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Fuld aer Zeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Sladl Aulda.

Nr. »9.

Verantwortlich für den ceDoaionellen Teil: Dr. Kramer, » für die Stazetgen: I. Parzeller-Fulda. z Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Femiprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung.

Sreitag, 27. Mai 1921.

Bezugspreis: Monailich .3,00 Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei unsabgehost3,15 Ml. Anzeigenpreis: Die K ieiuzeile (Colonelmaß) 60 pfg u. 10°je Zuschlag, die Reklamezeil« (Textdreiiel ILO 2111, u. 1C% 'ufchlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

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48. Zahrg.

Ztt ZeMMe Bhosö.

Aesthalleu an der Enlrnle. Ein Derlrauensvoium der französischen Kammer.

Der gegenwärtige Ministerpräsident in Frankreich ist ein gefährlicher Gegner, weil er nicht zn den toll­kühnen Draufgängern gehört, die mit dem heißen Stapf an die Mauer rennen, sondern es meisterhaft versteht, sich den wechselnden Verhältnissen mzupassen, einen Durchschlupf zu suchen und auf Umwegen sein Ziel zu erreichen, wenn auch langsam, so doch sicher.

Briand hat von seiner (Äschmeidigkeit jetzt wieder eine Probe gegeben in einer Sage, die für ihn sehr gefährlich aussah.

Von den Verhandlungen irr London brachte er für Frankreich elwas heim, was nach unseren Gefühlen sehr wertvoll war, aber den französischen Heißspornen nebensächlich erschien. Deutschland hatte sich zu den riesigen Entschädigungen verpflichtet. Es stehen also große Geldleistungen in Aussicht. Doch was ist das Geld ohneMoire"? Die Kampfpartei glaubte das deutsche Geld auch auf dem Wege der Gewalt erringen zu können, und zwar so, daß zugleich ihr Hauptzweck, die Vernichtung der deutschen Wirt- schäft und der deutschen Zukunft, erreicht würde. Daher das Bestreben, unter allen Umständen das Ruhrgebiet zu besetzen und zugleich Ob et« Schlesien den Polen zuzuschlagen. Briand hatte diese beiden französischen Wünsche vorläufig nicht be- ftiedrgen können. England setzte den Aufschub durch das Ultimatum durch, und die deutsche Regierung ent­zog durch die glatte AnnahnW Les Ultimatums den schlagfertigen Herren den Vorwand für den Einmarsch ins Ruhrgebiet. Durch die Erklärung von Lloyd George, daß in Oberschlesien ein ehrliches Spiel ge­trieben werden müßte, war auch die sofortige Zuwei­sung von Oberschlesien an die Polen verhindert. Briand mußte sich also aufs Abwarten verlegen, und seine nächste Ausgabe war demgemäß, der frmrzösischen Kam­mer klar zu macheir, daß es gut sei, zunächst das ge- botene zu nehmen und das weitere von einer besseren Zukunft zu erwarten. Dabei mußte er auf den Wider­spruch von rechtsstehenden Heißspornen rechnen und also auf Unterstützung aus der Mitte oder von der Sinken bedacht sein. Das erforderte einen Eier- tanz, und allem Anschein nach hat sich Briand so ,durchgewunden, daß er mehr Anhänger gewonnen, wie verloren hat, indem er beiden Seiten des Hauses etwas bot.

