FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Aulda.
| 48. Zahrg.
Samstag, Märr )921
Nr. 65
in Fulda.
Die polnische Valuta — gestrichen.
Nach einer Meldung de; Amsterdamer Tclegraaf wurde die Notierung der polnischen Valuta an der Amsterdamer Börse gestrichen.
In Köln und anderen rheinischen Städten waren gestern 100 polnische Mark für drei deutsche Mark und für 30 belgische Centimes zu haben.
angenommen. . „ , , . „
Nach Eiledigung wertere Vorlagen vertagt sich da- Haus auf Samstag.
Deutsches Wirtschaftsabromme«
mit Rußland.
Die Verhandlungen über den Ausbau und die Festigung der bereits zwischen Deutschland urck Rußland bcstehentM Beziehungen haben zur Aufstellung vorläufigen Protokolls geführt. Das Protokoll enchält neben einem Zusatzabkommen über die endgültige Abwicklung der Kriegsgefangenen-Ange- legenheit ein Abkommen über die Rechte der beider-
Der Fall von Kronstadt.
Es bestätigt sich, daß die Fe stu ng Kro nstadt nach heftigen Kämpfen von den Bolschewisten erobert wurde, lieber den letzten Kampf der Kronstädter Antibolschewisten wird über Kopenhagen berichtet:
Em außergewöhnlich hastiges Bombardement wurde am Mittwoch um 3 Uhr morgens aus Systorbäk und Kvas- \ naja Gorka gegen Kronstadt eröffnet. Eine HÄ-be Stunde später zogen'die roten Truppen über das Eis gegen Kron- ftodt. Der Anariff wurde mit Artilleriefsuer bevntwortet. | Wer die Rotgmd-isten, die m Schneehemden und durch den Nebel ^schützt waren, kamen trotz schwerer Verluste den Fffttmgswerken immer näher und zogen endlich w die Kronstadt er Straßen ein. Sie wurden hier von den Kron- stodter Kommunisten, die sich bis jetzt neutral verhalten hatten empfang«,, und mit diesen vereint, eröffneten sie einen Kampf in den Straßen. Die Rotgardisten wurden nach einer Stunde wieder aus der Stadt hinausgetrieben, toe Forts der Stadt blieben jedoch fest in den Händen der Bolschewisten, und das entschied den Kampf.
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Mit einer seltsamen Zähigkeit vermag sich das Sowjetregime, trotzdem es zweifellos rm ganzen russischen Volke äußerst unbeliebt, ja verhaßt ist, zu halten. Im ganzen weiten russischen Reiche gahrt es und brodelt es, überall glimmt und glüht die Gegenrevolution unter der Oberfläche. Aber stets vermochten die Sowjetdiktatoren die ausbrechenden Brände zu ersticken. So ging es auch mit diesem letzten, gefährlichsten Ausstand der Antibolschewiften. Die starke, als uneinnehm- bar geltende Seefestung mrmittelbar vor den Toren Petersburgs in den Händen der Feinde der Sowjet- diktatoren, und zwar nicht mehr einzelner zaristischer Generale mit wenigen Truppen nach Art der Kolt- schak, Denikin, Awakow, Judenitsch, Wrangel, Seme- now und wie sie alle heißen, sondern der Leibgarde Trotzkis, der baltischen Matrosen, mit denen ein großer Teil der russischen Arbeiterschaft und der Roten Truppen sympathisierte, das war eine schlimmere Gefahr' für die Lenin und Trotzki als alle bisherigen von ! außen und innen. So spannten sie denn aste ihnen zur Verfügung stehenden Mittel auf das alleräußerste an und schließlich gelang es ihnen denn auch — welche Umstände hierbei mitgespielt haben, läßt sich noch nicht übersehen — den Aufstand niederzufchlagen. Damit ist der mssischen Gegenrevolution ein schwerer Schlag versetzt, denn da es schien, daß Kronstadt sich zu holten vermocht«, flackerten an verschiedenen Stellen des Reiches revolutionäre Bewegungen auf, die jetzt natürlich leicht niederzuschlagen sind. Aber wenn sich auch der Bolschewismus diesmal wieder zu halten vermochte, so konnte er doch die Gegenrevolution nicht ersticken. Sie wird an anderer Stelle wieder zum Ausbruch kommen und schließlich doch siegen.
