Einzelbild herunterladen
 

M 27.

Donnerstag, 3. Februar 1921«

- Fuldaer Heilung

Unsere auswärtige Politik.

Sm Hauptausschuß des Reichstages fand in diesen Tagen ein: öreitogige sehr eingehende Aus­sprache stall über den Haushalt des Auswärtigen Am­tes und unsere Auslandspolitik, die um so mehr das Interesse der ÖefsenUlchkeü in Anspruch nehmen mutz, als diese sich leider viel zu wenig mit den prägen der ouswärtitzen Politik beschäftigt hat- Und doch »st unsere innere Politik, ja, wie die Verhandlungen in Paris zeigen, unsere ganzenationa l e E x i st e nz in Zukunft völlig abhängig von den Beziehungen zum Ausland. Unter diesem Gesichtspunkt gewinnen sie Erörterungen des Hauptausschusses erhöhte Bedeutung, ba sie zugleich neue Gedanken und Richtlinien für un­sere Auslondspolisik zu Tage förderten.

Der Außenminister Dr. Simons ergriff selbst häufig das Wort. Simons gibt sich stets als geban= kenreicher, fesselnder Redner, er beweist, daß er mit seinem Amte wirklich verwachsen ist. Er verschließt sich auch Anregungen nicht die es auf eine wirkliche Re­form des Amtes absehen. Denn das ist zweifelsohne, in der Neugestaltung des Auswärtigen Amtes ist noch umsLssende Arbeit zu leisten. Dic- sem Gedanken gaben auch mehr oder minder die Red­ner aller Parteien Ausdruck. Die Reformgedanken (offen sich um so brennender an, als soeben Ministerial- bircftor Schüler aus dem Auswärtigen Amt geschieden ist. Ein Mann von manchen Einseitigkeiten, aber eine Persönlichkeit mit weitem Blick, von organisatori­scher Gestaltungskraft und starker Energie.

Gleich der erste Tag der Aussprache, der sich Or- ganisationsstagen zuwandte, hielt sich in einer be- merkensrverten Höhe. Von den Deutfchnationalen sprach Dr Hoetzsch, der Auslandspolitiker der Ber­liner konservativen Presse, von den Demokraten Hausmann, von den Mehrheitssozialisten äußerte sich der frühere Außenminister Hermann Müller, von der Deutschen Dolkspartei der Hamburger Kaufmann Dauch. Den Standpunkt des Zentrums legte der Abg. Dr. Schreiber dar. Der Zentrumsredner steht der befehdeten Ncuglikdenmg des Amtes in sechs Ländergruppen (Westeuropa, Südosteuwpa, Nordost- euwpa, England und Kolonien, Amerika, Ostasien) ab­wartend, aber gleichzestig freundlich gegenüber. Aller­dings wünschte er eine festere Berbindlmg zwischen die­sen Ländrrabteilungen. Die Verwendung tüchtiger Außenleiter, die neben den Berufsdiplomaten herange- zogrn werden sollen, ist angesichts der gespannten Welt­lage nach wie vor erforderlich. Die Ausbildung des Nachwuchses verdient die ernsteste Aüftnerksamkeit. Der Mit t e l st a n d muß stärker herangezogen werden. Gegen die Verschmezung des konsularischen und des dip­lomatischen Dienstes äußerte der Redner manche Beden­ken. In südwmcrikaniscken Konsulaten sei ein aktiveres Eingreifen in Auswanderungsfragen (Siedlungsverträgen) wünschenswert.

