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Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Stabt Fulda.

Nr. 97.

Verantwortlich für Den ceoau. Teil: i. V.: Dr.Ioh.Kramer, - für dk Lnzergen: I. Parzeller-Fmoa. r Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Lctiendruckerei tu Fulda, ^ermp-echer Nr. 9. Telegr.-Ldresse: Fu ldaer Zeitung

Donnerstag, 28. Sprit 1921.

Bezugspreis: Monatlich Z.00 Mk. ohne Zustellgebühr. In tzuivo bei uns abgeholt 3,15 Mk. Anzeigenpreis: Die Klein,ei le lColonelmav) 60 pfg„ u. 10«,. Zuschlag, die Reklamezeile (Texrdreiref 1.80 2ÜL, u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

48. Zahrg.

Unannehmdar für die Pariser!

Schnell fertig ist der Franzose mit dem Wort. Die Pariser Regierung hat amtlich noch keim Kennt­nis von den deuljchm Vorschlägen, aber halbamt­lich läßt sie bereits verkünden, sie seien vollkommen unannehmbar utid baren keine Grundlage für eine förderliche Wiederaufnahme der Berhandlung

Das heißt aus deutsch: Die Machthaber in Paris wollen überhaupt keine Berhandlung Mrd keinen Ausgleich, sondern wollen unbedingt das Muhrgebiet besetzen und womöglich noch mehr, um Deutschland auszupressen, bis es verblutet und vernich­tet tst. *

Der Ruf „unannehmbar" war zu erwarten nach ter gestrigen Kampfrede Briands, die den schärfsten Gegensatz bildet zu der Friedenssehnsucht und Be- jcheidenheik des deutschen Wortführers Simons. Bnand hiell sich ausdrücklich wieder die Hintertür osfm, die auf alle Fälle zum Vormarsch an die Ruhr . jMen soll: er verlangt nicht bloß deutsche Eeldanoe- sondern auch „Bürgschaften", und nach frcmzosi- jcher Ansicht ist das Faustpfand an der Ruhr die ein­zig rtchltg« Garantie.

tm c i,rifs£e »Unannehmbar" der französischen Machthaber kommt so schnell, daß eine ernsthafte Prü­fung des inhallreichen deutschen Vorschlags gar nicht «roglich war. Adan posaunt es auch sofort in alle ™ hinaus, um die anderen Beteiligten von einer sachlichen Prüfung abzuschrecken und womöglich so­gar die amerikanische Regierung zum Verzicht auf die wettere Vermittlung zu veranlassen. Frankreich über­stürzt sich förmlich in seinem fieberhaften Eifer, rede Frteüensmöglichkeit im Keime zu er. sticken.

Wie skrupellos die Pariser Machthaber vorgehen, steht man aus den hanebüchenen Unwahrheiten, die sie über den deutschen Vorschlag verbreiten. Sir sagen, das Berliner Angebot bleibe um mindestens lüü Milliarden hinter der Pariser Forderung zurück, während das einfachste Rechenexmpel ergibt, dag 200 Milliarden nur 26 weniger sind, als 226. Sie be­haupten ferner, Deutschland fordere unter den Vorbe­dingungen auch die Räumung des lütten Rheinufers, «lso die Durchbrechung Les Versailler Vertrages, wäh­rend doch itt Deutschland kein Mensch an einen solchen Kuckzug der Franzosen auch nur im Traum gedacht hat und die deutsche Note den ausgesprochenen Zweck hat, die Durchführung des Versailler Vertrages 3» ermöglichen.

Wenn solche und ähnliche Entstellungen nötig sind, vm Las deutsche Angebot Herabzujetzen, so ist dar ein gutes Zeichen für das Erzeugnis unserer Regierung, aber zugleich eine bedenkliche Verkennung der Urteils­kraft der Amerikaner. Herr Harding scheint uns doch nicht der Mann zu fein, der sich auch durch kolche grobe Tendenzlügen irre machen läßt. Die amerika­nische Presse hat ja auch die deutsche Role recht gün­stig beurteilt, und wenn mitgeteilt wird, daß Hardina noch einige Aenderungen wünsche, z. B. die weitere Annäherung an die 226 Milliarden oder die Erhöhung des vierprozeiüigen Zinsfußes, so sind Las Amende­ments, über die sich reden läßt.