Auf diese Weise hat die Erörterung in der Pariser Kammer eine Wendung genommen, die an das Rätsel von Samson erinnert: Speise ging vom Fresser aus und Süßigkeit vom Starken. In demselben Augenblick, wo die Soldaten des Marschall Fach marschbereit an der Ruhrgrenze stehen, und in Oberschlesien die pol­nischen Banden sich der Gnade der Franzosen erfreuen, vernehmen wir von der französischen Ministerbank ein Lob der neuen deutschen Regierung, Äs ob die vielbesprochene Annäherung der beiden Bölter wirklich schon eingeleitet würde. Man redet auch schon vonEntspannung". Bei nüchterner Be­trachtung sieht man freilich, wie er die Annahme des Ultimatums als einen schönen Erfolg feiner Politik herausstreichen will. VonEntspannung" kann höch­stens für den Augenblick die Rede sein, da Briand trotz der Friedensworte sich die kriegerischen Ta­ten für morgen und übermorgen vorbe- hält. Er betont wiederholt mit besonderem Nachdruck, daß die Besetzung des Ruhrgebietesautomatisch" er­folgen werde, mit oder ohne Englands Mitwirkung, fobald Deutschland mit seinen Leistungen rückständig bleibt. Also nur aufgeschoben, nicht aufgehoben!

Und Oberschlesien?

Dessen Schicksal soll nach wie vor nach den fran­zösisch-polnischen Wünschen entschieden werden, wie Briand gleich zu Anfang seiner geschmeidigen Rede recht ausführlich anküMgte. In dieser Hinsicht hatte er vielleicht gehofft, daß die deutsche Regierung durch einen mißdeutungsfähigen Akt der Verteidigung sich eine Blöße geben und damit einen Vorwand für die sofortige Ruhrbesetzung schaffen würde. Durch unsere Selbstbeherrschung ist diese Gefahr vorläufig verhütet worden. Die Franzosen mußten sich also in der ober- schlesischen Angelegenheit auf die alte Taktik des Ver­zögerns zurückziehen, und dabei haben sie den dop- pellen Hintergedanken, daß die edelmütige Aufwallung von Lloyd George sich mit der Zeit legen werde und daß ferner die Fortdauer der wirren Zustände in Oberschlesien eine gewisse Gewöhnung an die Ent­fremdung dieses Landes von Deutschland herbei führen werde.

Also. wollen wir alle freundlichen Wort e, die von Paris aus erklingen, mit einer gewissen Hoffnung aufnehmen, doch mit noch größerer Vorsicht, da die entsprechenden Taten leider noch ausstehen. Erft wenn Obsrfchlesien gerettet und das Ruhrgebiet wirk­lich gesichert ist, können wir die Friedferfigkeit des französischen Ministeriums in Rechnung stellen.

Briands Kammersieg.

Am Schlüsse der französischen Kammerdebatte wurde die Tagesordnung der sozialistischen Abgg. Mati und Auriol mit 475 gegen 80 Stimmen abgelehnt. Durch Handaufheben wurde die Tagesordnung des Kommunisten C a ch i n gleichfalls abgelehnt. Darauf wird über die vom Ministerpräsidenten angenommene Tagesordnung des Abg. Aragon abgestimmt. Der erfts Teil dieser Tagesordnung wird mit 430 gegen 163 Stimmen angenommen. Der zweite Teil der Tagesordnung, welcher der Regierung das Ver­trauen ausspricht, wird mit 390 gegen 162 Stimmen angenommen. Die Gesamitagerordnung wird mit 419 gegen 171 Stimmen angenommen.

Die Lage in Oberschlesien unverändert ernst.

Die Sage an den Grenzen Les Aufstandsgebietes ist im allgemeinen unverändert. Zwischen Ssmm und Rosenberg versuchten die Polen, aus dem Walde über Albrechtshof vorzugehen, wurden aber vom deut­schen Selbstschutz zurückaewiesen. Es gegen Nachrichten vor. doL die Insurgenten sich bei

Groß-Strehlitz verstärkt haben. Bei Zembowitz ist polnische Artillerie aufgetreten. K a t t o w i tz ist aufs höchste bedroht. Die Telegraphen- und Fernsprech­verbindungen mit dem Industriegebiet sind gänzlich unterbrochen.

Französische Unterstützung der polnischen Ausrührer.

