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benachbarten Zechen Concordia mrd Altstaden traten diesem Beschluß bei, nahmen indes schließlich von der Ausführung Abstand. Außerordentlich bemerkenswert ist eine von der Belegschaft der Zeche Roland gefaßte weiters Entschließung, in der beantragt wurde, die Verkäuferinnen der Lebensmittelhalle, die in der Ver- hattdiung gegen den Dieb belastend hatten aussagen niüssen, sofort zu entlassen. Irgendwelchen Erfolg hat die Belegschaft rr.it dem Ausstand nicht gehabt. Sie hat die Arbeit nach viertägiger Dauer bedingungslos wieder. ausgenommen. Der durch den Streik für die Allgemeinheit und insbesondere auch für die beteilig, ten Arbeiter entstandene Schaden ist recht erheblich. Dieser Sympathiestreik für einen gerichtlich abgeur­teilten Dieb zeigt wieder einmal, welchen überaus ver­derblichen Einfluß auf die Belegschaften dre radikalen Elemente immer noch ausüben. Es ist zu bemerken, daß die Gewerkschaften aller Richtungen die Beteili­gung an dem Streik abgelehnt hatten.

* Die Probe aufs Exempel. Ern amerikanischer Spiritist Professor Georg Bradford hat vor wenigen Tagen einen etwas gewagten Versuch gemacht, um dis Nichtigkeit seiner Theorien zu beweisen. Er hat sich nämlich das Leben genommen, um mit Hilfe eines be­sonders «eigneten Mediums seinen Freunden zuver­lässige Nachrichten aus dem Jenseits zu übermitteln. Der ganze Plan wurde mit allen Einzelheiten pein­lich sorgfältig vorbereitet, und nachdem ein junges Mädchen sich als angeblich ausgezeichnetes Medium entpuppt hatte, tat Professor Bradford den letzten Schritt und beging Selbstmord. Soweit war alles programm­mäßig gegangen. Erst jetzt zeigte sich die erste Stö- nmg. Denn nachdem die Versuche mit allen möglichen Verstorbenen während der letzten Monate geradezu glänzende Resultate" gezeitigt hattec, stockte der Be­trieb nunmehr vollkommen. Gerade der Geist des Herrn Professors, der freiwillig den Geist aufgegeben hatte, ließ sich weder sehen noch hören. Seine spiri­tistischen Freunde hielten Tag und Nacht an der Leiche Wache, aber kein Geist kam, und die Jungfrau aus Chicago hatte gute Tage. Sie war arbeitslos und bekam trotzdem ihr volles Gehalt. Das war aber auch das einzig Gehaltvolle an den Dauersitzungen.

* Vhantasien über Christi Jugend. Phantasie- volle Enthüllungen über dos Leben Cbristi bis zu seinem 30. Jahre machten seit etwa zebn Jahren von sich re?en. E n Schriftsteller von der Planitz wollte den Brief eines Zeitgenossen Christi, eines ägyptischen Arztes Ben au, gefunden haben, worin dieser ausführlich schreibt, daß der Heiland in Ae. gypten erzogen und ein Schüler dortiger Priester gewesen sei,"wo er als Arzt und als Lehrer großes Aufsehen erregt und geehrt worden iei. In seinem 12. Jahre habe et seine Eltern in Palästina besucht und sei später erst, 30 Jahre alt, wieder zu ihnen zurückgekebrt. Der Berliner Kirchengeschichtsforicher Professor Schmidt und andere Gelehrte von Ruf haben diesen angeblichen Brief genau unieriucht, und dabei hat sich herausgestellt, daß es sich um eine Fälschung handelt.

Literarisches.

