Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.
Nr. 74.
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48. Zahrg.
Sozialistischer KiEuriag.
Am Donnerstag und Freitag der Karwoche — fast sicht gerade die Wahi dieser Tage wir eine Demonstration gegen die Empsindmigen der christlich gesinnten Mitbürger aus hatte die deutsche Sozialdemokratie nach Dresden einen Ges amt lehre r- ita g der sozialistisch gerichteten Lehrerschaft zu- sammTnberufen. Neben den 400 aus allen Teilen des Reiches erschienenen Lehrern waren anwesend Ver- ’ tret er der Parteibildungs- und Iugendausfchüsse, ferner sozialistische Vertreter einzelner Landesregierungen, so u. a. solche von Preußen und Sachsen, dann Vertreter der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion und vieler Landesfraktionen. Selbstverständlich sah man den preußischen Kultusminister Haenisch, den sächsischen Ministerpräsidenten Buck und den Minister Fleisner. Auch der deutsche Reichstagspräsident Lobe und tei% frühere österreichische, Gesandte Professor Hartmann waren erschienen.
Die Tagung selbst bezekchyete sich als den „ersten sozialdemokratischen Kultuatag". Man hatte sich dort also ein Stelldichein gegeben, um die Mitwelt darüber zu belehren, was unter s o z i a l i st i s ch e r Kultur zu verstehen sei. Und da hat er uns in aller Deutlichkeit gezeigt, welches auch heute noch die Stellung der Sozialdemokratie zu Christentum und Schule ist.
Mehrheitssozialistische Dersammlungsredner haben uns vor der letzten Wahl immer wieder glauben machen wollen, daß die Religionsfeindlichkeit der Sozialdemokratie ein Märchen sei, daß der Satz des Erfurter Programms: Religion ist Privatsache" nichts anderes ! bedeuten solle, als das Bekenntnis, daß die Sozialde- .mokrotie religiösen Dingen gegenüber gleichgültig und ^uninteressiert sei. Der Kulturtag der Sozialdemokratie in Dresden aber hat in dankenswerter Weife das wahre Gesicht sozialistischer Denkart nach dieser Richtung hin enthüllt. Der Kampf der Sozialdemokratie ist rücksichtslos auf die Verni chtuttg der christlichen Schule und die restlose Durchfüh- nmg der sozialistischen Schule gerichtet. Uni) selbst die Gemäßigten unter ihnen wollen die durch die Reichsverfafsung Art. 149 geschaffene Lage nur als einen Uebergangszustand ansehen, der ihnen ben Weg nicht vermauern, sondern im Kamps um ihre Ziele öffnen soll. Dieser Paragraph der Reichsverfafsung ist den Herren von Links ein Dorn im Auge. Der Genosse Arzt forderte darum in einem von ihm gegoltenen Referat, daß alles daran gefetzt werden muffe, den § 149 der Reichsoerfassung zu Fall zu bringen, und der Staatssekretär des Reichsministeriums des Innern Heinrich Schulz sprach unter diesem Gesichtspunkt den Wunsch aus, daß die Machtoerhäll- niffe in den Parlamenten geändert werden müßten. Herr Schulz hat weiter heroorgehoben, „daß er nur unter dem Zwange der politischen Lage dem Weimarer Schul kompromis zuge- st i m m t habe" und er hat schließlich noch hinzugefügt, daß „die Waffen noch nicht genug mit sozialistischem Geiste durchdrungen" seien. Der sächsische Kultusminister Fleisner stellte unter dem Beifall der Versammlung fest, man dürfe sich keiner Täuschung darüber hingeben, daß die Sozialdemokratie er st am Anfang schwer st er Kämpfe stehe. Der Kampf für die sozialistische Schule sei ein eminent politischer Kampf und die Lehrer möchten gute Pioniere in diesem Kampfe sein. Und der Wg. Prof. Dr. Rad- bruch war wohl am offensten, wenn er den sozialistischen Geist durch den Ausruf kennzeichnete: „Alle Pfaffen sind uns zuwider, sowohl die des Atheismus als auch die Pfaffen überkommener Religion."
