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Amtlicher Anzeiger für den Kreis und die Skadt Fulda.

Nr. 55.

Verantwortlich für Den ceOauionellen Teil: Sari Schütte. - für di, Lnzetgen: I. Parzeiler»Fulda. z Rotationsdnut u. Verlag der Fuldaer Äctirndruckerei In Fulda. r,rniprecher Nr. 9. Telegr.-Adrrlfe: Fuldaer Zeitung

Dienstag, 8. IHärz ?92|.

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48. Zahrg.

Sie Sonöoner Änfmn Meitwt.

Der Bormarsch in das bedrohte Gebiet.

Eine Weile sich die Lage hoffnungsvoll aus, dann tom der Wcksckfiag, die Verhandlungen find abgebrochen unb die©anftionen", d. h. die Strafmaßnahmen, finden Anwendung.

Die volle Verantwortung für das Scheitern der Konferenz fällt auf die Alliierten. Die deutsche Ver­tretung war bemicht, durch neue Vorschläge die Fort- fetjung der Beratungen zu erreichen. Simons griff auf den Vorschlag von Seydoux zurück und schlug ein Provisorium von 5 Jahren vor, damit inzwischen die endgültige Regelung der EntfchÄigungssmnme' gründ- 6ch vorbereitet weiden könne. Simons beantragte dann vorläufige Vertagung der Konferenz auf 8 Tage. Die Ententevertreter sind nicht darauf eingegangen, sie brachen die Verhandlungen ab und haben bereits ihre Truppen marschieren lasten.

Wir glauben nicht, daß das Zwangsverfahren als ein Dauerzustand zu betrachten ist, sondern rechnen da­mit, daß nach dem voraussichtlichen Fehlschlag der Strafmaßnahmen bald neue Verhandlungen eingeleitet werden, um zu einer friedlichen Lösung zu gelangen, die nicht bloß für Deutschland, sondern auch für die Entente und für ganz Europa ein unabweisbares Le dürfnis ist.

Wenn uns auch der Augenblicksersolg versagt blieb, uns vielmehr neues schweres Leid beoorsteht, so haben wir doch für den k ü tt f t i g e n Erfolg in London vorgearbeitet. Das war nur dadurch möglich, daß sich das deutsche Volk dieses Mal so einig und so ent­schlossen zeigte, wie niemals zuvor. Die würdige und mutige f)aüung Deutschlands hat uns sichtlich neuen Respekt errungen bei den Gegnern und neues Vertrauen bei den Neutralen. Daraus folgt, daß wir in dieser ruhigen und festen Entschlossenheit verharren müssen, wenn eine neue Probezeit über uns herein­bricht.

Was uns auch jetzt noch beschieden sein könnte, ist Loch nicht ganz so schwer unb so schlimm wie die Ge­fahren, die wir nach den Pariser Beschlüssen in Rech­nung stellen mußten. Warum sollten wir zaghaft wer­den ober gar wieder In häuslichen Zwist verfallen?

Das Durchhalten ist nicht bloß zwingende Pflicht der Ehre unb des nationalen Gewissens, sondern es ist auch das einzig richtige Gebot der Klugheit. Beim Zweifeln und Schwaneken würde unser Schicksal nicht besser, sondern noch viel schlechter werden.

Was der vorläufigen Entscheidung in London unmittelbar vorausging, wie die deutsche Delegation einen bis zum Aeußersten gehenden DerständigungS- willen gezeigt hat. wie aber an dem Starrsinn der Entente die Verständigungsversuche gescheitert sind, darüber unterrichten die folgenden Meldungen:

, versuche jur DerstSudigung.

wtb Berlin, 7. März. (Tel.) Bei den gestrigen unverbindlichen Besprechungen zwischen der deutschen Delegation und den Alliierten in London ist von deutscher Seite der Vorschlag gemacht worden, auf dem Wege eines Provisoriums zu einer Derständi- gung zu gelangen. Die Alliierten erklären jedoch, baß sie eine endgültige Regelung der Reparativnsfrage wünschen. Aus dem Gesichtspunkte heraus, daß wir alle Möglichkeiten erschöpfen wollen, um zu einer Ver­ständigung mit der Entente zu gelangen, weichen jetzt neue Vorschläge ausgearbeitet werden. Da die gestrigen Besprechungen mit den Alliierten bis in die späte Nacht gebauert hoben, ist es nicht möglich, die neuen Vorschläge bereits zur heutigen Konferenzsitzung fertig zu stellen, es wird deshalb von den deutschen Delegierten die Vertagung der Konferenz bis Donnerstag beantragt werden.

