Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Statt Fulda.
Donnerstag, 17. fflärz 1921
Nr. 63
Deutsches Reich
öeu. mm Der-
Das enftlisch-ruffrsche Handelsabkommen.
Ein Handelsabkommen ist nunmehr zwischen England und R u ß l a n d geschlossen worden. Es hat ein volles Jahr gedauert, ehe die vielfachen Wechselfällen unterworfenen Beratungen zu Ende geführt werden konnten. Die große weltpolitische Dedeutmrg liegt in der Tatsache, daß mit dem Abschluß dieses Abkommens England offiziell die Sowjet-Revu- blik anerkannt hat. Man sieht daraus, daß die Engländer ohne viel Aufhebens nüchterne Konsequenzen immer dann zu ziehen wissen, wenn die eigensten Geschäftsinteressen in Betracht kommen. Für die Sowjetregierung bedeutet dieses Abkommen infolgedessen eine gewaltige nicht nur tatsächliche sondOm auch moralische Stärkung. Die einzelnen Bestimmungen des Abkommens sind nicht gerade überwältigender oder überraschender Natur. Von Wichtigkeit ist, daß einerseits Sowjetrußland gegenüber England und andererseits England gegenüber Sowjetrußland sich gegenseitig versprechen, nicht in die jeweiligen inneren Verhältnisse einzugreifen. Das bedeutet für die Moskauer den Verzicht auf sowjetistische Propaganda in England und für England den Verzicht aus eine Einmischung in die innerrussischen Angelegenheiten, also auch auf die Unterstützung von militärischen Aktionen zum Sturze des Bolschewismus. Interessant ist auch bei dieser Gelegenheit zu beobachten, wie sehr die Sowjetregierung vor dem englischen Kapitalismus t kapituliert hat!
müssen.
* Der Lkeuenmsfchuß des Reichstages beschloß, daß, für Beitrüge an wissenschaftliche und kulturelle Dereme bis zu 10 Prozent des Einkommens in Abzug gebracht werden dürfen. Abzüge für Lebensversicherungen dürfen bis zu 1000 Mark gemacht werden. Die Unabhängigen beantragten für die Einkommen bis zu 12 000 Mark nur 5 Prozent Lohnsteuer, der Antrag wurde abgelehnt.
(*) Da» Entwaffnungsgeseh. Das Reichskabinett hat gestern die Lage in der Entwaffmmgsfrage beraten. Soweit Mitteilungen an die Oeffentlichkeit kom- men, ist die Mehrheit der Reichsminister bereit, Aen- denmgen an dem Entwurf über die Auslösung der Selbstfchutzorganisationen nach verschiedenen Richtuw gen vorzunehmen. Allerdigns wurden Beschlüffe noch nicht gefaßt. Die Vorlage wird voraussichtlich schon Samstag oder Montag aus dem Ausschuß an das Plenum des Reichstages zurückgelangen.
* 3m rofirffemtergWn Landtag wurde bei der Beratung des Kultusetats die Gleichstellung der koth. Geistlichen mit den evcmg. im Gehalt abgelehnt. Außer dem Zentrum sprach sich nur der Bürgerparteiler Fürst, der selbst kath. Priester ist, für die Gleichstellung aus. Von der Linken (Demokraten und Sozialdemokraten aller Richtungen) konnte man ja nicht erwarten, daß sie Parität gegenüber den katholischen Geistlichen üben würden, aber auch die Deutschnationalen waren gegen dk Gleichstellung. Die Deutschnationalen tun immer so als ob sie die Hüter und Wächter kathol. Interesser wären. Solange das mit Versprechungen und schönen Worten geht, mag der Schein naive Gemüter trügen, wenn es gilt, Redensarten durch Taten wahr zu machen, dann ist von den Deutschnationalen nicht mehr zu ermatten als von der Linken auch.
