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Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Fulda.

48. Zahrg

Mittwoch, 9. Zebruar )921

Nr. 32

stierend oder bettelnd vor einer seiner Türen steht: ,Wa» willst denn Du? Auf Dich tommt's ja nicht an!" Wer nicht mitbaut an dem Haus, soll auch nicht darin woynenl

Präsident von Brandenburg bat die Wahl des ehe- maltgen BolkSschullehrers Paulsen zum Ober- stadtschulrat von Berlin befiätigf.

= ver LercksernShrung,Minister Mr die fre’e wirt­schaft. Reichs Minister Dr. Hermes hielt in rer Ham­burger Handelskammer eine längere Reoe, die darin mpieite. daß die freie Wirtschaft das unverrückbare Ziel seiner Politik sei. Grundsätzlich müfle er den Plan emeS Einfuhrmonopols ablehnen. Ebenso sei er grunb« sätzlich Geancr der Verbillizum Auktionen, die künst­liche Gebilde im Wirtschaftsleben schüfen und nur im UebergangSstadium Berechtigung bätten. Es werde an tue Monopolstellung irgendeiner Organisation gedacht. ES kamen dann die Vertreter der verschiedenen Interessen» gruppen zu Worte, die alle aus mö lichsie Freigabe deS Handels drängten. «uS den Erwiderun en des Ministers ging hervor, datz er zurzeit nicht allen Wünschen ge- recht werden könne. Insbesondere sei an einen Abbau der Zuckerzwangswirtschaft zurzeit nicht zu denken, doch sei die allmähliche gänzlich Beseitiuuni der Zwangs­wirtschaft der leitende Gedanke seiner Politik.

* Heraufsetzung der Gütertarife. Die ständige Tarifkommiision beim Reichsverkehrsministerium hat eine Vorlage beschlossen, die eine Erhöhung der Gütertarife um 60 bis 90 Prozent vorsieht. Für Rohstoffe und Massengüter wird eine Erhöhung um 60 Prozent, für Siückgüier, Fertigfabrikate um 90 Prozent vorgeschlagen! Man rechnet mit einer Mehreinnahme von neun Milliarden nach diese» Tarifsätzen. ____________

Wieder Untaten in Oberschlesien.

Sechs schwer bewaffnete Banditen überfielen in dem Dorfe Zaborzo das Geschäftshaus eines deutschen Kauf­mannes, plünderten es au« und erbeuteten 18 500 Mark bares Geld und für etwa 20000 Mark Waren. Die . binzuströmende größere Menschenmasse wogte es nicht, | Serien die Banditen vorzugehen, die unbehelligt mit ihrer Deute entkamen.

Fabian, ein bekannter oberschlefischer Fuhballspieler in Mhslowitz, ist von polnischen Banditen erstochen worden Die Banditen wurden von der aufgeregten Menoe beinahe gelyncht. Zwei von ihnen konnten zur polnischen Grenze flüchten. Zwei andere wurden schwer verletzt.

ArrS »em besetzten Gebiet.

Ein deutsch-belgischer «renzzwischensall. Nach einer Meldung des „Echo du Rhin" aus Aachen ist am Don­nerstag an der deutsch-belgischen Grenze von der Grenz­wache ein Automobil angehalten worden, in dem der Direktor der Dank von Beraters sich befand, die in Aachen eine Zweiastelle unterhält. Dabei sollen bedeu­tende Summen befchlaanahmt worden fein. Da außer­dem die Paniere der Reisenden nicht in Ordnung wa­ren, habe die deutsche Schutzwache den Direktor, sei­nen Sekretär und den Chauffeur sestgenrmmen, später aber wieder freiaelasien, den Direktor aber nur gegen Stellung einer Kaution von einer Million Mark. 1

