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FuldaerZeitung

Amllichcr Anzeiger für den Kreis und die Skadi Fulda.___

Hr. 52*

äkrantroonlidi lüi Oen itOauwneUen Teil: Sari Schütte. - für bk Anzeigen: I. P arze ler-Fuioa. r. Roiattonsdrucl u. Verlag der Fulda« lldienbratferet in Fulda Nr. 9 Teieflt.-'llbreift: Fuldaer Z»"una

Sreitag, 4. Nlärr 1921»

Lerugsprets: Monailich Mt. oone Zustellgebühr. In Fu-do bei uns abgeholt 3,15 Alt Anzeigenpreis : Die K ie'n zei e Loioneimav) 60 p,g.. u. 10°. Zchchlag, die Reklame zeile (Xei,ibretie> 1L0 ZT«., u. 10% Zu'ckstag. Bei Wiederhol.Rabatt

48. Zahrg.

Das Ultimatum.

Die Antwort auf die deutschen Vorschläge ist 4un ausge pi ochen worden. Lloyd George welst mit jürien Worten das deutsche Angebot zurück, «och dazu in der verächtlichen Form, daß er sagte, fcte Vorfchläge seien keiner ernsthaften Prüfung toert. Er erinnert ferner an angebliche deutiche Ver» Mgsverletzungen, er, der selbst in früheren Unierhans- reden und sonstigen Erklärungen den guten Willen Deutschlands und seine Leistungen anerkannt hatte. Wenn er jetzt wieder das Gegenteil behauptet, so offenbar um der Welt die schamlose Grwa tpolitik der Entente gerechtfertigt erscheinen zu lassen, die uns jetzt wieder mit einem Ultimatum die Pistole auf die Brust setzt. Können die Alliierten wnklich nur mit Drohungen arbeiten? Es sieht so aus. Unsere Delegierten waren nach London gekommen, um zu verhandeln, statt desien stehen wir jetzt wieder vor einem Diktat. Auf bieiem Wege aber kann man aber nicht aus der schweren Krise herauskommen. Wir hoffen, daß man das noch in London einjehen wird.

Die Erklärung der Alliierten.

Die mntliche Erklärung, welche die Alliierten in der gestrigen Konferenz bekannt gaben, hat folgenden Wortlaut:

Im Verfolg mehrerer Zufammenkünfie und dreier Sitzungen der Konferenz, die in den letzten 24 Stunden nach lleberreichung der deutschen Note stattfanden, ist ehre vollkommene Verständigung unter den alliierten Regiermtgshäilptern zustande gekommen über die A nt- wortaufdiedentfchenGegenoorschläge. 2n der Sitzung der Konferenz, die im St. James-Pa­last stattfindet, legte Lloyd George Dr. Simons klar, daß die deutschen Gcgenvorfchläge der deutschen Re­gierung keine nähere Prüfung verdienen, und daß di« vomiPeich in der Entfchädigungsftage einge­nommene Haltung eine neue Außerachtlassung der von Deutschtand den Alliierten gegenüber eingegangenen Verpflichtungen darstelle. Er erinnerte an dieB e r- stöße" gegen dieVerträge in betreff der Koh- lenliefermrgen, der Entwasinungsbedingungen, der Zah­lung von 20 Milliarden (Soldmark und der Deftrafung der Kriegsverbrecher. Er bemerkte ferner, daß Deutsch­land dadurch, daß es sich weigere, die ihm von den Miierten in der Reparationsfrage zugestandenen Er­leichterungen anzunchmen, durch diese Tatsache gleich­zeitig auf die verschiedenen Vorteile verzichtet, die ihm auf der letzten Konferenz zugebilligt worden waren. Unter diesen Umständen gab Lloyd George Dr. Simons zu versichert, daß, wenn die Deutschen bis zum Ablauf einer Frist, die bis Montag mittag laufe, nicht die Grundlage des Pariser Abkom mens über die Reparationskosten angenom­men habe, die Alliierten befcholffen haben, Deutschland gegenüber sofort folgende