lm Artikel 11 ihrer auf Gnmd des Abkommens über bfe militärische Besetzung der Rheinlmüe erlassenen Berord- mmg Nr. 3 vom 10.' Januar 1920 das Recht zugesprochen, jederzeit die Aushändigung von Briefen und Postsendungen von den deutschen Behörden fordern zu können. Die In- terallsierte Kommission kann sonach die Poftüberwachung jederzeit und an jedem beliebigen Orte des besetzten rhei- mschen Gebiets ohne weiteres ausnützen lasten. Nach den bisherigen Wahrnehmungen verfährt sie auch dementsprechend wid läßt auf bestimmte oder auf unbestimmte Zeit bald in diesem bald in jenem Orte des besetzten Gebiets eine Überwachung des Poswerkehrs in mehr oder weniger großem Umfange eintreten. Da die Anordnungen über Ort und Zeit derartiger Postüberwachungen gänzlich von dem jeweiligen Belieben der obersten Besatzungsbehörde adhängen, lasten sich nähere Angaben darüber nicht machen. Es stt aber dringend eiwrmscht, daß die Absender von Briefen usw. nach Orten in den besetzten rheinischen Gebieten sich dieser Sachlage immer bewußt bleiben und in ihren Mitteilungen alles vermeiden, was im Falle einer Durchsicht ihrer Sendungen ihnen selbst und insbesondere auch den Empfängern zum Rächtest gereichen könnte.
Die Ermordung Talaat Paschas.
Der Mörder Talaat Paschas ist gestern vernommen worden. Er stammt, wie er angibt, aus einem kleinen
Kurland.
** Die Verpfändung Oesterreichs. Bei einer Unterredung mit den alliierten Sachverständigen hat Deutsch-Oesterreich seinen sämtlichenStaats- besitz einschließlich Zollrechte, Salzsteuer, Tabakmonopol und die Eisenbahn als Unterpfand für ausländische Kredite angeboten. Dr. Maur teilte
*♦ Berlin, 16. März. Der Reichsrat hat Reederei-Abfindungsoertrag in der Reichsrat geänderten Fassung zugestimmt. — neue sächssche Staatshaushalt weist ein Defizit von 300 Millionen Mark auf. — Die Grenzwachen an der deutsch-holländischen Grenze sind von den Franzosen übernommen worden. — Das Wehr- machts-V ersorgungsgesetz ist dem,, Reichstags zugegangen. Es regelt die Gebühren für Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, die nach Ablauf ihrer Dienstpflicht oder vorher zur Entwaffnung kommen
Verantwortlich für den reOamoneUen Teil: Karl Schütte. - für die Anzeigen: I. Parzeller-Fu'.da. :: Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda, kfernwrecher Nr. 9. Tetegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung,
Die 20 Milliarden.
Wegen der 20 Milliarden Goldmark, die Deutschland vor dem 1. Mai d. 3. zu zahlen verpflichtet ist, hat die Reparationskommission, die die bisher von .Deutschland gemachten Leistungen bekanntlich nur auf 18 Milliarden Goldmark berechnet, nunmehr an die deutsche Regierung eine dringende Zahlungs- I 'ausforderung gerichtet. Die Kommission macht der deutschen Regierung in dieser Aufforderung ernt« lich folgende Mitteilung:
Erstens muß die deutsche Regierung bis zum 1. Mai den Restbetrag der 20 Milliarden Goldmark begleichen, sie muh bis zum 23. Mörz eine Milliarde Goldmark auf den noch ausstehenden Rest von 12 Milliarden zahlen. Die Kommistion erklärt sich bereit, vor der Festsetzung der Fristen und Zahlungswesten des dann noch verbleibenden Restbetrages alle Vorschläge zu prüfen, die ihr bis zum 1. Mai 1921 von der deutschen Regierung unterbreitet werden und die das Ziel verfolgen, an Stelle der Zahlungen von Gold oder ausländischen Devisen, Warenlieferungen oder Ueberschrei- bungm von beweglichen Werten deutschen oder ausländischen Ursprunges zu setzen. Die deutsche Regierung wurde außerdem ermächtigt, innerhalb der gleichen Fristen der Reparatronskommisflon Vorschläge über die Begebung einer ausländischen Anleihe zu unterbreiten, deren Ertrag der Kommistion überwiesen werden würde.
Von sachkundiger Seite wird dem Wolf sichen Büro erneut bestätigt, daß die beteiligten deutschen Stellen nach wie vor auf dem Standpunkt stehen, daß die bisherigen Leistungen Deutschlands 2 0 Milliarden übersteigen. SeDst wenn dies nicht der Fall sein sollte, würde die Folge nur sein können, daß nach § 12 Ziffer 1 Anlage 2 zu Artikel 244 des Friedensvertrages die aus diesem Grunde nicht eingelösten unverzinslichen Schatzanweisungen in verzinsliche Schatzanweisungen umzutauschen seien.
