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Fuld aerZeitung

Amklicher Anzeiger für den Kreis und die Skadk Fulda.

48. Zahrg,

Samstag, 15* Januar )921

fir. tt

äeiugspreis; Monanich 3.00 Ulk. ohne Zustellgebühr. JnFu.So bei unsabgeyoU3,15 Ult. Anzeigenpreis: DieK>einzeile ;6ou>neimay) 6u JJjg, u. 10°n Zmchlag, die Rekiamezetle (Tepviene» 1.80 llik., u. 10" ° Zuschlag. Lei Wiederhol. Rabatt.

lberuniworlitch iüi Den .euauioncUcn Teil: Stör I Schülte. - tüt Du zm^eigen: I. Parzener« Fulda. u Ro'ationsbruä u. «erlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda, termpiedjer Nr. 9. Telegr.-Adrrife: Fuldaer Zeilung

Die weltpolilischs Krifis.

Wmn in Frankreich ein Ministerium gestürzt und eine neu: Regierung zurecht gestaltet w.rd, so ist das «r der Regel nichts Neues und nichts Ausregendes. Au­genblicklich erregen aber die Pariser Vorgänge ein atcherordentl ches Aussehen, weil die dort auegebrochene Krisis eine weltpolitische Bedeutung hat und in Wechselwirkung sicht mit der Entwicklung der sogn. Frieüenspol tü, unter der seit zwei Jahren die Be- f legten so furchtbare Leiden und die Sieger so schwere Sorgen durchmachen müssen.

Sn Parts soll jetzt der bisherige Kammerpräsident Per et das gewünschte Ministerium der starken Männer bilden. Er ijt gestern morgen von Millerand mit der Bild u ng eines neuen Kabinetts be­auftragt worden und hatte tm Laufe des Tages Be­sprechungen MU zahlreichen politischen Persönl-chkvcken Wenn es ihm gelingt, bte erforderliche Anzahl von ehrgeizigen Kollegen zu gewinnen, so wird er wohl eine Verirauenskundgebung der eigenen Kammer erhalten; aber damit ist noch nichts Rechtes erreicht. Die neue Regierung mutz England und Italien auf die Se,te der französischen Gewaltpolitik ziehen, und ehe das erreicht wird, kann noch mancher starke Mann verschlissen wer- den.

3n der Entente selbst ist die Krisis ausgebrochen, und zwar durch den schweren Gegensatz der In­teressen zwischen den alliierten Staaten und unter dem Eindruck der S ch w i e r i g feiten, bte durch die Franzosen bisher heraufbeschwocen worden sind.

Die französischen Machthaber wollen das Deutsche Reich verstümmeln, sprengen und vernichten. England will Deutschland nach Kräften mir beulen, aber es will uns leben und arbeiten lassen, weil Deutschland ein gu­ter Kunde der englischen Geschäftsleute gewesen ist und nach ihrer Ansicht auch wieder ein lohnender Kunde wer­den tarnt. Die unversöhnlichen und obendrein ängst- licheti Franzosen betrachten und behandeln Deutschland vom militaristischen Standpunkt aus; die Eng­länder vom wirtschaftlichen Standpunkt aus. Den letzteren müssen sich naturgemäß die Italiener an- schließen, da für sie der Güter- und Personenverkehr über die 2Upen von der größten Bedeutung ist.

Frankreich erstrebt tritt der größten Zähigket die Ausdehnung der Okkupation, die Besetzung des Ruhr­gebiets, die Spalmng von Süd- und Norddeutschland, die Absplitterung von Oberfchlesi n und die sonstige Stärtung feines politischen Satrapenstaates. Ob der Nest von Deutschland zusammeybricht und in das bol- ichewistische Elend stürzt, ist den französischen Heß- ipornen gleichgültig, der Engländer aber will den deut- fchen Schuldner und Kunden lebens- und leistungs­fähig erhallen, allerdings unter scharfer Kontrolle, da­mit er nicht zum Wettbewerber auf dem Weltmarkt werden kannn.

