Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.
48. Zatzrg.
Dienstag, 10. Mai 1921
Nr. |06
bejugspreis: Monailich 3,00 Alt. ohneZusteUgeduhr. In gu.bo bei uns adgehoU 3,15 All. Anzeigenpreis: Die St le in je ile (CsisnelmaR) 63 pfg_ u. 10*»ZuiÄiag, die AeklarnezeUe (Tedbreite) 1.80 Elf, u. 10*-» Zuilbl ;. Del Wiederhol. Rabatt.'
AuS dem befehlen Gebiet.
• zraiiMsche SedeuLtase. Dar französische Militär int besetzten yleuict be.nna am SamSta;; un) Sonntag die Erinnerung an den Sieg der Jungfrau von Orleans, Scanne d' Arcs, (1429) über die Engländer eine Reihe ttrchUchcr und militärischer Aestlichleiten. Än verschiedenen Orten nahmen die OrtSfomnuuK'anien die AiiSzeichnung von Offizieren und Mannschaftei, durch Orden vor. ______
herrschten, die über dem allgemeinen Volke standen. Daß er daran bis jetzt so selten gedacht hatte! Hoch'teirs, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse es ihm bewiesen, wenn sich ihm Pforten öffneten, di» anderen verschlossen blie. den, wenn seiner Eitelkeit damit geschmeichelt wurde.
Unglaublich, daß ihm bas erst heute aufging, hier im Angesicht des alten Sitzes, den sein» Ureltern erbaut, und auf dem die Schicksale seines Geschlechts stch abgespielt hatten. Vielleicht hatte die alte Frau dort oben, die heute zu ihm sprechen wollte, es immer gefühlt, datz seine Mutter und er von anderer Art waren, vielleicht deshalb sich so kalt und ablehnend gegen sie beide Der. halten. Seine Muller war das bürgerlich, Reis ge, wesen, das dem adligen, alten Stamm aufgepfropft wurde. ' .
Es war rote ein Zauber, der sich um fein sonstiges Empfinden legte und ihn umspann mit einem heimlichen Wohlgesühl und Stolz, hier auf einem Grund und Bo- den zu wandeln, auf dem vor ihm diejenlzen wandelten und wirkten, deren Blut in seinen Adern floß. Ein altes, stolzes Geschlecht, und er ein Sprosse desselben, der letzte, vielleicht einer, der nicht mehr ganz in den Rahmen paßte, in dem manches lebte, was ihnen fremd und widerstrebend gewesen, aber doch einer der Ihren, von ihren körperlichen und geistigen lleberlieferungen abhängig und verpflichtet, ihr Wappenschild hochzu- halten.
So wogten Gedanken und Gefühle, die er sonst nicht gekannt, durch sein, Seele, während er langsam über die grasbewucherten, verwachsenen Gänge des Parkes schritt und die frische, duftige Morgenluft einatmete. Das Wandern durch diese heimliche Wildnis war von einem ganz besonderen Reiz. Ein Hauch von Poesie und Romantik lag über dem alten vom Frühling mit tausend jungen Schönheiten geschmückten Stückchen Erde; der kleine, dunkle Deich war von einem Kranz gelbblühen, der Wasserlilien umsäumt, über ihm steckten die licht, grünen Kastanien ihre sto'zen Kerzen auf, und der blühende Fliederbusch dort am Wege legte seine duftigen Trauben schmeichelnd um den schlanken Körper euer kopflosen Göttin, auf deren aurgestreckrem Arm ein klei- ner, bunter Fink sorglos und selia sein Lieberliedchen Ul Vv Welt jubelt, ZÄodUfauna
Der iUng der Nuramüja.
’ : Roman von Rät« oan Beeker.
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Ihrem Insassen blieb vollkommen Seit,« über die Ahnfrau, deren Leben, wie Johann sagte, nur noch durch Ihren starken Willen aufrechterhalten wurde, nachzudenken, denn der behagllche Trab der Gäule änderte sich nicht um eines Atemzuge» Länge, und als sie endlich mit hartem Huffchlag jn den gepflasterten großen Schloß' Hof einfuhren, war die nervöse Ungeduld Han» Heinrichs gerade auf den Siedepunkt geraten und hätte ihn im nächsten Augenblick veranlaßt, in die Nachtluft hinauszu- Ipringen und mit eigener Kraft feine Ankunft im Schloß etwa, zu beschleunigen.
