Nr. 105.
LeraMworlttch für ben ceOoiiioneDen Teil: Karl Schulte. - für di» flxseiflen: Z. Parz«iler-Fulda. ~ Rotationsdruck n. Verlag bet Fuldaer adtenbratferei tn Fulba. ^emiptedber Nr. ft. Telegr.-Ldress«: Fuldaer Geltung.
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Montag, 9. Mai 1921.
Dezagaprei»: Monoiiich 3,00 Mk. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei ans obgeholt 3,15 21K. Anzeigenpreis: Die Klein zelle (Tolonelmav) 60 Pfg, u. 10*i» Zuschlag, die Reklamezeile (Textdrette) 1.80 31f„ n. lO’-o Zuschlag. Bel Wiederhol. Rabatt.
48. Zahrg.
Nicht rückwärts, sonverrr vorwärts blicken'.
Mehrfach wird scharfe Kritik geübt an der Politik bet zurück^relenen Regierung. Man sagt, sie Hobe nichts erreicht gegenüber der Entente, und also sei ihre Taktik verfehlt gewesen.
Dazu möchten wir drei Anmerkungen machen.
Ersten, ist es noch kein Beweis für Mißgriffe »der Versäumnisse, wenn der gewünschte Zweck nicht erreicht wird. Der Schwache kann sein Bestes tun mit aller möglichen Geschicklichkeit, aber doch scheitern an dem Starrsinn des übermächtigen Gegners. Wer die bisherige Politik wegen der angeblichen Erfolg- lofigtett schelten will, muh zunächst zeigen, auf welchem rotieren Wege ein befriedigender Ausgleich zu erzielen gewesen wäre. x
Zweitens ist t» doch noch sehr fraglich, ob wir bei der bisherigen Politik .nichts" erreicht Haden. Da« gegenwärtige Ultimatum ist furchtbar, und feine For- Lerungen gehen wahrscheinlich über die Leistungsfähigkeit Deutschlarcks hinaus. Doch läßt sich andererseits nicht verkennen, datz es nicht ganz so schlimm ist, wie die ehemaligen Pariser Beschlüsse. Die Rechenkünstler sagen, daß die setzt geforderte Gesamtfmnme hinter der Pariser Forderung um erhebliche Prozente zurückbleibe. Und wenn man sich bas überreichte Zahlung«Protokoll genau ansieht, so ergeben sich doch in den Einzelheiten einige Milderungen des früheren Erpressungsplancs. Es wird Deutschland die Möglichkeit gelassen, für die verhängnisvolle Ausfuhrabgab« Ersatzleistungen vorzuschlagen. Auch die Lieferung von Waren und Stellung von Arbeitskräften wird vorgksehen. Überhaupt würde nach dem Wortlaut des Protokolls der deutschen Regierung ein gewisser Spielraum bleiben zur UmwaiÄlung der Zahlung«- mittel und der Pfänder, allerdings nur mit jedes- maliger Zustimmung des Reparationsausschusses oder der von diesem eingesetzten Garantiekommission. 2n der Bildung der letzteren Kommission, die auch drei Dertreter der interalliierten neutralen Staaten um-
einen Dorwand für den Einmarsch in zu finden.
und«, daß bk Bolksvertreter im Reichstage nicht sofort zu einem feste« Entschluß und zur Bildung einer zielbewußten Regierung gelangen können. Sie müssen aber in wenigen Tagen dahin kommen, und diese schwere Aufgabe sollten ihnen die Wähler erleichtern durch die bestimmte Stellungnahme: Entscheidet ihr nach eurer Sachkunde und eurem Gewissen; das deutsche Volk wird in seiner großen Mehrheit eure Erckschcidung billigen und unterstützen. Einig wollen und müssen wir sein, mag es zum Handeln »brr zum Dulden gehen.
fassen soll, wollen einige einen Fortschritt sehen, bä der politisch gerichtete, von den Franzosen geleitete Reparationsausschuß für einen Teil seiner Aufgaben ab« gelöst würde von einem Gläubigerausschuß, der mehr geschäftlich interessiert sei. Immechin läßt das Pro- tokoll Raum für wellere Verhandlungen und auch für eine internationale Anleihe. Es ist immechin im Bertrich zu den früheren Zumutungen und Drohungen „etwas" erreicht worden, und dazu haben zweifellos der zähe Widerstand gegen bk Pariser Beschlüsse, unsere zweifachen Vorschtäge zur Güte und die An» rufung Amerikas das ihrige beigetragen. Ob die erwähnten Milderungen und der erwähnte Aufschub der Ruhrbesetzung uns retten können, bleibt freilich eine offene Frage. Es sei nur festgestellt, daß man der bisherigen Regierung doch nicht nachsagen kamt, sie habe gar nichts erreicht.
