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Fuld aer Zeitung
Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Stadt Juida._________________
fit. 18.
Verantwortlich für den radalt. Teil: L 23. Dr. Joh. Kramer iüi uii unzeigen: I. P ar z e n e r - Fulda. T. Rotationsdruck u. Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda, ^ernlprecher Nr. 9. Telegr.-Adreifee Fuldaer Zeit»ng
Montag, 24» 3anuar 192L
Bezugspreis: Monatlich 3,0i) Mr. ohne Zustellgebühr. In Fulda bei uns abgeholt 3,15 Mk. Anzeigenpreis: DieKleinzeile (Cownelmaü) 60 Pfg„ u. lO’l« Zuschlag, die Reklamezeile (Tertbreite) 1.80 2HL, u. lO'^'o Zuschlag. Bei Wiederhol. Rabatt.
48. Zahrg.
Die alleinigen Vertreter des Proletariats wollen d-e Sozialdemokraten sein. Darum, so lautet der Schluß bei der Partei- und Wahlagitation, müsse jeder Arbeiter, Angestellter und Beamter sich der Sozialdemokratie anschließen. Darauf sei kurz folgendes erwidert: _ . „ „ t? ... _
1 Wahr ist, daß die Sozoialdemokratie n Vr für die Klagen, Sorgen und Wünsche der Arbeiter, später auch der Angestellten und noch später der Beamten etwas übrig gehabt hat; aber auchnurfürdiejenigen Arbeiter, Angestellten und Beamten, die sich der s o - zialdemokratischen Partei anschlossen und alles auf deren Karte setzten. Die christlich organisierten Arbeiter hat die Sozialdemokratte jahrzehntelang bekämpft, vielfach aus den Arbeitsplätzen schikaniert, gor um die Arbestsstelle gebracht.
Die Liebe der Partei zmn Proletariat war also recht einseitig und alles andere als hochherzig und selbstlos. Sie war aber auch sehr kurzsichtig und deshalb für die Arbeiter gefahrbringend. Wäre die deutsche Landwirtschaft, für deren Lebensbedingungen die Sozialdemokratie nie Verständnis noch auch Wohlwollen hatte, bloß auf die Politik der Sozialdemokratie angewiesen gewesen und infolgedessen notwendi- Mrweise verkümmert, so wären die deutschen Arbeiter - längst verhungert. Industrie, Gewerbe und Handel können uns kein Brot, Fleisch. Fett, Gemüse, keine Kartoffeln und Eier liefern.
2. Wahr ist, daß die Soozialdemokratie den Arbeitern die größten Versprechungen gemacht, und deren Erfüllung an die billigsten Bedingungen geknüpft hat: die Arbeiter brauchten nur stark zu werden, um die N e v o l u t i o n zu machen, dir bestehende Gesellschaftsordnung zu stürzen; sie brauchten dann nur die Klinke der Gesetzgebung zu ergreifen, „die politische Macht in die Hand zu nehmen" und „spielend" durch die Sozialisierung der „ntaurnotwendig" sich entwickelnden sozialistischen Gesellschaft zur Geburt zu verhelfen. Sie brauchten nur ihre Ketten zu zerbrechen, um die reifen Früchte des Glückes zu genießen.
Um diese natumotwendigr Entwicklung nicht zu hemmen, stimmte jahrzehntelang die Sozialdemokratie gegen die soziale Gesetzgebung. Während dieser Sperrfrist durften die bürgerlichen Parteien Sozialreform treiben und sich dafür als Verräter der Arbeiterklasse schmähen kaffen. So lange beschränkte sich die Sozialdemokratie darauf, mit dem Munde, zwar mit »ollen Backen, „allein die Arbeitermtereffen z» vertreten".
Am 9. November 1918 kam dann der ersehnte Tag der Revolution. Die politische Macht ging für Monate allein in die Hände des Proletariats. Was wurde von all den Verheißungen zur T a t?