Don den Engländern dürfen wir keine Wohltaten erwarten, sondern höchstens soviel „Gnade", wie sie einem Angeklagten zuteil wird, der zum Tode verur­teilt ist, und dann zu lebenslänglicher Zuchthausarbeit begnadigt wird. Der arme Mensch freut sich, daß er wenigstens den Kopf auf dem Rumpf behält, und tröstet sich mit der Hoffnung, daß er vielleicht doch noch aus dem Kerker befreit werden kann.

Die herrschende Mehrheit in Frankreich macht setzt den Versuch, die schwankenden Bundesgenosten, Eng­land und Italien, wieder in das Gleise ihrer Ver­nichtungspolitik zu ziehen. Es ;ft ken Zufall, daß dem Aufbäumen des französischen Rachegeistes die Hochflut von zahlreichen Beschwerdenoten zu Neulahr voraus- gtng. Es ist auch kein Zufall, daß die Krisis gerade fetzt einietzt, wo die Entscheidung in Oberschle- s i e n vor der Tür steht. Die deutsche Regierung hat durch die jüngsten Roten über die polnischen Ausstands- Dorbereitungen, die Ansammlung eines Angrifssbeeres

falscher Werf»

Roman von H. A b t.

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„Scheint Ihnen das Ereignis so wenig erfreulich, fieber Doktor, daß Sie keinen Glückwunsch dafür ha­ben?"

„Ihre Tochter wird sich mit Herrn Lützenkirchen ver­heiraten?"

Dann stand er langsam auf, und sie sah fein Gesicht, verschlossen, wie die fest aufeinander gepreßten Sippen.

Die auffteigenbe Angst ließ sie er blaffen.

„Lieber Freund, ich . . . Sie . . . wollen Sie nicht . . ."

„Gewiß, ich wünsche Ihnen alles Glück zu der Ver­heiratung Ihrer Tochter."

Derselbe starre Ton, dann strich er mit der ihm eigentümlichen Bewegung von den Wangen emnor über die Stirn. Und dann mit feinem gewöhnlichen Stim­menklang sagte er noch einmal:

„Ich wünsch? Ihnen alles Glück."

Sie wußte nicht, wie sie sich fern Wfl-n deuten sollte, ihre Blicke forschten in seinem Gesicht, und sie wieder- holle nochmals ihre Frage:

„Es überrascht Sie, nicht wahr?"

Er sah an ihr vorbei und schüttelte den Soif.

„Nein, es überra-cht m'ch nicht. Ich wartet- feit län­gerer Zeit darauf, daß Sie mir eine solche Mitteilung machen würden."

Kaum, bah sie den Blitz d»s Triumphes verbergen konnte, der aus ihren Augen flammte. Er hatte dar­auf gewartet... So hatte sie ihn rech' verttanben ge­habt damals! Und verstand ihn jetzt. So schwer ver­ständlich sein Ungeschick sich auch gab. Aber er wurde der Hilfe brauchen im letzten en'sch-id-nbcn A--ue-b'ick, wird vielleicht einen bra -djen der ihm die verständli- chen Worte in den Mund legte . . . eine .

Ein strahlendes Lächeln hatte Frau Klaras Gesicht üdersonnt und wich auch nicht, als Anton Weibrecht jetzt sagte:

„Leben Sie wohl, Frau Mengers, ich bars nicht län­ger bleiben."

hinter der polnischen Grenze und die Begünstigung des frevelhaften Treibens durch den General Le Rand den französischen Gewattpotitikern bedeutende Schwie- rigketten gemacht. Aus diesen Enthüllungen droht eine weitere Mißstimmung in England und Italien zu ent­stehen. Zur Abwehr dagegen entschloß man sich, ein „starkes" Ministerium in Paris zu bilden, und allem Anschein nach hatte man dabei den Nebengedanken, daß sich durch dieses Zwischenspiel die anteraumten Konferenzen verzögern lassen. Es liegt den franzö­sischen Machthabern sehr viel daran, daß die deutschen Entschädigunassmnmen noch nicht festgesetzt, sondern in Frankreich der Glaube erhalten wird, daß der „Boche" alles zahlen werde.

Der Zwiespalt in der Entente ist zweifellos da. Ob der Riß roieber einmal vorläufig verkleistert wird, oder ob de Niederlage der Bernichtungspolitik sich er= gbt, läßt sich noch nicht voraussehen.

Der Preußengeist.

