Einzelbild herunterladen
 

m rm« ein m ... en t h.«.......; «<?*« ÄS P IS U =25 IS Ä SSt v KI § JS RI--- " Mumi - - «? s . IMS a Kl

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

48. Zahrg,

Mittwoch, 56. Mär- 1921

Nr. 62

Die

der;

S»

Bezugspreis: Monatlich Z,00Mt ohne Zustellgebühr. In Fulda bei unsabgehoU3,15 ML. Anzeigenpreis: DieKietnzeUe iToionelmag) 60 pfg u. 10°i» Zuschlag, die Reklamezeile (Textbreite» 1.80 2Jlt u. 10o,o Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

Das deutsche Eigentum in England.

Wie die Dresdner Bank aus London erfährt, ha die Regierung im Parlament erklärt, daß sie ein, Konfiskation des deutschen Eigenlums und speziell der Bankguthaben nicht beabsichtige und daß ihr früherer Verzicht auf die Rechte des § 18 unver­ändert weiter bestehe.

Die Orientkonferenz.

Einen neuen Mißerfolg der Entente stellt da Londoner Orientkonferenz dar, die ergebnislos verlaufen ist. Die Konferenz hatte folgende Be­schlüsse gefaßt: ,

ES werden am europäischen und astatischen Ufer deS Bosporus neutrale Zonen festgesetzt, welche aber von den alliierten Truppen besetzt werden dürfen. Die Alliierten gestehen die Räumung von Konstantinopel zu und gewähren dem Sultan das Recht, eine gewisse An­zahl von Truppen zu unterhalten. Die Türkei wird eine beratende Stimme in der Finanzkommission haben. Die türkische Armee darf aus 75,000 Mann bestehen, davon 30,000 Mann organisierte Soldaten und 45,000 Gendarmen. Das Gebiet von Smyrna wird von dem Griechen und Türken geräumt, mit Ausnahme der Stadt Smyrna. Dre Souveränität des Sultans über das Gebiet von Smyrna wird aufrechte- halten, aber die Verwaltung wird von einem christlichen Gouverneur geführt werden. Der Hafen von Smyrna wird Frei, Hafen. Das Statut von Thrazien erfährt keine Acnde- rung. Die Griechen verbleiben im Besitz dieses Ge. bietcS. Den Armeniern wird an der Östgrenze der Türkei ein nationaler Mittelpunkt zugestanden. Kur­distan wird eine lokale Autonomie erhalten. Die Tür- kei kann in den Völkerbund ausgenommen werden, wenn sie die Friedensbedingungen loyal durchführt.

Die Türken, die sich zuerst entgegenkommend verhielten, haben diese Beschlüsse abgelehnt, ebenso Griechenland, soweit es davon betroffen wird. Es bleibt also vorläufig alles beim alten

Talaat Pascha ermordet.

Gestern vormittag wurde in der Hardenbergstraße in Berlin von einem Armenier der angebliche tür­kische Staatsangehörige Ali Salih Vey erschossen, der in der Wirklichkeit der ehemalige türkische Groß- befiel Talaat Pascha war, der seit dem unglücklicher Ausgange des Weltkrieges sich in Deutschland aufi hielt. Der Mörder stellte sich ihm in den Weg, riß einen Revolver aus der Tasche und feuerte mehrert Schüsse auf Talaat Pascha ab, die. diesen sofop töteten. Der Mörder versuchte zu entfliehen, wurd? jedoch von Vorübergehenden festgehalten und ge- schlagen. H>.rbeeilende Schutzpolizisten verhafteten ihn.

Es dürfte sich wohl um ein politisches Ver­brechen handeln, um Rache für die von türkische« Seite gegen die Armenier verübten Greuel zu üben Talaat Pascha war von 1917 bis zum Kriegsendi Großvesier (Ministerpräsident). Er hatte in einem Anschluß an Deutschland und die Mitielmächte bi# Entwicklung der Türkei zu fördern gesucht.

Deutscher Reichstag.

