Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stabt Fulda.
Nr. 48.
Verantwortlich rür Öen teuamoneilen Teil: Karl Schälte. 2 für bit Anzeigen: I. Parze 11 er-Fulda. 2 Rotationsdruck u. Verlag der Kuldaer Lctiendruckerei in Fulda. Kermprecher Nr. 9. Telegr^Abrelse: Fuldaer Zeitung
Montag, 28. Februar 1921.
Bezugspreis: Monatlich 3,00 Btt. ohne Zustellgebühr. In Fuida bei unsabgehoit3,15 Btt. Anzeigenpreis: Die K leinzeiie .dolonetinaB) 60 Pfg„ u. 1O°io Zuschlag, die Reklamezeile (Texlbreilei ILO Btt., u. IO“'« Zuschlag. 'Bei Wiederhol. Rabatt.
48. Zahrg.
Abreise nach London.
Die deutsche Delegation für London hat am Sonn- Zarg mittag unter Führung des Außenministers Dr. Simons oom Potsdamer Bahnhof aus Berlin verlassen, um sich über Stachen und Ostende nach ßon= don zu begeben. Reichskanzler Fehrenbach war auf dem Bahnhof erschienen und sprach bis zuletzt Mit Minister Simons und Exz. Lewald.
Daß Minister Simons als einziges Mitglied der Regierung zur Konferenz geht, wird von zuständiger Seite damit begründet, daß die Reichsregierung von der Annahme misgehe,' die endgültige Entscheidung M der Entschädigungsstage werde nicht in London, sondern in Berlin fallen, wo sich die Regierung über Annahme oder Ablehnung der in London gefaßten Beschlüsse im gegebenen Zeitpunkt werde entscheiden müssen. Bei den Verhandlungen in Spaa habe sich gezeigt, wie störend und verzögernd eine örtliche Spaltung des Kabinetts wirken kann. Da mehrere maßgebende Mitglieder der Reichsregierrmg damals in Spaa und die übrigen Minister in Berlin waren, seien stets die größten Schwierigkeiten zur Herbeiführung einer Entscheidung entstand«!. Das soll nunmehr vermied«! werden, indem Dr. Simons als alleiniger Ber- ßreter der Regierung nach London geht.
Die deutschen Gegenvorschläge such am Samstag vormittag je 2 Vertrauensleuten der Reichstagsparteien vertraulich zur Kenntnis gebracht worden. Ueber die Einzelheiten der deutschen Gegenvorschläge ist daher nichts zu erfahren. Sicher ist nur, daß sie, daraus sollte man sich im deutschen Volke allgemein gefaxt machen, sehr weitgehend sein werden.
*
Lloyd George und Driand haben sich über Samstag und Sonntag nach Chequers, dem Landsitz Lloyd Georges begeben, wahrscheinkich um dort in ländlicher lldche über die gemeinsame Taktik aus der Konferenz zu beraten. Wie es heißt, beabsichtigt LloydGeorge, dercmsder Konferenz den Vorsitz führt, zuerst das Wort dem Minister Dr. Simons zu erteilen, um die Einwendungen und Gegenvorschläge Deutschlands vorzübrinyen. Doch soll ihm angeblich nicht gestattet sein, neuerdings die Frage der Verantwortlichkeit für den Kriegsausbruch wieder vorzulegen. Lloyd George werde Simons dann selbst antworten, und eine französische Meldung sagt, es sei zu erwarten, daß Deutschland dabei bittere Wahrheiten <jm hören bekommen wird. Als ob es in solchen AugeMicken je daran gefehlt kMe! Ueber das weitere Programm wird nichts verraten, doch soll Lloyd George erklärt haben, daß er mit oierzehntägigen Verhandlungen rechnet. Das würde eigentlich auf den ernstlichen Vsr- handlunyswillen der Gegner schließen lassen. Auch Aeußerungen Briands, fo brutal sie in ihrer Form find, lasten den gleichen Schluß zu. Briand äußerte sich nämlich, ■ über die Gerechtigkeit der französischen Forderungen könne kein Zweifel bestehen. Für einen Schuldner dagegen sei es üblich, zu erklarm, er fei nicht in der Lage zu zahlen. „Wir sind gekommen," fuhr Briand fort, „um Deutschlands Gegenvorschläge anKuhören. Frankreich Dämmt nicht in einer voreingenommenen Absicht und ist bereit, alles onzunshmen, was die Lage verbessern würde. Wenn Deutschland jedoch nur über sein eigenes Elend Mmnern will, so werden mir ihm auch zeigen, was unser Elend ist. Wenn Deutschland nichts in seiner Börse hat, dann soll es sie offnem, damit wir selbst nachschen können. Will Deutschland dies nicht tun, bann müssen rotr eben hie Börse mit Gewalt öffnen.