Zwangsmaßnahmen

in Anwendung zu bringen:

1. Besetzung von Duisburg, Ruhrort und Düsseldorf durch die alliierten Truppen; 2. Er­hebung ran Abgaben auf den Verkauf spreis der deutschen Waren in den alliierten Ländern in einer höhe, die jedes einzelne Land nach feinem Belieben bestimmen kann. 3. Errichtung der Zollgrenze o m R h e i n unter Aufsicht der Alliierten. Der deut­schen Abordnung wird außerdem klipp und klar erklärt werden, daß etwa mögliche Abänderungen der in Paris getroffenen Bestimmungen mir die A r t u n d W e i f e der Zahlungen betreffen dürfen, etwa in der Art der Herabsetzung der vorgesehenen Jahreszahlungen von 42 °us 30.

Der deutsche Bericht.

Tie Sitzung der Konferenz fand um 12 Uhr im JameS.Palast statt. Lloyd George ergriff sofort ®a4 Wort, um die Antwort der Alliierten auf die DeuHdjen Gegen'ch'.äge »u neben.

?? Engerer Rede führte er aus, daß die deutschen m?rr tn8f einen Angriff gegen den Grundgedanken des x5cr|atJcr griebensve *ra3< 5 Umstellten. Es liege durch- ' "Ht in der Absicht 'der Alliierten, Deutschland zu unterdrücken Im Gegenteil, sie seien bas cn überz-'ugt,

61:1 freies, zufriedenes und blühendes Deutschland ?nerf*r0"1^entli9e Vorbedingung für den Frieden (et.

habe im Friedensverirag seine Verantwort- ' !'»Krieg anerkannt und müsse deshalb für bie Knegsscyaden Reparationen leisten. Es fei bereits em weitgehendes Entgegenkommen der Alliierten, daß l,e t1cn. zu d-rn Frankfurter Friedcnsoertrag von Ion aut einen Ersatz der Krieaskosten ° e r,3 1 a/ hätten Er sei der Meinung, daß das

deutsche Volk noch nicht genügend den Umfang der Zcr- storung rourbtge, welche durch den von dem ka s rlich n Deutschland heraufbeschmorenen Krieg verursacht sei. In längeren Ausführungen hierzu schilderte Lloyd George die Verwüstungen und Zerstörungen in den alliierten Landern, insbesondere i t Frankreich, die nur zum ge­ringen Teil von kriegerischen Operattonc i he.rührten. Die Alliierten waren durchaus ber-st gewesen, die von deutscher Seile, vorgebrachten Einwände gegen die Par.ser Beschlüsse m.t vollem Ernst zu prüfen, wenn Deutschland zum Beispiel eine Verkürzung der Zah­lungsfrist von 42 Jahren gefordert cte- anst lle der 12proz. Ausfuhrsteuer eine seinen Bedürfnissen bester entsprechende, aber gleichwertige mr-na'-me vorgeschla- 8«n hätte. Darüber hülle gesprochen werden können.

Demgegenüber müsse er aber feststellen, daß die deut­schen Vorschläge als Grundlage einer Besprechung oder Prüfung nicht geeig­net seien, im Gegenteil seien sie eine Beleidigung und Herausforderung der Alliierten. Berücksichtige man, daß Deutschland im übrigen schon in vielfacher Hinsicht den Friedensoertraq von Versailles verletzt habe, so muffe man zu der Folgerung kommen, daß die deutsche Re­gierung ihrer Berpflichtung nicht nachkonnnen wolle ober, was noch schlimmer sein würde, nicht die Kraft habe, ihren Willen durchzusetzen.