Velchsche Offiziere. In Elchweiler haben sich der bei- gische Polizeiinspektor Lejeune und sein Dolmetscher Emonds in unglaublicher Weise an • dem Hilfsweichen» steller Nikolaus Müller vergangen. Durch die Denim- ziation eines Polen war Müller bei dem belgischen Polizeiinspektor in den Verdacht gekommen. Massen ver­steckt zu haben. Am 14. Januar wurde Müller von den genannten belgischen Offizieren unter rohen Ge. walttötiakeiten (Tritte gegen den Unterleib und Schlage ins Gesicht! verhaftet. Obwohl der Verhaftete instand,« feine Unschuld beteuerte, eine Leibesvisitation nur ein Taschenmesser und eine eingehende Haussuchung nicht eine Masse zu Tage gefördert hatte, gingen die bestiali- schen Mißhandlungen weiter. Am 15. Januar wurde Müller der sich in ärztliche Behandlung begeben mußte, entlassen (Es ist wohl anzunehmen, daß die zuständi­gen deutschen Behörden strenge Bestrasung der Ofli- ziere die fick in dieser unglaublichen und unmenschlichen Weife vergangen haben, fordern werden.)

ÜUZland.

* Schweiz. Der schweizerische Bundesrat hat den Durchzug von Wikerbundstruppen durch die Schweiz in das Abstimmungsgebiet von Wilna abgelehnt.

* vier Waggons mit Gold sind am Samstag aus Deutschland für die Rechnung der Wiederherstellung^- kommisston in Paris eingetroffen. Es handelt sich um Gold, das für türkisch Rechnung in Deutschland lagerte und an die Entente abgeliefert werden mußte.

* * England. Die offizielle Arbeitslotenziffer in England ist auf über eine Million, nämlich 1,040,500 gestiegen. In der Vorwoche betrug die Zahl der Arbeitslosen 928,000. . .

* Tie Kämpfe in Irland. Aus Dublin tottb gemeldet, daß unbekannte Personen das historische Schloß in Summerfield in Brand steckten. Ter angerichtete Schaden beläuft sich aus 100 000 Pfund Sterling. — In Dublin erfolgte ein Angriff gegen die Polizei, der schließlich in eine wilde Schlacht auSartete. Es wurden Bomben geworfen, wodurch zwei Zivilisten getötet und andere schwer verletzt wurden. Eine Stunde später begann ein Schar- mütjel. Die Zahl der Verwundeten 'onnte noch nicht festgestellt werden. Verbaftun n wurden nicht vorgenommen, jedoch steckte die Polizei al8 Vergeltungsmaßnahme und um den Tod eines ihrer Kameraden zu rächen, fünf Häuser in Brand.

* * Die jüdische Einwanderung nach Palästina.

Nach einer Reutermeldung aus Jeru alem sind im vergangenen Jahre 10,000 Juden nach Palä­stina eingewandert.

* Der rote Schrecken. Rach dänischen Meldungen aus Petersburg nehmen die Bolschewisten nach einer kurzen Pause wieder mit neuem Fanatismus Hin­richtungen in größeren Masten vor. Nach der offiziellen Statistik wurden in der letzten Halste des Dezember 1920 in Moskau 118 Personen ersck-osten, während vom 1.—10. Januar 347 Menschen hia-o- richtet wurden.

Die Wahlvorschläge der e , i

preutzischen Zentrumspariei.

Dom Parteioorstand werden jetzt die Kandi - I bätenliften der Zentrumspartei für die preußi- | schen Landtagswahien bekannt gegeben. Ms wahre 1 Bolkspartei hat das Zentrum von jeher das größte 1 Gewicht darauf gelegt, in seinen Fraktionen B e r a - I ter aus allen Berufen zur Hand zu haben. Daß dieser Boraussetzung auch die voraussichtlich aus den bevorstehenden Landtagswahlen hervorgehende Fraktion entsprechen wird, erhellt aus den folgenden Angaben, die auf Gründ der Kandidatenlisten gemacht werden können: , .

An aussichtsreicher Stelle kandidieren: 18 Der- I tretet der Arbeiterschaft, 14 Vertreter der Landwirt­schaft, 8 Vertreter des Handwerks, 7 Lehrer, 7 Ju­risten, 6 Geistliche und 4 untere bezw. mittlere Be- amte, 4 höher« Beamte, 4 Minister bezw. Staatssekre- I täte, 2 Gymnasialoberlehrer, 2 Unwersitätsprosessoren, I 2 Vertreter der Industrie, 2 Vertreter des Handels, 2 kaufmännische Angestellte, 2 Aerzte, 1 Landrat, I 8 Frauen. Von den Frauen sind 2 Hausfrauen, 2 Lehrerinnen, 2 Oberlehrerinnen, 1 Schuldirektorin, 1 Iugendpflegerin.