Dem Minister und dem Abg. Hausmann stimmte Dr. Schreiber darin zu, daß wir nicht in allem die Wege der französischen Kulturpropaganda be­schreiten können. Die rhetorische Geste und das dekla­matorische Pathos liegt den Deutschen nicht. Aber die französische Propaganda ist darin vorbMich, daß sie auf die kulturellen und religionspoliti­schen Schichtungen der Völker, besonders in Süd­amerika und im Orient, feinfühlig eingeht. Wie klug irtti) wie erfolgreich har doch Frankreich die christlichen Völker des Orients behandelt. Es hat darauf gehalten, daß feinen konsularischen Vertretern in Vorderasien sAbft kirchliche Ehrenwch^c zugestanden wurden. Groß­zügig ist das französische Auslandsschulwesen unterstützt worden. Mit literarischer und künstlerischer Propaganda hat es auch vieles in Südamerika erreicht und einen seiner besten Katholiken nach Brasilien geschickt. Dr. Schreiber empfahl, gerade für den Orient und für die vorderasiatischen Posten stärker als bisher Kräfte aus Süddeutfchland und aus Westdeutschland heronzuziehen, die sich in man­chem leichter auf das Gefühlsleben und auf kulturelle Eigenheiten dieser Völker einstellen können. Der Red­ner hatte die Genugtuung, daß auch der Abg. Bern­stein (Soz.) zustimmte, kulturelle Gefühlswerte verdien­ten eine stärkere Berücksichtigung. Dr. Schreib« be­tonte ferner die Notwendigkeit einer deutsch-belgischen Verständigung. Voraussetzung aber dafür fei, daß die Zusammensetzung der Brüsseler Gesandtschaft eine Nach­prüfung erfahre Redner wünschte sodann Mitteilun­gen über die Frage der internationalen An- Näherung. Es wäre put, wenn von der kultur­politischen Abteilung des Amtes jedes Jahr geeignetes Material in dieser Richtung gesammelt werde.

Warme Worte der Anerkennung fand der Zen­trumsredner für die Tätigkeit unserer M iss io ns - gesellschaften. Ueber mehrere oenDanbte aktuelle Fragen ersuchte und erhielt der Zentrumsredner ver­trauliche Auskunft.

Lebhaft gestaltete sich die Erörterung über die Außenhandelsstelle. Abg. Dr. Schreiber hielt den Grundgedanken dieser Abteilung des Auswärtigen Amtes für richtig, hob aber auch ernste Mängel der Organisation hewor, die eine Nachprüfung notwendig machen. Während der Abg. Dauch (D. Vp.) den Dcr- wallungsrat bei der Ernennung von Gesandtschaften stärker herangezogen wiffen wollte, lehnte Dr. Schreiber, unterstützt von anderen Rednern, ein Recht auf gut­achtliche Aevßenmg ab.

Beim Kapitel über die A u s l a n d s f ch u l e wandte sich die Ausfprache wieder lebhaft kulturellen Fragen zu. Sofort fetzte wieder das starke anregende Interesse des Ministers ein. Man wird in mehr als einem Punkte dem Minister kritisch gegenüber treten müssen, was Einzelheiten der Linienführung seiner Politik und nicht weniger, was Personalsragen be­trifft, aber man wird gleichzeitig das Zugeständnis machen können, daß er ein tüchtiger Jurist und gleich­zeitig — was selten bei einem Außenminister war — ein gut:.- Dolksw'rtschaftler ist. Darüber hinaus wird man rückhaltlos anerkennen müssen, daß er, wie kaum ein anderer Außenminister, Sinn für die Wichtigkeit kultureller Zufammenhänge besitzt. Den Hinweis des Zentrumsredners unb anschließend ande­rer Siebner für außenpolitisch wichtige kulturelle Fra­gen einen Beirat beim Auswärtigen Amt zu schaf- ftn, griff er zustimmend auf. Der Zentrumsredncr und Abg. Dauch wiesen ebenfalls darauf hin, es sei not­wendig, um der wichtigen Beziehung zu Spanien und Südamerika mitten, ein deutsch-spanisches Institut in Madrid zu schaffen. Auch hier stimmte der Minister grundsätzlich zu.

Man wird in allem die in diesen Tagen gepflegte Aussprache als Aeußerung starken Willens großer Parteien und der Regierung auffaffen, moralisch und damit auch wirtschaftlich wertvolle Wie der- eroberung im Auslande zu machen.

Neue Laste«.

Die Erhöhung der Postgebühren steht un­mittelbar bevor. Sie ist gewiß eine neue Last, aber sie ist unvermeidlich.