Die Nacht in dem fremden, dumpfigen Zimmer, des. sen massive, kostbare Einrichtung zwar den Liebhaber alter Möbel in ihm entzückte, aber durch die Schwere und Dunkelheit und durch den eigentümlichen Hauch be. deutsamer Vergangenheit doch bedrückend auf ihn wirkt- war unruhig und von seltsamen Träumen gequält, die alle so schemenhaft durch seinen Schlummer zogen, daß er beim Erwachen nichts anderes von ihnen festhalten konnte, al» einen Druck auf feiner Stimmung.
Der Baron war zeitiger als sonst aufgestanden, und da Johann, der ihm das Frühstück brachte, die Botschaft au»richtete, daß die Ahne ihn nicht vor elf Uhr zu fpre« chen wünsche, dehnten sich mehrere Stunden beschäfti- gungslosen Wartens vor ihm. Mißmutig trat er an das große Bogenfenster feine» Schlafzimmer». Es führte auf den Park hinaus, der im ersten Schmuck jungen Frühlingsgrünr zu ihm heraufgrüßte. Hinter ihm, in blauem Dunst verschwindend, sanft geschwungene Ge- birgrlinien. Wie lieblich das anmutete! Eigentlich lag das alte Eulennest viel schöner. ale Groß-Riedenhau- Jen; c» lockte geradezu, sich in die grüne Wildnis dort Unten hineinzustürzen. Er sah nach der Uhr, nahm sei- «n fiut und begab sich auf den W.g nach dem Park.
Die alte Treppe ächzte dumpf unter seinem Tritt. War es die richtige ober hätte er den langen Gang weiter »erfolgen und eine andere benutzen sollen? Un« ^aublich! Ex wußte im Hause leivex Väter weniger
VerantwortItd; iür Den itoaufcnellen Teil: Karl Schütte, - iür die Anzeigen: I. ParzeUer-Fuida. s Rotationsdruck n. Serien der Fuldaer lictienbiaäerei in Fulda. Sernipretber Rr. 0. Teleat.-ilbr«rfe: Fuldaer Zeitung
Wenn wir annehme« . . .
Nack der Frankfurter Zeitung hat die ^Reparation!» kommission auf Anfrage müteUen lassen, datz die im Anjchiutz an die Londoner Konferenz verhängten Sanktionen aufgehoben werden sollen, vor allen auch die Rbeinzollgren'.e und die Exportabgabe, wenn Deutschland da» Ultimatum annimmt.
Ein hoffnungsloser Hilferuf.
Wie der „Bolwörts" mineiit, bat der Vorstand des Sllge m einen deutsche« Gewerkschafts» bu ndes an den internationalen Gewerk- schaftsbund in Amsterdam nachstehendes Telegramm cer reblet:
.Nach Kenntnisnahme deS Londoner Ultimatums tv'ederlo cn wir nochmal» vor der Welt unseren energischen Protest geaen die beabsichtigte Lerftlavung der Arbetterfichast Deutschlands durch den internationalen ,Kapitalismus. Weil gegen militärische Gewalt selber bilflo», erwarten wir vom internationalen Bund die Aufforderung zur Abwehr an di, Arbeiter der Entente- länger.*
Dieser Schritt ist geivih nicht zu tadeln; leider ist nur, wie di» Erfahrung lehrt, die richtige Antwort, vor allen Dingen eine enliprechende Tat dcr Mitglieder der Internationale in den Enieuleiändern kaum zu erwarten.
Amerika wieder in der ReParationrksmmission.
Ter Amerikaner Boyden wird wieder in der Reparationekomm ssion erscheinen und an den Beratungen als offiziöser Vertreter der Negierung der Vereinigten Staaten teilnehrnen.
Vrkand über Oberschlesien.