Die ersten Veröffentlichungen aus dem Reichsarchiv. Das neugefchaffene Reichsarchiv übergibt soeben eine Schriftfoige der Oeffentlichkeit, die unter dem Sammel, titelSchlachten des Weltkrieges, EinzÄdar- stellungen des Krieges 191418, nach den amtlichen Quellen bearbeitet und herausgegeben unter Mitwir­kung des Reichsarchivs" in dem Verlage von Gerhard Stalling. Oldenburg i. O. erscheint. Es liegen bereits zwei Hefte vor: Heft 1: Antwerpen 1914 von Oberst v. Tschtschmitz, seinerzeit Generalstabsoffizier der Angriffsarmee. Mit einem Vorwort des Generalober­sten v. Bcseler. Mit 7 Kartenbeilagen, 3 Anlagen und 18 Tiefdruckbildern. 124 Seiten. Preis 14,50 Mk. Heft 2: Baranowitschi 1916 von Major Vogel, seiner- zeit beim Stabe Oberbefehlshaber Ost. Mit einem Vor- wort des kürzlich verstorb. Feldmarschalls v. Woyrsch- Mit 6 Kartenbeilagen, 2 Anlagen und 12 Tiefdruckbil- dern. 83 Seiten. Preis 13 Mk. (Dazu die Buchhänd- ler-Besorgungsgebühre.n von 10 Proz.)

Die Schriftfolge wendet sich, wie es in dem Vorwort des Reichsarchivs heißt, an das ganze deutsche Volk als den Träger des Krieges, vor allem an die Mitkämp­fer selber. Sie will in historisch-getreuer Wiedergabe Len inneren Zusammenhang der Geschehnisse vorführen, die Einzeltaten deutscher Männer vor Vergessenheit bewah­ren helfen und den gefallenen Helden des Krieges das Denkmal setzen, das sie verdienen. Die vorliegenden

Hefte, kleine Meisterwerke fesielnder, geschichtlich-getreuer Darstellung mit hochinteressanten Bildern, vorzüglichem, reichlichem Kartenmaterial und Kriegsgliederungsiabel. len, werden diesen Anforderungen zweifelles gerecht. Es ist ein glücklicher Gedanke, das amtliche Material Mit­kämpfern zur Verfügung zu stellen und so gleichzeitig das persönliche Empfinden des inmitten der Handlung stehenden und kämpfenden Mannes zum Ausdruck zu bringen. Die volle ungeschminkte Wahrheit wollen die Hefte bieten. So ist denn auch der für uns damals so betrübliche Abzug der belgischen Armee aus Antwerven mit voller Offenherzigkeit in seinen Ur'achen und Wirkungen behandelt worden. Der Eindruck der sich überstürzenden Ereignisie vor Antwerpen auf Eng. land und Frankreich, die dort entstehenden Gegenmaß­nahmen werden ebenso geschildert, wie die Absichten der russischen Führung bei Baranowitschi und die am Kampfe beteiligten russisch^ Truppen. Die Darstellung der Kämpfe deutscher Regimenfr entrollt ein Bild Höch, sten Erlebens unseres Volkes. Der große Roman Deutschlands ist es, der hier vor uns aufersteht, in welchem der Mitkämofer mitten aus dem Erleben her- aus iesielnd und volkstümlich zur Allgemeinheit spricht.

Wie man auch zu dem hinter uns liegenden Welt- kriege stehen mag: Die Kämnfe waren zu gewaltig und folgenschwer, als daß man jetzt mit einem resignierten Achselzucken einfach daran vorübergehen kann. 3m Ge. genteil, man muß dem Reichsarchiv zustimmen, daß aus der Schilderung deutscher Großle'.stungen neuer Glaube an die eigene Leistungsfähigkeit und neue Kraft zur Mit­arbeit an dem Wiederaufbau unseres zusammengebro. chenen Vaterlandes fließen kann.

GottesdieMorSurmg.

Donnerstag, 24. Febk. Dom. Abends 8 Fasten,

predigt

Amtliche Anzeigen.

Meine in derFuldaer Zeitung" Nr. S veröffent­lichte Bekanntmachung vom 30. Dezember 1920, be­treffend die Nacheichung der Maße, Gewichte und Wa­gen, bringe ich hiermit in Erinnerung. i

Die Herren Bürgermeister wollen für nochmalige Bekanntmachung Sorge tragen.

Fulda, den 16. Februar 1921.

Der Landrat: grhr. v. Doernberg.