Es ist bisher wenig beachtet worden, daß die Post­gebühren im Verhältnis zur Geldentwertung am we- mosten gestiegen sind. Während wir auf allen übrigen Gebieten das Zehnfache und mehr zu zahlen haben, wahrend in den großen Städten für die Straßenbahn- fahrt eine Mark gefordert wird, kostete die Beförderung eines einfachen Briefes feit dem 6. Mai 1920 nur 40 Pfennige. Dabei sind gerade die Betriebsfpefen der Postverwaülmg gewallig gestiegen. Vor allem da­durch, daß mit der Verkürzung der Arbeitszeft von zehn auf acht Stunden eine erhebliche Verstärkung des Be­amtenheeres notwendig wurde. Darüber hinaus mußte die Reichspost eine große Zahl entlassener Kriegsteil­nehmer einftetten. Sie hat zweifellos heute einen zu großen Personalbestand.

Die Reichspost darf ebenso wenig wie die Eisen­bahn ehre Versorgung-- oder Wohltätigkeitsanstalt sein. Beide sind wirtschaftliche Unternehmen des Reiches, bestimmt, einen Teil des allgemeinen Finanz- bedarfs zu decken. Sonst braucht das Reich weder die Post noch die Eisenbahn, diele Anstalten würden dann besser dem Privatbetrieb überlassen bleiben. Tatsäch­lich haben die Berkchrsonstalten vor dem Kriege erheb­liche Ueberschüsse gebracht, sicher aber immer ihre Be­triebskosten gedeckt. Diese Ueberschüsse wurden afler« dings dadurch erzielt, daß das Personal teilweise über­anstrengt wurde. Es leistete trotzdem Außerordentliches, sodaß die preußischen Staatsbahnen, ebenso wie die Reichspost, in aller Welt als Musterbetriebe galten.

Heute ist nichts mehr davon vorhanden. Der Ver­kehr ist auf ein Drittel der Friedenszeit abgedroffefi. Aber in vielen Amtsstuben und Dienststellen stchen heute drei Beamte, wo früher einer genügte. So sind aus den Ucberfchußbetrieben Zuschußbetriebe geworden, die den Aufbau und die Abaleisung des Reichshaushalts »mmöglich machen. Die Betriebe müs­sen sich s e l b st h e l f e n, dürfen nicht länger Kostoän- ger der Notenpresse fein. Es war ein gesunder Ge­danke, die Eisenbahnen aus dem allgemeinen Haushalt herauszunehmen. Der Gedanke ist zwar noch nicht aus­

geführt, wird aber energisch gefördert. Auch die Reichspost ist auf sich selbst zu stellen, so lange sie not- l-idend ist. Wie bei der Post werden auch bei der Eisenbahn Tariferhöhungen unumgänglich sein.

Wenn die Post die Gebühren um etwa die Hälfte er­höht, so wird die Wirtschaft diese Last allerdings nicht ohne weiteres tragen können. Zum mindesten mutz sie die Sicherheit haben, nicht olle vier oder fünf Mo­nate durch neue Tariferhöhungen überrumpelt zu wer­den. Es gibt für das Tarifwesen Grenzen, bei deren Erreichung keine Erhöhung, sorrdern eine Verminde­rung der Erträge Eintritt, d. h der Rückgang der Ein­nahmen wird den Mehrertrag infolge der Erhöhung dar Tarife w'eder aufzehren. Es kann also nicht bei der Erhöhung der Tarife und Gebühren fein Bewenden haben. Die Verkehrsanstalten muffen mit ihren Ein­nahmen und Ausgaben zurechtkommen. Gesingt es nicht, so bleibt zur Vermeidung des Zusammenbruchs nur ein Weg: die lleberlaffuirg der Verkehrsanstalten an die private Wirtschaft. Noch sind wir nicht so lveit. Es darf auf der.anderen Seite von der straf­feren Zügelführung bei Post und Eisenbahn kein all- gcnwimr Preisabbau erwartet werden. Das ist nur möglich, wenn die Erzeugimgskrast der Wirtschaft steigt, wenn das Reich die Notenpresie nicht mehr behelligt, schließlich wenn wir unsere Verbindlichkeiten dem Ver­band gegenüber kennen, um darauf unsere Stcucrwiri- schast festzulcgen.