Auch in England hat die Presse sich vielfach freundlich ausgesprochen über das deutsche Angebot. Sogar ein Blatt, das Herrn Lloyd George nahe steht gesteht ein, daß die neue deutsche Note längst nicht so ummmchmbar sei, wie ihre Vorgängerinnen, und will sich Zeit zur Ueberlegung wahren, ehe es sein Urteil formuliert.

Dos ist es ja gerade, was wir wünschen und er­streben. Man möge gründlich prüfen und ruhig über­legen; dann wird jeder Ehrliche wenigstens zugebm müssen, daß sich über den Vorschlag zum Frieden -erhandeln läßt.

Wer die Prüfung und Unterhandlung von voril- yerein vereiteln wlll, verrät seinen bösen Willen. Und idas tun die französischen Machthaber, indem sie allzu deutlich verraten, daß sie ihre Forderungen nur des» y^b so hoch und immer höher schrauben, um Vor­wande für weitere Gewalttaten zu haben.

. Frankreich treibt jetzt eine Art Hasardspiel. Es bahnt sich eine Scheidung der Geister an in der Frage, vb man den deutschen Schulder am Leben lassen soll, mrmit er zahlen, oder ob man seinen Todfeinden die Vernichtung gestatten soll.

Der englische Widerstand gegen die Pariser Hen- 'erpcliti? war sehr schwach geworden. Vielleicht wird Lloyd George trotz aller geheimen Tausch, ksschafte mit Frankreich doch wieder etwas fester, weil die letzten Konsequenzen der französischen Politik mit ^schrecklicher Deutlichkeit sichtbar werden, weil Deutschland. ein wirklich imposantes Angebot gemacht Ym und weil aus Nordamerika ein neuer Anwalt der Vernunft und des Weltfriedens sich eingestellt hat.

Frankreich hatte sich das erste Ws.t ang..:naßt. Wer wird das letzte Wort haben?

Einstimmig

ß/abinetr nacv der Erklärung des ™ h"§ ,m Reichstage die neue Store

on Harding feitgeiteHt und gebilligt. Diese Tatsache muß sestgehalten werden unter Hinweis darauf, daß auch dre dret M niister der Deutschen Volks- p ar ter diesem Angebot von einer ungeheuerlickren Tragweite restlos zugesirmrnt haben. "Wenn man ,1'ch erinnert, tote seinerzeit gerade auch aus Kreisen der Deulichen Volkspartei das Zentrum wegen semerHaltung zu Versailles und den späteren Verhandlungen angegriffen worden ist, so ist diese Feststellung sehr wichtig, weil sie zeigt, daß es ein anderes ist, wenn man, unbeschwert von Perar,'- Wörtlichkeit, in der Opposition steht und Kritik üben kann, und wieder ein anderes, wenn man selber mit an dieser Verantwortung beteiligt ist. Die Deutsch, nationalen würden, wenn sie die Regierung-- Verantwortlichkeit tragen müßten, sich gar n:tbt anders berhalien können, als es jetzt die Deutsche' Bol'svar- tei getan hat.

Amerikas Haltung.

Dlättermeldungen aus London zuiotg. ii.-.d dort »Ndlichten aus Amerika emgetroffen üb°r hie wahr­

scheinliche Bereitwilligkeit Amerikas, mit Deutschland weiter zu verhandeln, um eine Grundlage für neue Besprechungen zwischen Deutschland und den Alliierten zu finden. Amerika wird vermutlich Frank­reich zu verstehen geben, daß eine Besetzung des Ruh rgeb iets Amerika unangenehm fein werde, solange nicht alles versucht worden ist, tun vorher zu einer Verständigung zu gelangen. Im Falle einer Weigerung Frankreichs sollen England und Italien ge- beten werden, die neuen Pläne Frankreichs nicht zu unterstützen.

Wie die „Voss. Zig." hört, hat der englische Botschafter in Berlin Lord d'Abernon gestellt Reichsministcr Dr. Simons aufgesucht, der ihm er­läuternde Erklärungen zu den deutschen Vorschlägen machte.

England und Belgien.

Das Kabinett in London hat gestern die deut» schen Vorschläge für die Reparationen geprüft.

