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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

Nr. L0.

Verantwortlich für den ceöottwnellen Teil: Karl Schulte. - für die Anzeigen: I. Parze!ler-Fulda. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actlendruckerei in Fulda. Fernsprecher Rr. 9. Telegr.-Adresie: Fuldaer Zeitung

Sreitag, S. April 1921.

Bezugspreis: Monatlich 3,00 Ml. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 2ilL Anzeigenpreis: Die Kleinzeile Cotoneimajj) 6C pfg u. 10°!« Zuschlag, die Reklamezeile (Textbreite) 1.80 Ulf., u. 10% Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

48. Zahrg.

Für ein ungeteiltes Oderfch testen.

Die deutsche Negierung hat ihre Auffasiung über Die oberschlestsche Frage auf Grund des Abstim­mungsergebnisses vom 20. März ausführlich in einer Note niedergelegt, die der interalliierten Kommis­sion in Oppeln und den Regierungen der Entente in­zwischen überreicht worden ist. Die Note verficht in Überzeugender Weise den deutschen StanjPunkt über di« aus der Abstimmung abzuileitende Zuweisung des ungeteilten Oberschlesiens cm dos Deutsche Reich und ist zugleich eine Antwort auf AuslassnnKn des fron- zösischen Ministerpräsidenten Briand in seiner letzten Senatsrede. Briand hatte dort erklärt, daß die in­teralliierte Kommission die Teilung Oberschlesiens vorgeschlagen habe und zwar solle fast das ganze Lnimstriegebiet den Polen zufallen. Diese Entschei­dung bezeichnete Briand als durchaus gerecht und dem Versailler Vertrag und dem Abstimmungsergebnis entsprechend. Die deutsche Rote zeigt, daß im Gegen­teil eine solche Entscheidung ungerecht ist und dem Ariedensvertrag widerspricht.

Die Note verweist auf das Ergebnis der Ab st im. mung: 717122 Stimmen für Deutschland und 483 514 Stimmen für Polen. 694 Gemeinden wiesen eine deut­sche, 597 Gemeinden eine polnische Mehrheit aus. Das oberschlestsche Land habe sich demnach mit fast % sei. »er Einwohner und mit überwiegender Mehrheit seiner Gemeinden dafür entschieden, bei dem deutschen Reich zu verbleiben. Unter den 664 Gemeinden mit deutscher Mehrheit befänden fich sämtliche Städte des Abstimmungsgebiets und fast alle größere Ortschaf­ten, während die 597 Gemeinden mit polnischer Mehr­heit nur geringe Einwohnerzahl ausweisen und wirt­schaftlich von untergeordneter Bedeutung stnd.

Das Ergebnis der Abstimmung sei noch bemerkens- werter in Anbetracht der ungünstigen Bedingungen der Wahlhandlung: Durch das Wahlreglement stnd alle erst seit 1904 in Oberschlesien angesessenen Personen ihres Stimmrecbts beraubt worden. Auf diese Weise ist ein großer Teil derjenigen Kräfte, die an dem Auf- schwung der oberschlesischen Industrie in hervorragend­stem Maße mitgewirkt haben, von der Entscheidung über ihr Land ausgeschlossen worden. Es muß ferner beachtet werden, mit welchen Mitteln die polnische Propa­ganda auf die Bevölkerung eingewirkt hat. Durch ein Versprechen der Zuteilung bestimmter Ackerparzellen aus der zukünftigen Masse des aufzuteilenden Großgrund, und Staatsbesitzes wurden die leichtgläubigen Landbe­wohner zur Stimmabgabe für Polen bewogen. Trotz ausdrücklichen Verbots feilens der interalliierten Rom- misston ist dieser Stimmkauf bis zum Abstimmungstage beobachtet worden und hat naturgemäß starke Wirkung, besonders in den Kreisen Großstrelitz, Oppeln und Tar- nowitz, erzielt.