Sur Kirche und Schule.

•fci Fulda. Ter Fastenhirten br ief des Ltochw. Herrn Bischofs, der an den beiden nächsten Sonntagen zur Verlesung kommt, behandelt die vier Felsengründe für die Erneuerung un­seres Gesellschaftslebens: Autorität, Ge­meinschaftssinn, Eigentum und Arbeit, alle vier ge­tragen vom Geiste der Religion und des Christen­tums.

* Hünfeld, 28. Jan. Der Heilige Vater empfing kürzlich in längerer Privataudienz den als Volks» missionarprediger wohlbekannten P. Max Soffiepe, ©eneralaffiftent der Oblaten, der dem Papste die zwei ersten Bände seines homlletischen Handbuches für Missionen, Exerzitien usw. überreichte. Benedikt XV. intere fierte sich lebhaft für die in Deutschland üblichen Methoden der Volksmissionen und erteilte gerne dem Verfasser und allen deutschen Volksmissionaren für ihre schweren, aber auch trostreichen Arbeiten den apostolischen Segen. P. Kassiepe hat sich bereit erklärt, demnächst die deutschen Fastenpredigten in inveter Nationalkirche von S. Maria dell'Anima abzuhallen.

Aks dem Nachbargebiet.

§ Kleinsaffen. Dem Ruse des Volksvereins zu einer Versammlung am Sonntag waren, obwohl noch eine andere Veranstaltung stattsand, die Männer und Jüng­linge, Frauen und Jungfrauen unserer Pfarrei sehr zahlreich gefolgt. In seiner Begrüßungsansprache gab Herr Pfarrer 5t üb (in g seiner Freude Ausdruck über den guten Besuch der Versammlung und wies nach­drücklich auf die Bedeutung und Notwendigkeit des Volksvereins hin. Sodann sprach Herr Voltsvereins­sekretär, Frank- Fulda über die Folgen des verlore­nen Krieges, des Friedensvertrages von Versailles und des Abkommens von Spaa. Redner ging am Schlüsse seines von den Zuhörern mit gespannter Aufmerksam­keit verfolgten Vortrages auf das durch den Krieg und seine Nachwirkungen verursachte Schwinden von Z chk, Sitte und Ordnung im Volksleben ein und betonte mit Recht, daß nur durch Rückkehr zum Christentum, durch allseitige Beobachtung echt christlicher Grundsätze auf allen Gebieten und besonders durch christliche Kinder­erziehung in Familie und Schule eine nachhaltige Bes- serung der so traurigen Lage des deutschen Volkes er­zielt werden könnte. Nachdem Herr Frank die Schul­frage und die Bedeutung des Bolksvereins als Schul­verein entsprechend gewürdigt hatte, schloß er seinen Vortrag mit dem Aufruf zur Mitarbeit im Volksverein, in den bewährten sonstigen Vereinen und Berufsorgani­sationen und besonders auch in der Zentrumsorgani- fation, der bei den demnöchstigen Wahlen unbedingt die Treue gehalten werden müßte. Nachdem Herr Pfarrer Rübling auf ben Vortrag ergänzend eingegangen war, behandelte Herr Frank die wichtigsten Fragen des Einkommen- und Umsatzsteuergesetzes und beantwortete die daraufhin an ihn. gestellten Fragen zur Zufrieden­heit aller. Der Volksverein, der einen Zuwachs von 14 weiblichen und 2 männlichen Mitgliedern buchen konnte, hat uns wieder einmal einen interessanten und lehrreichen Abend bereitet, das war der Eindruck, den alle mit auf den Heimweg nahmen.