Die letzte Sitzung.

wtb London, 7. März. (Tel.) Sn der heu­tigen Sitzung der Londoner Konferenz erklärte Reichs- minifter Dr. Simons es für unmöglich, die Pa­riser Beschlüsse anzunehmen. Angesichts des großen Unterschiedes, der zwischen diesen Beschlüsten und den deutschen Gegenvorschlägen besteht, schlage die deutsche Delegation trotz größter Bedenken eine vorläufige Lösung der Frage vor. Deutschland fei bereit, eine Regelung für die er st en 5 Jahre auf folgen­der Grundlage zuzustimmen: Feste Jahreszahlungen in Höhe der Pariser Beschlüsse und für die 12prozentige 2Äefuhrabgabe, die uns nicht zweckmäßig erscheint, eine gleichwertig andere Lösung. Voraussetzung für dieses Angebot fei, daß Oberschlesien bei Deutsch­land verbleibt unb Deutschland volle Handels­freiheit erhalle. Falls die Alliierten auf diese Vor­schläge eingingen, würde die deutsche Regierung mit Sachverständigen die Einzelheiten mtsaibeiten unb möglichst bald in Beratungen über den Gesamtplan der Entschädigungen eintreten. Sollten die Alliierten ober aus einem sofortigen endgültigen Angebot bestehen, so sei die Delegation auch dazu bereit, doch mäste erst Dr. Simons um eine Woche Frist betten, um die Sache mit dem Kabinett zu besprechen. Dr. Simons ging dann jn längeren Ausführungen auf die Rede des Ministerpräsidenten Ltvich George vom 3. März ein. Die Sitzung endete mit der Erklärung Lloyd Georges, daß, obwohl über d i e Antwort der Alliier­ten kein Zweifel bestehen könne, die Prüfung der sehr durchgeavbeiteten Erklärungen Vorbedingung für die Antwort der Alliierten sei. Deshalb schlage er eine Vertagung auf nachmittags halb 5 Uhr vor.

Sn der Nachmittagssitzung der Konferenz erteilte Lloyd George die Antwort der Alliierten. Die Alliierten feien leider gezwungen gewesen, da die deutschen Gegenvorschläge ungenügend seien, hie

Sanktionen in Kraft treten zu lassen. Den Abschluß eines Provisoriums könnten sie nicht anneh­men. Lloyd George begründete bann länger, warum der sofortige Eintritt der Sanktionen rtotoenbig ge­wesen sei und erklärte weiter, die Well brauche ein Definitum. Vor allem zwei Punkte seien es, die sofort geregelt werden müßten: 1. bie Besprechung der Fak­toren, welche als Ausgleich für die Ausfuhrab- labe in Betracht kommen, sowie die Beteiligung der Alliierten an einer Besserung der deutschen Wirtschaft. 2. Die Art unb Weise der Zahlung. Reich vminister Dr. Simons erklärte, daß die deutsche Delegation über die Antwort beraten muffe und zog sich mit der deutschen Delegation in ein anderes Zimmer zurück. Die Konferenz tagt weiter und erwartet die Ant­wort der deutschen Delegation, die um 6 Uhr abends noch beriet.

Ein anderer Bericht über die Schluß-Sitzung mel­det noch:

Die heutige Sitzung »erlief in äußerst kühlen For­men. Es fanden keinerlei Begrüßungen, wie sie sonst üblich waren, statt. Lloyd George eröffnete die Verhandlungen mit der Frage, was Reichsminister Dr. Simons auf die Befragung der Alliierten mitzuteilen Hab8. Dr. Simons erklärte, die deutsche Regierung lehne es ab, die Pariser Beschlüsse als ein Ganzes an­zusehen. Da der Unterschied Zwischen den Pariser Be­schlüsten und den deutschen Gegenvorschlägen so groß fei, daß kaum eine Brücke von dem einen zum anderen geschlagen werden könne, so schlage er trotz großer Be­denken eine vorläufige Lösung der Reparationsfrage vor. Deutschland sei bereit, eine vorläufige Regelung für die ersten 5 Lahre auf der Grundlage der Pariser Beschlüste anzuerkennLn, feste Jahreszahlungen und da­neben eine Abgabe, wobei Deutschland statt der 12pro- een Exportabgabe eine andere Lösung anbiete.

