Freitag, 18. HTärz 1921
Nr. 64
Oderschlesische Heimatliebe.
" Von der Zentralstelle für die technische Durch, sührung der oberschlesischen Abstimmung wird mit- geteilt, daß Stimmberechtigte aus der Schweiz, aus London und aus Bosnien Breslau passiert haben, ein erhebendes Zeichen dafür, daß auch im Auslände Vaterlandsliebe und Heimatstreue nicht aus- gestorben sind.
Der Erwähnung wert tst die Mitteilung, daß auf der Fahrt nach Oberschlksien zwei Kinder das Licht der Welt erblickt haben. Aus Breslau tritt
Die zwölf Milttckrden-Forderung.
Die Note der Reparationskommission über die Bezahlung der bis zum 1. Mai 1921 fälligen 20 Milliarden Goldmark — abzüglich der bereits erfolgten Leistungen — ist in Berlin jetzt eingelaufen. Sie M>ird alsbald von deutscher Seite beantwortet werden. In welcher Richtung die Antwort gehen wird, ist noch nicht entschieden, da noch keine Beschlüsse festgelegt werden konnten. Man dürfte in erster Linie eine Aeußerung des Vorsitzenden der deutschen Kncgslastenkommifsion in Paris, Staatssekretär Bergmann, einholen, der bisher die Verhandlung mit der Reparationskommifsion über die umstrittene Angelegenheit geführt hat.
Die 50% im Unterhause.
Das Unterhaus nahm am Donnerstag unter ,ber Zustimmung des Premierministers den Zusatzantrag an, daß das Gesetz über die Einführung .eines 50prozentigen Zolls für deutsche Waren am 31. M ärz in Kraft treten soll.
Kurland.
* Die Volksabstimmung in Tirol. Gegen die Volks- abstimnnmg über den Anschluß an Deutschland, bk in Tirol am 24. April durchgeführt werden soll, hat die österreichische Bundesregierung Einspruch erhoben, weil sie die Abstimmung nach dem Friedensoertrage
Deutscher Reichstag.
Man will den (Etat für das in 14 Tagen verflossene Etatsjahr noch unbedingt vor Ostern zu Ende bringen. Dabei hat man noch eine ganz gehörige Portion der 2. Lesung zu erledigen. Aber natürlich denkt kein Abgeordneter daran, sich im Reden einzuschränken, sondern man tagt um so länger. So schloß die Sitzung am Dienstag um 10 Uhr, die vom Mittwoch gar erst mn 11 Uhr abends und die Donnerstagsfltzung begann schon um 10 Uhr vormittags. Der einzige Erfolg dieser Redewut der Herren Abgeordneten, deren Reden sich übrigens fast nur mit weniger wichtigen Dingen beschäftigten, ist der, daß der Inhalt der Reden überhaupt nicht in die Oeffentlichkedt kommt. 3m Hause selbst hört sie mit Ausnahme der Stenographen kein Mensch an, im Sitzungssaal herrscht eine gähnende Leere bei diesen Dauersitzungen, nur zu den Abstimmungen strömen die Abgeordneten herein, gerade so viel, daß das .Haus nicht beschlußunfähig wird. Und das schönste ist, die ganze Dauerrednerei dreht sich um einen Etat, der bereits abgelaufen ist.
Den Etat des Reichsminifterimns des Innern hatte man am Mtttwoch so um 11 Uhr abends glücklich erledigt. Am Donnerstag nahm man zunächst einen E r - gänzungsetat zum Reichswirtschaftsministerium an, und dann folgt der Etat des Reichsmini st eriurns, der Reichskanzlei und des Auswärtigen Amts. Hierbei entspimit sich eine länger akademische Debatte über die Schuld am Kriege und die Fehler der deutschen auswärtigen Politik einst und jetzt, die von dem letzten Redner, Abg. Müller-Franken (Soz.) schließlich als völlig zwecklos charakterisiert wird: Auf das Ausland mache sie keinen Eindruck, und bei uns überzeuge doch niemand den anderen. Dennoch nimmt er an der Debatte teil, die Abg. Lernst ein (Soz.) eröffnet. Rach Bernsteins Ansicht trägt die kaiserliche Regierung die Hauptschuld am Kriege und an der Niederlage. Abg. Dr. vreiffcheid (Unabh.) pflichtet ihm bei und ergeht sich dann in Angriffen gegen die bayerische Regierung. Ihnen treten die Abgg. Schulz- Bromberg (Dnat.) und noch ausführlicher Dr. Rieftet (D. 23p.) entgegen, während Dr. peferfea (Dem.) einen vermittelnden Standpunkt einnimmt. Das Zentrum beteiligte sich an diesem Streit nicht, es weiß, daß in diesem Saale eine leidenschaftslose Entscheidung dies« Frage nicht möglich ist. Hier dient der Streit lediglich zuviel der parteipolitischen Agitation.