fd Giegen. Eine Ueberlandzentrale will ganz Oberhessen mit Elektrizität versorgen. Der

v* dcr Fuldaer Aelivrdrmkerei ia FükdM

Plan ist bereits ziemlich weit vorgeschritten und haben sich fast sämtliche Gemeinden des Kreises Gießen, Fried­berg, Büdingen und Schotten zum Beitritt bevett er» klärt. Der Provinzia lau-schuß von Oberhessen hat be­schlossen, die Ausführung des Untemehmens dem Pro» vinziallandtag zu empfehlen.

fd Dad Homburg s. d. höhe. In der Stadtverord- netensitzung hatte die U. S. P. - Fraktion eine An- frage an den Magistrat gerichtet, was dieser zu tun gedenke, um dem Unfug mit dem Wunder » d o k t o r Müller-Czerni ein Ende zu machen. Der Oberbürgermeister erwiderte, daß das nicht Sache der Stadt Homburg, sondern der Nachbargemeinde Gonzenheim sei, da auf deren Grund und Boden die Geschichten passierten.

— Eschwegc. Sonntag abend 8 Uhr fand im Hem- pfischen Saale hier unter dem Vorsitze des Lehrers Hetz» l e r eine gut besmhte Zentrumswahloersamm­lung statt. In großa-ngelegter Rebe sprach Parteisekre- tär Müller aus Marburg zunächst über bie Zusammen­hänge zwischen Ausland spolitck und Innenpolitik, nament­lich über bit Bedeutung bes Vertrags von Spaa betreffs Rohftoffliefenmg für die heimische Industrie. Im zwei- ten Tolle seiner Aussühnmgon behandelte er die Arbeiten her Zentrumspartei in wirtschaftlicher Hinsicht, indem er für bie gerechten Wünsche der verschiedenen Staube er­folgreich ein trat, sowie bie Wirksamkeit bes Zentrums m full melier Hinsicht, insbesondere für ben gesetzlichen Mut­terschutz, für bie freie Entfaltung ber Kirche, für die Er­haltung der Bekenntnisschule, da bie Schule nicht nur Wissen, sondern Charakterbildung geben soll, hierfür werde wie in der Vergangenheit, so auch in Zukunst bie Zen- trwnspartei als bie große christliche Volkspartei wirken getreu ihrem altbewährten Programm: für Wahrheit, Freiheit und Recht. Dieser mit lebhaftem Beifall auf ge­nommenen Robe folgte eine sehr anregende Aussprache, sodaß Herr Lehrer Hehler erst gegen 12 Uhr bie Ver­sammlung, dem Redner wärmstens dankend, schließen konnte.

A Born Eichsfeld. Die Eierpreise sind auf dem Eichsfeld in den letzten Tagen um mehr als di« Hälfte gefallen und gehen täglich weiter zurück. Statt 1,80—2,20 M werden höchstens noch 1 <AL pro Stück bezahlt. Infolge der milden Witterung sind zurzeft schon mehr Eier zu haben, als in enteren Jahren End« Februar und März.

Aus Geisa und Umaebunq.

— Geisa. Arn Sonntag beging bei Stieget« ini Militärverein Geisa im Saale der Linde sei» 46jähriges Stiftungsfest imb bie Feier der 80- jährigen Reichsgründung. Der große Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Don Mittelpunkt des Festes bil- bete bie großem oelegte Festrede bes Vorstandes Herrn Dr. Gunther. In teniigcn Worten, getragen von hoher Begeisterung unb gemütstiefer Seele, führte der Festred­ner im ersten Teile seiner Rede, den Zweckparagvaphen der Statuten erklärend, aus, baß gerade in unseren Tagen Stiegerneteine bringend notwendig feien, bie berufen seien, am deutschen Ausbau mitzuarbeiten. Im zweiten Telle zeichnete er, nach kurzem geschichtl'chen Uebeti’I’rf ber deut- schon Cinheitsbestrelumgen, ein anschauliches Bild ber heu­tigen Zustande unb geb bie Mittel an, die allein wieder zum Aufstieg sichren können: Vaterlandsliebe, Zucht unb Ordnung, Goftesotaube und Nächstenliebe unb vor allem gewissenhafte Arbeit und Pflichterfüllung. Einige Dekla­mationen ergänzten bie Feier, die umrahmt war von treff­lichen musikalischen Vorträgen ber rühmlichst bekannten Barth'schen Kapelle. F.