Wie ,Havas' aus London meldet, erklärte der belgische Minister Jasper, die letzte deutsche Note sei unklar und über gewisse Punkte seien noch Aufklärungen nötig. Jasper hält es für möglich, daß die Besprechungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland letzterem den Ernst der Lage, sowie die Tatsache deutlich machen würden, daß jeder Vorschlag von Berlin auf die Bedingungen des Pariser Abkommens gegründet sein muffe.

Die Londoner Konferenz.

Zu 5er interalliierten Konferenz, die am Samstag in London beginnt, wird Br iand am Freitag mor­gen und der französische Finanzminister Doumer am Freitag abend näh London abreisen. Briand er­klärte, daß Me neue Konferenz von kurzer Dauer sein wird. Drei bis vier Tage, erklärte der Ministerpräsident, werden genügen. — Es ist mög­lich, daß die Konferenz sich mit der Orientfrage und mit Oberschlesien befassen wird. Die En Schei­dung wird daher nicht v or Donnerstag den 5. Mai zu erwarten sein. Eine Berufung deutscher Delegier­ter fft nicht beabsichtigt. Marschall Foch und Gene­ral Wcygand werden Freitag morgen mit Briand nach London abreisen. Für Italien kommt Graf Sforza. ______________ __

Die Kriegsbeschrrlvigtenprozesse.

Reichsjustizminister Heinze hat sich vor Vertre­tern der Presse über die im nächsten Monat beginnen­den Verhandlungen gegen die von der Entente auf die sogenannte „kleine Liste" gesetzten Kriegsschuldi­gen ausgesprochen. Er gab eine lieber sicht der Ver­handlungen, die bisher zwischen der deutschen Regie­rung und der Entente in dieser Frage geschwebt haben uyd teilte mit, daß die ersten vier Termine in L e i p- z i g am 23., 26. und 30. Mai stattsinden. Es handelt sich um die schon bekannten Fälle Heinen, Müller und Neumann, denen Mißhandlung englischer Kriegsgefan­genen zur Last gelegt wird, und am 8. Juni um den Fall Rarndohr, der belgische Einwohner durch Miß­handlung zu Seugcnausfagen veranlaßt haben soll. Zu dm drei ersten Fällen werden 16, 10 bezw. 21 englische Zeugen erscheinen. Vertreter der belgischen und englischen Regierungen nehmen an den Prozessen lediglich informatorisch teil. — In London sind be­reits englische Soldaten, die von Hauptmann Müller im Lager von Flaoy-le-Mariel in der Zeit vom April bis Juni 1918 schlecht behandelt worden sein sollen, gerichtlich oernemmen worden.

Anträge der Neichsparteien.

Die Koalilionsparteien des Reichstages »oben gemeinsam mit den Mehrheitssozialisten einen Er- gänznngSantrog zu dem Gesetz über die Versolgnng von Kriegsverbrechen eingebracht. Ter Antrag sieht die Anberaumung einer Hauptderhondlung "durch den Oberreichsanwalt vor, auch wenn nach feiner Ilebrrzengnny kein genügender Anlaß besteht, eine Anklageschrift einznreichen. In der Anklage ist die Tat, die den Gegenstynd des Ermittlungsverfahrens oder der Voruntersuchung gebildet hat, unter Hrr- twrhebung ihrer gesetzlichen Merkmale und des LtrafgesetzeS zu bezeichnen.

Auch Deutsch-Oesterreich will abftimmcn.

Wie aus Wien gemeldet wird, Hai die Reichspartei- kihmg der großdeutschen Volkspartei ein­stimmig Anträge angenommen, die sich auf bte rascheste Verwirklichung der Durchführung der Volksabstimmung über die Anschlußfrage beziehen. Aus Linz wird ge­meldet, daß im Landtage die Großüeutschen einen An­trag eingebracht haben, in dem Bundesregierung, Narionalrat und Bundesrat aufgefordert werden, das eingebrachte Gesetz zur Durchführung der Volksabstim­mung zur Verabschiedung zu bringen, andernfalls würde die Volksabstimmung im Lande Ober- öfter r e i ch selbständig oorgemmnnen. Der Antrag wurde unter stürmischem Beifall einstimmig angenom­men. Wie ferner aus Salzburg gemeldet wird, hat der dortige Landtag Anträge angenommen, wonach gegen den von dem französischen Gesandten in Wien unternommenen Schritt wegen der Anschiußbewegung Verwahrung eingelegt wird und die Volksabstimmung in Salzburg aus den 29. Mai festgesetzt wird, falls nicht durch die Bundesregierung ein früherer Termin für das ganze Reich angesetzt wird.