Seitens des Reichskleiderlagers Nr. 38 zu Frank- furt sind den einschlägigen Geschäften des Kreises 1050 Meter grau gestreifter Nessel überwiesen worden, wel- cher gegen Berechtigungsschein an die Minderbemittel ten Kreisinsassen verkauft wird.

Fulda, den 14. Februar 1921.

Der Landrat: Frhr. v. Doernberg.

Nach der noch gültigen Bestimmung im 8 5 des Kur­hessischen Gesetzes vom 28. 3uni 1865, betreffend d« Verwertung der Forstnutzungen, ist bestimmt,

daß auf das Losholzquankum dasjenige Brennholz in Zurechnung zu bringen ist, welches die belressen- den Personen als Privatwaldbesitzer In demselben Iahre zu beziehen haben."

Auf diese Vorschrift mache ich die Herren Bürger­meister des Kreises hierdurch zur sorgfältigen Beachtung mit dem Bemerken aufmerksam, daß derjenige Ortsein­wohner bei der LosholzverteUung nicht berücksichtigt ist, welcher aus eigener Waldung mindestens 2 Klaftert, beziehen wird.

Fulda, den 17. Februar 1921.

Der Laudrat. Frhr. «. Doernberg.

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aus dem Nachbargebret.

wird

Ausstand getreten.

wird

sind den

Austrittsamnelkmgen, welche an die Dezirkshaupt- mannfchaften zum Zeichen des Austrittes eingesandt werden, nicht einmal die Unterschrift des Austretenden tragen. Es drängt sich unwillkürlich der Verdacht auf, daß die Austretenden vielfach von diesem Schritt gar nicht unterrichtet sind.

Auch die im Abgeordnetenhause eingebrachten An­träge auf Neuregelung bezw. Aufhebung der kirchlichen Feiertahe, des Begräbniswesens, der Ausdehnung des berüchtigtenKanzelparagraphen" auf die Slowakai dort glaubte man mit den Legionären den Aufruhr

lung aufgelöst.

(mc) höchst a. 2R. 2m Vorort Sossenheim wurde das an der Kirche stehende Kruzifix von rchen Buben mit Zetteln:Wählt U. S. P." beklebt. Diese gemeine Art der Wahlpropaganda erregte natürlich begreiflichen Unwillen.

ms Darmstadt. Die hiesige Luftschiffhalle ist nahezu vollständig zerstört. Es stehen nur noch unwesentliche Einzelheiten des Gerippes,' die in den nächsten Tagen ebenfalls verschwunden sein werden. Die Halle wurde größtenteils nach Aschaffenburg ver­kauft, wo sie in Gestalt von Lagerschuppen neu erstehen soll. _________________

Aus Geisa und Umgehung.

Jl?. 44.

Mittwoch, 23. n-druar 1921.

der katholischen Bevölkerung einzurämmen gehen auf ein Ziel los, nämlich die katholische Kirche zu tref­fen. Die Kulturkämpfer bedenken nicht, daß sie diesen Hieben ihr eigenes Staatswesen treffen.

Vermischtes.

12000 Mark für eine Pappel. Aus Minden

X Kaltennordheim. Am Basallwerke Umpsen die Arbeiter wegen Lohnforderung in

gemeldet: Für eine Riejenpappel aus den städtischen Anlagen, die zum Verlauf gestellt war.

ms Deh'ar. Das Lebensmittelamt nach einem Beschlüsse der Swdtverordnetenversamrn

wurde die stattliche Kauf summe von 11980 Mark erzielt.

* Maskierte Räuber. In das Geschäft des Schlächtermeisters Ummelmann in Hamm drangen zwei maSfteite Männer ein und versuchien die Laden- kasie zu rauben. Tas Ehepaar, das sich den Ver­bi echern entgegen stellte, wurde durch Revolverfchüsse medergestreckt. Beide wurden schwer verwunoet. Die beiden Verbrecher emflohen. Eiwa 300 'Dieter vom Tatort wurden verschiedene Kleidungsstücke, Gesichts­masken, Dietriche und Taschenlampen gesunden.

