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Fuld aevZ eitung

Amtlicher Anzeiger für den kreis und die Lladl Fulda.

Nr. s.

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Mittwoch, Z2. Januar |92L

Bejudspreis; Ulonaiitd) J,uu zltu oqne Zu,teUgevuht. Zn yu.Oa det unvabgehoit 3,1s llll. Llnzeigeaptets; Die K t« tnzeiie Cotonetmaö) 6j p,g., u. 1O°io Zuschlag, die Reklamezeile (teiin.eue' 1.80 Ulk., u. 10% Zuuiuag. Bei Wiederhol.Rabatt.

48. Zahrg.

Die Fulvaer Jubiläums, ersammlung der Zent»umspartei.

Das Fuldaer Zentrum rüstet sich zur Feier des LOjähr gen Bestehens der Partei. Es oeranstattet heute ebetti) ün Stoütfaate eure festliche Kundgebung. Die zenuumstrruen Faldaer und Fuldaerinnen werden sich zusammenscharen, um sich zu stärken an den großen Gedanken, die seit der Gründung der Partei in ihr lebend, g sind. 2/itt stolzer Freude werden sie wie ihre Väter sich bekennen zu den Grundsätzen der Wahrheit, der Frecheit und des Rechts, werden sie bekunden, daß sie gewillt sind am Weiterbau der Partei mitzuarbeiten, ihre Organisation, ausgestalten und stützen zu helfen, sich zu betätigen im Geiste der Partei.

Die Fuldaer Iubiläumsoerjammlung wird es be­kunden, daß die Zentrumspartei, ein halbes Jahrhun­dert alt, noch immer das Vertrauen derer genießt, die sich zum christlichen Denken und Handeln in Staat und Gesellschaft bekennen, we l der Geist, der bei ihrer Gründung lebendig war, noch heute wirkt. Die Zen- trumspartoi im goldnen Kranze ist würdig ihrer großen Vergangenheit.

Die ruhmreiche Geschichte des Zentrums ist reich an schweren Kämpfen, an ernsten Erprobungen, aber vor allem reich an aufbauender Arbeit, tätigster und er­folgreichster Arbeit für di« Volksgemeinschaft. Die Partei hat sich dieser Arbeit nicht entzogen, als sie nicht nur die Kelle, sondern auch das Schwert zur Verteidi­gung halten utib sichren mußte, sie hat sich ihr nicht ent­zogen, als dte Wogen der Revolution wlld empor» schäumten: in dornenvoller Arbeit, deren Früchte nur langsam reifen, hat sie in vorderster Linie mitge­holfen, wieder erträglichere Berhällnisse zu schaffen. Es gibt keinen Markstein in der inneren Entwicklung des Reiches, keine große gesetzgeberische Tat, bei der das Zentrum nicht durch eifrigste, sachkundigste Mitarbeit hervorragend Beteiligt gewesen wäre. Es half in den Schutzzöllen dem Re'che fein wirtschaftliches und finan­zielles Rückgrat geben, die Grundlage, auf der Land­wirtschaft und Industrie nach Zeiten schweren Darnie- derliegens zu Kraft und Blüte gelangen konnten. Es drängte zugleich aber auf jene glänzende Reihe sozialer Einrichtungen und Gesetze hin, die den Nachteilen einer einseitig kap.teitsltschen Entwicklung im Interesse der Schwächeren nach Möglichkeit zu begegnen suchten. Und dabei war es immer wieder der eindringliche Mahner, daß über der materiellen Wohlfahrt nicht vergeßen wür­den die idealen Güter. Es hat immer darauf hinge­wiesen, daß nur auf dem Boden christlicher Grundsätze, christlicher Gerechtigkeit und Volksgemeinschaft Staat und Gesellschaft gedeihen könne. Getreu fernem ersten Wahlprogramme schützte es die Rechte aller ©fieber des Reiches und nahm sich der Selbstverwaltung mit Nach­druck an gegen übertriebene DereinheiNichungsbestrebun- gen und gegen Bürolratismus, gab aber auch dem Reiche, was ihm zukam, um ein einiges und starkes Deutschland zu schaffen; so ist das einheitliche bürger­liche Recht, das an die Stelle einer verwirrenden Viel- beit von Recht-büchern trat, zum guten Teil ein Werk hervorragender Rechtskenner des Zentrums.