Deutschland will allerdings in London freiwillig diese leere Börse öffnen, um die Illusionen der Entente- staatsmwmer zu zerstören. Es gibt indessen leider auf der Seite der Kläger Leute, die selbst nach zehnmaligem llmdrehen der leeren Börse behaupten werden, daß sie doch noch Goldstücke enthalte.
Der König der Dolomiten.
F Volksroman von Felix Nabor.
Ein hundertfacher Schrei ertönte und alle wichen an die Kirchmauer zurück, ohne im ersten Schrecken zu betonten, daß sie dort von dem anstürmenden Rosse zerschmettert werden konnten. Eine allgemeine Panik entstand, zumal da die dich! zusammengedrängten Scharen der Frauen und Kinder am ehesten bedroht waren und die Männer, die auf der anderen Seite des Weges standen, ihnen nicht zu Hllfe kommen konnten. Ein schreck- liches Unglück, vielleicht gar ein furchtbarer Tod vieler beklagenswerten Menschen schien unvermeidlich, und aus dem dichtgedrängten Knäuel der von den Rostehufen Bedrohten ertönten gellende Angstrufe: „Jesus, Maria — helft, o helft!"
Aber die Männer mußten tatenlos zusehen, wie das Unheil heranstLrmte und das Blut in den Adern drohte ihnen zu erstarren — da ging es plötzlich, im Augen, blicke höchster Not, wie ein Aufatmen durch die angst» gepeitschten Gemüter.
Michael Pallanta stand mit einem mächtigen Sprunge mitten auf dem Kirchplatz, warf sich dem heranstürmen- ben Rosse entgegen, fiel ihm in die Zügel und ritz es mit seiner Riesenfaust zur Sette. Zwar wurde er eine kurze Streck« von dem Anprall niedergeworfen, ge- schleift, aber schon nach kurzer Zeit war er wieder auf den Füßen, Zügelte den Renner und zwang ihn, dem Druck seiner Faust zu gehorchen. Mit zitternden Flanken stand das Roß still, peitschte den Leib mit dem langen, glänzenden Schweif und schüttelte zornig den Kopf, daß ihm der weiße Schaum oom Maule spritzte. Alle atmeten auf — die Gefahr war vorüber.
Der dicke Weinwirt erhob sich leichenblaß, wischte ton Angstschweiß vom Gesicht, ergriff die Zügel, die ihm Michael zuwarf, fing an, bas Pferd mit Flüchen und Verwünschungen zu überschütten und stieg aus, da es ihm im Fond der Kutsch« nicht mehr geheuer zu sein schien.
Alle nahmen Aergernis an seinem unsinnigen Der- halten, und Michael Pallanta unterbrach ihn mst dem zornigen Ruf: „Schweig jetzt, Du Memme — und troll Dich Deines Weaes. Wenn Du Dein Pferd nicht hefl#»
Die Oricntfragerr.