Im Lager der Gegner.
Frankreich voll Uebermut, England in gedrückter Stimmung!
Dieser Zustand ist ein natürliches Ergebnis der Londoner Konfernz, da dort der Leiter des großen britischen Weltreichs sich den ftanzösijchen Stürmern unterworfen hat. Di« Pariser fühlen sich seitdem als die Herren der Welt, und da sie noch mehr Wert auf Glorie legen, als auf Geld, so wollen sie ihre Gewaltpolitik bis $um Ende durchfuhren, auch wenn das finanzielle Ergebnis ausbleibt. Daher die schrittweise Ausdehnung der Besetzung; daher die vielfachen Schikanen und Drohungen, daher die Ankündigung, daß
Aus dem defeisterr Gebiet.
• Maiokbaner fSr dar Meinland. Das 66. marokkanische Schützenregiment, das im Rheinland Garnison beziehen soll, wurde nach Marseille eingeschrfft.
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Oberschlesten.
Am morgigen Sonntag werden 1150 000 Ober- i ' Wester zur Abstimmung schreiten über die künftige Zugchörigkert Oberschlesiens zu Deutschland oder zu Polen. 900 000 der Abstimmenden sind ansässige und geborene Obcrschlesiwr, 192 000 Oberschlesier sind im Reiche ansässig und zm Abstimmung nach Oberschlesien gekommen, und 60 000 Stimmberechtigte sind zwar nicht geborene Oberschlesier, wohnen aber mindestens seit dem 1. Januar 1904 in Oberschlesien und first, demnach stimmberechtigt. Die Entscheidung, die sie treffen, entscheidet nicht mir über Oberschlesiens Schicksal, sondern auch über das Schicksal Deutschlands. I
Die Zusammenhänge zwischen Oberschlesien und dem übrigen Deutschland sind so eng, so unlösbar, daß eine Abtrennung wirken wüßte wie die Entfernung I eines lebensnotwendigen Gliedes vom menschlichen Körper. Beide können nicht ohne eiMmder ein gesun- des Sehen führen, dazu sind sie mit allen ihren Adern zu eng miteinander verbunden. Sie sind ein Körper | und müssen bei einander bleiben. Sie mm einander I lösen, hieße beiden unheilbare Wunden zufügen. Mit Polen dagegen hat Oberschlesien nichts gemein. Die I Polen reklamieren das Land zwar als polnisches Gebiet. Dieser Anspruch hat aber keine historische Berechtigung. Seit Jahrhunderten gehört Oberschlesien zu I Deutschland, seine Wirtschaft und Kultur sind ganz deutschen Ursprungs, nichts davon ist den Polen > Site zu rechnen. Die Verbindung mit Polen würde für berschlesien einen ungeheuren Abstieg bedeuten, wirt- schaftlich, kullurell und sozial. Oberschlesien ist für das zerrüttete Polen ein Ausbauttmgsgebiet, noch mehr als es Pofen und Westpreußen gewesen sind. Die Polen versprechen sich von dem Erwerb Oberschlesiens eine Rettung ihrer Wirtschaft und die Hebung des pol- I Nischen Markkurses. Sie würden in Wirklichkeit Oberschlesien so schnell aussaugen, daß bald mir von einem gleichen wirtschaftlichen Tiefstand die Rede sein könnte. I
Die einzige Möglichkeit der Rettung vor der Aus- Plünderung durch Polen ist für Oberschlesien die Staats- mgrhörigkeit zu DeutsckKmü. Oberschlesien imb Deutschland sind eins, ihre Wirtschaftskräfte gehören zusammen und ergänzen sich, ihre Zerreißung schafft zwei sieche Körper. Bleibt Oberschlesien bei Deutschland, dann behält es seine wirtschaftliche Blüte und versorgt I zugleich das übrige Deutschland durch seine Bodenschätze mit den unerÄbchrlichen Stoffen für die Aufrechterhaltung seiner Industrie.
