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48. Zahrg.

Donnerstag, 12. Mai 1921

Nr. IC8

Bezugspreis: U)Zonatiid)3,00 Al. ohne ^usteUgeüühr. InFu.du bei uns abgeholt 3,15 SIL Anzeigenpreis: DieKleinzelle ((Eoionelmaß) 60 Sfg u. 10°« Zutchlag, dir Reklamezeile (lertbreire) 1.80 Tltt, u. IO*-, Zuichlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

Deutscher Reichstag.

Ruhe nach dem Sturm.

In der Mittwochfitz nng dcS NeichSingei herrschte nach den erregenden Ständen der letzte' Tage eine große Rahe. Auf der Taierordnnng fleht ei» Antrag auf Wahi eme5 vierten Vizepräsi« deuten für die Dauer der gegenwärtigen Seision. Durch die Absplitterung der Kommunisten von den Un­abhängigen sind letztere an Zahl gerin er geworden, so daß sie eigentlich auf ihren Platz im Präsidium ver- zichtcn müßten, damit der bcre.utigte An-pruch der Deutschen Bolkepartei berücksichtigt werden kann. Da die Geschäftslage die Wahl eines weiteren Vizepräsi. denten erforderlich macht, wird der Antrag einstimmig angenommen. Zum vierten Vizepräsidenten wird Abz. Rretzer <D. Vp.I gewählt.

. DaS deutsch.tschecho» slowakische Nb! om» men bete. Ueberleitung der Rechtspflege im Huld» scdiner Lande wird ohne Aussprache in allen drei Lesungen angenommen. Es folgt die zweite Be- ratungdeSRachtragSzumNeichshaushaltk, plan (Beamtcnbesoldun en). Der Nachtrag wird in allen Lesungen nach kurzer Debatte angenommen. Der Entwurf der Ausfützrungsbestrmmungcn zum Besol­dungsgesetz wird dem Ausschuß überwiesen.

ES folgt die Beratung deS von den bürgerlichen Parteien uns den Sozialdemokraten gestellten Antrages über die Preissenkung für Druckpapier. Di« NeichSregierung soll umgehend die Ge'iehungSkostcn für Zellstoff, Holzstoff und Zeitungsdruckpapier feststellen und zur Prüfung der Preise einen Ausschuß einsetzen, der paritätisch aus Mitgliedern dcS Reichstage», deS Reichswirtschaftsrotes, Pe>trctern der Verleger und der beteitigten Industrien zusammengesetzt ist. Der Aus­schuß soll seitsetzen, inivreweit eine Preissenkung etwa durch Kartellmaßnahmen behindert wird. Ze>lungSdruck» papier soll weiter in die Tarijkiasse ti ein ereryt wer­den. Für die Monate April bis Juni 182t sollen je 6 Millionen Mark zur Verfügun i gestellt iverSen,

scheu Regierung folgendes, wie verlangt, zu erklären: Die deutsche Regierung :rt entschlossen

1 ohne Vorbchutt oder Bedmgimg ihre Derpfllch- tun gen, wie sie von der Reparationskommission fest- ^stellt sind, zu erfüllen,

2. ohne Borbehalt oder Vsdmgung die von der Repa- «itionsklmmüsswu hinsichtlich dieser Verpflichtungen vor ge­schrieben en Garantiemaßnahmen anzunrh. m e n und zu verwirklichen,

3. ohne Vorbehalt oder Verzug die Maßnahmen zur Abrüstung zu Lande, zu Wofler urö in der Luft aus- zusührsn, die ihr in der Note der alliierten Mächte vom 29 öamiar 1921 notifiziert worden sind, wobei die rück- ständigen sofort urti) die übrigen zu den vorgeschriebenen Zetten miszufühven sind,

4. ohne Vorbehalt oder Verzug Sie Aburteilung der Kriegsbeschuldigten durchzuführen und im übrigen unerfüllte, im ersten Teil der Note der alliierten Regierungen vom 5. Mai erwähnte Vertragsbestimmungen ouszuführen.