Dor sehr schwach besetztem Hause wurden am Siena tag zunächst einige kleine Anfragen erledigt. Der Haushaltsplan für 1921, dessen erste Lesung aus der Tagesordnung steht, wird ohne Aussprache dem Ausschuß überwiesen

Dann setzt man die Beratung des Etats vom vo­rigen Lahr beim Reichsmini st erium des 3 n nern fort. Präsident Lobe teilt mit, daß jeder Red­ner nur 30 Minuten Redezeit erhalte, man wolle ver­suchen, den Etat noch in dieser Woche zu beenden.

Die Debatte beschäftigt sich in der Hauptsache mit

einzelnen Schul- und Kulturfragen.

Abg. Hofmann-Ludwigshafen (Z.): Die innere Aus­gestaltung und Leitung des Schulwesens sollte Ange--, legenhei! der Länder bleiben. Deshalb sind wir auch gegen eine Umwandlung der früheren Kadettenanstal­ten in Waisenanstalten. Wir bitten, diese Institute den Ländern zu überlassen, um sie für die Erziehung der Kinder Minderbemittelter zu verwenden. Den Gedanken der Reichsschule weisen wir ab. Sympathisch stehen wir dem Arbritsunterricht an den Schulen gegenüber. Grundlage aller Erziehung bleibt der Unterricht in Religion. Einspruch erheben wir dagegen, daß di« Auslastung des Ministers den Religionsunterricht zu. einem Wahlfach herabwürdigt. , ,

Abg. Veuermann (D. Vp.) spricht über kulturpolitische Reformen. Staatssekretär Schulz beklagt, daß die knap­pen Finanzen die Losung -der kulturpolitischen Rcform- aufgaben behindern. Abg. Sivkowich (Dein.) tritt für die Einheitsschule em. Abg. Müller-Frauken (Saz.) fragt, ob cberschlesische Beamte und Staatsarbeiter, die sich für Polen eingesetzt haben, wenn Oberschlesien bei Deutschland bleibt, gemaßregelt werden sollen. Reichs, niinifter des Innern Dr. koch oerneint diese Anirage.- Staatslckretär Albert berichtet über die geplanten Maß- nahmen zur Vereinheitlichung und Vereinfachung dep

Verantwortlich für den cedautonellen Teil: Kari Schütte, a für die An,zeigen: I. Parze Her-Fulda. z Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Artiendruckerei in Fulda. iVemtptedter Nr. 9. Telegr.-Adreffe: Fuldaer Zeitung.

Reichsooiwoltung. <

3m weiteren Verlauf der Aussprache kam es zu Tumultszenen gelegentlich eines unabhängig-kom­munistischen Bruderzwistes. Der Unabhängige Lede- bour stellte di- Kommunisten als eineheruntergekom­mene Bande", alsterroristisches Gesindel!" und ähn. liches mehr hin, die Haases Ermordung auf dem Gewis­sen hätten und auch Ledebour durch gedungene Mördei nach dem Leben getrachtet hätten. Man bediente sich wie Ledebour ausführte, eines Geisteskranken, um di« öflentliche Meinung von dem eigentlichen'Attentäter ab, zulenkten. Der ganze tiefe und grimmige Haß, der zwi­schen Weggenosten entstand, die sich gegenseitig tief tr die Karten geguckt und dann entzweit haben, flammt« in Ledebours Rede auf. Sn dichten Scharen umdrängten die Abgeordneten, besonders die der äußersten Linken, die Tribüne und man hatte das Gefühl, daß es jeden Augenblick zu einer wüsten Schlägerei kommen werde. Was da Ledebour den Levi, Hoffmann und Genossen an den Kopf warf, war so saftig, daß ihm zuEnthüllun­gen" fast nichts mehr übrig blieb. Natürlich griff der wütende Redekampf auch auf die Bänke über. Hoff­mann rief einem hinter ihm sitzenden Abgeordneten (an- scheinend Crispien) zu:Pfui' Deubel, Du Lump!" Also der gute Ton in allen Lebenslagen! Schließlich läßt der Präsident die Treppe zum Rednerpult räu* m e n, da er Zusammenstöße befürchtet. Wüste Schimvf- j warte hin und her. Dazwischen heult die Glocke. Mit ^erhobenen Länden, blaurot im Antlitz. lcbleudert Leüe-z

aber hat auch sie in ihrer jetzigen Ernüchterung ein besseres Berständnis für Hitzes Arbeit gewonnen.

