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üldaerZeitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Lladt Fulda.

Flr. 60,

LercuuworlUch für den leOouwnellen Tell: Karl Schütte. - für btt Anzeigen: I. Parzeiier-Fulda. z Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda, fkernlvrecher Nr. 9. Telegr.-Adresie: Fuldaer Zeitung

Montag, 14. märz 1921.

Bezugspreis: Moilmüch Z.00 Ulk. ohne Zustellgebühr. ZnFucda bei unsabgehoU3,15 Alk. Anzeigenpreis; LieKleinzeile Colone lmatz) 60 pfg, u. 10° « Zujchlag, die Aeklamezetle (Texrdreitel 1.80 2RL, u. 10% Zufchlag. Bei Wiederhol. Rabatt.

48. Zahrg.

Sie PlitiW AMche im RcWtM

Der Reichstag Hot am Samstag die große Debatte über die Ereignisse in London und über die Haltung des deutschen Außenministers als Untschändler auf der Londoner Konferenz geführt.

Dor Eintritt in di« Tagesordnung macht Präsident Lobe Mitteilung von einem Telegramm des vorläufigen Land­tages von K ä r n t e n, in dem die Anteilnahme der Kärnt­ner Bevölkerung an den neuen Leiden des deutschen Vol­kes ausgesprochen wird. Alsdann erstattete

Relchsmlaister Dr. Simons

einen erschöpfenden Rechenschaftsbericht über seine Haltung auf der Londoner Konferenz.

Die Londoner Konferen z sagte Dr. Simons ist eine Fortsetzung von Spaa und Gens. Wenn di« deutsche Regierung der Ersetzung der Konferenz in einem neutralen Lande, die gewisse Vorteile geboten hätte, durch die Konferenz von London zustiNrmte, so tat sie dies, um nicht den großen Vorteil aus der Hand zu geben, der in der englischen Einladung lag, über die Entschädigungsfrag« zu verhandeln. Doch hatte die Konferenz außerordentliche Schwierigkeiten zu überwinden, namentlich durch die vor- hergegangene Konferenz in Paris, wo die Alliierten durch die ziffernmäßige Festlegung ihrer Forderung sich

bereits feftgelegt

tmb dadurch auch im deutschen Dotke eine bestimmte Mei­nung über di« Unannehmbarkeit dieser Forderungen hervor- gerufen hatten. Dadurch wurden die Versuche der Sach­verständigen von beiden Seiten, schon früher zu einer Einigung zu gelangen, erschwert. Es waren also von vorn­herein ungünstige Aussichten, unter denen in Deutschland die Vorbereitungen für die Londoner Konferenz unternom­men wurden.

Der Minister erinnert cm di« sorgfältigen, von den deut­schen Sachverständigen ausgearbeiteten Denkschriften, und tritt in eine Besprechung der deutschen

Gegenvorschläge

ein. Bestimmte Vorschläge zu machen war fast unmöglich, so lange z. B. die Unsicherheit über Oberschlesien herrschte. Was auch gesagt werden mag Oberschlesien ist und bleibt für Deutschland eine Lebensfrage! Die deutschen wirtschaftlichen Kräfte hängen für die Zukunft davon ab, ob Oberschlesiens Industrie und Produktion bei . Deutschland verbleibt. Ein zweiter Dunkt waren die Hem­mungen, welchen der deutsche Handel auf Grund des Friedensvsrtrages für die nächsten Jahre unterworfen ist. Auch hier war, so lange das deutsche Gewerbe und der deutsche Handel nicht von diesen Fesseln befreit find, jede Berechnung unmöglich. Wenn die Delegierten sich trotzdem entschlossen hatten, schon setzt mit Gegenvorschlä­gen hervomutreten. so geschah dies mit Rücksicht aus poli­tische Gesichtspunkte. Es sind mehrere Vorschläge von den Sachverständigen besprochen winden, aber keiner konnte eine überwÄtigeirde Mehrheit der Sachverständigen für sich gewinnen. Einig waren sie aber alle darin, daß Deutschlands Leistungsfähigkeit außer, ordentlich viel geringer fft, als sie unsere Geg­ner veranschlagten. Keiner der Sachverständigen ist für bi« Gegenvorschläge verantwortlich, die di« Regierung gemocht "hat. Die Vorschläge sind gemacht worden nach sorgfältigster Prüfung,'aber nicht auf Grund eines Mehr­heitsbeschlusses der Sachverständigen, sondern auf Grund der