So sieht also der Satz „Religion ist Prioatsache" in der Praxis aus. Jeder christliche Mann und jede jede christliche Frau werden nunmehr noch viel bester wisst» als früher, welche Parteien sie zu stärken haben, damit, wie Herr Schulz richtig sagt, „die Machtoer- hältinsse in den Parlamenten geändert werden", aber dahin geändert werden, daß der sozialistischen Weltanschauung ein Damm entgegenwächst, den sie trimmet-
Unpolitische Zeitkäufe.
Von Fritz Nienkemper.
Berlin, 29. März 1921.
Ach, dieses Frühlingsstst! Das Wetter bescherte uns kalten Wind und beißenden Staub, aber keinen erquickenden Regen. Sie Willkür der Menschen be- toert uns Bomben und Verbrechen, Aufruhr und Bürgerkrieg. Es siehst so aus, als ob den Alten und Kranken das Abscheiden aus diesem Erdental recht leicht und den anderen das Fortleben recht sauer gemocht werden soll.
Der März 1921 war ja von dm Unglückspropheten 'als Schicksalsmonat angekündigt worden. Mit dem fKrach von London zu Anfang dieses Monat fanden wir uns noch leidlich ab. Wir schöpften sogar frischen ;Stiem, als die Abstimmung in Oberschlesien im ganzen gut verlief; doch die Sorge wegen einiger verhetzter und bedrängt« Kreise dieses Landes pochte alsbald wieder an die Tür. Auch das hätte unser abgehärteter Magen noch verdaut; aber nun kam der Aufruhr in verschiedenen Teilen des Vaterlandes, das verbrecherische Treiben von tausenden toll gewordener Leute, die sich Deutsche nennen und das scheußlichste Elend über Deutschland heraufbeschwören wollen. Diese „Aktion", die mit dem einen Fuß im 3r= Zuhause und mit dem anderen Fuß im Zuchthause steht, kam gerade zu den Feiertagen zu ihrem höllischen Glanz. Wer Osterfrieden kosten und Öfter freute empfinden wollte, mußte aus dem eigenen Herzen stchöpfen und sich aus die Kirche und die Familie be- .schränken; draußen war nichts Erbauliches zu haben, -aber viel si'cbreckliches zu hören und zu sehen.
Wenn as die geschworenen Feinde von außen Mses ent:, so kann man sich damit noch viel eher ;abfinten, ms mit ter Entartung einer Menge von Stammeszenossen. Wir Haden doch immer gesungen ioon ter deutschen Treue, von dem Lande ter Zucht und Sitte, von dem Volke der Dichter und Denker. Und
weht überwältigen kann. Solange es noch eine starke, stoßkräftige ZentrumsparteU im Reichstage gibt, werten diese Bestrebungen der Sozialdemokratie, den Gottesglauben und die Lehre ter Liebe schon aus den Herzen ter Kinder zu reißen, niemals in Erfüllung gehen.
Tas ungarische Abenteuer Kaiser Karls.
Ueber die Reise des Kaisers wird in Wien aus Grund amtlicher Feststellungen mitgeteilt:
Er ist im direkten Schnellzuge Paris—Straßburg— Salzburg—Wien gereift. Infolge des ziemlich großen Vollbartes, den ter Kaiser jetzt trägt, war er den Grenzbeamten unkenntlich. Er reiste in Zwilkleidung mit einer Reisekappe und hat in Salzburg die Ausweiskarte des englischen Roten Kreuzes vorgewiesen. In seiner Begleitung befanden sich neben dem Prinzen Ludwig Windischgrätz sein Flügekadjutant Graf Ledo- chowsky. Der Zug traf am Karfreitag um halb 11 Uhr nachts in Wen ein. Der Kaiser fuhr in einer Autodroschke vom Westbahnhof in die Wohnung des Grafen Erdedy. Er hat Wien am Ostersamstag im Automobil verlassen. Das weitere ist bekannt.