Gleichzeitig mit dem Parteitag der deutschen D o l k s p a r t e: für Preußen hat in Berlin eine Kundgebung der Deutschnationalen stattgefun­den. Auch die oeutschnationale Beranstal ung sollte einen Auftakt zu den Preußenwahlen darstellen und wie cu* dem vo.ksparteilichen Parteitag schallte auch von h'er das begeisterte Bekenntnis zmn alten „Preußen" zur Et Haltung des überlieferten preußischen Staates.

Es empfiehlt sich die Frage des „Preußengeistes" und der Wahrung der preußischen Staatseinheit ohne Semimental löt und ohne tak.ische Hintergedanken recht ruhig und sachlich zu behandeln. Preußen hat offenbar eine große Aufgabe gehabt in der Bildung des Deutschen Reick^s und sie zum Teil erfüllt. Der Preußengeist hat manche gute und auch gew'sse weniger schöne Eigen- schäften gezeigt und demgemäß in Deutschland teils günstig, teils ungünstig gewirkt. Wenn man nicht aus- fchließsch die Lichtseiten betrachtet, sondern auch die Schatten ins Auge faßt, fo kann man nicht ohne wei­teres sagen, daß der Preußengeist in der überl'eferten staatlichen Machtentiallung das unentbehrliche Heil für die Nation sei.

War nicht der „Preußenge'st" wesentlich schuld daran, daß wir in dem halben Jahrhundert nach 1870-71 in Elsaß und Lothringen so wenig Sympa­thien gewinnen konnten, daß wir in den überwiegend polnischen Landcrleilcn nicht heimisch wurden? Und wenn der Preuheng ist n'cht so erhebliche Mängel ge­habt hätte (sagen wir: Fehler seiner Tugenden), so würde die Gefahr einer Auflösung des preußischen Staates überhaupt nicht ausostaucht fein. Berlin ist in den weit sten Kreisen Deutschlands gerabeju ver­haßt. und das eigen'iiche Preußentum in manchen Pro- vinzer jo wenig beliebt, daß große Teile der Bevölke- rmtg von der preußischen Zentrale losgelöst fein möchten.

lieber die Zweckmäßigkeit einer Auflösung oder Der- klcinerung des preußischen Staates kann man versch'e- dener Meinung sein. Aber man braucht sich deshalb nicht aufzuregen, da nach der gegenwärtigen Gesamt­lage Deutschlands der ungeschmälerte Fortbestand des preußischen Staates nicht mehr als eine Lbenenot- wend'nkeit zu crackten ist. „Es geht auch fo." Wer den überlieferten Preußenstaat retten will, der muß das dazu ar?igre*e Mittel anwenden, imö das ist nicht die leidenschaf-licke Dcklamat'on auf Parteitagen, son­dern hie Miicrbeit an einer befriedigenden Dernevtratt- sation, an einer aesunden Autonomie der Pro­nin , e n di? den Wunsch nach knmdesstaa'licker Selbständipkttt bcfckwicktigt. Die provinzielle Sclbst- ncrwaihmo ist ja schon e?naele:tet und soll durck ein be­sonderes Gesetz weiter geführt werden. Laste man dieser Entwicklung ihren rubi'vn Verlauf. Dann wird

„Leben Sie wohl, lieber Freund. Und Ich werbe Sie halb roieb’rfeben, nicht wahr,"

Ssin Gesicht war ber Tür zugekehrt.

„Ich weiß nicht ... ich glaube nicht ... Ich habe eine Reise vor ... eine lange Reise ..."

„Eine lange Reife . . .1"

Sie schrie es beinahe. Das sonnige Lächeln war säh erloschen, mit ihren beiden Händen hielt sie die seinen gefaxt . . .

„Aber Sie werden noch einmal hierher kommen, be­vor Sie reifen. Ein einzigesmal noch. Versprechen Sie es wir. baß Sie wieberkommen!"

„Wieberkommen . . . wenn Ihre Tochter sich verhei­ratet hat . . ."

Es ging wie ein inneres Schüttern durch feine Stimme, feine fiänbe preßten ein paar Sekunden lang fast krampfhaft die ihren und lösten sich dann mit plötz­lichem Ruck.