Verantwortlichkeit der Regierung selbst und zwar in erster Linie der Verantwortlichkeit meiner Person, denn ich bin es gewesen, der die Gegen­vorschläge dem Kabinett gemacht hat, die nackcher die Billigung des Kabinetts gefunden hoben.

Der Minister begründete dann eingehend den bekann­ten ersten deutschen Gegenvorschlag von 50 Milliar­den, der aber bei der Gegenseite, als er chn in London ouseinandersetzte, so große Entrüstung hervonief, daß er gegenüber dieser Erregung feine Rede abkürzen mußte und keine ausführliche Begründung des deutschen Vorschlages geben tonnte. Darauf kam dann das bekannte Ulti­matum.

Der Minister schildert auch die weiteren Versuche, die er macht?, um angesichts der drohenden Zwangsmaß- Uahmen die Verhandlungen nicht obbrechen zu lasten; wie *r versuchte, den Gedanken des gemeinsamen Wieder- nufdanes der zerstörten Gebiete in den Vordergrund zu rücken. Dabei trat uns, sagt Dr. SU Wons, in den Weg, daß die Gegenseite außerordentliche Besorgnisse vor der deutschen Tätigkeit hatte, daß nament­lich die Franzosen sich embildsten, wir wollten den Wie­deraufbau durch groß« deutsche ArbÄterkolonisn durchfüh­ren, di« dann jahrelang mit Weib und Kind dort verweil­ten und allmählich Frankreich mit deutschen Siedlungen be­setzten. Angesichts dieses Widerstandes, zu dem auch de Fürcht der französischen Unternehmer vor der deutschen Konkurrenz kam, haben wir es uns angelegen fein lasten, n-ch Wegen zu suchen, die der deutschen Arbeiterschaft er» «öglidjen sollen, ihre Tätigkeit für das Entschädigirngspro- bl«m auf deutschem Boden zu gestalten. Dieses Problem, das den Gegnern in vertraulichen Besprechungen vorgeführk wurde, fft keine Theorie, es ist in Angriff genommen und Ed in Kürze in größerem Umfange durchgeführt werden. Die Plstne sind nicht bloß für Frankreich gemacht worden, (orbern um unsere eigenen großen Pläne durchzuführen. W:r roerbm, Frankreich an dem teilnehmen lassen, was wrr für uns selber geplant haben. Dieser Gedanke des Wiederausbaues muß auch künftig unter uns in den Mit- Zielpunkt der DerstäNdigungsarbeit gestellt werden, wenn auch diesmal der Vorschlag zu keiner Einigung führte, da er den Gegnern nicht die erwartete große finanzielle Hilfe brachte.

Rach dem Scheitern dieser Versuche haben wir dann dar Provisorium verlangt. Wir haben es zuletzt für unsere Pflicht gehalten, auch noch den letzten Versuch zu machen, und haben d'e Pariser Vorschläge zur Grund­lage^ genommen. Inzwischen war uns von der deutschen Siegtenmg mitgeteilt worden, daß sie ganz neue Gegen­vorschläge vorbereite, ittib eine Vertagung der Konferenz «aantraae. Diese Weisung, die unmittelbar vor dem Ad- t«Nuß der Beratungen nach.London kam, konnte nicht mehr ^gehalten werden, und so habe ich die schwere Verant- «vttuug übernommen, in diesem Punkte die Doll- -.^cht der Regierung zu überschreiten. Die £*9*nmg hat mir für bi* Usberschreitung ihrer Wei- ihre Zustimmung gegeben, und ich bin infolge- hier ermächtigt, zu erklären, daß die Regierung bie- r* Verhalten der Delegation vor der Londoner Kcmfi- «ebilligt hat.