Die Zukunft wird es bestätigen, daß die Zentrums­partei in dem vergangenen halben Jahrhundert den richtigen Weg gegangen ist, sie wird diesen Weg beibe- halten muffen, sie wird in unserer bewegten und un- heildrohenden Zeit mit derselben Energie wie bisher den steilen Weg empoiste-gen müßen, der zum Heile führt. Sie darf sich nicht beschränken auf grundsätzliche Ab­lehnung und Bekämpfung der Kräfte, die das Elend unsres Landes noch vermehren und die Gesundung verhindern. Da- wäre freilich das bequemste und für die Part.-, a.5 solche das vorte'lhasteste. Aber was wurde habet aus unserem Vaterlande? Nein, in grundsätzlicher Kampfstellung geaen die Brinaer des Un­glücks muß das Zentrum aufbauende Arbeit leisten, Menst am Volke tun! Die Arbeit und das Kämpfen wird fitit lohnen!

Einst bei der Gründung der Zentrumspartei galt cs, die Freiheit der Kirche zu retten, heute gilt es einen anderen Kulturkampf, es geht um das Ganze des Christentums, es gebt um den christlichen Staats­gedanken, um die christliche» Gesellschaftsauffassung. Me deutschen Katholiken, die Bekenner christlichen Denkens, Haden ernste Ursache, sich für die kommenden Kämpfe gerüstet zu ho'ten in geschloßener Eintracht und Einig­keit. Diese Elnigkeü zu wahren, wo es an ihr mangelt, sie zu begründen über allen Intereßenstreü hinaus, das fei das Gelöbnis des heutigen Festtages!

UnsereseilhertgenReichstagsabgeordneten.

Wenn wir in diesen lagen das goldene Jubiläum der Zentrumspartei begehen und dabei der Kämpfe und Siege der letzten 50 Jahre gedenken, dürfen wir auch jener Männer nicht vergeßen, die in dem ver­flossenen halben Jahrhundert durch das Vertrauen der Zentrumswähler in die Parlamente entsandt wor­den sind. Me jüngere Generation weiß viel zu wenig von den wackeren Kämpen, die für uns gearbeitet und gestritten haben in den schweren Kämpfen der sieb­ziger und achtziger Jahre. Es seien darum einmal die d Namen der Zentrumsabgeordneten zufammen- gestellt, die seit Gründung der Zentrumspartei von den Wahlkreisen des Fuldaer Landes in den Reichstag und in den preußischen Landtag entsandt worden sind, zunächst heute die Namen der Reichstagsabge­ordneten.

Fulda-Gersfeld-Schlüchtern ist der einzige Wahlkreis in Kurhessen, der Zentrumsabge­ordnete in den Reichstag entsandt Hai, und zwar ununterbrochen von der Gründung des Reiches und von der Gründung der Zentrumspartei an im Jahre 1870. Ja um vollständig zu fein dem Vor­läufer des Deutschen Reichstages, dem Reichstag des Norddeutschen Bundes, der von 18671870 existierte, gehörte bereits als Vertreter unseres Wahlkreises ein Mann an, den wir, wenn es damals auch noch keine Zentrumspartei gab, doch als einen der unsrigen buchen können: Oberbürgermeister Rang. Er schloß sich im Parlament derFreien Vereinigung" an.

_ In den ersten Deutschen Reichstag im Jahre 1870 wählte dann unser Wahlkreis den Gutsbesitzer Herr» l e i n-Margretenhaun. Dieser war schon vorher Land­tagsabgeordneter, war alsbald der Zentrumsfraktion des Landtages beigetreten, unterschrieb auch den ersten Zentrumsaufrus für die Reichstagswahlen und war nun infolge der Wahl in den Reichstag Inhaber eines Doppelmandates. So sehr die Doppelmandate manch­mal hinderlich waren für die parlamentarische Arbeit, so mußte doch gerade die Zentnnnspartei vielfach die­selben Leute in den Landtag und Reichstag senden, da den Reichstagsabgeordneten keine Diäten gezahlt wurden, wohl aber den Mitgliedern des preußischen Abgeordnetenhauses. Herrl«n war es also, der wäh­rend der Hauptkulturkampfszeit in den siebziger Jah­ren Fulda im Reichstag vertrat.