»Minister Dr. Simons lieh aber keinen Zweifel darüber, daß die deutschen Gegenvorschläge nur dann unterbreitet werden würden, wenn sie Aussicht auf An­nahme seitens bet Alliierten hätten und wenn Oberschle- sien bei Deutschland bleibe, sowie Deutschland volle Han­delsfreiheit erhalte. Falls dis Alliierten aber auf einem Definitioum beständen, so bitte er um eine einwöchige Frist, da er sich mit dem Kabinett besprechen muffe. Nachdem Dr. Simons feine Rede beendet hatte, entspann sich ein kurzes Zwiegespräch zwischen ihm und Lloyd George Lloyd George: Sie nehmen allo die Pariser Beschlüsse für 5 Jahre an? Simons besaht. Lloyd George: Und als Bedingima dafür stellen Sie da« Ver­bleiben Oberschlesiens beim Reich? Simons: Ja. Lloyd George: Aber wenn Oberschlesien nicht beim Reich ver­bliebe? Simons: Dann ist eine neue Situation gs- schaffen. Lloyd George: Und ist keine Garantie für ein Minimum möglich. Simons: Rein.

Abbruch der Verhandlungen.

wtb London, 7. März. Di« Londoner Konferenz ist g e f ch e i t e t L Die deutschen Vorschläge wurden einstimmig für umumeyMbar erklärt.

wtb London, 7 .März. Die deutschen Dele­gierten beabsichtigen morgen die Heimreise anzutreten.

London, 7. März. SkFrkf. Zig." meldet: Die Konferenz ist totgelaufen Eine spätere Verhandlung der Sachverständigen wird beider­seits gewünscht. Noch der Ansicht der Delegation war diese Entwicklung unvermeidlich. In Delega­tionskreisen glaubt man, daß die Vorbedingung betref­fend Oberschlesien für den unglücklichen Ausgang ausschlaggebend gewesen sei. Dadurch wird jedoch die­ses nur teilweise erklärt. Paris ist für Stunden glück­lich. London ist zurückhaltend, man zeigt sich keines­wegs cf freut. Jedermann ist überzeugt, daß später mehr Vernunft nötig sein wird.

Die letzte« Ausführungen

»ou Dr. Simon-.

In feinen Ausführungen bei der letzten Sitzung der Konferenz bob Reichsminister Dr-' Simons besonders folgende Punkte hervor:

1. Die Schuldfrage kann loeder durch den Fried,nSvertraa noch durch Zwangvmaßregeln entschie­den werden. Nur die Geschichte kann die Verant­wortlichkeit am Weltkriege entscheiden. Wir seien den Ereignissen noch zu nahe. Ob eine einzelne Nation ausschließlich schuldig an diesem Kriege erklärt werden könne und ob diese Nation Deutschland sei, würde kaum durch die Unterzeichnung des Friedensvertrage» endgültig entschieden werden können.

2. Die Zwangsmaßnahmen seien durch die Vorschriften oeS Fiieden»vertrag» nicht gerecht­fertigt. Tenn nur drei Stellen sprechen hiervon: 1. § 18 Anhang 11 im 8. Teile, 2. der Schlußabsatz de» ÄrtrkelS 429, 3. Artikel 430. Kerner dieser Para­graphen fei anwendbar. Die Zwangsmaßnahmen stehen auch im Gegensatz zu dem VölkerbunüSvertrage. Nach »rtikel 17 de» BS!kerbund»vertraze» kommen bei Strei­tigkeiten zwischen Mitgliedern des VSikerdundSvertraaeS und einem Staate der nicht Mitglied sei, da» im Artikel 15 vorgesehene Schiedsgerichtsverfahren zur Anwen­dung. Deutschland fei nicht Mitglied de» VölkerbunoeS, habe aber den Vertrag unterzeichnet und er lege des­halb rin Namen der deutschen Regierung feierlichen Protest gegen bie angedrohten Zwangs­maßnahmen ein.

Dsr Vormarsch.

wtb Conbon, 7. März. (TA.) Nach einer Reuter- nie'ibutrg würbe ber Be g in n der militärischen Operationen auf morgen festgesetzt.