^tifter Simons kommt dann auf die Zwangs- nahmen zu sprechen. Zuvor sagt er: Wenn man ? toirbon mit diesen Herren Auge in Auge verkehrt, P*? Man von ihnen hört, wie es bei ihnen ausiieht, « doch sagen, daß ihr« Ford«,«S« et* Meß

dos Ergebnis eines Taumels des Sieges oder bet Macht­gelüste sind, sondern im Gegenteil das Ergebnis außer­ordentlich sthwerwiegemder Sorgen urtb Röte bei der Gegenseite. Trotzdän haben die Zwangsmaßnahmen nicht eineSpurvon Recht für sich. Im Friebens- oertrage gibt es in der Reparationsfrage nur wirtschaft­liche Repressalien. Ich wiederhole hier den P r o t e st, den ich in London erhoben habe, vor der deutschen Oes- fentlichkeit und vor der ganzen Wett und stelle sest, daß von den in London gehörten Juristen auch nicht ein einziger eine Entkräftung unserer Darlegungen ver­sucht hat.

Zum Schluß sprach der Minister über

die künftige Haltung Deutschland».

Am einsachsten sei es, den Friebensvertrag al- gebrochen anzusehen, es gibt kaum einen schwereren Angriff auf das Recht als dieSankttonen". Man könnt« die Beziehungen abbrechen. Aber noch berufen sich unsere Gegner auf den Vertrag, noch behaupten sie, mit Maß­regeln des Rechtes gegen uns vorzugehen, wenn, auch keine Spur von Grund dafür vorhanden ist. Aber die Lage in der WÄt ist nicht fo, daß wir glauben könnten, mit dem Abbruch der Beziehungen einen günstigen Eindruck zu ma­chen. War sich in der Wett umsieht und das kann man von London aus bester als von Berkin, bei sieht, wie allgemein die Neigung in der Welt ist, daß Deutschland im Unrecht fei. Wir könnten auch sogen: bie Gegner haben den Friebensvertrag zerrissen, er gitt auch flr uns nicht mehr. Auch das wäre falsch Man soll nicht Böses mit Bösem vergelten. Wir sind bereit, den Friedensvertrag von Versailles zu erfüllen aber nicht mehr! Nach Ueberzsugung der Regierung müsten wir freilich alles tun, was wir tun können, um neue Mittel und Wege zu Gegenvorschlägen aus der Grundlage des Möglichen zu finden. Aber in dem Augenblick, wo man uns eine solche Ohrfeige gibt, können wir nicht die Hand hinstrecken und sagen, wir wollen wieder Freunde sein! (Lebhafte Zustimmung.) Ich möchte darauf Hin­weisen, daß die Grundlage für neue Verhandlungen durch die Sanktionen ganz außerordentlich verändert worden ist. Wir sind nach London gekommen mit dem guten Willen, zu einer Verständigung zu gelangen und nut dem guten Willen, uns zu Gunsten einer Verständigung große Opfer aufzuerlegen. Aber als Folge dessen, was man uns jetzt mit den Sanktion«, mrtirt, wnd man nicht mehr die gleiche Stimmung bei «ns finden. (Beifall.) ' Man darf die Wirkungen der Sanktionen n«ht unterschätzen. (Sehr richtig!) Nicht nur das Rheinland, sondern ganz Deutschland wich merken, wie schwer es unter den Folgen der Sanktionen zu leiden hat. Um die Dtrtschost wieder bessern zu können, müssen wie uns vor allem von allen Hemmnissen befreien. So aber geschieht das gerade Gegen­teil. Bei den schweren Folgen, die bie Sanktionen haben werden, werden wir unser Angebot von London nicht wie­derholen können, sondern wir werden nach neuen Wegen suchen, wenn man sie von uns verstmgt, und zwar fitbftonftänblich auf der Grundlage bet für uns fo erheblich verschlechterten Grundlage.