Mehr als zwei Jahre sind dahingegangen. Wir Bürgerlichen haben wohlweislich unsere bisherige Kritik an der Sozialdemokratie sowohl in Wort wie in Schrift, schweigen (affen. Wir wollten die zur Macht gekommene Sozialdemokratie nicht stören in der Erfüllung ihrer früheren himmelhohen Versprechungen. Aber nach einer Spanne von 2% Jahren dürfen wir wohl mal auf dem Tisch auseinanderbreiten, was uns hie zur Herrschaft gelangte Sozialdemookratie durch die Revoolution an Gutem beschert hat.
Doch wir finden in den eignen Reihen der Sozial- -emokratie so viel Katzenjammer, daß wir uns auf die Zeugnisse von sozialdemokratischen Führern berufen dürfen.
Zwei Sozialdemokraten, Rudolf Wissell und Robert SchmDt, waren Rei chs wirts ch a ft sm ini- st er. Auf dem Kaffeler Parteitag im Oktober 1920 hat jeder von ihnen dem andern Unfähigkeit, Zweck- widrigLeiten und llnfruchtbarkeft voraeworfen. Nach solchen üblen Erfahrungen mit ihrer Kunst des Regierens, des Wiederaufbaues hat die Mehrheitssozialdemokratie es für ratsamer gefunden, auf die Mitarbeit an der Regierung zu verzichten. Das heißt: Man
lechzte jahrzehntelang nach der politischen Macht, um die Arbeiterschaft zu beglücken; und als man die Macht hatte, da lief man davon. Man hatte eingesehen, daß man sich bisher besser auf Opposittonsmachen, aufs Witzeroißen (wie es z. B. Genoffe Mihm in Fulda so gut kann), auf Versprechen verstand, als auf das Bessermachen. — Nun, wir haben das denen, welch« der Sozialdemokratie nachliefen, seit Jahrzehnten vorausgesagt. Aber der Anschauungsunterricht ist wirksamer. Die Sozialisten machen ihn jetzt durch. Und für die Kommunisten und Unabhängigen besorgen diesen Anschauungsunterricht die russischne Bolschewisten.
Alles versprach man den Massen von der V o l l - sozialisierung, durch die erst die sozialistische Gesellschaftsordnung herbeigeführt wird. Wir können nun feststellen, daß die Sozialdemokratte bis heute nicht klipp und klar sagen kann, wie sie die Dollsozialisierung durchzuführen denkt. Die meisten sozialistischen Sachverständigen geben offen zu, daß ste in nächster Zukunft unausführbar ist.
Also auch die Einlösung des sozialistischen Hauptwechsels wird verweigert. Man nennt das stn bürgerlichen Leben seine Zahlungsunfähigkeit erklären. Auf die Sozialdemokratie angewandt heißt das: die Sozialdemokratie muß sich weiter an Versprechungen klammern, so weit sie die bürgerlichen Parteien der Koalitivnsregicrung bekämpft und allein von ihrem sozialistischen Programm den Arbetern das Heil verspricht.
Die Mehrheitssozialdemokratie sollte doch den Mut haben, endlich gescheit zu handeln. Die Einsicht ist ja bei ihren vernünftigen Anhängern längst da; aber der liebe Mut fehlt noch. Wenn sie nun einmal als Partei eine besondere Stimme in der Regierung und in der Volksvertretung singen will, dann tue sie das aber in der ernsten Mitarbeit mit den echt demokratisch gesinnten bürgerlichen Parteien in einer Koalitionsregierung und in organischer Fortführung der demo- kratischen Entwicklung. Der revoluttonäre Sozialismus konnte wohl zersprengen, aber er konnte und kann nicht ausbauen. Und allein werden die So- zialisten den Aufbau nicht zustande bringen. Bis heute sind sie denn auch überall, im Wirtschaftsleben, im Geistesleben, in der Verwaltung von Staat und Gemeinde auf die ehrliche Mitarbeit der Bürgerlichen angewiesen. Warum da noch die alte Agitationsphrase reiten: Die Sozialdemokratie sei die alleinige Vertreterin der Arbeiterschaft, die einzige ehrlich: Volkspartei?
Die Entente-Häupter in Paris.
Ankunst der Konferenz-Teilnehmer.