Ein schwerer Ernst liegt angesichts der lebenswichtigen Entscheidung auf Deutschland. Aller Augen sind auf Oberschlesien gerichtet. Es handelt sich um die Rettung deutschen Landes, deutscher Wirtschaft, deut- scher Kultur. Es geht um das Schicksal des gesamten Valerlawdes!
Da nach dem Friedensvertrag die Abstimmung leider nicht das cnbgültige Schicksal Oberschlesiens entscheidet, sondern nur das Material für die endgültige Regelung durch den Obersten Rat liefert, so ist von den Bolen gtelbi teufet darauf hingearbeitet worden, mitten in das deutsche Gebiet einen polnischen Keil zu ! treiben, west sie hoffen, daß dann die abgetrennten deutschen Gebiete ohne weiteres ihnen zugeschlagen werden würden. Bei der Freundschaft, die den Polen j in Paris entgegengebracht wird, wäre das alles möglich In den betroffenen Kreisen Pietz und Rydnik ist alles geschehen, um durch eine starke deutsche Beteiligung an der Abstimmung diese Pläne zu durchkreuzen. Wo die Unterbringung der Heimattreuen in den HennatS- dörfern nicht möglich war aus Angst vor polnischen (3e- walitaten, hat man in den nahen Städten Quartiere tfür sie bereitgestellt und wird am Abstimmungstage die Abstimmungsberechtigten nach ihren Heimatorten bringen, wo für eine vorschriftsmäßige Durchführung der Ab- pimmnng Sorge getragen werden wird.
Ein Aufruf des Reichspräsidenten.
Der Reichspräsident erläßt folgerten Aufruf an die ^^^le^Stunbe der Entscheidung ist gekommen! Von Euch wird e5 abhängen, ob Obers ch l esren, durch Jahrhunderte mit Deutschland vereint und in Jahrhun- betten mit Deutschland groß geworden, sich auch in Zukunft in Blüte und Wohlstand entwickeln kann. Ober» schienen und Deutschland sind unlöslich miteinan« ifctr verbunden durch die Bande des Blutes, durch Die gemeinsame Kultur, durch den gleichzeitigen sozialen Aufstieg und durch die gemeinsame wirtschaftliche Ent- Wicklung. Würden diese Bande zerrißen werden, so ist die fruchtbare Arbeit der letzten Jahrhunderte zunichte gemacht. Hunger und Not stnd die unausbleiblichen Folgen. Oberschlesier! Voll Stolz und Zuverficht blickt das ganze deutsche Volk an Eurem Schicksalstage aus Euch. Au- allen Teilen des Reiches und aus dem Ausland find. Eure Brüder und Schwestern zu Euch ge- kommen, um aller Welt die Einmütigkeit aller Deutschen und die Zusammengehörigkeit Oberschlesiens mit dem Deutschen Reiche zu beweisen. Weder Drohungen noch Lockungen, weder Mühen noch Entbehrungen haben vermocht, sie von der Erfüllung ihrer vaterländischen Pflicht abzuhalten. Wir vertrauen darauf, daß die Abstimmung in Ruhe und Ordnung vor sich gehen wird. Der Reichsregierung ist es ein Bedürfnis, in dieser feierlichen Stunde erneut zu erklären, daß sie das oberschlesische Volk in der Neugestaltung seiner Zu- kunft nach Kräften unterstützen wird. Die erste gemeinsame Aufgabe der Zukunft wird fein, die Gegensätze auszugleichen, die der Abftimmungsrampf geschaffen hat und sich zu gemeinsamer Friedensarbeit zusammenzufinden. Oberfchlesicr!' Die Stunde der Entscheidung ist da. Das deutsche Volk und die deutsche Regierung hoffen und vertrauen auf Euch Denkt an Eure Zukunft, denkt an Euch und Eure Kinder und stimmt für em deutsches Oberschlesien.
Deutscher Reichstag.