„Leben Sie wohl, Frau M-ngers."

Er mar gegangen und sie hatte ihn nicht zu hatten verficht; auch kein letztes: Auf Wiedersehen! ihm nach- gervfen.

„Wieberkommen, wenn ihre Tochter sich verheiratet hat . . ."

Ja boch, ja bech! Und bald, fo bald wie nur irgend möattch . . . bHe Hochzeit beschleunigen von der ihr eign-s Alles obhing.

Wie ein Fieber elender Ungeduld war es über sie gekommen, während sie auf bfe von sich g-str-ckten Häitte schaute, an denen sie noch A"ton Welbreckts framnfha'« ten Druck zu verspüren glaubte. „Ellen eilen" — häm. werten di- G-bank-n in ihr — „keine 3'it verlieren."

Und die TTtgiff an die sie Lätz-nttrchen hatte tau­ben lassen, die er ei"es Togos einfordern würde? Eines Ta-cs ... am Hockzcttstoqe . . .

Mit einem leickttertta f-llhst-mfäll'g-n Läch»ln warf Frau Klara den Kopf z"rück. Es würbe ihrer Klugheit io wohl gelingen die Dinge zu drehen und g'ucf'i-f) zu leiten bis zur Hochzeit ... bis über die Hochzeit hin­aus.

5.

In Langenau war Kontrollverfammlung g-wefen. D>s beteiligten Gutsbesitzer, die wieder einmal ihre

sich ja im freien Spiel der Kräfte zeigen, ob der alte preußische Staat sich erhallen läßt oder nicht.

Bei der Verteidigung des allen Staates haben die ehemaligen Konservativen und Natiorwlliberalen mäch­tige Bundesgenossen an den Sozialdemokraten. Gerade eben hat der frühere Minister und jetz'ge Ober- Präsident Noske eine scharfe Lanze für das urroer- schrie Preußen eingelegt und sich sogar gegen die Aus­höhlung durch Dezentralisation ausgesprochen. Der sozialdemokratisch: Gedankengang ist ganz klar. Sie schwärmen nicht für den Preußen ge ist, aber für den Preußen staat, weil sie hoffen, in diesem Staat oie Mehrheit und d'e Macht zu erhalten, während m den Provinzen die sich absondern würden, die ro:e Herr- schail nicht gesichert wäre. Das ist Partei-Egois­mus Sollten bei den Deutschnattonalen und Volks­partellern ähnliche Spekulationen mitspielen?

Mr wollen uns nicht lange den Kops zerbrechen über die Taktik der anderen Parteien, sondern einfach den Entschluß fasien daß wir alle Kraft einsetzen für bte Stärkung ber Zentrumspartei bei den bevorstehenden Wahlen Denn wir wissen daß gerade das Zentrum die Gewähr bietet für eine friedliche und gedeihliche Lösung der „preußischen" Frage. ________________

Die Verhandlungen mft

den Lstifenbahnern.

Die Besprechungen zwischen der Regierung und den Eisenbahnern, die am Freitag in ber Re'chska"zfei stcrtt- femben. bauerten bis in die späten Nochmittaqsstt'Nbe.n. Reichskanzler Fehrenbach ergriff selbst bas Wort tmb gab ber Hoffnung Ausdruck, baff die bestehe chen ©(hroieriafeiten sich auf friedliche Wells beseitigen lasten würden. Aus den Darkegu"gen ber Regierunasvertreter ging hervor boß trotz bes Bestrebens der Regierung, die wirtschaftliche N"ttage her Beamten zu lindern, soweit es die finanzielle Sa— überhaupt zulaffs boch e-ne Ver- roirfli-hurm der Wünsche, wie sie von ben B«om'en ausgesprochen werben, kaum möglich sei. Die Re­gierung sei der Ansicht, baß die Eisenbahner bei ber ersten ' Besprechung im Re'chsoerkchr-ministertt-m Ver­pflichtungen eingega-gen seien, di- man jetzt nich^ ohne roeltc’-es umstoß-.n könne. Das Reich sei auch nicht in der Lage, viel weiteraehende finanz-ellc Zugeständnisse zu machen. Man wolle den Organifottnnen entgegen« kommen und über eme andere Abstufung ber Teuerungszuschläge beraten, die nicht nur die Ortsklassen, sondern auch die Gehaltsftufenstaffel.ung be­rücksichtige.