Sein Nachfolger wurde durch mehrere Wahlperio­den der edle Graf Klemens zu Droste-Bische» r i n g - Erbdroste, der neben seiner politischen Tätig­keit noch Zest fand, sich hervorragend an der Organi­sation der großen Kacholikenversammlungen Deutsch­lands zu betätigen, zuerst als treuer Helfer des grei« fen Fürsten Karl zu Löwenstein und später als dessen Nachfolger. Erst im September 1920 gab er dann bas Präsidium des Katholikenkomitees in die jüngeren Hande des Fürsten Aloys Löwenstein. Noch heute nimmt Graf Droste Vischering trotz seines hohen Alters lebhaften Anteil an der katholischen, Bewegung. Er hat das Fuldaer Reichstagsmandat verwaltet bis zum Jahre 1893.

An feine Stelle trat bann Richard Müller, bet als Müller-Fulda bald durch feine hervorragende Tüchtigkeit und feine Kenntnisse in allen Finanz- und Wirtschaftsfragen mit zu den bekanntesten und geschätz-

scher Wert.

Roman von H. Abt.

6) --

Die beiden waren in lautes Lachen ausgebrochen, wie über einen famosen Witz.

Schnapsdorchen wie Frau Dorette Pauly unter den Gutsbesitzern allgemein genannt wurde war des alten, unlängst verstorbenen Spiritusbändlers und Bren­nereibesitzers junge Witwe. Franz Lützenkirchen kannte sie ebensogut wie jeder der umwohnenden Landwirte, die bei der Firma Pauly ihren Spiritus oder ihre Kar» kofteln und ihr Korn zur Schnapsbrennerei abfetzen, und es ging unter ihnen die Rede, daß ein geriebenerer Geschäftsmann noch als der alte, pfennigsuchende Pauly sein junges Ehegespons sei.

In Langenau, der kleinen Kreisstadt, die wegen ihrer günstigen Lage zur landwirtschaftlichen Geschäftszentrale für' die umwohnenden Gutsbesitzer geworden war, saß nunmehr Frau Dorette Pauly in dem kleinen dunklen Kontorstiibchen, in dem August Pauly ein Menschen­alter lang gefeilscht hatte. Schnapsdorchen ... im Grunde genommen war ja weiter mchts direkt Lächer­liches an ihr, als ihr Spitzname, aber der genügte eben auch vollauf. und die Vorstellung, daß er an der Spiri­tus und Stärke buchenden Dame eine Eroberung ge­wacht haben könne, reizte Lützenkirchens Heiterkeit.

Ernsthaft aber klang der einmal atgerd)ra'ene Ge­baute in ihm nach, sich der Sorge, der Gefahr, die müh­sam gefeftiUe Eistenz wieder ins Wanken kommen zu sehen, durch eme Heirat zu ent'ed-gen. War-m so'lle das nicht zu ermöglichen fein, wenn es eine war, bei der auch das Herz sprach?

Und sein Herz hatte für Gertrud Mmgers gespro­chen vom ersten Augenblick an, da er sie kennen ge­lernt. Es loderte keine plötzliche Leidenschaftsflamme in ihm empor, aber es war warm in ihm geworden, als er in die veilchenblauen Augen geichaut, die noch des Kindes klare Unschuld von sich strahlten. Und wie er *4 unter dem Maienrauber ien»« srai-li»c-r~. vet»

spürt hatte, daß auch die Veilchenaugen mit besonderer Innigkeit zu ihm emporblickten, war der Wunsch in ihm rege geworden, daß Gertrud Mengers es fein möge, die er als Weib sich heimführte. Daß sie selbst mit ihrer Person das bringen würde, was er für fein häusliches ®(ü(f beanspruchte, schien ihm gewiß; weniger sicher fühlte er sich, ob er auch das bei ihr finde, was er nach der gewinnbringenden Seite hin zu erwarten ge­nötigt war. Erkundigungen bei Dritten einzuziehen, widerstrebte ihm; so wählte er den geraden Weg, sich mit voller Ehrllchkeit an die Mutter zu wenden.