Bekanntlich gelten die tat Wahlkreise Oberschle° ft en gewählten Abgeordneten bis zur Neuwahl in Oberschlesien, die erst nach Aufhebung der Besetzung oorgenommen werden kann, als Mitglieder des kom- ! wenden ßanltages. Darunter sind auch 11 Zentrums- abgevrdnele, durch deren Berufsstellung das Bild der künftigen Zentrumsfraktion des preuh. Landtages sich noch vervollständigt durch 1 Vertreter der Arbeiter­schaft, 3 Vertreter der Landwirtschaft, 4 Dur sten, 1 Geistlichen, 1 mittleren Beamten, 1 Hausfrau.

Nun siegt es an den Wählern, durch ihre Ar- beit die günstige Zusammensetzung der Fraktioni ju sichern, zum Wohle nicht allein der einzelnen Schich­ten des ganzen Volkes, sondern des ganzen Bä­te r t a n b e

El« bischöfl. Mahnwort z« de« Wahlen

hat der Hoch». Kardinal Bertram, Fürstbischof von

1 Breslau, an die katholischen Wähler seiner Dwzese ge­richtet. Er betont darin, daß die Kirche allerdings

| sich nicht in die rein politischen Fragen mischt. Aber die Kirche könne denjenigen Wahlen nicht glerchgullig gegenübeistehen, die voll tiefster Bedeutung fürdiereligiösenGüterd es Volkes sind. Denn die Kirche habe den Beruf, das Gottesreich auf Erden zu schützen und auszubreiten. Sie fei verpflich- tet, dem Kampfe zwischen irdischem Reich und Gottes­reich mit aller Umsicht und Festigkeit zu wehren. Darum rufe sie allen Katholiken ihre hohen sittlichen und reli­giösen Pflichten im öffentlichen Leben in Erinnerung.

I Kardinal Bertram mahnt die katholischen Wähler, I ohne Ausnahme von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen es mit ihrer Entschließung am Wahltage

I ernst zu nehmen und ihre Stimmen nur sol- IchenKandidatenzugeben, diedieRechte der katholischen Kirche treu und mutig

I vertreten, die für volle Sicherstellung katholischer I Jugenderziehung und deshalb für konfessionelle I Schulen eintreten, die ch r i st l i ch e Sitte und I christliche Gesinnung in den Familien und im privaten I und öffentlichen Leben pflegen, die den Klassenhaß I oermerfen und für eine gesunde Gestaltung des sozialen Lebens nach den Grundfätzen der katholischen

I Kirche eintreten wollen.

Heute, so schließt der Kardinal, tut uns Katholiken vor allem Einigkeit not. Folget Männem, I die durch die Tat bewiesen haben, ob sie es ehrlich mit Kirche und Schule, mit der Heiligkeit von Ehe und Familie, mit dem friedlichen Ausbau der wirtschaft- I sichen und staatlichen Ordnung meinen.

Bezugspreis: Monuiltch 3,00 Mr. ohne Zustellgebühr. In Suwa bet unsabgehott3,15 Ml. Anzeigenpreis. DieÄieinjeile Soloneimab) 60 pfg, u. 10°,<> Zuschlag, die Rekiamezeile (Teigbeeile> 1.80 mt„ u. 10°-. Zuschlag. »ei Wiederhol. Radau.

reich einstens das erhalte, was man ihm schtckde. — Die . Sitzung wirb daraus aus Mittwoch vertagt.

Londoner Ansichten über die EnlschSdigungssorderung.