Drittens aber ist zu erwägen: Was nützt uns die rückschauende Kritik an Dingen, die sich nicht «ehr ändern lassen? Wer da glaubt, daß in der Vergangenheit viel verfehlt ober versäumt worden ist, der muß um so eifriger dahin wirken, daß die Zukunft gerettet wird, soweit es möKich ist. Zu dem Zweck müssen wir uns mit beiden Füßen aus den Boden der jetzt gegebenen Tatsachen stellen und beide Augen vorwärts richten, um zu erkennen, auf welchem Wege wir mit dem geringsten Schaden aus der schlimmen Lage herauskommen.
Die Schifstrrüchigen, die im Wasser liegen, dürfen sich nicht die Zeit vertreiben mit Debatten über das Do-Halten des Kapitäns oder des Steuermanns, son- dem müssen nach allen Hilfsmitteln greisen, die sich ihnen zur Lebensrettung noch bieten.
Ob die Annahme de» Ultimatum» einen Rettung»- kahn für das deutsche Volk bilden kann, ist allerdings schwer zu sagen. Die siMmziellen und volkswirtschaftlichen Fragen find nur mit Mühe von den geschulten Sachverständigen zu durchschauen, und bk Entscheidung wird noch wesentlich erschwert durch bas Hineinziehen der Entwaffnung»- und der Kriegs»
Mn nehmen oder oblehuen?
Obwohl am Samstag im Reichstag eine Doll- fitzung nicht stattfand, bot das Haus äußerlich doch ganz den Eindruck eines großen Tages. Das ist nur zu begreiflich, denn die Entscheidungsstunde ist in die Röhe gerückt. Die Beratungen der Fraktionen find getrogen von dem schweren Ernst der Stunde. E» hantelt fich um Sein ober Nichtsein bes deutschen Volkes. Es handelt sich um die Frage: kann der deutsche Reichstag und kam, das demsche Volk das von der Entente gestellte Ultimatum annehmen? Don der Be- «twortung dieser Frage hängt alles weitere, vor * allem auch die Kabinettsbildung ab. Denn erst wenn dies« .Frage m besahend-cm oder verneinendem Sinne enischiÄ»n ist. »erben die Parteien sich darüber schlüs- pfl werde» können, ob sie in der Lage sind, sich an der Regierungsbildung zu beteiligen ober nicht. Rach dem Älgnneinen Eindruck ist in den parlamentarischen Kreisen am Samstag die Stimmung gegen bie Annahme des Ultimatums stärker geworben. Man glaubte zunächst, weil besonders an bi« finanziellen Forderungen gedacht würbe, daß sich eine Regierung E” die Annahme vielleicht nach finden lassen werde. D«se Meinung ist schwächer geworden, je mehr man mH mit der Entwafftnmgsfrage beschäftigte und je be- droblichrr sich der polnisch.! Aufstand in Oberschlestrn «Nläht, 3Ba» die Entwaffnungssrag: angcht, so ge
winnt das Eiiüressen des Herrn von Kahr in Berlin eine ganz besondere Bedeutung, derm bei Annahme des Ultimchums einschiteßtich der Entwasfnungssorbe- rurtg wird di« bayerische Regierung de» Herrn von Kahr in die schwierigste Lage gebracht. Gegenwärtig herrscht bei den meisten Parteien ehre Stimmung, die von der Annahme des Ultimatum» nichts mehr für Deutschland erwarten zu können glaubt und das Der- bängnis al« beinah« unvermeidlich ansieht. Wenn ober bereits von einer endgültig ablehnenden Haltung der deutschen Volkspartei und der Demokraten gesprochen wird, so ist das nicht zutresfend. Im besonderen ist es völlig unrichtig, wenn tn einzelnen Prehorganon behauptet wird, daß das Zentrum fich aus einen ab- lehnenden Standpunkt gestellt habe. Wir können dem- gegenüber seststellen, — das gilt auch für bk übrigen Parteien — daß eine Entscheidung noch nicht gefallen ist. Was im besonderen das Zentrum cmlangt, so hat diese» irgend einen bindenden Beschluß aus her einen ober anderen Seite überhaupt nicht gesaßt, sondern sich feire Stellungnahme Vorbehalten.