Aus Oderheffen unv de« Hess. Aemleru.

A Marburg. Zu den Kreistagswahle« sind insgesamt vier Listen eingegangen und zwar sei­tens der wirtschaftlichen Arbeitsgemeinschaft, des Be­amtenbundes, der demokratischen und ter sozialistischen Partei.

= Marburg. Die stud entische Ortsgruppe ber Zen trumspartei hielt am 29. Januar einer gut besuchten DiskussionSabenb ab. „Ueber daS Pro, blem des Nationalen" verbreitete sich cand. rer. pol. C. Müller, der dabei namentlich die Stellung des gesunden Nationalbewutztseins zu dem mehr negativ gerichteten Nationalismus, zum proletarisch-marxi- stischeu und kapitalistischen Internationalismus, zum Kosmopolitismus ber Wissenschaft usw. unb zum Uni, versalismus ber Kirche hervorhob. Eine lebhafte Aus spräche brachte wesentliche Klärung des Problems.

vermischter.

* Der Kampf gegen den Wucher. letzter Halbjahre wurden wegen Wuchers in Deutschland 13,453 Verfahren anhängig gemacht. Davon haben 8136 mit einer Berarteiluna geendet. Bon diesen Verurteilungen bestanden 4839 in Geldstrafen, die übrigen in Freiheitsstrafen, Zuchthausstrafen wur­den nur in wenigen Fällen verhängt.

41)

Falscher Wert

Roman von H. Abt.

»So . . . Nun können wir uns verständigen. Aber Erst möchte ich Sie um etwas befragen, bas ich n'ch ganj begreife. Sie. finb mit Ihrer Heirat hereingefallen, das weiß ich. Ist bas gekommen, weil Sie e; «m bie erwartete Mitgift geprellt worben ffnb? Denn

Sie blindlings sich eine blutarme Frau genom- ?ten hätten, bloß well sie himmelblaue Augen hat, das "U" ich mir absolut nicht denken."

^Die senkrechte Linie über Lützenkirchens Nasenwurzel 5a»e Dertfeft rücksichtslosen Worten zur scharfen

bitten' Frau Pauly, baß wir die m unsere Angelegenheiten hineinziehen, zu E « £ „tetner Weise gehört."

• 6ie frf,ob das Kinn vor.

. ltn Gegenteil, es müßte Ihnen schwer

halten, oewes voneinanber zu trennen. Ich weiß so C« „nn leU>er- d°ß Ihre schlimmsten Berlegen- betten erst von bern Augenblick an batieren, wo Ihre Frau zu »ihnen kam."

h^nelnmaI b°rum ersuchen, ben Namen anhernfaTfc sonst ""genannt zu lassen, ich würbe kein SN Kebrwick mnrf freundlichen Hilfsbereitschaft reinen Gebrauch machen dürfen "

Seine Stimme klang heil t

J U "ad scharf, er hielt die XS M* "is ">"■»

®r" Il< Hani, auf, i-uM

sich vor unb blickte 'hm so nahe in bie Auaen baft er W ben Hauch ihres Atems zu verspüren mnneintL

.Wären Sie etwa gar noch in Ihre Frau verliebt» es sah mir nicht banach aus vor ein paar Tagen .

»Frau Pauly!"

Mir blitzenden Augen ftanb er ihr gegenüber Seine aufgereckte Gestalt überragte bie ihre, unb es mar als nteHe ihr Blick feine größere Höhe voll Wohlgefallen ab. Cm Lächeln verzog ihr Gesicht.

. ’3“ bas 'st nicht taktvoll, was ich ba rebe. Lassen Sut fein. Unb fetzen wir uns roieber zu bem

Doch Lützenkirchen folgte ihrem Beispiel nicht, schwejgenb blickte er Frau Barette ein paar Sekunden burchbringenb an, bann fragte er, wie er sie ähnlich schon einmal gefragt:

.Welchen Grunb haben Sie dafür, mir helfen zu wollen? Denn ich glaube nicht, baß Sie irgenb etwas ohne einen bestimmten Zweck tun."