ImVerl. Tagebl." schildert ein Oberschlesier das parteiische Verhalten der Franzosen in Hindenburg, iHe dort in jeder Weise die pol­nischen Aufständischen unterstützen. Trotzdem dem französischen Kreiskontrolleur roitgeteitt worden war, daß polnische Banden im Anmarsch auf Hindenburg seien, lehnte er jedes Einschreiten ab. Als die Banden in Hindenburg eingerückt waren und wilde Schießereien in den Straßen der Stadt veranstalteten, wurden sie von den Franzosen im Gebrauch ihrer Schußwaffen, die meist aus französischen Kara­binern bestanden, unterwiesen. Die Franzosen sahen der Entwaffnung der Polizei untätig zu.

Der Oberste Rai in Doulogne.

Nack einer Meldung desPetit Journal" aus Boulogne werden dort Vorbereitungen für die nächste Sitzung des Obersten Rates getroffen, die in den ersten Tagen des Juni stattfinden soll. Diploma­tische Agenten seien bereits dort, um alle Anord- nungen zu treffen.

Die Monschauer Bahn für Belgien.

Der Präsident der Botschasterkouferenz, Lambo n, teilte dem Präsidenten der deutschen Friedensbote- gation mit, daß die Konferenz die Entscheidungen der Kommission gebilligt habe, welche die deutsch­belgische Grenze festgesetzt habe. Diese Entscheidung spricht den Abschnitt Rären-Kalterherberg und die Eisenbahnlinie nach Monljoie Belgien zu.

MdjM Mske MW.

Line Rede des Reichskanzlers.

Reichskanzler Dr. Wirch hatte Mittwoch in Karls­ruhe eine Besprechung mit den Mitgliedern des badi­schen Staatsministeriums und anschließend mit führen­den politischen mid wirtschaftlichen Persönkichkesten des Landes. Hierbei sprach sich der Kanzler in einer länge­ren Rede über die mühevolle Aufgabe aus, die Deutsch­land durch die Annahme der Ententeforderungen über­nommen hat.

Wir haben, so sagte er, das Ultimatum mit Ja beantwortet. Es war notwendig, um der Frei- heit des deutschen Dotkes willen. Leistungen allen kön­nen die Welt von dem guten WillenDeutsch- l a n d s überzeugten. Es gibt draußen in der Welt wohl fast niemand, der Deutschland nicht große Lei­stungen zutraute. Mr stellen die Tatsache fest, daß die Welt an ein wirtschaftliches Erstarken Deutschlands glaubt und wir müssen mm auch sechst daran glauben, und die Hände anlegen, um diesen Wiederaufbau zu beginnen.

Nichts Schrecklicheres kann man sich vor- stellen, als das größte Industriegebiet Deutschlands, Rheinland-Westfalen, unter die Gewalt frem­der Bajonette gestellt zu sehen. Die deutsche Arbeiterschaft hat jetzt die Möglichkeit, in freier Arbeit als freie politische Staatsbürger das deutsche Volk an derjenigen Stelle mit retten zu helfen, wo es am ver­wundbarsten ist.

Wohl weiß ich, daß dieses 3a Ungeheuerliches in sich schließt. Es muß daher an den W i l l e n A l l e r appelliert werden, die überhaupt den Gedanken der Freiheit in sich aufnehmen können. Alle Kreise werden Opfer bringen müssen. Wir muffen verlangen, daß sich alle Kreise unseres Volkes, was die Lebenshaltung betrifft, in solchen Bahnen bewegen, daß es erträglich ist, gegenüber den Leistungen, die alle auf sich nehmen müssen. Ich glaube, es ist eine Bahn möglich, die zur Freiheit führ!. Aber sie führt nicht über die Schlachtfelder; dort stehen Kreuze genug. Wir wollen der Toten im (Bebet gedenken, nicht auf neue Kriege sinnen. Wir wclllen dir Frecheit suchen, die uns die Arbeit gibt. Das ist ein großer Gedanke, wie man

durch Arbeit zur Freiheit kommen kann, zu diesem köstlichsten Gut, das der Mensch hat. Ich rufe also nicht auf zum Schmieden neuer Waffen, sondern zu dem Bekenntnis des Rechts und einem Bekenntnis zu einer großen, freien Ar- breitsleistung. Wir wollen sie zu organisieren ver­suchen.