Am gestrigen Sonntag wurden die interftaktiv- neßen Beratungen fortgesetzt ohne daß ein Ergebnis erzielt worden wäre.
Blättennellmngen zufolge hat Botschafter Dr. Mayer dem Reichspräsidenten mitgekilt, daß er den Auftrag zur Bildung des netten Reichskabinetts nicht übernehmen könne. Der Reichspräsident drückte den Wunsch aus, daß Mayer seine endgültige Entscheidung auf Montag vertagen möchte.
Der Aufmarsch der Franzosen.
Der Mainzer Hauptbahahof gleicht seit SamSiag einem Heerlager. Ununterbrochen rollen von brr Pfalz her und durch Rheinhessen heran die franjöftfcfjcn Militärzüge m den Bahnhof und nehmen hier einen kurze« Aufenthalt. Die Wage« find vollgepfropft von jungen Soldaten, die kur in kurzer Frist »um zweiten- mal deutsch«» Land besetzen müssen, Aufschriften an den Wagen geigen an, daß die Tiuppen au» den französischen Garnisonen kommen: Pari», Nancy, Belfort, Lyon. Tour», Dijon usw. Alpenjäger, Infanterie, Artillerie, Pioniere, alle Truppengattungen bunt durch- einanLergewürfelt, vollständig feldmarschmäßig au»« gerüstet mit funkelnagelneuer Montierung, die Ga»ma»ken hängen an den dickleibigen Tornistern. Zur Sicherung bet Eisenbahnstrecken haben die Franzosen die umfassendsten Vorbereitungen getroffen. Bon Türkis» mühle an ist die gesamt« Bahnstrecke in ganz kurzen Zwischenräumen durch starke marokkanische Posten und WachttommandoS bewacht. Di« Brücken unterliegen besonder» scharf« Bewachung. Auch die Brücken und Uebergangöstellen in der Umgebung von Mainz sind durch Marolkaner bewacht. In den süddeutschen Rhein. Häfen ist mit der Verladung französischer Truppen auf Transportschiffen begannen worden.
Ernste Lage in Oderschlefien.
Dk Lage in Obrrfchlkstm ist unverändert ernst. 2k Hoffnungen, es würde der Interalliierten Kommission doch noch gelingen, ihre Truppen zu dmchgreifenben Maßnahmen zu sammeln, müssen endgültig begraben werden. Die Lag« bietet nach wie vor das Bild vollkommenen Wirrwarrs, aus dem sich trotz vereinzelter polnischer Schlappen das Gesamtbild herausschält, daß die Polen chre Stellungen nicht nur hallen, sondern weitshm ausbauen. $lm Samstag haben die polnischen Banden einige weitere groß« Erfolge errungen: Kandrzin, Königshütte und Laurahütk finb in die Hand« der Polen gefallen. In Königshütte gaben die fraiHösifchen Truppen einige scharfe Salven ab, ehe sie die Straßen räumten. Die Italiener haben mit schweren eigenen Verlusten dk Stadt Rybnik wieder erobert Unklar ist bk Lage in dem schweren Kampf bei Rakibor, wo eine Reihe von ländlichen Orten den polnischen Vcmden entrlffen worden ist, während an anderen Stellen die Polen wieder Fortschritte gemacht haben. Sm Kcrttowitzer Grenzbezirk sind bi« Polen dazu übergegangen, einzelne Dergwerkezu zerstören. Wie weit die einzelnen Nachrichten über die Lage in den Gruben zutreffen, ist sehr schwer zu übersehen. Fest steht aber, daß die Ohekngrube zurzeit brennt. Das Löschen werd verhindert; dk Franzosen schon untätig zu. Dk Ehorlottengrubs bei Tarnowitz ist unter Waflsr gefetzt- Die Truppen der inievalllier- tat Kommission in den belagerten Städten und ebenso dk dcchin geflüchtete deutsche Bevölkerung werden in kürzer Zest in schwerer