Gegenwärtig befindet sich der Kaiser noch in Steinamanger; es wird zwischen ihm und der Budapester Regierung verhandell, um ihn zu möglichst baldiger Abreise aus Ungarn zu bewegen. Die Budapester Regierung steht dabei einerseits unter dem Druck, ter sich in ihrer eigenen Umgebung, namentlich ter Partei ter kleinen Landwirte gegen eine gewaltsame Lösung der Königsftage geltend macht, andererseits unter dem Einfluß der Drohungen, die von ter kleinen Entente ausgehen und offenbar von Italien kräftig unterstützt werten.
Der ungarischeGesandte in Wien wurde beauftragt, von ter österreichischen Regierung die Erlaubnis zur ungehinderten Rückreise Karls durch österreichisches Gebiet zu erbitten, er teilte zugleich mit, daß der gewesene Kaiser in die Schweiz zurückkehren möge. Der Schweizer Gesandte teilte der österreichischen Regierung amtlich mit, daß die Schweiz dem Kaiser wieder Asylrecht gewähren wolle, sich aber Vorbehalte, gewiffe Bedingungen daran zu knüpfen, und er befürwortete die Erteilung ter Erlaubnis zur Durchreise. Diese Erlaubnis ist denn auch geftern abend erteilt worden.
Ans Steinamanger selber, das vollständig von der Welt abgeschnitten ist, liegen nur unkontrollierbare Gerüchte und mehr oder weniger phantasievolle Erzählungen von Reisenden vor, darunter die angebliche Proklamierung ter Militärdiktatur durch den Kommandanten der weftungarischen Besatzung, den Obersten Lehar, ter sich mit seinen Truppen dem Exkaiser zur Verfügung gestellt haben soll, und bereit sei, auf Budapest zu marschieren. Die dem Obersten Lehar unterstellten Truppen sind auf ungefähr 15 000 Mann zu beziffern. Aus Budapest wird dagegen erklärt, daß die geftrinte Armee fest in ter Hand ter Regierung sei.
lieber die eigentlichen Absichten ter Entente in dieser Angelegenheit tauchen fortwährend' Zweifel auf. Amtlich heißt es ja einfach, die Entente fei einmütig und entschieden gegen die Wiederkehr der Habsburger. Aber mant traut den französischen Politikern Hintergedanken und besondere Absichten zu. Sie wünschen bekanntlich, den Anschluß von Deutsch- Oesterreich an das Deutsche Reich unbedingt zu ver- hintern; die Wiederherstellung der Habsburgischen Macht in Ungarn erscheint als ein wirksames Mittel zu diesem Zweck. Sie sind ferner auf t»e Sprengung des Deutschen Reiches bedacht; auch in dieser Hinsicht können sie sich von neuen Wirren in den Donauländern Vorteile versprechen. Es kommt hinzu, daß der Thronbewerber Karl und seine Verwandtschaft sich durch ihre bedauerliche Haltung während des Krieges bei den Franzosen beliebt gemacht hat.
So erklärt es sich, daß der Verdacht aufgetaudjt ist, der Exkaiser Karl sei doch nicht aufs Geradewohl nach Budapest gefahren, sondern das Unternehmen sei
wenn mir auch nicht so selbstgefällig waren, daß wir die deutsche Nation für den zehnten Chor ter Engel hielten, so haben wir doch gedacht, unter den vernünftigen Völkern ter Welt nähmen wir Deutsche einen ehrenvollen Platz in den vor- deren Bänken ein. Wo bleibt dieser Rest unseres Nationalstolzes, wenn wir sehen müssen, daß Tausende von deutschen Sprößlingen auf Befehl von Moskau mit Dynamit und Maschinengewehren gegen das Gut und Blut ihres eigenen Volkes muten?