Angesichts dieser Sachlage habe er namens ver Alliierten die deutsche Regierung aufzufordern, bis Montag Mitteilung zu machen, ob sie die Pariser Beschlüsse annehme ober Vor. schlage zu unterbreiten, die eine gleichwertige Ausführung der aus dem Friedensvertrage Deutsch' land obliegenden Verpflichtungen sichern könnte, an- dernsalls würden 1. Duisburg-Ruhrort und Düsseldorf soso.rt besetzt werden, 2. die Alliierten von ihren Parlamenten die Genehmigung ein­holen, von jeder Zahlung für Waren aus deutschen Lie­ferungen einen Abzug für Reparations­zwecke einzubehakten, 3. die an der Westgrenze ein­gehenden Zolleinnahmen unter Aufrechterhaltung des deutschen Tarises zu beschlagnahmen und eine neue Zollgrenze am Rhein zu errichten, an welcher nach Festsetzungen der Jnteralliiierten Rheinlcmdskom- miffion Export- und Importzölle erhoben werden würden.

Reichs Minister Dr. Simons entgegnete, die Rede von Herrn Lloyd George werde sehr sorg­fältig gep-üft werden, wie es ihrem Umfange und ihrer Bedeutung zukomme. Die deutsche Delegation werde die Antwort bis Montag mittag erteilen. Im übrigen legte Dr. Simons dagegen Verwahrung ein, daß Lloyd George die Absichten der deutschen Negierung verkenne und bconte, daß für die von den Alliierten angedrohteu Zwangsmaßnahmen nach Ansicht der dem scheu Delegation keinerlei Anlaß vorliege.

Bis zum Montag.

Die Heißsporne auf der Gegenseite hatten erwartet, daß man Deutschland sofort ein Ultimatum stellen werde mit kürzester Frist, so daß die Zwangsmaßregeln unver­züglich in Kraft treten könnten.

Aber trotz brr heftigen Aeußeruirgen von Lloyd George wird die Suppe nicht so heiß aufgetischt, wie sie gekocht wurde.

Die Entente lehtll freilich die deutschen Gegenvor­schläge in einem Torre ab, der nach Ultimatum klingt, aber sie bewilligt eine viertägige F r i ft, und auch nach Ablauf dieser Frist soll doch immerhin noch Raum bleiben für Abänderungsoorfchläge von deutscher Seite.

Das bebeitiet also zunächst eine ziemlich ausgedehnte Bedenkzeit mtb bann noch eine gewisse Mög­lich k e i t zu weiteren Verhandlungen.

Düi f n wir darauf Hoffnungen bauen? Nur mit größter Vorsicht, denn die Erfahrung hat gelehrt, daß häufig das dicke Ende nachkommt, wenn man fctjmr den schlimmsten Augenblick überstanden M haben glaubt. Immerhin ist die Verzögerung der Entscheidung ein Zeichen, daß die Gegner trotz allen forschen Auftretens doch noch kein volles Eittoerftändnis über ihr weiteres Vorgehen erlangt haben imb daß wenigstens ein Teil von ihnen immer noch wünscht, durch icreitere Zuge­ständnisse Deutschlands um die zweischneidigen Eewalt- mafiregem herumzukommen.

Die noch bestehende Unsicherheit zeigt sich auch darin, daß die Strafmaßnahmen in Staffeln ausgeführt wer­den sollen. So verlautet, daß sofort nur die vorgesehe­nen Befetzimgen erfolgen sollen (zur Derhinderimg des Kohlentrcmsportes nach Süddeutschland); die weiteren Drohungen wegen der Zollgrenze am Rhein und der Brandschatzung der deutschen Ausfuhr sollen erst später erfolgen. Dabei fpiell vielleicht auch der juristifche Zweifel mit, ob die Entente vor dem vertrags­mäßigen Termin vom 1. Mai überhaupt das Recht hat zur zwangsweisen Eintreibung des Tributs.

Uns ist es um gründliche Prüfung und gegenfdtige Aufklärung zu tun. Damm begrüßen wir jeden Zeit­gewinn, zugleich aber stellen wir fest, daß im deut­schen Volke sich keine Spur von ängstlichem Schwan­ken zeigt. Ueberaü wird mit ruhiger Festigkeit abge­wartet, ob die Vernunft oder die blinde WM auf der Gegenseite die Oberhand behalten wird.

Der Drohfeldzug.