Frau Mengers war ihm bisher nicht sonderlich an­genehm gewesen, die als Mutter einer erwachsenen Tochter allzu jungendlich wirkende Frau schien seinem Vorbild von echter stoulicher Würde und Gemütstiefe wenig zu entsprechen. Sein Besuch hatte dieses Urteil völlig umgestoßen. Frau Klares finge Liebenswürdig­keit hatte auch an ihm ihre nieversagende Wirkung er­probt. Und was er aus ihren Worten, aus dem Ein- blick in ihre Lebensführung entnommen, schien bedeu­tend mehr zu sein als das, womit er zu rechnen ge­nötigt war.

Und Gertrud . . . Ihr holdes Bild war all die Tage nicht aus feinem Herzen gewichen, und wenn er ihres Errötens, ihrer glücklich lächelnden Befangenheit ge­dachte, schien es ihm Torheit. B-fürch'ungen zu hegen, ob bas reizende und vielleicht reiche Mädchen nicht viel­leicht andres Beßeres von dem Manne ihrer Wahl ver­lange, als er zu bieten hatte.

Er blickte auf tue ®if,frmmftr<iuf)e, die er für die Erwarteten im Garten gepflückt. Billig gleich in Grö^e und Anordnung, die beiden Maiblumenbuketts, nur zwi- chen den weißen Glö<t eher siegeln des einen schimmerte zart rot das erste Ro'enknösplein hervor. Ob sie es verstand, was dieser Frühbote kommender Sommer- wvnne ihr sagen, sie fragen sollte?

Hufschlag. Wagenrollen ward laut. Aus oem Haust kam Tante Ie.cchen gestürzt, mit beiden Händen das Glwarze Seidenklkeid y.'irt ft1 »ichend, das sic bei ihrem flinken Umherhuschen treppauf, treppab sorgsam hoch- gejteckl haue.

testen Parlamentariern gehörte und ununterbrochen im Reichstag arbeitete bis zur Revolution. 3m Jahre 1898 hatte er die Kandidatur für Fulda nicht wieder angenommen, aber dem Zentrum den Wahlkreis Hom- burg-Höchst-Usingen (Wiesbaden-Land) erobert, den er eine Legislaturperiode hindurch vertrat, um dann 1903 wieder in Fulda zu kandidieren.

Während der genannten Legislaturperiode 1898- 1903 war der Wahlkreis Fulda vertreten durch den Abgeorneten Karl Herold, Gutsbesitzer, der be­reits feit 1889 dem preußischen Landtag angehörte, dort seine glänzenden Fähigkeiten bewiesen hatte und noch heute zu den bebeu.mbften Parlamentariern nicht nur der Zentrumspartei, sondern des gesamten Reichs­tags und des Landtags gehört. Seit 1903 wurde er regelmäßig in seiner westfälischen Heimat vom Wahl­kreis Tecklenburg-Ahaus-Steinfurt in den Reichstag entsandt, desgleichen gehörte er ununterbrochen dem Landtage an, ward nach dem Umsturz von 1918 wie­der gewählt in die Nationalversammlung und in die Landesversammlung, desgleichen 1920 in den Reichs­tag und steht für die demnächstigen Landtagswahlen wieder als Spitzenkandidat im Wahlkreisvorschlag des Zentrums für Westfalen-Land.

In den Jahren 1903, 1907 und 1912 wurde dann wieder RichardMÜller regelmäßig in den Reichs­tag entsandt und zwar mit stets wachsender Stimmen­zahl: 11199, 14 256, 14 728 Stimmen.