Ein Hamburger englischer Kaufmann hat von einer I sehr wichtigen finanziellen Persönlichkeit Londons fol- I genden Brief erhallen:

„6ie fragen mich noch der hiesigen SUrffaflimg in der I ReparcNionsfroge. Auf bie Ansicht der Mehrheit, die sich lediglich dmch die Säuberungen und Berichte der Presse beeinflussen läßt, kommt es nicht an. Maßgebend ist allein die kleine Minderheit führender Köpfe, von denen die I Dinge in Wirklichkeit abhängen. Diese Leute meinen, daß Frankreich tatsächlich nicht allzu weit von einem finanziellen Zusammenbruch entfernt ist, und daß aus diesem Gründe I die französische Regierung und die Presie und das Volk Frankreichs m der Frage der deutschen Reparationen in I kommerzieller Beziehung kaum als geistig normal I angesehen werden können. Die Franzosen haben unsere Regierung in völlig unvernünftiger Weise zur mehr oder weniger energischen Unterstützung der Forderungen veran- laßt, die jetzt gestellt worden sind. We Ansicht derjenigen Leute, die Verstand besitzen, gcht dahin, daß wir nie- mals einen Betrag erhalten werden, der sich irgendwie der jetzt von Deutschland geforderten Summe nähern wird, wahrscheinsich I werden wir nicht einmal ein Viertel bekommen, einige S' n sogar soweit, zu meinen, daß nicht einmal ein I

niet einzutreiben sein wird. Deutschland kann nur in Waren zahlen: wenn es die Waren in großen Mengen auf Frankreich und England ausgießt, dann wird der Rest des Handelsgeschäfts, der Frankreich ge­blieben Ist, fast ganz vernichtet tmb die Industrie Englands in alarmierender Weife stranguliert werden, so S unser Volk unter ausgedehnter Arbeitslosigkeit zu en haben wird. Mit anderen Worten: Irgend etwas, was über einen mäßigen Indemnitätsbetrag hmausgeht, wird in Wirklichkeit von uns selbst getragen werden, und wenn nicht irgend ein Abkommen getroffen werden kann, unter welchem Deutschland zugleich mtt uns in relativem Maße seine verlorene Handelskrast wieder- gewinnen kann, muß aanz Europa, und in der Tat die I flame Welt, in dem Hexenkessel Weihen, in dem wir uns gegenwärtig befinden. Die Pariser Vorschläge sind ein wahnsinniger Versuch, das Unmögliche zu vollbringen. Ich habe in meinen obigen Bemer­kungen mein Urteil vielleicht ein wenig übertrieben, um das zu unterstteichen, was in sehr entschiedener Weise die Ansicht der Leute «st, die sich wttklich bemühen, zu einer Lösung der Frage zu kommen."

El« amerlkanffcher Enkschckdlgungsplan.

Im amerikanischen Senat hat Senator France eine Ent» fchkießung eingereW, um die Frage der Abzahlung der Schulden der Alliierten aufzurollen. Gleichzeitig reichte er einen Daftchlag bezüglich- -ier Frage d«r deutschen s-ffiSÄ 1»

Milliarden Dollars (60 Milliarden Goldmark) oder 28 Jahresraten von je einer Milliarde Dollars (4 Milli­arden Goldmark). In diesen Zahlen sind die Zinsleiftum- gen enthalten. .

2. Deutschland wird ein Kredit von 5 Milliarden Dollars (20 Milliarden Goldmark) in Gold für die dmetsch- oflafrikanischen Kolonien und die deutschen Telegro- phmkabel ekwräumt, die von der Entente während des Krieaes mit Deschlaa belegt worden sind.

3. Die Deretniattn Staaten werden beim Ankauf der früheren deutschen Kolonien und Kabel bevorrechtigt, und zwar zum Gefamtbettag von 5 Milliarden Dollars. Die­ser Betrag wird von der Rechnung bet Schulden der Alliierten an Amerika abgetrieben.

Belgischer Verzicht auf die Beschlagnahme deutschen EtgentumS.

Die Belgische Regierung bat auf die Beschlag­nahme deS deutschen Privateigentums in Belgien verzichtet. Don zuständiger Seite Wird darauf bingewiesen, daß dieser Verzicht weitergeb-nd ist als der von der britischen Regierung bereits früher ausge- sprochene Verzicht. Es wäre zu wünschen, wenn der belgische Schritt da,u beitragen würde, den vor dem Kriege selbstverständlichen Grundsatz der Unver­letzlichkeit des Privateigentums im Frieden wieder zur Geltung zu verhelfen^

Deutsches Reich.

