M 59.
SamStag, 12. März 1921.
Mldaer Zeitung
Druck der Fuldaer Aetieudruckerei ix Fulda »
Trittes Blatt.
Das Verhalten der Alliierte«
im Lichte des Evangelinms.
Zur Kennzeichnung des Verhaltens der Alliierten fuhrt der ,Bab. Beob/ Matthäus 18, 23 —35 an:
.Das Königreich der Himmel ist gleich geworden ■tnem Menschen, einem Könige, der mit seinen Knechten Rechenschaft halten wollte. Als er aber ansing, abzu- irechnen, wurde ihm einer her-bigebracht, der zehn« tausend Talente schuldig war. Da er ober nichts hatte, «m zu bezahlen, befahl der Herr, man solle ihn und sein Weib und seine Kinder und all seine Habe verkaufen emb bezahlen. Der Knecht fiel nun nieder und verehrte ihn fußfällig und sprach: „Uebe Langmut an mir, und ich werde Dir alles bezahlen." Es erbarmte sich ober der Herr in seinem Innersten über den Knecht, gab ihn frei und ließ ihm das Darlehen nach. Als aber der Knecht hinausgegangen war, fand er einen von seinm Mitknechten, der ihm hundert Denare schuldig war, packt« und würgte ihn und sprach: Bezahle, wenn du was schuldig bist! Es fiel nun sein Mftknecht nieder, flehte ihn an und sprach: „Uebe Langmut an mir, und ich werde bezahlen." Er aber lieh sich nicht darauf ein, sondern -infl weg und warf ihn ins Gefängnis, bis er die Schuld bezahlen würde. Als nun feine Mitknechte Sahen, was vorging, wurden sie überaus traurig und amen und setzten ihrem Herrn alles auseinander, was geschehen war. Da ries ihn sein Herr zu sich und sprach tu ihm Du böser Knecht, jene ganze Schuld habe ich Dir nachgelassen, als du mich anslehtest. Mußtest nicht auch du dich deines Mitknechtes erbarmen, wie auch ich mich deiner erbarmt habe? Und sein Herr wurde zornig und übergab ihn den Folterknechten, bis er die ganz« Schuld bezahlt haben würde." '
So wiro auch euer himmlischer Vater mit euch ver- tzahren, wenn ihr nicht ein jeder seinem Bruder non Herzen vergebet."
Man braucht nur wenige Bemerkungen zu dieser Schriftstelle zu machen, damit sie richtig verstanden wird. Schuldige sind alle, die am Krieg beteiligt waren. Das Schicksal war mit unseren Gegnern gnädiger, als mit uns und schenkte ihnen den Schlußerfolg. Sie aber denken nicht daran, dies als Fingerzeig für sich anzusehen, mit ihrem unterlegenen Gegner irgendwelche Nachsicht zu haben. Soeben sind sie daran, uns zu würgen. „Sanktionen" nennen sie es. Mit Pan- zerautomobilen sind sie in Düsseldorf eingerückt. Sie werden auch noch weiteres tun, obwohl wir uns bereit erklärt haben, die Schuld, soweit wie es uns möglich ist, zu bezahlen. Sie glauben die Macht dazu zu haben, wie der unbarmherzige Knecht zu verfahren. Die Zukunft wird aber beweisen, daß sie mst ebenbtr« selben Macht nicht gerechnet haben, mit der auch der unbarmherzige Knecht im Evangelium nicht gerechnet hat. Und diese Macht wird einen Strich durch ihr« Rechnung machen auf die eine oder die andere Weise, wenn nur wir unsere Pflicht tun. .
Aus Oberhessen uuv den heff. Aemtern.
△ Marburg. Um dem Wohnungsmangel durch Belebung der Bautätigkeit abzuhelfen, hat der Bauarbeiterverband in einer hier abqehaltenen Versammlung beschlossen, die Errichtung eigener Bau« betriebe im hiesigen Bezirk in die Wege zu leiten.
vermischter.