Mehr als ein Menschenalter steht Dr. Franz Hitze im Dienste der Politik und der parlamentarischen Ar­beit. An seinem Lebensabend ist es ihm, einem Prie­ster nach dem Herzen Gottes, voll tieffter edelster Fröm- migkeck und reinsten Strebens, vergönnt, die reifen Früchte keiner großen Lebensarbeit mit eigenen Augen zu schauen. Das ganze katholische Volk und vor allem die katholisch« Arbeiters' -st, die ihm so unendlich viel verdankt, misten sich an seinem 70. Geburtstag« eins mit dem Wunsche, den der erste Vorsitzende der Deut­schen Zentrumspartei Karl Trimborn in den Mittei­lungen der Deutslhen Zentrumspartei so herzlich zum Ausdruck gebracht hat:Wir wünschen unserm Neben Freunde einen gesegneten Lebensabend. Wir wisten, wie gern und wie stark er noch an den Errignisten des öffentlichen Lebens AnteU nimmt. Wir misten vor allem, wie sehr ihm namentlich das Wohlergehen un­terer Partei am Herzen liegt. So wünschen wir ihm nicht zuletzt zum besten unseres Vaterlandes und un­serer Partei, daß seine unersetzliche Arbeitskraft uns noch recht lange erhalten bleiben möge!"

Der Protest gegen dieZwangsmatzirahmeti*

In dem Protest der deutschen Regierung beim Völ­kerbund gegen die Zwangsmaßnahmen heißt es: Das Vorgehen der Alliierten verstoßt gegen den Ver­trag von Versailles. Die Alliierten bezeich­nen ihre Maßnahmen als Sanktionen, zu denen ihnen die Bestimmungen des Vertrages das Recht gäben. In Frage föinrcn nur die folgenden Bestimmungen kom­men: 1. 8 18 der Anlage 2 zu Teil 3, 2. der Schluß­absatz des Artikels 429 und 3. der Artikel 430. Keine dieser Bestimmungen gestattet, deutschen Boden außer­halb der Gebiete westlich des Nheins und der Brücken­köpfe neu zu besetzen.

Nach Artikel 429 darf nur die Zurückziehung der Operationstruppen aus dem besetzten Gebiet hinaus­geschoben werden, wenn die alliierten Regierungen beim Ablauf der Besetzungsfrist die Sicherheit gegen einen nicht herausgeforderten Angriff Deutschland nicht als hinreichend betrachten. Nach Art. 438 können geräumte Gebiete wieder besetzt werden, wnn Deutsch­land sich weigert, seine Reparationsverpslichtungen zu erfüllen. Aus § 18 kann das Recht zur Besetzung deustcher Gebiete überhaupt nicht hergeleitet werden.

Auch Ne wirtschaftlichen Zwangsmaßnah­men können aber nach 8 18 nur wegen Richterfülluuz der Entschädigungverpflichtungen verhängt werden. Ein Verstoß gegen die Entschädigungsverpflichtung liegt nicht vor. Die als zweite Sanktion angekündigte teilweise Beschlagnahme des Kaufpreises deutscher Waren würde ausvrücklichen Zusicherungen widersprechen, Ne Ne belgische, britische und italienische Regierung wegen der Verzichts auf Ne An­wendung des § 18 abgegeben haben. Die Einführung einer eigenen Zollordnung in den Rheinlanden ist schon deshalb nicht als Zwangsmaßnahme anwend­bar, weil Artikel 270 des Friedensvertrages dies da­von abhängig macht, daß sie zur Wahrung der wirt­schaftlichen Interessen der rheinländischen Be­völkerung als erforderlich zu erachten ist. Der Ministerpräsident der französischen Republik hat am 4. Februar in der Deputiertenkammer anerkannt, daß es sich hier um eine über Ne Bestimmungen des Ver­trages hlnausgehende Maßnahme handeln würde.

Die Alliierten beabsichtigten mit ihren Zwangs­maßnahmen, Deutschland ihre Vorschläge hinsichtlich der Art der Erfüllung der Reparationspflichtm gefügig zu machen. Diese Vorschläge sehen eine vom Ber­trag abweichende Regelung der Frage vor. Eine Verpflichtung der Annahme der Vorschläge be- Itaube daher nicht.