DK französische Regierung hat auf die deutsche Nvle bezüglich Oberschlesiens unter dem 7. Mai folgende Antwort erteilt:
Herr Geschäftsträger! Ich habe die Ehre, den Empfang Ihres Briefe» vom 6. Mai 1913 zu bestätigen, durch den Sie die Güte hatten, von den ernsthaften Unruhen mir Mitteilung zu machen, die in Oberschlesien entstanden sind und anfragten, ob die interalliierten Besatzunas- truppen imstande seien, die Ordnung wiederherzustellen, und mir zur Kenntn!» brachten, daß die deutsche Regie, rung bereit fei, jede verlangte Hilfe zu lei« st e n. Ich beehre mich. Ihnen mitzuteilen, daß die übermittelten Meldungen aus deutscher Quelle in tenben- ziöser Weise die im übrigen bedauerlichen Vor- g ä n g e darstellen, die sich in einem Teile des ober- schlesischen Äbsttrnmungsgebietce xugetragen haben. Der Grund ber Unruhen ist ohne Zweifel zu suchen in den aus deutscher Quelle veröffentlichten Nachrichttn, die un. zvtreffenderweise meldeten, daß die Alliierten sich ent« schieden hätten, den größten Teil des Industrie- und Berawerksgebietes Deutschland zuzuteilen. Diese falsche Meldung hat den Aufstand der Insurgenten entfesselt. Wie dem auch fei — die interalliierte Kommission, die mit der Verwaltung des Abstimmungsgebietes beauftragt ist, hat in einmütiger UebereinRimmunq die energischsten Maßregeln zur schnellen Wiederherstellung der Ordnung und zur Wiederherstellung der Sicherheit der Einwohner aller Nationalitäten, die im Abstimmungs. gebiet leben, getroffen. Die alliierten Truppen haben voll ihre Pflicht getan. Die jetzt einlaufenden Meldun. gen lassen die Besserung der Lage in den wichtigsten Zentren der Grubenreviere seststelken. Die Interalliierte Kommsssion hat an Ort und Stelle die notwendigen Rekrutierungrmaßnahmen angeordnet, um die Lücken wieder auszufüllen, die in der Polizei durch Abgang polnischer Elemente entstanden sind, und dadurch der Bevölkerung die Beruhigung verschafft, die sie wünscht. Bon irgend einer der Interalliierten Kommission für Oberschlesien von außerhalb zu leistenden H'lfe kmm nicht die Rede sein. Genehmigen Sie, Herr Geschäft», träger, die Versicherung vorzüglicher Hochachtung.
(gez.) Driand.
Dl« Darstellung her Note der französischen Regierung zeigt, daß man in Frankreich die wahre Lage Oberschlesiens nicht sehen will. Der Vorwurf der ten- tenziösen Berichterstattung ist ebenso haltlos wie die
Annahme, der Grund der Unruhen sei ohne Zweise! m den aus deutscher Quelle veröffentlichten Nach- richten zu suchen. Es wird festgestellt, daß von kei- nerdeutschenStelleund von keiner deut- sch en Zeitung vor dem 1. Mai eine Meldung veröffentlicht worden ist, wie sie die polnische „Ober- schlesische Grenzzeitung" veröffentlichte. Es wird wei- ter festgcstellt, daß eine Besserung der Lage in Oberschlesien leider nicht eingetreten ist. Kor- fauch ist nach wie vor Herr der Lage; nach wie vor [fegt das wirtschaftliche Leben in Oberschlesien darnieder; nach wie vor ist die deutschgesmnte Bevölkerung im größten Teil des Gebiets schutzlos den Dedrohun- Gcn der Aufständischen ausgesetzt. Im übrigen zeigt die Note, daß man in Frankreich jedes Eingreisea Deutschlands zur Besserung der Laxe ablehnt.
Die Lage im Anruhegebiek.
Die Lag« im Aufstandsgebiet muß nach wie t)oi als äußerst e r n st angesehen werden. In Ladaud und Hindenburg sind wiederum Verhaftungen zahlreicher deutschgesinnter Personen durch die Aufständi« scheu erfolgt. Der Bahnhof Kanderzin wurde infolge der zähen Verteidigung durch italienische Truppen bisher nicht besetzt. Dagegen fielen die Bahnhöfe in Leschnitz und Thule in die Hände der Aufständischen.