* Schwerer Dertrauensbruch an den Farbwerken in Leverkusen. Unter grober Verletzung ihrer Vertrags­pflichten sind vier Chemiker der Farbfabrik in Lever­kusen in den Dienst einer amerikanischen Farbfabrik im Staate Delaware getreten. Der Vertrag mit dem neuen Dienstherrn enthält die Klausel, daß die Che- miker ihre bei den Farbwerken Leverkusen erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen der amerikanischen Firma zur Verfügung zu stellen haben. Ein Koffer mit Schriftstücken und Zeichnungen, die die Chemiker un­ter Ausnutzung ihrer Vertrauensstellung entwendeten, konnte noch in Holland beschlagnahmt und nach Köln zurückgebracht werden. Von den latem haben bereits zwei ihre Stellung in Amerika angetreten. Das ver­räterische Komplott, durch das wichtig« Geschäftsge­heimnisse an das Ausland verraten worden find, wurde angeblich von dem Vertreter der amerikanischen Firma in Zürich in die Wege geleitet.

* Sympathiestreik für einen Dieb. Das Bestreben der Ueberradikalen ist darauf gerichtet, alle Rechtsbe­griffe in der Arbeiterschaft systematisch zu untergraben. Daß sie damit leider vielfach Erfolg haben, beweist ein Streik, der dieser Tage von Zeche Pyland in Oberhau­sen gemeldet wurde. Der Obmann des Betriebsrats war vom Schöffengericht wegen Diebstahls von Lebens­mitteln, die für das Verfahren von Ueberfchichten für die Belegschaft bestimmt waren, mit 14 Tagen Gefängnis bestraft worden. Infolgedessen sah sich die Verwaltung genötigt, den Mann auf Grund der Bestimmungen des Betriebsrätegesetzes zu entlassen. Darauf wurde der Sympathiestreik beschlossen: auch die Belegschaften der

Heilbehandlung der Kriegsbeschädigten.

Die Ausführung des Reichsverforgungsgcfehes.

Einer Veröffentlichung des Reichsarbettsministe- tfums über die Heilbehandlung der Kriegsbeschädigten nach dem Reichsoersorgungsgesetz entnehmen mir tfol- genbes:

Die Krankenkassen sind die Träger der Heil- behandlung für die unter das Gesetz fallenden Personen. Wird Heilbehandlung notrvendig f°.e.n).ets ^,cf,.?er.r®e fchäbint« an die Krankenkasse, deren Mitglied er ist, ist er nicht Mitglied einer Krankenkasse, dann an die zustän­dige Orts- bezw Landkrankenkasse.

Der Umfang der Heilbehandlung Die von der Krankenkasse zu gewahrende Heilbehandlung umfaßt nach dem Gesetz , ärztliche (zahnärztliche) am­bulante Behandlung, Versorgung mit Arznei, und an­deren Heilmitteln, Heilanstaltspflege und Hauspflege. Dagegen ist die Gewährung von Badekuren (emschlietz- lich Heilstättenkuren), ocm Körperersatzstücken, orthopä­dischen und anderen Hilfsmitteln sowie die Lieferung bes Führerbundes stets beim zuständigen Dersorgungs- amt - also nicht bei der Krankenkasse - vom Beschä­digten zu beantragen.

Sie Kosten. nroeit wahrend der Behandlung Krankengeld oder Hausgeld zuständig wird, zahlt es in jedem Falle die Krankenkasse wenn nötig, nach Be­nehmen mit dem Versorgungsamt. Reisekosten, die durch eine von der Krankenkasse ober der Versorgungs- bebörbe gewährte Heilbehandlung verursacht werden, er­stattet ini Rahmen der gesetzlichen Vorschriften auf An­trag des Beschädigten bas Dersorg'mgsamt.