Ganz besonders aber fit bei der Bewertung des Ab­stimmungsergebnisses die nach einem kl« erkennbaren Plane durchgeführte terroristische Wahlibeein- slussung in Rechnung zu stellen, die allen deutschen Stimmberechtigten gegenüber von polnischer Seite aus- geübt worden ist. Seit dem Augustmfistand 1920 hat die Verfolgung Deutfchgesinnter in den Kreisen Pließ, Rybnik, Kattowitz und Tarnowitz nicht «usgchört. Der von den Polen verübte Terror steigerte sich, je näher die Abstimmung heranrückte. Ein offenes Bekenntnis zum Deutschtum, geschweige denn ein Werben für die deutsche Sache war in diesen Gebieten fast unmöglich. Wer trotz- dem aus seiner deutschen Gestnnung kein Hehl machte, war Mißhandlungen und Schädigungen ausgesetzt und mußte fernen Mut rächt selten mit dem Leben bezahlen. Selbst van den unter dem besonderen Schutz der inter- allüertm Kommission stehenden Mitgliedern der paritä- tischen Ausschüsse wurden einige ermordet, eine große Anzahl von ihnen mußten chr Amt niederlegen. So wurde unter fortgesetzten Drohungen und Gewalttaten ein Zustand der Beängstigung und Einschüchte- ou n g geschaffen, in dem die eigentliche Wahlbeeinflussung mit Aussicht mis Erfolg einfetzen konnte. Man redete der Bevölkerung em, daß die Stimmabgabe nicht geheim blei­ben werde, drohte ihr schwere Befolgungen an und er­reichte auf diese Weise, «daß viele nicht wagten, ihre Stimme für Deutschland abzugeben. Sogar bis in die Wahllokale hinein wurde die terroristische Wahlbeeinfluf- ftntg fortgesetzt. Die Mißhandlungen, die unmittelbar nach Schluß der Abstimmung wieder einfetzten, zeigten deutlich, wie recht die deutschgesmnten Wähler hatten, di«

Der König der Dolomiten.

Volksroman von Felix Nabor.

28] _________

Ein durchdringender Pfiff schreckte ihn auf. Er war mit einem Satz auf den Beinen und lief wie ein Wind­hund nach dem Hause.Hier bin ich, Herrin! Was befiehlst Du?"

->2ch kann nicht durchs Fenster mit Dir reden, An- gelo<

Sßie eine Katze flitzte er an dem Rebenspalier em- por und war mit einem Sprunge im Zimmer.Sprich, Herrin, ich gehorche."

Sie klopfte ihm wohlwollend die famtweiche Wange. Brav, mein Junge! Nun will ich einmal Deine Treue erproben. Ich sende Dich zu Rosttta*

Angelo machte einen Freudensprung.Himmlisch, Herrin! Ich werde verrückt vor Freude'

Nein, Du sollst im Geenteil sehr vernünftig sein. Und nun merk auf: Meine Tochter ist in Gefahr, und ba ich selbst nicht fort kann, um sie zu schützen, sollst Du es tun. Willst Du?"

Mit tausend Freuden, Herrin*

--So höre!" sie weihte ihn in ihren Plan ein and schloß:Du w-rst Dich sofort auf den Weg nach Salan machen und bet Deinem Oheim Filippo Quartier nehmen. Dort wachst Du über Rositta und sagst ihr, sie möge sich noch kurze Zeit gedulden, die Rettung sei nahe. Sei klug und vorsichtig. Wenn bet süßen Ro- fitta der Boden in Tirol zu heiß wird, bringst Du sie über den Paß beim Firnkreuz nach Italien. Den Weg wird Dir Dein Vater zeigen er kennt das Firnkreuz sehr ge-nau. Auch für ihn habe ich einen Auftrag uns will nachher mit ihm reden."

Angelo warf den Kopf mit dem schwarzen Gelock in ben Nacken.Soll der mich begleiten?" fragte er weg­werfend.

Es wird nicht anders gehen, Angelo"

Der Bursche schnitt eine verächtliche GrimasseDer Alte wird mir immer unheimlicher", sagte er. Er hielt mit dem Dynamit in seiner Tasche wie mit Mar­

gegen sie ausgesprochenen Drohungen ernst zu nehmen. Typisch ist übrigens, daß z. B. in ländlichen Ortschaften des Kreises Rybnik, in denen milüärische Besatzung lag und die ihrer Bevölkerung nach durchaus nicht weniger polnisch find wie die umliegenden unbesetzten Ortschaften, die Abstimmung eine deutsche Mehrheit ergeben hat, ein Beweis für die Wirkung des Terrors.