*♦ Berlin. 8. Fedr. Der bisherige Inspekteur dec preußischen Schutzpolizei, Geheimrat von Pries- dorff, ist vom Minister des Inneren, Seoering, fei­nes Amtes enthoben worden. — Zur Verteilung des deutschen und preußischen Staatseigentums in Dan- zig ist von der Bolschasterkonfersnz eine Kommission eingesetzt, die aus dem englischen, dem ftalienischen und dem französischen Konsul besteht. — Nach den neuesten Meldungen ist im Befinden der Kaiserin keine wesentliche Aenderung eingetreten. Der Zustand ist dauernd sehr ernst. — Aus Anlaß der Ankunft der ersten amerikanischen Milchkühe in Bremen HÄ der Reichsernährungsminister Hermes den Geschenk» gedern durch ein Kabeltelegramm den Dank der Re­gierung übermittelt.

(m) Zusammentritt des Landtags am 10. Mörz. Das preußische Staatsministerium hat sich Dienstag mit der Einberufung des neuen Landtages beschäftigt und für den Zusammentritt den 10. März in Aus­sicht genommen. Man glaubt, daß bis zum 3. März die vollständigen Wahlergebniffe eingegangen sein werden, sodaß die Abgeordneten in der Zeit vom 8. bis 10. März in Berlin sein können. Der Landtag wird sich zuerst mit der Regierungsbildung beschäftigen. Die Wahlen zu den Landwirtschastskammern, die ursprüng­lich am 27. Februar stattfinden sollten, sind auf den 20. März verschoben worden. Die Frist für die Ein- I reichung der Wahlvorschläge läuft mit dem 5. März ab.

*♦ Das »kleine Preußenparlament". Der 29er Aussckmß der Preußischen Landesversammlung, der bis zur Wahl des neuen Landtages die notwendigsten Auf- gaben des Parlaments wahrnehmen soll, ist am Diens­tag zusammengetreten. Er wählte zu seinem Vor­sitzenden den bisherigen Präsidenten der Landesoer- sammlung Seiner! (Soj.), zu seinem Stellvertreter die Abgg. Dr. P o r s ch (Ztr.), Frsntzel (Dem.) und Dr. o. Kries (Dntl.). Es ist die gleiche Zusammensetzung I wie in der alten Landesversammlung. Der Ausschuß I nahm die Notverordnung über die Aenderung der Be- I loldungsordnung auf Grund der Beschlüsse der Besol- dungskommission an. Ferner wurde angenommen die I Notverordnung über Notzuschläge zum Grundgehalt I und Ortszuschlag der Staatsbeamten usw.

I * Der Dbcrftabtidiulrat von Vertin. Der Obe»

Was willst Tu?

Wir haben das allgemeine, das direkte und das ge- Heime Wahlrecht; aber eine allgemeine und direkte I Wahlpflicht, die gibt es nicht. Wenigstens ist sie nicht „gesetzlich verankert"; sie besteht nur in der Einsicht der Staatsbürger, daß es Pflicht jedes Einsichtigen ist, zu wählen. Aber die Statistik der Stimmenthaltungen — traurigstes Kapitel jedes Wahlergebniffes — lehrt, daß diese Einsicht noch längst nicht Allgemeingut ist aller Deutschen. Wir haben die Schulpflicht, die jedes Kind zwischen 6 und 17 Jahren in die Schule zwingt, hatten die Wehrpflicht, die drei Jahre jedes deutschen Mannes dem Staate vorschrieb, wir bereiten eine Arbeitsdienst­pflicht vor, wir haben den Impfzwang, die Steuerpflicht und tausend andere Pflichten, die jeden Deutschen dem Staate verpflichten, die mangelnder Einsicht durch An­drohung von Strafen auf die Beine helfen . . .

Aber die allgemeine, die gesetzliche Wahlpflicht haben wir nicht! Und die vornehmste, die dringendste Auf­gabe jeden Staatsbürgers bleibt seiner Bequemlichkett überlasten! Er kann sich der Verantwortung, an seinem Staate mitzubauen, entziehen und niemand erfährt es; er kann durch seine Stimmenthaltung die Wahl des Mannes gefährden, der später seine Jnteresten oertreten soll, und niemand darf ihn eines Vergehens zeihen. Er ist ein Glied des Staates, verlangt alle Rechte, verlangt Schutz und Beachtung feiner Wünsche; aber er tut nichts, dem Staate jene Form zu geben, die ihm die richtige scheint. Er geht nicht zur Wahlurne, aber dann — schimpft er über eine schlechte Regierung!

