48.Zahrg
Montag, 7. Marr J921
Nr. 54
Weitere Besprechung-» der Orirntkonferenz.
Freitag and im Londoner Auswärtigen Amt ein Konferenz zwischen Lloyd George und den Delegierten der türkischen und griechischen Regierung statt. Tie Türken erklärten sich mit dem Vorschlag der Entente,' eine Kommission zur Untersuchung der Bevölkerungs- Verhältnisse nach Smyrna und Thrazien zu entsenden, einverstanden. Die Griechen weigern sich dagegen noch, doch haben sie noch keine offizielle Antwort erteilt. Tie Ministerpräsidenten der Alliierten empfingen sodann beide Delegationen in einer offizielle» Konferenz im St. James-Palast.
wörtlich wäre und die, wenn man bei ihr ver ;arri zu dem gleichen Unheil führen mutz.
Kundgebungen.
Aus dem von der Besetzung bedrohten Gebiet faiti fen noch andauernd Kundgebungen ein, die die Regierung auffordcrn, ihre Entscheidung mst Festrgker' zu treffen und sich nicht von örtlicher Not, sondern nut von dem Gesamtwohl des deutschen Vaterlandes bet stimmen zu lassen. Auch ans dem übrigen Deutschlaiü wird von zahllosen Korporationen und Bersammlunger einmütig <ur die Regierung das Verlangen gerichtet, innerhalb der Grenzen der deutschen Vorschläge im beirrbar fest zu bleiben.
Eme Resolution der westfälischen Zentmmspartei.
In einer gewaltigen, vom Abg. Herold einberufenen Fentrumsversammluug in Dortmund, auf der der Landessekretär des Volksvereins, Dr. Berger, das Referat hielt, wurde folgende Entschließung angenommen: . _
Die am 4 März zu Dortmund versammelten Ver. tretet der deutschen Zentrumsparter der Provinz West, falen des unbesetzten rheinischen Gebietes und des hannoverschen Wahllreises Weser-Ems erheben einstimmig Einspruch gegen den Inhalt der Parrser Forde, tun gen sowie gegen die ultimative Art ihrer Vor, legung in London, da diese Forderungen die wirtschaft, liche Versklavung unseres Volkes in feiner jetzt lebenden und der noch ungebetenen Generation bedeuten. Wir verwahren uns insbesondere aufs schärfste dagegen, uns vom englischen Premierminister zum alleinigen Kriegsschuldigen stempeln zu lassen, von dem Manne, der erst am 22. Dezember v. I. erklärt hat, dah es ihm immer deutlicher werde, daß keiner der führenden Männer der kriegführenden Nationen diesen Krieg gewollt habe. Wir versammelten Vertreter der Partei ersuchen die Zentrumsfraktion deS ReichSiageS, sich geschlossen hinter die Regierung zu stellen, wenn diese den Pariser Forderungen in London ein Unannehmbar entgegensetzen muh, sofern auch der letzte. Versuch zu einer unsere Lebensinteressen wayrenden Verständigung zu gelangen, vergeblich werden sollte.
Der Reichstag und London.
Am Samstag herrschte im Reichstage begreifliche Unruhe; man erwartete eine Erklärung Der Regierung zu den Londoner Vorgängen. Schon am frühen Vormittag waren die Parteien zu Fraktianssitzungen zusammcnge- lreten, um über die Lage Klärung zu suchen. Die Vollsitzung selbst war auf Nachmittag 5 Uhr anberaumt. Das Kabinett unter Führung des Reichskanzlers Fehrenbach war vollzählig vertreten, Haus und Tribünen bis auf den letzten Platz gefüllt. Mit einer kurzen Ansprache eröffnete der Präsident pünktlich zu angefagter Stunde die Sitzung.
