Fuldaer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadl Fulda.
Dienstag, J. Februar 1921
'.'!!! 48. Zahrg
Nr. 25
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Die MM ZestkMMlei«ihre Mer!
Die verfassungsgebende Preußische Landerversammlung hat ihre Aufgabe vollendet. Sie hat dem durch die Revolution in feinen 6rundfesten erschütterten, durch das Zriedensdiktat von Versailles verstümmelten, durch die Sortierung einer organischen Neugliederung Deutschlands in seinem Beflantie bedrohten preußischen Staates eine
neue Verfassung
und damit neue Dafeinsbebingungen gegeben. Sie hat außerdem eine Reibe von Gesetzen verabschiedet, deren Erledigung nach Ansicht der Mehrheit keinen Aufschub duldete.
Der
Eintritt des Zentrums in die Koalition
mit den veutschdemokraten und den Mehrheitssozialisten bedarf heute wohl keiner Rechtfertigung mehr. Die preußische Zentrumsfraktion Hal ebenso wie die Schwesterfraktion in der Nationalversammlung den Mut gehabt, diese schwere Verantwortung auf sich zu nehmen, um eine nationale Pflicht zu erfüllen. Vas war der einzige Weg, um die
Bildung einer starken Regierung
und damit die
Wiederherstellung der gesetzlichen Ordnung
zu ermöglichen. Daß sie nicht gewillt fei, ihre Grundsätze preiszugeben, hat sie sofort durch den Mund ihres ersten vorsihentien feierlich erklärt, hat sie auch durch ihre gesamte Tätigkeit bewiesen. Sie kann mit reinem und ruhigem Gewissen vor ihre Wähler treten.
An dem
preußischen Verfassungswerk
hat die Zentrumsfraktion bedeutsamen, vielfach entscheidenden Anteil genommen. Sie hat sich entschietim dafür eingesetzt, daß die Neuordnung des preußischen Staatswesens
im Geiste der neuen Reichsversussung
und gewissenhafter
Wahrung der Bolksrechte
erfolgte. Sie hat sich allem widersetzt, was die Erfahr eines den Lebensinteressen des Reiches abträglichen
grotzpreutzifcheu Partikularismus
in sich barg. Ebenso entschlossenen widerstand hat das Zentrum dem bestreben geleistet, das Volk dem
Absolutismus einer parlamentarischen Mehrheitsherrschaft
luszuliefern. Daß dem ein fester Damm entgegengesetzt wurde durch die Schaffung des
Staatenrats,
ist wesentlich das Verdienst des Zentrums. Das gleiche gilt von der nunmehr verfassungsmäßig verbürgten
Erweiterung der provinzialen Selbstverwaltung (Provinzialautonomie)
unti von der in heißem Ringen tiurchgefetzten Bestimmung, daß künftig die Inhaber der leitenden Staatsämter in den Provinzen im Einvernehmen mit den Provinzial-Ausschüffen ernannt werden müssen. So hat das Zentrum entscheidend dazu beigetragen, die Provinzen gegenüber der Zentralverwaltung wesentlich selbständiger zu machen.
Die
Kulturpolitik
ist in weitem Umfange auf das Reich übergegangen. Die preußische Verfassung durste es sich daher versagen, die
Kirchen- und Schulangelegenheiten
in öen Bereich ihrer Festsetzungen zu ziehen. Erfreulich ist, daß auf Antrag des Zentrums als Richtschnur für die Neuregelung der stüher vom König gegenüber den Religionsgesellschaften ausgeübten Rechte ausdrücklich der Artikel 137 der Reichsverfassung anerkannt worden ist, der den Religionsgefellfchasten die selbständige Verwaltung ihrer Angelegenheiten gewährleistet.