Wenn trotz des mit der Landesaufteilung betriebenen Stimmkaufes und trotz der wirksamen terroristischen Wahl- beeinslussung ein Abstimmungergebnis erzielt wurde, das nur wenig hinter einer deutschen Zweidrittelmehrheit zu­rückbleibt, so ist an dem klaren Willen des ober- schlesischen Volkes zum Deutschen Reich zu gehören, nicht mehr zu zweifeln. Die Abstimmung kann deshalb nur die endgültige Vereinigung des gesam­ten oberschlesischen Gebietes mit dem Deutschen Reich zur Folge haben.

Die Note verweist dann auf ine wirtschaftlichen und geographischen Gesichtspunkte, die noch dem Friedensvertrag Berücksichtigung zu finden haben und zu dem Schluß führen, daß die oberschlesische Industrie ein aus natürlicher Grundlage auf gebaut er, aber in ferner Vollkommenheit höchst komplizierter Organismus fei, in den einzugreifen nicht möglich ist, ohne das ganze schwer zu schädigen und etwa losgelöste Teile der Verelendung preiszugeben, daß weiter, das oberschlestsche Volk dmch Sprache. Kultur und Religion sowie durch gemeinsame Geschichte untrennbar miteinander verbunden ist. Ent­gegen dem klar erkennbaven Volkswillen darf man nicht, heißt es zmn Schluß, eine Grenze verändern, die feit 700 Jahren festgelegt und eine der öftesten Grenzen Europas bildet. Die überwiegende Mehrheit des oberschlesischen Volke» hat sich für Deutschland entschieden. Die demokratischen Prinzipien verlangen, daß dieser Hoheitsroille zur Durch­führung kommt. Die deutsche Regierung beehrt sich daher unter Ueberreichung einer Denkschrift über die wirtschaft­lichen Beziehungen zwischen Oberschiesten und Deutschland, sowie eines Gutachtens über die wirtschaftliche Einheft Oberschlesiens den Antrag zu stell«, das gesamte oberschlesische Abstimmungsgebiet unge­teilt dem Deutschen Reiche zuzusprechen. Die deutsche Regierung stellt diesen Antrag in der festen Ueberzeugung, daß Oberschlesien ebensowenig ohne Deutsch, land leben kann, wie Deuffchland ohne Oberschlesien in der Lage sein würde, sich wirtschaftlich zu echolen. Jede andere Lösung würde auch dem Friedensvertrag zuwider- laufen, der im Gegensatz zu den Voffchrifien über die Abstimmung in Schleswig eine TeiümgsmöBchkeit nicht Vorsicht.

Die deufiche Regierung ist bereit, alle Garantien zu bieten, die zum Schutz der polnischen Minder­heit für erforderlich erachtet werden. Sie glaubt bet dieser Gelegenheit darauf Hinweisen zu sollen, daß bei der Schaffung des polnischen Staates eine weit größere Minderheit von über 900000 Deutsche" non Deutschland loSgerissen wurden. ®ie deutsche Regierung würde fich ferner verpflichten, Polen unter vorzugsweise« Bedingungen die für seine Wirtschaft erforderlichen Kohlen und sonstigen Erzeugnisse au8 Oberschlesien zu liefern, so lange das überaus reiche polnische Kohlengebiet noch nicht erschloffen ist. DaS polnische Koblengebiet, mehr als die Hälfte größer als der Anteil, den Oberschlesien am Steinkohlenbecken be­sitzt, enthält alle für die Industrie erforderlichen Kohlen» sorien. Die deutsche Regierung würde auch bereit sein, weitgehende Hilfe bei der Erschließung dieser im polnischen Gebiet liegenden Bodenschätze zu leisten.