Die Londoner Ortentkonferenz mußte unbedingt Samstag zu Ende kommen, denn Montag beginnt bereits die Konferenz mit den Deutschen. Da aber noch so viele Streitfragen bestehen, die gelöst werden müssen, hat man ju dem alten Hilfsmittel gegriffen, und eine Kommrssion einzufetzen beschlossen. In der Sitzung am Freitag teilte Lloyd George mit, angesichts der Meinungsverschiedenheiten, die sich hinsichtlich der Bevölkerung von Ostthrazien und Smyrna in den Griechenland zugesprochenen Zonen gezeitigt hätten, hätten die Alliierten sich berat erklärt, die Frage einer internatton-''^, von ihnen zu ernennenden Stommiffion zu .. . -breiten, die an Ort und Stelle eine rasche Untersuchung über die Bor« und Nachkriegsstalistiken an teilen soll. Beide Parteien sollen sich formell verpflichten, das Ergebnis dieses Schiedsspruches anzunebmen, sowie die übrigen Vertragsklauseln, die ohne Abänderungen aufrecht erhalten werden sollen. Eine weiiere Bedingung ist, daß die Feindseligkeiten sofort eingestellt werden, daß die Kriegsgefangenen ausgelauscht werden und daß den Minderheiten in den griechischen und türkischen Gebieten bis zum endgültigen Abschluß des Friedens Sicherheiten gegeben werden.
Beide türkischen Delegationen erklärten sich mit der Einsetzung dieser Kommission einverstanden und erklärten, sie winden sich deren Entscheidung unterwerfen. Sie knüpften aber daran die Bedingung, daß die strittigen Gebiete während der Tätigkeit der interalliierten Kommission international verwaltet werden sollen und daß die Erhebungen in zwei Monaten abgeschlossen würden. Auch verlangen die Türken, daß die griechische Armee nicht vorrückt und nicht vermehrt wird.
Sehr verschnupft waren die Griechen über die Entscheidung der Konferenz, ihnen waren bekannt- lich die Gebiete von Thrazien und Smyrna durch den Vertrag von Sevres zugesprochen und sie möchten sie jetzt natürlich nicht gerne herausgeben. Tie griechische Delegation hatte bis Freitag abend lange Beratungen und eine endgültige Entscheidung von ihr ist noch nicht bekannt.
Der Deutheuer Rechlsbruch.
Wie aus Streifen der interalliierten Kommission verlautet, soll der Kupka-Prozeß doch stattfm- den; allerdigns nicht vor dem zuständigen Beuthener Schwurgericht, sondern einer vorläufigen Festsetzung gemäß vor dem Sondergerichtshof der interalliierten Kommrssion in Oppeln.
3m Zufarnmrnhcmge mit dem Mordprozeß Kupka steht noch eine cmdere sensationelle Affäre: die Mein- eidssache Przybillok. Dieser war Bürochef und Sekretär im polnischen Abstimmungskommissariat in Beuchen. Allem Anschein nach war der Hauptangeklagte Myrczik, Przybilloks unmittelbar Untergebener, der den Auftrag hatte, Spitzeldienfte für das polnische Wstrmmungskrmrmisiariat zu leisten. Dieser Sekretär Przybillok hat mm einen Meineid geleistet dadurch, daß er bestritt, den Myrczik beschäftigt zu haben. Das Gegenteil ist durch die Voruntersuchung Qar erwiesen, und nachdem mm ein Haftbefehl gegen Przybillok er» lassen worden war, ist er flüchtig und allem Anschein nach über die polnische Grenze entkommen.
Alle diese Spuren weisen untrüLich darauf hin, daß Korfantys pokiffches AbstimnMgskcmrmistariat unmittelbar mit dem Morde in Verbindung steht. Es ist zu befiirchten, daß der Beginn des Prozesses und der Gang der Verhandlung durch die interalliierte Kommission so lange hingezogen wird, daß diese so wichtige Sache erst nach der Abstimmung zur Entscheidung gelangen tarnt. Würde der Prozeß vor der Abstimmung stattfinden, so würde zweifellos das polnische Abstim-
zu tenten verstehst, so bleib ein andermal zu Haus, sonst kann es Dir passieren, daß man Dich eines Tages mit zerschmetterten Knochen am Straßenrain findet."
Der Welsche brummte einen Fluch, faßte die Zügel fester und griff in die Kandare, um fein Pferd in den nächsten Stall zu führen und dort zu bergen. Da erblickte er den Wirt zur Alpenrose und rief ihm zu: „Ach, da ist ja der Sarner Toni! Geh, schließ mir Deine Schenke auf, daß ich den Schinder einstellen kann. Ich habe ohnedies mit Dir etwas Wichttges zu besprechen."