Lloyd George hat in den Mittelpunkt seiner ganzen Ausfühiungen die 3rage her VevauttvortlichkeV, die Frage der

Schuld am Kriege gestellt. Wenn man uns unerfüllbare Forderungen aufbürbet auf Grund der Voraussetzungen, auf denen der ganze Friedensvertrag beruht, so zwingt uns das dazu, nachzuweisen, daß diese Voraussetzungen faffch sind. (Lebh. Beifall.) Wir haben zwar unterschreiben müssen, daß Deutschland die einzige Schuld am Kriege habe, aber deshalb ist dem nicht so. Und es ist kein Mann und keine Frau in diesem Saale, die glaubten, daß Deutschland die einzige Ursache am Kriege ge­wesen sei. (Beifall und Zustimmung.) Ich bin weit davon entfernt zu behaupten, wir wären fchuldlos. Aber daß es unrichttg ist, zu sagen, Deutschland sei allein schuld, das muß die Welt doch allmählich lernen und es ist unsere Pflicht, alles zu tun, damit diese Frage ge­klärt wird.

Als Führer der deutschen Delegation erwarte ich nicht von Ihnen, daß Sie jeden Schritt der Delegation in London billigen werden, im Gegenteil, darüber kann jeder seine eigene Meinung haben. Ader auch im Na­men der Reichsregierung, die in dieser Frage auf meiner Seite steht, brauche ich die Erklärung dieses Hauses, daß es den endgültigen Entschluß der deutschen Dele­gation, nämlich nach Ablehnung unserer Vorschläge durch die Alliierten die unerfüllbaren Forde­rungen der Alliierten abzußehnen, bil­ligt und ihm zu stimmt. Sonst würde es aller­dings richtig sein, wenn Sie sich jemand anderen suchen würden, der künftig die Verhandlungen mit der Gegen- feite fuhrt. Zu solchen Verhandlungen wird es einmal kommen müsten und bann brauchen Sie eine Regie­rung, die Ihr volles Vertrauen besitzt. (Lebhaft« Bei­fall, auch auf den Tribünen.)

Die Aussprache.

Abg. Xrimborn (Ztr.) Sm Nomen des Zentrums, der Deutschen Volkspartei, der Deutschen Demokraffschen Partei, der Bayrischen Dolkspartei sowie des Dayeri- schen Bauernbundes und der Deutsch-Hannoverschen Partei habe ich folgende Erklärung abzugeben: Die von unseren Gegnern in Paris aufgefteilten Fordern», gen sind für uns unerfüllt, ar und unannehm. bar. Das deutsche Volk will seine ganze Kraft anroen- i den, um vertragsmäßig übernommene Forderungen zu erfüllen. Wir können aber nicht Verpflichtungen über, nehmen, welche die Leistungsfähig kett überschreiten. Die deutsche Regierung hat schon seit Herbst 1917 sich wie. derholt bereit erklärt, durch praktische Mitwirkung den Wiederaufbau der im Weltkriege verwüsteten Provinzen Nordfrankreichs sicherzustellen. Diese wieder­holten Anerbietungen Deutschlands find bis heute ünbe- achtet geblieben. Frankreich kann nicht weiterhin cm das Gefühl der Welt für die Lage der Bewohner dieser Provinzen appellieren, wenn es die deutsche Bereitwil. ligkeit erneut zurückweisen sollte. (Lebhafter Beifall.) Die Forderung maßloser Entschäbigungssummen hin­dert die Herbeiführung eines endgültigen Friedenszu- stavde-i den nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt braucht. Wir billigen durchous, daß die beut- sche Delegation unter Führung de, Außenministers Dr. Simons bei den Verhandlungen in London eine Zustim- mung zu den Panier Beschlüffen ab gelehnt und den Abbruch der Verhandlungen hingenommen hat. (Beifall.) Wir stellen gleich fist, daß durch den Abbruch der Verhandlungen von Seilen her Gegner bic bi*berb gen Angebote Deutschland, hin fällig ge- worden sind. Marker Begall und Zi-stimmung.ber.