*

Die der Note beigegebene Anlagen enthalten ein umfassendes Material über die polnischen Wahl» beeinfluffungen und den wirtschaftlichen Zu» sammenhang zwischen Oberschlefien und Deutschland sowie die wirtschaftliche Einheit Oberschlesiens.

Sinnlose Zerstörungswut der Entente.

Tas Auswärtige Amt richtete an die interalliierte Militärkontroll-Kommission folgende Note:

Die deutsche Regierung Hai Kenntnis davon ge- nommen, daß die Botschafterkonferenz ihren Vorschlag, die den augenblicklichen Bedarf übersteigenden Bestände an Halbfabrikaten und Ersatzteilen für das Heeresgut bis zum Eintreten deS Bedarfsfalles im besetzten Gebiet lagern zu taffen, ablehnt und auf sosortigeZerstörung dieser Vorräte besteht. Damit wurden Werte von mehr als einer Milliarde Mark ohne militärische Notwendigkeit vernichtet. Die mortugcln. Wenn's den alten Zuchthäusler in Stücke reißt, ist'g ja nicht schade um ihn, aber ich möcht ver­schont bleiben."

So halte Dich ferne van ihm", rief Regina Del- Monte dem ungezogenen Sohne.Und nun rüste Dich zm Reise. Ich schreibe berroeil einen Brief an meine Tochter."

Wie Du befiehlst, Herrin! Und wie ist'- mit den Paffen?"

Wird alles besorgt, mein Junge. Ich habe genü- gend Verbindungen bis nach Bozen hinauf. Sei daher unbesorgt, die Bahn ist freu Und nun geh und schick mir den Allen"

Kurze Zeit darauf trat dieser ein der richtige Bandit. Verwilderter Bart, stechender Blick, umschnür- ter Spitzhut, schäbiges, geflicktes Gewand, luntpenum-1 wickelte Beine, den Dudelsack im Arm und ein Grinsen im verwitterten Spitzbubengesichte.

Als er näher treten wollte, gebot ihm Regina Sei- Monte Halt.Bleib mir vom Leib mit Deinem Ziegen, geflank!" rief sie.Auch liebe ich die Handbomben nicht, die Du in der Tasche trägst. Die mag Dein Bu­senfreund, der Ziegenbock lieben ich mag sie nicht." Der Dudelsackpfeifer gurgelte ein Lachen heraus. Keine Sorge, Domina! Ich habe die Bömbchen im Ziegenstall versteckt."

Gut. Stecke sie meinetwegen nachher wieder zu Dir jetzt habe ich Arbeit für Dich. Du muht nach Solan."

Der Alle machte einen Sprung, als hätte man ihm eine Bombe zwischen die Füße geworfen.Diavolo nach Salan? Da werden sie mich hängen"

Du wirst Dich eben nicht erwischen lassen, Lorenzo. Hier hast Du Geld alles andere wird Dir Angelo mitteilen. Sei klug, aber stets zum Handeln bereit. Fürs erste keiner Gewalt zu Salon, aber wenn die Barbaren meiner Tochter ans Leben wollen, dann kannst Du meinetwegen 'das ganze Dorf in die Luft prengen. Du verstehst mich, ja?"

Dex Alle nickte, fing das ihm zugeworfene Geld mit affenartiger Geschwindigkeit aus und verbeugte sich.

deutsche Regierung wird dadurch genötigt, ihr Budget in kommenden Jahren mit hohen Aufwendungen für den Bedarf der Wehrmacht zu belasten, die bei der Annahme des Beschlusses erspart wären. Die zur Durchführung dreses Beschlusses erforderlichen S'.nord» nungen werden erteilt.

Der Raub der deutschen Kolonie«.