Die Abstimmung in Drnlfch-Tirol.

Sie endgültigen Ziffern über die Anschlußobstuu- mung liegen jetzt vor. Abgestimmt haben insgesamt 134 318 Personen Davon stimmten 132 296 mit ja, 1722 mit nein. 300 Stimmzettel waren leer oder un­gültig. Es haben also 98,5 v. H. der an der Urne Er- chieneuen sich für den Anschluß an Deutschland ausgesprochen. Diese Ziffern vervollständigen de> Eindruck der Einstimmigkeit des Votums, den man schon nach den ersten Schätzungen empfangen hatte.

Aus dem besetzten Gebiet.

Die Zollfchwlerlgkeiicn. 5m Laufe der letzten Tage nahm tle Stockung des Güterverkehrs in Düsseldorf einen so bedrohlichen Umfang an, daß d i e franzö­sische Vorschrift, die Güter korrekt zu verzollen, von den deutschen Beamten nicht mehr befolgt werden konnte und demzufolge wieder ausgehoben wer­bt.., mußte. i

» luber sronMsche Schießereien in Mühlheim bei Köln, Die eine Folge von Auseinandersetzungen französischer Soldaten mit Zivilisten cruf einem Rummel- platz waren, berichten dir Blätter, datz die Franzosen blinDlingt mit Karabiner und Revolvern auf Straßen- paffcmten schossen. Auch englische Soldaten wurden zu Boden gerissen und mit Tritten und Kolbenschlägen '»wer mißhandelt. Nach der Darstellung eines Au. cn- zeugen wurde besonders einem englischen Sergeanten übel mitgespielt, der von einer Gruppe Franzosen wiederholt zur Erde geworfen und mit dem Gewehr­kolben unmenschlich geschlagen wurde. Britische Mili­tärpolizei ging gemeinsam mit deutschen Polizisten gegen die Franzosen vor und stellte die Ruhe wieder her. Die Zahl der durch die Schießerei Ler- tounbeten sieht noch nicht fest.

Der Solidarismus.

Ter piolestantische Mitarbeiler im Reichsgeneral­sekretariat der Zentrumspartei, Otto T immer - Wünsdorf, hat gelegentlich eines Vortrages über dies zeitgemäße Thema folgende Leitsätze aufgestellt:

1. Der Solidarismus schafft eine Volksgemeinschaft, wie sie dem Geiste und der Sittenlehre des Christen- tums entspricht. 2. Der SolidarismuS bewirkt daher eine Versiitlichung deS gesamten staatlichen und öffent­lichen Lebens in kultureller, wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. 3. Er bedeutet somit den Ausgangspunkt, von dem auS allein eine Gesundung des politischen Lebens zur Ueberwindung der einseitigen Klassen-, Standes- und Bekenntnisgegensätze erfolgen kann. 4. Es liegt im Wesen des SolivaiiSmus, datz er sich im Sinne der Bergpredigt zunächst im Kreise der Christgläubigen ach-wirkt, daß er aber darüber hinaus mit christlicher Bestimmtheit die Volks- und Völkergemeinschaft erfaßt. 6. Der SolidarismuS hat feinen Schwerpunkt tm Ethischen. Daher tritt das Dogmatische und Theologische zurück, ohne jeooch zu verschwinden d. h. die konfessio- neUcn Beziehungen bleiben Angelegenheit des einzelnen Vertreters. 6. Der SolidarismuS verkennt aber nicht, daß sittliches Handeln nur möglich ist, wenn eine tief, gegründete Ueberzeugung vorhanden ist. Die gläubigen Christen aller Konfefftonen werden daher den Kern dieser Kampftruppe bilden. 7. Katholiken und Protestynten kennen die Notwendigkeit der Vertei­digung dir bedrohten christlichen Kulturgüter. Sie wißen aber, daß sie in wirtschaftlicher Beziehung als solche, die das Eigentumsrecht anerkennen, während sie den unchristlicheir Kapitalismus bekämpfen, bie, mittlere Linie schaffen können, muffen und werden, auf der sich die verschiedenen wirtschaftlichen Systeme finden. 8 Zu- sammenfaffend: die deutsche Politik muß sich auf lange Sicht einstellen. Gesundung von innen heraus, eine Wirtschaftsordnung im christ-bürgerlichen Geiste, eine Verständigung von Volk zu Volk wird nur erreicht durch die Erfüllung des Ideals des Solidarismus.