Auf dem Gebiete der
Schule
stand das Zentrum der geschlossenen Gegnerschaft der Linken gegenüber. Seine Zustimmung zu öer vom gesamten Lehrerstaade verlangten Aushebung der geistlichen vrtsschuiaussicht machte das Zentrum von der Bedingung abhängig, daß öer
kirchliche Einfluß auf die Schule
anderweitig gesichert würde. Da diese Bedingung nicht erfüllt wurde, stimmte es gegen das Gesetz, bas mit den Stimmen aller übrigen Parteien angenommen wurde. Als bald nachher versucht wurde, mittels eines neuen Schuldeputationsgesehes die Kirche auch aus der Schulverwaltung hinauszubrängen, erhob das Zentrum unter Berufung auf Artikel 174 öer Reichsverfassung Einspruch bet der Reichsregierung unti erreichte dadurch die Zurückziehung öer angefochtenen Paragraphen. Das Zentrum hat sich auch
koufesstonelle Lehrerbildung
eintritt.
allen Versuchen widersetzt die Schule zu eine« Monopol des Staates zu machen. Es hat wiedechoit, leider bisher ohne Erfolg, die Errichtung von SchnlbeirSten
verlangt, in welchen alle Schulinteressenten ihre Vertretung finden sollen. Bei der Beratung des l-ehrerdiensteinkommengesehes hat es das
Recht der Gemeinde auf die Schule
verteidigt Unjj 2um größten Teil gerettet. Das Zentrum ist die einzige Partei, die noch heute rückhaltlos für die
Getreu feinem alten Programm hat das Zentrum feine besondere Aufmerksamkeit öer
Bk Ulww,rnbe
forderte eine durchs M
Besoldungsreform.
P^^lleröina^mit^nh?? hingebendem €ifer mitgearbeitet. In rein agitatorischen Anträgen hat bal 65 Ernten Staates t^,eren Parteien, die keine unmittelbare Verantwortung für die Finanzpolitik üerea;rSnQen ber wetteifern können unti wollen. Dafür aber hat es den berech-
des möglichu"? ^uhestondsbeamlen, sowie der Beamten-Hinterbliebenen un $s bereUmunentfpro$en> auch öer Gleichstellung der Altvensionare mit den
fleupension « D Dfar^rh9 .gestimmt. Mit besonderer Genugtuung darf die Fraktion es Ä M ÄÄÄfffir*** *•*■«*• * °°N° StoW-
Auf wirtschaftlichem Gebiete hat das Zentrum sich auch diesmal wieder bemüht, dem
Ausgleich der Interessen
Izu bienen. Es hat nicht einen Augenblick vergessen, daß es
nicht eine Klassenpartei, sondern eine Volkspartel
ist, die durch ausgleichende Vermittlung das Ganze zu fördern hat. Das schwierige Problem des
UevergangS von der gebundenen zur freien Wirtschaft
konnte natürlich in zwei Zähren nicht gelöst werden. Eine wesentliche Forderung des wirtschastlichen Wiederaufbaues läßt sich von dem neuen
Siedlungsgesetz
erwarten, das unter tatkräftiger Mitarbeit des Zentrums geschaffen und verbessert wordm ist. Gegenüber Öen in Öen östlichen unö westlichen Grenzprovinzen hervorgetretenen
Lostrennungsbestrebunge» von Preuße«
hat das Zentrum jederzeit diejenige Haltung eingenommen, die von einer wahrhaft national ur.ö vaterländisch gesinnten Partei verlangt werden muß. 3hm ist es hauptsächlich zu Sanken, daß diese Bestrebungen sich nicht auf Abwege verirrten. Vas Zentrum hat sie, soweit sie in vaterländischem Denken und Fühlen wurzelten, gegen den ungerechten Vorwurf des Landesverrats in Schutz genommen, es hat darauf bestanden, daß der legale Weg, den der Art. 18 öer Reichsverfassung vorzeichnet, ihnen offengehalten roeröe. Es hat andererseits verlangt, daß auf überstürzte Katastrophenpolitik unbedingt verzichtet unö öie Rücksicht auf tias Wohl des gesamten deutschen Vaterlandes allem anderen übergeordnet werde. Gegenüber den Klagen unö Anklagen, die gegen diese Ablösungsbestrebungen von altpreußischer Seite erhoben wurden, hat das Zentrum immer wieder betont, daß öie einzige Möglichkeit, ihrer Herr zu werden, in klugem unö weitherzigem Entgegenkommen zu suchen sei. Man möge endlich brechen mit dem alten
System ver Imparität,
man vermöge verzichten auf eine
in den Grenzprovinze« als Vergewaltigung empfundene Kulturpolitik,
man möge
Selbstverwaltung in weitestem Umfange
gewähren. Solange Preußen fich dagegen sträube, dürfe es nicht hoffen, die £ostrennungsbeftre« bungen zur Ruhe zu bringen. Wer unbefangen prüft unö urteilt, wird diese Haltung des Zen trums billigen.