Am Sonntag nachmittag sind Lloyd George, Lord Curzon und die Mitgsieder der englischen Delegatton in Paris angekommen. Ministerpräsident Briand begrüßte die englischen Staatsmänner. Zu gleicher Zeit mit der englischen Delegatton fft der italienische Botschafter de Mariino in Paris angekommen. Der italienische Minister für auswärtige Angelegenheiten Graf Sforza wird erwartet. Auch Giolitti wird voraus- sichttich nach Paris kommen. Wie der „Temps" mit« teilt, wird Montag vormittag nach Eröffnung der Sitzung des Obersten Ratees an erster Stelle die Frage der Entwaffnung der Einwohnerwehren behandelt. Man glaubt, daß das Reparcttivnsproblem erst am Dienstag zur Besprechung gelangen wird.
Deutschlands (Reparationslieferungen.
Die Reparattonskommiffion veröffentlicht einen Bericht über die Lieferungen Deutschlands bis zum 31. Dezember 1920: Die Lieferungen auf das Reparationskonto betrugen bis 31. 12. 1920 an Kohlen (Koks und Braunkohlen inbegriffen und gleichwertig berechnet) 17 818 840 Tonnen, Ammoniak- Sulfat 19 000 Tonnen, Dampfer, Segler und Fischerboote 2 034 729 Bruttotonnen, Flußschiffe nebst
falscher wert.
Roman von H. Abt.
14) -----------
"2ch bitte Sie, haben Sie Mitleid mit meinem armen Kind, mit meiner Gertrud!"
Da ging eine furchtbare Veränderung über fein Gesicht, dunkle Glut schlug ihm darüber hin, und seine Stimme dröhnte.
„Was hat der Name meiner Frau zu schassen mit all dieser gemeinen Lüge und Betrügerei!"
Cs blieb sttll ein paar Sekunden lang. Augenblicke, tn denen das Muttergefühl und ein Rest trdtzigen Stol- 3es, die sie zu einem vollen, wahrhaftigen Bekenntnis hatten zwingen wollen, in sich zusammensanken und nur eine grimmige Erbitterung in ihr die Herrschaft behielt.
Erbitterung, haßerfüllte Anklage gegen die, um derentwillen sie setzt selber hier stand als Vettogene. Mit hochrotem Gesicht und keuchendem Atem stand sie Lützenkirchen gegenüber.
„Meine Tochter hat immerhin damit zu schaffen, als es um ihretwillen geschah, daß ich log. Wenn sie auch nicht von allem unterrichtet war, was über die Mitgiftfrage zwischen uns erörtert wurde, so wußte sie doch, daß Sie in einer Täuschung über unsere wahren Verhältnisse befangen waren, daß sie durch mich des Glau- bens lebten, mein Mann fei Bankier gewesen und nicht nur Buchhalter bei einem solchen, wie das in Wahrheit der Fall war/
Sie erschrak, als sie die Wirkung ihrer Worte ge- wahrte. Lützenkirchen starrte sie an, sein Gesicht überzog sich mit fahler Blaffe, seine Hand griff ins Leere, als suche sie nach einer Stütze.
„Lüge! Gemeine Lüge!" stieß er wild heraus. Seine Faust hatte mit eisernem Griff Frau Klaras Hand gepackt. Um sich selbst vor mir zu reinigen, beschmutzen Sie mein Weib!"
Aber mit diesen Worten hatte er vollends die sich re. grobe Mütterlichkeit zurückgedrän-U De-- Kons ^rück- werfend, sagte sie: g3<b lüge nicht Unmittelbar nach der Verlobung verständigte ich mich mit Gertrud über dir betreffenden Angaben."
Aber im nächsten Augenblick, als Lützenkirchens Hand sich von der ihren löste und der Arm ihm schwer und leblos herabfiel, klang etwas aus ihr heraus, was echte Angst, wahrhaftes Muttergefühl war:
„Seien Sie darum nicht hart mit ihr! Sie ist jung und hat sich nichts Schlimmes dabei gedacht. Aus Liebe schien es ihr erlaubt. Sie liebt Sie wirklich! Seien Sie großmütig. Seien Sie gut zu ihr!"