Die Etats des Reichskanzlers und des Ministeriums des Auswärtigen werden fchlietzlich angenommen, ebenso der der Technischen Nothilfe, desfen Abstimmung gestern aufgeschoben worden war.
Es folgt der Haushaltsplan des Reichsverkehrs. Ministeriums.
Aus dem Ausschußbericht geht hervor, daß die Eisenbahnen für das Jahr 1920 ein Defizit von 16 Milliarden und im Jahre 1921 von 9 Milliarden aufweisen.
Reich soerk chrsmi ni st er Groener berichtet über den technischen Wiederaufbau des Eisenbahnwesens, der günstig fortschreite, sodaß bereits in diesem Sommer manche Verbesserung bemerkt werden würde. Das Bestreben der Regierung ging dahin, das Eisenbahnwesen auf eine gesunde kaufmännische Basis zu stellen. Ein diesbezügliches Gesetz werde dem Reichstag bald zugehen können. Die organisatorischen Maßnahmen laufen in der Richtung einer geeigneten Dezentralisation. Die Personalresorm sei bei dem Riesenpersonal der Eisenbahn eine sehr schwierige Aufgabe. Dieser Riesenbetrieb werde nur zusammengehal- ten dadurch, daß in -en deutschen Eisenbahnern der Sinn für Ordnung und Staatsrmtorität bereits wieder im Wach, fen fei. Die Arbestsfrertaigkeit nehme zu. Der Mimst« ertlärt es für seine erste Pflicht, in der materiellen Fürsorge für das Personal an der Spitze zu stehen. Er erstrebe im Persons nicht die Klassenscheidung, sondern wünsche eine einheitlich zusammenarbettende Eisenbahnerschaft. Von der Emennung eines neuen technischen Staatssskretärs verspricht sich" der Minister einen neuen Schwung in der Verwaltung. Don den Parteien nimmt zuerst der Mehrheitsfozialist Brunner das Wort. Er meint, nur von einer Erhöhung der Einnahmen werde eine ®e- sundung der EisenbohnverwÄtrmg herdesgeführt. Für das Zentrum spricht der Abg. Klöckner. Er unterzieht das Eisenbahnwesen einer eingehenden kritischen ll^trachtung bezüglich der getrrffenen Maßnahmen in ihrer Rückwirkung auf die deutsche Industrie. Beispielsweffe komme gerade die Erhöhung der Gütertarife in einem sehr ungünstigen Augenblick, wo nämlich die deutsche Industrie alle Mühe habe, sich gegen die ausländische Konkurrenz zu behaupten. D'e neue Erhöhung der Personentarise werde einen starken Rückgang im Personenverkehr zur Folge haben. Der Der- hchr werde nicht so sehr gefährdet durch den Wagemnangel als durch den Lokomvtwmang^l- 2m Verein mst der bayerische Vokkspartei habe das Zentrum eine Resolution emgebracht, daß bei Vergebung von Lieferunlgckn auch das selbständige Handwerk berücksichtigt werde.
Nach weiterer Aussprache und Erledigung der Anträge wurde der Etat erledigt und schließlich in später Abend- sftmde noch der P o st e t a t in Angriff genommen.
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Deutsches Reich.