Ekdcrfelb, 7. März. DieDerg-Märk. Ztg." mef- bet aus Opladen: Seit heute mittag ziehen Franzosen durch die Stadt in der Richtung auf Düsseldorf. Die Zahl der bis nachmittags 5 Uhr durchmoi schirrten Truppen wird auf etwa 1000 Mann

geschätzt. Das gleiche Blatt meldet aus S o l i n g e n: Bürgermeisteramt von Solingen ist von den Besatzung»- behördett ausgrfordert worden, Vorsorge für die Unter­bringung einer Desatzungstuppe von 1000 bis 1500 Mann zu treffen.

wtb Düsseldorf, 7. März. Wie aus Denrath ge­meldet wird, sind dort die ersten französischen Truppen eingetroffen, die für die Besetzung Dussel- borfs in Frage kommen.

*$ Düffe"dorf. 7. März. In den von den Straf­maßnahmen bedrohten Gebieten haben zahlreiche Pro­te st Versammlungen gegen die Pariser Be­schlüsse der Entente stattgefunoen. Im Wuppertale lauteten gestern mittag alle Kirchenglocken zur Einleitung großer Kundgebungen. In Barmen und Elberfeld, im Regierungsbezirk Trier stellten sich olle Parteien geschlossen hinter die Reichsregierung.

Die neue Zollgrenze.

wtb LonSs«. 7. März. Driarch hat dem Rsuter- schen Büro mitgeteilt, daß basneueZollregime im besetzten Gebiet am Donnerstag in Straft treten werde.

Kämpfe mniet den Alliierie».

lieber die Auseinandcrketztmgen innerhalb der al­liierten Delegationen wird gemeldet, daß es vor allem Lord d'Abernon gemeßen sei, der sich um eine Verstän­digung mit den Deutschen bemühte. In der Debatte, dir sehr heftig und erregt gewesen sei, haben Lloyd George urw Sforza sich zunächst sehr lebhaft f ür die neuen deutschen Vorschläge eingesetzt, die sie als Grundlage für weitere Verhandlungen bezeichneten. Briand habe dagegen aufs schärfste protestiert unb mit seinem Erstaunen über den Gesinnungswechsel Lloyd Georges nicht zurückgehalten. Er führte aus, Frankreich habe fein Aeutzerster an Zugeständnissen bereits im Pariser Abkommen gemacht. Nach Unter­brechung der Sitzung auf eine Stunde habe Lloyd Ge­orge dann seinen Gegenvorschlag gemacht. Nach- trm Briand ihm nach einigem Zögern zugestimmt hatte, ist er wenige Minuten vor Mitternacht durch L o u - ch e u r ber deutschen Delegation überbracht worben.

WaS ntttt?

Wie die ,Frkft. Zig/ erfahrt, wünscht man auf der Gegenseite auch noch weiterhin Aufklärungen. Die Entente interessierl sich dafür, in welcher Höhe man deutscherseits in dem zuletzt erörterten provi- strischen Projekt dir Jahresleistungen beziffern wollte, und ferner auch dafür, wie der Ersatz für die Ex­portabgabe der Pariser Beschlüffe beschaffen sein wllte. Das dürste darauf beuten, daß man in London noch an weitere Verhandlungen denkt unb die Strafmaßnahmen zunächst ein­mal als Daumenschraube anwendet, eine Proze- bur, die man vielleicht gradweise verschärfen will, um uns gefügig zu machen.

S tf der Gegenseite ist aber trotz der zur Schau getragenen Solidarität keineinnereEinig- leit vorhanden. Frankreich will eine möglichst hohe Totalabfindnng al» Grundlage umfangreicher Anleihen. England interessiert sich vorwiegend für unfern Export unb bie Konkurrenz, die wir durch den niedrigen Goldwert unserer Arbeitslöhne machen, tB würde aber, wenn hierin seine Wünsche Befriedi­gung erhielten, vielleicht eine vorläufige Regelung der Entschädigung auf einige Jahre lieber sehen. In Berlin werden heute außer den Beratungen der Minister auch die au8 dem Reich hergerufenen Sach­verständigen neue Besprechungen abhalten, um zu den Nachrichten aus London Stellung zu nehmen.

Dr. Simons über Ne Sage.