* Die Thüringer Daffeuschiebungen. Die Thü- ringer Allg. Ztg. bringt Einzelheiten über die großen Thüringer Waffenschiebungen, zu deren Untersuchung das Reisministerium eine eigene Untersuchungskommis, fron eingesetzt hat. Es handelt sich um Millionen- fchiebungen. Die Reichs-Treuhandgesellschaft verkauft« aus chren Beständen in Erfurt an Waffenfabrikanten in Zella und Schmalkalden 50 000 Kilogramm unausgesuchte Gewehrteile, das Kilo zu 2 Mark. Zur Ablieferung gelangten vorläufig 25 000 Kilogramm, aber nicht unausgiesuchte, sondern vollständige Gewehrsysteme. Kurz nach der Ablieferung setzte die große Massen-Ankaufsaktion des Reichsschatzministeriums ein, und das Reich kaufte die 25 000 Kilogramm zurück, und zwar für 25 bis 40 Mark für jedes Gewehrsystem. Die beiden Waffenfabrikanten verdienten zusammen nach Abzug aller Unkosten 920 000 Mk. Die restlichen 25 000 Kilogramm, die später geliefert wurden, wurden vom Reich ebenfalls um 40 Mk. für das System zurückgekauft, sodaß die beiden Fabrikanten wieder eine
Koblenz einst und jetzt.
Das Koblenz aus Friedenszeiten steht tn meiner Erinnerung als eine ruhige Stadt, in die Sommersonne breite Lichtflut legte; weiße Sommerkleider sehe ich, Blau deutscher Soldaten, ruhiges Leben hinter den geschlossenen Fensterläden stiller, vornehmer Patrizier- Häuser. St. Kastor sehe ich rückschauend, fühle wieder bie Dämmerkühle In der feierlich-frohen Pracht der Lesuitenklrche, in die nur hier und da ein Kinderruf von sonnenheißem Platz, ein fernes Räderrollen herein- bringt. . . Und dann bas silberne sprubelnbe Banb her leichtsinnigen Mosel und die strahlende Fläche des Rheins mit feinen weißen Schiffen^ fommergrünen Ufern, von denen Helle Villen grüßen, und als Schön- ftes: der Blick aus tiefschattigen Bäumen auf das bezwingende Felsgeschiebe des Ehrenbreitsteins, auf dem, hoch im Himmelsblau, bie deutsche Flagge wehte.
Heute flattert dort droben in sonnigem Vorfrühlingstag das Sternenbanner und zeigt sich als Symbol des Lebens, bas in der altersgrauen Stadt Einzug gehalten hat. Klein-Newyork scheint sich hier aufgetan zu haben. Durch die engen, altväterlichen Festungsstraßen tobt im rasenden Tempo der Großstadt eine internationale Dlenschenflut; neben dem „rheinischen Jung'" in ver- fchosjenem Feldgrau, die Schiffermütze auf dem Ohr, eiten in tadelloser Uniformierung die breitschulterigen Aankees, rasseln gelbbraune Autos, flitzen die schnellen Luxusautomobile der Alliierten, Lärm, Trubel, Bewegung überall. Riesenreklame schreit von den Häuser- wänden herab, Jagd nach dem Dollar. . . Wechselstuben taten sich auf, Großbanken haben sich nieberge» lassen, Behörden und Kommissionen, darunter die viel genannte Rheinlandkommission mit ihrem zahllosen Gefolge von Militär und Zivil arbeiten hier, bie Heilsarmee, Fürsorgeanstalten für die amerikanischen Soldaten nisteten sich in den großen Hotels ein, von benen bie Hauptzahl für den Reiseverkehr infolgedessen gesperrt ist. Unsagbar schwer ist es, Unterkommen zu sinden, bie Wohnungsnot ist ungeheuer.