„Kein, ich tue nichts ohne bestimmten Zweck. Unb mein Zweck jetzt . . ." Sie unterbrach sich. .Aber lassen Sie uns lieber zur Sache kommen. Ich möchte Ihnen meine Vorschläge machen, dann können Sie mir sagen, ob Ihnen diese paffen."

Ihr gegenüber wieder Platz nehmend, folgte er auf­merksam Frau Barettes knapper Ausführung. Als sie geendet und ihn, seine Antwort erwartend, ansah, agte er:

„Bas einzige Bedenken, das mir bei einer derartigen Abmachung kommen könnte, wäre, baß babei bie Vor­teile ausschließlich auf meiner Seite finb. Ader vielleicht läßt sich auch ba später irgenbein Modus finben, ber einen gewissen Ausgleich schafft. Unb so — wenn Sie wollen — nehme ich also an und erkläre mich fortan für Ihren dankbaren Schuldner."

Sie nickte unb streckte ihm bie Hanb entgegen.

„Also — abgemacht!"

„Abgemacht," er mb er te Lützenkirchen mit kräftigem Hanbschlag.

12.

Auf Lützenburg haften bie Bauhandwerker bie vom Feuer beschädigten Mauern vollenbs niebergeriffen uns waren bar an, den Grund für bie neuen, massiven Wirt­schaftsgebäude zu legen. Bie Arbeit ging fleißig von ber Hanb, aber unablässig trieb Lützenkirchen zu noch grö­ßerer (Eile an. Doch cs war nicht frohe erroartenbe Ungebulb, bie fieberisch in ihm brängte. Er vermochte keine Freube zu empsinben an bem, was ba unter seinen Augen auf seinem Besitz geschaffen wurde. Ein Gefühl, als stehe er in Wahrheft gar nicht mehr auf seinem Besitz, habe kein Recht auf bas vergrößerte, verbesserte Neue, bas barauf emporwuchs, warb mehr unb mehr in ihm laut.

Die zu bem Neubau nötige Bausumme, bie ihm Fra Pauly vorzustrecken sich erbot, ging ihm von biefer in . Einzelraten zu, ba sie nachträglich erklärt hatte, für ben 1

Augenblick nicht bas Gefamtkapitol flüssig zu haben. Er war baburch zu wiederholter persönlicher Rücksprache mit ihr genötigt, und wenn auch ihre nüdjterne Selbst­verständlichkeit, mit ber sie bie Gelbangelegenheiten be- hanbelte, auch ihn äußerlich zu gleicher Geschäftsmäßig- keit brachte, so half ihm bas boch nicht völlig über ein Gefühl hinweg, als sei ein jeher biefer Besuche im Orunbe ein neuer Bittgang. Besonders peinigend aber wirkte auf ihn bas aufbämmernbe Bewußtsein, baß man beginne, feiner geschäftlichen Verdinbung mit Frau Pauly reges Interesse zuzuwenden unb sich zu fragen, welcher Grunb wohl vorliegen müsse, baß bie im Punkte bes Krebitgewährens so überaus zurückhaltende Firma Pauly von ihren Prinzipien in einem Falle abweiche, wo Vertrauensseligkeit um ein Haar bem Leichtsinn glich. Das Ansehen, beffen sich Lützenkirchen allgemein erfreute, grünbete sich zumeist auf die Achtung, die man seiner energischen Tüchtigkeit zollte, mit ber er sich aus roibrigen Verhältnissen herausgearbeitet hafte. Das ihm wiberfahrene Unglück hatte warme Teilnahme erweckt, allerlei Zeichen freunbschaftlicher Gesinnung waren ihm von ben Nachbargütern zugegangen, aber ebenso all­seitig war bie Ueberzeugung, daß er sich aus feinen jetzigen Schwierigkeiten nicht wieder herauswmben werbe, ba sich keiner finben würbe, ber ihm bie bebeu- tenbe Summe vorstreckte, beren er jetzt bedurfte. Die Tatsache, baß trotzbem auf Lützenburg mit bem Neubau begonnen würbe, unb zwar wie es ben Anschein hatte mit gut bemessenen Mitteln, hatte ein an Verblüffung grenjenbes Staunen hervorgerufen, bas sich noch stei­gerte, als es bekannt würbe, aus welcher Hilfsquelle Lützenkirchen schöpfte. Wie man bas Verwunderliche sich erklärte unb wohl unter sich glossierte, dafür sollte ber Besuch eines Gutsnachbars Lützenkirchen das Verftänb- nto wecken.