Dreizehn Siunden hat dos „Haus" (gewöhnllch waren es ein bis höchstens drei Dutzend Abgeordnete) am Donnerstag gefefiwi, um allerlei Reden über sich ergehen zu laßen und endgültig den Etat für das verfloßene Jahr in zweiter Lesung zu erledigen. Don 10 Uhr morgens bis nach 11 Uhr nachts! Kein Wunder, daß fast alles, was gesprochen wurde, in die leere Lust geredet war. Nach 8 Uhr abends waren die zwei Dutzend Abgeordnete ganz unter sich. Kem Zuhörer, kein Pressevertreter mehr anwesend. Deswegen wurde aber doch immer weiter geredet, geredet, geredet . . . Schließlich hatte man die meisten Punkte des Etats erledigt, und am Freitag vormittag, zu Begum der Sitzung, werden noch einige Heinere Punkte angenommen, dann war die zweite Lesung des Etats für 1920 beendigt. Ern allgemeines Aufatmen ging durch die Reihen.
Er folgte die zweite Beratung des Dehrgesehes. Das Reichswehrm'lnislerium war mit großem Stab erschienen, auch der Ches der Marine, der Admiral von Bchncke, nahm in voller Uniform an den Verhandlungen feit. Auf den Tribünen war das militärische Element vorwiegend vertreten. Die unseligen Gegensätze, die nun einmal zwischen der Rechten und Linken in den Fragen der militäri- fchcn Organisation überhaupt bestehen, platzten wieder in unverminderter Schöffe auseinander. Der Sozialdemokrat Schöpffm eröffnete die Debatte mit einer Rede, die von großer Angst vor den angeblich in den Offizierkorps des Heeres wie der Marine herrschenden monarchistischen Be» ftTbungen beherrscht war. Der Reichswehrminister Getz- >«, der nach ihm spricht, gerät mit den Kommumsten und Unabhängigen scharf anÄnander, wie er den Gehorsam Äs die Grundlage des Heeres bezeichnete. Di« Linke schrest nach ©oSbatenräten, was Geßler mit der Erklärung abtut, die Soldaten hätten selber von diesen Räten gerade genug. Die Auffassung der Zentrums vertrat in einer würdigen unb vom Haus mit Beifall ausgenommenen Rede bet Abg.
Erziehungsmittel und ein mächtiger Hebel für di« allge- meine VolksbiDrmg fei. Das jetzige Berufsheer müße den alten Germanengeist unseres früheren Heeres hochhatten. Die Reichswehr fei teilt Söldnerheer, denn nur Reichs- angehörige fänden in chr Aufnahme. Daher müsse di- Reichswehr eine möglichst geachtete Stellung tm Tolks- leben eirmehmen. ' Ausführlich verbreitete sich der Keimet bann noch über die einzelnen Bestimmungen der Wehr- orbmmg, insbesondere über die Art und Weise, roteJx« Reichswehr Verwendung finden soll. Für die Deutsch» nationalen sprach der berühmte Heerführer General von Gallwitz. für die Deuffche Volkspartei der bayerische Ge- neral von Schoch. Während der Red« des letzteren gmg es überaus stürmisch zu, da die Ausführungen Schochs das höchste Unbehagen der Kommunisten erregen. Schoch dreht im weiteren Verlaus seiner Rede den Kommumsten demon» ftretio ben Rücken, worauf diese unter Führung Wolf Hoffmanns den Sprecher mH aufreizenden und unflätigen Zurufen überschütten. Als Schoch mit einem Bekenntnis na schwarz-weiß-roien Fahne schließt, inszenierten _ me Kommunisten einen großen Lärm. Den Abg. Rosenfeld, der nach Schoch bas Wort ergreift, Horen bte Rechtsimt- tiieöer nicht an, sie verlass-sn den Saat Nach Aussuhmn- gen der Ogg. Haas (Dem.), Lang (Dayr. $p.) fre dem, Gesetz zussimmen unb des Abg. o. Brüninggaus (D. Dp.) und v. Gollwitz (Dnat.), die den OMzierstond gegen Angriffe der Sozialisten verteidigen, wurde das Gesetz, das eine völlige Umstürzung unserer seitherigen mrsttarischett Organisation mit sich bringt, und das noch einmal aus» dnicklich die Abschaffung der Wehrpflicht nn Reche rote in ben Ländern mtsspricht — letzteres einem Drktat der Entente entsprechend — wird in seinen grundsätzlichen Bestimmungen den Beschlüssen des Ausschusses entsprechend,
Deutsches Reich.