Es ist gewiß ein großer Teil des Dolksvermögens verbraucht, es sind aber die Produktionskräfte tat we­sentlichen noch vorhanden, und wenn eine verständige Politik die Produktionskräfte zu fördern und fb in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen vermag, in einer Form, die erträglich erscheint, so sehe ich nicht ein, warum nicht aus diesen Produktionsmitteln wieder, wie es nn Kriege war, große Werte herausgeschafft werden können.

Ich bitte Sic alle, die Sie guten Willens sind, die Reichsregierung auf diesem klaren, wenn auch stei­nigen und dornenvollen Weg zu unter­stützen, unb wenn ich weiß, daß ich in der Heimat Männer unb Frauen hinter mir sehe, die dem Ge­danken der Freiheit durch Arbeit dienen wollen, wird die begonnene Reichspolitik durch alle Stürme, durch alle Firnisse der nächsten Wochen hindurchgetragen.

Jeder ist willkommen, der Mitarbeiten will, keiner ist ausgeschlossen. Die Türen sind für niemand zu, der an des Vaterlandes Freiheit durch Arbeit mit- arbeiten will. Aber irgendwelche wilde Formen des Ausdmcks politischer Betätigung außerhalb des Rah­mens des Ganzen, die uns außenpolüisch nur Schwie­rigkeiten bringen müssen wir unbedingt ablehnen. A u s dem Boden des Rechts, auf dem Bicken der Arbeit vorwärts, unb so Gott will, auch wieder einmal aufwärts einer neuen Zeit entgegen.

Don Karlsruhe begab sich der Rc-chskanzler seiner Heimatstadt Freiburg L Br. Hier «klärte er

einem Pressevertreter über ben auf Oberschlesien be­züglichen Teil der Rede Briands, daß er zwar gerne den maßvollen Ton Briands anerkennt, daß Briand in der Sache aber von völlig falschen Voraus­setzungen misgehe. Oberschlesien sei nicht mit Gewalt an Deutschland gekommen, sondern vor 900 Jahren von den Polen erobert worden und hat sich vor 700 Jahren durch den Verzicht Wladislaus Laskonezits friedlich von Polen getrennt. Die Polen haben also historisch keinen Anspruch auf Oberschlesien; sie haben nach dem Abstimmungsergebnis keinen An­spruch auf Oberschlesien, denn die deutsche Mehrheit von fast % Million Stimmen laßt sich nicht fortdis- putieren; sie haben moralisch keinen An­spruch, da sie mit dem Ausstand die Gewalt an die Stelle des Rechts zu setzen gesucht haben, und sie ha­ben wirtschaftlich keinen Anspruch, weil die oberschlesische Industrie von den Deutschen ge­schaffen ist und wer! nach dem Urteil der nicht deutschen Fachmänner die Polen diese blühende Industrie nicht zu echalten, geschweige denn weiterzuentwickeln ver­möchten. Deutschland verlangt daher nichts Anderes, als nur Gerechtigkeit.

Bayern entwaffnet!

Nach den letzten Nachrichten aus München wird die Entwaffnung der bayerischen Einwohnerwehren Ende Juni beginnen. Im Ministerium des Auswärtigen liegen bereits die Listen über die gesamten Waffenbestände vor, die zur gegebenen Zeit durch den Reichskommisiar abgenommen werden sollen. Landeshauptmann Dr. Escherich hat feierlich erklärt, daß er sich ohne Einschränkung hinter die Regierung von Kahr stellen und ihren Beschlüssen, wie sie auch lauten mögen, unbedingt Geltung ver- schaffen werden.

Die Lächerlichkeit radikaler Kritik.

