FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 76.
Neraruwortlich für Den reOantoneUcn Teil: Karl Schütte, für die Anzeigen: I. Parzeiler-Fuloa. :: Rotationsdruck u. Berlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Telegr.-Adresse: FuldaerZeitung.
Montag, 4. April 1921»
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48. Zahrg.
Amerika als Vermittler . sie können auch schwerlich vom Ruin ter ganzen Welt
im EnLschädiaunasstreit. sich Vorteil versprechen und werden wohl mit sich reden lassen, wenn eine Hilfsaktion in Frage kommt, bei der das Ristk, mäßig und der Profit gut erscheint.
Aus Paris ist Biviani als polstischer Geschäftsreisender nach Washington gereist, um Har- bing die Schwierigkeiten Frankreichs ans Herz zu legen. Gleichzeitig erfährt man nun aus feinÄichen Plättern, daß gewisse Verhandlungen oder wenigstens ^Vorbesprechungen zwischen der deutschen und der amerikanischen Regierung im Zuge sind, die eine Einmischung der Vereinigten Staaten in den schweben- 'ben Entschädigungsstreit bezwecken. Von deutscher Seite wird dazu erklärt, daß bisher eine Vermittlung !wÄer erbeten, noch zugesagt worden ist. Die Äni- Aative dazu ist nicht von deutscher Seite ausgegairgen. Der amerikanische Geschäftsträger in Berlin hatte .mit unserem Außenminister Dr. Simons vor dessen "Reise nach Lugano eine Unterredung, in der auch die !Enischädlgunasfrage besprochen wurde. Dem Wunsch jdes Geschäftsträgers entsprechend legte Dr. Simons die deutsche Stellung in dieser Gelegenheit dar und stieß ihm auch die übliche schriftliche Aufzeichnung zu- 'gehen, damit er dieses Memorandum zum Bericht an 'seine Regierung benutze. Die öffentlich bereits be- ikundete Bereitwilligkeit unserer Regierung zu sachlichen Ausgleichsverhandlungen war hierbei natürlich auch kenntlich gemacht, doch kein Antrag an die amerikanische Regierung gestellt worden. Die Antwort der .Washingtoner Regierung auf das Berliner Memoran- dum war freundlich, aber kurz und auf allgemeine Wendungen beschränkt, so daß beide Teile sich freie Hand gewahrt haben.
Die deutsche Regierung ist also aus der Zurückhaltung, die sie sich seit der Mißhandlung in London auf» [erlegt hatte, nicht heraus getreten. Den Meinungsaustausch, den der amerikanische Geschäftsträger veranlaßt hatte, stellt keinesw^s einen Wettbewerb dar 'gegenüber der Tätigkeit des französischen Bevollmächtigten Viviaui, sondern kann eher als eine zweckmäßige Ergänz» ng betrachtet werden. Das Ziel der Mission Vivianis ist offenbar zunächst die Erlangung von finanzieller Hilfe für Frankreich, dessen Haushalt sich tatsächlich in großer Geldverlegenheit befindet. Von der fünfzigprozentigen Zwangsabgabe, die man von der deutschen Ausfuhr erheben will, -können sich die Franzosen auch noch keine Rettung des Gleichgewichts in ihrem Budget versprechen. Sie ver- isuchen also, die ehemaligen Verbündeten jenseits des Ozeans um Stundung oder Nachlaß der Der- jbindlichkeiten aus den Kriegsvorschüssen zu bitten und womöglich eine Anleihe anzubahnen, die ihnen einen Teil der deutschen Entschädigung vorweg geben -könnte.
3m Punkte der internationalen Anleihe berührt sich der französische Wunsch mit dem deutschen Aus- aleichsprogramm, das auch eine solche Flüssigmachung jt-er Jahresleistungen vorgesehen hatte. Die Voraus- Sung dafür ist aber der Verzicht auf die Zwangs- -ßnahmen und die Verständigung mit Deutschland über Form und Maß der Bürgschaften, die es für sdie Anleihe zu übernehmen hätte. Daraus folgt, daß aufs neue verhandelt werden muß, und wenn iweder Deutschland noch die Entente den ersten Schritt tun wollen, so kann ein Vermittler, der den abgerissenen Faden wieder aufhebt, sehr wertvolle Dienste keiften.