Die Entscheidung der Entente-Machthaber wird in den feindlichen Ländern fast allgemein mit Zustim­mung benrüßt werden. Die deutschen Gegenvorschläge hatten einen Orkan terEntrüstung" im Lager der Ente hervorgerufen. Lloyd George hatte zu dem lei- berschrftlichen Widerspruch den Ton angegeben; die ganze gegnerische Presse schimpft und hetz», die kriegs- füchtigen Franzosen betrachten sich als die Herren der Sage.

Manöver! Man will die Nerven der Deutschen nach dem alten beliebten System zermürben. Man fuchtelt ihnen mit dem Revolver unter der Nase herum und denkt, dann würden sie knieschlotteriH ja fagen. Man sagt sich darüber: In Versailles haben die Deut­schen erklärt, daß sie nicht unterschreiben wollten und i könnten. Sie haben es schließlich doch getan, als ihnen mit einer (Erneuerung des Krieges gedroht wurde. In Spaa war es genau so. Die Deutschen beteuerten, daß sie sich nicht zu den geforderten Lei­stungen verpflichten könnten, aber auch dort wurden sie durch die Androhuna von Zwangsmaßnahmen zum Gehorsam gebracht. Dieses Mal wird es genau so gehen. W'-r brauchen nur den Marschall Fach zu zeigen, und Deutsi'land wird sich abermals unterwer­fen. Aber wenn uns die Ententevölker und mH ihnen j ihrs Staatsmänner fo beurteilen, dann sind sie in

einem schweren Irrtum befangen. In Versailles anö Spaa war es uns mit unserem Widerstand bitter ernst, und wir erkennen nach wie vor nicht an, daß bie Sieger In diesen beiden Fällen moralisch berechtigt waren, uns zur Unterschrift zu zwingen. Heute aber wird es ihnen ganz gewiß nicht gelingen, unfere Zustimmung zu erpressen. Demi das Pariser Pro- aranun ist ein Geschäftsiwkumeut, desien Inhalt völlig phantastisch ist. Ob wir es ausführen oder ob wir die Strafmaßnahmen über uns ergehen laffen, eins ist fo schlimm wie das andere. So etwas werden wir sicherlich nicht Unterschreiben. Wir tonnen völlig Unmögliches wirklich nicht übernehmen und werden es infolgedessen auch nicht tun.

Aus Berlin wird uns noch geschrieben: Ruhig, kühl und nüchter» bleiben. An die Spitze aller Erörte­rungen über die gegnerischen Pläne tonnen wir für un­seren Teil mir die Bewertung fetzen, daß feine Zwangsmaßregel geeignet ist, der Entente die qewünfchten 226 M i l l i a r d e n z u v e r f <f) a f f e n!

Die Besetzung der Kohlenhäsen Duisburg und Ruhrort ist nicht etwa geeignet, die deutsche Produktiv­kraft zu erhöhen, sondern durch die mit einer solchen Maßnahme untrennbar verbundene Störung in der Kohlenversorgung der Industriegebiete alle Schassens- kraft und alle Leistungen herabzumirrdern. Durch die Besetzung der Rheinhäfen würde der ganze Süden des Reiches, vorab die bayerische Industrie, von dem Bezug der Ruhrkohie abgesperrt. Was die 50prozentige Ab­gabe auf alle aus geführten deutschen Waren für einen Sinn haben soll, ist auch unerklärlich, demi das kaufende Ausland müßte diesen Ausschlag wohl oder übel be­zahlen, oder es bekäme eben feine Ware. Und wenn weiter die Entente auf alle Steuern, Zölle und bergl. in den Rheinicmden die Hand gelegt, fo würde sie zwar aus der einen Seite ein paar Dutzend Millionen Mark bekommen, die aber in keinem Verhältnis zu ihren Milliardenwünschen stehen, sie werden aber den Absatz ihrer eigenen Industrie mit einer solchen Maßnahme erst recht imterbinden. Denn wir hätten dann wirklich keinLoch" mehr an der Westgrenze, und dem Hereiu- schmuggeln van französischen Parsüms und Seidenstof­fen und englischen Ziaaretten wäre bann die Tür ver­rammelt. Wir können also mit voller Ruhe und Ge- lassenheit diese Dinge betrachten.