Als dann die Revolution den alten Reichstag und das alte Wahlrecht himvegaesegt und an die Stelle der kleinen Wahlkreise die Riesenwahlkreise, an die Stelle des einfachen Wahlrechtes das Verhältniswahl- recht gesetzt hatte, stellte die Zentrumspartei von Hes- sen-Naßau Richard Müller an die Spitze ihres Wahl­vorschlags für die Nationalwahlen, und so zog unser bewährter Abgeordneter auch in die Nationalversamm­lung ein, zusammen mit den beiden anderen von der Kandidatenliste des Zentrums gewählten Abgeord­neten: Sekretär Becker (aus Großenlüder) und Mit­telschullehrer Schwarz-Frankfurt. Nachdem Richard Müller im Frühjahr 1920 sein Mandat wegen seines hohen Alters und feines leidenden Zustandes nieder­gelegt hatte, trat als nächster Anwärter unserer Kan­didatenliste Dolksoereinssekretär Frank- Fulda für den Rest der Wahlperiode in die Nationalversamm­lung ein. Endlich bei den letzten Neuwahlen Juni 1920 entsandte unser Wahlkreis außer den von Naßau vorgeschlagenen Zentrumskandidaten Schwarz (Spitzen­kandidat) und Höner den an der 2. Stelle des Wahl­vorschlages stehenden Landwirt Herbert-Zirken- bach in dm Reichstag. K. Scheller.

Die Zustände in Oberschlesien.

Line deutsch« Roke.

In einer der Botschafterkonferenz in Paris über­mittelten Note, die gleichzeitig den Regierungen in Lon­don, Parts und Rom übergeben worden ist, legt die deutsche Regierung in Ergänzung der in ihrer Note vom 4. d. M. gemachten Mitteilungen eingehend die von Tag ju_ Tag unerträglicher werdenden Zu- stände in Oberschlesien dar, wie sie sich feit dem blutigen poln. Augustaufstand fortentwickelten, deren weitere Ausdehnung seinerzeit nur durch die Ruhe und Besonnenheit der deutschen oberschlesischen Bevölkerung eingedämmt wurde. Unerhörte Gewalt und Greueltaten folgen sich in unerträglicher Reihen- folge. Kein Tag vergeht ohne schwere Raubüberfälle. Wohl organisierte Räuberbanden treten vor allem in den an Polen grenzenden östlichen und südlichen Bezir­ken auf und halten die friedliche Bevölkerung dieser Distrikte in ständiger Unruhe und Sorge. Die Polen üben in allen nur denkbaren Formen politischen Terror. Deutsche Versammlungen werden mit H a nü­tz ran at en und Gummiknüppeln auseinander­gejagt. Politische Mordanschläge und brutale Morde haben eine Verbreitung gefunden, wie sie wohl -inzig m der Geschichte zivilisierter Völker dasteht. Nach einer Statistik haben die gemeinen Verbrechen im Be- reich der Polizeidirektkion Kattowitz seit Eintreffen der

Franz Lützenkirchen aber, die Willkommsträuße in der Hand, eilte die steinerne Rampe hinab, dem vor­fahrenden Wagen entgegen.

Und als sie dann droben saßen unter dem Klematis­gerank der Vorhalle, plaudernd und scherzend in son­nenheller Fröhlichkeit, da fragte er sich, ob das wirklich fein altes Lützenburg sei, auf dem er so manches Jahr im Schatten gesessen, ober ob mit den blauen Augen dort ein neuer blauer Himmel dahergekommen fei, der sich nun über alles spannt und feine Sonne darüber goß. Dm Strauß, den er ihr gereicht hatte, trug Gertrud am Gürtel ihres weißen Kleides, und es schien, als habe dasRofenfnö'pfein zu ihr gesprochen, und sie hatte den Blick gesenkt, um nicht vorschnell zu verraten, wie ihr Herz daraus die Antwort gab.

Frau Mengers setzte mit ihrer ganz besonders be­zaubernden Art Tante Iettchens Herz in helle glom­men. Das alte Fräulein hatte feinem einsamen Le­ben damit einen Inhalt gegeben, im zahlreichen Kreise ihrer Nickten und Neffen eine Art freundliches Heinze!,. Männchen zu fein, das cmgehuschi kam, wenn irgendeine stille Hilfe erwünscht, und das wieder verschwand, wenn geschafft worden war, was gerade von-oten gewesen- Heute nun schien es ihr vonnöten, als nach bem' Kaffee Franz Lützenkirchen um die Erlaubnis bat so viel von feinem Besitztum zeigen zu bürfen, was allenfalls des Zeigens wert war, diese entzückende M tter für sich in Anspruch zu nehmen und den Neffen mit seiner jungen Gefährtin möglichst allein zu lassen.