Wo die Einsicht streikt, wo Bequemlichkeit und Der- antwortungslosigkeit sie erstickt, da sollte der Staat zwingen dürfen; nicht durch Androhung von Stta- fen, einfach nach dem Grundsatz: „Untreue schlägt den eigenen Herrn!'

Wer sein vornehmstes Recht nicht ausübt, soll auch das Recht verwirkt haben. Rechte zu fordern. Wer dem Staate nachlässig zuruft: Auf eine Stimme, auf mich kommt, nicht an! — dem soll der Staat er- l widern, wenn der Uebertluae einmal fordernd, prote-

Die Einladung nach London angenommen.

Das Auswärtige Amt hat der Bersiner fvanzösi- scheu Botschaft mitgeteilt, daß di« deutsche Regierung die Einladung nach London unterderausdrück- lichen Voraussetzung annimmt, daß auch die deut chen Gegenvorschläge auf der Konfe­renz zur Beratung gestellt werden.

•

Die ausdrückliche Voraussetzung unserer Regierung, daß wir die Einladung nm annehmen, wenn nicht aus- schiießlich über den unmöglichen Pariser Beschluß ver­handelt werden soll, wahrt unsere Interessen auf der Konferenz. Sie wir- von der Entente auch wohl zu- gestanden werden, wenigstens stillschweigend. Denn die Eittente rechnet ja bereits mit unseren Gegen­vorschlägen, und Lloyd George hat in seiner jüng­sten Rede ausdrücklich erklärt:

„Wenn Simons Gegenvorschläge bereit hat, oer- wrechen wir ihm eine redliche Würdigung derselben . . . Solange diese Vorschläge einen ehrlichen Versuch dar­stellen, die Verpflichtungen Deutschlands abzulosen, sind wir damit einverstanden, daß Deutschland uns unter Bedingungen zahlt, die am besten feinen Mitteln, Not­wendigkeit und Hilfskräften angepaßt find, wenn aber die Gegenvorschläge nur ein Versuch sind, die Zahlung |u umgehen, können wir uns nicht darauf einlasten."

Die letzte Wendung gehört zu den üblichen diolo- matifchen Vorbehalten. Die Gewaltpolitiker werden auch gewiß den Versuch machen, Deutschland der Um­gehung zu beschuldigen; aber wir hoffen, daß die Gegen­vorschläge unserer Regierung nach ihrem Inhalt und ihrer Form imstande stin werden, solche Verdächtigung zu vereiteln Was wir zunächst erstreben, ist die ruhige, sachliche Prüfung unserer Vorschläge im vollen Licht der Oefsentlichkeit.

Erreicht ist vorläufig nur, daß die Londoner Kon­ferenz nicht unter dem Zeichen des Diktats ste­hen wird, wie es die Pariser Heißsporne wünschten, sondern Mrftiche Beratung e« pflegen und eigene Entschlüsse tätigen wird.

Das ist schon ein Stück der Vorbereitung. Ein« wichtige Ergänzung bildet die E i n i g k e i t im Reichs­tage und im deutschen Volke, die sich in diesem Fall viel klarer und kräftiger zeigt, als vor den früheren Kon­ferenzen.

Allerdings ist an diesem Hellen Himmel der beut- schen Politik neuerdings noch ein Wölkchen aufgetaucht, nämlich der Versuch der bayerischen Regie­rung, die Entwaffnungsfrage, die ihr besonders am Herzen siLgtt-Mit-.d«-LirtschSdigiengsfrage zu verbin­den. 3m Grunde handelt etz sich'bäum efireYattT« ’ f ch e Meinungsverschiedenheit. Wir möchten allzumal den Bayern ihre Schutzwehren erhalten, und unsere Minister werden in London selbstverständlich das Mög­liche tun in dieser Hinsicht. Ader es ist offenbar zweck­mäßig, diese beiden Angelegenheiten nicht miteinander zu verkoppeln, sondern jede Sache für sich zu behandeln, da die Rechtslage und die Hilfsmittel des Widerstandes in den beiden Punkten nicht gleich sind. Schließlich werden auch die Bayern zugeben müffen, daß die Frage der Entschädigung von der das Sein oder Nichtsein Deutschlands unmittelbar abhängt, doch noch schwerer in die Wagschale fällt, als die Entwaffnung, deren Nachwirkimgen sich im ungünstigsten Falle erst nach und nach einstellen würden und vielleicht rwch durch Gegenmittel ausgeglichen werden könnten. Aus jeden Fall steht eins fest, der schönste Sieg unserer Diplomaten in der Entwaffmmgssrage könnte uns nichts helfen, wenn cs beim folgenden Punkt der Entschädi­gung zum Krach und zur Vergewaltigung Deutschlands käme. Wir hoffen darum, daß auch Bayern sich der gemeinsamen Vorbereitung auf die Londoner Konse- xenz wieder rückhalflos anschließen wird.