1 sprach P-toJ fite «»gn«r feo b*

versuchten Diktats mit Strasmaßnahmen beant­wortet. Das Vorgehen der Gegner ist eine Verletz- ung des Versailler Vertrages, eine Ver­letzung des Völkerrechts und eine Verletzung der Völker- bundsatte. Wir erheben vor der ganzen Welt feier­lich en Einspruch gegen einen derartigen Rechts- bruch. Wir kennen die schweren Wirkungen dieser neuen Gewalttat gegen Deutschland. Wenn die Gegner aber glauben, mit diesen Maßnahmen den entschlossenen Sinn der Bevölkerung dar deutschen Rheinlande zer­mürben zu können, so wird diese Hoffnung scheitern an ber gerade in Zeiten der Not bewährten Treue zum deutschen Vaterland. (Lebhafter Beifall.) Wir danken der Bevölkerung von ganzem Herzen für die Beweise der Siebe, Treue und Anhänglichkeit, die uns die Sicherheit gegeben hoben, daß sie sich in ihrem Ge- fühl für die deutfche Schicksalsgemeinschaft durch diese Maßnahme nicht beirren lasten werden. Schulter an Schulter wird Deutschland mit den deustchen Rheinlan­den auch wetterhin alle Prüfungen bestehen, die diese schwere Zeit uns erneut auferlegen wird. Das ganze deustch« Volk wird einstehen für die Not und die Ver- lüste, die unfern deustchen Brudern und Schwestern durch die neuen Gewalttaten zugefügt werden sollen. Die in den Zeiten des Glückes ein einheitliches Volk waren und zusammenhielten, werden sich in der Zeit ber Not durch den Feind niemals voneinander trennen lasten. (Beifall.) Wir sind überzeugt, daß die Straf- Maßnahmen an ihrer Undurchführbar­keit scheitern werden. Nicht Deustchlands Ver­elendung, sondern allein die Unteisttützung Deutschlands in feiner ökonomischen Entwicklung ermöglicht die Er­füllung verständiger Entschädigungsforderungen. Im Interesse der Wiederaufbaues und des Friedens müsten wir wünschen, daß eine endgültige Entscheidung über die deutsche Entschädigung yefunden wird. Die Pariser Beschlüsse können weder für eine endgülttge noch für eine vorläufige Regelung als Grundlage in Betracht kommen. Den wiederholten Versuch des englischen Mi­nisterpräsidenten Lloyd George, das brutsch« Volk mit der alleinigen Verantwortlichkeit für den Krieg zu belasten, lehnen wir mit aller Ent­schiedenheit ab. (Lebhafter Beifall, Widerspruch und Zurufe links.) Wir würden unser Gewissen mit einer feigen Luge belasten, wenn wir jemals eine der- artige Beschuldigung des deustchen Volkes hinnehmen oder unwidersprochen lasten würden. Lloyd George, der selbst in seiner Rede vom 22. Dezember 1920 erklärt hat, daß kein europäischer Staatsmann diesen Krieg ge­wollt habe, daß vielmehr alle Regierungen in diesen Krieg hineingestolpert seien, setzt sich in Widerspruch zu seinen Erttärungen, wenn er versucht, die moralische Verantwortlichkeit für den Krieg dem deustchen Volk als dem Urheber des Krieges zuzuschieben. Wir wissen, daß die deustche Polittk stets die Erhaltung des Welt­friedens als erstes Gebot angesehen hat. (Lebhafte Zu­rufe links, starker Beifall.) Wenn mangelnde Staats- kauft in allen Ländern den Ausbruch dieser Wettkata- strophe nicht verhinden konnte, so wird die intellektuell« Urheberschaft dieser Wettkatastrophe von einer objektiven Geschichtsschreibung nie bei einem Volk gesucht werden können, das wie kein anderes durch friedliche Arbeit den Grundstein feines Glückes und feines Wohlstandes ge­legt hat, und das im Frieden alles, im Kriege nichts gewinnen konnte. Wenn es den Regierungen der Geg­ner darum zu tun ist, ein Urteil der Geschichte über die Ensttehung des Weltkrieges zu haben, so mögen sie ihre Archive der Oefsentlichkeit zur Ver­fügung stellen, wie es Deutschland getan hat, und einem unparteiischen Schiedsgericht sich fügen, besten Ur­teil das deustche Volk getrost auf sich nehmen kann. Z u jeder ehrlichen Verständigung bereit, bet Gewalt und dem Rechtsbruch aber trotzend, im Bewußt- fein guten Gewissens, werden wir die Regie- rung unterstützen, do wir nach ihrer Erklärung überzeugt sind« daß sie im Sinne der vorstehenden Ge­danken die Rechte des deustchen Volkes wahren wird. (Lebhafter, anhaltender Beifall und Zustimmung, Zu­rufi links.)