In Oppeln kam es zu einem bedauerlichen Vorfall. Ein von der Abstimmungspoli- zei festgenommener Pole wurde auf dem Transport von der erregten Menge vor dem Bahnhof tätlich angegriffen. Ais er die französische Patrouille um Hilfe anries und sich als Pole zu erkennen gab, machten die Franzosen von ihren Schußwaffen Gebrauch und feuerten in die Menge. Eine Person wurde getötet und drei schwer verwundet.
Der de u t! ch e Ge> chöft sträger in Warschau hat in einem Schreiben an die polnische Regierung Protest eingelegt gegen die Solidan- tätSerkläiung polnischer Beamter mit den Aufständischen.
Deutscher Dank an Italien.
Wie das ,B. %.* mittelst, hat ReichKminister Dr. SimonS dem italienischen Botschafter Frassati den Dank der deutschen Regierung zu der Haltung der italienischen Truppen in Oberschlesien ausgesprochen, damit ihn dieser der italienische» Negierung übermittelt.
Preußischer Landtag.
Ausbruch kommunistischen Religionshasses.
Der erste Verhandlungssegenficmid der Montag»« fitzung des preußischen Landtages betraf die Erhöhung der Gehälter für die Geistliche» Di« sämtlichen Anträge zu diesem Kapitel, die vom Abg. Dr. Porsch und seinen Freunden sowie von der deutsch- nationalen Volkspartei gestellt waren, hatten bereits Die verfassunggebende preußische LMtesversanmilung beschäftigt. Sie hätten bereits am vergangenen Samstag ihre Erledigung gefunden, wenn nicht der kommunistische Terror jeßtidje Arbeit des Landtages fabottiert hätte.
Zunächst tarnen die Gegner der Anträge zu Wort. Der Mehrheitssoziolist KLntg-Swinemünde sprach sich gegen die Anträge aus, du sie nicht geeignet seien, Die in der Reichs- osrfassmig vorgesehene Ablösung der Kirche vom Staat zü fördern. Hatte der Mehrhoitssoziaiist mir sachlich gesprochen, so machte der Unabhängige Leid schon mehr seinem Herzen Luft. Die Auffassung seiner Freunde gche dahin, daß für kirchliche Zwecke nichts aus staatlichen Mitteln chewMgt werde. Den Gipfelpunkt satanischen Hasses gegen alles Kirchliche und Religiöse bildete Me Rede des Kommunisten Schultz-Neukölln. Früher betrachtete es Adolf Hoffmann als fein Vorrecht, den kommunistischen Standpunkt zu Kultursragen und was damit zusammenhängt darzulegen. Er hat mit seinen Reden manchen Abgeordneten wie auch den Tribönenbe- suchern oft das Blut in Wallung gebracht. Sein Schüler Schultz scheint den Meister hierin noch übertreffen zu wol- wollen. Was er sich vom Rednerpult de» Landtags au» gegen hohe und höchste Würdenträger an Beleidigungen und Verunglimpfungen leistete, hätte ihm in einer 25er« fainntiimg auf dem Lande, wo noch christliches Denken rmd Fühlen zu Hause ist, sicher eine verdiente Tracht Prügel eingebracht. Im Hause regnete es nur stürmische Pfuirufe, mancher m Ehren ergraute Abgeordnete konnte einen wütenden Zuruf wie „Lümmel" und „Rüpel" nicht unterdrücken. Zweimal wurde dieses neue kommunistische Pslänzlein vom Präsidenten Seiner! zur Ordnung gerufen, was der Unverfrorene mit der Bemerkung quittierte „Auf Ihre Ordnungsrufe pfeife ich." Gottlob hat jeder, auch der kommumstifche Redner, einmal das Bedürfnis, wieder auf; chören. Dem Abg. Schultz meinte niemand eine Träne nach, als er nach 21 Metern feiner giftgeschwollenen Rede Deckung bei den Semiren suchte, die ihn mit banalem Lächeln beglückwünschten. Die Komnnmisten hatten na- mentliche Abstimmung übet die Anträge beantragt, die auf morgen verschoben wurde.
Eine große Anfrage der Abgg. Kloft-Effen und Genossen über die Einfuhr holländischer Speise» kartossekn für die Bevölkerung im rheinisch-westfälischen 3nbuftriegebtet konnte nicht beantwortet werden, da der betreffende Regierungsvertreter durch Abwesenheit glänzte.