In greulichem Englisch preisen Schuhputzer ihre Tätigkeit an, eine amerikanische Armeezeitung läßt den Passanten in ihre Eingeweide blicken; auch die Setzmaschine, die „Poung Men Christian Asioriation" har große Baracken errichtet, sorgt für das geistige und leib- liche Wohl ihrer Landeskinder durch Lesehallen, Kinos, Bäckereien ufw. Jene Einrichtung, die während des Krieges unsere Front mit Flugblättern bearbeitete. . . Das unvermeidliche Gefolge einer Armee, ein Heer
ähnliche Summe verdienten. Die Thüring. Allg. Ztg. nennt dem Reichsschatzministerium den Namen des Reichskommisiars, der diese Abschlüsse tätige, den Kom- misiar Handrack, und forderte das Ministerium aus, die Untersuchung zu beschleunigen.
* Line brasilianische Spende von einer Million Mark ist soeben Deutschland von einer Gruppe brasilianischer Persönlichkeiten zur Förderung von Kulturzwecken zur Verfügung gestellt woorden. An der Spitze der Spende steht der Vorsitzende der brasilianischen medizinischen Akademie. Die Spende gibt ein schönes Zeugnis für die Bewertung der deutschen Kultur durch die südamerikanische Wissenschaft.
Die Leipziger Messe.
Der Abbruch der Verhandlungen in London hat seine Einwirkung auf bas Meßgeschäft nicht verfehlt. Man konnte in sämtlichen Ausstellungshallen eine gewisse Zurückhaltung beobachten. Die Besucher aus dem felndüchen Auslände waren infolge der Unmöglichkeit zu disponieren in eine völlige Untätigkeit gedrängt; aber auch das neutrale Ausland war zu einem großen Teil unentschlossen. Die Besucher aus dem Rheinlande sind zum großen Teil abgereist, da sie infolge der großen Ungewißheit und der Besatzung-Möglichkeit 'm der Verkaufs- und Elnkaufstätig. feit behindert waren und ihr Erscheinen in der Heimat erforderlich rft
Zur Preisfrage kann man feststellen, daß bei Baum- wollwaren auf die bestehenden Lagerbestände em Nachlaß bis zu 30 Prozent eingetreten ist. Die erteilten Aufträge smd außerordentlich zahlreich, doch finden sich die Einkäufer infolge der Unsicherheit der politischen Sage mir bereit, kleinere Posten in Auftrag zu geben.
3n berMetallwarenindustrie warm bie Umsätze sehr mäßig. Das Ausland bevorzugte hier in erster Linie praktische Artikel, während Lurusartikel vollkommen vernachlässigt wurden. Die Aussteller von Glas- und Keramartikel waren bisher von dem Verlaus der Messe weniger zufrieden, abgesehen von einigen Firmen, die nach dem Auslände Geschäftsabschlüsse tätigen konnten. In der Spielwarenausstellung hat sich das Geschäft etwas lebhafter gestalten können. Die Aus- steller der Tabakmefse erklären, mit dem bisherigen Ergebnis der Messe gefchäftsich zufrieden zu sein.
Die Technische Messe hat einen starken Verkehr zu verzeichnen. Der Verein deutscher Werkzeugmaschinen- industrieller hat mit einer großzügigen Ausstellung ein Propagandamittel geschaffen, das von den anderen In- dustriezweigen nachgeahmt werden sollte. Es ist beachtens- wert, daß bei der Große dieser Objekte hier recht gute Verkäufe abgeschlossen werden konnten.
Ueberblickt man das bisherige Ergebnis der Messe, so kann man es dahin zusammenfassen: Rege Nachfrage und zahlreiche Aufträge, die aber dem Werte nach gegen die letzten Messen nicht unwesentlich Zurückbleiben.
Eingesandt.
Einkommensteuer. Nach einer Bekanntmachung des hiesigen Finanzamtes sollen die Steuererklärungen zur Einkommensteuer bis spätestens 81. d. M. abgegeben sein. — So wie heute diese Erklärungen eingerichtet sind und bei der Kürze der Zeit ist dies nach dem Urteil von Fachleuten für die breite Masse einfach undurchführbar und wird sich bas Finanzamt Wohl zu einer Terminverlängerung verstehen müssen. -eh.
Amtliche Anzeigen.
Seitens des Reichskleiderlagers Nr. 38 zu Frankfurt sind den einschlägigen Geschäften des Kreises 1150 flieut Hemden lach als Kommunalware zugewiesen worden. Die Stoffe werden an die minderbemittelten Kreisinsassen gegen Abgabe eines Berechtigungsscheines käuflich abgegeben.