DieR o t e F a h n e" versichert, der neue Außen­minister Dr. Rosen sei Reaktionär, seine Er- nenmmg bedeute einen Schritt zum S t i n n e s-K a- b i n e t i. Auf der anderen Seite belehrt die alldeutsche Deutsche Zeitung ihre Leser, daß Rosen eigen!« Ballhorn-Moscheles heiße unb die nationale Ehre völlig preisgeben würde. Nun weiß der Leser genau, wer Rvsm ist.___

Das erste Urteil der Leipziger Prozesse.

10 Monate Gefängnis für Unteroffizier Heynen. -

DaS Urteil gegen den Unteroffizier Heynen, der als erster der sogenanntenKriegsverbrecher" sich zu verantworten hatte, ist am Donnerstag ver­kündet worden: Heynen wird wegen Miß­handlung Untergebener in fünf« zehn Fällen, wegen Beleidigung Untergebener in drei Fallen und wegen vorschriftswidriger Behand­lung in mehreren anderen Fällen zu einer Gesamt­strafe von zehn Monaten Gefängnis verur­teilt. Wegen der übrigen Fälle der Anklageschrift erfolgte Freisprechung. Die Untersuchungshaft ist auf die erkannte Strafe anzurechnen. In den Fällen, wo Verurteilung erfolgte, werden die Kosten. des Verfahrens dem Angeklagten auferlegf, in den Fällen der Freisprechung der ReichLkasse. Die Reichskasse trägt auch in den Fällen der Verurteilung sämtliche Auslagen einschließlich der notwendigen Auslagen deS Angeklagten. Der Haftbefehl wurde aufgehoben.

Der zweite Prozeß.

Die zweite Anklage richtet sich gegen ben Rechtsan­walt und Hauptmann der Landwehr a. D. Emil Mül­ler aus Karlsruhe. Der Angeklagte wird gleichfalls der Gefangenenmißhandlung beschuldigt. 38 Zeu. gen, englische und deutsche, sind an Gerichtsstelle erschie­nen. Als Sachverständige sind die Generale von Uhle und von Fransecky geladen. Der Eröffnungsbeschluß legt dem Angeklagten, den der Vorsitzende gleich zu Be­ginn der Verhandlung wegen seiner unwürdigen Hal- tunq rügt, zur Last, daß er vom April bis Mai 1918 im Lager Flavy.le-Martell durch mehrere selbständige Handlungen vorsätzlich englische KriegEfangene gestoßen, geschlagen oder auf andere Weise kör­perlich mißhandelt habe, indem er sie mit der Reitpeitsche schlug mit dem Peiffchenstiele ins Gesicht schlug unb einen Kranken an einen Pfahl binden lief). Ferner soll er il a. einem Diphtheriekranken mit Gewalt den Mund aufgerissen haben. In zahlreichen Fällen habe er veranlaßt, daß Unteroffiziere unb Mann­schaften mit Fäusten und Gewehrkolben geschlagen wur. den. Er habe Kranke zur Arbeit gezwun­gen, ihr Gesicht in Wasser zu waschen, in dem andere vorher die Fähe gewaschen hatten, auch habe er ärzt­liche Hilse verweigert. Sodann habe er geduldet, daß Gefangene alsSchweine" beschimpft wurden u. s. f.

Der französische Kulturkämpfer Comves gestorben.

Emile Combos, der als französischer Mmisterprä- sident von 1902 bis 1905 ben Kampf der französischen Regierung gegen die Kirche in heftigster Weise ge­führt unb als Haupt der Freimaurer und Sozialisten den Bruch Frankreichs mit der Kurie zustandegebracht hat, ist im 81. Lebensjahre in Paris gestorben. Po­litisch war er schon lange ein toter Mann.