Sarner schüttette den Kops. „Heut bleibt mein Haus geschlossen", sagte er, „und bevor net die Sonn unter- g'gangen ist, gibt's keinen Tropfen z' trinken In der Alpenrose. —"
„Verdammt und zugenäht, aber warum tonn?" rief Motta ungehalten.
„Wir gehen jetzt zur Maiandacht und nachher zur Mmenweih' . . Währenddem darf kein Tropfen 23ein ausg'schenkt werden. Das ist hier zu Lande alter Brauch —"
„Zum Teufel, was seid ihr Tiroler bigotüsch! . . Das ist doch Unsinn —'
Das laute Murren, das von allen Seiten ertönte, mahnte ihn zur Vorsicht. „Ra ja", fuhr er fort, „ich will ja Nickis sagen gegen Eure alte Sitte, aber der heutige Fall ist doch eine Ausnahme. . . Mein Pferd braucht Ruhe und ich selber bin hungrig und durstig. So geht halt mst und schließ mir Deine Türe auf. Du kannst mir ja", setzte er mit eineem zynischen Lächeln hinzu, „Deine Gina zur Bedienung zurücklassen."
Dem Sarner schwoll die Zornader. „Daß ich ein Narr wäre", sagte er. „Mein Haus bleibt g'schloflen. Wem, Du für Dich und Dein Roß Unterstand willst, |o geh zum Tavernwirt. Der wird Dir gern Trunk und Zehrung geben. Mich aber laß ihn Ruh — heut und immerdar."
Sarner wandte ihm den Rücken und trat zu Michael, dem er kräftig die Hand drückte. „Das war a Meisterstück", sagte er, „'s ganze Dors ist Dir Dank schuldig —"
„Nix zu danken! Ist gern g'scheh-n" versetzte Mi- chael und ordnete seinen Anzug, der bei dem Kampfe 1 mit dem wild« Roll« «n Unordnung geraten war.
nmngskommissariat auf das schwerste bloßgestellt und diskrediert werden. —
Le RoiÄ und seine französischen Offiziere mit pol- mschen Mördern Arm in Arm, wahrlich eine liebliche Freundesgesellschaft. Ueberschrist: Die unparteiische interalliierte Kommission.. _____________
Aburteilung Deutscher in Pommerelle».
In Straßburg in Westpreußen wurde eine Anzahl unter Anklage des Landesverrates nach dem Rückzugs der Bolschewisten aus Pommerellen verhafteter Bürger deutscher Nationalität jetzt abgeurteilt. Einer der Angeklagten wurde freigesprochen, zwei wurden zu 5 Jahren, zwei andere zu je einem Jahr Festung verurteilt.
** A---
Aus vem besetzten Gebiet.
♦ Die geistige Abschnürung. Dem Museumsdirektor Prof. Dr. Krüger in Trier ist nicht gestattet worden, in Saarbrücken einen Vortrag über die Ausgrabung des sog. Kaiserpalastes in Trier zu halten. Dieses Verbot gehört in das Kapitel der geistigen Abschnürung der Saargebiets vom übrigen Deutschland, das zu einer der Aufgaben der „Bölkerbundregierung" an der Saar zu gehören scheint.
* ZranMsche Vohnungsantprüche. Die Franzosen haben in Wiesbaden wiederum gefordert, daß ihnen innerhalb dreier Tage fünfzig Wohnungen bereit gestellt werden, darunter einige 7—8 Zimmer-Wohnungen.
* Politische Verfolgung. Zur Festnahme von Führern der Deutsch-Nationalen durch die französische Behörde ist es an verschiedenen Orten des Rheingaus gekommen, weil dort Flugblätter mit Abbildungen des Straßburger Münsters und der Opferwilligkeit aus den Befreiungskriegen verbreitet wurden.
* Neu« (Eingriffe in die Verwaltung. Die Inter, alliierte Rheinlandkommtssion hat der Ernennung eines Herrn Tillensen zum deutschen Postkontrolleur die Bestätigung verweigert, weil er als ehemaliger Offizier der Sicherheitspolizei angeblich keine genügenden Garantien für die Sicherheit der Besatzungstruppen biete. — Die Kommission hat ferner die Vorführung von Filmen in zwei Sprachen angeordnet, um den Besatzungstruppen die Teilnahme an kinomatographischcn Veranstaltungen zu ermöglichen.