Ledens mlttelnot sein. Gewiffe frische Artikel roie Milch fehlen natürlich schon heut«. Sn der Nähe von Glekoitz kontrollierten pol- Nische Insurgenten 60 mit ßebtnsmitid beladene Eisen- bahnwagen, bl« für bie interalliierten Truppen bestimmt sind. Die französischen Truppen, die nicht weit davon stehen, machen aber keinen Versuch, die Lebensmittel tn ihr« Gewalt zu bekommen, obgleich sie selber bereite sehr knapp daran sind. Dk Arbeiterschaft einer Reihe von großen Betrieben hat sich an Ne Kreiskontrolleure gewandt und um militärischen Schutz der Arbeitswilligen gebeten. Die Einstellung der Lohnzahlungen und die wachsende LebensmMelnot Hal eine sehr besonnene Stimmung auch in denjenigen Teilen der Arbeiterschaft hervorgerusen, die zunächst teilweise von der Aufstandsbewegung mitgerissen oder doch einreichüchlert erschienen. Erfolge haben di« Forderungen der Arbeiter bisher natürlich noch nicht gehabt. Der deutsche Selbst- schuß leistet in den engen ihm gezogenen Grenzen Heber- menschliches. Wacker schlagen sich die Italiener, bie außerordentlich schwere Verluste erfetien.
Aus deutscher Seite sind seht eine Reihe von pol- krischen Mitkämpfern der Anfftändfiche» m Lazaretten untergebracht, bie ihre polnischen Truppenteile angegeben haben, bereu sie al» reguläre Solbaten angeboren. So sind Soldaten vom 6. und 13. polni- scben GrenzrvMment testgestellt worden. Ferner ist fest- gestellt worden, baß polnische reguläre Truppenteile au« Kempen m der früheren Provinz 5cfen fAbmarsch- mäßig Msgerültet geschlossen auf die ober- schlesische Stenu zu marschieren. Dk IntercMert« Kommission hoi bk Grenze nach Polen durch einen Erlaß, d. h- «ms dem Papier, gesperrt. Sie hat aber nicht mehr die Macht, diesen Erlaß durchzu- führen, und tatsächlich findet Über die polnische Grenze ein überaus reger militärischer Verkehr statt.
Aus dem Lande liegen neue Meldungen über Brandstiftungen der Aufrührer und über Iertöt fälle oor. Der „Bert. Lok.-Anz." meldet aus Beuchen, daß in Ruda 18 Deutsch« umgebracht worden snck>. In Ladand und Sosnitza sind ebenfalls Deutsche nkdergemetzett worden.
Ter deutsch-russische Handelsvertrag.
Am Freitag nachmittag wurde der vor kurzem onaekündlgte deutsch-russische Handelsvertrag in Berlin unterzeichne:. Ec besteht au« zwei Teilen, deren erster sich auf die Kriegsgefangenen bezieht und bie Rückkehr der noch in Rußland zu-nck- gebliebenen kriegsgefangenen Deutschen sicherstem. Ter zweite Teil betrifft die Regelung der Handels- beziehungen und bestimmt im besonderen, daß füi Geschäfte bie auf deutschem Boden abgeschlossen werden, deutsche» Recht gültig ist. Deutschen Kaufleuten, die sich auf Geschäftsreisen nach Rußland begeben, wird jeder Schutz gewährleistet für ihre Person, ihr Eigentum und ihren Gewinn.
AUS dem besetzterr Gebiet.
Die goöprüfnng. Seit einigen Tagen sind bie Zoll- nrfifunaen der Reisenden an den Grenzen des besetzten Gebiets von französischer Seite schon wesentlich Mrf.r aeroorbm. Es werden bei fast allen Zügen Stichproben auch hinstchtlch be» Handgepäck, der Reisenden vor- genommen unb auch die Paffe und Perfonalausweife geprüft- Auf dm Landstroßen sind die Zollprufungen »och schärfer.