Im Verfolg der Anträge des Abg. Conrabt (Dtt.s übet die Wohnungsnot entwickelte sich eine lebhafte Aus- spräche über das zwar schon oft besprochene, aber leider immer noch nicht gelöste Wohnungsproblem. Vom Zentrum nahm zu dieser Frage der Abg. kökhenbürger da» Wort. Redner befürwortet als einzig wirksames Mittel wt Behebung der Wohnungsnot den Bau von neuen Wohnungen. Er liege nicht nur im volkswirtschaftlichen, fordern auch im Interesse der vielen Arbeitslosen und des Handwerk». Staatssekretär Veldl wi-'s u. a. darauf hm, daß im Jahre 1921 550 Millionen Mark bereits für Baukostenzuschüsse ausgegeben worden seien. Hierfür feien 20—25 000 Wohnungen heraesiellt wachen. Aber schon in Friedensiahren habe Deutschland einen Bedarf von jährlich 180—200 000 neuen Wohnungen gehabt. All» Echwiert-ck«.^ •är' icn nur behoben werden durch Wieder,
Bescheid, al» in jeder beliebigen Großstadimietskaserne. Er fiel ihm beinahe beschämend auf die Seele, daß er so wenig, nein, eigentlich nicht» von diesem Stammsitz seiner Familie kannte, auch kaum von ihren Ueberlit» ferungen. Seine Mutter war jeder Frage danach, jeder Regung zu einem Studium seiner Familiengeschichte, da» doch eigentlich sehr nahe gelegen hätte, schroff ent. gegengetreten.
„Laß die alten Geschichten, mein Qungtl Du bist ein Kind der neuen Zett; für Dich gibt es tausenderlei andere und reicher lohnende Studien all diese. Da» liegt daran, wie ein alter ©efenburger lebte, gegen die Türken zog ober seine Scholle bebaute? Es waren ehrenwerte, tüchtige Leute, Deine Vorfahren, das glaube ich gerne, aber bodenlos uninteressant, aß sie in ihren Gräbern ruhen, ohne über sie nachzudenken. Komm, hier habe ich ein gutes Buch, und nachher musizicren wir und plaudern, oder wir tun die» und da», was in die Gegenwart und in unser Leben paßt."
Wenn er jetzt daran dachte, wollte e» ihm fast scheinen, al, hätte sie ihn absichtlich von jedem Interesse, jeder Forschung über seine Familie fernhalten wollen. Da» war ihr auch sehr leicht gemach» worden, da sie die einzige war, die selbst Interesse dafür haben und sein Interesse daran pflegen konnte, und da sie das so gar nicht tat, war bas seine allmählich auch erloschen. Er war wirklich ein Kind der neuen Zeit und von seiner Mutter ganz al» solches erzogen worden. Auch als sie starb und er unter Vormundschaft und Obhut eine» ihrer wenigen Verwandten tarn, änderte sich da» nicht. Der Onkel Kommerzienrat sorgte musterhaft für die Verwaltung seine» Vermögen» und für jede Notwen. bigtelt und Bequemlichkeit seine» Leben, und Studium», aber ihm ging ebenso, wie Han» Heinrichs Mut. ter jeder Sinn für Familienforschungen und Familiengeschichte ab — wie Han» Heinrich in diesem Augenblick halb grollend, halb lächelnd dachte, weil er selbst sich aus kleinen Verhältnissen emporgearbeitet hatte und von seinen Vorfahren nicht» mußt«, was seiner jetzigen Sage irgendwie zum Nutzen und zur Hebung dienen konnte.
Das war ein anderes Ding mit ihm. Seine Dor- ; fahren gehörten den ältesten Geschlechtern des Lande» * an. sie zählten feit Jahrhunderten zu denen, dir da
derzukaufen. Durch den Aufschlag wird bi e deutsche Kohle nahezu ein« lOOprozentige Preissteigerung erfahren. Damit wird di» innerdeutsch, Industrie auf» allerschwerste getroffen, ganz« Industrie- zweige werden allmählich zum Erliegen kommen. Man darf auch nicht vergessen, daß mit einer Besetzung de» Ruhrgebirtes beinahe unser« gesamten Hüttenwerke in den Machtbereich außerdeutscher Industrien gelangen werden. Eine neue Hunger- blockade, eine ungeheure Arbeitslosigkeit, irrroer- weibliche Teuerung und neue Anschläge gegen die Ein- heit des deulschen Reiches, nicht zuletzt aber mich schwer« innere Unruhen sind die kaum zu beseitigenden Folgen der Unterschreibung.