Zunächst muß noch etwas nachgeholt werden, die radikale Linke fordert es so. Adolf Hofsmann und f Lrispien wollen ihren „allerschärfsten Protest" gegen die Verweigeruq der Worterteilung zur Geschäftsordnung durch den Präsidenten am Tage zuvor aussprechen. Allen iLockungen, das provozierende Auftreten Adolf Hoffmanns durch entsprechende Gegenäutzerungen zu brandmarken, wehrt der Präsident Lobe von vorn herein durch die Bitte, des Ernstes der Stunbe bewußt zu sein. Die üblichen Hofftnannschen Erzählungen werden daher auch mit der ihnen gebührenden Verachtung bestraft. Jeder bemeiftert sich und man läßt ihn poltern. Dasselbe geschieht gegenüber Crispien. Als der Präsident ßoebe auf die beiden Erklärungen seinerseits bemerkt, daß er im gegenwärtigen Augenblick auf eine Entgegnung verzichte, da schallt ihm vom ganzen Hause ein stürmisches „Bravo" entgegen. — Nach diesem Zwischenspiel betritt der
Reichskanzler Fahrenbach
ben~Saal. Sofort erhält er das Wort. Fehrenbach ist ;überaus ernst. Er spricht mit starker innerer Bewe- ,gung, kurz und entschieden. Er führte aus:
Der Reichstag hat den Wunsch geäußert, über den Stand der Verhandlungen in London unterrichtet zu werden. Es ist das durchaus begreiflich. 3n den Tagen, da unsere Augen mit der größten Aufmerksamkeit auf London gerichtet sind, dem Ort ernstester Entschei- düng der deutschen Lebensfragen, ist natürlich der Deutsche Reichstag als der Repräsentant des deutschen Volks- willens mehr denn je von dem Verantworllichkeitsgefühl durchdrungen, das den politischen Faktoren auferlegt ist. Don diesem gleichen hohen Bewußtsein des Verantwortungsgefühls ist das Wohl und Wehe des deutschen Volkes umlaßt. Cs hat aber auch das Kabinett die Frage forgfältig geprüft, ob und inwieweit es tm gegenwärtigen Moment mit Erklärungen in diefenz hohen Hause die Aufgaben fordern ober schädigen könne, die unfern Unterhändlern in London obliegen. Diese Erwägungen haben das Kabinett zu der Ueberzeugung geführt, daß wir uns während der schwebenden Verhandlungen auf ein Mindestm aß öffentlicher Erklärungen zu beschränken haben. (Hört, hörtl und Unruhe bet den Kommunisten und Unabhängigen.) Ich halte mich daher für verpflichtet, über folgende Erklärungen nicht hinauszugehen: Das Kabinett muß entscheidendes Gewicht darauf legen, daß unsere Unterhändler bei der Durchführung ihrer Aufgaben durch einen in seinen Folgen unübersehbaren Eingriff von hier nicht gestört werden. Im Einklang mit den vom Reichstag gebilligten Richtlinien hat der Minister des Auswärtigen vom Kabinett den Auftrag mitgenommen, daß er feine Unterschrift unter keinerlei Verpflichtungen setzen darf, die das beut« sche Volk nicht tragen könnte. An diesem Auftrag ist nichts geändert und wird nichts geändert werden. (Beifall bei der Mehrheit.) Das Kabinett ist 'überzeugt, daß der Minister dse Auswärtigen alle Verhcindlungsmöglichkeiten innerhalb der gezogenen Grenzen ausnutzen wird. Lasten Sie mich der sicheren Erwartung Ausdruck geben, daß das deutsche Volk die Unterschrift feines Beauftragten einlösen wird, wenn sie eine Zusage deckt, die nach sorgfältigster Prüfung die Grenzen äußerst möglicher Leistungen innehätt, daß bas deutsche Volk aber ebenso fest hinter seinen Beauftragten stehen wird, wenn sie sich weigern, ihre Namen unter ein Schriftstück zu setzen, das unmöglich ist. (Lebhafter Beifall bei der Mehrheit.)