Deutscher Reichstag,

In der Aussprache über bie auswärtige Politik der Reichsregierung, die in der Mittwoch» sltzung auf genommen wurde, gab

Abg. Dr. Riester (D. Vp.) im Namen der Reichslags- fratoonen des Zentrums, der Deutschen Nolkspariei, der Demokratischen Partei und der Bayrischen Dolkspirrtei folgende

Erklärung ab:

Nachdem die Londoner Verhanibfimgen abgebrochen mären, hat das deutsche Volk in fester Enffchlossenheit die über große Teile Deutschlands verhängten Zwcmgsmaß» natjmen getragen. Sie haben bisher ihren Zweck nicht er'» reicht: sie würden auch verschärft ihn niemals erreichen. Unseren Volksgenossen danken mir für ihre Treue. Wir sind überzeugt, daß sie auch in Zukunft, wenn es notroen- trifl werden sollte, Standhaftigkeit und OpserwiNgkett be­weisen werden. Das enthebt uns aber nicht der Pflicht, alles zu tun, um neue Gewalt abzuwenden. Schweren Herzens, aber im Vollgefühl unserer D«cmi- wortiwg, sprechen wir deshalb unser Einoer st lind« nis dazu aus, datz die Regierung den Weg, der sich ihr bot, betreten Hai, um Me Vermittlung des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika zu erlangen. Wenn der Präsident diese Aufgabe übernimmt, so eröffnet sich damit auch die Aussicht, der Welt den Frieden zu geben, noch dem sie ruft, mid bie freiheitliche Entwicklung Deutsch­lands in richtige Bahnen zu sichern. Die Vorschläge, die dem Präsidenten der Seremtgien Staaten mitgeieilt worden sind, muten uns Ungeheuerliches zu. Das deutsche Volk fft aber gewillt, rückhaltlos zu leisten, was es überhaupt lefften kann. Es wird mir uns der Auffasiung fein, datz für rückschauende Betrachtungen jetzt nicht die Zeit Ist. Schlügt auch dies« Versuch fehl, so fft vor der Geschichte festgestellt, datz Deutschland alles getan hat. was in fernen Kräften stand, um der erschöpften und zerstörten Welt den Frieden zu »erschaffen. In diesem Bewußtsein wird das deutsche Volk allem Schweren, was die Gewalt verhängen kann, furchtlos und ungebeugt standhaften. _

Die Crilänmg wurde von den Regierungsparteien mit lebhaftem Beifall, auf der äußersten Linken mit Gelacht« Md mit Zurus „Jammervoll!" <nrfgenommen.

Abg. Müller-Franken (Soz.) wendet sich zunächst ge­gen die Deutschnationalen und spricht ihnen das Recht ab, der Regierung nationale Würdelosigkeit vorzvw«. fen. Der eroberungssüchtige Militarismus, der Anhän­ger dieser Partei, habe erst das jetzige Elend verschuldet. (Groh« Lärm rechts.) Meine Fraktion ist noch heute dex Meinung, daß die Paris« Forderung Der 42 Iah- resgablungen unerfüllbar ist. Wenn das Reichskabinett die in den neuen Vorschlägen übernommenen Lasten für erträglich holt, so haben wir feinen Ansatz, dagegen zu protestieren Als Redner die Veisetzungsfei« der ehe. maligen Kaiserin als monarchistische Demonstration und besonders die Teilnahme von Reichswehrdeputationen verurteilt, kommen von der Rechten laute En triff ftungsrufe und Kundgebungen, die von den Sozialdemokraten zurückgegehen werden.