Es ist sicher mehr als Zufall, daß gleichzeitig mit der Entscheidung über das Ruhrindustriegebiet auch diejenige über Oberschi esien gefällt wer- den soll. Niemals seitdem wir die Waffen niedergelegt haben, hat sich die gerne Hohlheit der Entente- Politik in so erschreckendem Maße gezeigt, wie bei den oberschlesischen Vorgängen der letzten Tage. Wahrend man auf der einen Seite das letzte aus ums heraus- pressen möchte, wagt man auf der anderen Seite un» unsere rechtmäßigen Hilfsquellen mehr und mehr zu bc schneiden. Obschon sich die interalliierte Kommission in ihrer Ohnmacht nicht scheute, Angehörige de» wehrlos gemachten deutschen Reiches zur Verteidigung des obrrschlesifchen Bodens gegen polnische Banden aufzurufen, entblödet sich der General Le Rand-, ber Ver- freier der glorreichen Nation nicht, dem Obersten Rate einen Bericht zugeherr zu lassen, in dem er sich für Polen einsetzt. Niemals sind die wahren politischen Instinkte Frankreichs so offenbar geworden, wie unter dem Regime des Vielschwätzers Briand.
Noch sind dis Würfel über Obcrfchleflrn nicht gefallen. Wenn unsere Politiker ihr folgenschweres Votum als Antwort auf da» Londoner Ultimatum abgeben, werden sie sich vorher noch einsral den engen Zusammenhang zwischen Oberschlesien und der deutschen Industrie auf der einen wie auch des oberschlesischen Erbiete» und der RcparationsfraKe auf der anderen Seite vergegenwärtigen müssen.
Zwischen Ja und Nein.
$ie Beratungen der Fraktionen in Berlin sind am Sonntag und Montag fortgesetzt worden. Bei der Schwere der Verantwortung, welche die Fraktionen der Reichstage« in der Entscheidung über das Ultimatum der Entente zu tragen haben, ist ei nur zu verständlich, wenn die Frage sorgfältigst nach allen Seiten bitt erwogen wirb.
Von offiziöser Parieiseite wird die Behauptung zurückgewiesen, daß die Zentrumspartei bereits eine zustimmende Haltung zu dem Ultimatum einnehme. Es wird erklärt, daß das Zemrum eine endgültige Entscheidung noch nicht getroffen habe.
Dagegen haben sich die Mehrheitssozialisten jetzr sestgelegt. Sie haben sich für die Annahme der Ul imatum8 entschieven. Llnkerer'eitS bat sich nach ZeitungSmelbungen die Deutsche BolkS- partei auf den Standpunkt gestellt, daß die Partei die Annahme der Ultimatums ablednen müsse. Man spricht davon, daß jetzt eine linksgerichtete Regierung mit Einschluß ocS Zentrum» kommen werde. AI» sozialistischer Reichskanzler wurde der jetzige Präsident deS Reichstags Löb» genannt. Da- sind natürlich Phantasien!
Am Montag mittag hat eine interfraktionelle Sitzung der Mehrheitsparteien stattgefunden, in der der Außenminister Dr. Simons, der Vorsitzende der deutschen Wiedergutmachungskommission in Paris, Staatssekretär Bergmann und ber deutsche Botschafter in Paris Dr. Mayer wertvolle Auskunft über wssemttche Fragen gaben. Da die Gesamlsiiuation eine sichtbare Klärung noch nicht gebracht hat, so trat der Reichstag am Momag zu Verhandlungen in einer Vollsitzung nicht zusammen. Er ist auf DienStag nachm. eingerufen.
Kritische Stunden.