DK Slellungnchme der bayerischen Regierung.'"

Die Beratungen über bie Stellungnahme Bayerns gegenüber der Haltung der Reichsregierung zu den außenpositifchen Fragen haben noch zu keinem Ergebnis geführt. Sm Ministerrat berichtete gestern Herr v. Kahr übet den Verlauf der Berliner Verhandlungen. Ein Beschluß über die Vorschläge der Berliner Regkrung wurde nicht gefaßt, dagegen wurde die Auffassung der Regierung den Führern der Koa- litionsparteien unterbreitet, die nach eingehender Aus­sprache wiederum mit ihren Frakfionen Fühlung nah­men. Die Berhandlungen innerhalb der Parteien sollen heute fortgesetzt werden.

Die französische Kammer kritisiert das Pariser Abkommen.

In der französischen Kammer wurde <rn Dienstag die Debatte über das Pariser Abkommen fortgesetzt. Abg. Magellon erklärte, er zweifle, daß Deutschland be­zahlen wolle. Man müfle das Ruhrgebiet besetzen und bas Rheinland der preußischen Beherrschung entreißen. Abg. Klotz meint, dos Pariser Abkommen sei für die Deutschen vorteilhafter Äs der Versailler Vertrag. Br land weist darauf Hm, daß den Deuflchen deshalb Ke Art der Zwangsmaßnahmen nicht mitgeteilt worben fei. well dies den Anschein hätte erwecken können, datz es den Deutschen gestattet sei, darüber Bemerkungen zu machen. Dies aber ertaubten bie Alliierten nicht. Fi- nanzmmister Loucheur führt aus, daß von der 200 bis 210 Milliarden Golbmark betragenden deuflchen Schuld Frankreich 52 Prozent erhalte. Es sei ein Irrtum, zu glauben, datz Deutschland anders bezahlen könne, als mit den Reichtümern, die es durch den Export erwerbe. Man sage, Deutschland könne Frankreich nur bezahlen, mb em es Frankreich auf dem Weltmarkt zu fernen Ungunsten Konkurrenz wad;e._ Wenn man zu handeln verstehe, fei dies jedoch niqi mögli<b. Die deutsche Handelsbilanz müsse mit 12 bis 13 Milliarden Golbmark passiv bleiben. Abg. F a o r e wirft Loucheur vor, daß er den Friedensoertrog verkannt habe. Loucheur erklärt, das fei nicht wahr. Alles, was die Konferenz von Paris enflchieden habe, fei im Vertrag enthalten. Es entsteht fodann eine kurze Auseinandersetzung zwischen Klotz und T a r b i e u einerseits und Loucheur andererseits. Tardieu ver­langt. daß Lloyd George gewifle Fragen gestellt werbe« hinsichtlich der Regelung der Schulden. Loucheur erklärt, dies sei geschehen. Die Antwort fei zunächst negativ aus- gefallen, weitere Verhandlungen hätten aber schließlich nicht ungünstig geendet. Frankreich habe durch Annahme der abänderungsfähigen Iahreszahlungen verfucht, eine Formel ui finden, die die Hoffnung gestatte, datz Frank-

Leramwonlich für den ceooutoneaen Teil: Kart Schütte. - für die Anzeigen: I. Parzeuer-Fulda. 2 Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Acttendruckeret in Fulda. Zermplecher Nr. S. Telegr.-Adrelfe: Fuldaer Zeitung