Die deutsche Regierung, die Ne Völkerbundsakte mit unterzeichnet hat, richtet cm den Völkerbund das Ersuchen, die ihm olüiegenden Schritte zur Einleitung des in der Akte vorgesehenen Schlichtungsverfahrens zu tun und dafür Sorge zu tragen, daß die von den Alliierten angekünNgten Gewaltmaßnahmen sofort aufgehoben werden. Die deutsche Regierung ge­nügt ihrerseits schon jetzt der BorbeNngung für Ne Durchführung des Verfahrens, indem sie Pflicht eines Bundesgliedes auf sich nimmt.

Berliner Beratungen.

Heute vormittag tritt, wie wir hören, der wirt­schaftspolitische Ausschuß des ReichswirtschaftsratS unter dem Vorsitz des Direktors Krämer zusammen, um zu der Sage Stellung zu nehmen, die die An­wendung der Zwangsmaßnahmen für die deutsche Wirtschaft geschaffen hat. An der Sitzung werden auch Minister Dr. Simons und ReichswirtschaftS- minister Dr. Scholz teilnehmen. Die Aussprache dürfte vornehmlich dem Zwccke dienen, die etwaigen Gegenmaßnahmen gegen solche Wirkungen der Zwangsmaßnahmen zu erörtern, die die deutsche Wirtschaft schwer zu schädigen geeignet sind. Dazu gehört auch die Frage, ob das Reich die Exporteure, Die nicht mehr den vollen Gegenwert ihrer Liefe­rungen von ihren Kunden in den Ententeländern erhalte«, schadlos halten will.

Die Schadenersatzforderrrng.

Die der deutschen Regierung von der Reparations- kommission übermittelte Schadenrechnung der vormccks feindlichen Länder beläuft sich nach den bisherigen Um­rechnungen auf insgesamt rund 180 Milliarden Goldmark, wenn man die in der Landeswährung auf- gestellten Forderungen nach dem jetzigen Valutastand umrechnet.

Die Unterlagen, die diesen Forderungen bei gegeben worden sind, sind ungemein dürftig und machen eine gewissenhafte Nachprüfung unmöglich, was nicht hin- dert, daß die Reparationskonnnffsion eine Nachprüfung in kurzer Frist, teilweise binnen ein bis zwei Wochen verlangt, während sie selbst sich zwei Jahre Zeit ge­lassen hat. Selbstverständlich wird versucht werden, gleichwohl die Forderungen nachzuprüfen unb auf diese Nachprüfung den unausbleiblichen Protest zu gründen.

in dem auch der Beweis nicht fekflen wird, daß die Entente bei ihren Forderungen gänzlich den § 234 des Friedensvertrages übersehen zu haben scheint, wonach bei Festsetzung der Forderungen die Leistungsfähigkett Deutschlands zu berücksichtigen ist. Die Rechnung der Reparationskommrssion übersteigt die Pariser Rechnung um ein Mehrfaches. Diese ging immerhin von einem Grundkapital von rund 50 Milliarden Goldmark aus, die Revarattonskommrssion von 180, was auf 30 oder 42 Iahreszahlunaen verteilt, mH den Z'mjen schwin­delhafte Zahlen geben würde.

20 Milliarden Gold bis zum 1. Mai.

Die Wtedergutmachungskommission hielt gestern eine Sibung ab, in der der Defchluß gefaßt wurde, Deutsch­land aufzufordern, den Artikel 235 des Versailler Der- trage durchzuführen, der bestimmt, daß Deutschland vordem 1. Mai 1921 20Milliarden.ll in Gold zu bezahlen hat. Bekanntlich hat Deutschland nach seiner Ansicht bereits für 21 Mil­liarden Gsldmark seit dem Waffenstillstand an die Alliierten bezahlt. Die alliierten Regierungen jedoch behaupten, daß mir die Summe von 8 Milliarden erreicht wurde, 12 Milliarden aber noch zu zahlen seien. Die Kommission entschied sich dahin, daß Deutschland kein weiterer Auflckmb gewährt werden soll. Sie wird sich auch in kürzester Zeit mit der Durchführung des Artikels 233 besoffen und wird noch vor dem 1. Mai Ne Gesamtsumme der deutschen EntschädigungszahlunPen festsetzen.

Sie Abgabe auf deutscher Waren vom Unterhaus angenommen.