2([S Ausweis der Krankenkasse gegenüber dient lünftig der auf Grund des Reichsversorgungsgesetzes zu erteilende Rentenbescheid. Da es bei der großen Anzahl teT Beschädigten längere Zsit in Anspruch nehmen wird, bis ihnen der gesetzliche Rentenbescheid zugestellt wer­den kann, erhalten die Beschädigten vom Versorgungs- amt so bald wie möglich einen entsprechenden vorläu­figen Ausweis, in dem die anerkannte Dienstbeschädi- oüng und das Dienstbeschädigungsleiden bezeichnet sind. Bis dahin gelten für Beschädigte, die vorläufig noch Rente oder Pension nach früheren Bersorgungsgesetzen weiter beziehen, die in ihren Händen befindlichen, zur Zeit gültigen letzten Renten- oder Pensionsbescheide als Ausweis für den Verkehr mit den Krankenkassen.

Der Anspruch auf Behandln ng. Vor­stehende Ausführungen finden auf dienstbeschädigte ehe­malige Mannschaften und auf Offiziere usw. des Beur- taubtenstandes, soweit diese unter das Reichsoerlor- gungsgesetz fallen, ohne weiteres Anwendung. Für ehemalige Offiziere usw. des Friedensstandes kommen sie erst von dem Tage ab in Betracht, an dem sich diese in einem Anträge an das Dersorgungsamt für die Wahl der Versorgung nach dem Reichsoersorgungsgesetz entschlossen haben.

Kriegsteilnehmer, deren angebliche Dlenstbeschädi- gung vom Versorgungsamt noch nicht anerkannt ist, weil das Rentenverfahren noch schwebt, haben sich zu­nächst an das.Versorgungsamt zu wenden, falls ihr an­gebliches Dienstbeschädigungsleiden eine Behandlung notwendig macht. Soweit sie in dringenden Fällen un. mittelbar die Krankenkasse in Anspruch nehmen, ver­anlaßt diese beim Versorgungsamt die Prüfung der Frage, ob Heilbehandlung auf Grund des Reichsoer- sorgungsgefetzes gewährt werden kann.

Sirchenhehe in Böhmen.

Sn der Tschechoslowakai entfesseln die Linksparteien eine wüste kulturkämpferische Hetze gegen die katholische Kirche. Das Kindheitsstadium dieses Kulturkampfes, rohe Gewalttätigkeit, Zertrümmerung von Mariensäu- len, gewaltsame Vertreibung katholifcher Priester und dergleichen scheint allerdings überwunden zu sein. Man verfolgt jetzt ein anderes System: die schleichende Unter­grabung der kirchlichen Autorität. Was die famosen Umzüge der Heilsarmee nicht vermocht hatten, die für ihre Proselytenwacherei von der tschechischen Regie­rung sechs Millionen Kronen erhielten, was die Natio- naldemokraten und tschechischen Sozialisten mit ihrer Werbung für die tschechoslowakischeKirche" nicht zu­stande gebracht hatten, das wird jetzt auf einem ande­ren Wege versucht. Um die Moral des Volkes zu un­tergraben, wurde im Abgeordnetenhause ein Antrag auf Aufhebung der Strafbestimmuttg für die Frucht- abtreibung eingebracht. Die Sozialisten verschiedener Färbung haben, dem Beispiel ihrer österreichischen Genossen folgend, dieser Forderung ihre Zustimmung gegeben.

Trotz des ParteiprogrammsReligion ist Privat­sache" betreiben weiter die Rechtsfozialdemokraten ins­besondere in der Pilsener Gegend eine eifrige Propa­ganda. In welcher Weise die angeblichen Maffenaus- tritte Zustandekommen, zeigt die Tatsache, daß viele der

*.♦41 Druck der Fuldaer Aelieubruckerei in Fulde

Warnung für Auswanderungslusttge.

Auswanderungslustige sind vielfach auf die angeb­lich glänzenden Verhältnisse m Argentinien hingewiesen worden. Die dortige Wirtschaftslage biete Deutschen die günstigsten Aussichten. Von einem Hamburger, der angelocft durch diese Schilderungen vor ungefähr dreiviertel Jahren sein gesamtes Besitztum verkaufte und nach Argentinien auswanderte, erhält mm ein Fuldaer Freund unseres Blattes einen Brief, den er uns zur Verfügung stellt. Wir geben ihn hier wieder, da er über die wahren Derhältniffe in Argentinien wifklärt und den einen oder andern vor übereiltem Entschlüsse bewahren kann. (Der Nachdruck des Brie- fe? ist andern Blättern nur mit Genehmigung des Einsenders gestattet.) In dem Briefe heißt es:

Buenos Aires, 8. Januar 1921.