Nunmehr war die Reihe an den Parteien, zu der Erklärung der Regierung Stellung zu nehmen. Dies geschieht für die mehrheitssozialistifche Partei durch den Abg. Müller-Franken. Er gab die Erklärung ab. daß die Sozialdemokratie bei ihrem Standpunkt vom 2. Februar, daß die Pariser Vorschläge unausführbar seien, stehen bleibe. In den Mittelpunkt der Rede stellte er die Forderung des Ausbaues der zerstörten Gebiete. Die französischen sozialistischen Arbeiter seien bereit, gemeinsam mit den Deutschen diese Arbeit in Angriff zu nehmen. Die sog. Einheitsfront lehnt Müller schärfftens ab, und er kommt im Anschluß daran zu einer laugen Polemik gegen Rechts, die hier wirklich überflüstia war. Erst zum Schluß findet er bas Thema wieder. Gewalt sei kein schöpferischer Faktor. Darum mästen die Ver- ständigungsverfuche fortgesetzt werden: sowohl die Anrechnung Vorleistungen wie die Frage des Bcfse- rungsscheins können Gegenstand der Verhandlung fein. Schließlich wandte er sich noch gegen die Bemerkungen Lloyd Georges über die angeblich zu niedrigen indirekten Steuern Deutschlands: bei einer wesentlichen Erhöhung der deutschen Steuern werde Cie deutsche Arbeiterklasse auf wichtige Lebensrnittel verzichten mästen, die Verelendung der deutschen Arbeiterschaft aber ziehe die der Arbeiter der übrigen Welt nach sich
Nomen? des Zentrums sprach der Abg. Trimborn. Er beschränkte 'ich auf eine Erklärung, in der er mit Recht betonte, daß es in dem augenblicklichen Stadium der Verhandlungen unangebracht sei, ohne eingehende nähere Informationen in ersprießlicher Art zu der Verhandlungsmaterie Stellung zu nehmen. Eins jedoch stehe fest, es dürfe nicht unterschrieben werden, was nicht gehalten werden könne, wenngleich Lloyd Georges Rede zum scharfen Widerspruch reize, wolle er sich in diesem Augenblicke jeglicher Kritik enthalten und der Hoffnung Ausdruck geben, daß es schließlich doch noch zu einer Verständigung komme.
Anderer Meinung war der Abg. hergf, der namens der Deutschnationalen ausführte, daß sich allerdings die Regierung augenblicklich jeder Stellungnahme mit Recht enthalten könne, die Volksvertreter aber hätten die Pflicht, Stellung zrr nehmen. Und man muß sagen, der Redner hatte eine gute Stunde. Seine Abrechnung Lloyd
Deutsches Reich.
•* Berlin, 6. Marz. Ter sächsische Ministerpräsident Buck ist zu Verhandlungen nach Prag gereist.
* 3m Reichsrol wurde der Etat für 1921 verabschiedet. Ministerialdirektor Sachs gab zu, daß der Etat für 1921 hinsichtlich der Sparsamkeit nicht den Erwartungen des Reichsrats entspricht, denn er enthalte im wesentlichen die-
Georges fand zuweilen stürmischen Beifall, der sich bis in die Mitte und darüber hinaus sortpflanzte. Lloyd j George habe nicht des deutschen Volkes, sondern seiner lelbtt gespottet, als er das deutsche Angebot lächerlich [ genannt habe. Er wünschte einen speziellen Plan unserer Regierung über die Beteiligung Deutschlands an den Wiederaufbau-Arbeiten in Nordfrankreich.
Nach ihm folgte als Vertreter der äußersten Linken der Unabhängige Dr. Breitscheidt. Er wehrte sich dagegen, mit den „Patrioten in den bürgerlichen Sägern" in eine Reihe gestellt zu werden, stellte dann aber zweierlei fest: daß die Pariser Beschlüste undurchführbar seien, und daß sie im Widerspruch zu den Ingressen der arbeitenden Bevölkerung in allen Ländern stehen Damit war für die Londoner Verhandlungen strich diejenige Einheitsfront von den Deutschnationalen vis zu den Unabhängigen hergestellt, gegen die sich Dr. Breitscheid in feinen Worten wandte.