Gegen die Zwangsmaßnahmen.
Der wirtschaftliche Ausschuß des Reichs- wrrifchastsrats, vermehrt um die Mitglieder des Vorstandes und des Außenhandelskonltrollausschustes, nahm gestern Erklärungen des Reichswirstchaftsm Klisters und des Äußen- mmstters über die Folgen der Zwangsmaßnahmen entgegen.
Minister Dr. Scholz führte aus, ein Rechtsgmnd für die „Sanktionen" genannten Gewaltmaßnahmm im Friedensoertrage fei nicht vorhanden, sie würden außerordentlich schwierige Verhältnisse in Deutschland schaffen und es sei notwendig, Gegenmaßnahmen zu tres- fen. Die Entente verkenne, daß Deutschland wenig von fernen Gegnern, vor allem auch von England, werde kaufen können, wenn sein Außenhandel durch die 50proz. Ausführabgabe getroffen werde. Der deutsche Außenhandel werde sich auf die veränderten Verhältnisse ein» stellen und sich neue Dahnen suchen müssen. Es fei zu hoffen, daß der Osten von Europa sich für die deutschen Waren als aufnahmefähig erweisen werde. Die durch die Handelshinderniste drohende MinderbeschSstigung ber deutschen Industrie werde am besten durch eine energische Wiederbelebung des Bau Marktes bekämpft. Das Einfuhrverbot für überflüssige Auslandswaren fei mit Nachdruck festzuhalten. Ferner werde die Entstehung eines neuen Loches Kn Westen verhindert werden und die Verringerung des Verbrauchs an überflüssigen Einfuhrwaren durch erhebliche Abgaben werde in Betracht gezogen.
Darauf ergriff der Minister des Auswärtigen, Dr. Simons das Wort zu folgenden Ausführungen: lieber kürz oder lang wird es wieder zu Verhandlungen kommen und dies um so sicherer, je ruhiger wir unsere Lage überdenken und je fester unsere Nerven sind. Wir sind der Meinung, daß sich jetzt erwiesen hat, daß die Methode unserer Gegner, die deutschen Mnanzleiftun- gen auf viele Jahre hinaus festzusetzen und sich für lange Zeit zu sichern, Fiasko erlitten hat und man muß di« Sache jetzt von einer anderen Sette anfasten. Mr mästen den Wiederaufbau in den Mittelpunkt unsererVor- berettunaen stellen und für den Wiederaufbau der zerstörten Gebiete muß nunmehr ein wirklich bis in alle Einzelheiten gehender Plan auf gestellt werden. Wir muffen außerdem auch ein Mittel finden, um der dringenden
armenischen Dorf an der Grenze Persiens, wo feine Eltern einst von dem Beauftragten des damaligen Großwesirs Talaat Pascha aus ihrer Wohnung verschleppt worden und eines schrecklichen Todes gestorben eien. Damals habe er diesem „Massenmörder" Rache geschworen. Er habe mit vieler Mühe den Aufent- haüsort Talaat Paschas ausfindig gemacht und habe sich nach seiner Ankunft in Berlin, die erst vor kurzem erfolgt ist, in der Nähe Talaats Pafchas eingemietet, die Gewohnheiten Talaat Pafchas erkundet und ihn dann auf der Straße erschossen, um ins Ausland zu entfliehen. 3m Zusammenhänge damit wurde auch festgestellt, daß der Täter erst tags zuvor auf einen französischen Scheck 12 000 Mark ausbezahlt erhalten bat, die vermutlich dazu dienen sollten, ihm die Flucht zu erleichtern. 3n der Berliner türkischen Kolonie hat der gewaltsame Tod eine große Bestürzung hervorge- rufvn.