„Am ersten April schickt man den Gecken wohin man will." Jetzt sind die Gedanken und die Gewiffen so verwirrt, daß sich die Leute massenhaft auf die Wege zum Zuchthause und zum Tode schicken lasten, — ja sich dabei noch sehr klug und heldenhaft vorkommen. Einige Phrasen und Schlagwörter von der „Weltrevolution", von der „Diktatur des Proletariats" und von ter „Glückseligkeit des Kommunismus" genügen, um die Leute in einen Rausch zu versetzen, der sie auch mit dem Kopf gegen Mauern anrennen IW. Der Verstand hört auf, ter Wahnsinn bricht aus Da hilft kein Zureden, da nützt kein kalter Wasserstrahl: die Zwangsjacke muß geholt werden.
Ja, die Zwangsjacke ist kein liebliches Kleidungsstück; aber für Leute, die den Gebrauch der Vernunft verlören hoben, ift sie unter Umständen eme wahre Wohltat. Sie macht es dem Tollwütigen unmöglich, sich selbst oder andere zu schädigen, und diese heilsame Freiheitsbeschränkung besorgt sie auf verhältnismäßig milde Weise. Sir muß nur rechtzeitig und von geschickter Hand angebracht werten. Wenn ter Geistesgestörte den Anfall überwunden hat und wieder richtig denken kann, wird er selber für die Kur dankbar fein.
Verbrecherische Gewalttaten lassen sich nur durch vernünftige Gewalt überwinden. In dieser Hinsicht sind leider die berufenen Wächter ter Ordnung heutzutage zu zaghaft. Die alte Regierung mag früher wohl manchmal zu schmidig und zu stramm vorge-
ein abgekartetesSpiel, bei dem die Franzosen „unter der Hand" beteiligt seien. Sie hätten den Vorstoß heimlich begünstigt, während die Pariser Regierung zu ter alten republikanischen Parole ter Entente offiziell sich noch weiter bekenne. Wenn das zutreffen sollte (und man kann es nicht einfach für unmöglich erklären), so hätten wir in den neueften,Ereignissen wieder einen besonderen Schachzug der rührigen Pariser gegen die englische Leitung ter Ententepolitik zu erblicken.
Das wäre freilich nicht gerate beruhigend für uns; tenn die Herren Poincare, Fvch, Mllerand und Genoffen find unsere unversöhnlichsten Gegner, die auf immer neuen Wegen und mit immer neuen Mitteln die Vernichtung Deutschlands anftreben.
Wir Deutsche haben keinen Einfluß auf den ungarischen Thronbewerber und seine Anhänger. Es bleibt uns nur übrig, die dortige Entwicklung abzuwarten und uns selbst nach besten Kräften gerüstet zu halten zur Abwehr der Gefahren, die siir uns erstehen können.
Die Nrrsruhrbewegmrg.
• Berlin, 31. März. Die Reichsregieruna hat auf dem TruppenübunaSplatz Ohrdruf 6000 -Kann Reichswehr zusammenaezogen zur etwa notwendig Werken Verweneuna in Mitteldeutschland.
Berlin, 31. März. Wie die Blätter mitteilen, hat die Schutzpolizei bei der Unterdrückung der Unruhen in Mitteldeutschland bis heute 3 4 Tote, darunter 3 Offiziere, und 50 Verwundete, darunter zahlreiche Schwerverletzte, zu verzeichnen. In dem Aufstandsgebiet werden Haussuchungen nach Waffen veranstaltet und nach den schuldigen Aufrührern wird gefahndet.
Der vom Berliner Elektrizitätsarbeiterstreik her be- tamte Kommuniftenfühver Sylt, der seit einigen Tagen sich ist Hast befand, ist gestern mittag, als er vom Polizeipräsidium nach dem Polizeigefängnis verbracht werden sollte und dabei einen Fluchtversuch unternahm, durch ehren Schuß schwer verwundet morden. Ob der Vorfall zu Schwierigkeiten in den städtischen Betrieben führen wird, steht einstweilen dahin. Es versteht sich von selbst, daß die Kommunisten die Elektrizrtätsarbeiter in einen Streik hineinzuhetzen versuchen; ob mit Erfolg, mutz sich binnen kurzem zeigen.