• Die Sommerzeit. Mit dem 15. März tritt auf den Eisenbahnen des besetzten Rheinlanües wieder die Eommerzett in Kraft, die mit unserer ortsüblichen Zeit übereinstimmt.
* Belgische Offiziere als Grundstücksspekulanten. Der Techniker Franz de Gelas, Leutnant in der belgischen Armee, hat im März 1920 mehrere Grundstücke in M.-Gladbach zu 90000 Mark erworben, die er bereits im August desselben Jahres mit einem Verdienst von 23 750 Mark wieder veräußerte. Von dem Bürgermeister zur Zahlung der Wertzuwachssteuer aufgefordert, verweigerte der belgische Leutnant die Abgabe der Erklärung. Es genügt den Herren also nicht die Befreiung von allen direkten Steuern, wie z. B. Einkommensteuern, auch den Anspruch auf Befreiung von indirekten Steuern glauben sie erheben zu können. — Bei diesem Bemühen können sie natürlich auf die Unter- stützung ihrer Behörden rechnen.
* Neue Strafbestimmungen. Die interalliierte Rhein- landtommission hatte vor kurzem eine Verordnung ergehen lassen, wonach Versuche zur Anstiftung oder Begünstigung von Zuwiderhandlungen gegen die Verordnungen der Rheinlandkommission genau so bestraft werden, als wären sie selbst begangen worden. Der Reichskommissar erhob gegen diese weitgehende Auflegung der Strafbarkeit, wodurch die Bevölkerung der Willkür der Alliierten ausgesetzt sei, unverzüglich Einspruch. Diese hat, wie die „D. A. Z." hört, dieser Tage ablehnend geantwortet. Es wird in der Antwort ohne weitere Begründung behauptet, der Wortlaut der Verordnung sei vor seiner Veröffentlichung vom Standpunkt des Rechts und auch vom Gesichtspunkt der Zustände im besetzten Gebiet geprüft und die Bestimmungen ständen im Einklang mit der britischen und amerikanischen Gesetzgebung. Es bleibt also dabei, daß im besetzten Gebiete Versuche zur Anstiftung mit Strafe bedroht und daß Begünstigungen ebenso scharf geahndet roerben sollen, wie die Zuwiderhandlungen selbst. — Angesichts des ruhigen Verhaltens der Bevölkerung müssen solche
Gina brachte ihm torf entfallenen Hut. den sie mit ihrem Seidcntüchlein säuberlich abgestaubt hatte und drückte ihm denselben so feierlich in die Hand, als wäre er eine Krone, die er sich heute erobert hatte. Voll Ehrfurcht blickte sie zu ihm empor, und aus ihren treuen Augen sprach soviel Liebe, daß er ihr lächelnd zunickte und ihr ins Ohr flüsterte: „Hast wohl um mich Angst ausg'standen, Du armes Diandl?"
Gina preßte in seligem Entzücken die Hände aufs Herz und erwiderte: „Ja, Michael — ich hab' gemeint, ich müßt umfinken und tot sein, wie Dich das Pferd niederg'rissen hat . . . tonn ohne Dich könnt' ich nit leben . . . Aber jetzt bi» ich fo stolz auf Dich, daß ich's nil laßen kann . . ."
Ganz betäubt von dem Meer von Siebe, das ihm aus ihrem Herzen entgegen flutete, drückte er ihr krampfhaft die Hand und sagte: „No, no — wer red' denn vom Sterben?" . .. Leben wollen mir . . . und glücklich sein. Gina und —" Da gab er seinen Gedanken, al» reue ihn sein Bekenntnis, eine neue Richtung. „Schau, da kommt endlich mein Vater! .. . ."
Er gab ihre Hand frei und trat, wie alle, zurück, um dem Richter Platz zu machen, der mit festen Schritten über den Kirchplatz kam und gnädig Grüße erwiderte, die ihm von allen Seiten entgegengebracht wurden.