In dem letzten von derTimes" veröffentlichten Auszüge aus dem Buch Lansings über die Friedens- verbandlungen wird die Kritik wiedergegeben, die Lansing gegen das System der Mandate über die deutschen Kolonien erhebt. Lansing sagt darüber:

Wenn diejenigen, die das System befürworten, be­absichtigen, dadurch den Schein zu vermeiden, daß sie feindliches Gebiet als Kriegsbeute nehmen, so war das eine Ausflucht, die niemand täuschte. . . . Wenn die kolonialen Besitzungen Deutschlands nach der alten Hebung unter die siegreichen Mächte auf geteilt und ihnen unmittelbar zu voller Souveränität abgetreten worden wären, so hätte Deutschland mit Recht den Anspruch erheben können, daß der Wert dieser terri­torialen Abtretungen auf alle Kriegsentschädi. gongen angerechnet werde, die zu beanspruchen d,e Mächte berechtigt waren. Der Völkerbund verfuhr aber bet der Verteilung der Mandate angeblich im In. tereffe der Bewohner der Kolonien und die Mandate wurden von den Mächten übernommen als eine Pflicht und nicht, um neue Besitzungen zu erhalten. So verlor Deutschland unter dem Mandatssystem seine terti. tonalen Aktiva, die seine Finanzschuld gegenüber den Allsterten hätte stark vermindern können, während die Alliierten die deutschen Kolonialbefitzungen erhielten, ohne den Verlust irgend eines ihrer Ansprüche auf Entschädigung. In Wahrhett wirkte die scheinbare ©elbftlofigfeit des Mandatssystems zu Gunsten der selbstsüchtigen und materiellen Interesse der Mächte.

Der englische Bergarbetterstreik.

Die von Lloyd Georges unternommenen Versuche, Verhandlungen einznleiten, sind gescheitert. Die Bergleute lernen die Vorbedingung die Notar­beiten auszuführen, ab und beharren auf der For­derung nationaler Löhne. Die Oeffentlichkeit, die eine Schlichtung erwartete, gerät in eine wachsende Beunruhigung. Die Berichte aus den Grubenbezirken lauten in zunehmendem Maße bedenklich.

Die Regiertt«gsbilo«ng In Preußen.

Die neM Verfassung für Preußen hat sich bei der ersten Probe nicht sonderlich bewährt. Es fehlt der Staatspräsident.

Für den Verzicht auf diese perfinsiche Spitze der Staatsgewalt ließen sich freilich sehr schätzbare Gründe anführen. Man wollte neben dem Reichspräsidenten nicht noch einen Staatspräsidenten in derselben ©tairt hinstellen und glaubte durch den jeweiligen Landtag für die Funktionen des Staatspräsidenten den not­wendigen Ersatz schaffen zu können.

Nun haben aber di« Wahlen zmn preußischen Landtag ein ähnliches Ergebnis gehabt, wie voriges Lahr die Wahlen zum Reichstag. Die Folge davon fft, daß sich bei der Regierungsbildung auch ähnsiche Schwierigkeiten ergeben, wie vor der Bildung des Kckbinetts Fehrenbach.

Das Reich hafte in dm kritffchen Wochen vom Juni 1920 einen Präsidenten, der die Entwir­rung in Fluß bringen konnte. Der Reichspräsident zog damals einen Vermittler zu Hilfe, nämlich dm an- gesehenm imd geschickten Abgeordneten T r i m b o r n, der selbst nicht Kandidat für einen Mnisterposten war, aber für den künftigen Reichskanzler und dessen Mitarbetter die Bahn frei machen sollte. Die notwen­digen Verhandlungen zwischen den positiven Parteien wurden also durch einen Vertrauensmann geführt, der einerseits durch feine persönliche Unbefangenheit und anderersests durch den Auftrag der höchsten Stelle den erforderlichen Einfluß hatte. Auf Grund der Verhandlungen konnte der Abg. Trimborn dem lllllIHIIII "

Lorenzo gehorcht", sagte er unterwürfig und verließ mit einer neuen Verbeugung den Saal.

Am Abend, als die Sonne über den Gipfeln der Adamello zur Rüste ging, zogen Angelo Ornello und sein Vater nach Roden der eine die Schalmei, der andere den Dudelsack Im Arm. Immer in einem Ab­stand von 200 Schritten, immer der Alte voraus, zogen sie ihres Weges. Trotzdem hielt sich Angelo, der für einere Kultur schwärmte, manchmal die Nase zu; der Socksgestank, den der Alte zurückließ, war gar zu ab- cheulich. ,

Von Zeit zu Zeit blieb Lorenzo stehen und schaute ich nach feinem hoffnungsvollen Sprößlmg um. Darm gebot ihm Angelo gebieterisch, weiterzugehen, und zün- bete sich eine Zigarette an.