Mit einem langen Blicke sah Lützenkirchen Sie an. Was all ihre Worte nicht vermocht hätten, dieser eine, echt aus dem Herzen hervor brechende Ton von Mutter- angst grub die Ueberzeugung in ihn hinein: es war Wahrheit! Und als noch einmal die bebende Stimme an fein Ohr klang — „Seien Sie gut zu ihr" —, da irrte ein wehes Lächeln um seine blaffen Lippen.
„Beruhigen Sie sich, ich werde ihr keine Vorwürfe machen."
Ohne Gruß ging er davon.
8.
Hin und her auf verschneiten Feldwegen trieb Lützenkirchen fein Pferd. Die Dämmerung hing grau vom Himmel hernieder und drängte zur Heimkehr. Ihm grauste davor.
Heim ... in das Heim, aus dem das Glück geflohen, in dem die Lüge einherging, die Lüge mit blauen Kinderaugen und unschuldigem Kinderlächeln.
Sollte er sie fragen, ihr alles sagen . . .? Und ihr auf die helle Stirn die Röte der Scham, das Schuld, bewußtsein drücken, daß sie hinfort die Augen nieder- schlagen mußte vor ihm und der Riß in ihrem Leben vollzogen war, sie beide ihn sahen und nebeneinander hergingen, zusammengehörend, aneinander gefeffelt und doch gekennt?
Von neuem riß Lützenkirchen sein Pferd herum, sagte es wieder hinein in den eisig kästen Dezemberabend.
Es war dunkle Nacht, als er endlich auf völlig abgehetztem Tier auf den Hof von Lützenkirchen einritt Schon im Hausflur tarn ihm Gertrud entgegen.
„Wie lange bist Du fortgeblieben! Ich habe mich so geängstigt um Dich. Und so kalt bitt Du. o Gott, so eisig kattl"
fUiateiial dazu 38 730 Tonnen, Tiere 360000 Stück, Sämereien 6802 558 Kilogramm, rollendes Material: Lokomotiven 4571, Waggons 129555, Lastwagen 5000, festes Eisenbahn material 140 000 Tonnen, landwirtschaftliches Material 131505 Tonnen Maschinen und Geräte), Farbstoffe 10787827 Kilogramm, pharmazeutische Produkte 57823 Kilogramm. Zn vorstehendem Verzeichnis sind verschiedene Lieferungen und Ablieferungen verschiedener Art nicht enthalten, die Deutschland zugeschrieben werden müssen oder als solche in Betracht kommen, für die aber Zahlen nicht angegeben werden können, z. B. bei Privateigentum und Teilschulden in abgetretenen Gebieten und im Saargebiet, nach dem 11. 11. 1918 im Stich gelassenes Material usw. In die Gelieferten Werte, zu denen noch die deutschen Ueberfee- Kabel kommen, haben sich die Verbündeten Mächte geteilt. _____________________ __
Oberschlefien.
• Der deutsche klbftlmrnunsrkommissar hat bei der interalliierten Kommiffion in Oppeln dagegen protestiert, daß der polnische Vorsitzende des Paritätischen ?Ius- schuffeS in Laurahütte Paul Kurzma eigenhändig im Gemeindemeldeamt sämtliche Ersuchen auf Ausstellung von AusenthaltZbescheintgungen weggenommen und fortgeschleppt und sie bis jetzt nicht zurückgeaeben habe. Es handelt sich um über 650 Ersuchen. Durch die Maßnahme wurde die Verwirklichung der geforderten Formalitäten vereitelt nnd die Abstimmungsberechtigten der Kategorie C um ihre Stimme gebracht.
* Berliner Erwerbslose als polnische Schlepper. S)te BerlinerPolizet ermittelte eiuepolnischeAgitationS- zentrale, die Erwerbslose gegen größere Taoessummen alS Schlepper für den Kauf oberfchlesischer Stimmen benutzte. Ein polnischer Aoent wurde festgenommen und eine ganze Reihe Schlepper unschädlich gemacht.
Ein polnischer Waffentransport beschlagnahmt.