Ich bitte, die alliierten Mächte von Mefer Erklärung miverzWich in Kenntnis zu fetzen. gez. Wirth.

Dieselbe Note ist nach Paris, Rom, Brüssel und T o k i o gesandt worden.

Die deutsche Note cm Bestimmungsort.

Reuter meldet an? London, daß Lloyd George im Unterbause die Antwort der deutschen Regierung auf daS Ultimatum der Alliierten, die ihm vom teut'chen Botschafter Mittwoch vormittai 11,15 Uhr übergeben worden war, zur Verlesung brachte. Lloyd George sagte, er habe sofort allen beteiligten Regte» runoen telegraphiert und fügte hinzu, daß dies die vollständige Annahme aller Forderungen sei. (Lauter anhaltender Beifall.)

In Pari- übermittelte der Vorsitzende der deutschen Friedensdelegation, von MutiuS, im Namen des Reiches dem Ministerpräsidenten Briand den Text der deutschen Rote, mit der die Erklärung der Alliierten vom 5. Mai angenommen wird.

Was haben die Franzosen vor?

Wie der .Vorwärts auS Elberfeld meldet' nehmen dort die Borbereiiungen der Franzosen für einen Einmarsch in daS Ruhrgebiet weiteten größeren Umfangen. ES sind neue Truppen einqettoffen. Man ist allgemein der Ansicht, daß die Fran.o en marschieren werden. Die haben bereits kleine Patrouillen in daS unbesetzte Gebiet vorgeschoben.

Im Gegensatz zu dieser Meldung flehen Nach­richten ans Duiseldorf, denen zufolge die französische BesatzungSbehörde erklärt ha', daß die Vorbereitungen für den Vormarsch eingestellt werden sollen.

Nach einer Meldung de» ,V. T.' au» Karlsruhe haben die französischen Behörden in Mainz von der dortigen Eisenbahndirektivn gefoidert, 150 Eisen­bahnwagen auS dem unbesetzten Gebiet nach Mainz zusammenzuzieyen, wo' sie dann zu militärischen Lperationen gegen Deutschland ver­wandt werden sollen. TaS Babnboskpcr onal Hot sich geweigert, dem Ansinnen der Franzosen zu cnl- sprechen. ______________

den Anschluß an di-e posft'tve Mehrheit wieder finden will und finden wird.

Die auffälligste Erscheinung auf dem Gebiete der Koalition ist der Wiedereintritt der Mehrheits- sozialisten, die seit dem vorigen Sommer dn Schmollwinkel derwohlwollenden Neutralität" stan­den, und das vorläufige Ausscheiden der Deutschen Dolkspartei. Daß die Sozialdemokraten sich wieder zur verantwortlichen Teilnahme an der Arbest ent« schlossen haben, muß jeder mit Genugtuung begrüßen. Man hat gesagt, es könne wohl ohne, aber nicht gegen dis Sttzioldemokratie regiert werden. Wie man sich auch sonst zu dieser Partei stellen mag, es ist auf jeden Fall vorteilhaft, wenn ihre Mitwirkung die breiten Merken der sozialistisch gestimmten Arbei« terschaft anseuert zum Durchhalten in den kommenden Tagen, die gerade an die Einsicht, die Geduld und den Gemeinsirm der Arbeiterklasse schwere Anforderungen stellen wird.

Die Abseitsstellung der Deutschen Dolkspartei darf man wohl als einen augenblicklichen Zwischenfall be­trachten, da hervorragende Führer dieser Partei sich schon zum Iasagen entschlossen hatten. Alles in allem genommen ist die Gesamllage für eine Arbeitsgemein« sckost von der Deutschen Dolkspartei bis zu den Un« abhängmm hin g ü n st i g e r geworden Äs bisher für das Reich und für Preußen.

So kam, man zufrieden sein mit der Mn« düng, die in diesen kritischen Tagen eingetreten ist und die vor allem der Tatkraft unb dem Wagemut des Zentrums zu verdanken ist.

Die Reichstaqs-AbstimmunK über das Entente-Ultimatum.

Vas geschloffenenein* der Dentschualiooaleii und Kommunisten.