We beiden lieben Schreiben vom 22. November 1920 Flonwen tn den letzten Tagen des verfloffenm Jahres y1 meJern Besitz. Erst heute komme ich zm Beantaor- tun§ derselben, da wir am 3. IaInuar aus unserer bis­her mnegehabten Wohnung ausziehen mußten und nach ®^en ^nannten Hotel übergesiedekt sind. Ich war natumch sehr erstaunt, zu ersehen, daß unsere diversen Postkarten von Liverpool, Cornua und Lissabon nicht in SJjre stände gelangt sind. Auf diesen Postkarten hatte ich über den Fortgang unserer Reise berichtet, die ja soweit ganz put oenoufen ist. Von Lissabon ab hatten mir recht unangenehmes Wetter, von der Tropenhitze haben wir fozuiagen nichts gebürt: soft allabendlich zogen sich schwere Wolken zusammen, die auch ein paar Mat zur Ent­ladung kamen. Die g-Mze Gesellschaft war auf der Fahrt von Hamburg bis Grimsby seekrank, auch die Kinder. Meine Frau und »chwieeermutrer nahezu während der ganzen ©ectci.e De. annlisch fuhren wir auf einem eng- lifcben Kasten, die sich, was Bedienung und Reinlichkeit »ibelangi, mit unseren früheren deutschen Pasiagierschiffen in keiner Weist messen können. Heber die Behandlung fentens der englischen Mannschaft können wir uns rm All- »rmeinen nicht beklagen. Auch die Mitreisenden Eng­länder waren im Umgang mit uns höflich und ackständig, vagegen hatte das Mitreisende Ungeziefer es sehr auf uns abgesehen. Besonders eine Ratte konnte es sich nicht verkneife,,, zweimal meine große Zehe zu umkrallen dafür "uhte sie aber auch ihr Leben^lassen.- Zwischen Santos un'° Montevideo lies sie m die Halle. Cs war ein großes wohlgenährtes Tier. Diese englischen Pasiagievdampser laden aus der Rückfahrt nach England meistens Hammel s° hatte sich das Tier wohl in der Fahrtrichtung geirrt und mich für einen Hammel gehalten. Uebricens war die Ratte gar nicht so dumm, denn sie hat m-ch bester ge.annt als ich mich sechst. Ich kann Ihnen aber im Vertrauen mitteilen, daß ein derartiges Umkrallen nicht gerade zu den Annehmlichkeiten des Sebera w.hßrt Kur»