Die Nachrichten über die politischen Putschvor- bereitungen in Oberschlesien werden grell durch folgende Meldungen beleuchtet, die der „Oberschlei. Wanderer" bringt: Freitag vormittag gegen 5 Uhr ist drei Kilometer südöstlich Rupkau ein polnischer Waffentransport beschlagnahmt worden. Auf toter Wagen sind 13 Maschinengewehre, 100 Handgranaten, 101 Wurfgranaten und 140 Kisten mit 5600 Schuß Munition von der Pol- nischen Grenze aus dem Dorfe Czyssowska herübergekommen. Die Waffen wurden von einer Streife der Absiimmungspolizei beschlagnahmt. Die sechs Begleiter, alles bekannte Polen aus Maklowitz, sind entflohen.
Diese Nachricht wird durch die Interalliierte Kommiffion bestätigt, nur verschweigt diese in ihrer „Unparteilichkeit", daß es sich um einen zweifelsfrei polnischen Transport handelt.
Immer neue Milliarden-Forderungen!
Der R e i ch s r a t genehmigte die vom Reichstag be. reits gutgeheißene Erhöhung der Teuerungszula- gen für die Beamten und beschäftigte sich dann mit einem neuen Notetat für Februar 1921. Es ist der 7. Notetat des laufenden Rechnuiwssahers. Da der Reichstag sich wegen der preußischen Wahlen am 4. Februar bis Ende Februar vertagen will, so wird der Etat für 1920 frühestens zu dem Zeitpunkt verabschiedet werden können, zu dem unter normalen Umständen bereits der Etat für 1921 hätte fertiggestellt fein müssen. Mit anderen Worten: Man hat das ganze Rechnungsjahr 1920 hindurch ohne geordnete verfassungsmäßige Grundlage gewirffchaftet.
Don der Höhe der Beträge, die dieser siebente Notetat anfordert, mögen die folgenden Zahlen eine Vorstellung geben: zum Ersatz von Tumultschäden 400 Millionen; zur Verbesserung der Volksernährung 7,7 Milliarden — und zwar 1 350 000 000 zur Beschaffung von billigem Mais für Landwirte, die sich verpflichten müssen, die damit gemästeten Schweine zu angemessenen Preisen an öffentliche Stellen abzuliefern, und
Er schob sie von sich.
„Ich muß erst die Kleider, wechseln, verzeih'." In seinem Zimmer gegen die Wa id gelehnt stand er, nachdem er den feuchten Anzug mit einem andern vertauscht. Seine Frau mußte kommen, ihn an das Abendessen zu mahnen. Sie hatte selbst den Tisch gerichtet, zum ersten Mal im eignen Heim. Und sie reichte ihm mit stolzem Lächeln die Schüffel mit dem Ragout zu: „Davon mußt Du nehmen, das habe ich selbst gekocht."
Er würgte ein paar Bissen hinunter und nickte ihr zu, als sie erwartungsvoll mit aufgestemmten Armen ihn ansah. Dann preßte er die Hand gegen die Stirn.
„Ich bin grausam müde."
Sie trat zu ihm, legte den Arm um feine Schulter.
„Was ist Dir, Franz? Du bist fo anders heute. Ist irgendwas geschehen?"
Er schüttelte hefttg den Kopf, sein Gesicht verzog sich habet. Nur jetzt nicht mehr reden, nur jetzt an nichts rühren.
„Müde bin ich. Ich habe oiet zu schaffen. Wir wollen früh zur Ruhe gehen."
Gertrud unterdrückte einen Seufzer. Der Alltag begann fein Recht zu fordern. Die selige, freie Zeit der Honigwochen war vorüber.
Lützenkirchen hatte feiner Frau ein schnelles „Gute Nacht" gesagt, dann hatte er, auf seinem Lager ausgestreckt, die Augen geschloffen. Aber noch war er völlig wach, als endlich Gertruds gleichmäßig sanfte Atemzüge ihm sckgten, daß sie entschlummert sei.
Sie lag still und friedlich wie ein Kind, das Gesicht im Schein der Nachtlampe ihm zugekehrt. Und solche Maske sollte die Lüge trogen? Er hätte aufspringen mögen, sie emporreißen, wachküffen und ihr zurufen: „Du bist die Wahrheit! Alles andere ist Lüge!" Aber er war so müde und eine Angstbitte klang noch in feinen Ohren:
„Seien Sie gut zu ihr, sie hat nichts Schlimmes dabei gedacht"
Morgen — morgen wollte er reden.