»* Berlin, 17. März. Pressenachrichten zufolge beabsichtigt die Regierung, die Ende dieses Monats auflaufenden Handelsverträge vorläufig zu verlängern, um für eine ruhige Ausarbeitung des Zolltarifs Zeit zu gewinnen. — Laut Beschluß deS Amtsgerichts Charlottenburg vom 12. Februar 1921 ist die von Kaufmann Karl Lieber gegen den Reichsminister Dr. Hermes eingereichte Beleidig, ungsklage, die sich auf den in der Prefle mehrfach erörterten Fall des Geheimrats Augustin bezog, kostenpflichtig abgewiesen worden. Nach emer dem Reichsminister Dr. Hermes zugegangenen Dritte,, lung des Rechtsvertreters Liebers hat letzterer überdies die erwähnte Klage zurückgenommen.
% Wie die Reichswirtschastsstellen wirtschaften. Bei der Feitstelle ist konstatiert worden, datz sie 46000 Kilogramm Rohfette auf Lager hat, die durch den inzwischen erfolgten Preissturz kaum noch die Hälfte des früheren Wertes haben. Die Entschuldr- gungen, daß die Verhältnisie nicht zu übersehen ge. wesen wären, entlasten das System nicht; in der richtigen Beurteilung der Marktlage beruht eben der Wert des Kaufmanns. Wer nach Akten kaufen und verkaufen will, wird sein Lebtag nichts Rechtes zustande bringen.
* Mvdlhorsts Todeslag. Die Erinnerung an den 30. Todestag Windthorsts wurde in Hannover, wo Windthorst in der Marienkirche feine letzte Ruhe- ftätte gefunden hat, in würdiger und erhebender Weffe begangen. Am Mcntag vormittag fand in der St. Marienkirche wie alljährllch ein feierliches Requiem statt, an dem katholische Vereine mit ihren Fahnen teilnahmen. Auch die katholischen Sludentenkorporatio- nen hatten Abordungen mit Fahnen entsandt. Am Montag abend veranstalteten der Volksoerein, die Zen- trmnspartei und der Windthorstbund eine stark besuchte Gedächtnisfeier. Als Redner sprachen Reichstagsabg. Frl. Teufch-Berlin und Redakteur Dr. Alfons Steiger-Berlin. ,
(*) Das Eimvohrienvehrgrfeh. Die bisher unter den Fraktionen geführten Besprechungen über das Ge- setz betr. die Auflösung der Selbstschutzorgamsatronen. haben noch keinen Ausweg aus den Schwierigkeiten er. öffnet, die der rechtzeitigen Verabschiedung des Gesetzes entgegenstehen. Die bayerische Regierung hält an ihrem Widerstand gegen das Gesetz fest und so lehnt auch die Bayerische Volkspartei die Zustimmung ab. Für ein Kompromiß Hal sich bis heute noch kein« Mehrheit gefunden. Unter diesen Umständen dürste er fast ausgeschlossen sein, datz das Gesetz noch vor der Beendigung des gegenwärtigen Tagungsabschnittes zu- stände kommt. ,
. •. Die kMgfl vor Lrzber-er. Man ichrcibt un« In den Reiben der Leute von der Kreuzzcrtung mutz schon eine getoaltipe Angst vor dem parlamentarischen Wiederauftreten Erzbergers herrschen. Denn tetne Woche, oftmals kein Tag, vergeht, ohne daß diese- Blatt gegen Erzberger Stellung nimmt. Jetzt enthält es einen Artikel aus dem Reichstag, mit der cingster- füllten Frage: Erzberger noch zu retten ?, um zu dem für bte Kreuzzeitung nicht überraschenden Schluß zu kommen, daß Erzberger dauernd vom öffentlichen Leben ausgeschlossen bleibt. Die Feststellungen, bie sowohl bas Finanzamt Charlottenburg wie ber Präsident des Lanbessinanzamtes auf Grund der eingehenden Unter- suchungen gemacht haben, daß seitens Erzbergers eins Verletzung der Einkommensteuerpflicht nicht vorliege, find dem Blatte natürlich unbequem und es übersieht sie vollständig. ES nimmt nun Einzelheiten auf Grund der gestohlenen Steuerakten heraus, wobei es sich um das Ergebnis der Untersuchung überhaupt nicht kümmert und es kommt zu einer wirklichen Milch, mädchenrechnung, wonach Erzberger von einem höheren Einkommen Steuern bezahlen soll, als er es