Es bestätigt sich also, daß Talaat Pascha gefallen ist als Opfer der türkischen Armenierpolitik. Es ist bekannt, daß die junMrkische Regierung im Frühjahr 1915 in einer grauenhaften Armenierverfolgung den Versuch gemacht hatte, die armenische Frage nach dem Muster ihres Vorgängers Abdul Hamid mit den Mit- teln der Gewalt zu lösen. Talaat Pascha wurde zu- sammen mit Enver Pascha als der Urheber dieser Greuel bezeichnet und darum von dem unversöhnlichen Haß des Armeniervolkes verfolgt; ob seiner Person tatsächlich das große Maß von Schuld für diese Greuel beizumessen ist, begegnet in vielen eingeweihten Kreisen ernsten Zweifel, denn soviel ist gewiß, daß । Talaat Pascha der Militärpartei, die sich stets für ein Vorgehen mit äußerster Gewalt gegen die Armenier aussprach, lange Zeit energischen Widerstand geleistet hat. _____ ____________ _ ___________________
Kapitalnot ber französischen Wirtschaft rine Möglichkeit . zur Linderung zu verschaffen, das können wir jedoch nicht mit Geld, das wir nicht besitzen, wir können das auch nur mit unsrer Arbeit, die wir als Gewährleistung und Sichecheit für eine Anleihe emsetzM wollen, durch Die die französischer Fincmzbedürfnisse befriedigt werden sollen und können.
In der nm folgenden Erörterung wurde rne Rechtsfrage der Zwangsmaßnahmen nicht wett« berührt, da ihr Unrecht für völlig klar gehalten wurde, wohl aber wurden Befürchttmgen taut, daß diese Gewattmaßnahmen von der Entente, wie es ihre Presse auch schon gang offen verlangt, zu ein« Blockade Deutschlands benutzt werden. Trotzdem herrschte darüber Ginigtett, daß die Sanktionen vorläufig ertragen werden müßten, weil die werktätige Bevölkerung mehr als für eine Generation darunter leiden würde, wenn zu schwer«, untragbare Bedingungen von uns angenommen würden. Don Aibett- nchmeflette wurde betont, daß die Belebung d« Dantätig- kett und and«er Gewerbe zur Hebung der deutschen Mrt- schäft im Inlande allem nicht genüge, sondern daß eine Regelung der Wrrstchast notwendig sei, die unter Senkung der Inlandspreise auch wieder «höhte Verbrauchs- Möglichkeiten ttn Inland schaffe. Von den Vertretern des Handls wurde die vom ReSchsnürischastsmmister gescherte Absicht gebilligt, den Außenhandel möglichst von allen bürokratischen Beschränkungen zu befreien.
Um der Regierung die Möglichkeit zu geben, bei den oft dringend und fehr schnell zu fastenden Beschlüssen je- d«zett sich des Rates von Sachverständigen des Reichs» wirtschaftsrates bedienen zu können, wurde unter Znftim» mnnq der Regierung ein fünfzehngliedrig« Ausschuß gebildet, zu dessen Vorsitzendem Direktor Krämer, Minister a. D. Wisfell und Staatssekretär a. D. August Müller gewählt wurden.
! Die Liquidation des deutschen Eigentums in Belgien.
Der Gesetzentwurf über die Liquidation der deutschen Eigentums in Belgien wird nach den Ostertagen in der Kammer verhandelt werden. Der Gesetzentwurf, der von der Kammer angenommen werden dürfte, verlangt so gut wie die völlige Wegnahme des gesamten deutschen Eigentums in Belgien. Rach der „Jndependance Beige" schreitet man gerade jetzt zu diesem Vermögensraub, um auf diese Weise gewissermaßen die Zwangsmaßnahmen zu ergänzen.
Als er feinen Ißater auf der Hausbank sitzen fah, stockte fein Fuß und erstaunt rief er: „Was — der Bat« schon aus den Federn?"
Dieser sah ihn durchdringend an. „Ich hab die ganze Nacht g'wacht und auf Dich g'wartet", sagte er. „Und jetzt ist meine erste Frage: Wo kommst Du her? . . . Wo bist g'wefen, während droben beim Firnkreuz ’s große Unglück geschah?"
„A Unglück?" fragte Michael und alles Blut wich aus feinem Gesichte. „Was für a Unglück?"
A Attentat auf die ganz' Grnoand beim Firnkreuz . . . Deustch' Dluat ist g'flosten — und a brav« Tirol« hat fein Leben lasten müssen — b« Garner —"
„Samer? . . " Dem jungen Mann verschlug es die Rede; feine Kniee wankten und sank mit einem Schrei auf die Bank, ^-arn« — tot? . . . Aber ums him- melswillen, wie is dös kommen?" . . .