Die beiben Herren haften, nachdem sie eingehende Besichtigung auf dem Hose geyat-ea, in Oer Vorhalle Matz genommen, wo Gertrud erneu lernen Imbiß her- gerichtet hatte. Als zum Abschluß Lützenkirchen sei­nem Besuher ein Gläschen Branntwein anbot, nickte dieser, nachdem er gekostet, mit Kennerlächeln:

„Schnapsdorchms feinste Marke" Unb bann, Lü­tzenkirchen auf bie Schultern sch'agenb, mit schlauem Blinzeln: „Sie soll leben, bie gebrannte Wittib. Ist doch ein feines Destillat, extra starker Doppelkorn, Kraft unb nachhaltig wirkendes Feuer.*

Unb bann zu (Sertrub gewandt: „Er hatte ja schon immer etwas Ritterliches den Damen gegenüber, seit feiner Verheiratung scheint er sich aber darin zum wah­ren Musterknaben ausgebildet zu haben. Meine Hoch­achtung Ihrer Erziehung, gnädige Frau."

Gertrud, bie wohl einen geheimen Sinn aus ben Worten herausfühlte, boch ihn nicht verstand, lächelt« ein wenig befangen. Lützenkirchen aber, in der Reiz­barkeit, bie jetzt beftänbig heimlich in ihm war, sagt« mit einer Schärfe, bie feine Worte als Zurechtweifunx wirken ließ:

„Den Grab von Rifterlichkeit habe ich allerdings, mich nicht über eine Frau luftig zu machen, der dankbar zu fein ich allen Grunb habe."

„Oho . .." Des Besuchers Miene war Lützenkir- chens scharfem Ton gegenüber ein paar Sekunben steif geworben, nun aber lochte er wieder auf, fast als bünf« ihm ber ©egenftanb schwerer Behandlung nicht wert.

„Wir wollen uns boch um bie Well nicht übet Schnapsborchen in bie Haare geraten. Verehrfester. Unb mich lustig zu machen über bie höchst achtungswerte Dame, dazu habe ich persönllch wohl nicht bie geringste Veranlassung. Denn erheiternb kann ich's beim besten Willen nicht finben, wie sie bei ber 6piritusabredjnung mmer bie Groschen aus mir herausschinbef. Machen Sie nach ber Richtung hin mildere Erfahrungen, fotTs mich für Sie von Herzen freuen. Ich gönne Ihnen in diesem Punkte bas Allerbeste — sogar ben Anblick der purpurfamtnen Hausrobe."

Lützenkirchens Betroffenheit war so augenfällig, daß der Gutsnachbar sich lachend auf die Sniee schlug:

„(Es hat ihn, er kennt es, das rote Prachtgewand! Gnädige Frau, ich säe nicht gern Zwietracht, aber ich kann nicht anders, als Ihnen den guten Rat geben, hal­ten Sie ein wachsames Auge auf ihn, es liegt Gefahr in ber Sache. Sie kennen nicht ben Zauber bes Rotsamt- nen Ich kenne ihn. Als dergangenen Monat mein« Gattin ben Besuch ihrer Schneiderin empfing, hafte bl« gerabe bas für Frau Pauly bestimmte Hauskostüm be sich, unb meine Frau war mächtig aeibifch. Ra, unb U versprach ich ihr benn: Verlaß Dich barauf, Alte, roenr ich «st König Salomo geworben bin, unb du Sönigit von Saba, bann kriegst Du bie gleiche Staatsschabrake."

!(Kortfeb>ma folgt.)