Das endgültige Ergebnis der nament- lichen Abstimmung des Reichstages über das Ulti­matum liegt nunmehr vor.

Danach sind abgegeben 396 Stimmen, wovon 3 un­gültig waren. Don den verbliebenen 393 gültigen Stimmen haben mitja* gestimmt 220, mitnein* 172 Abgeordnete. Der Stimme enthalten hat sich ein Abgeordneter. Gefehlt haben sonach 77 Abgeordnete.

Geschloffen mitja* gestimmt haben die Sozial­demokraten, die Unabhängigen und das Zentrum, bei dem sich ein Mitglied der Stimme enthalten hat. Ge­schloffen mttnein* gestimmt haben die Deutsch- nationalen und die Kommunisten. Mit nein* haben ferner gestimmt die Deutsch-Hanno­veraner.

Die Abstimmung bei den übrigen Parteien hat zu Spallungen bezw. Absplitterungen geführt. Don der Deutschen Volkspartei hat die Mehrhest mit nein* gestimmt, bagecen 6 Mitglieder mitja* und zwar der frühere Justizminister Heinze, der frühere Minister von Raumer, ferner die Abag. von Kardorff, Frau von Chetmb, Herr von Rheinbaben und Thiel.

Don den Demokraten höben 16 mitnein*, 17 mitja* gestimmt, davon u. a. die früheren Mi» nffter Dernbura, Gehler. Gothein, Koch. Schiffer, der frühere Botschafter in Washington Graf Bernstorff und der Vorsitzende der demokratischen Fraktion Dr. Pe­tersen. Die Bayerische Volkspartei hat mit 2 Aus­nahmen mitnein* gestimmt, mitja* die Abgg. Schirmer und Ponfchab.

Der Dorlianl der deukfcheu Annahme-Erklärung.

Dem deutschen Botschafter In London ist noch in der Rächt zum Mittwoch folgende Note zur Heber« mittlung an Lloyd George telegraphisch überfandt worden:

Auf Grmtd des Beschlusses des Reichstages bin ich beawrfrept. mit Beziehung auf die Ensichfleßung der allster- len Mächte vom 5. Mai 1921 namens der neuen deut-

Die neue Lage.

Was ist entschieden?

Die Annahme des Ultimatums, das vorläufige Halt M die französischen Marschtruppen, der persönliche "Wechsel im Reichskanzleramt, der Eintritt der Sozial­demokraten in die Koalition und in die Reichsregie- evng.

Was bietet noch zu regeln?

Die wirtschaftlichen und finanziellen Krafrloistun- sen Deutschlands zur Erfüllung der neuen Verbindlich­keiten, die Auffüllung des Ministeriums, die Festigung tmb Erweiterung der Koalition im Reiche, die ent- sprechende Auffrisch..ng der preußischen Landrsregie- ntng, die oberschlesische Frage.

Schon daraus ersieht man, daß wir zwar ein ge- fährsiches Vorgebirge überwunden Haden, aber noch nicht über den Berg sind. Schwere Sorgen und An- prengungen stehen uns noch bevor, bis wir das lang entbehrte Gefühl der Sicherheit wieder genießen können.

Das soll uns aber nicht abhalten, in der errungenen Atempause.frische Luft und neue Hoffnung zu schöpfen.

Mögen sonst die Ansichten über die jüngste Wendung der Dinge noch so sehr auseinandergehen, so muffen doch alle anerkennen, daß die Möglichkeit der Rettung uns noch geblieben ist. lieber den Grad der Wahrscheinlichkeit mag man streiten; auf jeden Fall ist die Rettung der Möglichkeit tröstlich, da wir «och nicht der Verzweiflung ausgefiefert sind, sondern noch die eigenen Hände regen können im Gedenken an das Dichterwort von den hohen Schicksalsmachten: Wer immer strebend sich bemüht, den können mir er­lösen!