Und der Alte trollte sich. Der tJunge aber dachte: In drei Tagen bin ich bet Rositta. Ach, wie schön ist das Leden." In seiner Freude fang er mit Heller Stimme die Siziliana aus der OperCavalleria rufti» cana":

O Lola, rosengleich sind Deine Wangen,

Rot wie die Kirschen leuchten die Lippen

Und singend, rauchend und träumend zog er feine Straße.

Durch die stillen Gaffen des ftühlingsfrischsn Berg­dorfes klangen Dudelsack und Pfeife. Aus den geöff­neten Fenstern wurden aber nur wenige Kupfermünzen in den empor gehaltenen Hut geworfen; niemand schenkte den beiden Spielleuten Beachtung, da die Welschen all­zusehr verhaßt waren. Da und dort ballte sich sogar eine Faust gegen sie, und manche bärtige Lippe mur­melte:Hüt' Dich, Welscher, hüte Dich!"

Und die Frauen pflichteten ihnen bei:Ja, die Walisch'n. Grad betteln tun's und unser schönes Land möchten's haben. Aber wart nur, bald zoag'n wir den letzten Pelz (Welscher) und jagen all zum Henker. Sell isch klar"

Und anbandeln wann's mit uns wollt" fügte ein Dritter hinzu,kommt'- nur, ihr Malischen, mer {an bereit!" ""

Reichspräsidenten die Berufung Fehrenbachs zmn Reichskanzler vorschlagen, und so kam ein Kabinett zustande, das zwar alsMinderhettsregierung" ange­sprochen werden konnte, aber durch dis Abmachungen wogen der wohlwollenden Neutralität der Sozialde- mokratie doch die genügende Stütze im Parlament hatte. Diese Lösung der Reichskrisis hat sich ja auch bisher, trotz der ungeheuren Schwierigketten in den letzten drei Jahresvierteln bewährt.

der gegenwärtigen Staatskrisis inPreußen fehlt nun der autorisierte Vermittler, weil kein Staatspräsident vorhanden ist, der einen sol­chen Sammler und Wegebereiter bevollmächtigen könnte. Die Wahl des Ministerpräsidenten soll durch den Landtag erfolgen.

Ob bis zum Wahltag am Samstag sich die par­lamentarische Lage klären wird? Wenn sich ein küh­ner und opferwilliger Mann findet, der dis Wahl zum Ministerpräsidenten annimmt, so steht er rvahrscheiri!- lich noch vor denselben Schwierigkeiten, wie seiner Zett im Reiche der Vermittler Trimborn. Er muß sich nicht bloß die geeigneten Mitarbeiter suck>en, son­dern auch noch mit den positiven Fraktionen unter- handeln wegen der parlamentarischen Grundlage sei­nes Regiments. Es muß erst eine Koalition geschaf­fen werden, die entweder in sich selbst die Mehrheit hat oder doch feste Zusagen von Außenseitern auf dauerhafte Unterstützung.

Die besondere Schwierigkeit für Preußen siegt nun noch darin, daß die sozialdemokratische Par­tei weder verzichten will auf die preußischen Ministerposten, wie sie es im Reiche getan, noch sich zur Arbeitsgemeinschaft mit der Deutschen Volkspartei verstehen will. Die Beteiligung der letzteren an der Regierung ist aber nach dem Ausfall der Landtagswahlen ebenso eine zwingende Staats­notwendigkeit, wie sie voriges Jahr eine Reichsnot- wendigkeit war. Wir haben schon hervorgehoben, daß das Verhalten der mehrheitssozialistischen Frak­tion eine Verleugnung des demokratischen Prinzips fft, das sie bisher als Nichffchnur proklamiert hatte. Ihre Bedingungen und Ansprüche waren bisher von einem Partei radttalismus getragen, der sich weder mit dem WahlHebnis, noch mit der patriotischen Pflicht in Einklang bringen läßt. Wenn nicht in letzte^ Stunde noch in der Fraktion die bessere Einsicht siegt, ist der neue Ministerpräsident nicht zu beneiden. Er würde vielleicht sein Mandat wieder zurückgeben müssen, ehe er überhaupt ein Minffterium zustande Mbracht hätte, trnb dann würde durch eine Neuwahl das traurige Spiel wiederholt werden.