Abg. Wels (Soz.) betont, jede Gelegenheit zur Wte- deraufnahme der Verhandlungen müsse ausgenützt wer­den. Er wünscht besondere Berücksichtgimg des Wieder­aufbauprogramms bei diesen Verhandlungen und for­dert ferner restlose Erfüllung der Entwaffnungsforde­rungen der Entente, wobei er scharfe Angriffe gegen die Rechtz richtet. An dem Scheitern ber Londoner Ser- Handlungen hat Deutschland keine Schuld. Die Politik Frankreichs, bas Rheinlnnb vom Reiche zu trennen, werbe an ber deutschen Arbeiterschaft scheitern.

Abg. Graf Westarp (Deustchnat.) erklärt bie neue Besetzung deustchen Gebietes als einen Bruch des Völ­kerrechts und des Versailler Vertrages. Die Handlung des Gegners bilde den Tatbestand ber Erpressung. Schwarze Truppen find bereits im Anmarsch, unter ben schweren Schädigungen wird Arbeitslosigkeit bie nächste Folge sein. Wir billigen es, daß bie Delegation bie Pmster Forbprungen abgelehnt hat. Nunmehr ist alles hinfällig geworben, was unsere Unterhänbler in London angeboten haben. Der Redner kritisiert bann das Verhalten des Ministers, der ber Entente nicht scharf genug entgegengetreten tmb mit dem zweiten Angebot sehr wesentlich über seinen Auftrag hinausgegangen sei. Nach ber Gewaltcmbrohung hätte er überhaupt nicht von weiteren Verhanblungen reben sollen. Wir haben ben festen Willen, an bem Gedanken der Befreiung vom Berfaifler Vertrage festzuhalten.

Abg. Dr. Preffscheid (Unabh.) sagt, es hätten in Lon­don Derständgiungsmöglichkeiten bestanden, bie Sank­ttonen seien ein Gewaltakt ber herrschenden Mächte ber Entente, bie Forderungen der Entente seien unerfüllbar. Seitens der Regierung jedoch sei nichts geschehen, um wirklich einen Enstchäbigungsplcm aufzustellen. Simons habe in London zu wenig Bewegungsfreiheit gehabt, befonders habe ihm immer das Bild des Herrn Stinnes vorgeschwebt. Bei Besprechung der Frage ber Verant­wortlichkeit Deustchlanbs für den Krieg sagt ber Web­ner, di« Gefchichte dieses Krieges habe mit ber Annexion Cstäß-Lothringens begonnen. (Stürmischer Wibsr- sprach.) Deustchlanb sollte den Wieberausbau in Frank­reich anbieten, benn es sei auch ber Standpunkt ber fran­zösischen Arbeiterschaft, baß bas Lanb nur unter Mit- hilf» ber deustchen''Arbeiterfchatt wieder aufgebaut wer- den könne. Der unabh. Redner bringt dann einen Mißbilligungsantrag feiner Partei zur Ver­lesung.