„Latz Dir's von den anderen erzählen! Rachh« er- fährst, datz d' Leut' im Dorf sagen, die welsche Rositta Sehn oute sei schuld am Mord —"
Mit einem jähen Sprung schnellte Michael empor. „Rositta, . . . Dös is a elende Verleumdung."
„Woher woast Du dös nachh«? . . . Kennst die Welsche so gar g'nau? . . . Und wo bist g'wesen wäh- renb der Almweih' und d« Untat? . .
Dor dem durchdringenden Blick seines Vaters schlug Michael schuldbewußt die Augen nieder „Beim Maientanz", erwiderte er schweratmend. „Mit Rositta Sei» monte ... Ich will den Vater nit belüg'n . . . Vielleicht war's a Unrecht . . ., ab« wer kann wider sein Sluat? . . . Komm in die Stube, Vater . . datz ich Dir Rechenschaft ableg."
Im Morgendämmem saßen sich Vater und Sohn cm dem breiten Tische gegenüber. Rede und Gegenrede fielen rote Hcnnmerfchläge. Das Gesicht des Richters wurde immer düster«, weil er «kannte, daß Michael ganz im Sanne des welschen Mädchens stand, das ihm den Einzigen zu entreißen drohte. „Das darf nit fein", rief er endlich zornig, „die Regina Selmonte ist a Verräterin und mei’ Todfeindin — Sluat und Haß liegt zwischen uns — und Du liebst die Tocht«?"
„D' Sieb soll den Haß auslösch'n", erwiderte Mi- s chael. "
Aus dein besetzten Gebiet.
ein französischer MUitärgerlchtrnrteil. Bor dem französischen Militärgericht in Wiesbaden standen als Angeklagte Parteisekretär Jeuck von der Deutschen Volkspartei, Stadtv«ordneter Weber, Sekretär Anding und Rechtsanwalt Krücke. Die beiden ersten erhielten wegen Verbreitung von Wahlflugblättern, die auf die Erhebung Preußens nach dem Tilsiter Frieden Bezug nahmen, damit Unruhe in die Bevölkerung hineingetragen und die Sicherheit der Besatzungsttuppen ge- fährdet hätten, 5 resp. 4 Monate Gefängnis. Anding und Krücke waren angeklagt, das Thema einer Wahlversammlung, in der Stresemann sprach, falsch angegeben zu haben. Es lautete: „Die politische Lage", während Stresemann über den Versailler Frieden gesprochen habe. Sie erhielten jeder 1500 Mark Geldstrafe oder 14 Tage Gefängnis. Der Vertreter der An- klagcbehörde hielt eine Anklagerede von l1/» Stunden.
* Dar verbotene Lied. Aus Trier wird gemeldet, datz das französifche Mililärpolizeigericht 13 Abiturienten eines dortigen Gymnasiums zu 500 Mark Geldstrafe verurteilte, weil sie vre „Wacht am Rhein" gesungen haben.
Roheik eine, stanzöfifchea Offizier». Aus Trier berichtet die „Frkst. Ztg.": Ein 15 Jahre alter Lehrling hatte das Unglück, auf d« Strohe einen in ziemlich raschem Tempo auf einem Rad fahrenden französischen Kapitän nicht rechtzeitig zu bemerket. Da « mA dem Offizin beinahe zusammengestoßen wäre, erschrak er und sagte in fern« Aufregung: „Donnerwett«". Diese Aeuherung erregte den Kapitän so sehr, daß er einen Soldaten beauftragte, den in ein Haus geflüchteten Jungen zu ernxrr- ten. Als ihm ber Lehrling schließlich oorgrsührt wurde, nahm er sich in feierlicher Weife einen deutschen Poliz«- wachtmeist« zum Zeugen und schlug dann dem Jungen mtt dem dicken Ende feiner Reitpeitsche auf den Kops. Der Unglückliche schrie vor Schmerz laut auf, mußte aber von dem Polizisten noch zur Regierung gebracht roerben, von wo er nicht eher entlasten w«den darf, als bis dazu ber Befehl von ber französischen Behörde kommt.