Unter diesen Verhältnissen erklärt es sich, daß schon der Gedanke aufgetaucht ist, in Preußen überhaupt kein regelrechtes politisches Ministerium zu bilden, sondern sich mit einem Geschäftsministerium, einer Spielart des früher Wichen Beamtenministeriums, bis auf wetteres zu begnügen. Das wäre ein Notbe­helf, der keinen guten Eindruck im Inlands und im Auslande machen würde.

Sollte man nickst in letzter Stunde sich noch mb scheiden, das Vaterland über ine Partei zu stellen?

Preußischer Landtag.

Am Donnerstag trat der Landtag zum ersten Mott nach den Osterferien zusammen. Noch harrt seine wich­tigste Aufgabe der Lösung, die Bildung der preußischen Regierung: man hatte die Lösung dieser Frage bis nach den Osterferien verschoben, aber man ist bisher noch keinen Schrift weiter gekommen, im Gegenteil, die Schwierigkeiten sind eher noch größer geworden. Am Samstag soll nun die Entscheidung getroffen werden, denn an diesem Tage soll der Landtag den Minister- präfidenten wählen.

Gestern lagen nur kleine Vorlagen dem Hause vor. Der Antrag Porsch (Zft.) über die Wahlen zum Staatsrat in Oberschlesien wird endgültig ange­nommen. Nach Erledigung einer Anzahl weiterer Hei- nerer Anträge wendet man sich der ersten Beratung

Verächtliche Blicke folgten den beiden, von denen der eine, der mH dem schrägen Kalabreser und dem Piratenmantel um ihre Schultern, so recht einem ita­lienischen Bravo glich, während der jüngere, ein Man. ker, schöner Bursche, mit Augen wie Feuerrädern, durch fein graziöses Wesen den üblen Eindruck verwischte, den der andere machte. Doch auch ihm galt das drohende Wort:Hüte Dich, Welscher!"

Nur die Kinder folgten den beiberx, haftens ihr Gaudium an den quietschenden Tönen des Dudelsackes, schlugen Purzelbäume und wollten sich toüachen über das Grunzen und Brummen, das Näseln und Quietschen des aufgeblähten Ziegenfelles, in das der alte Bettel- Musikant mit vollen Backen blies, wobei sich feine Bart­stoppeln wie die Stacheln eines Igelfelles sträubten.

Vor der Schmiede gab es ein besonders feines Kon­zert. Michael trat im Schurzfell, die Zange in der einen, den Hammer in der andern Hand, unter das Tor, um zu sehen, was es gebe. Als er die beiden Spielleute sah, lachte er und spuckte auf das glühende Eisen, daß cs zischte.Bah Bettelmustkanten! Und trat zum Amboß und begann zu hämmern, daß die Funken wie Leuchtkäfer durch die Schmiede flogen.

Draußen warb der Dudelsack vor allen Fenstern um seinen Lohn, indessen vor der Schmiede die Schalmei in weichen, sanften Tönen -fang:

Schon glänzt das Mondlicht am Himmelsbogen, Sanft wehn die Lüste, still sind die Wogen.

Mein Nachen harret hier, komm steiget ein zu mir: Santa Luzia, Santa Luzia!

Droben flog das Fenster auf und Rosittas schönes Gesicht beugte sich heraus. Ein freudiger Ruf tarn von ihren roten Lippen.O Madonna grazia, das sind ja Landsleute Pifferari! Santa Maria, das ist An­gelo Ornello! Donde oieni wo kommst Du her?" i

Der junge Pifferaro legte den Finger an die Lippen und blies dann aufs neue die schmelzende Melodie des Santa Luzia."

(Fortsetzung folgt.)