Nordamerika ist zu sehr Partei, um den Schiedsrichter spielen zu können, aber zu einer vermittelnden Tätigkeit ist es wohl geeignet — wenn es sw i ll. Ob dieser Wille vorhanden ist, läßt sich aus dem Einholen von Informationen in Berlin noch -nicht ohne weiteres ersehen. Zunächst zeigt sich nur, daß die neue Regierung in Washington den Grundsatz von der Nichteinmischung in Europa nicht als den letzten Schluß der Staatsweisheit ansieht, sondern die schwebenden Fragen prüfen und überlegen will.
Die Amerikaner sind zu fmarte Geschäftsleute, als daß man ihnen Opferfreudigkeit zutrauen könnte. Aber
Der König der Dolomiten.
Dolksroman von FelixNabor.
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Alle aber übertraf Rositta, die toll war vor Lust und des Tanzes gar nicht genug bekommen konnte. Sie wanderte von einem Arm in den anderen und tobte sich in einer Weise aus, wie sie es sich schon längst gewünscht hatte. Als es in den niederen Zimmern zu heiß wurde, zogen die von Wein und Tanz erhitzten Festgäste hinaus in die luftige Laube und in den mit Lampions erleuchteten Garten; ihr Jauchzen imb Singen klang wie ein heidnisches Bacchanal durch das stille, friedvoll schlummernde Dorf. i
Das Jauchzen und Jubilieren wurde so laut unv übermütig, daß sogar der skrupellose Wirt erschrak und den Zorn der Dorfbewohner fürchtete. Er bat Rositta, die erklärte Königin des Festes, sich doch etwas zu mäßigen; doch sie lachte ihm ins Gesicht. „Was gehen mich diese Dorftrottel an!" rief sie. Mögen sie schnar» chene in ihren Himmelbetten. Wir aber wollen das Leben genießen, wir wollen lachen und tanzen und jauch- zn, so lange uns die Freude blüht und die Wangen rosig glühen." , i
»Teuerste Signora," bat der Wirt, „mir wäre ja Alles recht, aber wissen S', es ist wegen der Nachbarn. Drüben im Jagerhäusel ist Trauer ein'kehrt. Grad eben hat's oaner heimbracht, daß der Jager von Wilderern erschossen worden ist. Die Frau und ihre Kinder jammern, und alle Nachbarn nehmen Aergernis an dem Fest. Nehmen 's wenigstens soviel Rücksicht, gnädigste Signora, daß S' bei g'schlossenen Türen tanzen und singen. 's ist wegen den Nachbarsleuten und wegen der armen Jägerin —. Dem armen Weibl können's schon in der nächsten Stund ihren toten Mann ins Haus tragen."
„D, das ist ja sehr bedauerlich," versetzte Rositta gleichmütig, „aber daran sind doch wir nicht schuld. Wir achten gewiß die Trauer der Leute, aber, mit demselben Rechte fordern wir, daß man auch unsere Gefühle achte, die in Freude ausklingen. Jenen der Schmerz — uns dl- Lust! — Jenen die Entsagung — uns der Genuß! Ein Di«rcr sagt: Hier wird gefreit und anderswo be-
Die neue Zollgrenze am Rhein.
Der Botschafterrat hat nunmehr die Vorschläge des von ihm gebildeten Ausschusses über die am Rhein her- zustellende Zoll-Linie genehmigt und der Rheinlandkommission Vollmacht zur Durchführung der in London beschlossenen Zollstrafmaßnahmen gegeben.