Poslzensnr lm besetzten Gebiet. Die vor dem Jnkrast- treten des Vertrags von Versailles vom 28. Juni 1919 in ben besetzten rheinischen Gebieten von den Besatzungs- bchörben ständig ausgeübte allgemeine Ueberwachung des Poswerkehrs ist seitdem zwar roeggefaHen; die Interalliierte Rheiickcmb-Kommistion in Koblenz hat sich ab«
Deutscher Reichstag.
Auch am Mittwoch noch stand das Kapitel, Schul- und Sulturfragen vom Etat des Reichs Ministeriums des Innern zur Debatte. Es h«rfcht eine gähnende Leere im Hause. Die Debatte beschäftigt sich mit b« Filmzensur, der Umwandlung ber Kadettenanstalten u. a. m. Schließlich schreitet man zu den Abstimmungen, wobei dieses Kapitel des Etats angenommen wird Von den angenommenen Anträgen sind er- wähnensw«t: Einsetzung eines ständigen Ausschusses für Bildungsroesen, Einführung des Unttttichts in Staatsbürg«kunde, Unterweisung d« die Schule ver- lastenden Kind« über den B«sailler Verwog, Reform des B«echtigungswefens, B«eitstellung von Mitte n für den Besuch höherer Schulen durch Kind« minderbemittelter Familien u. a. m., besonders ab« ein Antrag der bürgerlichen Parteien, ber einen Gesetzentwurf fordert, wonach nicht Anmeldung zum ReligionsunterriiA- die Regel fein soll, sondttn Abmeldung oom JRetb gionsunterricht in den Fällen «folgen muß, in denen Nichtteilnahme von den Erziehungsberechtigten begehrt wird. , .
Die Einzelberatung wird beim Kapitel ©efunb- heitswefen fortgesetzt. Reichsminister Dr. Soch kündigt eine Denkschrift über di« Wirkungen der Hun- qerblockade sowie Gesetze zur Bekämpfung der Trunk- sucht und b« Tuberkulose an. Die Zentrmnsabg. Frau Dransfeld begründet einen Antrag, in dem eine mn- fastende Fürsorge für psychopathische (geiftig gestörte) jugendliche Personen nach Möglichkeit zu nützlichen Miedern d« Gesellschaft zu machen, und sie dem Verbrechertum, dem sie leider heute oftmals verfallen, zu ent. reißen. Nachdem Geheimrat Abel bi» Bereitwilligkeit der Reichsregierung gegenüber dem Anträge «klärt hat, gedenkt Dr Schreiber mit warmen Worten der neutralen Haltung des Papstes, sowie dessen Fürsorge in der Kriegsgefangenenlage und fordert Zusammenschluß all« Kräfte in der caritativen Fürsorge.
Es folgen die Kapitel Re i ch s ro a n d e r un g s- amt, Reichs ar chiv und schließlich „Technisch^ Nothilfe". Zu jedem dies« Kapitel öffneten sich die Schleusen d« B«edfamkeit weit auf. Trotz aller Mahnungen zur Beschränkung häufen sich die Wortmel- düngen immer mehr. Die Beratung zog sich infolge- besten wieder bis in die späten Nachtstunden hin Schließlich wurde der Etat bewilligt.
Donnerstag: Ministerium des Auswärtigen.
„Und dös sagst Du?" fuhr ihn der Richter zürnend cm. „Hat die Jugend von Salan fei’ G'sühl mehr für deutsches Recht und Tirol« Art? Willst bei’ Heimat verkaufen für dös bissel Liab von an wälischen Weibsbild? ... O Michael, glaub mir, die Wälischen sind falsch bis ins Mark — i kann a Lied davon fingen. Schau den Ring an! Dös ist a Erinnerung an welschen Verrat! ... Ich hab mich losg'risten von allem Welschen, obs Herz auch bluatet hat — ich bin der Heimat treu’ blieben. Folg meinem Beispiel, Mchaell . . . Deustch soll uns« Haus sein und bleiben, deutsch wie uns« Landl! . . ."
„Ich kann nit, Vater —"
„Warum nit?"