Es fand bann eine getrennte Besprechung mit den Vertretern ber Sn'tzenvrgan'fationen statt, an ber die Minister ©rsberts und v. Raumer te'lnabmen und in ber man sich einnehend mit ber Frage des Preis­abbaues bcfdjäffinte. Ferner wurde ein Unteraus­schuß unter dem Vorsitz des Ministerialdirektors Hiez'er gebildet, ber stch noch einmal mit den Ergebnisten ber Besprechung betohte. Am ©emstni soll bann der Sech­zehnerausschuß der Effenbahneror-a-'ttationen zu den heut- besprochene.^ Dorfch!ä"en der Regierung S'el- ftmg nehmen; aus diesem Ausschuß finb übrigens die b'sherigen D-rtteter her Gewerkschaft deutscher Eisen­bahner und Staatsbediensteten 0"sqefchieden. da sie hie veränderte Haltung des Ausschusses gegenüber den Er- aebniffen ber früheren Derhanblungen nicht bi,ri'en kannten. Im Laufe des Abends waren auch die Frak- tionsführcr des Reichstages zu den Besprechungen v-r- sammelt. In gemeinsamer <rrörferung würbe versucht, eine Serftönbigung berbeizuführen.

Die Urabflimmnng der Eisenbahner.

Nunmehr liegen die enboürtiqen Zab'en ü^er das Ergebnis der Urabstimmung im*er den E senb<ckn''eom- ten vor. Von ungefähr 270 000 eingetragenen Mitglie­dern der Reichsoewerkschalt deutscher Ettenbahubeam'en haben sich im ganzen 251252 an der Abstimmung be­teiligt. Von den abgegebene - Stimmen lauteten für den Streik 205 210, also 81% Prozent.

An8 dem befristen webtet.

* Der 18. Januar. Im französischen Bcsatzunogneblet tft jegliche Feier und Kundgebung zur 50jährigen Wieber-

Heerestüchtigkeit bargetan, hatten sich nach ftott-ehabter Kontrolle wie gewöhnlich zum fidelen Frühstück ver­einigt, und dieses hatte sich dermalen in den Nachmit­tag gedehnt, daß sie sich erst zum Aufbruch rüsteten, a's der schattige Garten der „Goldenen Krone", wo sie ihr Frühstück eingenommen, sich mit den Langenauer Stan, be^perfonen zu füllen begann, bte hier ottinöchentlich ein­mal ihr Familienkränzchen abhiellen. Man ftanb, ben kleinen Beamtenkreis abgerechnet, auf ben umliegenden Rittergütern nicht in geselligem Verkehr mit Langenau, dessen Damenwelt namentlich dem wenig entsprach, was die feingebildeten Gutsbesitzersgattinnen und Töchter zu beanspruchen gewohnt waren. Heute indessen, wo man diese Gattinnen und Töchter daheirngelasien, und um. gänglicher gemacht durch das vorausgegangene Früh­stück, hatten ein paar Herren ber Aufforderung Folge gegeben, noch ein Weilchen die Unterhaltsamkeit eines gediegenen Kleinstadtkränzchens zu erproben.

Franz Lützen'irchen, ber heute bte Dragoneruniform bes Reservel-utnants trug, hatte ein längeres Blttben abgelehnt. Da feine D-rlobung eben erst bekannt gege­ben worben, hatte er während ber Mcck'g„tt auf ma -dj-s seinem Glück bargebrachte volle Gfas Bttcheid tun müs­sen und fühlte nun keine Neigung, an einem weiteren Tranfapfer in schäumendem G-rltensatt teilz"nehmen. Im Begriff, ben Garten zu verfallen, sah er sich plötz­lich einem vettpätet kommenben Kränzchenmitglied ge­genüber — Frau Dorette Pauly.