Die Zollgenze wird nicht mit dem Lauf des Rheins gleich gehen, weil dann wichtige wirtschaftliche Gebiete, die zu beiden ©eiten des Flusses oder im Gebiet dsr Brückenköpfe liegen, nicht einbezogen würden. Einem englischen Vorschlag entsprechend wird töc Zollgrenze innerhalb des von den Engländern besetzten Gebietes eingerichtet werden, falls die Kontrolle dadurch erleichtert wird. Die Stellen, an denen Zollposten zu schaffen sind, werden von der mtevalliierten Kommission rm Einverständnis mit den Führern der Besatzungsiruppen bestimmt werden. In Koblenz wird ein kettender Ausschuß für die Rheinzölle seinen Sitz erhalten. Diesem wird der „Zollkommissar für das Rheinland" unkenstellt. Die drei Hauptzollämter in Wiesbaden, Mainz und Ludwigshafen werden zu „Landesfinanzäm- tcmn" erhoben an Stelle der Asm ter in Kassel, Darmstadt und Würzburg. Die 19 Hauptzollämter an der neuen Zollgrenze werden zur Erhebung der Zölle benutzt werden. Ferner werden die schon bestehenden 31 gewöhnlichen Zoll- Hinter in der Nähe der neuen Grenze bemitzt werden. Außerdem sollen 21 neue Zollämter geschaffen werden. Das Zollsystem für di« Rheinschfffahrt bleibt bestehen, jedoch sollen die Schiffe, die vom Ausland kommen, sowohl in Ruhrort als auch in Mainz durchsucht weiden. Das deutsche Zollpe-rsonal umfaßt augenblicklich 1900 Beamte. Don diesem Personal sollen 70 Beamte and 80 Hilfsarbeiter für die Cinkassierungsbüros verwandt werden. Außerdem sollen noch wettere neue Beamte hierfür eingestellt werden. Eine interalliierte Kontrolle wird staffel- weise eingerichtet. Die Ueberwachung der Zollinie erfolgt durch die'Vesetzmigsarmee.
Was den Tarif anbeirifst, so ist bestimmt worden, daß für ine aus dem mchtbesetzten Deutschland kommenden Waren in der ersten Periode 25 pZt., in der zweiten 50 pZt. und in der d-rttten Periode die vollen Beträge der deutschen Zollsätze erhoben wachen, und zwar in Goldmark, während für die aus dem Rheinland nach dem übrigen Deutschland ausgeffihrten Waren die gfektjen Sätze, aber in Papienmark in Anwendung kommen
Schädliche Vorsicht. ,
Die drohende Zollgrenze am Rhein muß gewisse Stockungen zwischen dem besetzten Gebiet und dem übrigen Reich« Hervorrufen. Den feindlichen Maßregeln werden deutsche Gegemnaßrogeln folgen müssen und man darf sicher sein, daß man im besetzten Gebiet für solche Gegenmaßregeln volles Verständnis haben wird und sie als etwas Notwendiges hinnimmt. Etwas ganz anderes aber ist es, wenn Geschäfts- Häuser des unbesetzten Gebietes anfangen, die Geschäftsverbindungen zwischen dem besetzten und dem unbesetzten Gebiet zu erschweren. Manche Häuser des unbesetzten Gebietes behandeln ihre Kunden im besetzten Gebiet schon heute so, als seien es lästige Ausländer. Es gibt große Firmen mit hohen Gewinnen, die sich nicht genieren, von alten und erprobten Kunden im besetzten Gebiet entgegen bisherigen Gebräuchen Vorausbezahlung zu verlangen oder gar eine Hinterlegung von Summen zu fordern für di« Wetterführung alter Geschäftsverbindungen. Wie das rm besetzten Gebiet wirkt, welch bittere Empfindungen dadurch hervorgerufen werden, kann man sich denken, und es wäre nur zu wünschen, daß solche überklugen Firmen den Schaden selbst dadurch zu tragen hätten, daß man ihnen im besetzten Gebiet in Zukunft solche Firmen vorzöge, die sich ihrer gesetzlichen und vaterländischen Pflicht gegen die ohnehin genug bedrängten Bewohner des besetzten Gebietes etwas mehr bewußt sind.
graben — was wollen Sie da mehr? Da s ist nun ein- mal so in der West." llnb sich an die Gäste wendend, rief sie übermütig: „Kommt, Freunde, lasset uns fröh» lich fein und lachen und lieben und tanzen, folange wir jung sind. Evoel . . . Evoel . . .