„Weil ich Rositta gern hab, weil ich sie mehr lieb’ als 's Leben. Schau, Vater, d' Liab fragt nit nach Grenzpfähl' und Völkerrasten, d' Liab ist.der Zug b« Herzen, der geht wie d’ Wolken am Himmel üb« Berg und Tal, üb« Länder und Meer'. Darum finden sich auch Deustche und Amerikanerinnen, Französinnen und Italiener zusammen zu glücklicher Ehe. Warum nit auch Tiroler und Welsche? Der Haß soll ausg’löscht werden, Friede soll werden auf Erden, fn steht’s im (Scangelt —"
Der Richt« schüttelte zornig den Kopf. „Was ^geh'n mich die Französinnen und Amerikanerinnen an!" rief er. „Wir Tirol« haben's nur mit den Welifchen z'tun. Unser Haß ist so alt wie die Berg’, weil vom Süden t)«auf nur Verrat kommt —"
„Nit alle Welschen sind »errät«, Vater", hielt ihm Michael entgegen. „Auch dort gibt’s edle Menschen — und zu denen g’hört Rositta. Ich hab. die d'rum auch von ganzem Herzen lieb und sie wird mein Weib —"
„Dein Weib? . . ." Der Richt« rüttelte den schweren Tisch, als wäre « ein Kinderspielzeug. „Nu — bös nit, sonst bist mein Sohn ntt mehr."
„Sag dös nit, Vater . . . Dein Sohn bin ich, ft> lang ich leb. Weil ich Blut 6tn_ von Dein' Sluat — und a Tirol« wie Du. Aber dös kann mich nit abhalten, an welsches Mädchen g«n z' haben. Darum wird Rositta Selmonte mein Weib. Du kennst mein' Eisenkopf, Vater. Was ich amal wist, dös fetz ich durch. Und ich mutz es durchführen —"
.«« — mußt?, ----- tLartf^tolat.)
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bei unsabgeholl3,15 Mk. älnjelgenpteis: DieKleinzeile 42 iQhrn (Colonelmatz) 60 pfg„ u. 10°)o Zuschlag, die Rekiamezeile »
(Sertbreite) 1.80 HIL, u. 10°'» Zuschlag. Sei Wiederhol. Rabatt.
Der König -er Dolomiten.
Volksroman von Felix Nabor.
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Regina Selmonte war für ihn tot; — nie mehr hörte r von ihr. Erst heute vernahm er nach langen Jahren hiebet ihren Namen — ber Rubinring weckte die Er- dmerung an eine Jugendtorheit, deren sich d« gereifte ÜRmtn schämte. — Zugleich ab« klang ihm der Fluch btt schönen Regina Belmonte ins Ohr und indem er ben Ring betrachtete, sagte er sich: „Will die falsche Schlange jetzt ihre Rache nehmen? — Hat sie am End flor ihre Tocht« ausg'schickt, datz sie mir den Sohn nimmt und mich ins Herz treffen will? — Gleichseh'n töt z Hx Ab« ich will auf der Hut fein und dafür sorgen, datz die welsche Schlang' net in unser Paradies kommt. — Den Michael aber will ich warnen vor d« falschen Brut — und wenn all' nit hilft, nacha soll ber Ring reb’n."
Aber vielleicht war das gar nicht nötig. Vielleicht genügte schon d« Hinweis auf die dünkte Vergangenheit d« Belmontes, um Michael von seiner Liebes- ■ leidenschast zu heilen und vor einem törichten Schritt zu bewahren. Er hoffte, daß in dem Sohne die deut- ich« Treue ebenso mächtig sei wie in dem Vater; bann würbe Michael selbst einsehen, daß von ein« Ver- bindung eines Tirolers mit einem welschen Mädchen niemals die Rede sein konnte. Und wenn Michael sich zu dieser Erkenntnis durchrang, wollte er ihn doppelt freudig willkommen heißen.
Da der junge Morgen durchs Fenster schaute, löschte ber Richter die Lampe, setzte sich draußen auf die Hausbank und «wartete im Morgengrauen die Heimkehr seines Sohnes. —
6.
3m grauenden Morgennebel schritt Michael Pallcmta vurchs schlafende Dorf und auf die Schmiede zu, das frohe Leuchten der Jugend, dos Herzensfeuer feiner jungen Liebe in den Augen. Sein Fuß war bestaubt Dom weiten Wege, auf feinen Haaren lag wie ein firmer Sprühregen der Tau d« Rächt.