Eombes, der anfänglich Theologie studiert utÄ> die niederen Weihen cmvfanaen Halle, war von Beruf Arzt. Als et Ministerpräsident geworden war, ging er daran, die Schließung der nicht autorisierten geistlichen Kör­perschaften und die Beseitigung des geist­lichen Unterrichts in den Schulen durch- zuführen. Infolgedessen wurden am 27. Juni 1902 135 Kongreganistenfchulen geschlo s s e n, zum Teil unter Aufbietung von Polizei und Militär, weil die Bevölkerung sich für die geistlichen Lehrer und Lehrerinnen erklärte. Am 10. Jul! veröffentlichte Eombes einen neuen Erlaß gegen die geistlichen Nie­derlassungen, der die Schließung von etwa 2000 Niederlassungen innerhalb acht Tagen mtdrobte. Es fern zu heftigen Zusammen- stößen zwischen den katholischen und freigeistigen Mas- ' feit. Ein Dekret vom 26. Juli löste 26 Kotrgreganisten- ! Niederlassungen in Paris mck im Seinedepartement auf. * Mehrere Bischöfe, darunter der Erzbischof von Paris,

protestierten zwar gegen die Schließungen, doch setzte Eombes seinen Kampf mit Rücksichtslosigkeit fort, sprach sich bei einer Bankettrede scharf gegen die katho­lischen Kundgebungen aus unb verhieß unbedingte Durchführung bcs Programms. Mit 323 gegen 233 Stimmen billigte die Kammer am 17. Oktober die Politik der Regierung. Auch der Senat billigte das scharfe Vorgehen mit 163 gegen 90 Stimmen. 1904 kam es dann zum vollständigen Bruch zwischen der französischen Regie- rung und der Kurie. Am 14. Januar 1905 trat bas Kabinett Eombes zurück. Ueble Angebereien im Heere waren die Ursache. Rouvier löste Eombes ab. Seit jener Zeit spielte der Ehrgeizige unb Un­duldsame keine Rolle mehr.

Eine merkwürdige Fügung will es, daß Eombes fast in der gleichen Stande verschied, in der Senator Ionnart nach Rom abreiste, um die von Com- bes im Jahre 1904 abgebrochenen diplomatischen Be­ziehungen zwischen Frankreich und dem Vatikan wieder herzu st ellen.

Steuerplänc.

Folgende Steueroorlagen sollen in Vorbereitung sein: Erhöhungen der Körperschaftssteuer, der Kohlen­steuer, der Tabak-, Branntwein- unb Zuckersteuer. Diese Vorlagen sollen vom Reichstage noch vor der Sommerpause erledigt werden.

Der preußische Gesetzentwurf über die Erhebt! n g einer Fahrzeug st euer ist ben Regierungsprä­sidenten mit dem Auftrag zugesandt morden, um die beteiligten amtlichen Jnteressentenoeriretungen anzu­hören. Es soll sowohl der Kraftfahrzeugverkchr, wie der Verkehr der mit Zugfieren bekannten Fahrzeuge zur Steuer herangezogen werden. Dem Provinzial­landtag soll die Erhöhung auf den dreifachen Satz zugestanden werben.

Die Reichsregierung

zürn Religionsunterrichr.

Die sächsische Regierung war auf Beschluß der drei sozialbemokratischen Parteien bei der Reichsregierung dahin vorstellig geworden, auf gesetzgeberischem Wege die völlige Entser» nung des Religionsunterrichts aus der Volksschule herbeizuführen. Darauf ist vom Reichsministerium des Innern folgende Antwort eingegangen:

Die Beseitigung des Religionsunterrichts aus der Volksschule formte nur auf dem Wege der tier fasfungsändernden Gesetzgebung erreicht werden. Ich müßte zunächst der Reichsregierung einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen. Nach Lage der Sache würde dieser mit Sicherheit ab gelehnt werden. Auch im Reichsrat und im Reichstag, für dessen Beschlußfassung die Vorschriften des Artikels 76 der Reichsverfassung maßgebend wären, würde der Gesetzentwurf keine Aussicht auf Annahme haben. Ich bin schon auf Grund dieser Auslegungen nicht in der Lage, dem Antrag zu entfprecken, und sehe daher davon ab, meine eigne Stellung zum Beschluß deS sächsische» Landtags sachlich darzulegen.