Da ihre eindrucksvolle Gestalt bte f*male A "Spanos, pforte völlig füllte sah er sich, militärisch grüßend, oe. nötigt, stehenzubleiden, und sie, feinen Gruß mit leb­haft bargobotener Hand erwidernd, tat dabei gleichzeitig ein paar Schritte in den Garten hinein, was ihn zwang, auch feinen Fuß noch einmal rückwärts zu wenden in­dem er auf ihre Frage nach fernem Wohlergehen höll ch Antwort gab. Ein paar weitere Redensarten wurden noch zwischen ihnen geweck'elt. und bann blieb sie vor ihm stchen, die Hand babei wie von ungefähr auf e:nen kleinen Tisch stützend, der etwas seitlich ber großen Kränzchettafel stand.

(Fortsetzung folgt.)

• kchr der Reichsgründung wegen Gefährdung der öffenfc J licken Sicherheit (!) verboten.

Preußische Lan-esversanrrrrlung.

Die Sitzung vom Donnerstag fand ihr Ende erst %12 Uhr nachts. Zum Schluß würben noch di« beiden Nach- tragetats einschließlich der Änforderimg für die Schutzpolizei in zweiter und dritter Lesung bewilligt., Die Novelle zum Gesetz über die Besteuerung der W a n- berlager wurde in zweiter Lesung mit bet Maßgabe angenommen, daß der wöchentliche Steuersatz in Berlin 600 J*. beträgt und weiter nach der Einwohnerzahl der Gemeinden von 500 bis 100 Mark abgestuft wird. Eine namentliche Abstimmung, die bei der dritten Lesung vor­genommen wurde, ergab die Bejchlußunfähigkeit des Hau­ses. Präsident Leinert beraumte für sofort eine neue Sitzung an, in der dann neben einigen kleinen Vorlagen das Landes ft euernotgesetz m zweiter und örit- ter Lefung unverändert Annahme fand.

In letzter Stunde erzwangen die Rechtsparteien noch den Durchfall des Hebammengefetzes. Es soll!« nämlich in dritter Lesung auf die Tagesordnung vom Frettag gesetzt werden. Die Rechtsparteien protestierten dagegen, und zur Unlerstlitzung dieses Protestes genügten geschäftsordnungsmäßig ihre Stimmen. Damit wurde die dritte Lesung vereitelt und dos ganze Gesetz zum Scheitern gebracht.

Der Beginn der Freitag-Sitzung, der letzten Sitzung der Landesversamnilung. war eine mehr als unwürdige Ko­mödie. Bei der zunächst vorzunehmenden namentlichen Abstimmungen über die gestern vertagte Restoorlage zum K u l t u s e l a t, die sich meistens mit Besoldungserhöhun­gen und Besserstellungen ber Geistlichen (u. a. außer der allgemeinen Besolbungserhöhung für katholische Geistliche bie Erhöhung des Gehalts der Fuldaer Domgeistlichen) befassen, ergibt sich regelmäßig durch die Obstruktion ber Sozialisten die Beschluß Unfähigkeit des .Hauses, sodaß gegen Uhr, knapp eine Stunde nach Beginn, bereits die siebent« Sitzung bes Tapes anberaumt werben muß!

Endlich kommt man zur dritten Lesung bes Staats. Haushalts, bei ber man sich bewogen fühlt, noch ein­mal eine große politische Aussprache eintreten zu lassen, ausgerechnet, in der letzten Sitzung vor den Wahlen!

Der Mehrheitssozsalist Hellmann polemisiett m schar­fer Form gegen bie Rechtsparteien und gegen die jetzige Reichsregierung, der er Unfähigkeit und Korruption nach, sagt. Abg. Graes-Anklam (Dntl.) verteidigt seine Partei gegen bie Angriffe des Vorredners und tritt dann für bte Erhaltung eines einigen und starken Preußens ein. Der Demokrat Dominikus unb der Zentrumsredner Granowsky sprechen nur kurze Wort« zmn Schluffe der Lanbesver- fammlung. Abg. Dr. Leidig (D. Dp.) begrüßt das Ende dieses Parlaments und der jetzigen Koalition unb richte! habet scharfe Angriffe gegen die Regierung, auf die bet Minister des Innern Seoering antwortet. Auf den Un­abhängigen Dr. Cohn, der sich mit den „erzreaktionären Klaflengerichten" liebevoll beschäfligt, folgt eine mosko- witische Brandrede Adolf Hoffmanns (Komm.).