Der Wirt starrte das herzlose Weib entsetzt an; selbst ihm, dem alten Sünder, flößte diese Sirene Grauen ein. Rositta aber ergriff ein volle» Glas, in dem der junge Wein schäumte, erhob es mit raschem Schwung über ihren Kopf und fang, sich kokett In den Hüften wiegend:
Schäumt der süße Wein im Becher, Winkt der Liebe Preis dem Zecher, Dann erfüllt der Sorgenbrecher Uns mit Mut und wonn'ger Lust. Hoch der Wein, in ihm ist Wahrheit! Er gibt unferm Geiste Klarheit, Zeiget uns des Lebens Narrheit Rosig verklärt in süßem Rausch. —
Die Gäste stimmten jubelnd in den Refrain ein und jauchzten der schönen Sängerin zu. Die Gläser wurden geleert und aufs neue gefüllt, die Freude schwang ihr goldenes Szepter und in jauchzender Lust, in rasendem Tanze, mit heißen Wangen und brausendem Blut, die Stirne mit Weinlaub umkränzt, tobte das wilde Bacchanal durch den Garten, öurch Haus und Laube. —
Der Morgen graute, als das Bacchusfest sein Ende fand. Die Wagen und Autos standen vor der Wirtschaft bereit, um die trunkenen Gäste nach Bozen zu bringen. Aber ehe sie Abschied nahmen, wollten sie Rositta, der Königin des Festes, die ihnen so herrliche Genüsse bereitet hatte, noch eine Huldigung barbringen und sie nach Hause geleiten.
Arm in Arm, die ganze Breite der Straße füllend, mit heißen Gesichtern, zum Teil noch mit Weinlaub bekränzt, zog die Gesellschaft durchs Dorf, lachend und singend, noch ganz erfüllt von der Lust des nächtlichen. Festes.
Doch mit einem Male verstummten sie, blieben mit zu Stein erstarrt fteb- und blickten, von Entsetzen unv Grauen gepackt, die Straße hinaus . . .
Ein düsterer, trauriger Zug kam ihnen entgeg; Vier Männer trugen eine Bahre, auf der ein Toter
Es ist darum erfreulid), daß sich im unbesetzten Gebiet die Stimmen mehren, die die selbstsüchtigen Rücksichtslosigkeiten wieder gutmachen wollen. Auf Grund einer Bekanntmachung der Handelskammern des besetzten Gebietes richtete die Hamburger Handelskammer an die Hamburger Kaufmannschaft die Aufforderung, nichts zu tun, was geeignet sei, die mutige und aufrechte Haltung der ohnehin schwer genug getroffenen Bevölkerung am Rhein zu beeinträchtigen. Man muß die Erwartung aussprechen, daß der erfreuliche Schritt der Hamburger Handelskammer nicht vereinzelt bleibt. Das fehlte noch gerade, daß wir uns aus Eigennutz und übertriebener Vorsicht ins eigene Fleisch schnitten und dem Gegner durch ein Unterstreichen der Wirtschaftsgrenze am Rhein in die Hände arbeiteten.
Zusammenhalten und gemeinsam das Kommende trageg, das ist die Pflicht von Handel und Industrie, denn nur im Zusammenhalten kann der Keim zur zukünftigen Blüte Deutschlands und seines Wirtschaftslebens liegen.
Kriegsunkrsuchung des Hofen Kreuzes.