Auf gefährlichen Wegen.

Der Deutsche Lehrerverein zur Gewerkschsftsfroge.

Der Deutsche", das Zentralorgan der christfi- chen Gewerkschaften, befaßt sich mit dem Stuttgar­ter Entschluß der liberalen Deutschen Lehrervereins, bc.n Verein zur Lehrcrgswerkschaft auszubauen, ihn an den Deutschen Bea m t e n. bund anzuglicdern unddafür y. wirken, daß dieser Deutsche Beamtenbund als gewerkschaftliche Vertretung mit den Organisationen der Angestellten und Arbeiter­schaft zusammenarbeitet". Dazu schreibtDer Deutsche":

Dor kurzem wurde hier bereits darauf hingewiesen, daß der Deutsche Beamtenbund in aussichts­reichen Verhandlungen mit dem sozialdemo- kr «tischen Allgem. Deutschen Gewerk- schaftsbund zwecks Anschluß an demselben steht. Der Deutsche Lehrervcrein will anders ist der betref­fende Teil seines Beschlusses nicht zu verstehen, diesem Anschluß an die sozialdemokratischen Gewerkschaften, die sich fälschlich alsfreie Gewerkschaften" bezeichnen, noch beschleunigen Hier bahnt sich ein Vorgang an, der in nationaler und kultureller Hinsicht von den weittragendsten Folgen sein wird. Man denke: bi e Erzieher der deutschen Jugend stehen im Begriff, zum Teil vielleicht unbewußt, sich in die engste Gefolgschaft der gewerkschaftlich organisierten und rein materialistisch orientierten Sozial­demokratie zu begeben I Alle christlich-nationalen Kreise unseres Volkes sind in ihrem Gewissen ver. pflichtet, alles zu tun, um die nichtsozialdemokratisch ge­sinnten Lehrer von diesem verhängnisvollen Schritt ab­zuhalten. Daß die Lehrer Anschluß bei der gewerk­schaftlich organisierten Beamten-, Angestellten- und Ar. beiterschaft suchen, ist durchaus verständlich unb richtig. Dabei brauchen sie aber keineswegs bei der gewerkschaft. sich organisierten Sozialdemokratiezu,landen. Es besteht doch heute erfreulicherweise bereits eine Zu. sammenfassung aller auf christlich-nationalem Boden stehenden Beamten., Angestellten- und Arbeitgeberge­werkschaften im Deuts chen Gewerkscbafts- b u n d, Berlin SW. 68. Eharlotteckstraße 86, (Vorsitzen, der: Ministerpräsident Siegerwald). Hier gehören alle nicht-sozialdemokratischen Lehrer, besonders aber die christlich-national gesinnten Kreise der deutschen Lehrer, schast hin. Ihre Interessenvertretung werden sie sicher­lich im höchsten Maß dort finden, 'and zwar ohne ihrer politischen und religiösen Ueberzeugung zuwiderhandel» zu müssen. __________ _ ____________

Aus der katholischen Welt.

Denkschrift über die Schukoerhältnisse im Bistum Limburg. Im Anschluß an die Denkschrift der deutschen Erzbischöfe und Bischöfe vom 20. November 1920 über die konfessionelle Schule hat der Bischof von Lim­burg an den preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung eine Denkschrift gerichtet, in welcher zu den gemeinsamen Forderungen der Bi­schöfe noch ciniqe weitere durch die eigentümlichen schul, rechtlichen Verhältnisse in Nassau, wo bekanntlich die Simultanschule herrscht, bedingte Forderungen hinzuge- fügt werden. Die Verwirklichung dieser Forderungen muß bei den in der nächsten Woche im Reichstag statt- finbenben Beratungen über den Entwurf des Reichs­schulgesetzes, noch mehr aber bei den ebenfalls bald zu erwartenden LandtagsverhandtungeN