Die heftigen Angriffe, die er alsdann an dem Auftreten Dr. Simons in London übte, dem er Nachgiebigkeit gegen militaristische Einflüsterungen und Verständnislosigkeit für die Situation nachsagte, rief den Reichskanzler noch einmal auf den Plan. Fehrenbach benutzte die Abwehr der Breitscheidttchen Angriffe zu der Konstatierung, die auch den in London verbreiteten Gerüchten über eine angebliche Erschütterung der Stellung des deuffchen Außenministers ein Ende machen dürste, daß das Vertrauen des Kabinetts zu Dr. Simons in keiner Weife erschüttert sei, und daß die Verhandlungen in keines besseren Mannes Hände als in die seinen gelegt werden konnten, der sich als gewißen- Hafter, reiflich überlegender Mann gezeigt habe. Kein Staatsmann habe wohl eine verantwortungsvollere Aufgabe als jetzt Dr. Simons. Durch solche Angriffe würden ihm die Verhandlungen nicht gerade erleichtert.
Der volkspartelliche Führer Dr. Strefemann polemisierte in langen Ausführungen gegen d.« Grundlagen der Pariser Vorschläge und die Antwort Lloyd Georges. Für die Demokraten sprach Dr. Schiffer. Er wies daraus hin, daß die Grundlage des Friedensvertrages das erzwungene Schuldbekenntnis des deutschen Volkes sei, gegen das Deutschland immer wieder protestieren werde, daß Deutschland sich den anerfanmen Verpflichtungen nicht entziehen, die darüber hinausgehenden aber trotz aller Sanktionen abweisen werde. Der Redner der Kommunisten, Sköcker, rief das englische und das französische Proletariat auf, sich mit dem deuffchen zum Sturz der Bourgeoisie zu vereinigen und verhöhnte die Unabhängigen, die in der gegenwärtigen revolutionären Situation die revolutionäre Parole nicht auszugeben wagen.
Die Reden der kleineren Parteien befchlosten die Sitzung, die bis halb zehn Uhr ohne Unterbrechung durch- gefuhrt wurde. Die Kritik, die auch an den Londoner Verhandlungen geübt wurde, zeigte, daß es sich nicht um eine Paradevorstellung handelte. Das Ergebnis des Tages ist die Tatsache, daß alle Parteien, cchgeschen von der Sekte der Kommunisten, die unbei; st nach Moskau starrt, der Ueberzeugimg fmb, daß die Pariser Vorschläge unannehmbar sind, daß aber Deutschland innerhalb seiner Leistungsfähigkeit leiftrn will und wird. Das ist die Parole des deutschen Volkes. Es ist die Instruktion feiner Unterhändler in London.
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Was die Wahlen imitier wieder lehrew
Ans Hamburg wurde vor einigen Tagen berichtet daß der Zenirumslrste bei den Bürgerschaftswahlen 250 Stimmen für Erlangung des zweiten Mandats gefehlt hätten. Durch die inzwischen amtlich bekannt- gegebenen Verrechnungen der Sitzverteilung ergibt sich, daß der Zentrumsliste nur ein, Stimme für den zweiten Kandidaten fehlt. Das strittige Mandat ist durch das Fehlen dieser einzigen Stimme an die Kommunisten über- gegangen-
Tie Wahlsäumigen haben es sich zuzuschreiben, daß em verdienter Bürgerschaftsvertreter, der 34 Jahre für die Entwicklung und Gesundung der Hamburger katholischen Gemeinden und ihre» Schulen unermüdlich arbeitete, sein Mandat an einen Vorkämpfer für die freie Schule und den Umsturz abtreten muß.
Möchte man aus diesem Beispiel, daS in de» schwierigen Hamburger Verhältnissen doppelt empfindsam wirken muß, lernen, daß beim Verhält» niswabliystem auch der letzte Parteianhänger zur Wahlurne gebracht werden muß.
Nus jede Stimme kommt es an!
Im Zwischenakt der Schicksalstragödie.
Während der Pause von London kann man zwei bemerkenswerte Erscheinungen ins Auge fassen: erstens die Ruh e, die in Deutschland herrscht, und zwestens die Gleichgiltigkeit, mit der hier zu Lande der Regie- rungswechsel in Nordamerika betrachtet oder vicl- mchr nicht beachtet wird.