Beim Anblick des gestrengen Richters verzog sich der Welsche rasch und verschwand mit seinem Roß und der Kutsche in der nächsten Gaffe.
Andreas Pallanta aber blieb vor seinem Sohne stehen, -sah ihn mst den adlerscharfen Augen durchdringend an, legte ihm die breite Hand auf die Schuller und sagte mit seiner tiefen Stimme, die an ton Klang einer schwingenden Glocke erinnerte: „Brav hastig gemacht, Michael! . . . Ganz brav! Das soll Dir einer nachmachen . . ." Sein Blick flog stolz in die Runde, als suche er einen unter allem Volk» der seinem riesen- starken Sohne ebenbürtig fei. Und da er keinen fand, , warf er den Kopf zurück, daß sich sein langer, pracht- I voller, graugesprenkelter Patriarchenbart im Winde 1 bauschte und setzte hinzu: „Seiner kann', feiner . , . : Nur ein Pallanta." t
' (Fortsetzung folgt.)
Kurland.
* Eine Debatte über Elsaß-Lothringen. In der französischen Kammer beriet man über ein Zusatzbudget für Elsaß-Lothringen in Höhe von 280 Millionen Fr. Der Abg. Uhry übte an der Politik, die ht Elsaß-Loth- ringen getrieben wird, heftige Krttik. Er erklärte, dich diese beiden Provinzen, in denen sich zahllose Beamte Äs Schmarotzer niedergelassen halten, ein Feld für Versuche geworden seien. Ein Oberkommissar ersetze dort den Statthalter und die Präfekturen hätten letnglid) den Zweck. Sobpreifungai des Oberkommissars vorzu-
drakonischen Strafbestimmungen im höchsten Maße er, bitternd wirken, insbesondere da bei den Verhandlungen in Versailles die Ententemächte erklärt haben, daß sich die Lage der Bevölkerung in den besetzten Gebieten ftu wenig drückend wie möglich gestatten werbe. Hier ober* wirb weit über bie hergebrachten Rechtsanschauungen ber deutschen Bevölkerung und der bestehenden Rechts» normen hinausgegangen.
Deutscher Reichstag»
Der Reichst^ erledigte am Samstag vor fast leerem Hause in zwei Stunden feine Tagesordnung. Der Notetat fürr 1920 wurde in allen drei Lesungen angenommen, und der Zentrumsantraa über die religiös« Kind er er ziehun g dem Rechtsausschuß überwiesen. Beim Haushalt des Reichsprästben- t e n versuchten bie Unabhängigen und Kommunisten einen Antrag auf Aufhebung ber bayerischen Einwohnerwehren in bie Aussprache hineinzuschmuggeln, stießen jeboch auf ben einmütigen Widerstand aller übrigen Parteien, unb bie Sache hatte mit einer erregten Ge- fchäftsorbnungsbebatte ihr Bewenben. Dafür rächten sich bie obgewiefenen Parteien durch heftige Angriffe auf ben Reichspräsidenten. Besonders tat sich hierin ber Unabhängige Dr. Rosenfeld unrühmlichst hervor. In seiner alles herunterreißenden Slrt verstieg er sich zu der Behauptung, das deutsche Reich brauche überhaupt keinen Reichspräsidenten. Und die Begründung? Ja, die hat er nicht verraten; aber sparen müsse man, sparen — wozu also noch einen Reichspräsidenten besolden? Nun wir wissens, Herr Rosenfeld sehnt sich nach den Arbeiter- und Soldatenräten. Wieviel diese dem deut- schen Volk gekostet haben und nach ben Rezepten tos Herrn Rosenfelb kosten würben, ist eine Frage, über bie Herr Rosenfeld ganz gut einmal des längeren nachsinnen sollte. Er wütet weiter gegen bie Ausnahme- oerorbnungen tos Reichspräsidenten, gegen Einwohnerwehr, Selbstschutz und Orgesch, die er bewaffnete Banden ber Konterrevolution nennt. Der Präsibent ist für ihn nur ber Platzhalter ber Monarchie. Noch besser tarnt es sein ehemaliger Fraktionskollege unb Parteigenosse Adolf Hoffmann, der für die Kommunisten spricht. Der Possenreißer des deutschen Parlaments, dessen abgedroschener Witz nur anöbet, ist bie vergröberte Auflage des Herrn Rosenfelb. Schimpien — nichts als schimpfen! Nun, bas ist KommunistmarH einem Aböls Hoffmann ist nichts übel zu nehmen. Der Vizekanzler Justizrat Heinze antwortet kurz, treffend und bestimmt. Der Reichspräsident sei nach der Bersch- fung dem Reichstage nicht persönlich verantwortlich, denn für die Handlungen des Reichspräsidenten trügen die Minister die parlamentarische Verantwortung; es sei darum nach der Verfassung unzuläffig, im Einzelnen seine Handlungen vor bas Forum bes Reichstages zu ziehen, zu bekritteln unb zu kritisieren. Damit hat w ben Beifall aller Parteien von rechts vis einschließlich zur Mehrheitssozialbemokratie.