Nachdem Außenminister Dr. Simons noch kurz auf bie Rebe Dr. Breistcheibs eingegangen war, wendet sich

Abg. Dr. Levi (Komm.) gegen alle kapitalistischen Regierungen ber Wett unb beantragt Abschluß eines Schutz- und Trutzbünbnifses mit Sowjetrußland. Der Vertrag von Versailles und die Diktate von Paris und London bedeuten den Tod des deustchen Proletariats.

Damit schließt Me Aussprach-.

6m Antrag der Kommunisten, ber bie Aufnahme der P«iiehungen zu Eowjetrußland fordert tritt ab^tetud, ei» b* nnabbäawve*

Der Antrag der Regierungsparteien und Deustch-Hannoveraner, ber ursprünglich lautete:Der Reichstag billigt, baß die Reichsregierung trotz ber in Lon­don angsdrohten unb jetzt vollzogenen Gewattmaßnahmea ber Entente bei der Ablehnung ber unerfüllbaren Forde­rungen beharrt", wirb in nmnenüicher Abstün mmg mit 268 Stimmen gegen 49 Stimmen oer Umch- hängigen unb Kommunisten in folgender Fassung ange- prniun en :

Der Reichstag billigt, daß die Reichsregiermg die Ablehnung der Paris« Bedingungen in London der Unterwerfung unter die unerfüllbaren Forderung« vorgezogen."

Montag: Reeder eWertvag, Auslösung der Selbskschtch« orgcnifationen.

Die Verhandlungen im Reichstag haben zur Klä. rung und Entspannung wesentlich beigetmgen. Das Ergebnis ist ein volles Vertrauensvotum, für den Leiter unserer Abordnung, Minister Dr. Si­mons, das die erbrüdenäe Mehrheit von 268 gegen 49 Stimmen sand.

Es zeigte sich, daß die Kritik an der Taktik ds Außen­ministers, die im Ausschuß eingesetzt hatte, nur per- sörüiche, aber nicht parteipolitische Bedeutung hatte. Die Parteigruppierung bleibt unverändert. Nur die Un­abhängigen und Kommunisten gestatten sich den üblichen Sport der Opposition gegen die Regierung und die Mehrheit; aber auch sie bezeichnen die Forderungen der Emente alsunerfüllbar", ihre Begründung als Borwänbe" und die Sanktionen alsGewaltmaß« regeln". Diese Radikalen fordern freilich eine Wiedeo- eröffnung der Ausgleichsverhandlungen, doch mit der? bezeichnenden Wendung, man solle jedebrauchbare" Gelegenheit dazu ergreifen. - -

Geht man auf den Kern der Sache, so entspricht die Haltung des Reichtsages der einmütigen und ent­schlossenen Stimmung im ganzen deutschen Volke. Das! ist ersreulich, do sie den Hoffnungen der Gewaltpolitik« i auf eine Sprengung der deutschen Widerstandskraft den Boden entzieht.