Fulda, den 7. Mörz 1921.
Der Laubrat. 3. V.: Kohler.
Der Landwirt Joseph Schäfer, Malkes, sst vom Amtsgericht Großenlüder wegen unzureichender Milchliefenmg rechtskräftig zu 400 M ®eföfträfe verurteilt worden.
Fulda, den 9. März 1921.
Der Landrat. 3. V.: Köhler.
Ansgebrochen: Die Maul- und Klauenseuche in der Gemeinde Bernshausen, Kreis Lauterbach.
Fulda, tat 8. März 1921.
D« Landrar. 3. V.: Köhler.
Erloschen: Die Maul und Klauenseuche in der Mühle des Heinrich Berthold zu Hintersteinau, Kreis Schlüchtern.
Fulda, den 9. März 1921. ,, ,
Der Landrai. 3. B.: Köhler.
dunkler Existenzen hat sich gleichfalls herbeigezogen. Der ehrsame Schieber, liederliche Frauenzimmer aus allen Teilen Deutschlands suchen im Trüben zu fischen, jagen dem Dollar nach, der in raschem Flusse seinen Besitzer wechselt.
Der grüne Schein ist gar begehrt. Ganz Koblenz spekuliert damit, wird durch ihn reich, ba ber omeri- konische Soldat mit vollen Händen feine Löhnung ausstreut. Alkohol scheint bie beliebteste Anlage zu sein, an Zahltagen nimmt die Straße am Abend eine stark „expressionistische" Haltung an. Eine Begegnung mit den rauhen Söhnen ber Prärie ist bann nicht rat- sam. Seiber sinb in nachtdunklen Straßen Raubansalle nicht selten. — Und doch scheint mir Koblenz die glück- lichste ber besetzten Stabte zu sein. Sie oerbient, bie Gutartigkeit des Amerikaners —, bedauerliche Ausnahmen gibt es auch hier —, läßt den Druck der Fremdherrschaft nicht so schmerzlich empfinden, ba viel Mit- gefühl unb Wohltun festzustellen ist.
Die glanzvolle Ausrüstung des Soldaten, seine gute militärische Haltung, bie prächtigen Gestalten sprechen für bie Kraft ber jungen Ration, bie heute am Steuer- ruber ber Weltgeschichte zu stehen scheint. Man wird ben Eindruck einer überwältigenden Macht nicht los, einer Kraft, bis anfeuernb wirkt unb zur Nachahmung ruft. Fleiß unb zähen Arbeitsgeist sprechen bie Ein- richtungen, ber febernbe Schritt, ber stahlharte Glanz ber grauen Augen. Deutsche Gründlichkeit belebt sich ba an fretnbem Geiste, mutig geht man in ben Konkurrenzkampf, vorbei ist bie behäbige Ruhe. Das omeri- konische „Zeit ist Gelb" wirb hier Gemeingut, vom ar- beiterfüllten Kontor bis gum zerlumpten Zeitungs- jungen Herab, ber ben „New Port Heralb" ausruft. Unb doch ist bas alles so fremb, Amerika am Rhein, — unmöglicher Gedanke! Wie deutsch ist alles! Die Linie der Landschaft, bie bezwingende Ruhe ber Berge, bie Burgen, bie von steilem Hang herab grollen, der Kirchen gleißende Türme, alles spricht mächtiger als das Gewimmel ber Straßen. An ihnen richtet sich das gefesselte Rhemlondvolk auf unb finbet Kraft zum Er- I tragen. „Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze", raunt immerfort bet ewig schöne Strom und es sucht ber Blick nach bem alten Felsennest bes weithin leuchtenden Ehrenbreitsteins, Symbol unseres einstigen Vaterlandes in seiner trotzigen Macht und Gewalt. Mag dort jetzt bas Sternenbanner wehen, einmal werden doch des Vaterlandes heißgeliebte Farben wieder grüßen über Deutschlands schönsten Eau! R. W»M.
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