Sn England hat das Unterhaus gestern in zweiter Lesung die Beschlagnahmevorlage angenommen. Den richtigen Namen gab der englische Schatzkanzler Chamberlain der neuen Heldentat: ein« wtrtscha s t- liche Blockade Deutschlands. Mo ein Rückfall in das Kampfverfahren der Kriegsiahrr. Auch Lloyd George fang ein Loblied auf Ne neueBlockade . Er sagte, sie sei ein Ersatz für Gewaltanwendung und Wafsengeklirr, sie sei eine friedliche Methode der Em- sammlung; sie sei ein Ausweg, von dem er glaube, daß er allen Parteien gerecht werde. Auch in der Kriegszcst wurde die Blockade von ihren Handhabern als unblutiges und milderndes Mittel gepriesen. Wir haben Jahre lang die Wirkungen dieses angeblich hu­manen Verfahrens zu kosten gehabt, unb unter ihren Nachwirkungen leidet das deutsche Volk auch heute noch schwer. Ti«Milde" undFriedlichkeit" besteht ba­nn, baß nicht bloß bie wehrhaften Männer auf den Schlachtfeldern getroffen werden, sondern über diese Huiiderttausende hinaus doppelt und dreimal so viel Millionen an wehrlosen Leuten, an Frauen, Greisen, Jünglingen und Kindern bis zu den Säuglingen. Zu dem Blutvergießen auf den Kampfplätzen gesellt sich bie Blutoerderbnis für bie ganze Nation in Folg« von Unterernährung unb Krankheiten. Das war kein Ersatz für Gewaltanwendung, sondern eine Steige­rung der grausamen Kraftanwendung.

Wenn bie neue Blockade nicht so verderbliche Wir­kungen haben sollte, so würde es reimt Entschuldigung für Deren Urheber fein. Sie haben Ne A b s i ch t, die neue Blockade jo scharf zu machen, daß Deutschland die Wirkungen nicht aushalten kann . Wie der englische Schatzkanzler sagte, soll Ne wirtschaftliche Blockade streng genug sein, um Deutschland zur Vernunft (d. h. zur Unterwerfung unter die Pariser Naubbefchluste) zu bringen." Wir hoffen, daß auch beim schlechtesten Willen der Gegner die neue Blockade doch nur eine T e i l s p e r r e sein und bleiben wird, bie uns zwar sehr belästigt unb schädigt, aber doch nicht an bie Le­benskraft unserer Nation geht.

In bieser Erwartung bestärken uns auch die Ver­handlungen im Unterhaus«. Denn dort mußten die Minister zu ihrem Leidwesen zugestehen, daß sie über den Umfang, den die geplante Handelssperre machen könnt«, noch ganz im Unklaren sind. Lloyd George berief sich darauf, daß auch Italien, Belgien und Ja­pan den Beschlüssen in London zugestimmt hätten. Wer auf die weitere Frage, ob sie ebenfalls (Sperr- und Tributgesetze nach mgiischem Vorbild erlassen wür­den, gab er ausweichende Antworten. Nur Frankreich, Ne treibende Kraft in der Gewaltpolitik, macht mit. Auf bas Versagen von Italien unb Belgien (wegen seiner Durchfuhrinteressen) wird bie öffentliche Mei­nung in Englanb bereits vorbereitet. Auf den recht­lichen Protest der Neutralen legen Ne Engländer kein Gewicht; wohl aber haben sie Sorge wegen der deut­schen Waren, Ne nach den neutralen Staaten und burch dieselben auf den Weltmarkt gehen könnten. Die Blok- kade ist noch langst nicht ein geschlossener Ring; viel­mehr sind die Oefsnungen noch größer, als Ne Sperr- ketten.

Demgemäß ist es auch eine ganz willkürliche An­nahme, wenn bie Englänber auf Grund der alten Han- delsstatistik ausrechnen wollen, sie und' bie Franzosen könnten durch bie Brandschatzung an ihren Grenzen so viel Gelb erbeuten, wie sie durch ihre Pariser Be» K eintreiben wollten. Erst abwarten, welchen er deutsche Handel einschlagen wirb! Wenn bet Ertrag hinter den Erwartungen zurückbleibt, so kann leicht ber Fall eintreten, daß durch Ne wirtschaflliche Blockade nicht Deutschland, sondern die (Entente selbst zur Vernunft gebracht wirb".