W Erfurt. 31. März. Sm Lause des gestrigen Tages bis in die späten Abendstunden hinein wurden hier zahlreiche Verhaftungen vorgenonnnen. In Erfurt-Ncwd ist ein Lager von 60 Gewehren beschlagnahmt worden. Rathaus, Hauptpostgebäude. Gas- und Elektrizitätswerk sind durch Polizei stark gesichert.
wtb. tlebenwerda, 31. März. Der Ort Li eben- Werda ist von den Kommunisten besetzt worden, die dort die Räterepublik ausgerufen haben. ES haben sich AktionsauSschüffe und rote Gerichte gebildet, welche Urteile sprechen. Eine große Aktion gegen den ganzen Kreis Liebenwerda ist im Gange.
Dresden, 31. März. Der G eneralstreikplan der Kommunisten in Sachsen kann zweifellos als gescheitert angesehen werden. Mit verschwindend geringen Ausnahmen wird in allen großen Städten und in den Industvie- bezirken gearbeitet. Nur dort, wo die Kommunisten besonders stark vertreten sind, wie in einigen Ortschaften des Dogtlandes, werden die Arbeiter noch durch den unerhörten Terror zum Feiern gezwungen. — Auch in Gotha ist der Generalstreik abgebrochen worden.
Leipzig, 31. März. Auf dem Leipziger Hauptbahnhof wurden heute früh die Haupt räd elsführer vom Leunaer Werk verhaftet, darunter tefintet sich vier Russen, fünf Oesterreicher und em Algier. Unter den Toten befinden sich vier Russen. Im Oelsnitzer Kohlenbezirk haben kommunistische Attentäter die Kesselfeuer auf den Schächten des staatlichen Kohlemverks „Gottessegen" gelöscht und die Zeche besetzt. Die Ausfahrt aus der Grube ist nicht unbedenklich und die noch im Schacht eingeschlossene Mannschaft ist erheblich gefährdet. Durch das Verlöschen der Kessel konnten den eingeschlossenen Bergleuten weder ftische Wetter zugeführt, noch sie selber zutage gefördert werden. Als die Direktion Kenntnis von dem Verbrechen erhielt, ließ sie fofort die großen Sirenen ertönen, worauf die Frauen der Bergleute herbeieilten und die halbwüchsigen Schandbuben, die die Eingänge zu den Schächten besetzt hielten, in maßloser Erbitterung daooniagten. Die sächsische Regierung hat sofort das Erforderliche zur Rettung der bedrohten Bergleute angeordnet.
gangen sein, aber die Furcht vor ter Polizei, vor dem Militär, vor tem Staatsanwalt und den Gerichten hatte doch ihr Gutes. Sie wirkte abschreckend auf die Böswilligen und ernüchternd auf die Leichtgläubigen, die zum Mitmachen beschwatzt werten sollten. Jetzt ist ter Respekt vor der umgewälzten Staatsgewalt leider in weiten Kreisen bis nahe an den Nullpunkt gesunken. Mancher läßt sich einreten, die Rote Armee sei stärker als die schwankenden Ordnungskräste ter schwachen Regierung. „Also nur fest drauf los; Sieg und Beute sind uns sieter." Unterdeffen sitzen die berufenen Wächter des Staates an ihrem grünen Tisch, legen den Finger an die Nase, sinnen -hin und sinnen her, um zu berechnen, mit wie viel Tropfen Waffer man wohl dieses Feuer löschen könnte. Daß nur ja kein Liter Wasser zu viel verbraucht wird! Erst schickt man ein bißchen Sipo ab und ein bißchen Schupo. Was an den Kräften fehlt, soll ersetzt werden durch die laute Ankündigung, daß mm mit dem bittersten Ernst den Ruhestörern das Handwerk gelegt werte. Zu tem hohlen Peitschenknall gesellt man noch etwas Zuckerbrot: wer freimütig die Waffen abtiefert, ter soll nicht nach NoTnen und Art gefragt werden, also von vornherein begnadigt werten. Die voreilige Amnestie wird im Lager ter Aufrührer als Schwäche gebeutet. Mit den dünnen Gruppen ter schwach bewaffneten Polizisten nimmt die schwer bewaffnete Bande den Kampf auf. Jeder Teilerfolg über die verzettelten Ordnungskräste stärkt den Aufruhr. Schließlich muß man doch die Reichswehr $ur Hilfe rufen. Hätte man sie sofort an den Brennpunkten eingesetzt, so wäre ter Frevel im Keime erstich warten. Letzi kostet es viel mehr Opfer.