Und wenn nicht alles Lüge war. wenn sie unehrlich gewesen — aus Siebe — wenn sie's in Ehrlichkeit ihm 1
5,5 Milliarden zur Beschaffung von Auslandsge- treibe und zur Verbilligung der Brotoersorgung, — für Frühdruschprämien und für die durch geringere Ausmahlung des Getreides entstehenden Mehrkosten 278 Millionen; zur Verbilligung des Brotgetreides für bie' besetzten Gebiete 12 Millionen; zur Erleichterung bes Bezuges phosphorhaltiger Düngemittel 500 Millionen; zu Ablieferungsprämien für Kartoffeln, bie bas Reich an bie Reichskartosselstelle zu zahlen hat, 50 Millionen; für Ueberleuerungszuschüsse bei Neubauten von Handels, schiffen 400 Millionen; zur Ausführung bes F r i e-, ensvertrag-s 3 Milliarben, unb zur Deckung des Fehlbettages bei ber Eisenbahn, ber auf voraus, sichtlich 16 Milliarden geschätzt wirb, eine Millillrbe Mk.
Der Reichsrat sttich 9 Millionen Mark unb bewilligte im übrigen den Notetat. Ferner würben Ergänzungs- forberungen für verschiedene Etats angenommen, dar- unter auch Forderungen bes Auswärtigen Amtes für' mehrere Dienstkraftwagen. Gegen bie Bewilligung bie« (er Forderung stimmten die preußischen Vertreter.
Schließlich wurde eine Vorlage genehmigt, bie zur Entlastung ber Gerichte bie Zuständigkeit ber Amtsge- gerichie in Dermägenssachen erweitert, ben Schossen, gerichlen Sachen Überweist, für bie bisher bie Landgerichte zuständig waren.
Neue Porto-Erhöhungen.
Im ReichspostministeriußN wurde mit dessen Der- kehrsbeirat unter dem Vorsitz bes Reichspostministers der notwendig geworbene vorläufige Entwurf eines neuen Post- unb Telegraphengebührengesetzes burchberaten. Nach biefem bem Reichsrat und dem Reichstag vorzu- legenben Entwurf beabsichtigt der Reichspostminister foU genbe neue Gebührensätze vorzuschlagen:
Für Briefe bis 20 Gramm 60 Pfg., über 20 bis 250 Gramm 1,20 Mk., für Postkarten 40, für Drucksachen bis 20 Gr. 20 Pfg., über 50—100 Gr. 40 Pfg., über 100—250 Gr. 60 Pfg., über 250—500 Gr. 80 Pfg.. über 500 Gr. bis 1 Kgr. 1 Mk.;
für Geschäftspapiere (ebenso wie für Misch- fenbtmgen) bis 250 Gr. 60 Pfg., über 250 bis 500 Gr. 80 Pfg., über 500 Gr. bis 1 Kgr. 1 Mk.; für Waren- proben bis 250 Gr. 60 Pfg., über 250—500 Gr. 80 Pfg., für Päckchen (bis 1 Kgr.) 2 Mk.;
für P a k e t e in ber Nahzone bis 5 Kgr. 3 Mk., über 5—10 Kgr. 6 Mk., über 10—15 Kgr. 12 Mk., über 15 bis 20 Kgr. 18 Mk.; in ber Fernzone dementsprechend 4, 8, 16, 24 Mk.
Beabsichtigt ist ferner bie Einführung einer Min- best-Iahresgebühr im Zeitungsversand von 1 Mark 80 Pfg. für bie Iahresnttmmer sowie bie künftige Erstattung ber ber Post, wenn sie bie Verpackung ber Zeitungen an Stelle bes Verlegers besorgt hieraus er»' wachsenben Selbstkosten. Hierzu kommen einige Aenbe. nmgen der Gebühren ber Postordnung, die nach Geneh- migung durch den Reichsrat im Wege der Verordnung einzuführen wären, nämlich die Erhebung der Einschreibgebühr auf 1 Mk., der Eilbestellgebühr für Briefe, im Orts- bezw. Lanbbsstellbezirk auf 1 Mk. 50 Pfg. unb 3 Mk,, sowie für Pakete auf 2 Mk. 50 Pfg. bezw. 5 Mk.