Lloyd George kam auch auf den verrückten Antrag des Abg. Bottomley zu sprechen, der den sofortigen Einmarsch in Berlin verlangte. Lloyd George hiett es für angebracht, den Antrag ernsthaft _zu er­örtern wobei er allerdings dessen Unzweckmäßigkeit betonte. Dies scheint also bas einzige Bedenken zu sein, das bie Verbanbsmachthaber von einem derartigen widerrechtlichen Raub-Einbruch in fremdes Land ab- halten würde.

Rücktritt des Privatsekretärs Lloyd Georges.

Ter Privatsekietär von Lloyd George, Philipp Kerr, wird seinen Posten verlassen, weil er die gegen Deutschland ergriffenen Zwangsmaßnahmen nicht billig

Zu Franz Hitzes 70. Gedurtstag.

Dr. Franz Hitze, der hervorragende katholische So- zialpolitiker und rastlose Vorkämpfer des Zentrums, feiert heute, am 16. März, seinen 70. Geburtstag. Die deutsche Zentrumspartei, ja das ganze katholische Volk Deutschlands gedenken an diesem Tag« in dankbarer Liebe unb Verehrung bes Jubilars unb seiner uner­müdlichen Arbeit, bi« er als bahnbrechender Führer auf dem Gebiete der Sozialpolitik, «msgestattet mit tiefgründigem Wiffen und mst war­mem Herzen für das Wohl aller arbeitenden Klaffen segensreich geleistet hat. Unsere innigsten Wünsche eilen zu ihm in die schöne westfälische Heimat, wo Dr. Franz Hitze weilt, um Erholung zu suchen nach aufopferungsreicher Lebensarbeit.

Schon als Student lebt« in ihm bas hohe Ideal und nahm sein ganzes Denken gefangen, im Dienste Gottes bem Wohle bes Volkes zu bienen, besonders die Nottage des arbeitenden Standes zu verbessern. Frühzeitig führte dieses Bestreben Hitze auf das Ge­biet der sozialen Tätigkeit. Sein erstes sozialpoliti­sches WerkDie soziale Frage und die Bestrebungen zu ihrer Lösung" (Paderborn 1877) stellen Vorträge dar ,Ne er im StudentenvereinUnitas" in Würz­burg gehalten hatte. Während seines Aufenthaltes in Rom schrieb er sein bekanntes BuchKapital und Ar­beit" undReorganisation der Gesellschaft" (Pader­born 1880). Diese Schriften stellen einen Versuch bar, ein katholisch-soziales Programm wissenschaftlich zu 'entwickeln. Sie sanben viel Beachtung in sozialpoli­tischen Kreisen. 1881 trat Hitze als Generalsekretär in den VerbandArbeiterwohl" ein, ber 1880 von Franz Brandts in M.-Giadbach gegründet worden 'war. Hitze widmete sich seiner sozialen Aufgabe mit großer Hingebung unb Begeisterung. Die Zeitschrift Arbeiterwohl" würbe die Stätte eines regen Gedan­ken- unb Meinungsaustausches über praktische Sozial­politik. Ilm bie Bebeutung Hitzes für biefe Zeit richtig zu würdigen unb zu ermessen, muß man bedenken, daß die sozial« Resormbewegung sich damals erst im Anfangsstadium ihrer Entwicklung befand »mb noch .-keineswegs Gemeingut ber Bevölkerung war wie heut«. Die christlich-soziale Bewegung, die vom Bi- ffchof Ketteler in den sechziger Jahren ins Leben ge­rufen war, hatte zwar das Interesse für Sozialpolitik unb für bte Lage bes Arbeiterstandes geweckt, war .aber noch Ansangsbewegung. Hier baute Hitze auf And führte die Theorie zu praktischen Resultaten. In Den Kreisen der katholischen Arbeitgeber und der Ar- "beitersreunde gab er tatkräftige Anregungen zur Er­richtung von Wohlfahrtseinrichtungen. Er Mb mu- stergiiltige Leitsätze heraus für Arbeitsordnung, Ein­richtung" von Arbeiterausschüffen, Fabrikkrankenkaffen, Fabriksparkasfen, Haushaltungsschulen usw. Don den mandxrlei literarischen Erzeugnissen der damaligen Zeit sei nur «,-wahni bas SchriftchenDas häusliche Glück", bas unter seiner Leitung und Mitarbeit her­ausgegeben, in vier Sprachen übersetzt wurde und eine Auslage von über einer halben Million erlebte.