Ausgerechnet Herr Helsferich von den Deuffchnatio- nalen muß bann den ahziehenden Hermann Müller mit seinen alten Agsiationsladenhütern auf dem Rednerpult ahlosen. Es fft fast regelmäßig ein Unglück, wenn Helf, ferich auftritt. Der streitbare Herr ist nur dann zmn Reden geeignet, wenn es gilt, disGegensätze möglichst ins t'igxheure zu steigern. Ob sich die deutschv-tronulc Frak­

tion heften nicht bewußt ist? Es hagelt Zwischenruf der Linkspartei!«, auf die Helffcrich wie das rote Tuck auf den Stier zu wirken scheint, allerdings nur zu na ür. lich, wenn man an Zusammenhänge denkt. Fast schien es, als würde Helsferich diesmal der Aufregung, bie sich feiner bemächtigte, «liegend Schließlich aber siegte seine parlamentarische Gewandtheit. 3m Laufe der lärmen­den Auseinandersetzungen fällt von der Rechten ge­gen einen sozialistischen Zwischenruf« der Rus: D ä m- licher Hund. Von der sozialistischen Seite wird ähn­lich geantwortet. Ms Helsferich sagt, Deutschland he. dürfe einer moralischen Reinigung, wird ihm von den sozialistischen Abgeordneten lärmend gugerufen: „Mtt Ihnen muß angefangen werden!" Ais er weiter auf die Kricgsursachen eingeht, ruft ihm Abg. Müller-Fran, fen zu: Sie lügen ununterbrochen. Zur Sache sagt de» Nedn«, wir sind damit einoerftanben, daß dem Präsi­denten Harding des Dermittleramt o.nacboten wurde. Es muß aber feftgefteUt werden, daß die Schuld an den ent­setzlichen Folgen des Friedens der frühere Präsident Wilson trägt, der nichts von seinen Worten eingelöst holl. Wir verurteilen im Telegramm an den Präsidenten Har­ding das Angebot, ihm das Schicksal unseres Bottes ganz auszulicfern. Nach unserer Meinung geht über* Haupt das Angebot unserer Regierung weit über, bie Grenzen unser« Leistungsfähigkeit hinaus, Minister Simons ist der v«träglichste Mann der Welt, aber aus feinen hohen Gerechtigkeitsgefühlen heraus beurteilt ei die Staatsmänner des Auslandes so wie sich. Las ist sein großer Irrtum. Frankreich will um jeden Preis an den Rhein kommen. Während uns die schw«ste Ge» fahr droht, amüsiert man sich in Berlin wie vorher« (Lebhafte Rufe bei den Soz.: Ihre Kreise.) Die Kreise, die wir zu uns rechnen, trauern in Sack und Asche, (Widersvruch bei den Soz.) Die Weltgeschichte war mit dem Sabre 1807 nicht zu Ende, sie wird auch 1921 nicht zu Ende sein. (Lebhaft« Beifall rechts, Händeklatschen auf den Tribünen, das vom Präsidenten Lobe gerügt wird.) !

Mff Helffsrich folgt her Unabhängige Dr. Brett« scheid!. Er ist ein guter Sprecher und träumt sicher zuweilen von einem M-miftersesfel als eine Sitzgelegenheit für ihn. Tonfall und Geste konnten ihn hierfür voraus, bestimmt «scheinen fassen. Wahrscheinlich hat er aber dic Karten verkehrt gesetzt, als er sich der USPD, verschrieb.

Den crusgesprochensten Erfolg hot der Kommunist Fröh­lich. Er redet nämlich alle Zuhörer, die bislang noch mit Geduld die Mohrenwäsche ambörfen, bis aus einen kleinen Rest aus dem Plenum heraus. Doch das ficht den Tapfe­ren nicht an. Mit Aufgebot aller Lungenknfft versucht er, auch den Wandelgängern kommunistische Lehren zu er* teilen. Schade nnr um die vergeudete Kraft!

Nach verschiedenen persönlichen Bemerkungen der Ab­geordneten Müller-Franken und Helsferich wird die Bey Handlung auf Donnerstag vertagt.

Deutsches Reich.