Wer an der Gefutchheit seines Volkes verzweifeln will, tem sagt man zur Beruhigung, die treibende Kraft sei das verbrecherische Gesindel, das faule und gierige Lumpenproletariat, das in jeder Na- j fron zu finden fei. Nun wohl, wenn das ter Fall ; ist, so muß um so mehr mit aller Kraft und aller 'Schnelligkeit durchgegriffen werten; denn diese
* halle, 30. März. Die Säuberungsaktion tn Mitteldeutschland schreitet langsam und unter Ueberwindung er» heblicher Hindernisse fort. Die großen Städte sind von den roten Banden befreit. Diese haben sich jedoch in ihrem Rückzüge in einer größeren Anzahl kleiner Ortschaften, festgesetzt und führen von dort aus eine Art Guerillakrieg gegen die Sicherheitspolizei und die feit gestern im Verein mit ihr eingesetzte Reichswehr. Der Zugverkehr nach Halle ist noch immer auf mehreren Strecken gesperrt. Die Züge von Süddeutschland werten über Leipzig nach Bitterfeld geleitet. Die Strecke von Halle nach Erfurt sowie die Strecke Halle—Leipzig sind von kommunistischen bewaffneten Banden unterbrochen. Bis heute war auch der Bahnhof von Gräbers in den Händen der Komnw- niften. Seit gestern wütet dort em sehr heftiger und für beide Seiten verlustreicher Kampf. Auch auf der Strecke Mtterseld—Halle, die bis heute nachmittag noch frei war, haben sich noch Einbruch der Dunkelheit kommunistische Banden festgesetzt, die ten Bahnhof Lands berg besetzt halten.
wtb Delitzsch, 31. März. Die roten Banden haben den Ort Gräbers gestern nachmittag geräumt; jetzt streifen sie plündernd und raubend umher. Der Gemeindevorsteher Hesse in' Roitzschgen wurde von ihnen erschossen. Der Haupistützpunkt der Banden soll Petersberg bei Halle sem. Schutzpolizei und Reichswehr sind im Anmarsch. Aus dem befreiten Gräbers treffen Nachrichten über das Wüten ter roten Banden ein. Es wurde geplündert und geraubt,: Bi eh wurde weggetrieben und geschlachtet. Der Räuberhauptmann Hölz selbst soll ten Oberbefehl in Gräbers geführt haben. Jedenfalls tragen die Requisitionsscheine die Unterschrift Max Hölz. Nach einem vergeblichen Attentat auf das Postamt wurden fämtliche Leitungsdrähte durchschnitten und die Pfähle ter Telephonleitungen mngelogt.
' wtb Essen, 31. März. Im Rheinisch-Westfälischen Industriegebiet ist die Lage unverändert. Auf der linken Rheinseite befinden sich noch die Belegschaften einiger Zechen im Ausstande. Wie von kommunistischer Seite mitgeteilt wird, beschloß die Streikleitung für den Westen in der Nacht den Abbruch des Streiks. — In dem linksrheinisch gelegenen Orte Homberg a. Rh. drangen gestern mittag kommunistische Terroristen in die Wohnung des Arbeiterführers und mehrheitssoziali- stischen Stadtrats Zimmer ein. Unter wüsten Be- fchimpfungen wurde Zimmer auf die Straße gezerrt und in bestialischer Weise mißhandelt. Erst im letzten Augenblick gelang es einem starken Aufgebot von Polizei und belgischen Besatzungstruppcn, Zimmer seinen Bedrängern zu entreißen und den Verletzten ins Krankenhaus einzuliefern. Im Laufe des Tages wurden durch belgische Besatzungstruppen verschiedene industrielle Werke von den Aufrührern gesäubert.