tatsächlich bezogen hat. Ein solcher Steuerfanatismus ist in bet Welt noch nie bagewesen, berührt aber bei der Kreuzzeitung komisch. Erzberger hat als Aufsichtsrat bei Thyssen ^insgesamt 100000 Mart Einkommen bezogen unb Hut 100000 Mark Einkommen versteuert, obwohl er bei strengster Auslegung ber Gesetze höchstens zu einer Versteuerung von 80 000 Mark verpflichtet gewesen wäre. Denn 20900 Mart Einkommen des Jahres 1915. bie nach Abgabe ber Steuererklärung während des Jahres entstanden sind, bleiben nach § 62 beS Einkommensteuergesetzes steuerfrei unb Erzberger hat also seine Steuerpflicht nicht nur doll erfüllt, sondern mehr versteuert, als er versteuern mußte. Die Kreuzzeitung aber fordert, daß Erzberger aus der Thyssen'schen Einnahmequelle hätte 120 000 Mark versteuern muffen, ob. wohl er nur 100000 Mark eingenommen hat. Dieses eine Beispiel genügt, um den wilden Fanatismus, la den Hatz dieses Blattes gegen einen politischen Gegner zu kennzeichnen. Wir wünschten, daß alle Leser uni Anhänger ber Kreuzzeitung ihrer Steuerpflicht so voll- kommen genügt hätten, wie bas von Erzberger geschehen ist. ES bleibt babei, baß baS ganze deutschnattonale Lügengewebe über bie falschen Steuererklärungen Erz» bergers unter ben auf Akterunaterial beruhenden Dar- legungcn des Reichsfinanzministers Dr. Wirth zusammengebrochen ist.
* Tumulte im Danziger Volkstag. Der Danziger Volkstag bildete am Mittwoch den SchcurPlA wüster Tumulte. Es kam zwischen einem deut;ch- nationalen Abgeordneten und einem Unabhängigen zu einem scharfen Zusammenstoß, wobei schließlich der Unabhängige Fischer dem Deutschnationalen Daßler einen heftigen Schlag ins Gesicht versetzte, so daß der Geschlagene heftig blutete und arzt- liche Hilfe in Anspruch nehmen mußte. Der Prasi- denk sch sich angesichts des Tumults genötigt, das Haus auf eine halbe Stunde zu vertagen. Nach Wiedereröffnung der Sitzung gaben die Unabhängigen eine Erklärung ab, tn der sie die Haltung ihre» Fraktionsgenoffen als „angeblich in der Abwehr geschehen" "billigten. Die bürgerlichen Parteien antworteten mit lauten Pfuirufen.
Briand über die Londoner Konferenz.
Der französische Ministerpräsident Briand hielt am Mittwoch eine große Rede über die Londoner Vorhand - lungen vor der französischen Kammer. Sie war natürlich, wie immer, voll der übelsten Verdrehungen de.' Tatsachen und schloß mit bomdastischrn Drohungen, sie fand beim auch dementsprechend den lebhaftesten Beifall der großen Mehrheit des Hauses, die schließlich mit 491 gegen 70 Stimmen einen Vertrauensantrag für iye Ministerium Briand genehmigt.
Im Anfang seiner Rede betonte der ftanzösische Ministerpräsident wieder einmal kräftig die restlose Einigkeit unter den Alliierten, die sich in der Londoner Verhandlung gezeigt habe. Frankreich habe die gemeinsame Durchsetzung der wirksameren militärischen Sanktionen erreicht, jetzt beherrsche Frankreichs Artillerie das ganze Ruhrrevier. Briand behauptete, die Deutschen hätten auf einen Arbeiteraufstand in den neubesetzten Gebieten gerechnet — eine verrückte Idee, an die Briand wohl selbst nicht glaubt — aber die deutschen Arbeiter hätten sich nicht von den Großunternehmern verleiten lassen und eingesehen, daß die Zwangsmaßnahmen gerechte Justizmaßnahmen seien. — Daß im Reichstage selbst die Führer der Unabhängigen und Kommunisten, trotz des stark betonten Wgensatzes zu den anderen Parteien, die Zwangsmaßnahmen der Entente a b l e h n t e n und daß die zweifellos weitaus stärkste deuffche Arbeiterpartei, die Sozialdemokratie, die Sanktionen klipp und kiar als Rechtsbmch kennzeichnete, das vergaß Herr Briand wohlweislich zu erwähnen.