Aus dem reichhaltigen Bericht des Außenministers ist vor allem hervorzubeben, daß er aus der Bor-' geschichte der Londoner Konferenz den klaren Nachweis lieferte, wie durch die vorgängigen Beschlüsse von Pa-, r i s di« Verständigung in London bereits untergraben worden war. Der Weg des unmittelbaren Nteinungs-! austaufches von Mann zu Mann, der in Spaa eröff­net worden war und in London angeblich weiter bs> schritten wetd»n-ft>llie,-W«r Kirch die Pariser Beschlüße wieder verrammelt, da dort die Verbündeten einbettig und ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit Deutsch­lands eine maßlose Schuldsummefestgestellt" hattest und zu deren Erringung wieder das unselige Verfahren des Diktates einschlugen. Wir hätten auch bei der genialsten Taktik und bei der denkbar weitesten Nm^- glebigkeit in London doch keinen erträglichen Ausgleich erreichen können, da es den Franzosen gelungen war, Llcyd George und die anderen Betziündeten auf dis unmögliche Rechmmg von 226 Milliarden fest» zu le gen.

Bei dieser Sachlage hat die nachträgliche Kritik anj dieser oder jener Einzelheit in unseren Vorbereitungen oder Handlungen auf der Londoner Konferenz kernen realpolitischen Wert. Auch wenn der Außenminister oder das Reichskabinett in feinen Angeboten über die Grenze der Leistungsfähigkeit etwas hinausgegangen sein.sollte, so wäre das kein Unglück: sondern im Go- genteil, wir haben durch das Entgegenkommen dazu beigetragen, die alte und immer wieder cmfgewärmw Verleumdung vom bösen Willen Deutschlands zu wi­derlegen. Für die künftigen Verhandlungen be- halten wir freie Hand, da bie Gewalttaten der Endent» eine ganz neue Lage geschaffen haben.

Für die künftige Politik stellt Minister Dr. Simons fest, daß die Gegner freilich den Vertrag von Versailles gebrochen haben, daß es aber von uns taktisch verfehlt wäre, den Vertrag als erledigt zu betrachten. Wir! müssen zum Beweise unserer Friedlichkeit nach wie vor bereit sein, den unterschriebenen Vertrag zu erfüllen,: aber nicht mehr! '

Neue Verhandlungen werden und muffen kommen;- aber wir können uns nicht oordrängen, sondern- müssen abwarten, bis wieder Vorschläge von uns ver-s langt werden, und dann werden es nicht nur Wieder­holung der Londoner Vorschläge sein, sondern neue Grundlagen für den Ausgleich.

Der Minister fordert nicht die Billigung jedes ein­zelnen Schrittes in London, wohl aber die Zustimmung des Reichstags zu dem endgültigen Beschluß unferej? Vertretung, nämlich zu der Ablehnung der alliier­ten Forderung. Diese Zustimmung wurde mit über­wältigender Mehrheit von allen deutsch gesinnten Par«! teien der Regierung erteilt.

Sehr umfassend, kräftig unb gewichtig war die ge«, meinsame Erklärung der K o a l i t i o n s p a r te l en, die der Abg. T r i m d o r n abgab. An den feierlichen Einspruch gegen den Rechtsbruch schloß sich der Hin­weis auf die unerschütterliche Solidarität aller deutschen Brüder und Schwestern mit den cergemalüg- len Reichsteilen und die Abwehr der alten Verleum­dung, daß Deutschland die al l r in i g e Schuld am1 Weltkriege trage. Sn dieser Hinsicht wurde sehr gut. gesagt:Wenn es dm Regierungen der Erttente Darum; zu tun ist, ein Urteil der Geschichte herbeizuführen, fo; mögen sie ihre Archive der Oeffentlichkeit zur Ver- füguna stellen, wie es Deutschland getan hat."

Ebenso wirksam ist bet Hinweis auf die Welt»- t r i f t», die durch den langen Krieg hervorgerufen ist und nur durch ehren Verständigen Ausgleich zwischen ben großen Wirtschaftsgebieten gelöst werden kann. Gegen dieses gemetnfanx Sntereffe der Kulturvölkm freveln die Sanktionen. Darum tonnte mit Recht ge­jagt werden:Wir sind überzeugt daß bie Straf- Maßnahmen an ihrer ündurchsührbarkei t sch«- tern werden."

Dieft Sy Efnung wirt durch die Reichstagsvertzani« tuns wchttstttch gestärkt.