Eine Hauptaufgabe sah Hitze in der Gründung von katholischen Arbeitervereinen, für die er 1884 Grundzüge verfaßte. Hier wiederum wirkte Hitz« be­sonders dahin, daß bie Arbeitervereine ihre -Aufgabe, bte katholisch« Arbeiterschaft für bie zweck- rnäßigr Vertretung ihrer Standesinteresten und für Ne Berteibigung ihrer politischen und religiösen Ideale gegenüber ber Sozialdemokratie zu schulen und zu er­ziehen, systematisch erfaßten. 1894 legte er in der Prasidesversamnttung ber Diözese Köln Leitsätze zur Gründung von Berufsabteilungen innerhalb bet ka­tholischen Arbeitervereine vor, aus denen sich nach ganz kurzer Zeit zum Teil bie jetzigen christlichen Gewerkschaften entwickelten. Nmimehr trat Hitze als Befürworter der christlichen Gewerkschaften in der Oefsentlichkest auf. Bald nach der Gründung des Gewerkvereins christlicher Bergarbeiter mürbe er in den Ehrenrat berufen unb hielt als solcher im Jahre 1895 in Esten eine Rede über Ne Notwendigkeit ber christlichen Gewerkschaften, die von programmatischer Bebeutung war und für bie spätere Entwicklung der­selben.

In gleicher Weise bahnbrechend wie auf dem Ge­riete der sozialen Wohlfahrtspflege unb der Organi­sation der christlichen Arbeiter wirkte Hitze auch in ber Ausgestaltung ber ganzen sozialen Gesetz- vebun g unb ihrer Reform. Ja, hier liegt die eigent­liche Lebensarbeit von Franz Hitze. So hat er an dem Ausbau und der Vollendung der Arbeiterversicherung, die damals bei Beginn feiner politischen Tätigkest im Jahre 1882 erst im Werden begriffen war, unaus- Asttzt unb erfolgreich gearbeitet Auf bie Arbeitcr- fchutzgesetzgebung richtete er sein Hauptaugenmerk. In dieser Epoche erschien sein BuchSchutz ber Arbeiter". Die darin vertretenen Gedanken und Ideen wurden ich wesentlichen im Arbeiterschutzgesetz von 1891 ver- n,ir* ra L beit dieser Zeit lebte Hitze fast nur noch dem lNedantn- der sozialen Reform unb ihrer 23er» ® a, t b'e sich nicht allein auf bie Fürsorge für die Arbeuer beschränkte, sondern auch auf die Interessen der Handwerker, des Mittelstandes unb der Lanbwirt- ichaft erstreckte. Namentlich an der Handwer­ke r gc s etz geb u n g hat Hitz« hervorragend mitge­wirkt, wie überhaupt Ne Gewerbegesetzgebung sein Spezialgebiet war.

2Iüf ein ungewöhnliches Maß von Arbeit kann ber Jubilar mit Freude und mit Stolz zurückblicken, auf eine Arbeit, die trotz vieler und großer Schwierig­keiten von Erfolg gekrönt war. Als Politiker ist Hitz« ein Muster von Pflichttreue, Fleiß unb Disziplin. Der Zentrumspartei und ihren Grimdibeen hängt er mit ganzer hingehender Begeisterung an. Seinem Ge­rechtigkeitssinn unb feiner Liebenswürdigkeit gelang es, in der Fraktion vorhiMene Gegensätze zu über­drucken unb zu versöhnen, Widerstände zu überwinden. Aber auch in andern Fraktionen genießt Hitze Achtung unb Sympathie. Seine Sachkenntnis unb Sachlich­keit, sein gewinnendes Wesen, seine vornehme Zurück- chalmng unb seine Selbstlosigkeit sichern ihm überall Gntgegenfommen. Mit um so größerer Gegnerschaft hat ihn Sozialdemokratie verfolgt. Schließlich

MWWWßWWWWWWs