages eine Regierungskrise gegeben fei, da bekanntlich die Mmer Regienms auf Meiiung dctt

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