Wie sehr man nach einem Anlaß sucht, um uns um jeden Preis ins Unrecht zu setzen, zeigt eine, soeben der Reichsregierung überreichte neue Note der Re­parationskommission. In dieser wird aus­gerechnet, daß wir mit unseren Vorleistungen mit 12 Milliarden im Rückstände seien. Man fordert uns auf, zu erklären, wie wir den Restbetrag leisten wollen. Es handelt sich dabei um bie 20 Milliarden, bie wir als erste Rate auf Grmib der Friedensbebingmigen bis zum 1. Mai 1921 leisten fallen. Nach deutscher Berech­nung haben wir diese 20 Milliarden durch unsere bis­herigen Ablieferungen schon beglichen. Die gegnerische Ausstellung rechnet uns aber vor, daß wir erst etwa acht Milliarden abgetragen hätten.. Wir müssen dem­gegenüber auf die Denkschrift der deutschen Reich-regie- rung verweisen, in welcher aus Grund sorgfä?.iger Schä­tzungen nachgewiesen ist, daß wir alles getan haben, um den Betrag zu zahlen. Wenn man uns einzelne Leistungen überhaupt nicht mehr anrechnen will, so zum Beispiel die Leistungen aus den abgetretenen Ge­bieten, vor allem den Wert ires dortigen Staatseigen­tums, so müssen wir daraus verweisen, daß ausdrück­lich im Friedensvertrag diese Anrechnung uns zuge­sichert worben ist. Man sieht aber auch hier wieber, baß man uns unbebingt ins Unrecht setzen Will, um einen Vorwand für die uns angedrohten Gewaltmaßnahmen zu erlangen. Man hat beispiels­weise auch erhebliche Dorleistungen auf ein ganz an­deres Konto als das Reparationskontv gebucht. Auf diese Weise könnte man schließlich allerdings daraus kommen, daß wir überhaupt noch nichts geleistet haben.

Daß wir uns übrigens auf unsere Schätzungen der Hohe der Vorleistungen nicht unbedingt fefliegen, hat ja schon der Außenminister Simons in London erklärt. Und er machte den Vorschlag, eine gemischte Sachver- stänbigen-Kommission zur Beratung bieser Dinge ein- zusetzeN. Aber auch davon will man auf der Gegen­seite nichts wifsen. Wir bleiben dabei: Jede Gewalt- Anwendung würbe bie Grunblage des Frie- densvertrages verletzen und damit diesen Dertragselberausheben. Wir bleiben auf dem Rechtsboden und ziehen uns daher, wenn die Dinge von der Entente auf bie Spitze getrieben werden, auf den Vertrag von Versailles zurück. Eine der wich­tigsten Bestimmungen des Vertrages ist auch die, daß Gewaltmaßnahmen nur bann in Wirksamkeit treten tömren, wenn wir uns einer vorsätzlichen Nicht- ersüllung des Vertrages schuldig machen. Davon kann aber nach Lage der Dinge keineswegs die Rebe sein. Wir ftnb vielmehr in unserem Angebot nach ber An­schauung der besten Kenner unseres Wirtschaftslebens über die Grenzen unserer Leistungsfähigkeit schon hin­aus gegangen.

Jetzt heißt es: fest bleiben mA bie Nerven nicht verlieren. Es ist entscheidend, daß wir in diesen vier schweren Tagen, in welchem bie Ultimatums- frist läuft, uns durch keine irgend wie gearteten Be­denklichkeiten oder gar Quertreiber«'en beeinflußen las­sen. Denn unsere ganze Zukunft steht auf dem Spiel.

Ruhige Börse.

Die Berliner Boise geinte unter dem Eindruck der Londoner Meldungen gestern keine Schwähun,;. Die Börse rechnet nut einer schließlichen Verständigung. Aus Amsterdam und Zurich wird berichtet, daß die Lon. doner Vor äuge auf den Kursstand der deutschen Mark nicht verschlechternd gewirkt haben.