Der Entwurf eines Gesetzes zur Aenderung des Postscheckgesetzes sieht ebenfalls wesentliche Ge- bührenerhöhungen vor. Nach einem weiteren Gesetzentwurf über bie Aenberung ber Telegraphengebühren soll bie Wortgebühr für Telegramme künftig betragen bei gewöhnlichen Telegrammen 30 Pfg., mindestens 3 Mark, bei Pressetelegrammen bie Hälfte bieser Sätze
Sämtliche'Vorlagen — eine weitere Gesetzesvorlage, betreffenb bie Aenberung ber Fernsprechgebühren befinbet sich noch in ber Vorbereitung — werben nunmehr bem Reichsrat zugehen. Der Reichspostminister ist bereit, bem Reichsrat bie Einfügung einer Gewichts- stufe beim Briestarif für Briefe über 20—100 Gramm zum Gebührensatz von 80 Pfg. zu empfehlen, ferner bei ben Drucksachen bie Ermäßigung ber beiden ersten Ge- bührensätze von 20 und 40 Pfg. auf 15 unb 30 Pfg., sowie bie Herabsetzung ber Einschreibgebühr auf 80 Pfg.« dies im Hinblick darauf, baß hierburch bas finanzielle Ziel ber Vorlage voraussichtlich nicht tn Frage gestellt wirb.
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In einer halbamtlichen Darstellung wird auf bas stets wachsende Defizit im Postbetrieb, bas für biefes Jahr 2,9 Milliarben beträgt unb das sich im nächsten Jahre auf 4 Milliarden stellen muß, hingewiesen. Durch bie
zugesianb, bann sollte alles vergeben sein, konnte viel, leicht alles gutgemacht werben.
Gerttud schlief noch fest, als er aller Gewohnheit ge. mäß ftüh am nächsten Morgen in bie Wirtschaft ging. Als er zum Frühstück in bas Haus zurückkam, hantierte sie, ftaulich wichtigtuenb, im Wohnzimmer umher. In einer Ecke, bie sie sich zum Arbeitsplätzchen ausersehen, hatte sie allerlei Krimskrams aufgebaut. Inmitten bart on ftanb in selbstgefällig lächelnber Schönheit ein Bild Frau Klaras. Mit überschlagenen Armen blickte Lützenkirchen darauf nieder, dünn wandte er sich an seine Frau: .Hast Du nicht auch ein Bild deines Vaters?"
Sie schütteüe ben Kopf „Nein, Mama hat eines, aber sie hält es im Kasten; sie sagt, es fei zu schlecht."
Seinem uiroerroanbt an ihr hängenden Blick entging es nicht, wie sie während des Sprechens plötzlich stockte, rot ward unb nun von bem Fenster hinweg zum Kaffee» tisch brängte. Aber Lützenkirchen trat dichter an bas Arbeitstischchen heran Unb Frau Klaras Bild auf» nehmenb. sagte er:
„Sein Vater mär' gewiß sehr stolz auf seine schöne Frau unb hat es sich angelegen sein lassen, ihrer Schönheit noch ben entsprechenden Rahmen zu geben. Ein Bankier barf sich ja bergleichen gestatten."
Ein leiser, gequälter Laut tarn über Gertruds Lippen.
„Sagtest Du etwas?" fragte Lützenkirchen Es klang unendlich gütig. Sein Blick ruhte mild unb ernst auf ihr.
„Nein, nichts," gab sie abgeroanbten Hauptes auf feine Frage Antwort Unb bann mit bringenber Bitte? „Möchtest Du nicht jetzt Kaffee trinken?"
Er hatte sich bereits von ihr abgekehrt und schritt bem gebockten Tisch zu. Ohne zu warten, bis sie ihn freund- lich bediente, begann er hastig fein Frühstück, und als er kaum geendet, erhob er sich wieder.
„Du willst schon wieder gehen?" fragte Gertrud.
„Ja ich habe zu tun."
Seme Stimme klang geschäftig. MU kräftigem Schritt ging er »ui Ifir m» faßte bie Klinke.
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