Da» RetchSsch«!gesetz.
Don HochfchuiProfessor vr. Scharnagk.
Der dem Reichstag zugegangene Entwurf eines Gesetze» zur Ausführung des Art. 146 Abf. 2 der Reichsverfassung" will bk Voraussetzungen regeln, unter welchen Bekenntnisschulen und be- kenntnisfreie Schulen eingerichtet oder bet- behaven rowten können. Das ist vom Standpunkt bet Wettanschcumng aus der Sern der Schulfrage unb darum ist dieses Gesetz das wichtigste aller Schulgesetze, die der Reichstag schon ertaffen hat unb noch erlassen wird.
Das Gesetz unterscheidet drei Hauptmlen der Volks- schul«: 1. Die Gemeinschaftsschule, 2. die Bekenntnis- schul«, 3. bk betenrohrkfrek Schule; dazu kommt als vierte Volksschulart für einzelne Länder noch bk bk- herige Simultanschule.
1. Die Gemeinschaftsschule ist etwa» Neues; sie ist jene, bi« grundsätzlich allen Schülern ohne Unterschied des Bekenntnisses offen steht und in der grundsätzlich Lehrer ohne Unterschieb des Bekennt- nisses angestellt werben können; c6 katholisch protestantisch, israelitisch, freireligiös, getauft oder rmxetauft, bas fit weder bei Annahme der Schüler noch bot Anstellung der Lehrer von Gnfiuß; im allgemeinen sollen die Lehrer an dieser Schule dekenntnismäßig in einem ähnlichen Lechältmffe gemischt fein rok ihre Schüler, aber eine streng« Dftchung daran ist nicht beabsichtigt. Der Religionsunterricht fit nach Bekennt- nisfe getrennt und ordentliches Lehrfach, aber nicht Pflichtfach; bekanntlich kann jedes Kind durch den Erzkhungsberechtigten ohne Angabe des Grundes vom Religionsunterricht abgemeftet werden und wir werden deshalb an den Gemeinschaftsschulen wohl ein« größere Zahl von Kindern haben, bk keinen Religionsunterricht besuch«!. Der ganze übrige Unterricht an der Gemeinschaftsschule kann, wie bie Begründung ausdrücklich sagt, nichtvomGeifteeinesreli- giösen Bekenntnisses erfüllt sein, wefl eben Schüler unb Lehrer der verschfiedeuen Bekennt- nisse und Weltanschauungen gemischt sind; er muß sich also jeder religiös?» Färbung unb jeder religiösen Einwirkung enthalten, er ist zum mindesten reli- B g l e i ch g ü l 11 a. Daraus sieht man, wie sehr
: neue Gemeinschaftsschule von der bisherigen «nschule unterscheidet: an der Simultan- schule durften nur christliche Lehrer, katholische ober protestantische, cmgestellt werden, und dadurch hatte dies« Schulart einen gewissen christlichen Charakter; an der neuen Gemeinschaftsschule können auch nichtchrfitlich« Lehrer angestellt werden, sie hat keinen christlichen Charakter mehr. Für jene Schüler der Gemeinschaftsschule, welche keinen Religionsunterricht bestuhen, em« in der Hauptsache religiös- gleichgültige Schule, in der der Religionsunterricht mit dem ganzen übrigen Unterricht und mit der «men übrigen Erziehung in keinerlei innerem Zusammenhang steht.
2. Die Bekenntnisschule ober Konsessions- schule fit was sie bisher war: sie dient grundsätzlich nur zur Aufnahme von Schülern eines bestimmten Bekenntnisses, die Lehrkräfte müsien dem gleichen Bekenntnisse angehören und der ganze Unter- richt, namentlich der bk Gesinnung der Schüler bildende Unterricht, muß, wie die Begründung aus- drücktich sagt, im Geiste des betrefsenden Bekenntniffes erteilt werden; daß der entsprechende Religionsunterricht ordentliches Lehrfach ist, versteht sich von selbst. Wir haben also als Bekenntnisschulen jene, in der z. B- katholisch« Schüler von katholischen Lehrern im katholischen Geist unterrichtet und erzogen werden und ebenfo protestantische Schüler von protestantischen Lehrern hu protestatischen Geist unterrichtet unb erzogen werden: Einheitlichkeit zwischen Lehrern unb Schülern, zwischenReligionsunterricht unb übrigem Unterricht, zwischen Familie unb Schule.