Dürfen wir über Enttäuschung klagen? Wir ri$t, wohl aber die Kampfhähne auf der Gegenseite. Denen wäre die Ablehnung des Ultimatums erwünscht «kommen. Sie müffen sich wenigstens einen Aufschub der porbereiteten Heldentaten gefallen lassen. Sie werden so schnell als möglich ehre neue Gelegenheit fium Vormarsch zu schaffen und auszunützen suchen. Das ist eine andauernde Gefahr, die sich nur über« tcinben läßt durch eine kluge u nd vorsichtige Politik Deutschlands. Wir müffen einträchtig tmb beharrlich alles aufbieten, um den besseren Ele­menten auf der Gegenseite den Widerstand gegen die Kriegstreiber zu erleichtern.

Die Schwarzmaler sagen, die neue Reichsregierung lei ein überhastetes Erzeugnis der Not, die Mehrheit tm Reichstage fei nicht groß genug, dieneueRegie- rungskoalitlon fei nicht fest und breit genug. FrÄich fehlt noch manches, aber was jetzt dasteht, ist doch wohl geeignet zum Ausbau und zum Anbau. Der neue Reichskanzler Hai noch Plätze »ffen gehalten für tüchtige Mitarbeiter im Kabinett. Das ist kein Fehler, sondern ein Vorteil. Er und feine ferenmärtlgen Mitarbeiter sind zunächst in die Bresche «fpnmgen, damit eine Regierung zum unvermeidlichen Unterschreiben rechtzeitig vorhanden war. Soll es eine erfolgreiche Regierung der Ausführung werden, so kann die Vermehrung seiner fachmännischen und politischen Kräfte nicht sorgfältig genug betrieben werden.

Die parlamentarische Mehrheit von '4 6 Stimmen, auf die sich bi» neue Regierung bei dem ersten Vertrauensvotum stützen konnte, ist an- Shnkich genug. Sie wird bei werteren Proben noch artet werden können, da diesmal die Hälfte der De- «wkratifchen Partei noch mit Nein gestimmt hat, ob« schon ihre Fraktion in der Koalition bleibt und im Kabinett selbst vertreten ist. Ferner läßt die gemäßigte und reichsfteundlichr Sprache des Mn. Dr. Heim er­warten, daß auch die Bayerische Volkspartei

Tie KrisiS in Oberschlesien.

Lerond paktiert mll Äorfanky.

Rach EnlrntcMeldungen und Darstellungen aus pol­nischer Quell« hätten die Verhandlungen zw.che.r der Interalliierten Kommision und den pol­nischen Aufständischen zu der Aner­kennung der Korsanty-Linie als Demarka- tionslmie der Ausstandsbewegung geführt. Die inter­alliierte Kommission übernimmt demnach die Verant­wortung für die Oberaufsicht des Gebietes, die Auf- ständffchen erhalten jedoch die Kontrolle der Eisenbahn. DieDmiarkativnslinie verläuft nach der Polnischen Telsgraphenagentur längs dem Przewoz-Dziergowez, weiter westlich von Ujest, Eroß-Strehlitz, Liofoweka, entlang an der Grenze des Lublinitzer und Rosenberger

Kreises bl» zur Ortschaft Szlazezpin-Odleze. Dis französischen Truppen sollen sich nach diesem Ver­trage hinter die Demarkalionelinie zurückziehen. Der deutsche Bevollmächtigte ist angeroie» seu worden, umgehend von General Lerond bindende Erftälungen über die in ter Meldung mitgeteilteu Tatsachen zu verlangen.

Die Berliner Blätter sehen in dem Abkommen, das mit Korfanty angeblich abgeschlosien sein soll, einen Bruch des Friedensvertrages. Nach der Doff. Ztg.* machten sich die Vertreter der Alliierten in Oppeln durch diese Handlung der aktiven Begünsti­gung des Ausstandes schuldig, dessen sofortiges Auf- hören der Botschafterrat von der Warschauer Regie­rung so energisch verlangt. DieGermania" schreibt: Diese: Waffenstillstand und die Demarkationslinie -st das Werk Leronds. Das ganze Verhalten Seton.be während feiner oberschlesischen Regirru.igszeit zwingt zu dem Schluß, daß es sich hier um ein abgekar- etes Spiel zwischen Paris und War- djou handelt. DerVorwärts" betont, daß die in- eralliietie Kommission mit dem Abschluß dieser lieber- einkomniens sich in einen bewußten Gegensatz zu der offiziellen Politik der Enteni« setzt. Frankreich sucht offenbar, wie das Blatt jagt, eine vollende!« Tatsache zu schaffen. Was gedenkt Lloyd George nun zu tun?