In Genf tagt zurzeit eine Internationale Konferenz der Roten Kreuze, auf der auch Deutschland vertreten ist. Auf Anregung der Bertreter von Kanada, Australien und Griechenland hat die Konferenz em« stimmig -die Einsetzung einer Kommission beschlossen, welche die während des letzten Krieges von den beiden Kriegsparteien gegeneinander erhobenen Beschuldigun- gen wegen Verletzung der Genfer Konvention Xa ch - prüfen soll. Die Kommission wird in der Weise gebildet werden, daß die Roten Kreuze von Spanien, Holland, der Schweiz, Schweden, Norwegen und Dänemark um Benennung je einer hervorragenden Persönlichkeit gebeten werden. Die Roten Kreuze der kriegführenden Länder werden ihre Klagen der Kommission oorlegen, welche sie nach Anhörung des Roten Kreuzes des beschuldigten Staates prüft.
In Deutschland wird dieser Konferenzbeschluß lebhaft begrüßt werden. Zum ersten Make bietet sich die Gelegenheit, die von beiden Kriegsparteien gegeneinander erhobenen Vorwürfe vor einem neutralen Forum zum Ausfrag zu bringen. Das wird sich als das beste Mittel erweisen, den Streit über dos Vergangene zum Abdschluß zu bringen und den Weg für ein künftiges internationales Zusammenarbeiten sreizmnachen.
Die Ereignisse in Ungarn.
Karls Abreise aus Steinamanger, die schon Freitag abend hatte erfolgen sollen und für die auch auf deuisch-österreichischer Seite alle Vorbereitungen getroffen waren, ist in letzter Stunde verschoben worden. Ueber die Gründe dieser Verschiebung ist man sich bis jetzt nicht flar. Am wahrscheinlichsten ist, daß Karl sich angesichts der feindseligen Haliung der deutsch-österreichischen Eisenbahner scheut, die Durchreise durch ganz Demsch-Oesterreich zu machen, und wünscht, über Steiermark und Körnten durch Italien die Schweiz zu gewinnen. Eine andere Möglichkeit ist, daß Karl sich weigert, die Sicherheiten für sein künftiges Verhalten zu geben, die die Schweiz von ihm fordert, und infolgedessen vorzieht, das angebotene Asyl in Spanien anzunehmen. In beiden Fallen müßten Verhandlungen über die Durchfahrt mit Italien geführt werden, die selbstverständlich noch nicht abgeschlossen sein könnten. Auf alle Fälle, ob die Durchfahrt durch Deutsch-Oesterreich oder durch Steiermark, Kärnien und Italien erfolgt, werden Offiziere der Beibandsmächte und der Nach- folgefiaaten auf deutsch österreichischem Boden als Bevollmächtigte der drei Parteien mit dem Sonderzug Karls mitfahren, so daß er wie ein Gefangener bewacht sein wird.
lag. Ein grauer Mantel bedeckte seinen Körper unv jein Gesicht, Blut tropfte aus feiner zerschossenen Brust . . . Eine weinende Frau mit vier jammernden Kindern folgte der Bahre, etliche Dorfleute hatten sich ihnen an- geschlossen und hochaufgerichtet schritt der Richter von Salem unter ihnen.
Dicht vor den erschrockenen Zechgenossen setztm die Träger die Bahre nieder und der Richter schlug den Mantel zurück. Ein blasses, schmerzverzerrtes Gesicht wurde sichtbar, aus dem der Mondschein gespenstisch ztt- terte. Die Frau und die Kinder schrien vor Entsetzen laut auf, die Dorfleute weinten leise und unterbrachen ihre Gebete, der Richter aber sprach mit tiefer, grollen- der Stimme: „Ihr leichtfertigen Genußmenschen, während ihr gezecht, getanzt und gejubelt habt, hat dieser pflichtttteue. Läger sein junges Leben lassen müssen. Müßt ihr da nit vor Scham in den Boden sinken? Seidl's ihr Menschen? Na — trunkene Bestien seid'sl Aus dem Weg, Lumpengesindel! Gebt's die Bahn frei — der Tod geht durchs Dorf."