vor Montevideo kam unser Schiff im Nebel auf Sand und wir saßen ca. 24 Stunden fest. Am 3. August kamen wir endlich in Buenos Aires an. Die ganze Zeit von da bis jetzt ist eine Kette von Unannehmlichkeiten und Derlusten für mich gewesen. Die Zustände hier­zulande sind derartig, daß Ich unmöglich mit meiner Familie hierbleiben kann. Sie sehen, mein lieber Herr . . ., die englische Ratte hatte mich ganz richtig eingeschätzt, als sie mich für einen Ham­mel hielt. Ich habe dies natürlich schon längst eingeisthsn und schon vor zwei Monaten um die Einreise nach Nord­amerika nachgesucht und erwarte täglich Antwort von Was­hington. Sollte mir die Einreise nicht gestattet wenden, so werde ich nach Deutschland zurückkehren. Ja, lieber Herr . . ., ich sehe in Gedanken Ihr erftauntes Gesicht, aber es ist so. Alle in Deutschland kursie­renden Gerüchte über den Hunger nach deutschen Waren in Südamerika sind eitel Dunst. Sie können alle beuttoen Waren hier in Buenos Aires bedeutend billiger kaufen als in Deutsch­land mch zwar aus dem einfachen Grunde, weil hier alles mit Waren überfüllt ist. Ich selbst habe meine mitgebrachten Waren nach viel Mühe und Lauserei zum halben Einkaufspreis verkaufen wüsten und habe außerdem noch den ganzen Transport und Zoll aus mei­ner Tasche bezahlt. Und genau wie mir, geht es allen, die Waren von drüben mit nach hier bringen. Selbst große Firmen, die ganze Waggonladungen von verschie­denen Artikeln nach hier einführen, verkaufen dieselben mit 5080 Prozent Verlust. Es ist wieder Abend, die Kinder schlafen und meine Frau liest die hiesige Deutsche La Plata-Zeittmg, ich aber werde versuchen, diesen Brief zu beendigen. Der gestern berichtete Ueberfluß an deut­schen Waren schließt nun allerdings die von Ihnen her- gestellten Artikel nicht ein und leider bin ich infolge der Sprache auch nicht im Stande, Ihnen irgend etwas über diese Artikel zu berichten. Das Leben hierzulande ist sehr teuer. An Wohnungsmiete habe ich in den verflossenen 5 Monaten 1380 Pesos bezahlt, also etwas über 30 000 Mark. Das Leben mit Wohnung kostet ca. 500 Mark pro Tag, Brot 11 Mark pro Kilo. Butter 55 Mark pro Kilo, Zucker 15.40 Mark pro Kilo, Aepfel 110 Mark das Dutzend usw. In diesem Londe, das als das zweitgrößte We'zenland gibt, besteht z. Zt. eine Mehlknappheit. Die Gehälter der Angestellten und Arbeiter sind derartig nied­rig, daß die meisten derselben sich nicht einmal eine Wohnung leisten können, sondern sich mit einem Zimmer und Küche begnügen müssen. Z. B. erhalten die Bank­angestellten durchschnittlich 165 Pesos Papier den Monat. Eine Wohnung von 3 Zimmern mit Küche kostet aber mo- natl'ch mindestens 150. Aus dem Lande sollen die gleichen Zu stände herrschen wie in Rußland. Die Kleinbauern sind hier bei den Alma- cancros (Krämer), dort bei den Juden verschuldet. Ein ober zwei schlechte Ernten und dst Leute haben alles cer- loten ©«au bestecht hierzulande ine Leulchreckenvlaoe.

Auch die sittlichen und hygienischen Zustände sind hier sehr schrecklich. 65 Prozent sterben cm Schwindsucht. Sehr starke Witterungswechsel, häufig 1520° in einer Stunde, treten sehr oft auf. Eine Frau oder Mädchen kann nach Dunkelwerden nicht allein die Straße betreten, ohne be­lästigt zu werden und selbst kleine Mädchen, besonders wenn sie blond sind, sind Belästigungen ausgesetzt. Sie glauben vielleicht, Herr . . ., daß ich zu schwarz sehe, aber dos ist keineswegs der Fall.