Aus Dem besetzten Gebiet.

Reine geheimen Korrespondenzen. Der französische kommandierende General hat noch derKöln. Ztg* die Versendung von Korrespondenz jeder Sri auf einem anderen a's dem gewöhnlichen Postweg ftoeng verboten. Verstöße gegen das Verbot werden be­straft und können vor ein Kriegsgericht führen.

Stochnaen im süterrerkthr Dre 'j-uetnuiieii Köln und Mainz haben wegen erneuter berrieblrcher Schwierig­keiten infolge der Zollkontrolle und der derzeitigen Truppentransporte einschneidende Annahmcsperrcn für Eil- und Frachtgüter an,geordnet.

Verantwortlich für den teoauioneUen Teil: Karl Schürte, - für die Anzeigen: i V«r zeiier-Fuioa. u Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Attiendruckerei In Fulda, ikernigrecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung

Der Mng der Nuramrrja.

V Roman von Käte van Beeker.

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Aufrecht in einem alten, hochlehnigen Stuhl sitzend, die Hände im Schoß gefaltet und jetzt mit den blaffen, Aaren Augen wie in wette Fernen blickend, sah sie wirk­lich aus wie eine Norne, eine dieser Welt entrückte Sehe­rin. Schweigend hatte der Enkel vor ihr Platz genom- bnen und wartete, daß sie anfangen sollte zu sprechen. Er selbst fand keine Worte; ihn ergriff die Schwere der Stunde dieses voraussichtlich letzten Zusammenseins mit der Letzten seines Geschlechts, der Einzigen, die Berich­ten konnte und wollte von denen, die vor ihm waren, !wrd deren geistiger und körperlicher Erbe zu sein er tnle so gefühlt hatte wie beute, wie vor dieser alten, schweigenden Frau.

Jetzt wandte diese ihren Blick aus den Fernen ihres Sinnens fort, wieder zu ihm hinüber.Blut ist schwerer als Wasser, und Blut verleugnet sich nicht,* sagte sie leise und nickte mit dem weißen Kopfe.Du bist we­nigstens äußerlich ein echter Sesenburg. So sahen sie 'alle aus, groß, schlank, blond und schön, ein gesundes, ein blühendes Geschlecht. Vier Geschlechter sah ich mit .mir wandern, drei sah ich vor mir hjnfterben, alle jung, alle* ein leises Stöhnen kam aus der alten Brust alle hat ihr Schicksal gefaßt Vielleicht ist es nicht gut, daß ich mit Dir davon rede. Deine Mutter hat es nicht gewollt; sie nannte mich damals, als ich es ihr sagte, eine unheilkündende Kassandra, eine, die mit ihren wis­senden Worten das Schicksal heranzwänge, und sie oer- tot mir. Deinen jungen, frohen Sinn damit zu bc- schweren. Daher kam es zwischen uns zu keinem Der. Jtänbnls. Sie war eben nie eine echte Sesenburg, sie Ste nichts von Ueberlieftrungen, nichts von Familien«

_ Stammesschicksalen. 34 W- ihren Willen geehrt, "solange sie lebte und über ihren Tod hinaus. Ich ließ Dich deshalb nicht mehr zu mir kommen, obwohl mein altes Herz und Auge oft nach dem Anblick d-ffen ge- barbt hat, der Erbe und Erhalter meines Geschlechts (ein hallte*