Es hätte ihrer zarten Fürsorge kaum bedurft. Kein Wart wurde zw'schm Lütz-nkirchen und Gertrud wäh­rend des gemnnamei Rund anzes gewech'elt, was nicht die Gegenwart Dritter oertragen hatte. Nur daß er öfter verstohlen forschend in ihr Gesicht schaute, welchen Eindruck sie wohl empfange, ob sie nicht größere, rei­chere Verhält isse erwartet habe, ob bas Landleben mit einer Einförmigkeit ihr überhaupt zusagen möge. Ein­mal, wie sie bie Molkerei burchschritten und Tante Iett- chen die Vorzüge der von Lützenkirchen eingeführten Milch'ühlu"tz und Butterbereitung begeistert hern-mhob, wandte er sich an Gertrud.

interalliierten Kommission außerordentlich zugenommen/ Die Anzahl der Morde ist um rund 234 Prozent, die der Raubübersälle um 80 Prozent gestiegen. Die Zustände sind dort so, daß, wenn überhaupt eine ordnungsmäßige Abstimmung stattfinden soll, mit größter Beschleunigung und äußerster Energie rücksichtslos Abhilfe geschaffen werden muß. Die trostlose Lage in Oberschlesien hat ihre Ursache in der Unzulänglichkeit b er M a ß- nahmen der interallierten Kommission, die es trog der ihr zur Verfügung stehenden Trup­pen unterläßt, irgendwie energisch gegen die Verbrecher und Banditen vorzugehen und von den ihr zur Versu.' gung stehenden Machtmitteln zur Aufrechterhattung der Ruhe und Ordnung unparteiischen Gebrauch zu machen. Die interalliierte Kommission hat auch die a u s g e- zeichnete deutsche Polizei aufgelöst und an ihre Stelle mit unsicheren Elementen stark durchsetzte Polizeikräste geletzt, die in keiner Weise für ihre Aufgaben taugen. Besonders in den Grenzbezirlen ist es wegen der Unzulänglichkeit der Polizeikräste un- möglich, des gemeinen wie des nationalistischen Verbre. cheriums Herr zu werden, das so Gelegenheit hat, jeder­zeit leicht über die Grenze zu entkommen. Die Zu­stände an der oberschlesischen Süd- und Ostgrenze spot­ten jeder Beschreibung. Die deutsche Resie- rung muß verlangen, daß ohne jeden Verzug bie A d. f perrun g ber Süb- und Ostgrenze derart durchze- sührt wirb, daß der Uebergang über bie Grenze einzig und allein auf bie von der interalliierten Kommission bestimmten Straßen beschränkt bleibt. Zur Beseitigung der Unsicherheit müßte ferner auf die gemeinen Ver­gehen abschreckendere Strafen festgesetzt werden. Es dürfe auch von der Anwendung des Stand»! rechts gegen Plünderer und Mörder nicht zurückge. schreckt werden. Die deutsche Regierung erwartet von den alliiert. Regierungen, die die Verantwortung für die öffentliche Ruhe und Ordnung in Oberschlesien und für die gerechte Durchführung der Abstimmung übernom­men haben, daß sie kein Mittel unversucht lassen, um in den betroffenen Grenzbezirken Ruhe und Ordnung zu, schassen und der Bevölkerung bas Gefühl der Sicherheit zu geben, ohne das eine freie, geheime und unbeein­flußte Abstimmung unmöglich ist.