Ebenso vermied er bei der Besprechung der wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen, mit denen er sich alsdann beschäftigte, näher auf die sachlichen Kritiken einzelner Vorredner einzugehen. Er gab allerdings zu, daß über die Zollabsperrung des Rheinlandes und über die Besteuerung der deutschen Ausfuhrwaren Frankreich zunächst Bedenken geäußert habe, die aber zerstreut worden seien. Die Ausführung dieser Maßnahme sei zwar schwierig, aber, so setzte er ziemlich vorsichtig hinzu, keinesfalls unmöglich.
Die Bedenken gegen einen (Erfolg dieser Maßnahmen, die besonders der Rechtssozialist Auriol geäußert hatte, suchte er dann durch allerlei spiegelfechterische und phantastische Behauptungen über den ungeheuren Reichtum Deutschlands zu zerstreuen, den die deutschen Großindustriellen zu verschleiern suchten.
So führte er die hohen Dividenden, die viele deutsche Industrie- und Bergrverksbetriebe in den letzten Jahren zahlen, als Zeichen des Reichstums an, verschwieg dabei aber, daß diese angeblichen Riefengewinne Gewinne in Papiermark find, die in Goldmark unigerechnet, rrftgends die Höhe der Vorkrivasübec- fchüffe überfchreften. Wenn Briand aber von den Rie- fmgewinnen der deutschen Eisenbahnen spricht, so lacht darüber jeder Deutsche. 16 Milliarden Mark ist zwar zweifellos eine riesige Summe, aber Herr Briand scheint absichtlich zu verwechseln, daß dies das Defizit, nicht der Gewinn der deutschen Eisenbahnen ist.
Briand erzählte weiterhin Schaudermärchen von weiteren Eroderungsadsichten Deutschlands, die es auf wirtschaftlichem Gebiete zu verwirklichen suche, da es sie auf militärischem nicht mehr erreichen könne. Deutschland wisse immer noch nicht, daß es besiegt sei; es sähe nicht ein, wie „hochher- z i g" und „frei von Haß" sich die Franzosen und die Alliierten immer gezeigt hätten. Ob Briand glaubt, daß das deutsche Voll durch die Zwangsmaßnahmen zu dieser „Einficht" kommen wird?
Den einzigen vernünftigen Wiederaufbauvorschlag, nämlich das zerstörte Gebiet Nordfrankreichs mit deutscher tatkräftiger Hilfe wieder aufzubauen, lehnte Briand rundweg ab, angeblich, weil die Bevölkerung der zerstörten Gebiete es nicht wolle.
Zum Schluß erklärte er, daß die Zwcmgsmaßnah- men erst dann aufgehoben würden, wenn die Frage der Kriegsschuld, der Abrüstung und Entwaffnung und der Reparationen so geregelt sei, daß keinerlei Unklarheiten mehr bestehen blieben. Wenn es nach Briand ginge, würde dieser Zeitpunkt allerdings nie eintreten, denn so, wie Briand es verlangt, werden diese Fragen niemals geregelt werden. Aber das Rad der Geschichte wird schließlich doch nicht den Weg rotten, den Briand ihm vorzeicbnen möchte. Da hilft ihm kein Drohen und SäbclrafsÄn.
Der „erfolg“ der Londoner Konferenz wird treffend von den „Daily News" folgendermaßen gekennzeichitat: Mit der Abreife von Graf Sforza kann die Londoner Konferenz als formell beendet angesehen werden. Was ist während ihrer dreiwöchigen Dauer erreicht worden? Soweit definitive Regelungen in Frage kommen, ist die Antwort einfach in Form einer Tabelle wie folgt: Mit Deutschland nichts, mit Griechenland und der Türkei nichts, mit Oesterreich nichts.