»♦ Berlin. 18. März. Staatssekretär Bergmann der gegenwärtig in Paris mit den französischen Sach, derständigen verbandelt, wird, tote vertäutet, noch diese Woche in Berlin zurückerwartet. — England hat jetzt auf Grund des ihm übertragenen Mandats in Deutsch-Ostafrtka die gesamte Verwaltung übernommen. — Zur Herstellung der Reichstags, druckfachen waren 3 Millionen Mark rn den Etat eingestellt worden. Der Reichstagsausschuß hat diesen Betrag um 750000 Mark erhöht. Für dts Reichstagsdrucksachen gilt oft das Wort: Wenrgri wäre mehr!
t Verschiebung des Reichsparlestages. Am 18. März begann die Tagung des Reichsausschusses bet deutschen Zentrumspartei. Zunächst befaßte man sich mit der Frage des Termins für den Reichspartertag, der bekanntlich vom 10. bis 12. April in Berlin statt- finden sollte. Der Reichsausschuß kam jedoch zu der Ueberzeugung, daß es angesichts der ungeklärten politischen Augenblicksloge geboten erscheint, die Abhaltung des Reichsparteitages noch hinauszuschieben, die Festsetzung des endgültigen Termins wurde dem Reichsparteivorstanb überlassen.
* Ein neuer Staatssekretär. Das Reichskabinett hat beschloflen, die Stelle eines Staatssekre. tärs für die rheinischen Angelegenheiten beim Reichsministerium des Innern einzurichten, dem die Vertretung der rheinischen Jnlereßen tu allen Fragen, die in der Reichsverwattung bearbeitet werden, übertragen werden wird. Es werden alsbald die nötigen Schritte eingeleitet werden, um eine Fühlungnahme dieser Stelle mit den Verwaltungen der Länder herbeizuführen.
** Das Entwaffnnnqsgesktz. Die Beratung bei Gesetzes über die Auflösung verbotener Militärver« bände in dem Sonderausschuß des Reichstages erhielt gestern ihre besondere Bedeutung dadurch, daß । der Reichskanzler selbst in die Debatte eingttfi und auf den Ernst der ganzen Lage hinwies. Er betonte mit Nachdruck die Notwendigkeit der rasche« Verabschiedung des Gesetzentwurfes. Bei einer längeren Verzögerung könnten Konsequenzen enstehen, bte' er und sie Reichsregierung nicht zu tragen vermöchten. Gegenüber Ausführungen von Rednern der Linken stellte Reichsminister Koch fest, daß der Friedensvertrag und der Vertrag von Spaa wohl die Entwaffnung der Einwohnerwehren^ nicht aber die Auflösung der Ortsvereine vorsehe. Das Pariser Diktat verlangt allerdings mehr. Es sei aber von uns nicht anerkannt worden. Gewirkt hat die Mahnung des Reichskanzlers vorläufig noch nicht. In der Abendsitzung des Ausschusses ergab I sich für keinerlei Fassung ber entscheidenden Paragraphen des Gesetzes eine Mehrheit. Sowohl der
I § 1 der Regierungsvorlage wie auch ein Antrag I der Sozialdemokraten, der in der Richtung beS strikten Verbotes aller waffenführenden Vereint- I gungrn ging, tote alle anderen Anträge wurden zum
Teil mit Stimmengleichheit abgelehnt, ^ep I Ausschuß vertagte sich dann auf heute. Im Ael- testeu-Rat, der am Nachmittag tagte, erschien I wiederum der Reichskanzler, um nachdrücklich für die rasche Verabschiedung des Gesetzes einzutreten. I Es wurde auch beschlossen, am Montag und Diens« I tag noch Plenarsitzungen abzuhalten, um Zeit für
die Erledigung dieser Vorlagen zu gewinnen.