Don dm niederschmetternden Worten wurden die Ze- cher nüchtern und stoben auseinander — nur Rositta blieb an der Bahre zurück. Als auch sie zu entfliegen suchte, hielt sie der Richter mit eisernem Griffe zurück. „Pfui, schäm Dich!" raunte er ihr zu. „Ohne daß es Dein Mann weiß, treibst Du Dich mit verlottertem Stadtgesindel umeinand. Das ist nit deutsche — das ist welsche Art. Hast Du keine Ehr? A deutsche Frau tut so was nit. 's ganze Dorf wird Dich verachten und verfluchen und dös Aergernis, wo Du geben hast, ist nit mehr gut z' machen. All' im Dorf werden Dich has- sen, und auch ich sag mich los von Dir, Du herzloses, Du ehr- und pflichtvergessenes Weib. Da — fchau den .Toten an! Der hat in derfelbigen Stund sterben müssen, wo Du tanzt und g'lacht und 'trunken und g'jauchzt hast. Siehst die Todesqual in sein Gesicht — vielleicht erbarmt'« Dich des Toten, vielleicht gehst in Dich und be- reust, was Du tan hast in dieser verfluchten Nacht. Wenn Dich aber auch der grausige Anblick nit rührt, nachher bist verloren und nit wert, unter uns z' wohnen.
Er zog sie ^icht zur Bahre hin, obwohl sie sich dagegen ffräubte. - .
Internationaler Sozialistenkongreß.
3n Amsterdam haben der Exckutioausschuß der Zwei- tcn Internationale und die internationale Gewerkschafts, konferenz eine gemeinsame Sitzung abgehalten. Er handell sich um die Richtung in der Sozialdemokratie, die den deutschen Mehrheitssozialdemokraten entspricht. Links davon gibt es noch zwei Internationalen: die Dritte Internationale, deren Mittelpunkt Moskau ist, und die internationale Zweieinhalb, die unter tatkräftiger Mitwirkung der deutschen Unabhängigen vor eint» gen Wochen in Wien gegründet wurde. Ihr hat sich dies« Tage die englische Arbeiterpartei angeschlossen.
In Amsterdam wurden eine Reihe von Beschlüssen gefaßt, in denen anerkannt wird, daß die deutsche Entschädigungspflicht durch die Leistungsfähigkeit des deutschen Volkes begrenzt wird und nicht dahin führen darf, daß Deutschland vernichtet, sein Wiederaufbau unmöglich gemacht und seine Arbeiterschaft zu wirtschafllicher Sklaverei verurteilt wird. Die Aufbietung militärischer Gewalt verlängere nur die Periode der Unsicherheit und ermögliche es der Reäktion und dem Kapitalismus, neue Kräfte zu sammeln, den Haß unter den Völkern neu zu entfachen und Europa in neue Abenteuer zu verwickeln.
Die Konferenz bezeichnete es als die Pflicht der Ententeregierungen, Deutschland sofort in den Völkerbund aufzunehmen. Um die Arbeit des Wiedraufbaus in Gang zu fetzen und ihre Fortsetzung Lu sichern, sollen unter der Garantie des Völkerbundes internationale Anleihen aus- gegeben werden.
Die AufruhrbewegttNfl.
Zurücknahme der Eeneralskreikparole.
Die Paricilettungen der Vereinigten Kommuniftifchen Partei und der Kommunistischen Arbeiterpartei haben am Freitag abend den Beschluß gefaßt, ihre gemeinsam erlassene General st reikparole zurückz^inehmen. Die Aufhebung des Generalstreiks g'it für ganz Deutschland. Die mitteldeuischen Kommunisten, die sich dem Beschluß widersetzten, blieben in der Minderheit.
Ter Fall Sylt.