Große Aufgaben harren des künftigen Landtags!
3n öer Kulturpolitik muß demnächst öie Grenzregulierung zwischen Reich unö Ländern erfolgen. Manche Anzeichen sprechen dafür, daß den Ländern eine
weitgehende kulturpolitische Zuständigkeit
verbleiben wird. Es wird darum außerordentlich viel darauf ankommen, daß das Zentrum, das von jeher in öer
Verteidigung der christlichen Kulturgüter
seine vornehmste Aufgabe erblickte, in imponierender Stärke in das preußische Parlament einzieht. Lassen wir uns nicht täujchen durch die Beteuerung, niemand denke an einen Kulturkampf. Die bisherige Schulpolitik im neuen Preußen redet eine andere Sprache. Eine Linksmehrheit iw neuen Landtage würde die
restlose Beseitigung des kirchlichen Einflusses auf die Schule, das Ende
der konfessionellen Lehrerbildung 9
und die
äußerste Erschwerung der Lebensbedingnngen der konfessionellen Schule,
bedeuten. Man sage nicht, öie Abwehr öiefes Radikalismus werde auch
ohne ein starkes Zentrum
mögüch fein, welche andere Partei als das Zentrum leistete denn der völligen
Auslieferung der Schule an den Staat
noch mannhaften widerstand? welche andere Partei kämpfte für das unschätzbare Gut der
Unterrichtsfreiheit?
welche andere Partei tritt so beharrlich und entschieden für die
geheiligten Rechte der Eltern und der Kirche auf die Schule,
wie bas Zentrum es während des halben Zahrhunderts feines Bestehens getan hat?
Ebenso notwendig brauchen wir ein starkes Zentrum für die vom neuen Landtag zu erledigende
Verwaltungsreform.
wir verlangen eine durchgreifende
Dezentralisation der Verwalt««-
unter gleichzeitiger wesentlicher
Erweiterung der Selbstverwaltung
in Provinz, Kreis und Gemeinde. Ohne die energisch vorwärts treibende Mitarbeit einer starken Zentrumsfraktion wäre an eine Erfüllung dieser Forderungen nicht zu denken. Schon bei Öen Üerfaffungsüerljanölungen hat sich gezeigt, daß das Zentrum Öer entschiedenste
Gegner bürokratischer Zenttalisatkon
unö öer entschlossenste
Vorkämpfer der Selbstverwaltung
ist.
Die trostlose Finanzlage Öes Staates erfordert eine umsichtige und gewissenhafte
Finanzpolitik.
Das Zentrum bürgt mit feiner ganzen Vergangenheit dafür, daß es alles aufbieten wirb, um die
' Lasten gerecht zu verteile«
und die
schwächeren Schultern möglichst zn schonen.
Um georbnete Finanzverhältnisse herzustellen, wird es im gesamten Staatshaushalt auf
äußerste Sparsamkeit
bringen.
Aber was würde es helfen, den Staat zu retten, wenn Öas Volk zugrunde ginge?
Die trostlose wirtschaftliche Lage, die Teuerung, vor allem auch die Wohnungsnot,
dos alles Hal verheerend unö zerstörend gewirkt. Es muß alles geschehen, um dem Unheil Einhalt