Das Haus genehmigte ben Etat bes Reichspräfiben- ten mit bem Ausschußantrag, bas Gehalt des Reichspräsidenten unverändert zu bewilligen und die Auf« wand-gelber von 100 000 auf 150 000 Mark zu erhöhen. Es erklärte sich mit einer Entschließung einverstanden, bie eine Nachprüfung ber Grundsätze für bie Behandlung von Gnadengesuchen verlangt. i
Montag: Entwaffnungsantrag, Haushalte des Finanzministeriums und Wiederaufbauministeriums und Heinere Vorlagen.
Deutsches Reich.
* * Berlin, 27. Febr. Der Reichswirtschafts- r a t beschäftigte sich Samstag mit einer Interpellation über den Achtstundentag im Bankgewerbe und Anträgen zur Wöchnerinnettfiirsorge. — Der zurzeit in Ko« bürg lebende Zar Ferdinand von Bulgarien feierte Samstag seinen 60. Geburtstag. — Freitag und Samstag tagte in Berlin als Einleitung zur Landwirtschaftlichen Woche der L a n d f r a u e n t ag.
* Der Abbau des Beamtentörpcrs. Wie das ,B. Tgbl/ von gutunterrichteter Seite hört, wird der Gesetzeniwuif über die Feststellung des Reichs- Haushaltsplanes für 1921 eine Bestimmung enthalten, nach der von den planmäßigen Beamtenstellen im Falle ihres Freiweroens nur jede zweiteStelle wieder besetzt werden darf, bis ein Viertel der Stellen der gleichen Gattung fortgefallen ist. Ferner wird in dem Gesetz bestimmt, daß dis Stellen für Ministerialräte, Mimsterialamtsmänner, Ministenaloberregü ratoten, Reichsgerichtsoberregistratoren, Reichsfinanzhofoberregistratoren u. Mrmste- rialkanzleijekreräre in Stellen niedriger Besoldungsgruppen zurückgebildet werden.
** Ein Erfolg der christlichen BolfsparfeL Die Zer- splitterung, woIdje die christliche Dolkspartei lunch die Aufstellung eigener Kandidaten gegen das Zentrum im Wahlkreise Koblenz-Trier-HohÄtzollern betrieb, hat mm zwar nicht den Erfolg gehabt, daß diese Partei es auch nur zu einem einzigen Kandidaten gebracht hätte, sie hat vielmehr bewirkt, daß dem Zentrum ein weiterer Kandidat in dem genannten Wahlbezirk versagt blieb. Wäre nämlich diese Zersplitterung nicht eingetreten, dann wurde ein Landwirt aus Hohenzollern noch gewählt worden sein. Das ist der „Erfolg" der Agitation dieser Partei, die dem Zentrum vorwerfen zu müssen glaubt, daß es nicht genügend für die Landwirtschaft- Vertretung sorge.
* Die wacketen Z-Ni.umswählerin»en von Köln. Wie früher, so haben auch diesmal in Köl» die Männer und Frauen getrennt abgestimmt. Daß Ergebnis ist, daß während namentlich in den Linksparteien die Zabl der männlichen Wähler die der Wählerinnen überstieg, für die Z.nirumspartei 41202 Männer und 61703 Frauen wählten.