3. Die betenntniefrelen Schulen sind wieder etwa» Neues: es sind Schulen, an denen Religionsunterricht nicht als ordentliches Lehrfach gegeben wird. Sie sind entweder Weltcmschammasschulen ober weltliche Schirle», a) Die Weltrnschauungsschu- len nehmen nur Schüler einer bestimmten nichireli- giösen Weltanschauung auf, i. D. der monistischen, freireligiösen oder freidenkerischen; <m ihnen werden nur Lehrer der gleichen Dettanfchauung lehren unb wird bet ganze Unterricht im Geiste dieser Drlian-
chaurmg erteilt. Solche Monisten- ober Freidenker- djulen sind also das volle Gegenstück und der cutsge- prochme Gegensatz zu den Lekemllmsschulen. b) Die weltlichen Schuten sind jene, welche im jozialde- mokrcüijch«, Programm verlangt werden. Sie stehen arundsätzlich allen Schülern offen. Angehörige eines jeden Bekenntnisses und jeder Weltanschauung können als Lehrer von ihren cmgesieüt werden, der Unterricht ist nicht im Sinne irgend eines Bekennt, nisses oder einer bestimmt«» Weltanschauung zu er- teilen. Der sozialdemokratische Abg. Prof. Dr. Rad- dnrch sag: mit Recht, daß die Gememschastsschute unb dir weltliche Schule einander zum Verwechseln ähnlich werden können und für jene Schüler, die leinen Stell- gionsumerricyt besuchen, überhaupt jeder Unterschied entfallt: I» beiden Schularten wird in Unterricht und Erziehung — abgesehen von dem Religionsunterricht, bsn die Schiller beuchen können — von jeder religiösen Einwirkung abgesehen. Der Abg. Radbruch will ater weiter, daß die weltliche Schule direkt in sozialistischem Geiste erzieht, also auch eins Wellcmschammgsschule wird, denn sonst wäre sie, wie er sagt, für seine (bk sozialdemokratische) Partei „völ- l i g wertlos“.
Als vierte Schulart kann In Baden, Hessen unb der Provinz Nassau bis auf weiteres die bisherige christliche Simultanschule bestehen bleiben.
Gleichgültig, wir viele Schulformen eingestellt werden, wir Katholiken müssen auf jeden Fall verlangen, daß die Bekenntnisschule nicht schlechter gestellt wirb al» eine anbere Schulart. Wir wollen nicht, daß der Staat jemanden zwingt, seine Kinder in eine Bekenntnisschule zu schicken, aber die gleiche Freiheit, die die anderen haben, müßen wir auch für mis beanspruchen: wo di« Erziehungsberechtigten in entsprechender Anzahl ehre katholische De- kemunisschrlle verlangen, muß eine solch? errichtet werben. Dies« Forderung, dk nur den Grundsätzen der wahren Freiheit und der Gerechtigkeit entspricht, wird vom Entwurf nicht erfüllt. Er begünstigt durchaus bk Gemeinschaftsschule zu Ungunsten der Bekenntnisschule aber zur Ausncchrneschule, die nur unter einschränkenden Voraussetzungen errichtet werde» soll: 1. wenn die Erziehungsberechtigten es verlon- gen und außerdem 2. durch fit ein geordneter Schulbetrieb nicht beeinträchtigt wird. An letztere Bestimmung klammern sich alle Gegner ter Beteimtnisschuien, um deren Errichtung möglichst zu erschweren. Was der Entwurf in dieser Beziehung Vorschläge ist ungenügend, nach diesem Vorschlag würde die Möglichteit bestehen, daß in einer Gemeinde kath. und protestantische Bekenntnisschulen verweigert werden und mrr eine Gemeinschaftsschule eingerichtet wird, weil die letzter«, wenn sie von allen Kindern besucht wird, besser gegliedert und ausgebaut fein kann. Das wäre bas Gegenteil