Der aussterbende Winter. Daß der alle Winter, derstrenge Mann" mit seinen starken Frösten und Schneefällen, allmählich ausstirbt, ist eine Bemerkung, die man jetzt öfter hören kann. Mit Ausnahme des Winters von 1916=17 haben wir ja wirklich in letzter Zeit ungewöhnlich nvfbe Winter gehabt, und diele Er­scheinung tritt in diesem Lahr besonders deutlich her­vor. In erster Linie klagt man aus den verschiedensten Gegenden über die geringe Schneemenge. Die Schweiz hatte selbst tn Höhen, die sonst immer eingeschneit wa­ren, fast gar keinen Schnee Aus Rußland wird be- richtet, daß der diesmal besonders katastrophale Mangel an Brennmaterial zum großen Teil dem Umstand zu­zuschreiben sei, daß infolge des fehlenden Schnees das Holz nicht auf den bequemen Schlitten befördert wer­den konnte. Auch sonst wird von überall her unge­wöhnlich marine Witterung gemeldet. Nun hat es solche milde Winter auch in früheren Zeiten gegeben, und die Chroniken aus ferner und naher Vergangen­heit wissen davon zu erzählen, daß im Januar die Blumen blühten und man sich bereits in den Frühling versetzt glaubte. Danach aber kamen dann auch wieder Perioden sehr strenger Winter, und man muß daher sehr vorsichtig sein mit der Behauptung, daß der Win­ter ausfterbe und daß die Winter in Europa immer milder geworden sind. Immerhin ist festzustellen, daß feit dem Jahre 1879 der Bodensee nicht mehr zugesroren ist und daß die Themse zum letztenma! im Jahre 1814 bis tn die Gegend Londons vereist war. Die Schweizer Eleitschrr zeigen feit den letzten 50 Jahren eine be­ständige Abnahme, und es gibt Meteorologen, die dieses Zurückgehen der Vergletscherung mit der allmählichen Milderung der Winterklimas in Mitteleuropa in Zu­sammenhang bringen. Aber die Vereisung der Erde geht nicht nur in der Schweiz zurück, sondern man hat auch eine Abnahme des Eises auf dem Südpolarkonti- mcnt beobachtet, und in den letzten 80 Jahren ist die un­geheuere Eisbarriere, die ihn umgibt, um viele Kilo­meter zurückgegangen. Dieses Zurückweichen des Eises

am Südpol hält beständig an. Woher aber diese Ver­ringerung der Eismassen auf der Erde kommt, das ist nach dem heutigen Stand der Kenntnisse schwer zu sagen. Vielleicht hat die Hitze der Sonne zugenommen. Doch sind unsere Meßmethoden in dieser Beziehung noch nicht weit genug vorgeschritten, um darüber sichere Aufklärung zu verschaffen.

Cipiietf als Schusterlehrlinge. Alle öster­reichischen Offiziere sind dem Zwana ausgesetzt ge. wesen, ihren Beruf wechseln zu müssen, und die meisten von ihnen müß en ohne ihr Verschulden auf ihre soziale Stellung verzichten und konnten dabei nicht einmal unerkannt in den Wirbel einer amen« konischen Stadt untertauchen. Sie begannen mit geistiger Arbeit, boten sich für Rechen- und Schreib-, ja selbst Abschreibai beiten an, wollten ihre brotlosen Künste, der Photographie und ähnliches, ausnutzen, aber niemand hatte Verwendung für die Früchte dieser Leistungen, man ging achtlos daran vorüber. So wurden die Osfiueie langsam mit der Voi stellung vertraut, Hände Arbeit leisten zu müssen, und gar, als die eigenen Schuhe den Dienst verjagten und der Schuhmacher für die Reparatur einen ganz un­erschwinglich hohen Betrag forderte, versuchte zuerst der eine vier andere seine eigenen abgetretenen Ab­sätze wieder gerade zu rich'en, und tote dies über« ratchend gut gelang» da hatte auch bereits die Vor­stellung, anderer Leute Schube ausbessern zu müssen, ihre Schrecken verloren. An b^n kleinen Schustertisrchen im Erdgeschoß des Pa­lais Tranttmannsdoiff in Wien sitzen nun täglich zehn Offiziere mit einem waschechten Schuh- machermeister und zwei Gehilfen, um das Handwerk zu erlernen, das auch schon Meister Hans Sachs betrieb, ohne daß sein Nachruhm darunter litt. Bis auf eine dreiundiiebzigjährige Exzellenz, die hier in aller Stille die durchaetretenen Schuhe der zahl­reichen Mitglieder seiner Familie in Ordnung bringt, haben alle von den Rechten des neuen Fürsorgege­setzes Gebrauch gemacht, das die Aufdingung er­wachsenen Personen bei Herabsetzung der Lehrzeit auf em Jahr gestattet. Bis auf einen Haup-mann und einen Leutnant sitzen durckw-e Stabsoffiziere an den Scbufterbänfdcn, der Haup mann hat sein Lehrjahr bereits hinter sich und will jetzt noch feine beiden Gesellenjahre absolvieren, um dann als wohl­bestallter Schuhmacherrnetster seinen Platz im Leben auezufullen.