Nach Pariser Meldungen soll Reichsminister Dr. Si­mons den Vertretern der verbündeten Presse in London folgende Erklärung abgegeben haben: Sie deutsche De­legation ist vom Präfikenten der Konferenz aufgefordert worden, neue Vorschläge zu unterbreiten, damit der Abstand, der da» deuffche Angebot von den ver­bündeten Forderungen trennt, überbrückt werden kann. Wir sind im Begriff, In aufrichtigster Weise M i t. tri zu suchen, um diese» Problem zu lösen unb einen Weg zu finden, der zur Derständigung führen kann. Ich wiederhole, daß wir bereit sind, das Unmög­lichste zu vollbringen und daß wir vom besten Willen befeelt sind, denn das ist die Grundbedingung für jede» Abkommen. Aber Sie werden zugeben, daß unser gu­ter Wille eine Grenze hat bei unterer Lei­stungsfähigkeit und unseren Hilfsquellen. Der Vertrag selbst erkennt dos an. Außerdem sind die wirt­schaftlichen Probleme unserer Zelt so, daß ein Zusam­menarbeiten aller Länder notwendig ist, rotnn St gelöst werden sollen, und die Entschädigungsfrage ist abei ohne allen Zweifel ein beherrschender Faktor. Wir haben nur unsere Arbeitskraft und unsere Pro- butte als Zahlung cmzubieten, aber gerade diese bei- den Arten sind in vielen Fällen nicht wünlchmewert für die Länder, die ein Recht auf Wiederherstellung haben, weil sie den Anschein einer Konkurrenz erwecken. Eine eingehende Prüfung ist also notwendig. Die Zu­sammenarbeit ber beiden Parteien, die in Frage kam- men, ist unerläßlich. Unter dieser Bedingung sehe ich wirklich nicht ein, warum eine Lösung nicht ge- s unden werden könnte.

Die Regierung unb Loudon.

Aus Reichstagskreisen schreibt man uns: Am Sonntag haben Besprechungen der Fraktionsführer mit dem Kabinett ftattgefunben, die sich bis m bie Abend­stunden ausdehnten. Als feststehend konnte damals schon angesehen werden, daß dir Derhandlungsmöglich- tetfen auf Grund eines Prov'sorimns bezüglich der Zcchiungsmodalitätm auf Annahme nicht rechnen kön­nen. Andersgeartete Vorschläge haben ebenfalls seitens der Entente Zurückweisung erfahren, sodaß tatsächlich s-de Möglichkeit eines Ausgleichs bezw. einer Derstän- dfgrmg als geschwunden angesehen werden mußte. Es ist noch nicht an der Zeit, Über di« Einzelheiten, bie sich zwischen Berlin unb London abgespielt haben, zu sprechen. Wir können es uns aber nicht versagen, schon heute darauf hinzuweisen, daß seitens der deut- eschen Reichsreoierung alles nut er­

denkbar Mögliche geschehen ist, um zu einet Verständigung zu gelangen. Für die Parteien des Reichstages ist in Anspruch zu nehmen, daß sie den Willen zu einer Verständigung durchaus ernst gehabt haben, daß sie sich aber auch andererseits wie früher fo auch bei den Besprechungen am Sonn­tag auf den Standpunkt gestellt haben, daß Deutsch- land nichts mrierschreiben könne, was zu erfüllen es nicht in der Lage ist.

Ein Aufruf des Reichspräsidenten.

Der Reichspräsident hat folgende Proklamation er» gehen lassen:

Mitbürger!

Unsere Gegner im Weltkrieg haben unerhörte und unersü llbare Forderungen an Gold und Gut an uns gestellt. Wit selbst nicht nur, auch unsere Kinder und Enkel sollen Arbeitssklaven der Gegner werben. Durch unsere Unterschrift sollten wir einen Vertrag besiegeln, den auszuführen auch die Ar­beit von Generationen nicht genügt hätte. Das bur's» tsn, daskonntenwirnichttun. Unsere Ehr- unsere Selbstachtung verbieten es.

Unter offenem Bruch des Fried ens- Vertrages von Versailles sind die Gegner zur Besetzung weiteren deutschen Lan­des geschritten. Der Gewalt können wir ®ewall nicht entgegensetzen. Wir sind wehrlos. Aber hinaus­rufen können wir es, daß es alle hören, dir noch bie Stimme der Gerechtigkeit erkennen: Recht wird hier zertreten durch Gewalt!

Mit den Bürgern, die Fremdherrschaft erdulden müssen, leidet das ganze Volk. Ehern zusam- menschm ieden soll uns dieses Leid zu einigem Fühlen, einigem Wollen.