Rur noch wenige Tage trennen uns von dem für da» deutsche Schicksal emscheidungsvollen Tage des 12. Mai. Seit dem August 1014 hat das dAiffche ^olk, abgesehen von den Novembertagen dos Lahres 1918, keine so folgenschwere Entscheidungen zu fällen gehabt, wie sie der deutsche Reichsiag in den nächsten Stunden zu treffen haben wird. Die äußerst weitgehende und in ihren Folgen unabsehbare Tragweite des Londoner Ultimatums wird nicht zuletzt durch die nun schon seit vielen Tagen andauernde Regierungskrise gekennzeichnet. Niemals aber war auch reifliches Ueberlegen so gerechtfertigt wie heute. Der furchtbare Ernst der gegenwärtigen Schicksalstage spiegelt sich in der Parteipresse aller Schattierungen wieder. Ueberall spricht man vom Sein ober Nichtsein unsere» Volkes, von der knisteren Zu- kunft unsere» einstmals glorreichen Vaterlandes.
Im Gegensatz zu der immer noch stattlichen Reihe ber Nörgler und Besserwisser, die auch in diesen Stunden sich nur mit der Vergangenheit beschäftigen, atmet erfreulicherweise der weitaus überragende Teil der deutschen Organe den Hauch ernsten Verantwortlichkeitsgefühls. Kühl und nüchtern wird man irr den wenigen uns noch verbleibenden Stunden der Ueberlegung abzuwägen haben, was dem deutschen Kolke besser ziemt: ein entschlossenes Nein ober ein ernstes Ja auf die Alternativ», die uns das Ultimatum stellt. Vielleicht wären die Schwierigkeiten der gegenwärtigen Situation besser zu überblicken und eine Beantwortung des Ultimatums eher möglich, wenn es sich bei dem ganzen Fragenkomplex einzig und allein um die wirtschaftliche Zukunft Deutsch, land» handelte. Leider jedoch hat man in London die wirtschaftliche Lösung der Reparationsfrage mit der politischen Frage der Entwaffnung zu verquicken gewußt. Es ist, als wollte matt gegnerischerseits die ohnehin schwierige Lage Deutschlands bewußt zur Ka t a st r o p h e steigern, um im Trüben fischen zu können.
Wird die Unterschrift unter das neue Diktat gesetzt. Io verpflichtet sich die Relchsregierung, bis zum 81. Mai die Entwaffnung ber bayerischen Einwohnerwehren durchzuführen. Un« zweifelhaft wird man mit Argusaugen das Tun und Treiben in allen Länderstrichen unseres Vaterlandes beobachten, um daraus das „Recht" einer nachträglichen Besetzung des Ruhrreviers herzuletten. Dabei ist es mehr als fraglich, ob die bayerische Bevölkerung gewillt ist, den Dikiatsforterungen der Entente nach- tufommen. Und doch — hier müßte sich eine Lösung finden lassen. Der an sich berechtigte Selbstschutz gegenüber kommunistischem Terror wird fallen gelassen perden müssen, wenn man damit die letzte Hoffnung luf eine langsame Gesundung und auf die Bewahrung ber Freiheit von Millionen Deutscher erkaufen könnte.
Schwieriger al» die politische ist die wirtfchasiliche Seite des Ultimatums. Man hat während der Kriegs- Ctit dem deutschen Volke immer wieder gepredigt, daß !e Niederlage im Kriege ter wirtschaftlichen Verska- vung unseres Volkes gieichkommt. Was mancher damals vielleicht als Phrase nachgebetet hat, sehen wir heute unmittelbar al» Drohgespenst vor uns. Frank- reich» Augen schauen nach dem Ruhrgebiet, nach jenem Ätdustriezentrum, da» man den Lebensnerv des deut- scheu Volkes nennen könnte. Unsere gesamte Kohlen- fSrdenmg des Industriegebiets will Frankreich unter wirtschaftliche Verwaltung nehmen. Wie aus dem bislang offiziell noch nicht veröffentlichten Zusatzabkommen zu dem Londoner Protokoll hsrvorgeht, soll die R u h r k o h l e für den Fall, daß mir nicht unter- gichnen, an das nichtbesetzte Deutschland mit einem ufschlag von 20 Goldmark pro Tonne verkauft werten. Wir sollen gezwungen werden, die Schätze deutschen Dotens, die wir uns in jahrelanger fleißiger Arbeit nutzbar machten, von Frankreich wie-