Die gegenwärtige Krisis wird, wenn sie nicht in letzter Stunde noch zum friedlichen Vergleich sich wendet, ungeheure Folgen für unsere Volkswirtschaft und auch für die Hauswirtschaft der Einzelnen haben. Trotzdem zeigt sich durchaus keine Panik, nicht einmal ein Schwanken und Zagen. Aus dem Auslände wird gemeldet, daß die Händler mit deutschen Waren, namentlich die Engländer, in starke Verwirrung geraten seien. Aber gar zu arg muß auch dort die Schwarzseherei nicht sein, denn sonst würde die deutsche Valuta im Ausland wohl erheblich gesunken sein. Die Schwankungen sind aber nicht größer, als zu gewöhnlichen Zeiten. Jedenfalls bleibt an der deutschen Börse trotz einer begreiflichen Zurückhaltung die Tendenz gut behauptet, was angesichts der Schwere der Krisis von großem Vertrauen oder wenigstens von sehr viel Selbstbeherrschung zeugt. Dem entspricht die Stimmung im Publikum, das durchaus keine Nervosität zeigt.
Wir erklärt sich das? Steht das Volk auf in der ststen Hoffnung, daß sich die Sache doch noch ftiediich lösen wird? Oder acht die Ruhe aus der klaren Erkenntnis hervor, daß wir unsererseits alles getan haben, was möglich ist, und daß wir das Unabwendbare mit derselben Fassung hinnehmen müssen, wie ein Unwetter aber wie ein Erdbeben? Vielleicht wirkt beides zusammen: ein Rest von Vertrauen und eine gewiffe gleichmütige Ergebenheit in die Nachwirkungen des verlorenen Krieges.
Wie man auch dir Vvlksstimmung psychologisch er- klären will, sie bleibt immer eine erfreuliche Erscheinung. Denn sie bekundet, daß wir in Deutschland diesmal etwas errungen haben, was sonst dem Volke der Dichter mrd Denker abging: eine Einmütigkeit der Auffassung und eine Entschlossenheit zum äußersten. Dieses Bewußtsein der unerschütterlichen Gemeinsamkeit gibt Kraftgefühl und Ruhe.
Es führt aber nicht etwa zur Gleichgültigkeit oder Leichtsinn. Vielmehr ist die Aufmerksamkeit aller Deutschen, auch der sonst unpolttischen Kreise, auf die schwebenden Verhandlungen gerichtet. So sehr, daß die übrigen Ereignisse nur geringe oder gar keine Beachtung finden.
In normalen Zeiten würde der Präsidentenwechsel in Nordamerika, der sich soeben vollzogen hat, im Vordergrund des politischen Interesses stehen. Jetzt geht er ziemlich unbemerkt vorüber. Und doch bietet der Sturz des heuchlerischen Wilson ein schauriges Bild, und der Regierungsantritt des neuen Mannes von ganz anderer Art ist nicht bloß „interessant", sondern bei der Machtstellung der Vereinigten Staaten auch ein gewichtiges Stück Zeitgeschichte.
Allerdings hat der Vorgang in Washington nichts überraschendes gebracht. Auch die Antrittsrede des neuen Präsidenten bringt außer unbestimmten Redewendungen nur die bestimmte Erklärung, daß Nordamerika sich nicht in die europäischen Wir
ren mischen werde. Dieser Rückzug auf die Monroe- Doktrin' war ebenfalls zu erwarten. Ob die Nichteinmischung sich tatsächlich durchführen läßt, ist freilich eine andere Frage. Die Vereinigten Staaten wollen und muffen Welthandel treiben, und deshalb werden sie in die europäischen Wirren hineingezogen, wenn sich volkswirtschaftliche Störungen ergeben. Das wird aber der Fall sein, wenn die jetzt angedrohten Straf« Maßnahmen der Franzosen und Engländer durchgeführt werden. Eine solche Art von Blockade der deutschen Ein- und Ausfuhr zieht das amerikanische Geschosk in Mitleidenschaft.