Me der deutschen Note beigefügten Anlagen geben ein trostloses Bild von den gegenwärtigen Sicherheits- verhästnisfen in Oberschlesien und' enthalten eine Aus­wahl besonders markanter Gewalttaten der letzten 4 Monate. Gegen das B a n d e n u n w e s en hat sich nach den angeführten Beispielen die Abstimmungspoli­zei als völlig machtlos erwiesen. Me Liste der politi­schen Mordanschiage und Morde bildet em besonders trauriges Beweisstück für die Zustände in Oberschlesien. Die Anlagen schildern firner die Schwierigkeiten, d'e sich dem Zus-immenarbciten der staatlichen, jetzt ober- schlesischen Milizpclizet und der Polizei Oberschlesiens, der Abstimmung-Polizei, bestehen, die durch ihre schlechte Bewaffnung zur Ohnmacht gegen die V'rbrecberbanden verurteilt sind. In dem Schlußstück der Anlage wer- den 22 Fälle oufgesührt, in denen es Schwerverbre­chern gelungen ist, nach vollbrachter Tat die Grenze zu überschreiten und ungefährdet polnische Gebiete zu er» reichen. ___

Vorbereitungen für Brüssel.

Man nimmt an, daß die Brüffeler Konferenz der Finanzsachverständigen erst Anfang Februar wieder ausgenommen werden w'rd. Nichtsdestoweniger haben im Berliner Auswärtigen Amt die Vorbesprechungen für Brüsiel bereits begonnen. Die größten Schwierig»! ketten ergeben sich in Brüsiel besonders daraus, daß d'e deutschen und die französischen Schätzurmen über die Leistungen und die Leistungsfähigkeit der gegen­wärtigen deutschen Produktion weit aueeinandergehen. Es gehört m't zu den wichtiosten Aufgaben der gegen­wärtig in Berlin stattfinkenden Besvreckunaen, gerade über diesen Punkt sichere, unzweifelhafte Angaben zu gewinnen. Eine besondere Bedeutung werden im wei­teren Verlauf der Konferenz d'e Fragen der industriel­len Organisation der deutschen Lieferungen erlangen. Die Reichsregierung bat daher den alliierten Regierun­gen vorgsichla^en, daß neben Staatssekretär Bergmann, Reichst ankpräsident Hcwenste'n, die von der deutschen Industrie benannten Herren Generaldirektor Voegler

Ihnen erscheint bas jedenfalls alles sehr wenig in­teressant und anziehend."

O, es ist mir alles so fremd," gab sie mit ihrem an­mutigen Lächeln zurück.Aber ich kann mir wohl den­ken, daß man sich dafür interessiert und seine Freude daran hat."

Wirklich, können Sie das?" fragte er rasch, ©ein Gesicht sah ganz glücklich aus.

Als letztes wurde das Wohnhaus in Augenschein ge­nommen. Es war ein großes, herrschaftliches Gebäude aber die Ausstattung der Räume hielt nicht Schritt mit den großen architektomschen Verhältnisien, und während sie von Zimmer zu Zimmer gingen, kam es Lützenkir-' chen zum erstenmal voll zum. Bewußtsein, wie ver­braucht, wie armselig beinahe das alles ausfah, und ihm, dem Stolzen, der so steif den Nacken trug, kam ein Schämen vor ihr. die da im weißen Kleide an sei­ner Seite schritt, sein Haupt neigte sich, und wie um Nachsicht bittend faqte er leise:Das ist hier alles so altväterlich, so einfach."

O, aber so lieb,' gab sie zurück.So sehr lieb."

Sie schritten w-iter und kehrten endlich auf die Veranda zurück. Nach einer Weile sagte Frau Men­tzers:

Es wird wobl Zeit, an den Heimweg zu denken."^

O . . .* Lützenkirchen erschrak.Wir hallen ja Mondichein. Da ist der Weg doppelt schön. Und die Nachtigallen . . .*

Frau Klara lächelte.Ja, so, bie Nachtigallen. Da müllen wir fre'l'ch noch ein wenig warten."

Als leich'e Dämmerung herabz'sinken begann, bot Lütze-kirchen Frau Mengers ben Arm, um sie in bas erhellte Eßzimmer zu führen, wohin Gertrud mit Tante Iettchen ihnen nachfolgte. Nur ein einfaches, kaltes Mahl stand da bereit, aber der Rheinwein, den Lützen­kirchen dazu in die Gläser füllte, duftete köstlich wie der Frühlingsabend, der vom Garten her durch die weit geöffneten Fenster drang.

Und mit dem Duftwehen kam noch ein anderes d». her, lockend und leise, klagende Sehnsucht, schluchzende Wonne . ,,