Antwerpen und der deutsche Handel.
Die Kölner Handelskammer beschäftigte sich mit der Ärage, inwieweit Antwerpen als Ausfuhrhafen für deutsche Güter benützt werden dürfe. Sie war einstimmig der Meinung, daß die Behandlung der Deutschen in Belgien, die Liquidation des deutschen Eigentums, die deutschfeindlichen Kundgebungen grabe in Antwerpen, der AuSschlutz deutscher Waren von belgischen Verdingungen, dem deutschen Kaufmann Veranlassung geben mühten, den Hafen von Antwerpen zu meiden und dafür in erster Lime die deutschen Häfen und in zweiter Linie den Hafen von Rotterdam zu bevorzugen.
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Das Versagen der roten Internationale.
Am Donnerstag wurde im deutschen Reichstag wieder über die Schuld am Kriege und über die gegenwärtige Krisis geredet. Der alte Sozialist Bernstein verflieg sich in seiner parteipolitischen Weltfremdheit zu der Behauptung, wenn wir die Schuld am Kriege auf uns nähmen, würden sich die Forderungen der Gegner ermäßigen. Und doch geht aus allen Reden der Entenieminffter nur zu deutlich hervor, daß dtese Herren sich nicht mit einem undiskontierbaren Schuldbekenntnis abfpeifen lassen wollen, sondern sehr reelle Sachen verlangen, nämlich deutsche Milliarden, deutsche Kohlen und deutsche Städte.
Ebenso lustig rft eine weitere Bemerkung Bernstein, man dürfe die Hoffnung setzen auf die i n t e r n a t i o» täte Arbeiterschaft, di« den Vertrag zerreißen werde. Gerade fetzt wird eine Probe gemacht auf die Friebensgesmmmg der ausländischen Arbefter. In E n g l a n d hat freilich im Unterhaus der Wg. Clynes die Raubpolitik kritisiert, aber dann wurde von den Führern der englischen Arbeiter klipp und klar erklärt, Paß sie dem schwebenden Erpressungsvcrsuch keine Sc^vierigkeiten machen wurden. Lloyd George hat feine Leute hinter sich, obschon er sich in das Schlepptau der französischen Gewaltpolitik hat nehmen laffen. Und in Frankreich? Da fühlt sich der Ministerpräsident Briand der französchen Arbeiterschaft so sicher, daß er sogar sich zu dem Versuche versteigt, auch die deutschen Arbeiter auf seine Seite zu ziehen. Einen grimmigeren Hohn auf die internationalen „Hoffnungen" von Bernstein und den anderen Schwärmern ist kaum denkbar.
o Die deutschen Sozialdemokraten haben sich ja freilich schon in den Kriegsjahren mit ihren Spekulationen auf das vermeintliche Solidaritätsgefühl der ausländischen Parteigenoffen schon manche Enttäuschungen geholt. Ihrer Schwärmerei und Träumerei traut man alles mögliche zu, während die Arbeiterführer in den anderen Ländern eine sehr nüchterne Realpolitik treiben und sich von dem faßbaren Vorteil leiten laffen, ohne für das Heil der deutschen „Brüder" einen Finger zu riskieren. Wenn die deutschen Sozialistenfirhrer aber auch jetzt noch, in der gegenwärtigen Mißhandlung Deutschlands, unserer Arbeiterschaft die Selbst- attfopferung auf den Altar der französisch-englischen RcmbpcMik zmnuten, so geht das doch über alle Grenzen der Möglichkeit und der Vernunft hinaus. So all- tzemein und durchschlagend, wie jetzt, ist noch niemals in ber deutschen Arbeiterschaft bie Erkenntnis erwacht, daß das eingeleitete Zwangsverfahren sich gerade gegen das Wohl der arbeitenden Klaffe richtet, und daß die letzteren in Schweiß und Hunger die Milliarden aufbringen müßten, die von der Entente aus Deutschland herausgepreßt werden sollen.