Ergriffen legte Hans Heinrich seine warmen Fmger lut bil frfte rseiße Greisenhand.Hättest Du mir nur Wn r;r ; - Hink gegeben, mtt tausend Freuden wäre

ich gekommen. Sht bist sa die einzige, die noch von Vater, Seite zu mir gehört* Sie nickte [elfe mit dem Kopf.Ja, die einzige, die letzte. Die Frauen von Sesenburg waren immer langlebiger als ihre Männer. Seit zweihundert Jahren haben sie alle ihre Eheherren überlebt Es ist das Schicksal der Manneslinie Sefen- burg, jung zu sterben* t

In diese Worte hineinkkingend wieder ein [eifer Wchelaut, der sich beklemmend auf die Brust des Zu­hörers legte. Er hatte heute noch dasselbe gebaut aber die eben klar ausgesprochene Bestätigung dieses Gedan­kens erschreckte ihn nun doch.Ja,* sagte er mechanisch, »aCe stmg*.Und keiner eines natürlichen Todes.* Schwer und langsam fielen die Worte aus dem Munde der Greisin. Hans Heinrich fuhr entsetzt empor.Keiner eines natürlichen Todes? Auch mein Vater?*

Blltzfchnell fuhren hundert Gedanken durch seinen Kopf. Hatte er jemals erfahren, woran sein Vater ge. storben war? Rein, niet Die Mutter hatte ihm gesagt, daß er jung starb, aber ob er jemals gefragt hatte, wie und warum, deffen konnte er sich nicht entsinnen. Auf keinen Fall war ihm eine Antwort geworden, wie die Worte der alten Frau sie jetzt ahnen ließen. Mein Va­ter!" wiederholte er fassungslos.

Die blauen Augen ruhten ernst und still auf ihm. Auch Dein Later nicht. Sie, Deine Mutter, wollte nicht, daß Du es erführst, solange Du jung und ver­ständnislos warst. Vielleicht hätte sie später mtt Dir darüber gesprochen: ich weiß es nicht. Aber ich meine, daß es nun Seit ist*Ja, ja, es ist Zeit, ich muß es wiflen. Wie traf meinen Vater der Tod?* Auf- geregt, in fiebernder Hast, stieß er die Frage hervor.

Die Finger der Ahne legten sich fest um die seinen. Ruhe, mein Kind! Ein Mann, ent Sesenburg muß stark sein, denn das Leben legt ihm Lasten auf. di« er nur tragen kann, wenn feine Seele ihr Gleichgewicht zu bewahren weiß. Dein Vater fiel im Zweikampf. Still, frage nicht, ich antworte auch ohnedies. 3a, es war um Deiner Mutter willen, aber sie steht schuldlos darüber. Ein hochmütiger Narr, ein unwürdiger Stan- deszenoffe hatte im Rausch Deines Vaters Gattin eine Krämcrstochier genannt, die, sich mtt ihrem Golde den Weg In ein stolzes, unversehrtes Adelsgeschsiecht ge. pflavert habe. Dein Vater liebte seine Frau, liebte sie

um ihrer selbst willen. Ein Sesenburg hat nie um Gold gefreit, nie mit kalter Vernunft gewählt, sonst wäre vielleicht vieles anders geworden. Er wollte solch schmachvollen Vorwurf nicht auf sich ruhen, nicht die Familienehre feiner Frau beflecken lasten. Er fiel Sein Gegner, der Deine Mutter auch geliebt hatte, schoß sich später eine Kugel durch den Kopf. Zwei Opfer für eine Idee! Aber es ist oft nur eine Sbee, für die man Opfer bringt und stirbt!*

Hans Heinrich atmete schwer. Ein Vorhang war vor seinen Augen gerissen; er verstand plötzlich seine Mutter in allem, was sie bei seiner Erziehung getan, weshalb sie den Sinn für seine Familie und den Stolz auf diese so wenig geweckt hatte, so vieles in ihm in andere Lahnen lenkte als feine Geburt sie ihm wie». Meine arme Muttert*