Im Berliner Polizeipräsidium hat am Samstag der Lokaltermin in ver An ewgenheit der Erschießung Sylts stattzefunden. Hieran nahmen u. a. die Mitglieder der Gewerkschaftskommission, ferner die Ortskartelle des A.-f.-A.-Bundes und die lieber dcS Betriebsrates der Elektrizitätswerke teil. Die Feststellungen bestätigten in vollem Umfan e die Behauptungen des Polizeibeamten, wonach Sy t vor einem gluchtveisuch ausdrücklich gewarnt iuorbe war und dennoch zu fliehen versucht hat. Die stad ichen Arbeiter in Berlin haben im großen und ganzen nach dem Tode Sylts gegenüber dem Gedanken eines Proteststreikes eine gewisse Mäßigung an den Tag gele t. In Lichtenberg, einem durch ferne besonders radikale Arbeiterbevölkerung bekannten Vo orte Be> lins, ist es am lsamstag abend doch zn einem Streik gekommen. Die Arbeiter der dortigen ftädlischen Gas- und Wasserwerke wollen durch einen Proteststreik erzwingen, daß Der Polizeipräsident anordnet, auf Flüchtlinge Dürfe überhaupt nicht mehr ges rossen iverDen. Es versieht sich von selbst, daß eine glatte Aushebung eine Unmöglichkeit ist, denn, wenn für einen Verhafteten der Fluchtversuch nut keinem Risiko meqr verbunden ist, so wird er Gefallen an ihm finden. Leute vom Schlage der Lichtenberger Kommunisten können sich die Streiterei aber leisten, denn der Berliner Magistrat hat bisher die Streittage in gleich unbegründeten Fällen „anstanDStos" bezahlt und so wird eS auch diesmal gehen.
Die letzten Kommunisten-Tlester gesäubert.
Gegen die in der Nähe von Bees enstedt, einem Dorf in der Eislebener Gegend, sich plündernd und raubend herumkreibende kommunistische Band« von etwa 500 Mann wurde am Samstag eine erfolgreiche Aktion der Halleschen Schutzpolizei veranstaltet. Beesenstedt war mit Maschinengewehren und Minemversern stark befestigt. Nach heftigem Widerstand der Rebellen ge» lang es bet Polizei, unter Einsatz von Artillerie das Dors zu nehmen. Die Rebellen hatten 38 Tote »ad viele Gefangene. Sie ließen sechs Maschinengewehre, 150 Gewehre sowie ihre ganze Bagage von vierzig bespann»
,,Lch will keinen Toten sehen," kreischte sie. „Mir graut davor."
Aber der Richter war unerbittlich und zwang sie auf die Kniee nieder, daß sie dem Toten in das starre Gesicht, in die glasigen Augen sehen mußte „Betel" befahl er.
„Ich — kann — nicht — beten!" stammelte sie mit ihren heißen Lippen, die noch eben gelacht und getrunken hatten. f
„So geh Deines Weges und zittere vor Gottes Gericht!" rief der Richter mit fürchterlicher Stimme, riß fl« empor und schleuderte sie voll Verachtung zur Seite, daß sie taumelnd zu Boden stürzte. Mit einem wilden Schrei, an allen Gliedern zitternd, vor Wut und Scham mit den Zähnen knirschend, erhob sie sich , und tief ihrem Hause zu.
Die Träger aber hoben die Bahre wieder auf, um sie nach dem Iägerhäuschen zu tragen Don den Sippen der Dorfleute klang das Gebet für den Toten durch di« stille Gasse.
Dann wurde es stille. Auf weichen Sohlen kam der junge Morgen von don Bergen, und am Himmel stieg langsam, erhaben und fe'erlich wie ein goldig strahlen- des, allfchendes Auge die Sonne empor und verkündet« einen neuen Tag. —
(Fortsetzung folgt.)
-t. Kulturkampfs-Erinnerunge«. ii.
Während die Herren Domkaplan Weber und Pfarrer Helfrich im Gefängnis saßen, wurden ihnen täglich abends unter Hochrufen und Absingen religiöser Lieder vor dem Amtsgericht sympathische Ovationen dar- gebracht, die sich bei der Entlassung zu einer allgemeinen gewaltigen Bolkskundgebung steigerten. Es zeigte sich da, daß das katholische Fulda das alte sein und bleiben wollte. Freilich war es eine ganz neue und bisher unerhörte Veranlassung; denn seit Menschengedenken war es in Fulda noch nicht vorgekom- men, daß ein Priester zur Abbüßung irgend einer Strafe gefänglich eingezogen worden war. Darum feilte aber auch die Teilnahme an dieser glücklich über»