Duisburg, 31. März. Das Kruppwerk in Rheinhau- fett war heute morgen der Schauplatz eines blutigen Kampfes zwischen arbeitswilligen Arbeitern und den seit gestern das Werk besetzt haltenden Kommunisten, die gewaltsam jede Arbeit verhindert. Heute morgen um 6 Uhr wurde das Eingangstor des Werkes von einer nach Taufenden zählenden Menge von Arbeitern gestürmt und die Kommunisten angegriffen, von denen 6—8 verwundet wurden. 3n den Kampf griffen auch belgische Besatzungstruppen ein, die etwa 20 Kommunisten verhafteten und sofort abtransportierten. Die Arbeit auf dem Werk ist wieder aufgenommen worden.
wtb. Darmstadt, 31. März. Gestern wurden fün, Vorstandsmitglieder der Ortsgruppe Darmstadt _ bei kommunistischen Partei, welche aufreizende Flugblätter hatten verteilen lassen, verhaftet.
W Stuttgart, 31. März. Hier wurde heute eine Anzahl kommunistischer Führer während einer Geheimsitzung verhaftet undmSchutzhaft genommen.
ffito. München, 31. März. Nachdem tn den letzten Tagen bereits mehrere kommunistische Führer verhaftet wurden, sind heute weitere sieben Kommunisten unter dem Verdacht politischer Umtriebe sestgenommen worden.
Deutsches Reich.
* Berlin, 31. März. Nach neueren Meldungen soll die Nachricht über die Absendung einer a m e r t f a n i« schenEinspruchsnotean den Verband nicht zu- treffen; eine solche Note soll vielmehr erst in Vorbereitung sein.
* Der Leberfall van Eberbach. Auf Betreiben ter Neichsregierung hat die badische Regierung den Amerikanern Naef und Zimmer, die wegen des Heber- falles auf Bergdoll in Eberbach zu einer- Freiheitsstrafe verurteilt waren, die Strafe unter der Vor
geborenen Räuber, Plünderer uni) Mordbrenner verdienen doch keim Behandlung mit zarten Fingern oder gar mit Amnestie-Handschuhen. Man muß die verbrecherischen Naturen unschädlich machen, ehe sie leichtsinnige und verblendete Elemente in Hausen an sich heranziehen können.
Die Schurken finden zu viel Dumme, die sich von ihnen betören und mißbrauchen lassen. Was sonst zum ersten April als Scherz betrieben wurde, die Betörung von Leichtgläubigen wird jetzt in ter Partei- politik systematisch betrieben mit dem bittersten Ernst und dem traurigsten Erfolg. Maffenhaft lassen sich die Leute zu Aprilnarren machen, die sogar ihre eigene Haut in der Verblendung riskieren.
Angeblich sind es meist jüngere Leute, die sich in diesen verbrecherischen und blutigen April schicken kaffen. Das ist fein Trostspruch. Welch ein Licht fällt auf die Erziehung unseres Nachwuchses, wenn die Jugend so wenig Denkkraft und so wenig Scheu vor Roheiten f^it? Und wie jämmerlich stehen die reiferen Jahrgänge da, wenn sie nicht einmal so viel Kraft und Mut haben, um tem Terror der Verbrecher und ter betörten Jugend die Stange zu halten?
Die Gutwilligen sind zaghaft, die Böswilligen sind frech und rührig. Wir müssen allzumal an die Brust schlagen und uns aufraffen zu besserer Tatkraft. Erstens in ter Einwirkung auf die Jugend, daß sie vernünftig denken, menschlich fühlen und sittlich hanteln lernt. Zweitens in ter Unterstützung ter Regierung, ter aus tem Volk hernus mehr Energie eingespritzt werden muß. Sonst kommen wir aus den Unruhen nicht heraus; sonst wird die deutsche Nation ein Opfer ter verbrecherischen Minderheit und der Aorilnarren, die sich von den Verführern betören und mißbrauchen kaffen.
Sollen die Zuchthäusler und die Irrenhäusler das Regiment an sich reißen? —