Alle», was er fühlte, lag in diesem Ausruf, Er dachte nicht seine, Vater», der für eine Idee gestorben war; die (Erinnerung an dem Vater lag ihm zu fern. Er dachte nur feiner Mutter, die stolz und still über Leid und Schmach hingeschritten und sich gezwungen hatte, vor ihm ihren Schmerz zu verschließen, ihm mit gewiß oft nur schwer erkämpftem Frohsinn die Jugend zu vergolden und glücklich zu gestalten.Meine arme MutterI"Sie hat gelitten, wie die Frauen der Selen­burg alle gelitten. Es war ihr Schicksal. Wer sich einem Sesenburg verbindet; muß leiden.*

Der Letzte der Sesenburg schauerte unwillkürllch zu» sammen. Seine Mutter hatte recht gehabt; eine un­heilkündende Kassandra war diese alte Frau, die jetzt seine Finger losließ, sich noch gerader als vorher auf. setzte und mit ihrer leisen, durchdringenden Stimme fortsuhr:Eine Frau hat den Fluch über unser Ge. schlecht gesprochen, eine Frau soll ihn, der Sage nach, wieder lösen. Aber bis jetzt fand sich diese Frau noch nicht. Vielleicht ist es der, die Du erwählst, vorbehal­ten, den alten Fluch zu lösen. Aber eine schwarze muß es fein, eine schwarze, und die Sefenburger haben dar immer verlacht, haben immer die blonden geliebt und gewählt und unglücklich gemocht*

Nun mußte Hans Heinrich trotz der ihn eben noch durchzitternden Ergriffenheit doch in sich hineinlächeln. Fluch und Sage das deckt« sich in seinem Empfinden, und bas eine nahm dem andern da» Schreckni.« Er

glaubt« nicht an unheilbringende Flüche; sie geb e» nur noch in Romanen, fast mehr nur noch in Sagen ober in Schicksalstragödien; und die hatten sich auch überlebt.

Die bedrückende Spannung und Erwartung in ihm wollte sich lösen; aber da fuhr die Ahne fort:Gott segne die Frauen von Sesenburg, ihnen blühten schöne, gesunde Knaben. Silber sie starben alle, bevor sie in die Jahre der Mannbarkeit tarnen alle bis auf einen, der aufbewahrt blieb, um den Fluch zu tragen und zu vererben. Vier schöne stolze Knaben habe ich begraben; eine Seuche raffte zwei dahin, der dritte stürzte mit dem Pferde, den vierten traf der Blitz. Ich gab sie Gott zurück, weil er sie nahm. Der letzte. Dein Groß-! oater, hob gegen Gottes Willen den dunklen Vorhang zur Ewigkeit, er erschoß sich, fünfunddreißig Jahre alt; er liebte eines anderen Frau und ging mit dieser in den Tod.* i

Han» Heinrich flüchtiges Lächeln war erstorben. Er faß den Tod hinter den Männern seiner Familie schrei, ten, sah die Knochenhand, die in blühendes Leben griff, fühlte den Hauch sündiger Leidenschaft über sich hin. wehen und erbleichte.

Und die kleine, durchdringende Stimme neben ihm sprach weiter:Sein Vater, mein Gatte, erlebte bas nicht mehr, ihn zogen acht starre, kleine Kinderhände In das Totenreich. Sein Geist umdüsterte sich. Dom allen, grauen Turm, in dem das Unheil begann, stürzte er sich herab. Wir fanden ihn tot, den Kopf an einem Stein zerschellt. Es Ist lange her, lange, meine Tränen sind versiegt. Damals sind sie geflossen, damals lernte ich glauben, was ich verlacht hatte, als ich jung und froh eine Sesenburg wurde, und was die Großmutter meines Mannes mir warnend erzählte, ehe ich das Weib des letzten ihrer drei Söhne wurde. Sie hatte auch einst gelacht und es nicht glauben wollen, auch Deine Mutter nicht, als ich vom Fluch der fremben Frau sprach; alle haben wir gelacht, und f-^Gtcr diese» Lachen mit tausend Tränen bezahlen müffen. Keine von uns blonden Frauen der Sesenburg hat eine Toch­ter geboren, nur Söhne waren uns beschieden, dem frühen Tode geweihte Söhne, die trauernde Witwen hinterließen.*

(Fortsetzung folgt)