** Dr. Wynecken geflüchtet. Der Pädagoge Dr. Gustav Wynecken gegen den bekanntlich von der Staatsanwaltschaft auf Grund des § 175 Anklage erhoben worden war, ist ins Ausland entflohen. — Dr. Wynecken war der Hauptmitarbeiter an der„Schul- reform", des „Kultusministers" Adolf Hoffmann, Votkämpfer der „Freideuischen Jugend" und der geistige Vater der sog. Freien Schulgemeinden, die eine förmliche Revolutionierung des Schullvesens I erstrebten.
♦ Im braunschweigischen Landtage wurde am 15. März der Antrag angenommen, daß die Teuerungsund Kinderzulagen der evangelisch-lulherischen Geistlichen vom 1. Oktober 1920 ab um 100 Prozent erhöht werden sollen. Desgleichen fand der Antrag des Zentrurnsabg. Hardeweg Ärmahrne, daß der k a t h o li- s ch e n Kirche die erforderlichen Mittel zur Versü- 1 gung gestellt w-rden Irrten bar*1* v-> ihre Geistlichen
man die sog. Sanktionen, die doch nur für die Er- Pressung der 226 Milliarden bestimmt waren, in Gang halten will, bis Deutschland außer der Erttschädigungs- forberung auch die Entwaffnung und die Bestrafung der Kriegsorschuldigten „positiv" (b. h. mit voller Un- I terwerfung) erledigt habe. Diese Erweiterung des Stras- zweckes, die zur Verlängerung und Derschärsung der Gewalttaten führen mutz, war vom Mimsterpräsiden- terr Briand sofort nach seinem Londoner Triumph an- I gekündigt worden und ist jetzt in der Pariser Kammer ausdrücklich bestättgt worden. W-enn Lloyd George gehofft hat, durch seine Nachgiebigkeit die Bildung eines ausgesprochenen Kampsmimfteriums von Porn- care und Fach zu verhüten, so hat er sich verrechnet. Briand und M illerarid treiben es so rücksichtslos und I tollkühn, daß sie schwerlich übertroffen werden könnten. I
Gegenüber dieser Pariser Waghalsigkeit hat die englische Politik eine bedenkliche Ächnlichkett mit dem I Greis, her sich nicht zu helfen weiß. Der plötzliche Rücktritt vonBonarLaw (vgl. Ausland), der bisher die Regierungsmehrheit im Unterhause leitete, bedeutet für Lloyd George nicht bloß den Verlust eines unentbehrlichen Ratgebers, sondern auch eine Gefahr- düng seines Parlamentarischen Rückhalts. Der langjährige vertraute Sekretär von Lloyd George hat bekanntlich ebenfalls nach der Londoner Konferenz sich zurückgezogen. Die englische Preße sagt schon, es würde einsam um den allen Ministerpräsidenten. Sein Ansehen im Parlament und im Volk hat offenbar schwer gelitten. Er galt bisher als der starke Mann, I der alles kann. Jetzt hat er sich schwach gezeigt und sich unterwerfen müssen auf einer Konferenz, die er j selber in feiner Hauptstadt eingeladen hatte. Er scheint selbst gesühll zu haben, daß er zum Ausgleich „etwas leisten" müsse, unb hat deshalb nnt überraschender Eile den H a n d e l s v e r t r a g mit S o w- jet-Rußland abgeschlossen. Das Ist aber eine sehr zweifelhafte Errungenschaft. Die Anerkennung der boschewlstislhen Tyrannen von Moskcm stößt auf grundsätzliche Bedenken, und daß die englischen Krämer im Handel mit dem zerrütteten Rußland Seide spinnen türmten, ist doch verzweifelt imfidjer. Ein Ersatz für die wirtschaftlichen Nachteile, die England durch die Störung des Handels mit Deutschland erleidet, ist im zahlungsunfähigen Osten nicht zu finden.