Nach einer zusammenfaffenden Abstimmung über ein­zelne Kapitel und Titel ber Einzeletais wirb ber g e f a m t e Etat gegen die Stimmen der Kommunisten und der Deutschnationalen angenommen.

Es folgt dann bie Abstimmung über Resolutionen. De! der Abstimmung über eine Resolution der Deu scher Dolkspattei, baß in den Schulen burch Ausfall des Unter­richts und entsprechend« Ausgestaltung der Feier bet 18. Januar als nationaler Feiertag würdig gefeiert werde, wiederholt sich die Komödie der letzten Stunden: die Sozialdemokraten sind zwar im Saal, beteiligen sich aber nicht an der Abstimmung, und das Ergebnis ihrer Obstruktion ist die Beschlußunfähigkett des Hauses. Es Haden 131 Mitglieder abpeftimmt. — Die nächste Sitzung wird sofort anberaumt. Bei her Abstimmung über zwei Anträge, die eine Popularisierung des Friedensvertrags durch die Verteilung eines Volkskatechismus über bi< Frlebensdedingungen in den Schulen verlangt, ergibt fick abermals Beschlußunfähigkeit.

In ber nächsten Sitzung erklärt Minister S leger wall abermals fein Bebauern barüber, daß das Hebam­mengesetz nicht mehr fertig geworben ist; es würbe dem neugewählten Landtag sofort wieder vorgelegt wer­den. Im weiteren Verlaufe der Beratungen werben das Dolks'chullehrer- und bas Mitt"lschullehrer-D t e n ft. einkommengefetz nach ben Beschaffen des Aus­schusses von sämtlichen Parteien angenommen. Der Gesetzentwurf über die Gewährung em es Uebergangs- geldes an Staatsminifter wird gleichfalls angenommen. In zweiter und dritter Lesung findet schließlich An' nähme dos Anleihegesetz zur Bereitstellung von Mit­teln für Kleinbahnen, das Notgesetz für die Stempelsteuer, ein Gesetz über Bereitstellung weiterer Staatsmittel für Wasser st raßenbau- ten, die Vorlage über bie Bereitstellung von weiteren 400 Millionen zur Abbürdung der Baukosten­verteuerung und eine Vorlage über Aenberung des Beamtendiensteinkommengesetzes und Gewährung von Notzuschlägen zu den Kinderbeihilfen der nicht Fest­angestellten u. a. Nach kurzer geschäftlicher Erledigung einer großen Reihe von Petitionen und Ausfchußanträ- gen kann die Tagesordnung endlich als erledigt gelten.

In eine mSchlußwort wirft Präsident Celned einen Rückblick auf die Tagung ber Landesversammlung urt> schließt bann die Sitzung.

Deutsches Reich.

** Berlin, 14. Ian. Die kommende Reichs­tagstagung wird wahrscheinlich nur sehr kurz sein. Man plant vom 19. Januar bis zum 14. Februar durchzutagen, dann eine längere Pause bis nach Er­ledigung der preußischen Landtagswahlen eintreten zu lasten. — Der frühere Reichssckatzminifter G o t h e i n ist, nachdem die interalliierte Kommistion feine Vor­träge zweimal verboten hatte, jetzt aus O b e r s ch l e- sien ausgewiesen worden. — Eine Konferenz der deutschen Ernährungsmini st er beginnt am Samstag in Dresden ihre Verhandlungen. Sie wird sich mit der gesamten Ernährunnslaoe, vor allem mit der Brotversorgung befassen. — Zwischen Deutsch­land und Rumänien sind die diplomattschen Be- ziekplngen wieder ausgenommen worden. Rumänien wird durch den Gesandten N a n o in Berlin vertreten. Sein Amts-Antritt steht, unmittelbar bevor. — Die japanische Vertretung in Berlin ist nunmehr nach fünfjähriger Unterbrechung wieder offiziell geworden. Der neue japanische Botschafter ist Er-ellenz Eki H i ck i. Er soll seinen Dienst mit Anfang nächster Woche antreten.

1* Tie Kaiserin. Der Zustand der ehemaligen deutschen Kaiserin hat sich wesentlich veischlechtert. Der Leibarrl Dr. Hahner befürchtet ein naher Ab-