Mr uns ist es nicht günstig, daß Nordamerika, rcachdem es den bösartigen Vertrag von Versailles mikseschaffen hatte, sich zurückgezogen hat und uns ein« fach der Pein überläßt. Es hätte im Obersten Rat der Sieger für die gemäßigte, versöhnliche, vernünftige Richttmg den Ausschlag geben können. Die englische Polilik wurde nicht so häufig den französischen Stürmern und Drängern nachgegeben haben, wenn sie der Unterstützung des mächtigen Amerika sicher gewesen wäre. Statt dessen hat ein Gegensatz zwischen den V-reinigten Staaten und dem englischen Weltteich sich hercusgebildet, der Lloyd George amreibt, für alle Fälle das enge Bündnis mit Frankreich aufrecht zu "halten. , . , ,
Bei dieser Lage können wir auf Nordamerika ferne Hoffnungen fetzen, aber wir müssen doch die Entwick- lang im Auge behalten. Augenblicklich find wir auf die Selbsthilfe angewiesen, und in dieser Hinsicht bietet die würdige, ruhige, feste Haltung immer iwch Aussicht auf den Erfolg des pafsiven Wider- ftanües des Sechzigmillionenvolkes.
Simons bei Lloyd George «nd Briand.
lieber den augenblicklichen Stand der Londoner Verhandlungen meldet ein Sonderdericht von Hava-, daß Dr. Simons am Samstag in einer Unterredung mit Lloyd George und Briand Vor- schlage für eine Wiederaufnahme der Aussprache über die Enischüdigungssrage gemacht habe, und daß di fe bann am Nachmittag von den englischen, französischen und belgischen Sachverständigen gemeinsam mit den deutschen Sachverständigen auf ihre Durchführbarkeit geprüft worden feien. Die deutschen Vorschläge sollen auf die Ergebnisse der Brüsseler Konferenz und auf das Programm der deutschen Mitarbeit beim Wiederaufbau zurückgreisen. Wahrend Lloyd George sich am Nachmittag aus das Land begab, besuchte Briand den italienischen Vertreter Grafen Sforza, um ihm Bericht zu erstatten. — In englischen und italienischen Kreisen (so fügt Haoas hinzu) hüll man die Möglichkeit einer grundsätzlichen Annäherung für gegeben, sodaß die Verhandlungen weitergeführt werden könnten; in französischen Kreisen dagegen zeige man sich weniger zuversichtlich.
Neue Vorschläge?
Daß heule neue deutsche Vorschläge unterbreitet werden, kann nicht zweiselhast erscheinen. Sie werden sich in dem Rahmen der Verhandlungsvollmachten Dr. Simons halten. Wie die Borschläge lauten, weiß man nicht. Die englischen Blätter lassen durchblicken, wenn sie nur teilweise genügten, und wenigstens Deutschlands ehrlicher Wille zu erkennen sei, dann würden die Sachverständigen der Alliierten sie ernsthaft prüfen. Man kann immerhin aus dieser Einschränkung ersehen, daß den Alliierten im Grunde nichts daran gelegen ist, die angedrohten „Strafmaßnahmen" anzuwenden und in einer Reihe von englischen Zeitungen imb Zeitschriften, die sich mit den Einzelheiten der wirtschaftlichen Lage eingehender befassen, herrscht die Neigung vor, zu einer Fortsetzung der Verhandlungen zu raten. Die Anwendung der Sttasmaßnahmen, so meint man, würde kaum dazu beitragen, Deutschland zum Zahlen zu bringen, und ihre Folge würde sein, daß der Wiederaufbau Europas und die wirtfchastliche Wiedergenefung auf unbestimmte Zett mrzögert würden.
Die Pariser Presse ergeht sich in allerlei Devmu- timgen, welcher Art dir deutschen Zugeständnisse fein würden. Nach der einen Lesart würde Deutschland ein vorteilhafteres Angebot für die Mobilisierung seiner Schuld vorlegen, ohne mit der Endsumme wesentlich über die an gebotenen 50 Milliarden hinauszugehen; müh einer andern Lesart würde Fimmzminister Dr. Wirth einen Plan einreichen, der, auf die Ergebnisse der Brüsseler Konferenz und die Seydouxschen Gedanken aufgebaut, eine provisorische Regelung ins Auge fasse in Gestalt steigender Jahres Zahlungen ohne Festlegung einer Endsumme. Es ist bezeichnend, daß die französische Presst, die bisher jede Abweichung von den Pariser Beschlüflen von vornherein abwies, heute alle diese angeblichen Projekte ohne ein Wort der Ablehnung wiedergibt. Zwischen den Zeilen kann man aber ein Mißttauen gegen die Haltung der englischen Regierung lesen, von der man zu große Nachgiebigkeit befürchtet.