Der sranzösffche Ministerpräsident und seine Preßhelfer sagen freilich, man wolle die deuifchen Besitzer zahlen lassen. Das ist blanker Unsinn, wie so- gar ihr Freund Lloyd George selbst anerkannt hat, als er ausführte, daß Deutschland nur durch die Frucht der Arbeit, durch den Ertrag der Ausfuhr, lebens- und zahlungsfähig bleibe. Auch der einfachste Arbeiter sieht ein, daß von den Bankiers, den Großindustriellen unb den sonstigen Besitzern die 226 Milliarden nicht zu erpreffen sind, weil bas vorhandene Vermögen nicht vusreicht, unb baß ferner bei ber Erpressung aller faßbaren Gelber auch das Betriebskapital verloren gehen würde, von deffen Früchten bie gesamte Arbeiterschaft leben muß.
Der französische Ministerpräsibent verflieg sich sogar zu ber Ankündigung, als deutsche Zahlungsmittel müßten auch die Eisenbahnen, die Bergwerke unb bie Domänen mobilisiert werben. Also alle Aktiva, die Deutschland noch hat, sollen in die Hände der Entente fallen, unb wir sollen mit unseren ungedeckten Noten- maffen sitzen bleiben. Das Enbe wäre ber Reichsbankerott, eine ungeheure Verschärfung ber Geldentwertung und Teuerung, entschlich« Arbeitslosigkeit und «in Sinken der Löhne für die noch beschäftigten Arbeiter bis unter die Hungergrenze.
Würden die fremden Mächte die Eigentümer unserer Eisenbahnen und Bergwerke, so wäre bie Lohnsklaverei vollkommen durchgeführt. Millionen von deutschen Arbeitern würben dann fronen müssen unter ber Peitsche ber gierigen Besitzer, ohne Aussicht auf Erlösung für sich und ihre Kinder, — nicht einmal für ihre Enkel.
Nein, fo blind unb töricht sinb doch unsere Arbeiter licht, wenn sie auch durch die alten sozialdemokrati- fchen Programme und Reben etwas phantastisch angehaucht waren. Das grausame Borgehen ber Entente hat klärenb gewirkt, wie man aus bem Zusammenschluß ber deutschen Stämme, Klaffen unb Parteien in der gegenwärtigen Krisis deutlich ersehen kann.
eine Familie in drei Generationen die Reife nach Oberschlesien an. Es handelt sich um den fast 80jährigen Joseph Krebs, der mit acht Söhnen, einer Tochter unb sechs Enkeln in feine Heimat ge- fahren ist. _________________
Koinmunislcn-Paradies.
Von den schrecklichen Zuständen im Industriegebiet des Regierungsbezirks Merseburg gibt em Aufruf des Oberpräsidenten Hörfing der Provinz Sachsen ein Bild. In dem Aufruf heißt es u. a.:
Wilde Streiks, Raub und Plünderungen werden von Banden«, Einzeldiebstähle, Terror Sachbeschädigungen, Erpressungen und Körperverletzungen in der Irtzten Zeit abgelöst. Der Landwirtschaft des Industrie- Reviers werden ungeheuere Schäden durch Bandendiebstähle und Einzeldiebftähle zugefügt. Dieselben Ver- hältniffe wie in der Landwirtschaft treffen wir auch in der Industrie an. Ungeheuere Diebstähle an Holz, Kohlen, Silber, Kupfer, Erzen und sonstigen wertvollen Materialien, di- in die vielen Millionen gehen, finden von Tag zu Tag statt. Demonstrationen ohne Ziel und Zweck werden veranstaltet und schließlich erpressen bewaffnete Banden von Unternehmern die Zusage der Lohnzahlung für die Zeit der Nichtarbeit. Bei jedem wilden Streik werden die vernünftigen Arbeiter mit Knüppeln und Waffen tetrorifiert und von der Arbeit ferngehalten. Diese und zahlreiche andere an Wahnsinn grenzende Taten werden dadurch gefrönt, daft man die gesetzlichen, von der Arbeiterschaft gewählten Betriebs, röte dcrdöhnt, absetzt und durch sogenannte Aktionsausschüsse ersetzt Ich habe befohlen, daft in den nächsten Tagen starke Polizeikräfte nach vielen Orten deS Industriegebietes gelegt werden.
uldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.__________________