Mitbürger! Tretet der fremden Gewaltherrschafi mit ernster Würde entgegen. Bewahret Euren aufrech­ten Sinn, aber laßt Euch nicht zu unbesonnenen Taten hinreißen. Harret aus! Sjabt Vertrauen! Die Reichs- rezierung wirb nicht eher ruhen, bis fremde Gewalt vor unserem Recht weichen muß!

Der Reichspräsident: Ebert.

Der Reichskanzler: Fehrenbach.

Englands Schuld am Weltkriege.

Wie der ,BerI. Lokalanz/ aus New-Jork meldet, kündigen die Zeitungen des Hearstkonzerns die Ver­öffentlichung von Dokumenten auS dem Peters­burger Geheimarchiv an, für deren Unter­drückung England angeblich 40 Millionen Mark ge- boien hat. Daß England die Veröffentlichung der Dokumente zu verhindern suchie, ist leicht tierfiänb« lich; denn bie Dokumente werfen ein Schlaglicht auf die Schuld von Grey und Ssafonow am Ausbruch des Weltkrieges. Dir Veröffentlichung durch Hearst gerade in bieient Augenblick ist für die in Loudon versammelten Ententevertreter besonders peinlich, weil L'ohd George bekanntlich in feiner letzten großen Rede erklärt hat, der Versailler Derr trag falle, sobald die deutsche Schuld falle.

Die GSrnng in Nirßlanv.

Neber die Llwe in Petersburg und Moskau siegen wDersprechende Nachrichten vor. Ueber Riga, Reoat unb Helsingfors kommenden Meldungen, die sich viel­fach rew auf Gerüchte berufen können, wissen von einer Bewegung zu berichten, die die Sowsetherrschast in ihren Grundfesten erbeben kiffe. Kronstadt soll danach in den Händen der Anttbolschelmsten sein. Me Festung bildet den Mittelpunkt des Aufruhrs. Ein Aufruf von Lenin und Trotzki in derJsveftja* vom 3. März bestätigt, daß die Kronstädter Matrosen sich erhoben haben. Der Aufruhr habe am 28. Feb­ruar auf dem PanzerschiffPetropautowsk" begon­nen. Die Leitung liege in den Händen des Artillerie­chefs Poslowski und dreier anderer Offiziere. Der Petersburger Sowjet habe zuverlässige Truppen zur Unterdrückung des Aufruhrs kommen lasten. Don Moskau wird gemeldet, die Sowjetregienmg be­kämpfe die dortige Bewegung mit blutigem Terror. Se habe einen Verteidigungsrat eingesetzt und Mas- senverhaftimgen vornchmen lasten. Jndesten wachse ber Widerstand unter den Arbeitern und in der Gar­nison. Der Eisenbahnverkchr sei noch weiter einge­schränkt worden. Aitiiererseits meidet das Rostalbüro:

On Petersburg herrscht vollkommene Rrche. Auf ber Baltischen Werft teilt) m der Lafermefabnk wurden Ar- bvstcrversammlungen abaehastm, die völlig ruhig und sachlich bie Dertretungsfrage verhandelten unb ihre Soli­darität mit der Sowsetregierung betimöe-fen. Auf den Versammlungen trat zwar eine Reihe ausständiger Per­sonen auf, die die (Einberufung einer Natt onaloersamm- hmg verlangten, aber keine Unterstützung fanden. . Am 28. Februar würde die wegen Bremrstossmonqel einge­stellte Arbeit in fast allen Fabriken tM Werkstätten Petersburgs wieder ausgenommen. Die Brennstoffzufuhr hat sich bedeutend erhöht."

Wägt man di« vorliegenden Nachrichten gegen­einander ab, so blecht als feststehend etwa folgendes: Der Sowjetreglerung ist- es gelungen, die von Men- schewisi und Sozialrevolutionären aufgeregten 2Irbe- termaffen in Moskau und Petersburg wieder in die Hand zu bekommen. Ein Lufruhrherd befindet sich nur noch in Kronstadt, wo ein zaristischer Gene­ral, der obengenannte Poslowski, anscheinend Ne Maske abgeworfen und die menschewiststch oder sozial- revolutionär gesinnte Besatzung einiger Kriegsschiffe zum Putsch veranlaßt hat. Die Kronstadter Matrosen waren schon seit längerer Zeit ziemlich aufsässig, sodaß sich Trotzki mehrmals veranlaßt sah, gegen sie einzu- grtifen,