I Man hat Lloyd George vielfach mit Bismarck verglichen. Er hat auch tatsächlich große Erfolge er- zielt, kriegerische und innerpolitische. Aber für den ge« wattigen Bismarck ist auch eine Zeit gekommen, wo
I allgemein der Ruf Widerhall fand: Es gelingt nichts I mehr:
I Die Erschütterung der englischen Politik macht um I so größeren Eindruck, weil gerade jetzt der Wettbewerb der Vereinigten Staaten mit der britischen
I Weltmacht so scharf hervortritt. Lloyd George hat offen- I bar den Franzosen nachgegeben, um sie an die Entente zu fesseln und von der Verbrüderung mit Nordamerika
I abzuhalten. Aber die Annäherung an Paris und Washington vottzicht sich trotzdem. Man könnte auch I sagen: gerade deshalb, denn Ke Franzosen haben gemerkt, daß sie von den beiden rivalisierenden I Weltmächten umworben werden, und glauben in die- I ser günstigen Lage ihren Gelüsten keinen Zwang mehr | antun zu dürfen.
Wir müssen daraus für uns bte nicht angenehme, I aber leider zeitgemäße Nutzanwendung ziehen, daß wir I in der nächsten Zeit fortgesetzt weitere Heraus- f orderungen von feiten der übermütiger Fran- I zosen zu erwarten haben und demgegenüber^ die nötige I Geduld bewahren müssen. Jedes Aufbäumen von I unserer Seite würde den Gewaltpolstikern nur neue I Vorwände geben. Die Einigkeit und die feste Ruhe im j passiven Widerstand kann uns allein hinweghelfen I über die kritische Zett, bis sich die Ernüchterung I bet den Gegnern und den Neutralen durchsetzt.
Neue Besetzungen.
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MMiseitige-i Vertretungen zur Grundlage und erweitert ihre Rechte in konsularischer und handelspo- l i t i s ch e r Hinsicht. Dnbezug auf die Rechte der der- beseitigen Staatsangehörigen sind in, dem Abkommen Bestimmungen getroffen worden, bte den u n g e- hinderten wirtschaftlichen Verkehr zwischm den beiden Ländern ermöglichen unb sichern tollen Das Protokoll bildet gegenwärtig den Gegenstand einer Prüfung bei ben in Frage kommenden Re- gierlmgsstellen. In Berlin unb Moskau besteht dw Hoffnung, daß das Jnkrafttrteten nach Maßgabe der gesetzlichen Bestimmungen beider Länder baldigst erfolgen wird. ______
Donnerstag abend gegen 8 Uhr besetzte ein französisches Detachement, bestehend ans einem Offizier unb 15 Mann, den Güterbahnhof von Oberbau sen- West und die Schleusen des E rn s ch e r k a n a l s. In den Bettiebswerkftätten deS Hauptbahnhofes erschienen Fanzose« und besichtigten die Anlagen. Am Freitag morgen gegen 7 Uhr ist bet westliche Teil Mülheims mtt dem Bahnhof Speldorf von französischen und belgischen Truppen besetzt worden. Die Besetzungen erstteckten sich zunächst auf den Bahn- Hof einschließlich der Zugangswege und der näheren Umgebung. Ein Befehl des Kommandeurs der alliierten Truppen wurde angeschlagen, nach welchem daS Personal sämtlicher Verkehrsanftalten (Eisenbahn, Post, Telegraphen usw.) ihm unterstellt ist.
Prinz Max von Baden au Amerika.
Prinz Max von Baden stellte der Bad. Preffe den Wortlaut einer Meinungsäußerung zur Verfügung, die er dieser Tage einem Vertreter der Chicago Tribüne gegeben hat. Der Prinz sührt darin aus:
Ich verzweifelte an Amerika, als sein Volk, angewidert durch das moralische FiaZko van Versailles, von Europa nichts mehr hären wollte. Heute zeigt sich eine schwache Hoffnung, nachdem Präsident Hardmg auf ein Programm gewählt worden ist, das das Bekenntnis zum Rechtsfrieden unzweideutig enthält. Amerika hat an dem furchtbaren Gefängnis, das daS heutige Mittel- europa geworden ist, mitgewirkt. Ganze Völker schmachten in ihm in Ketten und Elend, ganze Völker, 6ie ebenso rote das amerikanische Volk mit dem Recht auf Leben Freiheit und Streben nach Gluck geboren sind. Ich habe daS Recht, das amerikanisch« Volk an den B ert ra g der vierzehn Punkte zu mahnen, derbem beutschen Volk gebrochen worben ist.