Sardin rs Amtsantritt.

Heute findet in der rwrdamerikanischen Dundes- hauptstabt Washington die feierliche Einführung des neugewählten Präsidenten H a r d i n g in sein Amt statt, das der 1912 und 1916 gewählte Wilson nach insgesamt achtjähriger Tätigkeit seinem Nachfolger , übergibt. Die Amtszeit Wilsons ist für uns verhäng­

nisvoll geworden; insbesondere dadurch, daß Wilson an seinen sogenannten 14 Punkten, unter welchen mit den Waffenstillstand vom 11. November 1918 schlos­sen, bei den fpäteren Friedensverhanölungen von Ver­sailles nicht festhielt. Viele Deutsche hoffen, baß Prä- fibent Harding uns direkt ober indirekt gegen di« Etttente imterskützen wird. Beweise für die Berechti­gung dieser Hoffnungen liegen nicht vor, wir können allerdings erwarten, daß Amerika für feine Welt­handels-Interessen eintreten wirb, bie durch die Ver» gewaltigimg Deutschlands ebenfalls empfindlich geschä­digt werden. .

Präsident Wilson hat in Nordamerika seine Be­liebtheit verloren, weil er bie Bereinigten Staaten den französischen und englischen Interessen hatte dienstbar machen wollen. Die Volksvertretung in Washington nahm das von Wilson mit der Entente abgeschlossene Uebereinkommen nicht an, und so blieb auch der Kriegs- zustcmd mit Deutschland bisher auf dem Papier be­stehen. Tatsächlich ist ja längst wieber ein Hand^s- verkehr zwischen ben beiden Staaten im Gange. Die erste Aufgabe des Präsidenten Harding wird sein, daß er einem Anträge Gesetzeskraft verleiht, durch weichen in aller Form der Friede mit dem Deutschen Reiche wiederhergestellt werben wirb.

Die Stellung bes Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika ist bekanntlich ganz eigen­artig. Er bestimmt selbst seine Politik, nicht bie Mi­nister, die er eigenmächtig beruft, und nicht bie Bolks- vertretuna, bereu Beschlüsse er, wenn sie ihm nicht ge­fallen, aufheben kann. Wie Europa in der Vergangen­heit mit Wilsons Politik, die der Entente sehr freund­lich war, so muß es für bie Zukunft mit den An- fchMNMgen Harbrngs rechnen, ber die amerikanischen Macht- und Handelsinteresien sehr kräftig in ben Vor­dergrund rücken wirb. Er hat schon den tatkräftigen Weiterbau der amerikanischcn Kriegs- und Handels- ftotte, zu dem England sehr sauer dreinschaut, ange- fünbigt, will aber ben Frieden fördern. Ein neuer, naher Krieg ist nicht wahrscheinlich, mag auch darüber mancherlei geschrieben werben. Ader sicher ist, baß ber Friede auch künftig eine zarte Treibhauspflanze bleiben wirb. Amerika wie England wollen und muffen viel verdienen, und es wird sich bald zeigen, ob bei der heutigen Entente-Politik Staaten und Völ­ker reich genug bleiben, um von ben großen Snbu« strichaaten so viel zu kaufen, wie diese wünschen.

Die Steuerfache Erzreig-r im Reichstage.

Don einem parlamentarischen Berichterstatter gehen uns folgende Milteilungen zu:

Der Geschäftsordnungsausichuß des Reichstages nahm in seiner Donnerstags-Sitzung einen Bericht des Abg. Dr. Kahl über das Schreiben des Abg. Erzberger betreffend die Aufhebung feiner Immunität entgegen, um die Strafverfolgung wegen Steuerhinterziehung zur Durchführung bringen zu können. Nach einer Reihe von Vorfragen seitens verschiedener Abgeordneter nahm der Reichsfinanzminister Dr. Wirth zu mehr als ein- stündigen Ausführungen das Wort, um an ber Hand der Steuerakten die .r ,asten Aufschlüsse zu geben. Die Mitteilungen des Reichsfinanzministers wurden zum Teile mit stürmischen En'-ust.,'^skundgebimgen misge- nommen. Es ft sich heraus, daß sowohl der Präsi­dent des Staatssteueranites Chartottenburg wie der Chefpräfideiit des Landes Finanzam s Berlin in wie­derholten und eingehenden Gutachten und in nachdrück­lichster Weise dafür eingetreten sind, daß die Steuer­akten Erzbergers durchaus in Ordnung sich befinden und daß von einer strafbarem Handlung nicht geredet werden könnte. Eine andere Haltung nahm indessen der Präsident der Abteilung T im Laiidesfinanz- amt, Falkenhahn, ein. Dieser stellte sich auf den Standpunkt, daß Erzberger unrichtige Angaben ge­macht hatte, und daß eine Strafverfolgung angezeigt und notwendig sei.

Wir haben es nun mit einem Kampf der Steuer- beamten unter sich um die richtige Auffassung und Aiislegimg in der Beurteilung der Erzberqerfchen Steuerakten zu tun. Sem Bericht Falkenhahns folgt so­fort wieder ein Bericht von der anderen Seite. Diesem Bericht folgt ein Ergänzungsbericht Falkenhahns. Zu diesem Ergänzungsbericht nimmt dann der Chefpräsident wieder Stellung. So geht der Kampf ber Meinungen hin und her, bis zuletzt das preußische Finanzministerium der Staatsanwaltschaft die Akten zur Durch­führung einer Voruntersuchung aushändigte. Dabei wurde festgestellt, daß Falkenhahn eine direkt un­wahre Berichterstattung beliebt hat, indem er mitteilte, daß die ganze Angelegenheit Erzbergers sei­ner Bearbeitung seinerzeit von höherer Stelle entzo­gen worden sei. Diese Mitteilung beruhte aber auf Un­wahrheit. Weiter wurden verschiedene vorffchttg gehal­tene Beziehungen Falkenhahns zu dem Redakteur B ü l ck von der deutschnationalenDeutschen Z-ituna" ------deu- tet, und es ist nicht zu verkennen "" >

in-Hand-Arbeiten zwischen den it.

Dr. Dülck hat bekanntlich Auszüge rus oen Erz crger. scheu Steuerakten in derDeutschen Zeitung" verösfent-- lichen können, und er hat den Kampf gegen Erzberger in dieser Sache auf Grund non Angaben, die nur aus den Stcuerakten selber herrühren konnten, im­mer wieder geschürt.

Der Gffchäslsordnungsausschuß hat deshalb befchlof fen, die Immunität des Abg. Erzberger aulzuhebm, aber die ganze Angelegenheit in einem schriftlichen Be­richt an den Reichstag zu bringen. In diesem Bericht foll auch das ganze Referat des Reichsfinanzministere wiedergegeben werden.

Der Tirpltzsireff beigelegl.

Der Slapcllauf des DampfersTirpitz", der für die Aktiengesellschaft Hugo Stinnes auf der Flensburger 'cmrite bekanntlich nich« stattftichen, da die Werftarbeiter sich weigerten, ein Schiff auf den NammTirpitz" vom Stapel lauf'n zu laffen. Es fand nur der Taufakt statt, wobei Tirpitz die Taufrede hielt. Er appellierte dabei an die Einigkeit des ganzen Dolles gegenüber der Derskiavungsveisuche der Räuber ringsum. Für die Werstarbe'ter hat die Derweiperung i der Arbeit des Stapellauss, die einen Kontraktbruch dar- stellt, die Folge der Aussperrung gehabt. Sie ausge- i sperrten Werftarbeiter entsandten eine Äbordmrmg an di« Direktion. Die Direktion gab bekannt, daß die Arbeit so» I fort wieder ausgenommen werden könnte, wenn der Sta» vollauf in Gegenwart von Herrn Stinnes und des Groß-