von dem, was die Relchsverfaffung verspricht, daß der Wille ter Erziehungsberechtigten möglichst berücksichtigt werden sott; das würde bedeuten, daß bie Eltern ebenfalls gezwungen wären gegen ihre Ueberzeugung ihr« Kinder einem ungläubigen ober religionsfeindlichen Lchrer zur Erziehung zu überlassen. Wir verlangen, daß ein berarliger Zwang unter allen Umständen ver- mieten wird, wir fordern deshalb, wie bte dsttfchen Bischöfe es getan haben, daß die Bekenntnisschulen gleichberechtigt sein sollen mit den anderen Schulformen, und daß überall eine Bekenntnisschule errichtet werten mich, wo eine entsprechende Zahl von Caziehmcgsberechtigten es verlangt. Unsere zweite Forderung ist, daß an den katholischen Bekenntnisschulen nur solche Lehrkräfte eingestellt werden, welche aus innerster Ueberzeugung ganz im katholi- scheu Geiste unterrichtet und erziehen. Auch hierfür dielet ter Entwurf keine oentigente Sicherheit, und doch ist dieser Punkt von größter Wichtigkeit, denn eine Schule ist das, was der Lehrer aus ihr macht.
Die Gesetzgebung allein kann uns aber bte Bekenntnisschule nicht erhalten: Die Entscheidung, welche Schule ein Kind besuchen soll, haben die Ellern zu treffen. Katholisch« Eltern, damit ist euch ein bedeutungsvolle» unb verantwortungsvolles Recht ge- gegeben: Schließt euch im Gebrauch dieses Rechtes und zm Derteibigung besjelten zu katholischen Elternvereinigungen zusammen.
Stnrmszenen im Landtag.
Der Schauplatz wilder Auftritte war am Samstag ter Plenarfitzungssaol de» preußischen ßcnbtage. Diese Eturmszenen sind von den Äommuniften und Un- abhängigen herbeigeführt worden, und in ihrem Verlauf sind zwei Sitzungen de» Hause» aufgeflogen. Der unbeschreiblich« ßärm entstand, al» der Minister de» Innern, Dominicas, vor der Tagesordnung Mitteilungen über Oberschleffen macht« und dabei mitteilte, daß die Meldung, wonach in Neiße ein französischer Offizier von Eisenbahnem gefangen genommen worden ist, weil er bei dem Versuche der Sprengung einer Eisen- bahnbrilcke obgcfaßt wurde, von der Eisenbahn widerrufen werde. Roch während der Minister sprach, setzte ein wüstcs Geheul kommunistischer Maulhelden ein. Aber es sollte noch schlimmer werden.
Ein Antrag der Kommunisten auf Besprechung der Regierungsmitteilung wird zugelasscn. Nachdem der Abg. Schoich (Soz.) Einspruch gegen bas Verhalten der Kommunisten Oberfchlesien gegenüber eingelegt hall«, wird ein Schluhantrag gegen Kommunisten und Unabhängige angenommen.
Was nun folgte, läßt sich taum beschreiben. Die Kom. muniften fingen «in Geheul an, das den SiouLindianern oll« Ehre gemacht hätte. Die ttntrüftungsrufe her übrigen Mitglieder der Hauses gingen in ihm unter. Der Präsident war machtlos. So mußte er schließlich bie Sitzung unterbrechen.
Fünf Minuten später wurde bie zweite Sitzung eröffnet. Die wenigen Minuten waren offenbn. von den komm'.mistiichen Jünglingen benutzt worden, um einen Kriegsplan zur völligen Sabetlerung der Arbeit fm Hause zu entwerfen, denn wie auf Kommnno« setzte gleich zu Beginn der Sitzung ein erneuter Tumult ein. Minutenlanges Schreien, unterstützt eon mehr oder wo- niger schönrn ®eilen, zeigte die Kommunisten tn Rein- kultur. Und sie hoben Ihren Zweck erreicht,, da» hon» mußte sich infolg, fr»» kommunistische» Terror» auf Montag vertage».