* Berlin 28. April. Der zum SiaatSfelceGi für die besetzten Gebiete berufene Regierungspräsi­dent Brugge ans Köln hat sein Amt angenommen und wird seinen Amtssitz in Berlin nehmen. Sei» Amt ist dem Reichsmtntsterium des Innern unter« stellt.

** Das Orlsk.assenverzeichnis. Der Reichstag bs- schästlgte sich mit dem Gesetzentwurf über die vor- läufige A u s st e l l u n g des Ortsklasienoerzeich- nisses. In der treuen Regelung werden 6363 Orte der Klasse E, 635 Orte der Klasse D, 132 Orte der Klaff« C, und 30 der Klasse B höher eingestust. 3n der Vor­lage wird ausdrücklich betont, daß dien endgültige Re­gelung der Orisklajsettcinteilung bis zum Oktober der Jahres mit Wirkung vom 1. April 1920 erfolget! müsse. Nach der Annahme der Vorlage wurde dir Sofortige Auszahlung der höheren Bezüge an die Be­amten beschlossen.

* Verbesserungen int Zernfprechbelrieb. Anläßlich der Tagung des Reichsverkehrsbeirats des Ncichspostministeriums fand beim Minister Giesberts ein Dorirag über „Neuzeitliche Technik iir. Fernsprechbetriebe" statt, an dem außer den Spitzen der Reichsregierung die Mitglieder des Verkehrsbei- rats, prominente Vertreter der Stark- und Schwach* strominduftrie teilnahmen. Es wurde eine Anzahl Verbesserungen aus dem Bereiche der Fernsprechver- stärker, der Funkentelephonie, der Selbstanschlußämter und tret Schmlltelegraphie vorgeführt. An dir Vor­träge schloß sich ein Zusammensein, bei dem die drahtlose Uebertragung von Musik­stücken und Pressenachrichten vorgrführt wurde.

h. Deiterberoktmg des Iugendwohlfahrlsgesehes. Del 29. Ausschuß des Reichstags zur Beratung des Reicks- jugendwohlfahrtsgesetzes hielt wieder eine Sitzung ab Im Hinblick auf die weite Ausgestaltung desGesetzes erhoben der Reichsfinanzminister sowohl wie ein Vertreter des preuß. Finanzministeriums erhebliche finanzielle Be­denken. Bei dem derzeitigen Stand der Finanzen uni» den ungeheuren Lasten aus dem Friedensvertrag fei e» unmöglich, von Reichswegen mehr als 50 Millionen Mk. jährlich für Zwecke der Jugendwohffahrt aufzuwenden. Den Ländnn aber die Lasten des Gesetzes zu überant* Worten, wäre nicht angängig. Das Gesetz müsse auch im Hinblick auf die außenpolitische Sage in bescheidenem Rahmen gehalten und der freien Licbestätig- keit nach wie vor größerer Spielraum gelassen werden. Verschiedene Abgeordnete dagegen vertraten den Stand­punkt, daß im Hinblick auf das dringende Bedürfnis der durchgreifenden Jugendfürsorge das Reich bezw. die Länder und bie Gemeinden höhere Beträge als hüb« für den angegebenen Zweck aufwenden müßten. Von tmbetcr Seite dagegen wurde betont, daß men nichc vlotzlich 1200 Jugendämter schaffen, sondern zunächst das Fundament zu einer zusammenfassenden einfachen Organisation für die Jugendwohlfahrtspflege legen solle. 3m Zusammenwirken von Reich und Län* d«n, den Gemeinden und den karitativen Vereinen konnte doch Großes geleistet werden.

w Arbeitslosenunterstützung. Wie die Freiheit mitteilt, bat der ReichSfinanzminrster (etne Zustimmung erteilt, daß die für den Winter gel­tenden Sätze dec Arbeitslosenunterstützung über-den 30. 4. hinaus fortgezahlt werden.

* Tie bayerischen Christlich-Sozialen und das Zentrum. Die Christlicy-soziale Partei Bayerns hat auf ihrem Parteitag den Anrchluft an das Reichs­zentrum beschlossen und ihrem Namen den Zusatz „Bayerisches Zentrum' beigefügt. Tie Stellung­nahme des Reichszenrrurntz bleibt'abzuwarlen. Ein« Zustimmung ist jrhr unwahrscheinlich.