Die Franzosen als Zerstörer.
Tas spanische Blatt ,Debate' bringt einen sehr schacsen Artikel, in dem eS heivorhebt, daß ein großer Teil des Geforderten von Deutschland nicht geschuldet werde. Der Verfasser sei Augenzeuge ge» wesen, tote die Franzosen aus strategischen Rücksichten ihre eigenen Ortschaften zusammen- oe sch offen hätten. Schon damals habe es freilich geheißen, daß die .Boches" alles bezahlen würden.
Pariser Diktat und — Recht und Moral.
Der durch fein Buch über den Versailler Friedensvertrag bekannte englische 9tationalöfonom KehneS, Professor der Universität Cambridge, nimmt jetzt in einem Artikel im „Manchester Guardian" Stellung zu den Entente-Forderungen an Deutschland. Kehnes spricht von den Pariser Forderungen als eine Abänderung deS Versailler Friedensvertrags, die die Deutschen anzünedmen nicht verpflichtet seien und die daher^ rechtlich nicht zur Anwendung gelangen tonnen. Er äußert sich weiter Über die «trafmahnahmen im Falle der Nichtunterzeichnung der Forderungen durch Deutschland und nennt dies eine Frage des internationalen Rechts und was noch bedeutsamer ist, dec internationalen Moral. SetjneS weift schließlich auf daS englische Unrecht in Irland bin. wofür dieselbe Moral heran!»
Veramwontich ritt brn reSauwnellrn Teil: Karl Schütte. - für di» Anzeigen: I. Parze«ler-Fulda. - Rotationsdruck u. Deriag der yuläaer udienbruderei in yulba. Nernwrecher Rr. 9. Telegr.-Adresse: Fuldaer Zeitung
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FuldaerZeitung
Amtlicher Anzeiger für den Areis und die Stabt Fulda.__
Belgischer Handel mH deutschen Span-Kohlen.
Deutsche Kohle, die nach dem Sinn des Friedens- Vertrages als Ersatz für die infolge der Zerstörung der belgischen Gruben fehlende belgische Eigenförderung an Belgien geliefert wird, wird von dem belgischen Entschädigungskohlenamt assen in großen Mengen an Holland verkauft. Holland hat schon 40?—45 000 Tonnen gekauft, und weitere Verläufe stehen kurz vor dem Abschluß. Mit dem Preis wird der deutsche Kohlen- handel erheblich unterboten, sodaß ein Absatz deutscher Kohle im Ausland, des fast einzigen Ausfuhrgutes, das wir noch zur Hereinholung von Lebensmittefty und Rohstoffen haben, fast unmöglich wird. Belgiern verstößt mit diesem Kohlenhandel, dem sich auch Frank«, reich demnächst noch anzuschließen scheint, nicht nur gegen den Sinn des Friedensoerttags, sondern es bewirkt dadurch, daß Deutschland infolge dieses Vorgehens bald keinen genügend lohnenden Absatz seiner Kohle und damit auch nicht mehr die Möglichkeit zum Ankauf von Lebensmitteln und zur Erhaltung feiner Zahlungsfähigkeit haben wird.
Aus dem besetzten Gebiet.
Kent Xus eifnngett. Die interalliierte Rheinland, lom Mission hat angeblich wegen nicht ordnungsmäßiger' Ausführung oer ihnen erteilten Rcguifitionsbesehle ausz dem Dienst der Reichsvermögensverwaltung folgende. Herren aus dem besetzten Gebiet auSgewiesen: de« Chefpräsidentin Klatt und den RegierungSrat Müller, ferner vorn ReichSvermögeusamt den Beirat Straßer und den R eg ierungSbaumeifier Maurer.